Arsch huh und Gesicht zeigen

Natürlich ist man gegen Rassismus. Am liebsten gegen den der anderen. Aber es braucht mehr als nur Bekenntniskultur.

Von Anetta Kahane*

Folgt man dem Schwarm des Internets, gibt es in Deutschland nach Wortstatistik zweieinhalb Arten von Rassismus. Beim täglichen Check in den Suchmaschinen taucht die Begriffshülse Rassismus am häufigsten als etwas auf, gegen das man sich selbstverständlich wendet. Aktionen wie „Schweinau zeigt Gesicht gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus“ gibt es in unzähligen Varianten. Die Bekenntniskultur blüht: Schulen und Betriebe – überall spricht man sich gegen Rassismus aus, gut eingepackt zwischen Rechtsextremismus und Antisemitismus. Rote Karte, Flagge, Aktionswochen, Foren, Kampf, Telefon, Unis, Inis, Demos, meine Hand, Fußball, Zeichen oder gar „Arsch huh gegen Rassismus!“ Das klingt wie ein Volkssport, weil weiße Deutsche einfach zu faul am Computer sitzen.

Die zweitbeste Trefferquote hat das Wort Rassismus im Zusammenhang mit den USA. Da ist er bekanntlich zu Hause. Wenn dort Promis etwas Rassistisches sagen, steht es auch in Deutschland in der Zeitung. Den unterdrückten Schwarzen in Amerika gilt die Sympathie der Medien immer dann, wenn wieder etwas Schreckliches geschehen ist. Der Mord an dem jungen Schwarzen Trayvon Martin löste auch hierzulande Empörung aus. Die Amerikaner sind, das weiß hier jedes Kind, eben gottverdammte Rassisten. Und schließlich findet der Schwarm einen Rassismus, den es gar nicht gibt. Deshalb kommt er auch nur halb vor. Ein Plakat mit lachendem, schwarzem Jungen, hinter afrikanischer Trommel sitzend, wirbt für eine Musikschule. Daneben steht: „Wir haben Rhythmus im Blut“.

Plakat zu "Ich bin nicht Rappaport" des Berliner Schlosspark-Theaters (Pressefoto: DERDEHMEL)
Plakat zu "Ich bin nicht Rappaport" des Berliner Schlosspark-Theaters (Pressefoto: DERDEHMEL)

Das ist natürlich nicht rassistisch, verteidigen sich die Macher. Ebenso wenig wie schwarz bemalte Schauspieler auf deutschen Bühnen mit oder ohne Affenkostüm, die Afrikaner oder generell Fremde darstellen. Oder lustige Karikaturen im Polizeikalender. Mit dicklippigen Schwarzen, die mal wieder Ärger machen. Das sei Freiheit der Kunst, heißt es dann. Und wenn Afrodeutsche vor Discos abgewiesen werden, dann gewiss nur, weil schon so viele Schwarze drin sind.

Alltagsrassismus – Feiertagsrassismus, alles nur Einbildung von oberempfindlichen „Betroffenen“ oder schlimmer: von politisch Korrekten. Diejenigen, die hier das Sagen haben, entscheiden, was Rassismus ist und was nicht. Und da man ihn nur bei Amerikanern kennt oder bei richtig üblen Nazis, muss darüber auch nicht weiter nachgedacht werden.

Innenminister Friedrich berichtet von einem Anstieg von über 21 Prozent bei rassistisch motivierter Gewalt. Das kommt aus dem Bauch der Gesellschaft und nicht nur von durchgeknallten Nazis. Deutschland ist ein provinzielles Entwicklungsland mit seiner verleugnenden Sturheit. Der Schwarm ist dumm und ignorant, rassistische Wirklichkeit will niemand erkennen. Während hier von den „Fremden“ Integration gefordert wird, entwickelt sich die globalisierte Welt schnell weiter. Da wird es Deutschland schwer haben, mit seinem in die Vergangenheit gerichteten Blick, in der es noch eine weiße Herrenrasse gab. Nun muss sich diese weiße Gesellschaft selbst global integrieren – auch die deutsche. Dieses Land wird sich beeilen müssen, seine Bekenntniskultur gegen Rassismus in die Wirklichkeit zu übersetzen. Höchste Zeit, den „Arsch huh“ zu machen. Ob Schweinau nun Gesicht zeigt oder nicht!

13 Kommentare zu „Arsch huh und Gesicht zeigen

  1. Alles Richtig, allein ich fürchte – die Zustände in England, Italien oder Frankreich sind genausowenig rosig wie in Deutschland, was man in Deutschland gerne mal vergisst.

    Und ich bin überzeugt, dass auch schwarze Deutsche gerne faul am Computer sitzen;-)

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  2. Dieser Artikel spricht ein sehr wichtiges Thema an und beginnt auch sehr vielversprechend. Aber die letzten beiden Absätze sind leider höchstgradig plump und führen die Einleitungsthese ad absurdum. Sätze wie „Der Schwarm ist dumm und ignorant“ sind nichts als undifferenzierte Polemik auf Stammtischniveau. Derartige Beiträge helfen der bitter notwendigen Debatte um Alltagsrassismus genausowenig weiter wie die primitive Hetze vom linken oder rechten Rand.

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  3. Ich habe mir mehr Text gewünscht, aber vielleicht ist es richtig, erstmal diese Feststellung zu treffen, um an den Reaktionen zu belegen, dass Strategien zur Beschäftigung und Wahrnehmung allein zu vermeiden so vorhersagbar funktionieren. Dazke

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  4. Wie wahr, wie wahr !

    Den ganz „normalen“ Alltagsrassismus als „Schwarzer“ in Deutschland sozusagen hautnah zu erleben, davon kann Gunter Wallraff ausführlich berichten.

    Er war „undercover“ als Schwarzer verkleidet in unserer schönen Republik unterwegs. Bekenntniskultur ? Na ja, schauen Sie sich den Filmbeitrag von Gunter Wallraff erst einmal an :

    Beste Grüße
    G.

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  5. Danke für die Anregungen. Gerade, weil sie auch für mich unbequem sind.
    Denn echte, nicht nur symbolischer Antirassismus bedeutet mich, als „Weißen Deutschen“ Privilegien aufzugeben. Jämmerliche Privilegien.

    Sehr wichtig ist es, klarzustellen, dass auch „positiver Rassismus“ , der gar nicht böse gemeint ist, sogar als Lob gemeint sein kann, Rassismus ist:

    Ein Plakat mit lachendem, schwarzem Jungen, hinter afrikanischer Trommel sitzend, wirbt für eine Musikschule. Daneben steht: „Wir haben Rhythmus im Blut“.

    Es geht übrigens meiner Ansicht nach nicht um „Political Correctness“, geschweige denn jene euphemistischen Sprachregelungen, die manch einer irrtümlich für dem „Wesenskern“ der P.C. hält.
    Es geht um Ethik.

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  6. @Ghostrider

    Nach der Logik der Blogbetreiber müsste Herr Wallraff ja auch als schlimmer Rassist bezeichnet werden, da er sich als Weißer das Gesicht schwarz anmalt (eben alles macht, was z.b. Herrn Hallervorden vorgeworfen wird)

    Oder wird bei ihm (als einzigen) die Erklärung gelten gelassen, „es war ja nicht rassistisch gemeint“?

    Eine Stellungnahme dazu würde mich brennend interessieren

    Bitte sehr: http://www.publikative.org/2009/10/20/ein-angemalter-weiser-ist-kein-schwarzer/

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  7. @Hermann,

    statt Joachim Bliese hätte sich Dieter Hallervorden einen „echten“ schwarzen Schauspieler für die Rolle aussuchen können. Gunter Wallraff hingegen wollte nur ein Experiment durchführen und bildlich dokumentieren.
    Natürlich konnte sich Herr Wallraff hinterher die dunkle Farbe aus seinem Gesicht auswaschen. Noah Sow dagegen kann es nicht. Muß sie auch nicht ! Sie ist eine bildhübsche junge Frau, die sich nicht hinter ihrer Hautfarbe verstecken muß. Und ja, ich kann ihre Argumentation in Bezug auf Gunter Wallraff durchaus verstehen.

    In jungen Jahren habe ich an der Uni in Frankfurt/M eine Medizinstudentin aus Kamerun kennengelernt. Ihre Haut war so schwarz wie meine Seele 😉 Eine wunderbare Freundschaft, bis sich unsere Wege nach ca.3 1/2 Jahren trennten. Nach dem praktischen Jahr in einem Krankenhaus kehrte sie sozusagen als frisch gebackene Ärztin in ihr Heimatland zurück. Der Kontakt ist nie abgerissen. Heute blickt sie mit 60 auf eine arbeitsreiche Vergangenheit. Viele Menschenleben hat sie inzwischen gerettet und betet täglich zu Gott, er möge ihr noch lange Kraft und Energie für diesen Job schenken.

    Reich ist sie dabei nicht geworden, aber einmal sagte sie mir: „Weißt du, wie sich das anfühlt, wenn du gerade ein Menschenleben gerettet hast ? Es ist unbeschreiblich und gibt mir gleichzeitig Kraft um für die Menschen da zu sein, die mich brauchen.“ Damit meint sie Menschen, die sich normalerweise keinen Arzt leisten können, aber auch irgendwie leben möchten.

    Ja, schon damals war Claire ein ganz besonderer Mensch. Nur zu oft erlebte ich sie in Tränen aufgelöst, wenn wieder ein Rassist sie in Frankfurt/M übel beschimpft hatte. Das Vocabular wie so oft, weit unter der Gürtellinie.

    Auch sie konnte ihre dunkle Haut nicht auswaschen !

    Beste Grüße

    Ghostrider

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  8. Sehr geehrte Frau Kahane,

    gern wollte ich ihnen in ihren Ansichten folgen (zumindest bis zum letzten Absatz), nur leider ist ihr Kommentar unbrauchbar.
    Denn die darin enthaltenen Thesen sind genau das: Thesen ohne schlüssige Argumentation. Dabei kann es ja sein das sie stimmen, nur sollte man sie dann auch argumentativ untermauern.

    Beispiel 1: Die Anzahl von Online-Inititativen gegen Rassismus und der Umstand, dass es ebenso rassistische Foren im Internet gibt, zeigen, dass die Initiativen gegen Rassismus nur Worthülsen sind. Äääääh… Es mag leichter sein, im Internet gegen oder für etwas Stimmung zu machen, es ist daher sicherlich auch mal leichter daher gesagt, aber deswegen auch verlogen oder nicht ernst gemeint? Hier werden quantitative Merkmale und die Nähe von zwei gegensätzlich Phänomenen zueinander genommen, um eine, ja, eine These aufzustellen, die dann leblos im Raum hängen bleibt.

    Beispiel 2: Im zweiten Absatz wirft die Autorin Deutschen vor, sich über rassistisch motivierte Straftaten aufzuregen. Ja was denn nun? Sollen wir Rassismus schlecht finden und uns dagegen positionieren oder sollen wir es nicht? Woher weiß die Autorin, dass das geschmacklose Musikschulwerbeplakat nicht auch für Aufregung gesorgt hat? Darüber schweigt sie. Es ist sicherlich möglich, dass sich niemand darüber aufgeregt hat, das wissen wir nicht. Aber hier werden auch Äpfel mit Birnen verglichen. Namentlich ein MORD oder mindestens Totschlag, der weltweit von Medien aufgegriffen wurde mit einem Musikschulplakat aus irgendeiner Provinz. Es mag sein, dass die Disntanzierung von Rassismus nicht nur als direkte Abgrenzung von der Ausgrenzung selbst erfolgt, sondern auch als Frage von „Us and them“. Nur taugt das hier angeführte Beispiel nicht dafür, um Frau Kahanes These zu stützen.

    Und schließlich: „Da wird es Deutschland schwer haben, mit seinem in die Vergangenheit gerichteten Blick, in der es noch eine weiße Herrenrasse gab. Nun muss sich diese weiße Gesellschaft selbst global integrieren“ Really? Sie wollen (Alltags-)rassismus allen Ernstes mit nazistischer Rasseideologie gleichsetzen? Vielleicht befassen sie sich vorher lieber noch ein mal mit letzterer, mit der nazistischen Volksgemeinschaft und der Vorstellung vom sogenannten „rasseschädlichen Erbtyp“ und bürden dem Leser nicht derlei Unsinn auf. Denn spätestens hier verliert man (ich) dann die Lust, ihnen zu folgen. Nicht nur sind die Deutschen verlogen (weil sie sich ausgerechnet im Internet) so zahlreich gegen Rassismus aussprechen und es ja gleichzeitig auch noch rassistische Deutsche gibt. Außerdem sind sie auch noch Amerikahasser und ignorant, weil sie rassistisch motivierte Straftaten in den USA verurteilen(im Übrigen, die Taten der NSU haben sich die Deutschen nicht verurteilt?), nein, die Deutschen sind auch immer noch Imperialisten und, ja, Nazis. Sehen Sie, ich treten in Online Foren jedem gerne und enthusiastisch entgegen, der mir mit dem larmoyanten: „Immer wird auf uns Deutschen rumgehackt wegen der Nazis, immer wollen die anderen uns klein machen und immer wird uns gesagt, wir seien alle Täter.“ kommt. Denn das sagt keiner. Ach nein, Moment, sie sagen das. Und hier wird es nicht nur unlogisch und schwach argumentiert, hier werden sie unredlich. Denn es kann nicht heißen: „Ein mal Nazi, immer Nazi.“

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  9. @Ahoi

    Vlt. haben Sie den Text nicht ganz richtig verstanden.

    Der vermeintliche Shitstorm gegen Frau Kuttner und der Gegen-shitstorm
    (gegen angeblich übersensiblen Schwarzen bzw. zuviel „PC“)
    zeigt durchaus: Einzelne sind zwar durchaus weiter. Aber flächendeckend
    wird an solchen „Events“ heute teilgenommen, weil es sich „so gehört“, wie man vlt. früher zur Kirche gegangen ist. „Man“ ist ja schliesslich gegen Rassismus, Rechtsextremismus usw..
    Zugegebenermaßen tragen oft die Massenmedien und Politiker dazu bei, die Menschen zu Einstellungen zu drängen, ohne einen ehrlichen und transparenten Beitrag zu liefern. Dafür können die Betroffenen aber auch nichts, was auch gänzlich anderen Fällen gilt, etwa bei dem Thema Organspende.

    Der 2te Absatz wirft nicht generell dem „Deutschen“ etwas vor. Wenn überhaupt stellt er richtig fest, dass der Rassismus in den USA,
    weil wesentlich offensichtlicher, als Deckmantel für ein negative, mit Vorurteilen behaftete Sichtweise herhalten muss. Sie machen das übrigens auch, indem Sie die Gemeinsamkeiten des erwähntes Mordes und ein Musikschulplakat bezweifeln. In beiden Fällen wurde jemand alleine aufgrund seiner Hautfarbe klassifiziert, das nennt man Rassismus.
    Der eine wurde vermutlich als Bedrohung wahrgenommen und erschossen, mit Sicherheit aber wurde sein Fall deswegen sofort als erledigt abgehakt).
    Dem Anderen wird eben auch aufgrund seiner Farbe unterstellt, er hätte
    Trommelfähigkeiten von Geburt an.
    Natürlich wirft keiner der Schule einen Mord vor 😉 aber es ändert eben nichts daran, dass viele nur den eindeutigen Fall in den Staaten erkennen,
    aber gleichzeitig den hiesigen für „harmlos“ halten. Gottseidank ist so, das macht ihn allerdings nicht weniger rassistisch.
    Auch dieses Jahr haben diverse karnevalsgruppen es nicht geschafft, ihre
    „Neger“kostüme abzulegen, und das waren Leute, die vermutlich beim nächsten „Arsch HuH“ gegen Rechtsextreme/Rassisten begeistert auf die Strasse gehen, um Flagge zu zeigen.

    Ich meine, der Text will hauptsächlich auf diese Art von Widerspruch hinweisen, und nicht unbedingt als Grundsatzpapier zur zukünftigen Gestaltung Deutschlands 😉

    Cheers

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