Yuppies raus…?!

Kritik an der Gentrifizierung ist richtig und wichtig, wenn sie öffentlichen Raum reklamiert und ohne personalisierte Feindbilder auskommt, so wie es bei vielen gelungenen Aktionen der Fall ist – zuletzt mit der „Fuck U!“-Installation in Hamburg. Doch schon viel zu lange wird in linken Kreisen akzeptiert, dass Feindbilder aufgebaut werden, die in die totale Regression kippen, wie am Wochenende im Schanzenviertel zu sehen war.

Von Patrick Gensing

In Hamburg haben am Wochenende Tausende Menschen das Schanzenfest gefeiert. Wieder einmal war das eigentliche Fest friedlich, selbstverwaltet, chaotisch, laut und bunt – also ganz wunderbar. Wieder einmal erklärte die Polizei einen ganzen Stadtteil zum Gefahrengebiet – schlicht unverhältnismäßig. Und leider hat sich gezeigt, welche Folgen Bürgerkriegsszenarien der Polizei, Mackergehabe und platte Gentrifizierungskritik haben können.

Während in der Nacht noch rund um das Schulterblatt gefeiert wurde, zündeten junge Männer vor der Roten Flora Feuer an – wie die Erfahrung lehrt: Ein willkommener Anlass für die Polizei, die Hundertschaften und das Gerät einzusetzen und so der Öffentlichkeit  zu demonstrieren, dass 1400 Beamte und Wasserwerfer für diesen Anlass kein bisschen überdimensioniert wären.

Notoperation nach Messerattacke

Vor diesem Hintergrund versuchten Leute aus der Roten Flora und Besucher des Festes, die Feuer zu löschen, auch nichts Neues. Dieses mal aber mit fatalen Folgen. Zwei Menschen wurden von den Randalierern niedergestochen, mehrere durch Schläge verletzt. Die taz berichtete:

Nachdem die Konzertbühne vor dem linken Zentrum Rote Flora abgebaut war, zogen erste Vermummte durch die Menge und zündeten Bengalos und Silvesterknaller. „Verpisst euch hier“ riefen ihnen einige entgegen. „Halt’s Maul, Yuppie-Wichser“ war die Antwort, die jeder zu hören bekam, der das Auftreten der meist jungen Männer kritisierte. […]

Beim Versuch des Löschens wurde ein 29-Jähriger niedergestochen.  „Viermal stach der Täter in den Brustkorb“, sagt ein Aktivist der Flora, der sich um den Betroffen sofort kümmerte. Häufig versuchten auch andere Festbesucher Randalierer davon abzuhalten zu zündeln. Die Zündler verteidigten ihr Feuer mit purer Gewalt: Faustschläge ins Gesicht, Tritte, Drohgebärden mit Metallstangen. Ein weiterer Mann, 27 Jahre alt, wurde mit einem Messer niedergestochen – aber nur oberflächlich verletzt. Er wollte einen Streit schlichten.

Der Mob skandierte dazu Parolen wie „Ganz Hamburg hasst die Polizei“ – obwohl die sich den ganzen Abend nur am Rand des Schanzenfestes zeigte und nicht in das Geschehen eingriff. In der Roten Flora wurde die beiden Niedergestochen erstversorgt und ins Krankenhaus gebracht. In der Nacht musste der 29-Jährige notoperiert werden. […]

Doch die Krawallmacher wollten nicht gehen und zündelten weiter, bis Aktivisten aus der Roten Flora den Brand mit Feuerlöschern erstickten. Auch sie wurden bedroht und als „scheiß Antifa-Fotzen“ beschimpft.

Eine unrühmliche Rolle spielen nach den Ereignissen beim Schanzenfest einmal mehr viele Medien, welche landesweit von den „Krawallen“ beim Schanzenfest berichten. Im Gegensatz zur taz ordneten sie die Geschehnisse dabei nicht ein: Das Stadtteilfest endete in einer Messerstecherei, heißt es, und die Polizei habe durchgegriffen. Nur als Randnotiz: Es gab sechs Festnahmen – bei sicherlich mehr als 10.000 Besuchern. Einige Dutzend Randalierer erreichen also ihr Ziel: Sie konnten Hundertschaften von Polizisten in Bewegung setzen und schafften es bundesweit in die Medien.

Wie wäre es mit einem Fragebogen?

Die Ereignisse beim Schanzenfest sind der vorläufige Tiefpunkt einer bitteren Entwicklung und sicherlich eine Zäsur. Städte wie Hamburg werden gnadenlos kommerzialisiert, stinknormaler Wohnraum wird zum Luxus. Yuppie ist in bestimmten Szenestadtteilen mittlerweile zum beliebtesten Schimpfwort avanciert. Am Wochenende prangten an Wänden Parolen wie „Bonzen raus“ oder „Yuppies raus!“

Wer in diese Kategorien fällt, ist dabei vollkommen unklar. Wie lange muss jemand in einem Szenestadtteil leben, um als „Alteingesessen“ anerkannt zu werden? Wie viel darf jemand maximal verdienen, um hier wohnen zu dürfen? Darf jemand schicke Klamotten tragen – und ist vielleicht dennoch KEIN Yuppie? Ist es okay, Wein zu trinken, der nicht den Schädel spaltet?

Fragen über Fragen, auf die es natürlich keine vernünftigen Antworten gibt. Der Yuppie ist der, der dafür verantwortlich sein soll, dass sich Stadtteile in rasanter Geschwindigkeit verändern, alte Läden schließen, Anwohner verdrängt werden, wie es in vielen Vierteln der Metropolen in den vergangenen Jahren zu beobachten war – und sich nun in anderen Stadtteilen abzeichnet. Dass dabei Wut entsteht, ist verständlich. Dies rechtfertigt aber nicht, das Gehirn auszuschalten.

Yuppie, der Spießer des 21. Jahrhunderts

Früher wollte niemand der Spießer sein, heute mag niemand zum Yuppie werden. Doch sind zahlreiche Leute, auch szenige Linke, längst Yuppies. Sie sind Young urban professionals, sie arbeiten als Grafiker, in Agenturen, in der Musikbranche, als Journalisten oder Rechtsanwälte.

Sicherlich keine Yuppies sind hingegen die Mitglieder von Streetgangs, die das Feindbild dankbar aufgreifen, um diese für ihre Lage verantwortlich zu machen. Solche Gangs werden nicht wegen verkürzter Gentrifizierungskritik gewalttätig, aber sie benutzen eben solche Vorlagen, um Gewalt zu legitimieren. Denn leider wird von einigen Linken der ominöse Yuppie sogar mit Nazis und Rassisten auf eine Stufe gestellt: „Nazis zerhacken, Yuppies verjagen!“, so eine Parole an einer Häuserwand in Hamburg. Auf einem Flyer für ein Hinterhoffest in Hamburg heißt es aktuell: „Nazis, Rassisten, Sexisten und Yuppies haben keinen Zutritt!“ Nazi-Gewalt wird so geradezu verharmlost, komplexe gesellschaftliche Prozesse unzulässig vereinfacht und personalisiert. Der Erkenntnisgewinn liegt bei Null.

„Tourists welcome!“

Und es gibt bereits die ideologische Gegenbewegung – beispielsweise die Hipster Antifa in Berlin. Die sich hier abzeichnenden Fronten gleichen teilweise denen zwischen Antiimps und Antideutschen – doch auch bei der berechtigten Kritik an platter Gentrifizierungskritik ist das Gegenteil von vollkommen falsch nicht gleich goldrichtig.

„Tourists welcome“ – in Anlehnung an das Motiv „Refugees welcome“ – ist auf den ersten Blick sicherlich provokant witzig und möglicherweise geeignet, auf die falschen Feindbilder (in Berlin vor allem Hipster und Touris) hinzuweisen, aber Touristen sind eben keine entrechteten Flüchtlinge, die staatlich bevormundet werden. Titanic-Chefredakteur Leo Fischer hat in der jungle World die vermeintliche Opferrolle von Touristen in einem Gastbeitrag wunderbar überzeichnet:

„Die Flucht aus der modischen Sperrzone war beschwerlich. Kein Taxi wollte für einen Rolliträger halten. Am nächsten Morgen fanden wir Bilder von uns in der Zeitung: »Touris machen den Kiez kaputt!« Meine Gastgeber sagten mir, dass ich nun zu gehen habe. Sie liebten mich heiß und innig, doch wollten sie nicht in den Ruch kommen, auf ihrem Dachboden Touris zu verstecken. Ich schloss mich einer Gruppe von Jeansjackenträgern an. Eine Zeitlang lebten wir im Untergrund, dann bezahlten wir einen Schleuser und ließen uns in die weltoffene und tolerante Provinz bringen.“

Die stumpfe Massenevent-Kultur dürfte auch „dem“ Hipster/Yuppie eher zuwider sein, Besuchergruppen von Musicals wie „Tarzan“ oder Publicviewing-Besucher zeichnen sich eher durch kleinbürgerliches oder extrem prolliges Verhalten aus. Mit dem typischen Yuppie – bekannt aus den 1980er Jahren aus den USA – hat dies wenig zu tun. Der Yuppie ist schlicht nicht greifbar, das macht das Feindbild so attraktiv, weil man es auf fast jeden anwenden kann – und sich selbst auch noch vergewissern kann, auf der richtigen Seite zu stehen.

Was also tun?

Die weitsichtigen Gentrifizierungskritiker haben längst das Dilemma erkannt und benannt, denn als „Szene“ gehört man selbst zu den weichen Standortfaktoren einer attraktiven Metropole.

 Die große Stärke des modernen Kapitalismus ist es ja leider, dass eben die Kritik, wie an diesem Beispiel allzu deutlich zu sehen, mittlerweile fast problemlos assimiliert werden kann in die Vermarktung. Wir sind am Arsch. (Chris Brummbär auf der Facebook-Seite von Publikative.org)

„Wir sind wie alle Künstler, die in die dreckigen Viertel gehen, immer Mitverursacher der Gentrifizierung“, sagte Rocko Schamoni beispielsweise in der taz und stellte fest: „Das ist schrecklich, aber man kann es nicht verhindern. Man kann sich höchstens tarnen, die Spuren verwedeln, versuchen, das verrottete Biotop, in das man zieht, nicht in seinem Verrottungsprozess zu stören. Denn das brauchen Städte wie Hamburg: einen gesunden Verrottungsprozess.“ Oder neue Wohnungen, die für jeden bezahlbar sind.

Druck auf „die“ Politik ist also gefragt – und eine fundierte Kritik. Die Themen Verdrängung und Mietpreise sowie Stadtentwicklung sind zu wichtig, um diese mit Parolen nach dem Motto „Yuppies raus!“ zu entwerten oder um weitere ideologische Grabenkämpfe zu führen. Großstädte verändern sich? Es geht nicht um das Ob, sondern um das Wie. Denn jede/r hat ein Recht auf Stadt.

Siehe auch: Feeling blue: Fuck U!

12 Kommentare zu „Yuppies raus…?!

  1. Insgesamt ein wichtiger Beitrag zu einem leider viel zu selten beachteten Thema.

    Leider gibt es zu jeder Zeit immer ein szenetypisches Feindbild.
    Egal ob die Spießer der vor-68er, die Popper der spät-80er, die Emos um die Mitte 2000 und nun die „Hipster“ – nur um einige wenige zu nennen. Man hat manchmal das Gefühl, dass der Intervall, in dem die Feindbilder sich wandeln, schneller wird – aber die Thematik selbst ist leider nicht neu und von ihrer Funktionsweise der Thematik des Rassismus und Nationalismus sehr ähnlich.

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  2. die selbe scheiße hat mensch in berlin, erweitert um die bösen „schwaben“. jetzt mal ehrlich leute: ist das euer ernst? das ist eure kritik? ich empfehle mal schleunigst das ein oder andere buch in die hand zu nehmen! euer blinder völkisch-chauvinistischer haß ist unerträglich! aber ich vergaß, die yuppies sind ja daran schuld das ihr euch keine bücher leisten könnt… hab da neulich was entdeckt, dat nennt sich bibliothek. kost sogar nix. also auch für die armen stalinstInnen und antiimpis geeignet. aber habt ihr da nebst eurem ehrlichen handwerk, dem ihr nachgeht, überhaupt zeit?
    und welcheR radikaleR Linke ruft denn bitte „ihr scheiß antifa-fotzen“?! hm mal überlegen…so viele möglichkeiten wirds da wohl nicht geben. die „mutmaßungen“ überlaß ich jedem menschen selbst.
    äh ich geh ma in die bib…

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  3. Eine Notoperation des Betroffenen soll es entgegen erster Polizeimeldungen nicht gegeben haben (u.a. http://www.ndr.de/regional/hamburg/schanzenfest207.html, Unterpunkt: „Zwei Männer durch Messerstiche verletzt“). Die Polizeipressestelle hat allerdings ihre Pressemitteilung dahingehend nicht geändert oder ergänzt.

    Und zur Medienkritik: Es ist halt der alte Blues. Die Polizei gibt vor (http://www.presseportal.de/polizeipresse/pm/6337/2313101/pol-hh-120826-1-schanzenfest-endet-mit-krawallen) und die Redaktionen singen nach ohne selber zu Recherchieren. Vor deren Pressemitteilung um 3.20 Uhr hatten die meissten Medien auch noch von einem friedlichen Verlauf geschrieben.

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  4. Klasse entscheidet sich nicht daran, wie viel jemand verdient. Abhängig vom Lohn sind die meisten Menschen, da sie kein nennenswertes Eigentum besitzen und am Ende des Monats wieder für fremden Reichtum malochen müssen. Daher sind sie als Lohnabhängige grundsätzlich erstmal Teil einer Klasse. Als eine Klasse verstehen tun sich diese Leute nicht – das ist aber die subjektive Seite, die kritisiert gehört.
    Das innerhalb dieser Klasse eine Konkurrenz herrscht, ist leider bittere Realität. All diese Menschen stehen in Konkurrenz um die begrenzten Arbeitsplätze und damit um den Lohn, der in dieser miesen, bedürfnisfeindlichen Gesellschaft leider die Grundlage der proletarischen Existenz darstellt.

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  5. @Floh Ich finde du klingst auch als wenn du nicht ganz feindbildfrei bist? „euer blinder völkisch-chauvinistischer haß ist unerträglich!“ Wenn meinst du denn überhaupt damit!?*

    Berlin hat mit Sicherheit mehr als 10 000 Hauswände. Das Wenigste, was da dran steht, eignet sich zur ernsthaften Reflektion.

    Ich denke auch das Bild des „Anti-Schwaben“ ist ein Feindbild, das Neuankömlingen in der Stadt als Orientierung dient. Das System der Feindbilder bedingt sich, wie so oft, gegenseitig. Der Ausweg ist nur über deren Abbau möglich.

    Ich denke viele Neuankömlinge haben eine falsche, übersteigerte Erwartungshaltung an Berlin. Fanden Berlin *total cool*, haben gehört dort wäre alles möglich. Sind dann völlig überrascht, das man sich auch in Berlin seine Freunde selber suchen muß. Bier gibts nicht umsonst und der chicste Club nützt nichts, wenn man nicht reinkommt. Die *tolle Streetart* die der Berlinliebhaber auf Facebook sammelte und beobachtete, wird am Haus der ersten Berliner Wohnung zu profanem Strassendreck. Dann entsteht Frust, der Feindbilder mit sich bringt.

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  6. Nazis mißbrauchen Proteste gegen ehemalige Sicherheitsverwahrte in Moorburg für ihre menschenverachtende Ideologie. Führende CDU Politiker hetzen gegen andersartige Menschen.Unerträglich!!!!!!! Kampf dem Faschismus aus der Mitte der Gesellschaft. Moorburg Nazifrei

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  7. Danke für die differenzierte Berichterstattung, das Thema Gentrifizierung ist ja nicht so einfach abzuhandeln. Ich habe den Blog gerade erst entdeckt, gefällt mir richtig gut.

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  8. Ja, eine qualifizierte Gentrifizierungsdiskussion, das würde ich mir doch mal wünschen. Danke für den Beitrag an dieser Stelle.

    Gentrifizierung mag eine der vielen Auswüchse des Kapitalismus sein, mit einer vernünftigen Wohungs- und Stadtentwicklungspolitik könnte mensch ihr zumindestens begegnen und damit umgehen. Knappe Kassen hin oder her, städtischer Wohnraum ist ein so wichtiges Thema, dass ein radikale Gesetzgebung (Mietpreisdeckelung, Verbot des Zusammenlegens kleiner Wohnungen, Bereitstellung von innerstädtischen Wohnungen für Geringverdiener…) durchaus angebracht ist.

    Die Fremdenfeindlichkeit gegenüber Zugezogenen sehe ich als ein ernsthaftes Problem, dass das Potential hat einen Kieze zu spalten und Argwohn unter Nachbarn zu schüren. Gleiches gilt jedoch auch für aus dem Boden sprießende Galerien, Cafés und Boutiquen: Solange sie nur ein begrenztes Klientel bedienen, tragen sie ihren Teil zur Ausgrenzung derer bei, die diesem Klientel nicht angehören – und sorgen so dafür, dass diese Menschen sich ebendort nicht mehr wohlfühlen, wo sie seit 5, 10, 15 oder 50 Jahren leben.

    Dies nur ein paar Gedanken aus einem Neuköllner Seitenflügel.

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