Deutscher Humor: ohne Rassismus kein Witz

Judenwitze, Negerwitze, Türkenwitze – nichts, was der rassistische Alltagshumor-Kosmos in Deutschland nicht zu bieten hätte. Auch nach den NSU-Morden ist es kein Problem im deutschen Fernsehen zu besten Sendezeit Witze über Mitbürger türkischer Herkunft zu machen, wie der Hessische Rundfunk eindrucksvoll bewiesen hat.

Von Andrej Reisin

Döner TV Frankfurt Helau Büttenrede (Foto: Schreenshot YouTube/HR/ARD)
Einfach mal rassistische Witze im Fernsehen machen: Kein Problem beim Hessischen Rundfunk – schließlich ist ja Karneval (Foto: Schreenshot YouTube/HR/ARD)

Bei einer Büttenrede der Karnevals-Sitzung „Frankfurt: Helau“, die am Abend des 2. Februar in der ARD ausgestrahlt wurde, trat die Kopftuch tragende „Türkin“ Ayse (unter dem Kostüm agierte die Zahnärztin(!) Patricia Lowin aus Mainz) auf und präsentierte einen platten Kalauer nach dem anderen, in denen so ziemlich jedes Klischee über Türkinnen und Türken, sowie Muslime insgesamt verbraten wurde: Ihre Lieblingsfarbe sei „Türk-is“, sie moderiere im „Döner-TV“ die Talkshow „Anne Will Döner“ und der Silvester-Klassiker „Döner for one“, denn sie „habe Erfahrung in Medienbranche, schließlich hab ich gearbeitet bei ZDF als Putzfrau“, während ihr „Bruder Achmed“ „eine Festanstellung auf zehn Jahre ohne Bewährung“ in der „geschlossenen Sendeanstalt Weiterstadt“ habe – eines der berühmtesten Gefängnisse in Hessen, dessen Rohbau die RAF seinerzeit gesprengt hatte. Rassistische Tipps für den Türkei-Urlaub durften natürlich auch nicht fehlen: „Achtung! Auf Basar gibt keine Toiletten, auf Basar bescheißt jeder jeden.“

„Rassismus zur besten Sendezeit“

Nicht zum Lachen zumute war dem hessischen Ausländerbeirat, der völlig zu Recht von „Rassismus zur besten Sendezeit“ sprach und eine Entschuldigung vom Hessischen Rundfunk verlangte: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Hier ist uns aber das Lachen im Halse stecken geblieben“, sagte der Vorsitzende Corrado Di Benedetto. „Die karnevalistische Freiheit ist ein hohes Gut. Und: Satire darf alles, nur nicht herabsetzend sein. Hier wurden aber alle Regeln des Anstandes verletzt.“

Das vornehmlich deutsche Publikum im großen Sendesaal des Hessischen Rundfunks in Frankfurt klatschte und johlte jedenfalls aus Leibeskräften – nur beim gelegentlichen Kameraschwenk auf Menschen, die vermutlich ausländisch aussehen sollten, sah man durchaus auch Unbehangen – und schwenkte wieder weg. Den HR scheint die Aufregung bisher wenig zu beeindrucken. Zwar entfernte man das Video der Sendung offenbar aus der Online-Mediathek, will ansonsten aber auf keine Wiederholung in den dritten Programmen verzichten.

Migranten bezahlen für ihre Verhöhnung

Antisemitischer Mottowagen Köln 1934 (Foto: NS-Dokumentationszentrum Köln)
Lustig, lustig, tralalala: Ein antisemitischer Mottowagen auf dem Kölner Rosenmontagszug 1934, der den „Auszug der Juden“ feiert (Foto: NS-Dokumentationszentrum Köln)

Ansonsten findet man es offenbar normal, dass Menschen Gebühren dafür zahlen sollen, öffentlich zum rassistischen Gespött noch der dumpfesten Karnevalshorden gemacht zu werden. Denn in einer Büttenrede würden „auch Klischees bemüht“, sagte ein Sprecher des Senders. Das gehöre „zur sprichwörtlichen Narrenfreiheit.“ Ein „Argument“, das so alt wie falsch ist. In den Zwanziger und Dreißiger Jahren gehörten übrigens judenfeindliche Klischees, Schaubilder und Umzugswagen zum guten Ton eines jeden närrischen Umzugs. Heute dagegen völlig zu Recht eher nicht mehr. Warum wohl?

Wer das nicht komisch findet, ist eben nicht „integriert“ genug – so oder so ähnlich scheint die Logik des Senders und entsprechender Frankfurter Karnevalsflitzpiepen zu sein. Egal, ob „Döner-Morde“ gerade Unwort des Jahres geworden ist, weil der „Ausdruck prototypisch dafür stehe, dass mit der sachlich unangemessenen, folkloristisch-stereotypen Etikettierung einer rechtsterroristischen Mordserie ganze Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und die Opfer selbst in höchstem Maße diskriminiert werden, indem sie aufgrund ihrer Herkunft auf ein Imbissgericht reduziert werden„. „Who cares, what the fuck, bei uns heißt es doch „Döner TV“ und außerdem ist Karneval“, hört man die Verantwortlichen förmlich vor sich hin „denken“. So lange dieser „Humor“ allerdings gesendet wird, ohne dass irgendein Verantwortlicher stutzig wird, braucht sich wirklich niemand zu wundern, dass Nazi-Terroristen zehn Jahre lang unerkannt Menschen ermorden können. Narrhallamarsch!

Siehe auch: Die Statistik von den traurigen WitzenRassismus ohne KonsequenzenKeine Angst: wir sprechen Deutsch!Alltagsrassismus: Alles nur Theater?Rassismus ist, wenn man trotzdem lacht

23 Kommentare zu „Deutscher Humor: ohne Rassismus kein Witz

  1. Blondinenwitze oder Ostfriesenwitze leben von der Übertreibung bekannter Vorurteile.
    Dieser „Döner-Humor“ aber lebt von der Verachtung und der rassistischen Herabwürdigung.
    Der Frau Dr. Lowin sollte man diesen Zahn mal ziehen!

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  2. @schrecklich:
    Genau, und Blondinenwitze leben so gar kein bisschen von Verachtung und sexistischer Herabwürdigung …
    Vielleicht musst du auch mal wieder zum Dentisten?

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  3. Das Problem daran ist aber nicht, dass es achso rassistisch ist; Satire darf wirklich alles, so meine Meinung. Auch ungerecht sein. Es gibt so etwas wie Meinungsfreiheit in einer Demokratie.
    Das Problem hierbei ist einfach, dass die Frau derbst unlustig ist.

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  4. Wer meint, dass mit dem Ende dieser unsäglichen Sendung das dümmliche Witzemachen beim HR vorbei sei, der irrt sich.

    Was einem HR-Sprecher zu diesen rassistischen Kalauern einfällt: „…als öffentlich-rechtlicher Sender sehe es der HR als seine Aufgabe an, gesellschaftliche Integration und ein gutes Miteinander von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen in Hessen zu fördern.“

    http://www.derwesten.de/panorama/tuerkische-medien-kritisieren-rassistische-karnevalssendung-id6332669.html

    Da sollte das Niveau der Büttenrede wohl noch einmal kräftig unterboten werden.

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  5. weils sich der Meinungsfreiheit plus der Narrenfreheit bedient würd Ich sagen, trotz unserer bekifften vergangenheit, sowas toleriert werden.

    ‚türlich bleibts wichtig ein Zeichen dagegenzusetzen, damit man zumindest weiß das es Leute gibt die das nich sehr witzig finden.

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  6. Bülent Ceylan, Django Asül, Kaya Yanar – das Lachen über Vorurteile und In- wie Ausländer ist in Deutschland seit Jahren Gang und Gäbe.

    Das soll auch dieser Zahnärztin aus Mainz gestattet sein.

    Es lacht sich für mich aber leichter, wenn…

    a) die Witze gut sind
    b) Immigranten von Immigranten verarscht werden

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  7. Frei nach Serdar Somuncu: „Mein Humor ist zügellos und ziellos. Erst wenn es alle Minderheiten gleichmäßig trifft, ist es gerecht verteilt.“ Über Türkenwitze echauffiert ihr euch? Aber Ostfriesenwitze oder Ossiwitze sind okay? Denkt mal drüber nach.

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  8. Daneben ist daneben. Aber komisch finde ich, dass solche Gemeinheiten, die in „Witzen“ verpackt werden, nur thematisiert werden, wenn es um den Karneval geht. Wenn Harald Schmidt abfälligst über Polen witzelt, kräht in Deutschland kein Hahn danach. Offenbar hat es weniger mit dem „intellektuellen Niveau“ zu tun als vielmehr damit, was der Spaßbürger dafür hält.

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  9. Ich habe die ersten vier Minuten des Auftritts gesehen und bin jetzt richtig froh, zu erfahren, dass der hessische Ausländerbeirat sich beschwert hat. Dachte schon es sei auf so konservativen, alkoholgeschwängerten Veranstaltungen normal, derart ausländerfeindliche und zudem noch extrem unlustig, schlechte Witze zu machen.

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  10. @Horst Schulte
    Liegt wahrscheinlich daran, dass Harald Schmidt Witze professionell und mit einem Augenzwinkern bringt, während die Dame aus Mainz eher was von einem Holzhammer hat.

    Mit Kopftuch auf der Birne türkische Frauen zu verarschen, ist doch seit 30 Jahren mehr peinlich als lustig…

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  11. Der Karneval diente ursprünglich dazu, dass die kleinen Leute mal den Herrschenden deftig die Meinung sagen durften, sozusagen als Ventil. Stichwort „Hofnarr“. Heute ist er dazu verkommen, dass kleine Leute noch kleinere fertigmachen, und dieses „Nach-unten-Treten“ nennt man dann „Meinungsfreiheit“. Frage:
    Würde so eine Büttenrede auch dann so frenetisch als „Meinungsfreiheit“ gefeiert werden, wenn sie Juden als Zielscheibe hätte? Jeder denkende Mensch kennt die Antwort!

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  12. Ich finde Karneval an sich ziemlich unlustig – aber nicht weil ich mich auf den Schlips getreten fühle. Humor darf alles. Und über obigen Ausschnitt freue ich mich, weil ich darin eine Normalisierung im Umgang mit unseren türkischen Mitbürgern sehe. Nichts ist für eine Minderheit ausgrenzender als sie zum Humor-Tabu zu erklären.

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  13. „Wer heute Humor verbietet baut morgen Lager für anders denkende.“

    Mehr fällt mir zu diesem Beitrag und diesem Blog („die vierte Macht klärt auf“ – geht’s eigentlich noch ne Spur pathologischer?) nicht ein.

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  14. @Germanmuslima
    Würde so eine Büttenrede auch dann so frenetisch als “Meinungsfreiheit” gefeiert werden, wenn sie Juden als Zielscheibe hätte? Jeder denkende Mensch kennt die Antwort!

    Nein, aber das liegt an der noch immer frischen Vergangenheit der Deutschen und nicht daran, dass Witze über Juden schlimmer wären als die über andere.

    (Niemand feiert die Büttenrede übrigens „frenetish als Meinungsfreiheit“.)

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