Kommentar: Gib Ex-Nazis eine Chance!

Andreas Molau ist ausgestiegen – ein Schritt, der viele Fragen aufwirft, wie jeder Ausstieg. Und wie jeder Aussteiger sollte auch der ehemalige NPD-, DVU- und Pro-Funktionär eine faire Chance bekommen. Die Chance, sich von der rechtsextremen Bewegung zu verabschieden und neu anzufangen.

Von Stefan Laurin und Patrick Gensing

Andreas Molau hat sich von der extremen Rechten verabschiedet. (Foto: Stefan Laurin)

Doch ein Bruch mit der rechten Szene muss auch glaubhaft sein. Und was glaubhaft ist, hängt von der Person des Aussteigers ab. Bei einem Mitläufer reicht es, die Szene zu verlassen, den Kontakt zu den „Kameraden“ abzubrechen. Bei Leuten wie Molau reicht das allerdings nicht – und im NDR-Interview hat Molau deutlich gemacht, dass ihm das bewusst ist: Er hat nach eigenen Aussagen den Kontakt zu den Sicherheitsbehörden aufgenommen. Es dürfte sich um einen längeren Prozess gehandelt haben, denn Gesinnung legt man nicht wie einen Anzug ab.

Aussteiger berichten übereinstimmend von Zweifeln an der Ideologie, Ekel vor der Gewalt in der Szene – und natürlich auch persönlicher Zukunftsangst. Sie lösen sich nach und nach von ihrer Szene. Wer den riskanten Schritt des Ausstiegs geht – besonders angesichts der Gewaltbereitschaft in der Szene – hat ein Recht auf Rückkehr in die Gesellschaft. Wer ihnen dieses Recht verweigert, stärkt die Nazi-Szene. Andere Rechtsextremisten dürfen nicht das Signal empfangen, nach einem möglichen Ausstieg müssen sie den Rest ihrer Tage in Isolation verbringen. Sie müssen ermutigt werden.

Die Aussteiger selbst müssen erfahren, dass Respekt gegenüber allen Menschen eben mehr ist als eine Floskel – und mehr gilt, als in der braunen Szene, aus der sie sich lösen wollen. Denn freie Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie Menschen nicht ausschließen. Selbstverständlich, es gilt der Satz „Keine Freiheit für die Feinde der Freiheit“ und „Keine Toleranz der Intoleranz“ – aber wer sich von den Feinden der Freiheit abwendet, muss zwar nicht gleich zum Freund, aber er kann zumindest zum Verbündeten werden.

Man muss Aussteigern nicht zujubeln und sie zu Helden stilisieren, man muss sie fragen, warum sie viele Jahre den Hass, die Gewalt nicht gesehen haben wollen – dennoch sollten sie eine faire Chance bekommen – wenn sie sich überzeugend von ihrer dunklen Vergangenheit und der dazugehörigen Ideologie verabschiedet haben.

*Stefan Laurin ist ein Ruhrbaron.

Siehe auch: Molau aus rechter Bewegung ausgestiegenUmgang mit Aussteigern: “Dead man walking”

12 Kommentare zu „Kommentar: Gib Ex-Nazis eine Chance!

  1. Bitter, aber das wirkt alles unglaubwürdig. Einmal Fascho, immer Fascho, da hilft auch der beste Wille nicht. Waldorflehrer. Simple Zukunftsangst, das bitte noch medial ausschlachten, einmal zur CDU winken, Hallo, seht ihr mich?

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  2. Oft steckt hinter solchen „Ausstiegen“ reiner Opportunismus: Man hat gemerkt, dass man politisch nicht erfolgreich war und will es jetzt woanders versuchen, aber seine Gesinnung hat man deshalb noch nicht geändert. Wenn Molau glaubwürdig sein will, muss er jetzt Interna aus der rechten Szene offenlegen und aktive Beiträge zur Bekämpfung neofaschistischer Tendenzen leisten.

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  3. Slimeball, schließ nicht immer von Dir selbst auf andere. Ich habe viel vom Entfremdungsprozess bei Molau mitbekommen. Und in seinem Buch werden noch mehr Fragen beantwortet werden. Erfreulicherweise ist nicht jeder in seinen Gedanken so eindimensional und eingemauert wie Du. Du bedauerst ja, wenn Nazis aussteigen, denn wenn es keine mehr gäbe, hättest Du kein Feindbild mehr.

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  4. Ich kann dem Beitrag so weit nur zustimmen – eine Chance hat Molau wie jeder andere auch verdient. Aber wer so tief drin saß, von dem darf mit Recht erwartet werden, dass er sich in Zukunft umso bedachter verhält. Er hat genug intellektuelles und vor allem rhetorische Potential um seinen Ausstieg glaubwürdig zu verkaufen – aber dazu muss er sich in der Tat engagieren – ein aktives Eintreten gegen den Rechtsextremismus und Offenlegung von Interna der Szene wären tatsächlich Dinge, die das ganze in meinen Augen glaubwürdiger machen würden.

    Chance geben? Ja.
    Blind vertrauen? Nein.

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  5. Wirklich jeder Nazi hat eine zweite Chance verdient und ein „Recht auf Rückkehr in die Gesellschaft“ ?

    Gesetzt den Fall, sie würden daran irgendwann mal daran Interesse zeigen:

    Gilt das auch z. B. für Beate Tschäpe?

    Und wie sähe es mit Anders Breivik aus?

    Molau hat 20 Jahre lang permanent rhetorisches Öl ins Feuer gegossen. Die Opfer der NSU, die vielen anderen ermordeten, zu Krüppeln geschlagenen oder anders schwer mißhandelten Menschen, die ungezählten „leichteren“ Verletzungen, Morddrohungen, Angsttraumata etc. pp., die auf das Konto der Rechten in Deutschland und anderswo gehen, sind auch mit sein „Verdienst“.

    Soll nicht heißen, das ich der Ansicht wäre, die Tür wäre für Leute wie Andreas Molau grundsätzlich und für immer zu. „Einmal Fascho, immer Fascho“ ist mir auch zu simpel und ist in meinen Augen auch nicht logisch. Aber es gibt für mich auch kein selbstverständliches „Recht auf Rückkehr“. Molau wird einiges tun müssen – und das sollte meines Erachtens einiges (!) mehr sein als ein paar Szeneinterna an irgendwelche Unsicherheitsbehörden wie den Niedersächsischen „Verfassungsschutz“ ausplaudern …

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  6. Ich denke, hier muss man unterscheiden zwischen rechtsstaatlicher und gesellschaftlicher Chance.

    Natürlich muss sich ein Aussteiger zunächst einmal den Gerichten ausliefern, sollte da etwas anhängig sein, genau wie jeder andere. Aber wenn eine Tschäpe ihre Strafe abgesessen hat (vermutlich wird das nicht allzu bald sein) und sich glaubhaft von ihrer Ideologie verabschiedet hat; wenn ein Breivik irgendwann aus der Haft entlassen wird und sein Psychoknacks wegtherapiert wurde (bei dem scheint mir das tatsächlich pathologisch zu sein), sollte ihm die Gesellschaft nicht im Wege stehen und eine Chance nicht verweigern, weil alles andere kontraproduktiv ist: Wo einem rehabilitiertem Sexualstraftäter „dank“ BILD nur der Freitod bleibt, weil ihm ein Leben verweigert wird, würde ein exilierter Fascho eben zurück zu seiner Szene gehen – und das kann ja nicht Sinn der Sache sein.

    Ein zweifelhaft rehabilitierter Molau, der öffentlich gegen die braune Szene Stellung bezieht, ist alle male besser, als ein Molau, der als abschreckendes Beispiel für alle anderen Möchtegern-Aussteiger in der „richtigen Welt“ gescheitert ist und in die braune Pseudowelt zurückkehrt.

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  7. Grundsätzlich stimme ich Ihnen bei dieser Differenzierung zu.

    Ich hatte nur nicht den Eindruck, das es den Autoren des Kommentars um eine juristische Bewertung der Angelegenheit geht, wenn sie vom „Recht auf Rückkehr“ schreiben – was bei Andreas Molau ja auch wenig Sinn machen würde, da er vor allem als Redner und Schreibtischtäter sorgsam verpacktes, neonazistisches Gift produziert hat. Entsprechend ging es mir auch nicht um die Tatsache, dass im juristischen Sinn eine Schuld mit der Verbüßung der gerichtlich festgesetzten Strafe aus der Welt ist – ein Prinzip, das ich hier auch nicht in Frage stellen wollte. Auch die von mir angesprochene Mitverantwortung Molaus an der täglichen rechten Gewalt in Deutschland ist natürlich nicht keine Verantwortlichkeit im juristischen Sinn.

    Ich persönlich fände es allerdings dringend notwendig, nicht nur pragmatisch an solche Themen heranzugehen, sondern diesbezüglich auch mal mehr die zahllosen Opfer rechter Gewalt zu Gehör kommen zu lassen, was so deren Standpunkte im Bezug auf ein solches „Recht auf Rückkehr“ wären. Wir vermutlich Nichtbetroffenen rechter Gewalt können sicherlich in der Regel leichter hingehen und sagen: Ist doch besser für uns, wenn er jetzt die Seiten wechselt – also eher mal fünfe Gerade sein lassen …

    Aber wie kommt eine solche meines Erachtens doch recht schnelle Bereitschaft, Schlussstriche zu ermöglichen, beispielsweise bei jemandem an, der von Neonazis zusammengeschlagen wurde und nun im Rollstuhl sitzen muss? Wie bei jemandem, der aufgrund eines Angsttraumas als Folge rechter Gewalt große Probleme hat, das Haus zu verlassen?

    Und abgesehen davon: Wäre ein rehabilitierter Andreas Molau, der zukünftig zwar öffentlich Stellung gegen Nazis bezieht, stattdessen aber salonfähiger und breitenwirksamer Rassismus oder Armenverachtung a ´la Sarrazin oder Seehofer oder Westerwelle predigt, wirklich so ein gesamtgesellschaftlicher Gewinn im Vergleich zu einem Andreas Molau, der bei den Braunies in letzter Zeit weitgehend auf dem Abstellgleis rangierte?

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