Kein Po und Busen, dafür tote Juden

Screenshot Spiegel Online 19. März 2012
Screenshot Spiegel Online 19. März 2012

In Frankreich hat ein Attentäter vor einer jüdischen Schule mehrere Menschen erschossen, darunter auch Kinder. Möglicherweise ein rechtsextremer Anschlag. Spiegel Online verbucht die Tat als „Schießerei“ in der Rubrik Panorama – zwischen einer „krassen Odysee“ und Sternchen Rihanna, die nach eigenen Angaben weder Po noch Busen hat.

Vier Menschen sind bei dem Attentat in Frankreich erschossen worden: ein jüdischer Religionslehrer, dessen zwei Kinder und ein zehnjähriger Junge – weitere Personen wurden teilweise schwer verletzt. Nach Angaben der Zeitung Le Monde könnte die Zahl der Opfer noch steigen.

Spiegel Online und andere deutsche Medien berichteten viele Stunden nach dem Anschlag von einer „Schießerei“. Der Begriff wird gerne benutzt, wenn beispielsweise Amoklauf nicht passt, weil es eine geplante Tat war, aber „terroristischer Anschlag“ zu mächtig erscheint – und wenn man eigentlich gar nicht so genau weiß, was man schreiben soll. „Schießerei“ – da beginnt das Kino im Kopf – und der Leser denkt vielleicht an einen Western mit einem zünftigen Schusswechsel, oder an einen Ganovenfilm, in dem sich zwei Gangs eine Schießerei liefern.

Nichts davon hat auch nur im Entferntesten mit dem Anschlag auf die jüdische Schule in Toulouse zu tun. Die Kinder waren nicht bewaffnet – und es feuerte offenbar nur einer – der Attentäter. Der Anschlag wurde am Morgen verübt, ein Mann feuerte von einem Motorroller auf alles, was sich bewegte, wie ein Augenzeuge laut Le Monde berichtete. Das Viertel in Toulouse wurde abgesperrt, Politiker reagierten entsetzt auf den Anschlag, Präsident Sarkozy sprach von einem Terroranschlag. Jüdische Einrichtungen in Frankreich, wo die größte jüdische Gemeinde Westeuropas lebt, stehen nach dem Angriff unter verstärktem Schutz.Möglicherweise handelt es sich um eine Anschlagsserie. tagesschau.de schreibt:

Laut der Staatsanwaltschaft gibt es ernsthafte Hinweise auf eine Verbindung zu zwei kürzlich verübten Mordangriffen. Am Sonntag vergangener Woche hatte in Toulouse ein Unbekannter von einem Motorroller aus einen Anschlag auf einen Soldaten verübt. Der Mann starb an den Schüssen.

Im 50 Kilometer entfernten Montauban tötete wenige Tage darauf ein Unbekannter zwei weitere Soldaten. Vergleichbar ist bei allen drei Anschlägen: Der Täter fuhr laut Augenzeugen einen Motorroller, schoss am helllichten Tag seine Opfer nieder und benutzte laut Polizei eine Waffe vom Kaliber 11,43 Millimeter.

ARD-Korrespondent Michael Strempel berichtet, es gebe eine Spur zu ehemaligen Soldaten, die wegen rechtsextremer Aktivitäten entlassen wurden. Dies könnte auch die inhaltliche Verbindung zu den anderen Taten sein, bei denen insgesamt drei Soldaten ermordet und einer schwer verletzt wurde. Zudem kam dort das gleiche Kaliber zum Einsatz, was die Vermutung nahe legt, dass es sich um die gleiche Waffe handelt, da dieses Kaliber sehrt selten ist.

Möglicherweise ziehen also Rechtsextreme weiter ihre blutige Spur durch Europa: Deutschland, Norwegen, Italien – und nun vielleicht Frankreich. Bewiesen ist das noch nicht, aber es gibt genau zwei Tätergruppen, die für Anschläge auf Juden prädestiniert sind: Islamisten und Rechtsextremisten, die in ihrem Hass auf Israel und die Juden vereint sind. Von den Soldaten, die in Toulouse und Montauban letzte Woche getötet bzw. schwer verletzt wurden, waren drei mahgrebinischer und einer karibikfranzösischer Herkunft – ihre Einheiten hatten am Afghanistan-Einsatz teilgenommen. Die französischen Ermittler gehen nach bisherigen Erkenntnissen daher entweder von islamistischem oder rechtsextremistischem Terrorismus aus – mit hoher Wahrscheinlichkeit hat der Täter selbst eine militärische Ausbilduing genossen.

Liveticker bei Le Monde.

Hintergrund: Bologna, München, Utöya: Die blutige Spur des rechten TerrorsDie Tat ist die Botschaft

Siehe auch: Zwischen Ideologie, Todesstrafe und WahnsinnGianluca Casseri – der “italienische Breivik”

16 Kommentare zu „Kein Po und Busen, dafür tote Juden

  1. Das grob irreführende Wort von der „Schießerei“ wurde keineswegs nur von Spiegel Online gepostet, sondern von der großen Mehrheit der Redaktionen. Vermutlich hat dieser Quatsch seinen Ursprung in Frankreich genommen. Irgendjemand hatte „fusillade“ in die Tasten gehauen(fusillade = Schießerei), und alle Anderen haben fleißig abgeschrieben. Manche haben dann früher korrigiert, manche später, manche gar nicht.
    Und doch stellt sich die Frage: hätte sich diese massenweise Verbreitung eines sochen semantischen Fehlgriffs auch dann ereignen können, wenn die ermordeten Kinder keine Juden wären?

    Gefällt mir

  2. „schießerei“ ist nicht nur in diesem Fall, sondern immer wieder ein Problembegriff. Hat jemand Empfehlungen für Alternativen? Das englische „shooting“ kommt beispielsweise wesentlich neutraler daher.

    Le Monde hat schreibt übrigens „fusilade“ und hat seinen Ticker auch im Ressort „Société“ verortet.

    P.S. Ich arbeite für tagesschau.de und war mit dem Thema befasst.

    Gefällt mir

  3. Moin Fiete,

    in der Tat ist der Begriff fast immer ein Problem, ein Grund mehr, ihn möglichst selten zu benutzen. Im Fall Toulouse ist doch Anschlag passend, meine ich, auf tagesschau.de war auch bereits am Nachmittag ein vernünftiger Artikel auf der Seite, bei Sponline war noch von der Schießerei zu lesen.

    Was die Rubrik angeht: Der Themenmix macht es. „Panorama“ allein wäre noch nicht weiter schlimm, aber im Zusammenhang mit Schlagzeilen „kurz & krass“ oder „Kein Busen und keinen Po“ ergibt das eine bittere Mischung, die die Opfer dieses offenbar rassistischen Anschlags in eine Schmuddelecke befördert. Ähnliches findet sich ja auch immer wieder im ARD-Text in der Rubrik „Aus aller Welt“: Wundersame Riesenschildkröten, Tote Flüchtlinge im Mittelmeer, US-Wissenschaftler haben herausgefunden…

    Viele Grüße & bis bald,
    Patrick

    Gefällt mir

  4. Wie hasserfüllt muß so ein Verbrecher sein, wenn er so kaltblütig auf Kinder schießen kann ? Anders Breivik ging bei seiner Tat genauso kaltblütig vor !

    Mein tiefstes Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer dieser schrecklichen Tat !

    Ich bin ganz einfach fassungslos.

    G.

    Gefällt mir

  5. To Toulouse & Montauban:
    Will we be able to create a new culture DIFFERENT from this brute and primitive judeo-christian-muslimic-capitalist-communist world EVERYWHERE?

    Gefällt mir

  6. Da es sich bei den ersten Opfern um Migranten aus den Antillen und dem arabischen Raum handelt, ist ein islamistischer Täter wohl nicht sehr wahrscheinlich.

    Gefällt mir

  7. „Da es sich bei den ersten Opfern um Migranten aus den Antillen und dem arabischen Raum handelt, ist ein islamistischer Täter wohl nicht sehr wahrscheinlich.“

    Scheint sich nicht zu bewahrheiten. Wäre ja auch das erste Mal wenn ein Islamist Muslime umbringt….

    Gefällt mir

  8. @anna:
    Ganz falsch !
    Die ersten Mordopfer waren anscheinend Muslims, die als Berufssoldaten in der französischen Armee gedient haben, und auch in Afghanistan im Einsatz waren.
    Aus der Sicht islamistischer Extremisten sind muslimische Soldaten in westlichen
    Armeen Verräter, die den Tod verdienen.
    Es erstaunt daher nicht, dass der Täter den neusten Meldungen zufolge
    Islamist ist.

    Gefällt mir

  9. @yohak

    Noch weiß` ja Niemand so genau, um was für eine ominöse Familie es sich gehandelt hat bzw. handelt. Mutter und Bruder wurden offenbar auch seit Jahren beobachtet, da sie, so der Geheimdienst, „radikale Ansichten“ hatten. Niemand weiß` genau, ob es Muslime sind, und wenn ja, dann seit Geburt oder Konvertiten, Franzosen mit Migrationshintergrund usw. Es weiß` auch Niemand, welchen Umgang sie pflegten, woraus sich der Freundeskreis rekrutierte etc. Heutzutage könnten ja selbst „Linke“ Juden und Schwarze erschießen, sich zu Al-Quaida-Anhängern erklären, gegen den Imperialismus seien etc.pp. Noch weiß` also Niemand etwas; erschwerend kommt hinzu, dass Wahlen bevorstehen und alle klugen Politiker sich genau überlegen werden, wann sie was sagen – und wie sie etwas sagen (sofern sie etwas sagen).

    Gefällt mir

  10. Genau diese Taten greift Sarkozy bei seinen aktuellen Wahlkampf auf um ein Nährboden des Hasses entstehen zu lassen. Verzweifelt scheint sein Programm um auch die letzten Menschen auf nationalistischer Ebene zu erreichen. Ob er damit Erfolg haben wird ist fraglich. Doch eins steht fest. Eine Person wie Sarkozy darf weder in Frankreich noch in der EU irgendeine Rolle der Führung übernehmen, da das verheerende Auswirkungen haben würde.

    Quelle: Handelsblatt

    Gefällt mir

Hier können Sie einen Kommentar schreiben. Bitte beziehen Sie sich auf den Inhalt des jeweiligen Artikels.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s