Beschneidung der Vernunft

Im Sommerloch reiten die Thesen-Ritter immer gern ihre Attacken. Dieses Jahr geht es nun also um den Schutz von Vorhaut und Religion. Let’s face it: Mit dem Einmischen in die „Vorhautkriege“ (Alan Posener) tut man sich keinen Gefallen. Zugegebenermaßen einer der Gründe, warum publikative.org sich in den letzten Wochen aus dem Sommerlochthema schlechthin rausgehalten hat.

Von Andrej Reisin und Andreas Strippel

Beschneidungsbesteck im Jüdischen Museum in New York (Foto: istolethetv / flickr.com / CC BY 2.0)
Beschneidungsbesteck im Jüdischen Museum in New York (Foto: istolethetv / flickr.com / CC BY 2.0)

Das Kölner Landgericht hat über die Strafbarkeit von Beschneidungen nicht einwilligungsfähiger Jungen aus rein religiösen Gründen entschieden. Nachdem das Amtsgericht in erster Instanz die Beschneidung nicht als Körperverletzung wertete [Az. 528 Ds 30/11], kommt die zweite Instanz  zu einem anderen Ergebnis, bestätigt aber trotzdem den Freispruch aus der ersten Instanz, weil der Angeklagte sich in einem unvermeidbaren Verbotsirrtum befunden habe [Az. 151 Ns 169/11]. Damit hat das Gericht das Recht auf körperliche Unversehrtheit des Kindes höher bewertet als das Recht auf freie Religionsausübung der Eltern, dabei aber keine Grundsatzentscheidung gefällt, zu der es auch gar nicht befugt ist.

Das Wichtigste vorweg: Es gibt im Hinblick auf die Abwägung der betroffenen Rechtsgüter keine eindeutige Antwort im Sinne von „richtig oder falsch“. Eben darin liegt die eigentliche  Herausforderung der Debatte – an der allerdings fast alle Teilnehmer/innen scheitern. Natürlich kann man nicht grundsätzlich meinen, „jahrtausendealte Traditionen von Millionen von Menschen“ (Sigmar Gabriel) wiegten höher als die körperliche Unversehrtheit von Kindern. Denn damit ließe sich nahezu alles rechtfertigen, was über eine solche Tradition verfügt. Zentrale Grundrechte wie dasjenige auf körperliche Unversehrtheit können nicht durch andere wie die Religionsfreiheit einfach ad absurdum geführt werden. Zu klären wäre allerdings in der Tat, was die Grenze ausmacht zur Versehrung, zur Körperverletzung oder gar „Verstümmelung“, wie viele Diskutanten meinen von sich geben zu müssen.

Was heißt „Unversehrtheit“?

Gerade am Beispiel der Impfung lässt sich das vermeintlich „klare“ Recht auf körperliche Unversehrtheit blendend in seine Einzelteile zerlegen: Natürlich handelt es sich dabei juristisch ebenfalls um eine „Körperverletzung“, die ebenso selbstverständlich nicht verfolgt wird, weil eine Einwilligung der Eltern vorliegt. Aber ist jede Imfpung „medizinisch notwendig“? Die Autoren dieser Zeilen würden dringend empfehlen, sich dabei an die Vorgaben der Ständigen Impfkommission zu halten, viele Eltern allerdings sehen das leider komplett anders und entscheiden je nach Krankheit, Lust und Laune sowie eigenen Überzeugungen. Und zwar zum Teil mit dramatischen Folgen, wenn Kinder auf „Masernparties“ bewusst dem Risiko einer schweren Infektionskrankheit ausgesetzt werden. Andere Eltern wiederum unterziehen ihre Kinder Operationen, deren Nutzen zum Beispiel im Bereich der Kieferorhtopädie auch mehr oder weniger ein rein ästhetischer sein kann. Mit allen Risiken, Schmerzen, Folgen und Nebenwirkungen.

„Körper­liche Unversehrtheit“ ist daher ein weitaus umstritteneres Feld als die Beschneidungsgegner glauben machen wollen. Man kann nicht einfach so tun, als würden im juristischen und gesellschaftlichen Alltag permanent absolute Maßstäbe angelegt: Ob Eltern ihre Kinder impfen lassen oder eben jenes verweigern, ob sie diese vernachlässigen oder schlagen (trotz Verbot!), ob sie sie psychisch quälen oder religiös indoktrinieren – das elterliche Sorgerecht ist nach wie vor äußerst wetigehend und gestattet eine ganze Menge Dinge, bevor das Jugendamt auf der Matte steht.  Nicht selten ist es dann schon insofern zu spät, als dass die Kinder bereits massiven Schaden genommen haben – oder im Extremfall sogar tot sind.

Gläubige auf allen Seiten

Der  Eifer der hauptberuflich Kommentierenden macht daher mehr als nachdenklich: Von wenigen differenzierten Stimmen abgesehen (stellvertretend: Alan Posener, Floris Biskamp, Ivo Bozic, Deniz Yücel, Michael Wolfssohn) schaffen es Befürworter und Gegner des Urteils scheinbar spielend, sich mit Scheuklappen ins Getümmel zu stürzen: Entweder es werden nur die vermeintlich positiven gesundheitlichen Effekte der Beschneidung beschrieben oder nur ihre vermeintlich traumatisierenden Folgen. Man verweist eifrig nur auf Quellen, die die eigene Auffassung stützen – und ignoriert geflissentlich alles andere. Auch in Zeiten postmoderner Wahrheitsskepsis gilt aber zumindest im journalistischen Kontext nach wie vor der Leitsatz von CP Scott: „Comment is free, but facts are sacred“. In diesem Sinne:

Es gibt keine eindeutigen medizinischen Erkenntnisse über Vor- bzw. Nachteile der Vorhautbeschneidung bei kleinen Jungen. Befürworter verweisen gerne auf die vermeintlichen Gefahren einer unterlassenen Beschneidung wie Phimosen, Penis-Karzinome oder Gebärmutterhalskrebs der Frau – und verschweigen geflissentlich, dass diese bei einer überwältigenden Mehrheit der Männer (und Frauen) natürlich nicht auftreten.

Fakt ist, dass die Tradition der nicht-religiösen Beschneidung beispielsweise in den USA keineswegs aufgeklärt-fortschrittlichen medizinischen Idealen entsprang, sondern vielmehr der prohibitiven, lustfeindlichen Anti-Masturbationsbewegung des 19. Jahrhunderts, deren wohl prominentester Propagandist ein gewisser Dr. Kellogs war. Fakt ist auch, dass es derzeit – auch in angloamerikanischen Ländern – keine nationale Gesundheitsorganisation oder Behörde gibt, die die männliche Beschneidung grundsätzlich als Routine empfiehlt. Die WHO stellt zwar fest, dass das Ansteckungsrisiko (für die Männer wohlgemerkt!) mit HIV bei ungeschütztem Verkehr für  beschnittene Männern geringer sei, empfiehlt aber selbstredend trotzdem dringend die Benutzung von Kondomen.

Eine Milliarde schwer Traumatisierte?

Auf der anderen Seite erscheinen die Warnungen vor vermeintlich schwerwiegenden medizinischen und psychosozialen Folgen der Beschneidung vollkommen übertrieben – vor allem im Hinblick darauf, dass weltweit laut unterschiedlichen Schätzungen bis zu ein Drittel der männlichen Bevölkerung beschnitten sind. Ivo Bozic hat dazu bereits sehr treffend festgestellt: „Wenn man ein Drittel der männlichen Weltbevölkerung als „verstümmelt“ und „versehrt“ kategorisieren möchte, dann sollte man schon eine sehr, sehr gute Faktenlage vorweisen können.“ Genau diese existiert aber nicht.

Wenn man daher nicht ernsthaft behaupten will, die überwältigende Mehrheit der beschnittenen Männer sei (weitgehend ohne ihr Wissen) schwer traumatisiert, wird man nicht umhin kommen, entsprechende Berichte als das zu bewerten, was sie sind: Anekdoten und tragische Einzelfälle (genau wie umgekehrt die oben erwähnten Phimosen). Um Missverständnissen vorzubeugen: „Anekdotisch“ bedeutet in diesem Sinne nicht „ausgedacht“, sondern eben einzelfallbezogen. Es gibt auch tausende „anekdotische“ Berichte über die Wirksamkeit von Homöopathie – aber einen wissenschaftlich-empirischen Beweis gibt es eben nicht.

Diese Feststellung soll keinesfalls das individuelle Trauma von unter ihrer Beschneidung leidenden Männern negieren, aber Fakt ist nun einmal: Wissenschaftlich eindeutig nachweisbar waren negative Folgen im Hinblick auf Gesundheit und Sexualität in einer überzeugenenden Mehrheit klinischer und sonstiger Studien nicht. Natürlich gibt es bei bis zu einer Milliarde betroffener Männer weltweit auch viele, bei denen die Beschneidung schwere körperliche oder psychische Folgen hatte. Wären diese allerdings in einem statistisch so signifikanten Bereich wie die Gegner suggerieren, könnte man ruhigen Gewissens davon ausgehen, dass es bereits seit Jahrzehnten eine wesentlich stärkere Bewegung gegen diese Praxis gäbe.

Am deutschen Wesen soll der Judenbengel genesen

Jenseits der wenigen vernünftigen Stimmen öffnet sich jedoch ein Abgrund an Bigotterie und unverhohlenem Hass, den man bis vor wenigen Wochen kaum für möglich gehalten, wie Jörg Lau in seinem Blog bei ZEIT Online treffend kommentiert:

„Heute morgen im Deutschlandfunk hören zu müssen, wie wohlmeinende deutsche Ärzte gleich zwei Weltreligionen freundliche Angebote machen, sich endlich bitte, bitte auf das zivilisatorische Niveau des Kölner Landgerichts hinaufhieven zu lassen, das war dann doch sehr erhellend. Jüdische Teilnehmer verwahrten sich gegen die Unterstellung, sie seien traumatisiert. Es half nichts. Der deutsche Therapeut wußte es besser. Leserbriefschreibern und Kommentatoren quillt der gesunde Menschenverstand aus den Tasten, dass es keine, aber auch gar keine akzeptable Begründung für die “Verstümmelung” von Knaben durch Vorhautentfernung gebe.“

In ähnlicher Manier meint so mancher linker Blogger dieser Tage ca. einer Milliarde beschnittenen Männern mit paternalistischem Gönnergestus zugestehen zu müssen, dass sie „auch ein einigermaßen erfülltes Sexualleben genießen“ können. Sorry guys, aber mehr als dieses „einigermaßen“ ist nicht drin, denn der fehlende Rest bleibt offenbar psychoanalytisch ausgebildeten linken Akademikern in den lichten Höhen eines universitären Marburger Elfenbeinturms vorbehalten. Gott sei’s geklagt.

Wenn das Feuilleton die „Holocaust-Keule“ schwingt

Auf nahezu sämtlichen Kommentar-, Leserbrief- und Blog-Spalten und sonstigen Klowänden des Internets wimmelt es vor lauter selbsternannten „Humanisten“, „Kinderschützern“ und Hobbyjuristen mit den immer selben Phrasen: Von „Entsetzen“ ist da die Rede, von „verbieten“, von „barabarisch“ und „archaisch“, von „zivilisiert“ und „widerwärtig“. Natürlich darf auch der widerwärtig-selbstgerechte Verweise auf „gerade wir als Deutsche“ nicht fehlen. Und das alles soll ihnen ausgerechnet jetzt „zufällig“ einfallen? Gegenfrage: Wann ist zuletzt ein Kind jüdischer Eltern in Deutschland an den Folgen von Misshandlung und/oder Vernachlässigung gestorben? Vor oder nach der Ermordung von sechs Millionen Juden durch deutsche Welterlöser?

Aber bitte, meint Christian Althoff im Westfalen-Blatt unter der Überschrift „Falsch verstandene Toleranz„, wer wird denn gleich die „Holocaust-Keule“ herausholen? Und gibt die Antwort auf das schöne Neonazi-Bonmot gleich selbst: „einzelne jüdische Funktionäre“ sind es gewesen, die offenbar dafür gesorgt haben, dass der „Kinderschutzbund zu einer Zeit schweigt, in der sein Wort wichtig wäre“. Aber noch ist das Abendland nicht verloren, denn: „So einfach lassen sich Religionsfreiheit und Kinderverstümmelung nun mal nicht unter einen Hut bringen.“ Dazu sekundiert Heide Oestreich in der TAZ: „Die Religionsfreiheit wiegt viel – aber keinesfalls mehr als das Recht, ein vollständiger Mensch zu bleiben.“ Damit dürfte der intellektuelle Offenbarungseid kurz bevorstehen, denn offenbar sind nach Oestreichs Meinung Milliarden männliche Juden, Muslime und säkular beschnittene Männer keine „vollständigen Menschen“.

Pornographie und Hass

Wer jetzt immer noch nicht sieht, welchen kulturellen und rassisitischen Ressentiments in dieser sogenannten „Debatte“ die Flutschleusen geöffnet werden, sollte sich zum Beispiel mal mit dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde zu Kiel, Walter Joshua Pannbacker, unterhalten. Dieser berichtet gegenüber publikative.org von hunderten von Hass-Emails und Briefen, die sich vom Vorwurf der „Kindesmisshandlung“ schnell zu unterschweilligen Drohungen a la „man habe das alles nicht gewusst, sonst …“ steigerten. Der Höhepunkt bildete laut Pannbacker ein getippter Brief, in dem angekündigt wurde, man werde die Juden demnächst erneut „holocaustieren“.

Für Pannbacker stellt die „pornographische und pathologische“ Debatte einen „Tiefpunkt“ dar: „Es scheint in Deutschland kein wichtigeres Probelm zu geben, als kleinen jüdischen und muslimischen Jungen auf den Penis zu schauen – und sich darüber selbstgerecht zu empören. Dass wir einen verwirrten Brief oder Drohanruf im Monat erhalten, werte ich als ’normal'“, berichtet Pannbacker aus dem Alltag seiner langjährigen Gemeindearbeit, „aber ein solches Ausmaß des Ressentiments hätte ich mir vorher nicht vorstellen können“. Er habe das Gefühl, sich gegenüber der Mehrheitsgesellschaft permanent existentiell rechtfertigen zu müssen: „Es ist so massiv, dass ich wirklich den Eindruck habe, wir brauchen momentan jeden Fürsprecher. Wenn ich auch nur einen Debattenteilnehmer halbwegs davon überzeugen kann, dass möglicherweise nicht alle seine Vorurteile stimmen, habe ich schon etwas erreicht.“ Er sei in dieser Hinsicht „bescheiden“ geworden.

PS

Worum es „uns“ in dieser Debatte geht, wenn man uns denn unbedingt eine inhatliche Positionierung jenseits der Kritik abverlangt, hat Jörg Lau dankenswerterweise bereits aufgeschrieben: Worum es (mir) in der Beschneidungsdebatte geht.

14 Kommentare zu „Beschneidung der Vernunft

  1. Führt doch einfach die Religionsfreiheit soweit das ein jeder selber entscheiden kann ob etwas entfernt wird oder nicht.

    Erst dann wird es zur Freiheit des einzelnen.

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  2. Was ein Baby empfindet, wenn ihm ohne Betäubung die Vorhaut entfernt wird, möchte ich mit nicht vorstellen. Dass dies schmerzlos sein soll, ist längst widerlegt. Ansonsten geht es eigentlich nicht um Traumatisierung. Eine Beschneidung führt zwangsläufig zu einer Verminderung der Lustempfindung und das wird auch von allen Männern bestätigt, die sich als Erwachsene etschieden haben, sich beschneiden zu lassen. Die Frage ist also, wie überhaupt jemand auf die Idee kommen kann, einen Menschen einen Teil seiner sexuellen Lustempfindung zu berauben, nur weil er jüdische, muslimische oder amerikanische Eltern hat. Die Lösung ist sicher nicht, dass wir unser Rechtsempfinden ändern, sondern dass Religionen sich weiterentwickeln. Ein Dialog und neue Interpretationen religiöser Vorgaben nicht nötig, nicht aber das weitere Wegsehen eines Unrechts oder gar eine Duldung, weil es ja nur um Jungen und Männer geht.

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  3. „Es gibt keine eindeutigen medizinischen Erkenntnisse über Vor- bzw. Nachteile der Vorhautbeschneidung bei kleinen Jungen.“ — Nun, das stimmt natürlich nicht. Entscheidend in der Debatte ist ja nicht, ob man Beschneidung „gut“ oder „weniger gut“ findet; es geht auch nicht um ein Verbot der Beschneidung schlechthin.

    Es gibt allerdings vor allem keine (nicht nur keine „eindeutigen“) Erkenntnisse über Vorteile der Vorhautbeschneidung bei kleinen Jungen. Bei kleinen Jungen! Das ist das wesentliche Element. Es ist sinnlos, aber die Religionen behaupten ja auch nicht primär, dass es sinnvoll sei, sondern dass es Gotte Befehl sei.

    Wenn aber eine Sache nicht sinnvoll, dafür aber in jedem Fall schmerzhaft (allein der Wundheilungsschmerz) ist, dann ist die Grenze auch für Religionen gestoppt, da sonst sehr viel mehr erlaubt sein müsste.

    Auch übersehen die Autoren, dass die gesamte Diskussion seit langer Zeit /eigentlich/ durch ist – nämlich bei den Mädchen. Auch hier gibt es die äquivalente Version, die Beschneidung der Klitoris-Vorhaut (sog. „Milde Sunna“). Auch hier kommt niemand auf die Idee – obwohl es diese OP als als „Schönheits-OP“ gibt, Untersuchungen über angebliche positive Effekte etc – diese nun doch wieder zulassen zu wollen. Im Gegenteil, Initiativen in den USA oder den Niederlanden etwa, zumindest diese oder „noch mildere“ Formen (Einritzen der Klitoris-Vorhaut, ohne Entfernung) zuzulassen, damit diese oder schlimmere Formen nicht „im Busch“, in der hiesigen Debatte „Hinterzimmer“ genannt, durchgeführt werden, scheiterten mehrmals, da die Menschenrechtsorganisationen auf einer grundsätzlichen Ächtung bestehen.

    Tatsächlich habe ich in der Debatte – und ich glaube, die wesentlichen Beiträge vollständig zu kennen – nicht eine Stimme gehört, die diesen Konsens aufheben will (im Gegenteil, der Bundestag hat ja die Bigotterie sogar noch in Worte gefasst).

    Und so kann man nebenbei auch feststellen, dass zB die Aussage, dass sich Männer ja nicht alle als Opfer sehen würden, sehr wenig als Argument wert ist. Erstens gibt es den sehr bekannten psychologischen Effekt der „Identifikation mit dem Aggressor“. Zweitens haben die, die sich hiervon gelöst haben, durchaus Wellen geschlagen, vor allem in den USA, wo die Beschneidung eben nicht in eine religiöse Erziehung, im Kontext eines Gottes-Gebotes, daherkam. Daher hatten die betroffenen Männer auch mehr Freiheiten, das, was ihnen angetan wurde, zu überdenken. Und nirgendwo ist die Gegenbewegung („Intactivists“ u.a.) so stark wie dort.

    Kurzum: „Es gibt im Hinblick auf die Abwägung der betroffenen Rechtsgüter keine eindeutige Antwort im Sinne von “richtig oder falsch”.“ — Das ist ausschließlich dann richtig, wenn man dies auch für die Beschneidungen an Mädchen, zumindest aber die „Milde Sunna“, aussagt.

    Das hat allerdings, wie gesagt, bisher niemand gewagt.

    Seid Ihr die ersten?!?

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  4. „Ich habe zum Besten an der Religion ein Verhältnis ähnlich dem eines Opernliebhabers, der selber kein Instrument spielt, und doch die Musik verehrt.“ Ein toller Satz(für mich)… Aus:
    http://blog.zeit.de/joerglau/2012/07/27/worum-es-in-der-beschneidungsdebatte-geht_5666

    …wie schnell sich gesellschaftliche Werte ändern, die Umstände variieren, wie vielschichtig Konflikte sind, wenn Kulturen und Religionen aufeinander treffen. Und dann das Gesetz: komplizierte Rechtsfindung, Recht gegen Moral, und so weiter. Wie unterschiedlich die eigene Erfahrung und dadurch wiederum Reflektion. Und doch meinen viele Menschen, die absolute Wahrheit zu kennen und beanspruchen sie für sich. Sie geben die Wahrheit aus den Händen, in dem Augenblick in dem sie meinen, sie gefunden zu haben.

    …und dabei liegt es auf der Hand: Das die unneugierigsten Menschen die Welt am besten erklären können, das ist mit Recht zu bezweifeln.

    Das man mit der Stigmatisierung dieses Rituals und den Menschen, über sprachliche und kulturelle Barrieren hinweg, möglicherweise für mehr Schmerz und Hass auf der Welt sorgen kann, als das Ritual selbst produzieren könnte, sollte man dabei bedenken.

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  5. Generell unterstütze ich die Botschaft der Autoren, die Diskussion von beiden Seiten zu betrachten und es sich nicht zu leicht zu machen.

    Beschneidung allgemein hat in der Tat ihre Vor- und Nachteile. Fakt ist, dass die jüdische Religion die Beschneidung bis zum 7. Tag vorschreibt, bei den Muslimen hingegen ist der Zeitpunkt der Beschneidung mWn sogar irrelevant.

    Probleme, die ich sehe, sind folgende:
    – Zeitpunkt der Beschneidung.
    Ich denke, dass es wenig bis keine Vorteile hat, die Beschneidung zu früh durchzuführen. Würde man das Alter auf 12-14 Jahre festsetzen und das Kind an der Entscheidung beteiligen – kein Thema! Erst mit Eintritt in die Pubertät kommen die Vorteile der Beschneidung auch überhaupt erst zum Tragen. Eine Beschneidung im frühsten Kindesalter lehne ich daher auch ab, weil es schlicht nicht notwendig ist.

    – Betäubung während der Beschneidung.
    In keinem religiösen Text steht, dass die Beschneidung ohne Betäubung praktiziert werden müsse – klar, weil es damals noch keine sinnvollen und risikolosen Möglichkeiten zur lokalen Betäubung gab.
    Wenn man schon unbedingt darauf besteht, einen Säugling beschneiden zu müssen, dann wäre doch wohl zumindest so viel Entgegenkommen zwischen Tradition und Moderne möglich, sich darauf zu einigen, es prinzipiell mit Betäubung zu machen. Ob und in welchem Umfang tatsächlich Schmerz gefühlt oder gar spätere psychische Schäden auftreten können ist in der Tat umstritten – aber es ist zweifellos möglich und es spricht rein gar nichts dagegen, dieses Risiko durch präventive Betäubung auszuschließen. Außer eben religiösen Hardlinern, die darauf beharren, das Ritual müsse heute exakt so wie vor x-hundert Jahren praktiziert werden – aber solche Hardliner, egal ob Christen, Moslems oder Juden, können nicht diejenigen sein, nach denen sich die Rechtsprechung oder Gesetzgebung richtet. Das gilt für alle religiösen Themen.

    Am liebsten wäre mir, man würde seitens des Gesetzgebers festlegen, dass die Beschneidung frühestens mit 12 Jahren, aber keinesfalls gegen den ausdrücklichen Willen des Kindes, durchgeführt werden darf – und zwingend mit Betäubung. So viel Entgegenkommen *wünsche* ich mir, aber das ist leider nicht realistisch.

    Ein Kompromiss wäre, die Beschneidung beim Säugling zwar weiterhin zuzulassen, aber zumindest gesetzlich die Betäubung zu fordern. So viel Entgegenkommen *fordere* ich von allen Religionsgemeinschaften.

    Was ich völlig ablehne wäre, die Beschneidungen im alten Stil weiterhin zu tolerieren, daher ohne Betäubung. Daher begrüße ich allgemein auch das Urteil aus Düsseldorf – eben weil es diese Praxis in die gesellschaftliche Diskussion stellt und möglicherweise etwas daran ändert.

    Natürlich ist es nun ein Problem, dass ausgerechnet im Judentum die 7-Tages-Grenze fixiert ist. Aber ganz im Ernst, das kann eigentlich kein Argument sein, denn würden wir das als Argument zulassen, müsste man auch all den anderen Quatsch, der in religiösen Texten steht (ja, damit ist auch die Bibel gemeint) zulassen – und dann würden wir auch wieder anfangen, fremdgehende Frauen zu steinigen (denn der Quatsch steht nicht nur im Koran, sondern leider auch im alten Testament, wäre daher für Juden und Christen ebenso verpflichtend. Zum Glück sind wir dank Aufklärung und co. aber mittlerweile weit genug, nicht mehr jedes Gebot aus religiösen Texten über wissenschaftliche Erkenntnisse oder den freien Willen der Menschen zu stellen. Und an dieser Stelle bewerte ich den freien Willen des Kindes, das sich mit 12 Jahren immer noch für eine Beschneidung entscheiden kann, in der Tat höher als irgend einen Halbsatz in einem religiösen Text.)

    Nebenbei: Ich habe nichts gegen Beschneidungen, bin sogar selbst beschnitten (allerdings aus medizinischen Gründen im Jugendalter). Allerdings bin ich auch ganz klar und deutlich für einen säkularen Staat, der durchaus auch die Kinder religiöser Menschen vor ihren Eltern schützt. Ob und wie stark die Kinder in die Religion eintauchen sollen bitte diese selbst entscheiden – und das geht mit 7 Tagen nunmal nicht.

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  6. „Wären diese allerdings in einem statistisch so signifikanten Bereich wie die Gegner suggerieren, könnte man ruhigen Gewissens davon ausgehen, dass es bereits seit Jahrzehnten eine wesentlich stärkere Bewegung gegen diese Praxis gäbe.“ – Nun, in den USA wurden in den 1970er Jahren noch 85% der Jungen beschnitten, heute nur noch 30%. Dieser rasante Rückgang ist auch das Resultat einer Bewegung. Im übrigen sind die Studien zu Beschneidung keineswegs allesamt unwissenschaftlich. Dass eine großangelegte Erhebung fehlt, geben sie selbst zu bedenken. Aber dafür braucht man viel Forschungsgeld und also politischen Willen. In Bezug auf das „anekdotische“ frage ich: Wann wäre denn die Schwelle erreicht, wo Einzelfälle eine Rolle spielen? Es gab ja ein paar Berichte über traumatische Erlebnisse (taz, Siegessäule), deren Autoren berichteten, dass sie ähnliches von Freunden wüssten: Ja, genau das ist anekdotisch, aber die Tatsache, dass diese Autoren in ihrem Freundeskreis andere finden, denen es ähnlich geht, lässt vermuten, dass der Einzelfall nicht einer von 1000, sondern eher einer von 20 ist. Sollte man das nicht lieber erstmal genau wissen wollen, bevor man sich so eindeutig pro Beschneidung positioniert und die Gefahren vom Tisch wischt?

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  7. Dieser Satz läßt die Frage offen ob das aus Unwissenheit propagiert wird oder eigene Meinung Unterstreichen soll.

    „Diese Feststellung soll keinesfalls das individuelle Trauma von unter ihrer Beschneidung leidenden Männern negieren, aber Fakt ist nun einmal: Wissenschaftlich eindeutig nachweisbar waren negative Folgen im Hinblick auf Gesundheit und Sexualität in einer überzeugenenden Mehrheit klinischer und sonstiger Studien nicht.“

    Längst bewiesene Tatsachen mit gibt es nicht abzutun ist schon sehr heikel.
    Man sollte sich mit einem Thema Objektiv beschäftigen bevor man sich öffentlich dazu äußert.

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  8. Danke für diesen differenzierten Artikel:

    Ich bin überzeugter Atheist und muss manchmal selbstkritisch feststellen, dass Religionen in mir Hassgefühle auslösen, die vielleicht nicht ganz fair sind.
    Grundsätzlich gilt dennoch: Wenn man den Religiösen den kleinen Finger hinhält nehmen sie die ganze Hand. Göttliche Wahrheit und Freiheit aller (sei es auch nur die bürgerliche Freiheit) vertragen sich nicht. Religionen tun immer dann aufgeklärt, wenn sie keine andere Möglichkeit haben, weil der Staat sie in Schach hält. Eine säkulare Gesellschaft ist eine, in der niemand Sonderrechte bekommt, nur weil er behauptet er handle im Auftrag eines unsichtbaren Weltraumpapas.
    That being said… Die Debatte um Beschneidungen ist keine Debatte über das Verhältnis von Staat und Religion. Es ist, wie Deniz Yücel es sehr treffend darlegte, eine Debatte über vermeintliche deutsche Zivilisiertheit und ÜBerlegenheit. Oder wie erklärt sich jemand, dass das größte religiöse Privileg, der staatliche Religionsunterricht, in dieser Debatte noch kein einziges Mal erwähnt wurde? Und deshalb geht es in dieser Debatte tatsächlich darum, dass die Deutschen den Juden und Moslems erzählen können wie Zivilisation geht. Das ist bei Moslems schon geschmacklos… bei den Juden spottet es jeder Beschreibung.

    Sobald die Debatte um die Abschaffung ALLER religiöser Privilegien geht, also einschließlich der christlichen, positioniere ich mich auf der Seite der Säkularen. Solange die Debatte aber nur dazu dient, dass die Mehrheit der Deutschen mal wieder ihrem Rassismus Luft machen und sich dabei auch noch für ihre Fortschrittlichkeit auf die Schulter klopfen kann is mir das zu erklig.

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  9. Im übrigen auch zu bedenken ist das einige Leute die beschneidung ihrer Kinder, sofern es Legal nicht geht, ganz einfach Illegal machen werden. Und das wird kaum im Interesse des Kindes sein weil schmerzhafter und unsauberer.
    Ansonsten muss ich sagen das ich manchmal stark bezweifle das Säuglinge die Prozedur als sonderlich Traumatisch oder ähnliches empfinden können, weil ich an deren Bewusstsein zweifle. Aber wär durchaus Interessant zu wissen wie das wirklich steht.

    @Detlef:
    „Und so kann man nebenbei auch feststellen, dass zB die Aussage, dass sich Männer ja nicht alle als Opfer sehen würden, sehr wenig als Argument wert ist. Erstens gibt es den sehr bekannten psychologischen Effekt der “Identifikation mit dem Aggressor”.“

    Fast richtig, die Männer sehen sich durchaus nicht alle als Opfer. Richtig wäre kaum Männer sehen sich als Opfer.
    Und was Sie hier von wegen Stockholm-Syndrom von sich geben wirkt ja fast so als wollten Sie Ärzte und Eltern hier mit Kriminellen gleichstellen, und es so darstellen als würden die Beschnittenen von ihrer eigenen Psyche überlistet und würden nur deshalb nicht erkennen was für ein Unrecht ihnen doch angetan wurde.

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  10. Zitat: „Der Eifer der hauptberuflich Kommentierenden macht daher mehr als nachdenklich: Von wenigen differenzierten Stimmen abgesehen […] schaffen es Befürworter und Gegner des Urteils scheinbar spielend, sich mit Scheuklappen ins Getümmel zu stürzen“ Nur der eigene Text ist richtig gut, nicht wahr, Jungs?! Wer rhetorisch abrüsten will, dem bleibt nichts anderes als gut zu begründen. Leider ist dies leichter gesagt als getan. Euer Artikel ist ein weiterer Beleg dafür. Wenigstens könntet Ihr doch bitte den Schimpf an konkrete Personen adressieren und wenn dies nicht möglich ist, auf die Denunziation verzichten.

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