Geistige Engpässe: Kalender der Polizeigewerkschaft

Satire, Galgenhumor und Polizeijargon oder doch einfach rassistisch und beleidigend? Um einen Kalender des bayrischen Landesverbandes der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) ist ein Streit entbrannt.

Von Nicole Selmer

Der Kalender, den der Landesverband in einer Auflage von 3000 Stück produzierte, enthält etwa für den Monat März das Motiv eines festgenommenen Schwarzen auf einer Polizeiwache im Griff eines Beamten, der ruft „Was heiß‘ hie‘ Ve´dunklungsgefah‘ …?!“ Ein anderes Blatt zeigt sich prügelnde Männer, dem äußeren Anschein nach Migranten – wie etwa die Welt berichtet. Aber es geht auch ohne Rassismus: Eine Szene zeigt den Polizeieinsatz bei einem drohenden Selbstmord und die Bildunterschrift „Jetzt spring endlich, du Idiot, ich habe noch etwas anderes zu tun heute.“

„Zensur“

Einige der verteilten Kalender werden nun wieder abgehängt, nämlich die in den Dienststellen der Münchener Polizei. Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer hat seine Dienststellen angewiesen, den Kalender nicht mehr aufzuhängen, weil er darin eine Haltung erkennt, die „mit dem Selbstverständnis der Münchner Polizei nicht zu vereinbaren“ sei. Jürgen Ascherl von der bayrischen DPolG kann die Aufregung nicht verstehen: Abhängen der Kalender? Das sei Zensur, schließlich handle es sich um eine Karikatur und „Karikatur überzeichnet grundsätzlich“, äußerte er sich beim Bayrischen Rundfunk.

Die Kalender sind lustiger, als die Humor-Polizei erlaubt.
Die Kalender sind deutlich unlustiger, als die Humor-Polizei von Publikative.org erlaubt.

Gar nicht überzeichnet, sondern einfach eine Abbildung des normalen „Polizeijargons“ ist das Ganze allerdings für Hermann Benker, Landesvorsitzender der Polizeigewerkschaft Bayern. „Das ist eine Art Galgenhumor, mit dem unsere Kollegen seit Jahren mit den Engpässen in der deutschen Polizei umgehen.“ Ob es sich dabei nicht genau genommen eher um „Engpässe“ in den Köpfen der Polizei handelt? Der Abgrund zwischen dem, was vermeintliche Satire (oder Kunst) darf und was schlicht Rassismus ist, wurde zuletzt schon bei den Diskussionen um die „Blackface“-Aufführung des Berliner Schlosspark-Theaters durchmessen: Was für Hallervorden richtig war, gilt noch viel mehr für die Deutsche Polizeigewerkschaft, die ja nicht einmal nebenberuflich künstlerisch tätig ist. Und da es auch nach den NSU-Morden beispielsweise kein Problem ist, im deutschen Fernsehen zu besten Sendezeit Witze über Mitbürger türkischer Herkunft zu machen, wie der Hessische Rundfunk eindrucksvoll bewiesen hat, stellt sich ohnehin die Frage, warum die Polizei ähnliche Kalauer nicht reißen dürfen sollte.

Gut, dass wenigstens einer klare Prioritäten hat – Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft, wurde gestern von der Bild folgendermaßen zitiert: „Wer rassistische und antisemitische Gesten und Äußerungen macht, gehört in den Knast. Wir brauchen abschreckende Urteile und keine Kuschel-Justiz.“ Ach so, das gilt nur für Fußballfans?!? Tippmann, übernehmen  Sie!

Siehe auch: Einmal die Klappe halten, schweigende Mehrheit!Deutscher Humor: ohne Rassismus kein Witz Ein Hetero räumt auf, Alltagsrassismus: Alles nur Theater?, Der “Affenzirkus” von Dessau

15 Kommentare zu „Geistige Engpässe: Kalender der Polizeigewerkschaft

  1. Es ist auch die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG), die auf ihre
    Website unter der Rubrik „Polizei und Fremde“ so merkwürdige Sätze stehen hat, wie: “Ausländische
    Tatverdächtige treten der Polizei oft mit Gewalt, mit Beleidigungen
    und anderen Provokationen entgegen.”
    Damit versucht sie die “übertrieben harte Eingriffe oder
    Überreaktionen” Ihrer Klientel gegenüber “fremden Tatverdächtigen” zu
    rechtfertigen. Wenn man bei dem Satz „Ausländer“ durch „Einheimische“ ersetzen würde, wäre er natürlich ebenso wahr, aber der steht natürlich bewußt nicht auf der DPolG-Website. Diese Einseitigkeit nenne ich das Schüren von Xenophobie.

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  2. Herr Benker hat recht, das ist schlicht Polizeijargon. Dasz dieser sich auch verbal und nicht nur auf Kalendern ausdrückt, kann nahezu jede als nicht -weiß definierte person, die mal eine Personenkontrolle über sich ergehen laszen muszte, bestätigen.
    Die Büttenrede, das „Blackface“ (hat sich Dave Chapelle eigentlich schonmal weiße Farbe ins Gesicht geklatscht?), der Polizeikalender und vor allem das Ausbleiben der Empörung sind Belege für den geistigen Mainstream in Deutschland. Und das ist alles andere als lustig. Was so ein Klima fördert , kann sich jedeR selbst ausmalen. 182 Beispiele sprechen eine deutliche Sprache…

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  3. Verdunklungsgefahr !?! Ich finde solche Pointen in diesem Zusammenhang respekt-und geschmacklos gegenüber Menschen mit dunkler Hautfarbe ! Das hat bereits den üblen Beigeschmack von Apartheid in Deutschland !

    Auch der „witzige“ Polizeieinsatz mit der drohenden Selbstmordabsicht einer Person auf dem Dach eines Hochhauses ! Auch hier ist die Pointe ein absolutes NO-GO !

    Wie verzweifelt muß ein Mensch sein, der die letzte Hemmschwelle der Höhenangst überwindet, um in den Tod zu springen ?

    Das ist alles andere als lustig !

    G.

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  4. „Website unter der Rubrik “Polizei und Fremde” so merkwürdige Sätze stehen hat, wie: “Ausländische
    Tatverdächtige treten der Polizei oft mit Gewalt, mit Beleidigungen
    und anderen Provokationen entgegen.”“

    Ich wüßte gerne, was an diesem Satz merkwürdig sein soll? Er entspricht nun einmal den Tatsachen.

    Laut PKS sind ausländische Personen überproportional an Kriminalität beteiligt (doppel so häufig wie Deutsche). Gleiches gilt für Gewaltkriminalität und insbesondere für den Tatbestand „Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte“.

    Rasismus bekämpfen zu wollen sollte nicht dazu führen, dass man die Realität nicht mehr verbalisieren darf. Erst recht sollte man nicht wildeste Spekulationen äußern, nur weil man sich und seine Vorurteile damit bestätigt sieht.

    Einer Gewerkschaft von Polizeibeamten vorzuwerfen, sie würde mit diesen Äußerungen angebliches gesetzwidriges Verhalten rechtfertigen wollen ist grotesk!

    P.S.: „Auch der “witzige” Polizeieinsatz mit der drohenden Selbstmordabsicht einer Person auf dem Dach eines Hochhauses ! Auch hier ist die Pointe ein absolutes NO-GO !“

    Ihnen ist das Phänomen sicher bekannt, dass Menschen sich ständig erlebten Übel mit Humor nähern, um es besser verarbeiten zu können. So wie Ärzte im Operationssaal sich witze erzählen, die andere als unangebracht empfinden, so geschieht das auch bei der Polizei. Wer einmal 5 Personen aus einem auf 1*1m zusammengefalteten Wagen gekratzt hat, ist froh wenn er das verarbeiten kann. Wenn dafür Humor notwendig ist, dann ist das eben so.

    Das Phänomen findet sich übrigens bei allen Beteiligten der Rettungskette gleichermaßen ausgeprägt.

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