Quo vadis DFB?

Sie kamen aus Frankfurt, sie kamen aus Hessen – und das Aussperren von Fans kann der DFB künftig wohl vergessen. Zum wiederholten Mal innerhalb kurzer Zeit reisten am Montag Abend auswärtige Fans in großer Zahl zu einem Spiel an, zu dem sie offiziell nicht zugelassen waren – mit tatkräftiger Unterstützung der Heimfans, die der oftmals hohlen Phrase von Solidarität als Waffe neues Leben einhauchten. 

Von Andrej Reisin

Egal, ob es 500 oder 1.500 waren, sie waren viele, sie waren laut und sie waren unübersehbar: Letzte Woche zeigten sich Dynamo-Dresden-Anhänger trotz Verbots ungeniert bei der Frankfurter Eintracht, gestern wiederum reisten diejenigen, die nach eigenem Bekunden den Adler im Herzen tragen, nach Berlin, wo sie von einer großen Anzahl Unioner mit offenen Armen empfangen wurden. Verbrüderungsszenen, „Scheiß DFB“-Wechselgesänge und Ähnliches mehr waren die Folge.

Wunder auf „Sky“: Die Fans sorgen für „Atmosphäre“

An den Toren des DFB endet die juristische Transparenz.
An den Toren des DFB endet die juristische Transparenz.

Selbst die Fernseh-Kollegen, die anfangs noch über die Frankfurter Randalebrüder schimpfen wollten, kamen am Ende nicht umhin, der Faszination des verbotenen, aber umso lautstärkeren Auswärtssupports zu erliegen. Von einer „beeindruckenden Atmosphäre“, schwärmte ein verklärter „Sky“-Kommentator und bemerkte redundant aber treffend, „dafür sorgen hier die Fans“. Und während sich das geneigte Fernsehpublikum noch fragte – ‚ja wer denn sonst?‘ – bemerkte auch Oliver Seidler seinen weißen Schimmel und schob etwas verworren hinterher, „also natürlich sorgen die Fans für die Atmosphäre, aber ich meine jetzt auch insbesondere die von Eintracht Frankfurt“. Kein Wunder, beim Stand von 4:0 aus Sicht der Gäste gab es ja auch einges zu feiern.

Bereits zur Halbzeit sah sich „Sky“-Halbzeitgast Sven Felski von den Berliner Eisbären genötigt, sachlich und im breitesten Berlinerisch festzustellen, „dass det doch hier allet absolut friedlich abläuft“. Von Auswärtsfanverboten schien der Mann dagegen augenscheinlich nicht sonderlich begeistert. Auch Frankfurts Vorstandsvorsitzender Heribert Bruchhagen betonte, man könne „aus einem Fußballstadion keinen Hochsicherheitstrakt machen. Eine Aussperrung von Fans ist nur schwer zu verwirklichen. Was das für Konsequenzen hat, kann ich nicht beurteilen.

Vielleicht sollte er daher mal nachfragen, ob jemand den Schuss gehört hat. Gleich gegenüber vom heimischen Frankfurter Waldstadion böte sich die Gelegenheit – denn dort stehen sie, die Verbandsbunker an der Otto-Fleck-Schneise.  Fakt ist: Mit dem vermeintlichen Verbot von Auswärtsfans findet eine unkontrollierte Durchmischung der anreisenden Fans statt, und der nächste Ärger – an Orten mit Fangruppen und Verantwortlichen, die mit der Situation nicht so locker, entspannt und souverän umgehen wie Union und die Eintracht gestern Abend – ist vorprogrammiert. Denn natürlich kommen nur die Harten in den Garten – sprich: Trikotfamilien und Kegelfanclubs werden „illegale“ Auswärtsfahrten auch in Zukunft wohl eher nicht antreten.

Mit der Aussperrung der besten Kunden wird die Sicherheit daher ebenso wenig erhöht, wie mit dem Versuch, die Reisefreiheit durch die Hintertür einzuschränken  – immerhin ein Grundrecht, für das ein gutes Fünftel der Bevölkerung 1989 eine Revolution angezettelt hat. Zeit, dass man beim DFB anfängt umzudenken: Die nächste Gelegenheit dazu ergibt sich am Donnerstag, wenn das DFB-Bundesgericht die Berufung des FC St. Pauli verhandelt. Der Verein will verhindern, dass wegen eines Kassenrollenwurfes, der unbeabsichtigt den Frankfurter Spieler Pirmin Schwegler traf, 5.800 seiner Fans ausgeschlossen werden. Nächster Heimspiel-Gegner: Union Berlin.

PS

Kleines Upadte: Offenbar sieht man jetzt auch beim DFB ein, dass diese Art der Bestrafung keinen Sinn hat. Ob die neuen Maßnahmen sinnvoller werden, bleibt abzuwarten:

„Die Sportgerichtsbarkeit des DFB wird in Zukunft auf den Ausschluss von Gästefans als Strafe für das Fehlverhalten von Fans verzichten. ‚Es wurde auch im Kontrollausschuss wahrgenommen, dass die aktuelle Sanktion ihren Zweck nicht erfüllt hat‘, sagte DFB-Vizepräsident Rainer Koch am Dienstag in Frankfurt am Main nach einer Sitzung des Ausschusses.

Siehe auch: Die Ethik der Erpressung …Unsportliches SportgerichtUltras: Wer mit dem Feuer spieltHeiopei der Woche: Hartlap und die Ultra-GeiselnehmerFußball, Schwachsinn, DFB

14 Kommentare zu „Quo vadis DFB?

  1. Mag zwar weder die Eintracht noch die teilweise sehr chauvinistische und gewaltaffine Unionfanszene besonders, aber wenn ich das mal ausblende, kann ich nur sagen: Coole Aktion, die hoffentlich auch mal den DFB zum Aufwachen bringt!

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  2. in Ägypten wurde nach den Ausschreitungen letztens keine Geisterspiele verordnet.

    Stattdessen durften nur Frauen und Kinder ins Stadion, ohne Eintritt.

    Wir können noch viel lernen…

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  3. Zum PS auch das hier höchst interessant:

    „Im Berufungsverfahren zum Kassenrollenwurf aus dem Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt am 19. Dezember 2011 entschied das DFB-Bundesgericht am Donnerstagmittag, dass der FC St. Pauli eine Geldstrafe in Höhe von 50.000 Euro zu zahlen hat.

    In erster Instanz sah das Urteil des DFB-Sportgerichts einen Teilausschluss von 5.800 Fans vor. Gegen diesen Entscheid legte der FC St. Pauli Berufung ein. Zur Verhandlung, die am Donnerstagmittag um 12 Uhr begann und gut zweieinhalb Stunden dauerte, waren Vizepräsident Dr. Gernot Stenger, Sportchef Helmut Schulte und Medienchef Christian Bönig nach Frankfurt gereist.

    Der Vorsitzende Richter Goetz Eilers äußerte sich in seiner Urteilsverkündung wie folgt: „Der FC St. Pauli wird wegen mangelnden Schutzes des Gegners zu eine Geldstrafe in Höhe von 50.000 Euro verurteilt. Wir haben diesen Fall dezidiert und separat von anderen Vorfällen behandelt. Es liegt kein Hooliganismus oder Fanatismus vor, keine Schädigungsabsicht und kein Aggressionsverhalten.“

    Dr. Gernot Stenger empfindet das Urteil angemessener als das vorherige: „Wir begrüßen, dass es keinen Teilausschluss geben wird und das Gericht unseren Argumenten gefolgt ist. 50.000 Euro ist viel Geld und die Strafe ist hoch. Dies ist jedoch das Resultat aus der Vorgeschichte, die wir haben. Wir wissen, dass es die allerletzte Verwarnung ist.““

    Quelle: http://www.fcstpauli.com/magazin/artikel.php?artikel=11099&menuid=57

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