Springtime for Sloterdijk

Die deutschen  Top-Intellektuellen? Die heißen angeblich Joseph Ratzinger, Martin Walser und Günter Grass. Und dann kommt in diesem deutschen Frühling auch noch Peter Sloterdijk dazu, der über die Selbstzähmung der Deutschen referiert. Ein Problem mit dem Rechtsextremismus haben wir laut Slotterdijk zudem schon einmal gar nicht, denn um die paar Radikalen kümmert sich, so der obrigkeitshörige Intellektuelle, schon die Polizei.

Von Ramona Ambs, zuerst veröffentlicht bei Hagalil

Was raus muss, muss raus.
Was raus muss, muss raus.

Es ist kein Wunder, dass es jetzt aus allem herausbricht. Es ist Frühling. Da lässt man schon mal sein blaues Band flattern, oder seine braune Fahne… – je nachdem eben. Schon vor fünf Jahren – es war auch grade Frühling – hatte das Magazin Cicero eine Liste der 500 bedeutendsten Intellektuellen vorgestellt. Die ersten drei Plätze belegten (tatatataaa!): Joseph Ratzinger, Martin Walser und Günter Grass. Ich will nicht verhehlen, dass da was in mir rausbricht. Es handelt sich dabei weder um eine braune Fahne, noch um ein blaues Band. Es handelt sich vielmehr um blankes Entsetzen.

Das sind die deutschen Top-Intellektuellen? Wenn man mal davon absieht, dass diesen Favoriten so ziemlich alles fehlt, was einen Intellektuellen ausmacht (also zum Beispiel kritische und selbstkritische Analyse, Herrschaftsferne, klarer Verstand…), muss man auch feststellen: die Top Drei besteht aus lauter Typen, die irgendein Problem mit Juden oder Judentum haben. Entweder sie beten für unsere Bekehrung, ducken sich vor herbeiphantasierten jüdischen Keulen oder schreiben Gedichte, die, na lassen wir das… Jedenfalls ist die Bezeichnung Intellektueller für diese Personen eher unpassend.

Zurück zum Frühling. Speziell dem deutschen Frühling 2012. Das ist nämlich ein ganz besonderer Frühling. Ein Frühling, in dem es aus Vielen rausbricht. Rausbrechen muss, wie man als deutscher Intellektueller im neusten Grass`schen Duktus wohl sagen würde.

Dem Intellektuellen auf Platz 20 der Cicero-Liste ist diesen Frühling auch wieder etwas rausgebrochen. Platz 20 heisst Sloterdijk und gilt gemeinhin als Philosoph. Und er ist überdies recht bekannt, denn er moderiert gemeinsam mit seinem Kollegen Safranski (übrigens Platz 136) das Philosophische Quartett im ZDF. In eben dieser Sendung ist es aus ihm rausgebrochen. Mitten im Frühling, am 25. März, um genau zu sein. Da wollte Sloterdijk endlich mal klarstellen, dass Deutschland wieder wer ist in der Welt. Weil sich Deutschland nämlich selbst gezähmt hat. Und deshalb brauchts von außen und auch sonst keine Aufpasser mehr, da sind dann „Hunde und Hyänen“, die Deutschlands Souveränität bedrohen, unbedingt an der Leine zu halten. Konkret klang das so:

„Die Erzählung sagt uns dass in der Mitte Europas in der Gestalt des Deutschen Reiches eine unbezähmbare politische Unruhegröße existiert hat, die nach 1945 nur wieder hat auf die Beine hat kommen können nach dem Debakel, indem sie sich selber als ein riesiges sozusagen politisches Selbstzähmungsexperiment konstituiert. Das läuft seit 65 Jahren in den Formen die wir kennen, also die Freiheit, von der Sie (gemeint ist Juli Zeh) sprechen, würde eigentlich beginnen, dass wir sagen: Diese, die letzen Angehörigen der Monsterzeit, die sterben jetzt gerade hinweg. Wir werden von diesen Ungeheuern nicht mehr viel zu sehen bekommen und die Reste von Links- und Rechtsradikalismus sind fest in der Hand der deutschen Polizei (…) Wir wissen, dass es fünftausend Linksradikale und zehntausend Rechtsradikale in der Bundesrepublik gibt und zweihundertsiebzigtausend Polizisten – ich glaube über das Thema braucht man nicht weiter zu sprechen.. (…) „Das Monster ist in der Tat gezähmt und wir lassen uns nicht darauf ein ( an dieser Stelle hebt er seinen Zeigefinger!) dass nun in anderen Nationen diese Hunde und Hyänen der sozusagen in einer hysterischen, hystersierenden Geschichtsschreibung wieder von der Leine gelassen werden. Das haben wir ja in den letzten Monaten und Jahren ja beobachtet in dem Moment, wo Deutschland so etwas wie mit der Manifestation eigener Interessen auf dem europäischen Markt sichtbar geworden ist, hat man diese Hunde wieder von der Leine gelassen.“

Aha. Soso.

Dass man Juden schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts (wenn man grade mal wieder dabei ist, sie zu entmenschlichen) gerne als „Hunde und Hyänen“ bezeichnete, ist natürlich reiner Zufall. Wen Sloterdijk allerdings mit „Hunden und Hyänen“ konkret meint, bleibt wohl auf immer sein Geheimnis. Und auch, wer sie von der Leine lässt. Der geneigte Zuhörer darf sich seine eigenen Gedanken dazu machen. Da wird ihm schon was einfallen, dem gezähmten deutschen Wesen.

Wie hervorragend die deutsche Selbstzähmung funktioniert hat, kann man auch vorzüglich an Sloterdijk selbst beobachten. Besonders dann, wenn das Ungeheuer in ihm hervorbricht und den Hunden und Hyänen mit dem Zeigefinger droht.

Achja. Und nur weil wir grade dabei sind. Das aktuelle Problem mit dem Rechtsradikalismus damit abzutun, dass man 270000 Polizisten habe, aber nur 10000 Rechtsradikale, ist, nach der Mordserie der NSU und den Verstrickungen mit dem Verfassungsschutz, doch wohl auch ein seltsamer Witz. Oder eine sogenante logische Reaktion nach der erfolgreichen deutschen Selbstzähmung. Wer weiß.

Ich jedenfalls weiß jetzt, dass der deutsche Frühling seltsame Blüten treibt. Vor allem bei den sogenannten deutschen Intellektuellen… Hoffen wir, dass dieser Frühling bald von einem warmen und guten Sommer abgelöst wird.

Die Sendung mit Sloterdijk zum Nachgucken:
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/kanaluebersicht/aktuellste/156#/kanaluebersicht/156

Siehe auch: Querfront gegen die “Endlösung”Der Shitstorm der schweigenden MehrheitGrass – der Sarrazin für Israelkritiker?

11 Kommentare zu „Springtime for Sloterdijk

  1. zumindest in einem Punkt hat er — auch wenn er das evt. gar nicht intendiert hat — natürlich recht: ein paar Tausend Rechtsradikale sind in der Tat nicht das Problem. Fünf oder zehn Prozent Spinner können demokratische Gesellschaften durchaus vertragen. Der ständige Fingerzeig auf NPD & Co. geht zumindest mir vor allem deshalb auf den Senkel, weil es so wunderbar abzulenken erlaubt vom wesentlich entscheidenderen Punkt, dem Extremismus der Mitte.

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  2. Gut hingesehen in Sachen Ökonomiedarwinist Sloterdijk.
    Ich stimme auch der gefühlten Aussage zu, dass man die genannten paar „Denker“ nicht als die Speerspitze des deutschen, philosophischen Intellektualimus hinnehmen kann.
    Nur passt Grass nicht ganz in diese Galerie der rechten Coming-Outs, da er in keinster Weise Antisemit ist und keinerlei rechtes oder antisemitisches Gedankengut transportiert hat, im Gegenteil (man vergleiche nur die relevanten Kritikpunkte Grass‘ mit den Kernthesen der israelischen Linken). Ich bin kein Welt-Leser oder Broder-Follower, für mich ist Grass „der Braune“ kein Allgemeingut und werde es auch weiterhin nicht als solches stehen lassen.

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  3. Wird der neudeutsche Chauvinismus, der im Zuge der Euro-Krise aufflammt eigentlich besser, wenn er israelfreundlich daherkommt? Es sind ja gerade die deutschen Eliten, die stets dass gelingen deutsch-jüdischer Solidarität am Umfang deutscher Waffenlieferungen an den israelischen Staat messen und Europa als radikalkapitalistisches Rationalisierungsprojekt in Angriff nehmen, gegen das die Agenda 2010 ein Kindergeburtstag war. Den Menschen in den Ländern Europas, die unter dem autoritären der deutschen Eliten leiden, ist es herzlich egal, ob z.B. eine Bundeskanzlerin (wieder einmal) erklärt, dass Israels Sicherheit deutsche Staatsräson wäre und deutsche Intellektuelle, wie die Schreiber von Publikative.org, dann zustimmend nicken und bescheinigen, dass jemand aus der Geschichte gelernt hat.

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  4. Ein deutscher Professor für Philosophie (!) nennt Menschen, weil sie Deutschlands Politik kritisieren, „Hunde und Hyänen“. In einer öffentlich-rechtlichen Fernsehsendung. Und niemand regt sich über diese Wortwahl auf. Auch nicht der ehemalige deutsche Außenminister, der neben ihm sitzt, als er das sagt. Was sagt uns das?

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  5. Ich teile ja grundsätzlich die Abscheu gegen Sloterdijk, aber dass man den nicht als Intellektuellen bezeichnen kann stimmt in meinen Augen nicht, wenn ich mir die Wikipediadefinition so ansehe…:
    „Der Begriff Intellektueller (lat intellegere – verstehen) bezeichnet im Allgemeinen eine Person, die – meist aufgrund ihrer Ausbildung und Tätigkeit – wissenschaftlich oder künstlerisch gebildet ist. […] Für die Soziologie (Joseph Schumpeter folgend) sind intellektuelle Menschen solche, die zu reden und zu schreiben verstehen und mit ihrer Kritik öffentlich Dinge zur Sprache bringen, die an sich außerhalb ihrer eigenen Sachkompetenzen und Verantwortungsbereiche liegen. Ihre Erfolgschance beruht auf der Legitimitationsfähigkeit durch in der jeweiligen Gesellschaft verbindliche Grundwerte und liegt vor allem in ihrem Störpotenzial.“
    Alle im Artikel (zu recht) kritisierten sind hochgebildete Leute in meinen Augen. Wie und warum die oft zu so komplett anderen Denkergebnissen kommen als die geschätzte Autorin (und ich auch)steht doch auf einem anderen Blatt. „Intellektuell“ ist nun mal kein Synonym für „gut“, „mutig“ oder „herrschaftsfern“.

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  6. ich bin mir ja ziemlich sicher, dass er nicht das sagen wollte, was ich daraus höre, wenn er behauptet die reste des „rechtsextremismus“ wären fest in der hand der polizei…

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  7. klasse schreibe.

    gibt’s hier mehr davon? wie suchen? am besten mit „ramona ambs publikative“ ins guglchen oder so (oder doch „ramona ambs publicatice“? falls der „publicatice“-sörtschschlüssel dank des taz-scherzchens sich doch mit der zeit durchsetzt, besser beides ausprobieren) (gemeint damit ist der hier unten verlinkte taz-artikel: http://www.publikative.org/2012/03/04/ein-angeblicher-polizei-kalender-und-viele-offene-fragen/ )

    an c.: ja, das… verbuchen wir das unter philosophistische intellektorale rezeptionstheorie.

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