Blackface: Pulitzer-Preisträger ruft zum Boykott deutscher Theater auf

Kritik an der Kostümierung weißer Schauspieler als Schwarze sei albern und übertrieben, kommentierten viele Deutsche die Debatte um Blackface an Berliner Bühnen. Anderswo ist man deutlich weiter: Pulitzer-Preisträger Bruce Norris hatte die Aufführung seines Stücks Clybourne Park am Deutschen Theater in Berlin untersagt. Nun  ruft er  sogar zum Boykott der deutschen Blackface-Praxis auf.

Von Patrick Gensing

In deutschen Medien dürfte diese Nachricht auf viel Unverständnis stoßen, immerhin spielen hierzulande auch ein Jahr nach dem Bekanntwerden der NSU-Terrorserie und 20 Jahren nach Rostock-Lichtenhagen Themen wie Racial-profiling, Alltagsrassismus oder die Blackface-Praxis eine absolute Nebenrolle; lieber beschäftigt man sich mit rassistischen Thesen von Sozialdemokraten, die als mutige Tabubrüche inszeniert werden, oder einer angeblichen „Asylschwemme“ aus Serbien und Mazedonien.

Anderswo ist man weiter – und so durfte es keine Inszenierung des weltbekannten und mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Theaterstücks Clybourne Park in der deutschen Provinz geben. Denn am Deutschen Theater in Berlin sollte ausgerechnet in einem Stück, das die Vorurteile des weißen Mittelstands gegenüber Schwarzen thematisiert, offenbar eine Weiße eine Schwarze spielen – angeblich sollte mit Makeup experimentiert werden.

Szene aus Clybourne Park (Quelle: http://clybournepark.com)
Szene aus Clybourne Park (Quelle: http://clybournepark.com)

Blackface schien an deutschen Bühnen ein beliebtes Stilmittel zu sein, so protestierte die Initiative Bühnenwatch bereits im Februar 2012 gegen eine Inszenierung der Aufführung „Unschuld“. Publikative.org hatte bereits mehrfach über Blackface an deutschen Theatern berichtet, was eine kontroverse Diskussion nach sich zog, da viele Kommentatoren die Kritik als überzogen bewerten. Weil es nicht rassistisch gemeint sei, könne es nicht rassistisch sein, so eine gängige Rechtfertigung.

Insbesondere Dieter Hallervordern fühlte sich missverstanden. Ausgerechnet er, der sich so oft über Rechte und Rechtsradikale und ihre Ansichten lustig gemacht hatte, sollte eine rassistische Inszenierung an seinem Theater haben. Hier zeigt sich das Unverständnis, dass Rassismus eben nicht damit begrenzt wird, indem man sich von der NPD abgrenzt – im Gegenteil, damit wird das Problem exotisiert.

Plakat zu "Ich bin nicht Rappaport" des Berliner Schlosspark-Theaters (Pressefoto: DERDEHMEL)
Plakat zu „Ich bin nicht Rappaport“ des Berliner Schlosspark-Theaters (Pressefoto: DERDEHMEL)

Vielschichtiges Theaterstück

In dem Theaterstück Clybourne Park geschieht genau dies nicht, es ist eine scharfsichtige Analyse von latentem Alltagsrassismus – nicht bei Stiefelnazis, sondern in einem Vorort von Chigago, der Ende der 1950er Jahre von der weißen Mittelschicht bewohnt wird. Ein Ehepaar in Clybourne Park verkauft sein Haus, was bei Nachbarn auf wenig Begeisterung stößt, da die Käufer Schwarze sind. Das Viertel wird in den folgenden Jahrzehnten tatsächlich zu einem mehrheitlich von Schwarzen bewohnten Quartier – und soll im Jahr 2009 wieder gentrifiziert werden – durch den Zuzug weißer Familien.

In dem Stück werden Vorurteile, Stadtentwicklung und weitere Themen aufgegriffen, eine komplexe Angelegenheit also, die auch eine sensible Inszenierung voraussetzt, da es eben auch um rassistische Vorurteile geht.

Clybourne Park ist ein Theaterstück von Bruce Norris. Er schrieb es als Reaktion auf das Theaterstück A Raisin in the Sun von Lorraine Hansberry. Clybourne Park zeigt Ereignisse, die vor und nach dem Stück von Hansberry spielen und lose auf historischen Ereignissen beruhen. Die Premiere des Stücks fand im Februar 2010 im Playwrights Horizons in New York statt. Die deutsche Erstaufführung war am 8. April 2011 im Staatstheater Mainz. Das Stück wurde 2011 mit dem Pulitzer-Theater-Preis und 2012 mit dem Tony Award für das beste Theaterstück ausgezeichnet. (Wikipedia)

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http://pagead2.googlesyndication.com/pagead/show_ads.jsDiese Sensibilität vermisste Pulitzer-Preisträger Bruce Norris am Deutschen Theater. In Mainz hatte die Schauspielerin Lara-Sophie Milagro eine Doppelrolle in dem Stück übernommen – bei der Berliner Inszenierung sollte die Rolle durch eine Weiße besetzt werden. Norris legte Widerspruch ein. Der Guardian kommentiert, dies sei wenig überraschend und berichtet weiter, Norris selbst habe Kontakt zum Deutschen Theater hergestellt – doch eine Einigung gab es nicht. Und so veröffentlichte er nun einen offenen Brief in der Sache. Darin heißt es, Sonia Anders vom Deutschen Theater habe ihm geantwortet, man sehe keinen logischen Grund, einen Afrodeutschen als Schauspieler zu engagieren.

Zudem teilte das Theater Norris angeblich mit, es solle „Experimente mit Makeup“ geben, woraufhin der Autor die Aufführung seines Stücks untersagte. Sonja Anders wies dies allerdings zurück, dem Guardian sagte sie, dies habe nicht zur Debatte gestanden, Blackface sollte an dem Theater angeblich nicht mehr stattfinden.

Boykottaufruf

Norris überzeugte das alles wenig, er ruft andere Autoren nun dazu auf, Inszenierungen an deutschen Theatern, an denen Blackface praktiziert wird, zu boykottieren. In dieser Angelegenheit gelte es eine Null-Toleranz-Position einzunehmen. Norris schreibt:

As it turns out, blackface has been and continues to be a widespread practice on the German stage. German actors of African descent are routinely passed over for roles explicitly designated for them in some of the largest theatres in the country. This is weakly defended as either a director’s prerogative or a matter of “artistic choice” – and yet, when questioned, no one could offer me an equivalent example of a white German actor having lost a role to a black actor in whiteface.

Now, normally I don’t meddle in the cultural politics of other countries, but when my work and the work of my colleagues – other playwrights – is misrepresented, I do. When we write plays, among other things, we are creating employment for working actors, and often we intend to employ a specific diverse body. Whatever rationale the German theatre establishment might offer for their brazenly discriminatory practice is of no interest to me. For, as little power as we playwrights have, we always retain one small power and that is the power to say no. To say, no thank you, I’d rather not have my work performed in Germany, today, under those conditions.

Lara-Sophie Milagro and her colleague Gyavira Lasana have created an online petition (included below) condemning the ongoing practice of blackface in German theatres and have asked me to ask you, fellow playwrights, to add your name to their petition. I urge you to do so.

But I would go one step further – I would advise you to boycott productions of your own work by German theatres that continue this asinine tradition (The Deutsches Theatre and the Schlosspark are only two examples). A zero-tolerance position is the only position to take, in my opinion, and if we are united then perhaps a few German theatres may take notice and, hopefully, in time, a better course of action.

Die Petition kann hier unterzeichnet werden.

Bemerkenswert ist indes, wie deutsche, weiße Kulturtreibende die Blackface-Methode weiter verteidigen. Der Direktor des Schlosspark-Theaters in Berlin sagte laut Guardian, dass das Anmalen von weißen Schauspielern eine Tradition auf deutschen Bühnen habe. Haben wir schon immer so gemacht in Deutschland, muss also richtig sein…

17 Kommentare zu „Blackface: Pulitzer-Preisträger ruft zum Boykott deutscher Theater auf

  1. Ich kann die Kritik immer noch nicht ganz nachvollziehen.

    „Problem“ ist, dass wir nunmal in Deutschland nur sehr wenige Menschen mit schwarzer Hautfarbe haben – und noch weniger natürlich im Theater-Bereich arbeiten.

    Dennoch gibt es – gerade aus den USA – einen Haufen Stücke, in denen schwarze vorkommen.

    Wenn sich für diese Rolle als Schwarzer dann 12 weiße und ein Schwarzer bewerben – der Schwarze aber eben schauspielerisch deutlich schlechter ist – soll er dann aufgrund seiner Hautfarbe bevorteilt werden?!? („Ja, du bist zwar der schlechtere Schauspieler, aber deine Hautfarbe stimmt…“)

    Rassismus heißt für mich, jemanden wegen seiner Rasse anders zu behandeln. (das kann sowohl positives als auch negatives Behandeln sein…) Daher ja, die Motivation, aus der eine Handlung betrieben wird, ist für mich entscheidend, ob sie als Rassismus gewertet wird oder nicht.

    Würde ein Regisseur bei hinreichend schwarzen und weißen Bewerbern sagen: „Nö, ich will unbedingt, dass die Rolle des Schwarzen von einem Weißen gespielt wird“ wäre das Rassismus. Aber das unterstelle ich keinem der hier angesprochenen Regisseuren.

    Oder ist es auch rassistisch, wenn Weiße als Indianer verkleidet Winnetou spielen, weil wir einfach nicht genug Indianer in Deutschland haben?!?

    Oder wäre es weniger rassistisch, schwarze Rollen zu weißen Rollen umzuschreiben und somit die Schwarzen völlig aus der Perspektive des Stücks zu nehmen (geht natürlich nur, wenn die Hautfarbe nicht storyrelevant ist…)?!? Da würden auch einige wieder aufschreien und es als Rassismus bezeichnen, dass man das Stück „weiß färbt“.

    In den USA beispielsweise kann ich sehr gut nachvollziehen, dass Blackfacing dort absolut tabu ist – denn in den USA ist es kein Problem, hinreichend gute, auf die Rolle passende schwarze Schauspieler zu finden. Diese Verhältnisse einfach auch Deutschland zu übertragen – wie es der Artikel impliziert – finde ich zu einfach gedacht, denn wir haben hier nunmal andere Verhältnisse. Es ist halt schon ein Unterschied, ob 20% der Gesellschaft schwarz sind oder ob es 0,5% sind.

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    1. „Warum ist das rassistisch?“

      In a nutshell (wie man in den USA gerne sagt):
      Die Praxis ist deshalb diskriminierend – und auch deutlich als genau das zu erkennen – weil es NIE den umgekehrten Fall gab oder gibt, und zwar weder in den USA noch hier. Nie werden dunkelhäutige Schauspieler/innen umgeschminkt, weil „es nicht genug weiße“ Schauspieler gibt, sondern dieses „Argument“ gibt es immer nur im umgekehrten Fall.

      Allein in Berlin leben nach verschiedenen Schätzungen 70.000-90.000 Menschen mit dunkler Hautfarbe. Sagen wir, nur 0,01% von denen geht der Schauspielerei nach, dann gäbe es eine theoretische Auswahl von 70-90 schwarzen Schauspieler/innen. Und ganz ehrlich: Es werden deutlich mehr sein. Das „Argument“ erinnert fatal an ähnliche „Argumente“ im Hinblick auf Frauenquote etc.

      Rein „zufällig“ sind alle geeigneten Kandidaten für den Vorstandsposten männlich und weiß, das waren halt die „besten“ Bewerber, man wird ja wohl nicht „nur wegen des Geschlechts und/oder der Hautfarbe“ eine „Quotenfrau“ engagieren können, wo kämen wir hin? Mit Verlaub: Dieser Humbug bleibt auch auf der Theaterbühne das, was er ist: ein fadenscheinige Pseudo-Argument, um die eigene diskriminierende Praxis nicht hinterfragen zu müssen.

      Hinzu kommt die unzähligen Schilderungen schwarzer Schauspieler/innen in Deutschland oder von Menschen, die hier als Ausländer/innen wahrgenommen werden, dass es für sie – wenn überhaupt – nur Rollen als Kriminelle, Prostituierte, Putzfrau, Kellner oder Obsthändler gibt. Mithin: Die großen Rollen gehen eh an weiße Deutsche – und selbst Rollen, die explizit für Schwarze geschrieben werden, sollen dann noch an weiße Deutsche mit schwarzer Schminke gehen. So sieht die Realität in diesem Land leider aus.

      Mit herzlichen Grüßen
      Andrej Reisin

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  2. In einer perfekten Theaterwelt in der nur die Fähigkeiten zählen, wäre es sicherlich komplett unproblematisch zu blackfacen (und zu whitefacen, je nachdem).

    Das Problem ist ja einfach, dass in den Köpfen der Macher ja die Standardrolle einfach nunmal weiss ist, weswegen demzufolge ein Schwarzer ja auch nur explizit als schwarz angelegte Rollen spielen kann.
    Für diese Leute gibt es halt die ’normale‘ weisse Rolle, und die schwarzen Rollen, und nach dieser Argumentation lohnt es sich dann einfach nicht, einen Schwarzen ins Standardensemble aufzunehmen. Und dann folgt schnell „Und wenn wir dann mal einen Neger brauchen, dann können wir auch einen einfach einen dunkel Schminken“ Überspitzt gesagt.

    Ignoriert wird dabei vollkommen, dass die allermeisten Rollen, besonders in den doch sehr abstrahierten Inszenierungen von Stücken, komplett hautfarbneutral sind. Aber man kann ja dem Deutschen anscheinend nicht zutrauen, mit einem nicht weissen in einer nicht Klischeerolle klarzukommen, das würde Frau Müller und ihren Gatten ja nur verunsichern.

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  3. „“Problem” ist, dass wir nunmal in Deutschland nur sehr wenige Menschen mit schwarzer Hautfarbe haben – und noch weniger natürlich im Theater-Bereich arbeiten.“

    Das wiegt sich ja wunderbar damit auf dass in Theaterstücken so gut wie keine schwarzen Charaktere vorkommen.
    Tatsächlich ist das auch der Grund dafür dass es so schwer für Schwarze ist der Schauspielerei nachzugehen.

    Es gibt übrigens auch nicht nur wenig schwarze Rollen und Stellenangebote für Schwarze, sondern auch türkische, arabische und vietnamesische Charaktere kann mensch im deutschen Film und Fernsehen mit der Lupe suchen. In Deutschland leben allein schon 2,5 Millionen Menschen mit türkischer Abstammung.

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  4. Woher bekommt die Intendantin eines normalen Stadttheaters ausreichend asiatische Schauspieler für „Der gute Mensch von Sezuan“ und was macht sie, wenn sie in der gleichen Spielzeit „Porgy and Bess“ zeigen will, was ja nur von dunkelhäutigen Schauspielern gespielt werden darf? Oder gilt die Regel nur für Afrikaner? Darf ein Weißer einen Asiaten spielen? Im freien Theater Oberwallis traten 2006 Europäer mit geschminken „Schlitzaugen“ als Asiaten in Brechts „Guten Mensch von Sezuan“ auf. Wo war der gequälte Aufschrei da?

    Und was, wenn jemand eine übertriebene Blackface-Maske als Kommentar auf den nicht überkommenen Rassismus unserer Gesellschaft einsetzten will? Darf der Regisseur hier das Stilmittel des Zitats oder der Anspielung benutzen, oder wird hier die Kunstfreiheit zugunsten eines reflexartig geheuchelten Antirassismus aufgegeben? Warum darf ich als Nichtbehinderter auf der Bühne eine Maske tragen die eine Behinderung zeigt, aber nicht mich als dunkelhäutiger Mensch schminken?

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  5. Warum höre ich eigentlich keine Klagen über die rassistische Darstellung von Afro-Amerikanern durch Eddy Murphy und Will Smith, die dunkelhäutige Amerikaner mit übertrieben dümmlich singender Stimme als klassischen „happy go lucky darky“ in Tradition der Minstrels spielen? Mich stört mehr, mit welchen Charaktereigenschaften dunkelhäutige auf Film und Bühne dargestellt werden (dumm und fröhlich), als von wem und mit welcher Schminke.

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  6. Eine einfache Googlerecherche hätte ausgereicht, um zu erkennen, dass es den umgekehrten Fall natürlich doch gibt. Es gibt übrigens auch Männer die Frauen spielen und umgekehrt. Was mich wirklich aufregt ist, dass besonders korrekte Klugschwätzer so tun, als ob das ein Problem wäre. Das Problem ist, dass hier Leute wegen ihrer Hautfarbe erschossen werden, dass es national befreite Zonen gibt. Es ist kein Problem, dass Weiße Schwarze spielen. Diese Korrektheits-Gschaftler-Diskussion führt vollkommen am Thema vorbei und ist absolut kontraproduktiv wenn es darum geht echten Rassismus einzudämmen. Aber darum geht es ja gar nicht. Es geht darum, sich selbst als überkorrekten Menschen darzustellen, der moralisch weit über allen anderen schwebt.

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  7. @Andrej Resin:
    Erstmal: Ich respektiere deine Beiträge (auch zum Thema Gewalt im Fußball usw.) und kann dir in vielen Punkten zustimmen.

    Natürlich ist der umgekehrte Fall („Whitefacing?!?“) in Deutschland undenkbar – bei über 60% „Weißen“ und nur 0,5% „Schwarzen“ wäre der Fall eben undenkbar. Ebenso undenkbar wie „Blackfacing“ in einem afrikanischen Land mit 60% schwarzer und 0,5% weißer Bevölkerung wäre (außer eben, es herrschen offen rassistische Regime wie zu Zeiten der Apartheid in Südafrika…). Hinzu kommt noch, dass die Illusion – rein technisch betrachtet – beim Blackfacing relativ gut gelingen kann – daher: Man kann einen weißen Menschen mit mittelprächtiger Maske relativ unproblematisch schwarz machen, sodass es dem Publikum nur bei genauem hinschauen möglich ist, die Maske als solche zu erkennen. Umgekehrt ist das kaum bis gar nicht möglich – einen schwarzen Schauspieler kann man höchstens mit für die Theater sowohl personell als auch materiell nicht bezahlbaren Vollmasken zu Weißen machen. Diesen Aufwand könnte man für’s Fernsehen für die einzelnen Drehtage mit entsprechendem Budget bewältigen, aber nicht für das Theater.

    Deine Rechnung müsste man zudem auch schon arg auf den Prüfstand stellen.
    Die Zahl der Schwarzhäutigen ist in Ermangelung einer Festlegung, ab wann jemand als schwarz gilt, schon nur schwer einschätzbar.
    Selbst wenn wir von 70-90.000 tatsächlich überwiegend schwarzen ausgehen wäre eben noch die Frage, wie die Geschlicher- und Altersverteilung aussieht – denn von 70-90 Bewerbern haben wohl eher 10-20 überhaupt Zeit und Lust für den Auftrag (natürlich stehen nicht 100% aller vorhandenen Schauspieler für jeden Auftrag zur Verfügung) und von dem geringen Rest liegen dann vielleicht 1-2 in der gesuchten Gruppe von „Frau mit normaler Statue zwischen 30 und 35 Jahren“ (nur als Beispiel), auf die sich der Regisseur festgelegt hat. Also die Zahlen muss man schon realistischer deuten.

    Nun kann man vom Regisseur verlangen „besser irgendeine, mäßig geeignete schwarze Bewerberin“ zu wählen statt den im Überangebot vorhandenen weißen Bewerberinnen – aber das finde ich dann auch wieder rassistisch. Wenn auf eine Rolle im Theater 50 Bewerber vorsprechen, davon aber nur 3 schwarz sind, ist es im Sinne der Wahrscheinlichkeitsrechnung eben einfach um ein vielfaches wahrscheinlicher, dass eine der 47 weißen deutlich besser für die Rolle geeignet ist als eine der drei schwarzen. Kann man von dem Regisseur dann verlangen, eine der drei schwarzen zu nehmen, weil alles andere rassistisch sei?!?

    Ich sehe das ähnlich wie bei der Gleichstellung der Frau: Die Passage „bei gleicher Befähigung werden weibliche Bewerber bevorzugt“ ist in Ordnung – aber dann muss eben wirklich zumindest annähernd gleiche Befähigung vorliegen. Und das wird aufgrund der quantitativen Dimension eben eher selten der Fall sein. Es ist eher ein Glücksgriff für den Regisseur, wenn er tatsächlich die passenden schwarzen Schauspieler findet – oder eben eine Kostenfalle, weil die Schauspieler aus Hamburg, dem Ruhrgebiet und co nach Berlin gebracht werden müssen.

    Wie gesagt: Blackfacing in den USA – hier würde ich zustimmen: das ist rassistisch. In Deutschland hingegen denke ich weiterhin, dass man nicht überinterpretieren sollte.

    In deiner Kritik, dass schwarze Schauspieler (ebenso wie türkische) oft nur die Ganoven- oder Deppen-Rollen zugeschustert bekommen, gebe ich dir wiederum völlig Recht – das ist ein zentrales Problem, dass dazu führt, dass Film und Theater zu einem nicht unbeträchtlichen Multiplikator für Alltagsrassismus wird. (daher bin ich auch froh über Kabarettisten wie Serdar Somuncu oder Murat Topal, die einfach zeigen, dass es auch anders geht…)

    Aber hier gebe ich auch Daniel Recht – die „Slap Happy“-Stereotypen, die durch Schauspieler wie Eddy Murphy vertreten werden, sind oft nicht viel besser. Oder die Stereotypen des schwarzen Basketball-Asses, Drogendealers, Gangmitglieds. Problem ist hier aber auch der Teufelskreis aus Vorurteilen und selbsterfüllenden Prophezeihungen. Wenn die Gesellschaft z.B. permanent vermittelt, als schwarzer/türkischer Jugendlicher hast du HipHop zu mögen und ’n harter Typ zu sein, wundert es nicht, dass es eine absolute Seltenheit ist, Schwarze oder Türken in anderen Subkulturen anzutreffen (z.B. im Metal oder Gothic). Das liegt nicht daran, dass sich diese Szenen den Jugendlichen verschließen würden – sondern schlicht, dass ihnen u.a. eben auch durch die schwarze/türkische Subkultur im Alltag ebenso wie in den Medien vermitteln wird, wie sie sich zu entwickeln haben.

    Die tatsächlichen Probleme sind aus meiner Sicht tief in der Gesellschaft verwurzelt – vor allem wie gesagt über den Kreislauf von Vorurteilen und Erfüllungshandlungen. So wird aus Vorurteil und Klischee leider nach und nach Wahrheit. (Vorurteil – Rollenmodell – Annahme des Rollenmodells duch die nächste Generation – Vorurteil verstärkt sich – neue Rollenmodelle bilden sich…)

    Aber das alles zu schreiben ist auch schon wieder gefährlich – wie alles, was diesen ganzen Themenbereich betrifft. Denn wer nun unbedingt Rassismus in meinen Worten sehen will wird sagen: „Hey, ich finde es nicht gut, dass du den Schwarzen und Türken ihre Identitätsfindung im HipHop negativ auslegst!“. Dass das nicht mein Ziel ist, sollte aber eigentlich klar sein.

    Kurzum:
    Ich verstehe durchaus, warum im Blackfacing ein Problem gesehen wird und kann es wie gesagt auch gut nachvollziehen – aber ich halte die Problemlage für weit, weit komplexer als das. Blackfacing ist nur ein winziges Symptom eines weit, weit größeren gesellschaftlichen Problems: der mangelnden Integration von bestimmten Menschengruppen, die ihre Ursache sowohl in den Vorurteilen der Mehrheitsgesellschaft als auch in dem den Vorurteilen entsprechenden Verhalten der Minderheiten hat. Es ist ein sich gegenseitig bedingender Kreis, der dringend durchbrochen werden muss.

    Blackfacing zu verteufeln und „positiven Rassismus“ zum Vorteil der Schwarzen zu fordern *kann* ein Schritt in die richtige Richtung sein – aber ich halte eben genau das für fragwürdig und würde anderen Problemen einen weit größeren Stellenwert beimessen.

    Was insgesamt die Zahl der schwarzen Schauspieler an deutschen Theatern betrifft würde mich mal interessieren (vor allem, wenn man das Tanztheater dazu zählt):
    Liegt der relative Anteil schwarzer Schauspieler, die am Theater fest angestellt sind, deutlich unter dem relativen Anteil schwarzer Menschen in Deutschland insgesamt? Daher: Wenn 0,5% der Bevölkerung schwarz sind: Ist auch einer von 200 Schauspielern schwarz? Wäre dem nicht so könnte man über etwaigen Rassismus bei der Anstellung schwarzer Schauspieler diskutieren – aber wenn mich mein Eindruck nicht völlig trügt, habe ich schon das Gefühl, dass hier kein Missverhältnis vorliegt, sondern eher überdurchschnittlich viele Schwarze im Bereich des Theaters arbeiten. (zumindest hier im Ruhrgebiet, wo ich regelmäßig ins Theater gehe…)
    Kann natürlich auch ein fehlerhafter Eindruck sein, weil schwarze Schauspieler vielleiecht eher auffallen, weil sie eben ein Stück weit die Exoten sind, aber wie gesagt: Die Statistiken würden mich interessieren.

    Zuletzt ein Wort zu persönlichen Schilderungen:
    Die sehe ich – nicht zuletzt, weil ich selbst oft die Rolle des Schlichters in solchen Konflikten hatte – problematisch. Natürlich hält sich jeder Bewerber für den am besten geeigneten Kandidaten – der Vorwurf, die Entscheidung sei nicht aufgrund zulässiger Kriterien getroffen worden, sondern aus Rassismus, Sexismus, Anti[religioneinfügen]ismus usw., ist schnell geäußert und hat viele Funktionen, nicht zuletzt den Erhalt des Selbstwertgefühls, indem man anderen die Schuld für den Misserfolg geben kann. Das ist nur menschlich – aber deshalb sollte man mit allen Beteiligten sprechen und sich ein Bild von allen Seiten des Konfliktes machen – denn sonst läuft man Gefahr, sich von einer Seite bereitwillig einspannen zu lassen.

    Natürlich stimmt es auch in zahlreichen Fällen – natürlich gibt’s an manchem Theater auch Rassisten in Chefpositionen, die tatsächlich aus rassistischen Motiven einen Bewerber ausblenden. Aber das trifft erfahrungsgemäß in maximal einem von fünf Fällen zu – im Rest werden solche Vermutungen aus Frust über den Misserfolg geäußert.

    Blackfacing wegen seines historischen Hintergrundes kritisch hinterfragen und darauf pochen, wenn möglich darauf zu verzichten: Sinnvoll.
    Hinter Blackfacing sofort Rassismus vermuten und die Regisseure verbal vor die Wand stellen: nicht sinnvoll.
    Das Thema braucht weit mehr, weit vielschichtigere Betrachtungen und weit weniger Extrempositionen…

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  8. Die Debatte ist alleine schon deshalb unsinnig, weil die Forderung, dass nur „Afrikaner“ auch „Afrikaner“ spielen dürfen im Kern rassistisch ist. Damit meine ich nicht die „weißen“ Schauspieler die fortan nicht mehr Othello spielen dürften, sondern der den Kerngedanken dieser Forderung.

    „Schwarz-sein“, belehrt der Flyer der Bühnenwatch-Initiative, „wird aus weißer Sicht benutzt, um etwas als fremd, anders, exotisch, wild oder bedürftig zu markieren“. Das stimmt bei vielen Fernsehproduktionen, besonders aus dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen, sogar. „Der Schwarze“ ist hier Tierpfleger oder Hotel-Boy und dient dem „Weißen“. Er ist exotisch, lustig und sorglos, braucht aber auch die Anleitung des „weißen Masters“. Bei diesen Produktionen voll kolonialistischer Klischees spielen übrigens „Schwarze“ die „Schwarzen“ und eben keine „Weißen“ im „Blackface“.

    Wenn ein hellhäutiger einen dunkelhäutigen Menschen spielt dann drückt das auch den Grundgedanken der Schauspielerei aus, dass alle Menschen gleich sind und die gleichen Empfindungen haben. Es gibt weder „weiße Seelen“ noch „schwarze Seelen“, alle Menschen sind gleich und deshalb kann jeder Mensch jeden Menschen spielen.

    Wer eine Rolle wirklich spielt, der muss sie ernst nehmen, ihre Probleme, Sorgen und Nöte erkennen und auf der Bühne leben. Der Beruf des/der Schauspieler/in lebt von der Annahme, dass jeder Mensch sich in jeden Menschen einfühlen kann. Wenn „weiße Menschen“ auf der Bühne „schwarze Menschen“ spielen, dann drücken Regisseur und Dramaturgie damit aus, dass es in dem Stück um urmenschliche Probleme geht die jeden betreffen, auch das Publikum. Die Schminke ist hier nur noch ein Mittel, um eine optische „Grenze“ zu schaffen.

    Wenn aber „Weiße“ keine „Schwarzen“ mehr darstellen dürfen dann liegt die Vermutung nahe, dass hinter dieser Forderung der Gedanke steht, dass eben nicht alle Menschen gleich sind und nicht jeder Mensch jeden anderen verstehen kann.

    Ob eine Darstellung diskriminierend ist liegt am Ende an der Weise, wie die Darstellung erfolgt. Nimmt der Schauspieler seine Rolle ernst, oder äfft er sie nach und macht sich über sie lustig, wie bei den Minstrel-Shows? Eine Inszenierung nur deshalb als rassistisch anzusehen, weil schwarze Schminke auf weiße Haut gestrichen wurde ist oberflächlich und missachtet das Wesen der Schauspielerei und des Theaters.

    Wo bleibt die Auseinandersetzung mit der schauspielerischen Leistung der beschimpften Darsteller/innen, mit der Inszenierung der geschmähten Regisseur/innen und dem Konzept der Dramaturginnen? Wrum wird der Kontext der Inszenierung nie gewürdigt, sondern nur die Isolierte Tatsache der „schwarzen Schminke auf weißer Haut“? Ist das eine ausreichend differenzierte Herangehensweise für eine so komplexe Sache wie eine Theaterinszenierung?

    Wer bei einem Stück aufsteht und geht und sich eben nicht mit der ganzen Inszenierung auseinandersetzt, der/die enthüllt, das es ihm/ihr eben nicht um Auseinandersetzung geht, sondern um eine reflexhafte Reaktion. Es ging hier nie um die Aussagen der Inszenierungen, um die Darstellung oder um das Konzept der Theatermacher, es ging nur um Schminke auf Haut.

    Gegen die Freiheit der Kunst werden irrige „Rassenregeln“ zur Besetzung von Rollen gesetzt, die einen rassistischen Kerngedanken propagieren, sich aber mit dem Schein des Antirassismus schmücken. Weder ist die Auseinandersetzung durch Bühnenwatch ausreichend differenziert, noch zeugt sie von Sachkenntnis und Ernsthaftigkeit.

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    1. Lieber Daniel,

      leider glaube ich tatsächlich, dass Sie ein numerisches „Problem“ propagieren, obwohl es ein solches in der Tat nicht gibt. Ich kann Ihnen nicht en detail antworten, aber ich verweise nur einmal auf:
      http://www.labelnoir.net/labelnoir.html
      einen Zusammenschluss (junger) schwarzer Schauspieler/innen. Es erscheint mir schwer vorstellbar, dass es nicht möglich gewesen wäre, auch ältere Schauspieler zu finden.

      Kennen Sie eigentlich den damailgen ZDF-Neo-Beitrag zu der Hallervorden-Debatte? Da wurde sehr anschaulich gezeigt, warum dieses „Argument“ so unglaubwürdig ist: Der Schauspieler Günther Kaufmann, genau im richtigen „Rappaport“-Alter wohnt nur fünf Minuten entfernt und ist nicht einmal gefragt worden. Leider ist der Beitrag momentan nicht mehr online.

      Ich verweise Sie stattdessen noch einmal auf die Seite von:
      http://buehnenwatch.com/

      und diesen BBC-Beitrag (ab Minute 35), wo noch einmal deutlich besser als anhand vermeintlich plausibler Zahlenspiele erklärt wird, warum der Rassismusdiskurs in Deutschland dem im anglo-amerikanischen Sprachraum um Jahrzehnte hinterher hinkt:
      http://www.bbc.co.uk/iplayer/episode/p00z57y1/Newshour_20_10_2012_%282000_GMT%29/

      Mit herzlichen Grüßen
      Andrej Reisin

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  9. Es ist halt die Frage, ob man einen Diskurs aus Amerika einfach übernehmen sollte und wer eigentlich die Spielregeln bestimmt.
    Bei der Geschichte mit dem Blackfacing ist es zumindest eine deutlich erweiterte Tabu-Zone. Weil es die überzeichnete und karrikaturhafte rassistische Darstellung Schwarzer durch Weiße im Theater in Amerika gegeben hat, soll nun überhaupt kein Weißer mehr einen Schwarzen spielen, egal wie. Das ist jedenfalls nicht unmittelbar schlüssig.
    Wenn man sich dann noch ansieht, welche idiotischen Blüten solche Vorwürfe treiben können (nackte Frauen, die sich beim Slutwalk als Burka-Simulation schwarz anmalten, wurden des „Blackfacing“ und folglich des Rassismus bezichtigt http://jungle-world.com/artikel/2012/42/46413.html), sollte man schon etwas vorsichtig damit sein.

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  10. Jetzt wurde mein Beitrag ganz gelöscht, statt frei geschaltet. Das ist mal Streitkultur vom Feinsten. Wird man mir noch mitteilen, warum man meinen Beitrag löscht? Ich kann mich wirklich nicht erinnern, irgendetwas Anstößiges geschrieben zu haben.

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  11. Schön, schön. Aber wahrscheinlich führt das Ganze eher dazu, dass Stücke, die eine Rollenbesetzung mit Schwarzen erfordern, weniger oder gar nicht aufgeführt werden, als das mehr schwarze Schauspieler engagiert werden.
    Othello ist dann zukünftig wahrscheinlich weiß oder „künstlerisch“ grün bemalt.

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