Grass – der Sarrazin für Israelkritiker?

Droht Deutschland nach der Sarrazin-Debatte nun eine Grass-Debatte, die möglicherweise noch unappetitlicher wird? Jein, denn neben einigen Parallelen gibt es auch große Unterschiede.

Von Patrick Gensing

Während sich die Kommentatoren in den Zeitungen – im Gegensatz zur Sarrazin-Debatte – im Fall Grass überwiegend einig sind, dass der Nobelpreisträger mit seinem Gedicht über den Aggressor Israel ein beachtliches politisches Unwissen sowie peinliche Selbstverliebtheit bewiesen hat, überschlägt sich in den Netzforen die Begeisterung darüber, dass es dem „Juden unter den Staaten“ endlich einmal gezeigt wurde.

„Die da oben…“

Legitime Israel-Kritik? Rechte "Antizionisten" in Aktion (Foto Marek Peters)

Ähnlich zur Sarrazin-Debatte ist auch bei Grass` die Selbststilisierung als mutiger Tabubrecher zu beobachten, der sich nicht von angeblichen Sprechverboten aufhalten lasse. Bei Sarrazin war dies besonders absurd, da er sich der Massenmedien bediente, um seine kruden Thesen zu verbreiten und sein Buch zu bewerben. Auch Grass setzt auf große Medien, erntet aber schärfere Kritik und mehr Widerspruch – vor allem auch bei den Meinungsführern von BILD und Spiegel, die in Sachen Sarrazin Volkes Meinung teilten und noch befeuerten.

Viel Zustimmung also vom armen, von den Juden bevormundeten und von Israel bedrohten kleinen Deutschen, Widerspruch von den Kommentatoren in den Medien – aus der Wissenschaft sowieso: eine schwierige Situation, denn das Bauchgefühl von „Otto Normalverbraucher“ und die Verschwörungstheorien behaupten stets, es gebe eine gleichgeschaltete Medienlandschaft, was durch die fast einhellige Verurteilung von Grass Befindlichkeitsversen scheinbar bestätigt wird. Sarrazin konnte sich der Unterstützung großer Teile der Bevölkerung und vieler Medien sicher sein, nur die „naiven Gutmenschen“ störten die deutsche Gen- und Gemüsehändlerdebatte. Dennoch strapazierte Sarrazin einen historischen Vergleich, um die Kritik an seinen Thesen als unredlich zu disqualifizieren:

In einem Gastbeitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Dezember 2010 warf Sarrazin Kritikern wie Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff vor, sich wie „deutsche Inquisitoren“ zu verhalten: „Die Bundeskanzlerin eröffnete den Reigen und setzte mein Buch auf den Index, so wie es früher die Heilige Inquisition tat.“ Sarrazin vertrat die Meinung, er hätte, wenn gewollt, eine „Staatskrise auslösen können“ und sprach von Feinden „in Politik und Medien“.

Gleichschaltung der Meinung 

Grass benutzt einen historischen Vergleich, der die NS-Zeit glatt verharmlost: Grass fühlt sich nach der heftigen Kritik an seinem Israel-Gedicht zunächst missverstanden und unterstellt seinen Gegnern zudem Methoden, die von den Nazis verwendet wurden. Es sei ihm „aufgefallen, dass in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund steht“, sagte der 84-Jährige in einem NDR-Interview. Zudem beklagte Grass eine Kampagne und Rufmord.

Er warf den Medien vor, nicht auf das Inhalt des Gedichts einzugehen, was ebenfalls eine beachtliche Realitätsverweigerung dokumentiert, schaut man sich die zahlreichen Analysen von Grass` Gesagtem an. Sarrazin argumentierte ähnlich, in der FAZ schrieb er: „Gleichwohl hat die beispiellose Medienkampagne mit ihren verleumderischen Zügen einen Rufschaden bei einem Teil jener Zeitgenossen produziert, die sich für das Buch und seine Inhalte nicht weiter interessierten.“ Grass und Sarrazin umgehen mit der Behauptung, es gebe keine sachliche Kritik, auf die vorgetragene Kritik einzugehen.

Argumente spielen keine Rolle

Argumente, in den zahlreichen Kommentaren und Analysen vorgetragen, warum Grass` lyrischer Erstschlag  vollkommen daneben ist, spielen also keine Rolle mehr, wie sie ohnehin keine Rolle spielen – denn es geht um Gefühle – so übrigens auch bei Sarrazin. Meinungsführer wie Sarrazin und Grass liefern ihren Anhängern die Bestätigung für die eigenen dumpfen Vorurteile oder Ressentiments, sie sind die Könige der Netztrolle. Wer Grass` Schuldabwehr kritisiert, wird mit angeblichen oder tatsächlichen Verbrechen der Israelis gegen Palästinenser konfrontiert. Die Islamkritiker warfen ihren Kritikern vor, sie wollten sich moralisch erhöhen; die Israelkritiker haben die Moral bereits gepachtet.

Sarrazin auf den Seiten der NPD (Screenshot vom 11.9.2010)
Sarrazin auf den Seiten der NPD (Screenshot vom 11.9.2010)

Die Islamkritik stützt sich auf dumpfe Vorurteile in einer entsicherten  Gesellschaft, auf ein verrohendes Bürgertum und auf sich radikalisierende Konservative, die gegen ihre Bedeutungslosigkeit ankämpfen – unterstützt von Medien, die ein gutes Geschäft auf Kosten von Migranten wittern. Seit Breivik ist es allerdings deutlich ruhiger um die „Islamkritik“ geworden. Und Griechen und Schweizer ziehen einfach nicht so als Feindbilder.

Die Islamkritik ist ein europäisches Phänomen, das auf gemeinsamen Vorurteilen basiert, während das Ressentiment des Antisemitismus eine jahrhundertealte Tradition hat und im Holocaust gipfelte, sich danach durch Schuldabwehr und -relativierung äußerte. Allerdings nimmt die rassistische Islamkritik mittlerweile durchaus Züge eines Ressentiments an, wenn allen Muslimen unterstellt wird, sie seien Teil eines gigantischen Plans zur Weltherrschaft, auch durch das Tarnen mit aufklärerischen Motiven sowie der Solidarität mit Israel versuchen sich Rechtspopulisten, eine moralische Basis für ihren Rassismus zu bauen. Vorurteile lassen sich möglicherweise durch Fakten und eigenes Erleben bisweilen noch bekämpfen, ein Ressentiment braucht hingegen gar keinen Bezug zur Realität mehr. Der Staat Israel spielt für die meisten Bundesbürger im Alltag keine Rolle, außenpolitische Themen sind den meisten herzlich egal – außer, wenn es um Israel geht. Woran das wohl liegt?

Mit letzter Tinte auf die richtige Seite der Geschichte

Grass muss sich nicht einmal mehr – wie Sarrazin – pseudowissenschaftlicher Erkenntnisse bedienen, er behauptet einfach so, Israel plane einen nuklearen Erstschlag gegen den eigentlich friedlichen, nur etwas vorlauten Iran. Dass die iranische Führung generell gegen den jüdischen Staat hetzt, während Israel mit einem Militärschlag gegen Atomanlagen droht und nicht die staatliche Existenz des Iran in Frage stellt, spielt bei Grass keine Rolle, er dreht diese Tatsache schlicht um. Ein atomarer Erstschlag gegen den Iran stand allerdings bislang nirgendwo auch nur ansatzweise zur Debatte – Grass hat sich dies in seinem Lübecker Zuhause offenkundig schlicht ausgedacht, da seine Strategie, endlich auf der Seite der Guten zu stehen, sonst nicht aufgeht.

Die niederländische Zeitung de Volkskrant: Gerade jemand, der die Uniform der Waffen-SS getragen hat, ist eine Art Erfahrungsexperte auf dem Gebiet der Bedrohung des Weltfriedens. Dass das Gedicht an sich nicht besonders gut ist, hat mit dem Genre zu tun, es ist Agitprop.

Das deutsche Volk jubelt Grass zu, denn eigentlich weiß es ja jeder gefühlsmäßig: Israel ist böse. Und da tut es, besonders als Deutscher, verdammt gut, endlich auf der richtigen Seite zu stehen, um einen neuen Holocaust, nämlich die Vernichtung des iranischen Volkes durch die Juden, verhindern zu können. Das ist der Unterschied zwischen Sarrazin und Grass: Sarrazin setzte auf offensichtliche Vorurteile gegen tatsächlich vorhandene Migranten. Der Nobelpreisträger legt beim Schälen der Kartoffel nun das Innere frei. Was unter der dünnen Schale der Zivilisation hervortritt, ist erschreckend – aber leider auch nicht überraschend.

Siehe auch: Beim Schälen der KartoffelNeues von der Waffen-SS

35 Kommentare zu „Grass – der Sarrazin für Israelkritiker?

  1. gibts ne meinung zur kritik von ahmadinedschad am westen!? gibts ne meinung dazu das im ungremien alle westliche vertreter denn raum verlassen wenn jemand mit derartiger kritik kommt? dürfen wir kritisieren , andere nicht? ich hab viel von diesem blod gehalten aber in diesem thema bin ich anderer meinung!

    Ich mein lieg ich falsch damit das der westen die welt seit jahrhunderten terrorisiert!? Nahezu die gesamte welt hat unter uns zu leiden … wir breiten uns aus wie irgend so ein assoziales Pack, Kakerlaken wäre wohl ein passend ekliger begriff für so etwas das keiner will!

    ja für mich hängen die meisten Probleme zusammen und man kann das eine nicht aus dem anderen ziehen!

    Oh doch das geht sehr wohl , man kann ein gedicht nehmen das man nicht ganz versteht und dann anstatt darauf einzugehen , die jahre alte mantra artige wiederholung senden und alle sind wieder glücklich!

    Wir bringen der Welt unsere Kultur und erwarten assimilation bei uns, …piiiuuu piiiu bummmm bammm batz ddddddddddddddd

    weltkrieg? Nein, Danke.

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  2. Pingback: Transatlantikblog
  3. Die heftigen Reaktionen überall sind ein bisschen zu viel des Guten (oder Schlechten).

    Tom Segev findet dagegen zurecht, das sei

    „ein bisschen pathetisch, dass da ein deutscher Schriftsteller sein Schweigen brechen muss, wie wenn irgendwer über das israelische Atomprojekt jemals geschwiegen hätte.

    Es gibt unzählige Bücher darüber, wenn Sie ins Internet einsteigen, dann sehen Sie Hunderte von, Tausende von Menschen, die darüber diskutieren. Also, deshalb …

    Ich fand es auch ein bisschen egozentrisch. Wissen Sie, wie wenn … Bis ich mein Schweigen nicht breche, hat das noch niemand gesagt.

    Er sagt wirklich nichts, was niemand anders (schon) gesagt hat.“

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  4. Dieses reflexhafte Vorwerfen von Antisemitismus hier und anderswo ist leider einfach nur noch peinlich und macht jede rationale Kritik unmöglich.

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  5. Wir sind die Borg sie werden assimiliert, Widerstand ist zwecklos.
    Ja ich verurteile Israel auch und zwar nicht weil sie Jüdischen Glaubens sind sondern weil sie schlichtweg aus ihrer Vergangenheit nichts gelernt haben. Ich finde die Diskussion auch müßig. Wenn ich mich mit Freunden darüber unterhalte bringe ich als Argument immer die South Park Folge mit der Stadtflagge an, in der sich die Alten darüber Aufregen das dort ein schwarze gehängt wird, was den jungen nichtmal aufällt weil sie gar nicht in diesen Schienen denken. Genauso verhält sich das bei mir auch mit Israel, es ist mir scheißegal welchen Glauben die haben und wenn es Hindus oder sie an die allmacht des Heiligen Biers glauben würden ist mir das immer noch scheißegal. Ihre Aussenpolitik ist scheiße, Sie stiften nur Unfrieden und Zwietracht wo sie auftreten wenn man Sie kritisiert drücken sie auf die Tränendrüse ala, Das dürft ihr bösen gar nicht schaut euch mal eure Vergangenheit an. Fuck off jeder hat eine Vergangenheit, die Katholische Kirche hat im Namen der Inquistion und später im Namen der Christanisierung Millionen Menschen auf dem Gewissen, die Amis haben fast ihre ganze Urbevölkerung ausgerottet und den Rest in Ghettos, Reservate gesteckt und unterdrückt, genauso der Staat Israel die ich für die wirklichen Antisemiten der Neuzeit halte die ihren Nachbarn das Wasser abgraben und wenn die nicht spuren mit Krieg überziehen oder sie terrorisieren.
    Unsere Deutsche Vergangenheit darf man dabei natürlich dabei auch nicht vergessen, aber und das glaube ich ganz wirklich sind die Deutschen die einzigen die daraus etwas gelernt haben. Diese Lehre weicht aber in den Zeiten das Ressourcen knapp werden immer weiter auf und das ist schlimm genug.
    Ich hab auch keinen Bock auf einen Neuen Weltkrieg also lasst uns solche Kriegstreiber verdammt nochmal verurteilen und kritisieren.

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  6. Lieber Hans,
    eine Kritik an der Politik des „Westens“ ist durchaus gerechtfertigt. Die Kritik von Leuten wie Ahmadinedschad ist allerdings so plump, verschwörungstheoretisch und antisemitisch, dass ich nicht verstehen kann, wie man ernsthaft fordern kann, sich mit eben dieser genauer zu beschäftigen.
    Ihr Vergleich der „westlichen Bevölkerung“, die Sie als „asozial“ (die Nazis haben Menschen, die sie als solche titulierten übrigens ermordet) und/oder als „Kakerlaken“ (zur Symbolik der Sie sich hier bedienen muss ich wirklich nicht den hundersten Text schreiben) ist schlicht weg keine Kritik, sondern ein grob menschenverachtendes und zumindest strukturell antisemitisches Gebrabbel, wie es von der Mehrheit der Deutschen (Linken) immer wieder von sich gegeben wird. Wie sagten Sie so schön? Mantraartige Wiederholung dieser, aber Ihrer eigenen Floskeln.
    Ich kann Ihnen versichern, dass es den wenigsten aufgeklärten Menschen Spaß macht immer wieder die selbe Kritik an solchen Argumentationen und der Dummheit der Mehrheitsbevölkerung zu äußern. Nichtsdestotrotz erscheint es bei Beiträgen wie dem ihrigen nicht zu vermeiden, dass es immer wieder versucht wird, Ihnen diese Kritik zu erklären.
    Mit freundlichen Grüßen,
    .

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  7. Leider wurde mein letzter Beitrag nicht freigeschaltet – wohl, weil Patrick dann in Argumentationsnöte käme.

    Nächster Versuch:

    1. Bestreitest du es, dass Israel und die USA einen Angriffskrieg gegen den Iran planen? Dass der nicht atomar sein wird ist Resultat einfachster Vernunft, weil die Welt zwar einen Krieg gegen den Iran tolerieren würde, aber sicherlich keinen Nuklearschlag.

    2. Siehst du ernsthaft die Gefahr, dass Ahmadinedschad einen Angriffskrieg gegen Israel führen könnte? Hälst du diese Angst auch nur im Ansatz für Gerechtfertigt?!? Wohl kaum, weil jedem die Konsequenzen bewusst wären.

    3. Heißt du es gut, dass Deutschland U-Boote an Israel verkauft, die theoretisch Atomwaffen in nächste Nähe der Stadttore Teherans stationiert werden könnten?!?

    4. Denkst du wirklich, dass der Iran Atomwaffen hat oder nahe daran ist, welche zu bekommen – was ja der Kriegsgrund wäre? Hast du – im Gegensatz zu allen anderen – Beweise dafür, die Stichhaltig genug sind, deshalb in den Krieg zu ziehen?

    5. Hätte der Iran tatsächlich Atomwaffen oder das Bestreben, welche zu bekommen: Würde das einen Krieg rechtfertigen?

    6. Falls ja: Rechtfertigt auch das israelische Atomwaffenprogramm, dass streng geheim an der Öffentlichkeit vorbei betrieben wurde, einen Angriffskrieg auf Israel?

    7. Falls nein: Warum die unterschiedliche Meinung? Mit welchem Recht darf der eine Staat Atomwaffen haben, der andere aber nicht? Weil Israel unser Freund und der Iran unser Feind ist?

    8. Rechtfertigst du auch das Verhalten Israels gegen Mordechai Vanunu, um zu verhindern, dass er die Öffentlichkeit über das Atomwaffenprogramm aufklärt?

    9. Rechtfertigst du die gefährlichen Angriffe auf das iranische Atomwaffenprogramm? Ich kann nicht beschwören, wer hinter den beiden Bombenanschlägen steckt, bei denen mehrere iranische Atomwissenschaftler umgekommen sind und wer hinter Stuxnet steckt, eben jenem Virus, das nach fachkundiger Meinung spezifisch auf das Kernkraftwerk Buschehr ausgerichtet war. Aber sind solche Maßnahmen bei denen Menschen sterben oder mit viel Pech sogar eine schwere, atomare Haverie eintreten können gerechtfertigt?!?

    Der Kern Grass‘ Kritik handelt genau von diesen Fragen, um deren Beantwortung du dich aber offenbar drücken willst.

    @Dennis K.: Hier gibt es keinen Kommentar von Ihnen, der nicht freigeschaltet wurde.

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  8. @ Dennis K

    Sauber. Das mit der Sabotage an AKWs habe ich hier auch schon „bemängelt“

    Wer sowas macht gehört aus der Völkergemeinschaft ausgestossen.

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  9. ich kommentiere auch mal:
    Entscheidende Punkte in Grass „Gedicht“ sind folgende:
    – Israel plant eine Militäraktion, die zur Auslöschung des Iranischen Volkes führen kann.
    das ist objektiv Unfug, Israel plant keinen Genozid. Der „Wille zum Genozid“ wird israel aber gerne von Intressierten Kreisen Rechts- und Linksaussen unterstellt.

    – Man kann Israel nicht kritisieren, ohne gleich als Antisemit hingestellt zu werden.
    Ein gerne von „rechter“ Seite aufgebauter Pappdrache, ebenfalls objektiv unwahr.

    – Deutschland wird von Israel unter Berufung auf die Verbrechen der Vergangenheit quasi zur Widergutmachung erpresst, hier jetzt mit der subventionierten Lieferung eines U-Bootes, welches speziell als Träger für Nukleare Waffen gebaut wurde.
    Auch dies ist offenkundiger Unfug. Auf U-Booten stationierte Nuklearwaffen sind typische Zweitschlagwaffen, die einen „Enthauptungsschlag“ zur Zerstörung des eigenen Nuklearpotenzials unmöglich machen. Und wenn Israel nicht eine sehr intressante Marschflugkörperlösung erarbeitet hat, dann erreichen Marschflugkörper auf den im Mittelmeer stationieren U-Booten eben nicht den Iran.
    Sehr zweifelahft ist auch die „Wiedergutmachungserpressung, (ebenfalls gerne auf rechtsaussen seite genommener Topos) denn von dem Israelgeschäft profitier auch Deutschland… Seine High-tech Werften sind besser ausgelastet, und man kann die U-Boote unter Quasi Kriegsbedingungen erproben. Gute Werbung, zynisch gesagt. Wenn sogar Israel Deutsche U-Boote kauft…
    (Ja ja, Waffen in Spannungsgebiete, ich weiss….)

    – Er schwieg, weil er meinte (sic!) als Deutscher Israel nicht kritisieren zu dürfen.
    Wir kommen auf des Pudels Kern, es geht nicht um Israel, sondern um seine eigenen Schuldgefühle.
    Die Frage, die sich mir nun stellt: Will er seine ureigenen Probleme dadurch wegschaffen, indem er Israel den Willen dazu unterstellt, was Nazideutschland bereits getan hat?

    dass er von Technik keine Ahnung hat, will ich ihm nicht ankreiden, Linksintelligenzia ist ja stolz drauf, nicht mal eine Glühbirne wechseln zu können.
    Aber dass er von den „neuen Rechtaussen“ verwendete Topoi in seinem „Gedicht“ verwurstet hat, hätte echt nicht sein müssen.

    Mike

    Dennis: Zu deinen Fragen:
    1. Es ist die Aufgabe von Militärstäben alle Eventualitäten durchzuplanen.
    2. Jain, nachdem der Iran im Libanon, syrien und auch im gaza-streiffen anscheinend dicht die Finger drin hat, könnte das zu weitergehenden problemen führen
    3. Bitte keinen unfug schreiben, Teheran liegt über 500 km vom persischen Golf weg, und Harpoon-Marschflugkörper schaffen diese Distanz nicht.
    4. jedes Industriell halbwegs entwickelte land ist in der Lage, innert weniger jahre eine Nuklearwaffe zu entwickel.
    5. Kommt drauf an.
    6.nachdem Israel kein Mitglied des Atomwaffensperrvertrages ist, stellt sich die Frage nicht, mit der Verweigerung von inspektionen verstösst jedenfalls der Iran gegen den von ihm unterzeichneten Vertrag.
    7. es geht nicht um Recht, es geht um macht.
    8. Nicht zu rechtfertigen.
    9. Kommt drauf an, wie man die Gefärdungslage einschätzt. Und wie gesagt: niemand weiss wer dahintersteckte….

    Und jetzt 10: die von dir aufgeworfenen Fragen sind imho eben nicht die entscheidenden Fragen des „Gedichtes“ sondern diese Fragen wurden schon oft gestellt und niemand wurde wegen dieser Fragen des Antisymmetrismus bezichtigt. (ausser von dem HB-Männchen und seinem Fanclub, aber das Zählt nicht)

    Mike

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  10. Warum kann der Grass nicht einfach seine inhaltliche Kritik am Verhalten der israelischen Regierung vorbringen, ohne dieses „Eigentlich darf ich’s als Deutscher gar nicht sagen, aber ich muss es trotzdem sagen“-Gehabe?
    So ist doch klar, dass eine Metadiskussion über Israel-Kritik und Antisemitismus losgetreten wird anstatt dass man über die Kriegsgefahr im Nahen Osten redet….

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  11. Ich wünschte, dieser Schuster bliebe bei seinen Seiten – beziehungsweise Publikative.org bei ihren Nazis.

    Ich bin diese Polemik und Unsachlichkeit, die immer dann auftritt, wenn es mal wieder um Israel geht, Leid. Egal, ob Gabriel, Ashton oder jetzt Grass – es sind Beiträge wie dieser hier, die mich langsam tatsächlich glauben lassen, man dürfe den Staat Israel nicht kritisieren bzw. lassen sie mich langsam aber sicher an die Mär der Antisemitismuskeule glauben.

    Es steht sicher außer Frage, dass die Äußerungen von Gabriel, Ashton und Grass ausgesprochen unglücklich bis absolut daneben waren – sei es Zeitpunkt, sei es Formulierung, sei es der Kontext – und kritisiert gehören.

    Aber kann ich von Publikative.org nicht erwarten, dass diese Kritik zumindest ansatzweise auf sachlicher Ebene erfolgt? Selbstredend ist es der einfachste Weg, einfach mit bester Polemik Antisemitismus zu unterstellen, keine Frage. Warum aber befasst man sich nicht tatsächlich mit dem Kern der jeweiligen Aussage? Gegebenenfalls, um die Aussage auf diesem Wege zu entkräften?

    Letztendlich ist weder der Israel-Palästina-Konflikt noch der Konflikt mit dem Iran auf ein reines Weiß vs. Schwarz bzw. Gut vs. Böse runterzubrechen. Wenn ich mir aber zum Beispiel diesen Artikel hier oder die beiden vorhergehenden ansehe, dann habe ich das Gefühl, dass es genau darauf heruntergebrochen werden soll. Schade, letztendlich.

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  12. Lieber Dennis K.,

    Sie bringen mich nicht wirklich in argumenatative Not – und wir haben auch keinen Kommentar von Ihnen zurückgehalten. Genauso weise ich Ihren an anderer Stelle geäußerten Vorwurf zurück, ich leiste mit meinen Texten Rassismus gegen Palästinenser Vorschub.

    Wie Mike vollkommen zutreffend ausgeführt hatte – und wie ich eigentlich auch ausdrücken wollte durch Überschriften wie „Beim Schälen der Kartoffel“ sowie den dazugehörigen Texten, geht es Grass um die deutsche Schuld – und nicht um den Nahost-Konflikt.

    Wenn Sie unbedingt eine sachliche Israelkritik üben wollen, bitte schön, aber Sie machen sich deutlich glaubwürdiger, wenn Sie sich von solchem Schwachsinn, ein anderer Begriff fällt mir dazu leider nicht mehr ein, wenn ich nun auch noch Grass` Geheule über eine Kampagne höre, also, wenn Sie sich von diesem Schwachsinn, den Grass verzapft, schlicht distanzieren – genau wie man von aufgeklärten Islamkritikern verlangen muss, dass sie sich von Rassisten distanzieren.

    Aber Sie können sich sicher sein, zumindest die Mehrheit der Deutschen hinter Ihrer Position zu haben, ich empfehle Ihnen, einmal die 190 Kommentare unter meinem Blogbeitrag von tagesschau.de zu lesen, Sie werden feststellen: Grass` Botschaft kommt an.

    Schönes Wochenende,
    Patrick Gensing

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  13. @Andy
    Vielleicht wollte er ja gerade das erreichen. Er wird ja nicht aus langeweile so einen Tabu-bruch inszenieren.

    Was mich übrigens noch ziemlich zum Kotzen gebracht hat war das Video das der Youtuber ‚KenFM‘ dazu hochgeladen hat, das den Holocaust ziemlich übel relativierte.

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  14. Niemand behauptet, dass Israel als Erstschlag eine Atombombe abwerfen wird. Im Erstschlag geht es allenfalls um nukleare Raketen, die von den deutschstämmigen U-Booten aus abgeschossen werden.
    Im Zweitschlag ist der Atombombeneinsatz allerdings eine ernsthafte Option der Israelis. Man lese dazu Benny Morris. „Using Bombs to Stave Off War“, NYT 17.8.08, wo der atomare Zweitschlag angekündigt wird („But the alternative is an Iran turned into a nuclear wasteland.“)

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  15. Lieber Patrick Gensing,
    Grass spricht in dem Gedicht nicht vom atomaren Erstschlag! Er spricht nur vom „Recht auf den Erstschlag“, das behauptet wird. Der konventionelle Erstschlag – und da ist Grass unpräzise – würde durch die anschließende Eskalation inklusive Atomwaffeneinsatz von U-Booten aus schließlich das „iranische Volk auslöschen“ können.
    Der Satz „er [Grass] behauptet einfach so, Israel plane einen nuklearen Erstschlag“ ist einfach Ergebnis eines Interpretationsfehlers. Und davon gibt es mehrere. Damit baut man Grass zu einem Strohmann auf, der aussieht wie Sarrazin.

    Der entscheidende Unterschied zwischen der Sarrazin- und der Grass-Debatte könnte die Position der Springer-Presse sein.

    Naja, es ist ohnehin sinnlos zu denken, ein Krieg im Nahen Osten könnte durch ein Gedicht in der SZ verhindert werden. Wir sollten uns einfach nicht mehr mit Kriegsgefahren im Nahen Osten beschäftigen. Darüber zerbrechen sich ja schon genug Profistrategen und Rüstungslobbyisten den Kopf. Wenn die einen Krieg wollen, können noch so viele Gedichte gedruckt werden.

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  16. Schön, dass Günter Grass eine Steilvorlage für jede Art von Satire geliefert hat:
    Es wäre ja wirklich eine Ironie des Schicksals, wenn es den “Juden” (Israelis) gelänge, die ersten und letzten Arier dieser Welt (Iraner = “Arier”) mit Atombomben auszulöschen (oder umgekehrt: wenn die Iraner Hitler zu Ende führen würden).
    Mein Gott, in was für einer primitiven Welt überall (mit Begriffen wie “Juden”, “Deutschen”, “Arier”, “Iraner”, etc.) muss ich denn überhaupt leben?
    Schafft endlich alle Nationen und “Rassen” ab (sowie jegliches Denken, das mit Begriffen wie “Juden”, “Arier”, “Deutschen” etc. zu tun hat!).

    Ich will endlich einmal in einer Welt leben ohne diesen jüdisch-christlich-muslimisch-kapitalistisch-kommunistischen Blödsinn und Schwachsinn überall!!!
    Jede Religion (auch die jüdische als die älteste…) ist nicht Opfer, sondern Täter!!
    Nehmt euch mal die Amazonas-Indianer (Pirahas) zum Vorbild: die kennen keine „Geschichte“, keine Mathematik und auch keine Ökonomie — und daher auch keine industriell organisierten Kriege und Genozide (etc.).
    Diese Leute sind viel zivilisierter als alles, was ich mir anhören muss auf der (fast) ganzen Welt!

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  17. Also wenn ich mir anschaue, welche Hasstirade der Betreiber von Net News Global zu meinem Artikel In Vielen steckt ein kleiner Grass abgesondert hat, dann wird es mir mulmig. Und das ist ja nur die Spitze des Eisberges.

    Wer Grass kritisiert, der mutiert scheinbar zum Monster.

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  18. Ob Grass ein Antisemit ist, kann ich nicht recht beurteilen. Das Gedicht begibt sich argumentativ allerdings zumindest in gefährliche Nähe zum Antisemitismus.

    Aber Lyrik kann ich beurteilen. Und das, was Grass da geliefert hat, ist kein gutes Gedicht. Prosa schreiben und willkürlich Zeilenumbrüche einfügen macht nämlich noch keine Lyrik, auch dann nicht, wenn sich der Autor anschließend in einem Interview in eine Reihe mit Walther von der Vogelweide, Goethe und Brecht stellt.

    Zehnmal benutzt Grass das Wörtchen „ich“ in einem nicht besonders langen Text. Mir scheint, es ist für ihn ein ganz besonders wichtiges Wort.

    „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden“ – das impliziert, daß andere Atommächte so übel nicht sind. In der Tat glaube ich, daß jede einzelne Atombombe auf der Welt eine Gefahr für den Frieden darstellt. Also jeder Sprengkopf von derzeit über 20.000. Daß es in Syrien und Ägypten Atomwaffen gibt, ist auch nicht richtig beruhigend. Warum also schreibt er explizit, daß Israel den Frieden gefährdet?

    Ahmadinedschad nennt er einen Maulhelden. Nun ist ein Maulheld jemand, der nur herumpöbelt und prahlt, aber nichts tut. Ahmadinedschad tut beides, aber er tut mehr – er läßt in der Tat jährlich hunderte vermeintlicher oder tatsächlicher Gegner umbringen (vgl. zahlreiche Berichte von amnesty international). Er steht an der Spitze eines Regimes, das sich nun schon seit über dreißig Jahren mit unvermindeter Brutalität hält, und er bestreitet immer wieder das Lebensrecht Israels.

    Tatsächlich sagt es über einen alten Menschen sehr wenig, was er in der Pubertät für dummes Zeug getan und gesagt hat. Deshalb werte ich Grass‘ freiwilligen Beitritt zur Wehrmacht mit 15 Jahren nicht als besonders bemerkenswert. Daß die SS ihn kurz vor Kriegsende eingezogen hat, also zu einer Zeit, als sie zahlreiche Menschen organisatorisch vereinnahmte, die de facto ihre vorherige Position beim Militär behielten, laste ich ihm ebenfalls nicht an. Daß er aber Jahrzehntelang so getan hat, als sei das nie so gewesen, und dann als berühmter und hochgeehrter Mann ein bißchen weinerlich wurde, um ehrlich zu scheinen, das finde ich peinlich.

    In einem Interview tut er nun auch noch so, als sei er der, dem wir die Untersuchung der Geschichte des Antisemitismus verdanken. Und erklärt, daß er (ER!) in „Grimms Wörter“ dargelegt hat, wie der Antisemitismus schon vor der Romantik sich entwickelte.

    Tut mir Leid, Grass, aber da kommen Sie zu spät. Der Historiker Walter Grab (1919-2000) schrieb bereits 1991 „Der deutsche Weg der Judenemanzipation“, und alles, was Sie über Ihr neues Büchlein in dem Interview sagen, habe ich bei Grab längst in aller Ausführlichkeit gelesen. Und zwar ohne Pathos, dafür mit Sachkenntnis.

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  19. Bezeichnend, wenn ein Parteibuch-Günstling und Nennjournalist ohne nachgewiesene Ausbildung wie Gensing hier Kritik nicht vertragen kann – typisch deutsche Opfermentalität eben (wie bei Islamhasser Giordano).
    Übrigens: 70 % des Völes stimmt Grass zu. Das Volk ist eben schon weiter als die aufoktroyierte Medienelite.

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  20. Wieviel Angriffskriege hat eigentlich der Iran bisher geführt? Wieso wird ständig behauptet, der Iran baut an einer Atombombe? Und wieso darf er keine haben? Gleiches Recht für Alle!!! Und nicht falsch verstehen. Kein Land sollte Atomwaffen besitzen!

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  21. Sehr guter Artikel. Ich finde, Sie bieten hier und in Ihren weiteren Blogs zu diesem Thema eine weit bessere Analyse dieser Sache als fast alles, was ich in den Mainstream-medien gelesen habe.
    Kurz zu Simon, der fragte, wieso Iran keine Atombombe „haben dürfe“, wo doch Israel eine / mehrere hat? Ganz einfach (und ist bereits in einem früheren Kommentar beantwortet, aber offensichtlich nicht angekommen): Iran ist dem Atomwaffensperrvertrag beigetreten. Nicht-nuklearwaffen-Staaten (zu denen offiziell der Iran zählt) verpflichten sind darin, auf Atomwaffen zu verzichten. Damit diese Verpflichtung überprüft werden können, muss ein solcher Staat seine Atomanlagen den Inspektoren der IAEA öffnen – was Iran seit mehreren Jahren nur teilweise macht. Im Gegenzug bekommen diese Staaten Hilfe und Unterstützung bei der zivilen Verwendung der Atomenergie – nicht nur in Kraftwerken, sondern in der Medizin usw. Der Iran hat sich also den Zugang zu Knowhow, Material usw durch den Beitritt zum NPT gesichert, verschließt sich aber (wie gesagt, seit mehreren Jahren) der vollständigen Kontrolle.
    Israel ist dem NPT nie beigetreten und hat deswegen nicht die Pflicht gehabt, Inspektionen zuzulassen – genauso wenig übrigens wie Indien und Pakistan, die auch über Atomwaffen verfügen und nie dem NPT beigetreten sind.

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  22. Die Debatte um das Gedicht hat immerhin bewirkt, dass z. B. ein Südamerikaner, der mit dem Namen Günter Grass bisher nichts anfangen konnte, nun weiss, dass es außer Alexander von Humboldt noch einen zweiten Deutschen gibt, den man kennen sollte.

    Walter

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  23. Mit den Drucksachen vom 4.11.2008 (16/10775, 16/10776) beschlossen alle Bundestagsfraktionen die „Arbeitsdefinition von Antisemitismus“ des BDIMR/OSZE (engl. ODIHR/OSCE) für die Arbeit staatlicher Behörden zu
    empfehlen. Somit gilt diese Definition als eine von allen im Bundestag vertretenen Parteien als derzeit anerkannte Antisemitismusdefinition.
    http://fra.europa.eu/fraWebsite/material/pub/AS/AS-WorkingDefinition-draft.pdf

    Folgt man den Kriterien dieser Definition (Stichworte: doppelter Standards und Dämonisierung), sind die Zeilen von Günter Grass in der SZ – jenseits dessen, ob er selber ein geschlossenes antisemitisches Weltbild hat – antisemitisch.

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