Die Kehrwoche, die nicht stattfand

Es wird ungemütlicher in Deutschland für Juden. Das liegt vor allem an dem deutschen Judenhass, es liegt aber auch an einigen jungen Muslimen mit und ohne Migrationshintergrund und ihrem sehr eigenen, und leider sehr gefährlichem Antisemitismus. Und es liegt an den Beschwichtigern, Relativierern und Kleinrednern in den jeweils eigenen Gemeinschaften, die lieber Dinge unter den Teppich kehren.

Von Ramona Ambs

Ich bin Jüdin. Meine Haarfarbe ist schwarz, meine Muttersprache deutsch. Ich komme einigen Leuten spanisch vor. Aber das ist nur äußerlich. Ich verstehe kein Wort spanisch. Ich verstehe ein bisschen englisch, ein bisschen fränzösisch, ein bißchen hebräisch, ein bisschen dänisch und ein bisschen türkisch. „Yahudiler domuz“ zum Beispiel. Wenn ich das höre, weiß ich, dass es besser ist, dass ich den Leuten spanisch vorkomme und nicht etwa jüdisch.

Yahudiler domuz“ – das hör ich ab und an. Auf Straßen, in Cafes oder Clubs. Und wenn man das hört, dann ist man fast froh, nicht alles zu verstehen. Wobei diese Freude dann auch nur kurz währt, denn mittlerweile hört man`s eh auch variantenreich auf Deutsch. „Du Jude“ ist ein absolut gängiges Schimpfwort. Auch ohne das rosa Tier mit dem Ringelschwänzchen.

Es wird ungemütlicher hier in Deutschland für uns Juden. Das liegt vor allem an dem deutschen Judenhass in der Mitte der Gesellschaft, der sich immer wieder in vielfältiger Weise Bahn bricht. Aber es liegt auch an einigen jungen Muslimen mit und ohne Migrationshintergrund und ihrem sehr eigenen, und leider sehr gefährlichem Antisemitismus. Und es liegt an den Beschwichtigern, Relativierern und Kleinrednern in den jeweils eigenen Gemeinschaften, die lieber Dinge unter den Teppich kehren, als endlich mal richtig hinzuschauen und aufzuräumen.

Vor der eigenen Tür kehren

Aber ok, ich gebs auch zu: Ich rede nicht gerne über jüdischen Rassismus. Ich rede auch nicht gern über Islamhass in isrealsolidarischen Gruppierungen. Das hat zweierlei Gründe. Zum einen sind mir derlei Phänomene – auch wenn ich nichts dafür kann – irgendwie persönlich peinlich. Zum anderen ist das (öffentliche) Reden darüber an sich durchaus verhängnisvoll – wird derlei doch schnell von Antisemiten linker und rechter Couleur aufgegriffen und beklatscht: „Ja ja, die Juden, so sind sie…. sie sagens ja sogar selbst!“ und dann ist man intern der „Nestbeschmutzer“, weil man mal kurz vor der eigenen Haustür gekehrt hat….

Dennoch fand ich es immer nötig und sinnvoll, Missstände in den Communities, in denen ich mich aufhalte und zu denen ich irgendwie gehöre, zu kritisieren. Eben vor der eigenen Tür zu kehren.

Schalom, Salam, Grüß Gott!
Schalom, Salam, Grüß Gott!

Rassistisch und islamophob?

Das Kehren vor der eigenen Tür im übertragenen Sinne wurde kürzlich auch von Dieter Graumann empfohlen. Nach dem antisemitisch motivierten Überfall auf Rabbi Daniel Alter durch mutmaßlich arabische möglicherweise muslimische Jugendliche. Graumann forderte die muslimischen Verbände auf, sich stärker gegen den Antisemitismus in den eigenen Reihen zu engagieren. Die pikierten Reaktionen darauf zeigen, wie notwendig diese Forderung ist.

Denn es sind die immer gleichen Reflexe, die in öffentlichen Stellungnahmen von Verbandsvorsitzenden, direkten Gesprächen oder auch in Internetkommentaren zu Tage treten: Bereits die Wortkombination aus „muslimisch“ oder „migrantisch“ im Zusammenhang mit dem Wort „Antisemitismus“ sei rassistisch und islamophob, wer sie benutzt, muss also ein Rassist sein, bekommt man dann zu hören. Dass es aber einen spezifischen Antisemitismus unter muslimischen Deutschen und Migranten gibt, der anders motiviert ist und anders gefüttert wird, als der Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft, und dem folglich anders begegnet werden sollte und muss, wird dabei völlig negiert.

 Stichwort: Nahost

Dabei könnten grade die muslimischen und migrantischen Verbände hier viel effektiver arbeiten, weil sie eben zu der gleichen Gruppe gehören. Aber dazu kommt es offenbar zumeist gar nicht. Wenn also die Verbände, die hier teilweise erst mit zweitägiger Verspätung und nach mehrmaliger Aufforderung auf den antisemitischen Angriff reagieren, dann meist nicht ohne folgende Botschaft mit einzupacken:

1. Es mögen zwar vielleicht und unter Umständen muslimische Täter gewesen sein, aber der Islam ist dafür nicht verantwortlich.
2. Das eigentliche Problem dieser Gesellschaft ist die Islamophobie /der Rassismus, diese gilt es (ebenso wie den Antisemitismus) zu bekämpfen.

Auf eine Stellungnahme, die zum Beispiel mal ganz eindeutig sagt „der Nahostkonflikt rechtfertigt in keinster Weise Gewalt an den hier lebenden Juden.“ warte ich schon länger. Dabei wäre das schon mal ein erster Schritt, denn der Antisemitismus unter jungen Muslimen nährt sich vor allem aus diesem Konflikt, wie Anne Goldenbogen feststellt: „Je stärker die Jugendlichen sich als Muslime definieren […] und je autoritärer die Religionsvorstellung auch ist, […] desto stärker ist die Tendenz, diesen Konflikt nicht nur als einen politischen oder territorialen Konflikt wahrzunehmen, sondern auch als eine Auseinandersetzung zwischen Muslimen und Juden oder Muslimen und dem Westen, was auch oft gleichgesetzt wird, und desto stärker äußern sich dann auch antisemitische Ressentiments, die auf so einer Weltsicht fußen.“

Frustration

Passend dazu sind die Kommentare von einigen Muslimen im Internet. Bei der leisesten Kritik am Umgang und der Wahrnehmung des innermuslimischen Antisemitismus hört man zum Beispiel : „Schon interessant, wie versucht wird den eigenen Rassismus dadurch zu relativieren, indem man andere beschuldigt noch viel viel schlimmer zu sein, statt gegen alle Formen einzutreten. Ein Armutszeugnis…“ Ein vorhandenes Problem wird einfach abgewiegelt mit dem Verweis auf den restlichen Antisemitismus im Land.

In persönliche Gesprächen ist es meist auch nicht besser: Kaum spricht man bei Muslimen einen vermeintlich islamisch motivierten Antisemitismus an, wird aufgezählt wann, wo, welcher muslimische Mensch Opfer einer rassistischen Gewalttat wurde. Davon scheint auch alles besser zu werden. In den wenigsten Fällen bisher hab ich aufrichtige Anteilnahme vermittelt bekommen. Das frustriert. Und es lässt mich durchaus ratlos zurück, denn eigentlich hat man ja ein gemeinsames Ziel: friedlich miteinander Leben und rechte Gewalt abwehren.

Lesetipp: Beschämende Relativierungen

Siehe auch: Freude über den HassMarsch der Antisemiten,  Michael Lüders und “die reichen New Yorker Juden”Neonazi half bei Olympia-Anschlag 1972Wahn und WirklichkeitIsraelkritik 2.0Querfront gegen die “Endlösung”Im Zweifel gegen IsraelDeutscher Djihad: Die Geburt des politischen Islam aus der Mitte EuropasCui bono? Verschwörungstheorien und Pseudokritik

17 Kommentare zu „Die Kehrwoche, die nicht stattfand

  1. Die Frage ist aber: „Wollen wir wirklich friedlich zusammenleben“?
    Die Scharfmacher von rechts, all die ProSeccos, die ProvinzIdioten und die Nazis, die Hamas‘ und die Achmadinejads, die Likuds und Sharons, sie alle wollen das nicht, sie wollen genau das Gegenteil.
    Sie sähen Hass um Misstrauen zu ernten, sie düngen das Misstrauen, um Hass zu ernten.
    Sie tun das, weil man, wenn die Saat erstmal ausgebracht ist, mit „Wir müssen die Juden vernichten, die uns unterdrücken“, „Die Muslime wollen uns von der Landkarte vögeln“ oder „Sie trugen den Krieg in unsere Länder, jetzt müssen wir den Krieg zu ihnen bringen“ mehr Mitstreiter gewinnen kann, als mit intelligenten Reden und Erklärungsmustern; Stimmung statt Wahlgeschenk ist auch aus anderen Gründen einfacher: Es braucht keine Bilanz, Hass ist keine Wahlkampflüge. Divide et impera – ein geschlossenes Weltbild schützt vor Wahrheiten.

    Wenn wir friedlich zusammenleben wollen, dann müssen wir das Extremisten-Tennis, das sich-gegenseitig-den-Ball-zu-spielen der Hassprediger durchbrechen oder behindern. Totschweigen ist dabei nicht die ultimative Lösung, nur wird auch keine Jude und kein Muslim den Deutschen den Hass auf alles Semitische (hier sind ausdrücklich beide semitischen Völker gemeint, Israelis und Araber – deshalb habe ich übrigens ein Problem mit dem Begriff „arabischer Antisemitismus“) austreiben können, kein Christ wird Juden oder Muslimen den Hass aufeinander austreiben.
    Beschwichtigen, relativieren und kleinreden sind daher sehr wohl manchmal sehr gesund, man muss das Problem substanziell angehen und darf nicht hyperventilierend Sofortmaßnahmen fordern: Die helfen nur den Scharfmachern.

    Es sind die jüdisch-muslimischen Demonstrationen für eine bessere Zukunft, die eine Aussöhnung erreichen können, die in Medien aber nie Erwähnung finden. Es sind auch facebook-Aktionen wie die jener Iraner, die sich zu ihrer Liebe zu Israel bekennen und jener Israelis, die dasselbe zum Iran tun.
    Es hilft übrigens auch, wenn sich, wie derzeit, Juden, Muslime und sogar Christen gemeinsam zur Beschneidung bekennen – weil dadurch Brücken gebaut werden. Die pseudo-prosemitischen Islamhasser wird man auch dadurch wohl nicht erreichen, aber vielleicht den ein oder anderen Kreuzritter, der sich für besonders christlich hält.
    „Tue Gutes, und rede darüber, rede nicht ständig nur über das Schlechte.“

    Kenntnisse über den anderen sind das beste Mittel gegen gesichtslose Hassprediger; sowohl theoretische Aufklärung (z.B.in der Schule) als auch persönliche (z.B. durch Abbau der Migrantenghettos). Wer selbst muslimische Freunde hat, ist weniger anfällig für fundamentalistiche Parolen. Je weniger verfestigt sich diese Strukturen haben, desto einfacher ist das, eines ganz einfachen Beispiele:
    Vor einiger Zeit habe ich mich mit einer Griechin über die aktuelle Lage unterhalten, über die Presseberichterstattung (kurz zuvor hatte die Financial Times Deutschland den Griechen erklärt, wen sie wählen müssen) und wie sehr das griechische Volk leidet, über explodierende Selbstmordraten und auch die Faschisten. Die Wut auf die deutsche Politik und gegen das deutsche Volk als solches war bei meiner Gesprächspartnerin sehr groß, Erinnerungen an die vierziger Jahre war präsent; und während des Gespräches fiel dann irgendwann ein Satz wie „Interessant, dass doch nicht alle Deutschen Arschlöcher sind“ oder so in der Art – das Pauschalurteil hatte sich in ein differenzierteres gewandelt, als sie bemerkte, dass auch viele Deutsche die Bundesregierung für einen Haufen Vollidioten halten.

    Hasspropaganda setzt immer auf einfachste Stereotype – die lassen sich aber nur in totaler Unkenntnis aufrecht erhalten.

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  2. Vielleicht müsste man das Fernsehen ernster nehmen. Yusuf al-Qaradawi ist einer der einflussreichsten TV-Prediger der arabischen Welt, und der meint, das Hitler „eine gerechte Strafe Allahs für die Juden“ war.

    Und zum naseweisen Leserkommentar:

    (hier sind ausdrücklich beide semitischen Völker gemeint, Israelis und Araber – deshalb habe ich übrigens ein Problem mit dem Begriff “arabischer Antisemitismus”)

    Was man unter Antisemitismus versteht, entscheidet nicht die Etymologie, sondern der Sprachgebrauch. Sprache ist nämlich zur Verständigung da.

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  3. „Die Scharfmacher von rechts, all die ProSeccos, die ProvinzIdioten und die Nazis, die Hamas’ und die Achmadinejads, die Likuds und Sharons, sie alle wollen das [friedlich zusammenleben] nicht, sie wollen genau das Gegenteil“, schreibt Völker.

    Hier wird Juden Kriegeslüsternheit angehängt, um sie auf einer Linie mit Terroristen zu bringen.

    Auch eine Art des Antisemitismus.

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  4. @Irene:
    Stimmt, ist aber kein Grund, mit dem allgemeinen Sprachgebrauch kein Problem zu haben.

    @Anti:
    Ha’m Sie dir ins Gehirn geschissen oder was? Ja natürlich setze ich jüdische Terroristen mit christlichen und muslimischen Terroristen auf eine Stufe, was denn sonst?
    Terroristen sind Terroristen, ganz egal, zu welchem Volk sie sich bekennen. Was hat das mit Antisemitismus zu tun? Ist nun jeder Israeli, der seinen Nachbar nicht mag, auch ein Antisemit, weil es „eine Form von Antisemitismus ist“, seinen jüdischen Nachbarn zu hassen?
    Es heisst übrigens „Volker“, nicht „Völker“.

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  5. „(hier sind ausdrücklich beide semitischen Völker gemeint, Israelis und Araber – deshalb habe ich übrigens ein Problem mit dem Begriff “arabischer Antisemitismus”)“

    „Was man unter Antisemitismus versteht, entscheidet nicht die Etymologie, sondern der Sprachgebrauch. Sprache ist nämlich zur Verständigung da.“

    @irene

    danke. Es ist immer wieder erschreckend, dass man einigen Deutsche die Verwendung des BegrffsAntisemitismus – ein Begriff den ein Deutscher erfunden hat und damit ausschließlich Juden meinte – immer wieder erklärt werden muss.

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  6. @Yaku:
    Erschreckend ist vielmehr die Ego-Masturbation, die hier betrieben wird, unterstellend, ich wüsste nicht, was der Begriff meine, nur weil ich meine Probleme mit dem Begriff anmelde. Die gesamte Kulturgeschichte ist geprägt von (meist) Männern, die ihre Probleme mit dem ein oder anderen hatten und sich damit befassten, allerdings vermute ich, dass Sie all die Sokrates‘, Aristoteles‘, Descartes‘, Kants und Hegels auch nur für Dummbeutel halten…nicht wahr? Es gab Zeiten in diesem Lande, da war „Jude“ ein Schimpfwort (und ist es teilweise heute noch) – bis immer mehr Menschen ihre Zweifel anmeldeten und behaupteten, „Jude“ bedeute eigentlich „Angehöriger jüdischen Glaubens“ – trotz dem allgemeinen Sprachgebrauchs.

    Ich will Sie ungern in ihrer Masturbation stören, aber um es mal mit Worten zu erklären, die Ihnen vermutlich näher liegen: „Geil bedeutete auch mal nur „sexuell erregt“ – Leute haben es dennoch als Substitu…Entschuldigung, ich wollte ja Worte benutzen, die Sie verstehen…als Ersatz für „großartig“ benutzt, ganz egal, was der allgemeine Sprachgebrauch sagte und was die deutsche Sprache irgendwann einmal hervorgebracht hatte. Sprache ist Verhandlungssache, ganz egal, was irgendein Nazi mal definiert hat und wieviele Menschen ihm folgen.
    So, und nun weiterwichsen!

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  7. Antisemitismus im öff. rechtl. Radio:
    „Das Problem ist Israel.“ – M.S. Abdullah im DLF-Interview

    Heute (13.9), 12:36 im DLF, Informationen am Mittag: Interview mit Mohammed Salim Abdullah (Islamarchiv Deutschland) zu islamfeindlichen Film

    „Ja nun, wir haben ja … Wir haben ein Problem. Das Problem ist Israel. Israel sitzt den Arabern und den Muslimen schlechthin, wie ein Pfeil im Fleisch.“
    Auf diese antisemitischen Äußerungen kam kein Widerspruch vom Moderator.

    Und schon am Anfang des Interviews ging Mohammed Salim Abdullah vom Islamarchiv Deutschland auf das derzeit nicht bewiesene Gerücht ein, hinter dem antimuslimischen Machwerk würde ein Israeli stecken. Diese Behauptung griff Tobias Armbrüster dankbar auf.

    Siehe hierzu:
    Spiegel-Online:Wer steckt hinter dem Mohammed-Film?

    Focus: Angeblich islamfeindlicher Film löst Aufruhr aus

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