Welcome to the real world, Europe!

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Photo Credit: DFID – UK Department for International Development via Compfight cc

Die geflüchteten Menschen in Europa sind unter anderem das Ergebnis der fehlenden außenpolitischen Linie der EU. Krieg in Syrien? Arabischer Frühling? Die Europäer halten sich weitestgehend raus. Doch die Festung Europa wird löchrig, verzweifelte Menschen lassen sich durch Seegang und Stacheldraht nicht mehr aufhalten. Sie sind die Boten von schlechten Nachrichten.

Von Patrick Gensing

Es seien vor allem junge Männer, die die lebensgefährliche Reise über das Mittelmeer riskieren – das war in den vergangenen Monaten oft zu lesen. Nun scheinen sich auch noch weit mehr Familien auf den Weg nach Westeuropa zu machen.

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Bomben auf Elbflorenz: Antiamerikanismus in der SED-Propaganda

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Heute wird in Dresden der Opfer des amerikanisch-britischen Großangriffs auf die Stadt gedacht. Rund 25.000 Menschen kamen nach wissenschaftlichen Schätzungen dabei ums Leben. Der MDR schreibt dazu auf seinen Internet-Seiten: „Tausende verloren ihr Leben im angloamerikanischen Bombenhagel, der ab dem späten Abend des 13. Februar 1945 auf Dresden niederging.“ Begriffe wie „angloamerikanischer Bombenhagel“ erinnern an eine lange Tradition der Propaganda um den Mythos Dresden. 2012 hatten wir über den Ursprung und Wandel des Mythos Dresden berichtet, heute veröffentlichen wir einen Text von Patrice G. Poutrus, der sich mit dem Antiamerikanismus in der SED-Propaganda rund um Dresden beschäftigt.

Patrice G. Poutrus, Bomben auf Elbflorenz. Antiamerikanismus in der SED- Propaganda zur Erinnerung an die Zerstörung Dresdens am 13. Februar 19451

Die Vereinigten Staaten von Amerika sind weit mehr als ein Land – sie repräsentieren Macht und Vision, Traum oder Alptraum. »Amerika« war ein Thema der vergangenen Jahrhunderte und ist ein Thema unserer Zeit. Amerika rief und ruft starke Emotionen hervor. Dies gilt bereits seit dem Urknall der Moderne, der Entdeckung der Neuen Welt. Seitdem fasziniert Amerika die Europäer. Ohne die Anziehungskraft und Faszination, die Amerika bis heute ausübt, lässt sich auch die Feindschaft nicht erklären, mit der ihm begegnet wurde und wird. Die Abwehr Amerikas durch europäische Eliten war auch immer die Abwehr einer Verführung, die jenseits des Atlantiks lockte. Bereits vor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776 entwickelten sich kritische und feindliche Diskurse über die Einwohner, Politik, Geographie, Biologie und Kultur der Neuen Welt. Dieser antiamerikanische Diskurs bildete einen Teil der europäischen Aufklärung und spaltete das Urteil über Amerika schon seit dem 18. Jahrhundert eine europäisch-atlantische Öffentlichkeit.2

Vor diesem Hintergrund soll Antiamerikanismus als modernes Ideologem, das es zu historisieren und zu analysieren gilt verstanden werden. »Ideologien« beziehen sich seit der Entstehung des Begriffs im Gefolge der Französischen Revolution auf Wahrnehmungsweisen, die sich in Ideen manifestieren. Niklas Luhmann hat Ideologien als entscheidende Mittel zur Reduktion von Komplexität bezeichnet. Durch Ideologien »werden die Möglichkeiten des Wirkens eingeengt, übersehbar, entscheidbar.« Wenn man Ideologeme als Elemente oder Versatzstücke moderner Ideologien versteht, dann stellt Antiamerikanismus einen Baustein antiwestlicher, antiliberaler und antimoderner Ideenwelten dar, dies es in verschiedenen nationalen Kontexten nach ihrer jeweiligen historischen Wirkungsmacht zu untersuchen gilt.3

Für den hier vorzustellenden Fall bedeutet das, dass die in der DDR-Gesellschaft vorhandenen Amerikabilder sicherlich nicht allein aus einer geschlossenen ideologischen Konstruktion der kommunistischen Staatspartei SED abgeleitet werden können. Zugleich bestand zwischen dem parteistaatlich oktroyierten Feindbild USA und dem individuell angeeigneten Amerikabild in der DDR-Bevölkerung ein Feld partieller Überschneidungen; eine klare Trennung bzw. Abgrenzung von Parteipropaganda einerseits, ihrer individuellen Bewertung andererseits ist daher nur schwer möglich.4 Es gab selbst bei Mitgliedern der SED selten eine vollständige Deckungsgleichheit mit der Ideologie der eigenen Partei. Immerhin waren die antiamerikanischen Parolen der deutschen Kommunisten voll von Vokabeln wie z.B. »Kulturbarbarei« und »Dekadenz«, die wiederum in ihrem Bezug auf die amerikanische Massenkultur auch aus dem kulturkritischen und antiwestlichen Arsenal der NS-Propaganda und den älteren Traditionen der »Ideen von 1914« hätten entliehen sein können.5 Der zentrale Kontinuitätspunkt – so viel sei hier vorangestellt – zwischen dem altem antiliberalen und dem neuen antiimperialistischem Feindbild USA lag aber in der Bewertung des alliierten Bombenkrieges im Zweiten Weltkrieg. Bis in die 1980er Jahre wurden die westlichen Alliierten mit dem Verweis auf die Zerstörung Dresdens am 13. Februar 1945 in der parteistaatlich kontrollierten Öffentlichkeit des SED-Staates als die »anglo-amerikanischen Luftgangster« betitelt.6

Mit Antiamerikanismus ist entsprechend mögliche Kritik an der amerikanischen bzw. alliierten Kriegsführung während des Zweiten Weltkrieges nicht gemeint. Vielmehr geht es darum zu zeigen, wie die allmähliche Verwandlung der Erinnerung an den 13. Februars 1945 von einem tragischen Ereignis aus dem Verlauf des Zweiten Weltkrieges in einen empirischen Beleg für den feindlichen Charakter des »US- Imperialismus« vonstatten ging.7 Dabei kann der Autor nicht auf neue Quellenbestände zurückgreifen. Wohl aber kann anhand der vorhandenen Pressetexte dieser Vorgang aus der repräsentativen Öffentlichkeit der DDR nachgezeichnet werden.8 Es geht im Folgenden also nicht um eine umfassende Schilderung der Instrumentalisierung des Erinnerungsortes Dresden9 durch den SED-Staat; sondern es soll deutlich gemacht werden, dass ein virulenter Antiamerikanismus frühzeitig elementarer Bestandteil dieser Gedenkkultur in der DDR war.

Der Beginn mit Verlust und Schmerz

Gilad Margalit konnte in seiner Arbeit über das Gedenken an die Zerstörung Dresdens bereits aufzeigen, dass bei der sowjetischen Besatzungsmacht schon Anfang 1946 ernste Befürchtungen bestanden, das bereits am 13. Februar 1946 dieses Gedenken von der Dresdner Bevölkerung gegen die verbündeten westlichen Alliierten gewendet werden könnte und damit ein neuer deutscher Trauertag an diesem Datum begründet würde. Dies hielt man in der Sowjetischen Militäradministration (SMA) angesichts der Geschichte des Zweiten Weltkriegs für unangemessen, und eine solche Entwicklung sollte auf jeden Fall vermieden werden. Entsprechend wurde dann auch in der lokalen und wie in der überregionalen Presse der SBZ sehr zurückhaltend über den ersten Jahrestag berichtet.10 Die christdemokratische Tageszeitung Neue Zeit veröffentlichte zum Gedenken an die Wiederkehr des Tages der »nächtlichen Katastrophe« am 16. Februar 1946 einen Bericht, der ganz auf die Überwindung der Kriegsfolgen gerichtet war und die sächsische Bevölkerung, insbesondere aber die Dresdner selbst, als Beispiele der »Unentwegten « schilderte. Allerdings konnten sowjetische Beobachter der insgesamt 29 Veranstaltungen zu diesem Jahrestag feststellen, dass gerade Redner aus den Reihen der KPD sehr wohl bereit waren, die Zerstörung Dresdens den westlichen Alliierten anzulasten und gleichzeitig die positive Rolle der Sowjetunion hervorzuheben.

Demgegenüber veröffentlichte die Berliner Zeitung am 2. September 1946 ein geradezu romantisch begründetes Bekenntnis zum Wiederaufbau der sächsischen Landeshauptstadt, in dem von der deutschen Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg keine Rede war. Das Dresden der Vorkriegszeit wird dabei aus der Sicht eines jugendlichen Bildungsbürgers geschildert, der bei seiner früheren Reise ins »Elbflorenz« nicht vom modernen Stadtleben, sondern von der barocken Architektur fasziniert war. Die erinnerte Erfahrung des jetzt vergangenen Dresden wurde den Lesern wie eine Rauscherlebnis vorgestellt:

»Und dann der Zwinger mit seinen Pavillons. Die Gemäldegalerie. Die verwirrende Vielzahl der erlesenen Kunstwerke, […] und da war vor allem, in einem besonderen Raum, den die Menschen betraten, als überschritten sie die Schwelle eines Gotteshauses, das Glanzstück der Galerie: Die sixtinische Madonna von Rafael.«

Damit nicht genug, denn der bekennende Kunstliebhaber hatte anschließend noch das Vergnügen, die Matthäuspassion in der Kreuzkirche mit ihrem berühmten Knabenchor zu genießen. Diese Schilderung verzichtete ganz auf einen Bezug zum Nationalsozialismus wie auch auf den Zweiten Weltkrieg. Es ging um die Anschauung des erlittenen Verlustes, der nicht nur den greisen Gerhard Hauptmann zu Tränen rührt hatte. Und doch ist der zitierte Artikel kein reiner Aufruf zur Trauer. Vielmehr sieht der Autor in einer trostlosen Gegenwart Zeichen der Hoffnung für die Rückgewinnung des Verlorenen. Frei von der Furcht vor Fliegeralarm und aufgrund eines »unergründlichen seelischen Reichtums« der Dresdner Bevölkerung, erkennt der Verfasser eine Wiederkehr kultureller Größe und sieht Zukunftspläne entstehen, die keine Träume seien, denn:

»Träumen werden sie erst dann, wenn ihre Heimatstadt mit neuem Glanz und altem Ruhm ihres Namens wieder über die Grenzen tragen wird. Und das wird bald sein …«

Einen solchen »Kulturoptimismus in Dresden« vermag auch die Tägliche Rundschau im gleichen Monat auszumachen. Hier ist die Gegenwart nur eine vorläufige Station auf dem Weg in eine klare Zukunft. Allerdings ist in der SMAD-Zeitung keine Rede von einer Wiederkehr des alten Dresden, wo »sich das Dresdner Bürgertum noch damit begnügte, vom Ruhme glanzvoller barocker Vergangenheit zu leben.« Diese sei nach dem »Hitlerkrieg und seinen Verwüstungen« nun vorbei. In unmissverständlicher Form wird der »weichen aesthetischen [sic!] Luft« des bürgerlichen Lebens eine Wiederkehr verweigert: »In Dresden weht heute ein schärferer Wind.« Die Männer der ersten Stunde waren gerade keine »Bürgerlichen«, sondern »Antifaschisten aus dem Kreise der Arbeiter und progressiver Intelligenz. Sie nahmen ein kulturelles Aufbauwerk in Angriff, das notbedingt andere Wege beschreiten mußte als die gewohnten, nachdem das barocke alte Dresden buchstäblich in Schutt und Asche gesunken war.« Der damit benannte Zusammenhang zwischen der Zerstörung der Kulturstadt und der NS-Diktatur diente hier nicht einem aufklärerischen Anliegen, sondern einem frühzeitig und deutlich formulierten Gestaltungs- und Machtanspruch der »Antifaschisten«.

Aus der zeitgenössischen Perspektive mag dieses Selbstbekenntnis erklärbar erscheinen, allerdings beinhaltete dies auch eine auf Dauer problematische Leerstelle: die Beteiligung der deutschen Bevölkerung an der NS-Diktatur und am »Hitler-Krieg«. Mit dieser Auslassung wirkte der pragmatische Appell zur Aufbauarbeit wie ein höchst attraktives Integrationsangebot gerade für all jene, die zwischen 1933 und 1945 geschwiegen, weggesehen oder mitgemacht und damit selbst Schuld auf sich geladen hatten.11 Insofern geriet das mahnende Gedenken an die Katastrophe des 13. Februar 1945 schon frühzeitig und unbeabsichtigt in den Sog der Instrumentalisierung der Geschichte der NS-Diktatur für die von deutschen Kommunisten und sowjetischer Besatzungsmacht angestrebte Errichtung der antifaschistisch legitimierten SED-Diktatur.12

Wende zum Antiimperialismus

Kein halbes Jahr nach der Gründung der DDR im Oktober 1949 offenbarte sich, in welchem Ausmaß die SED-Spitze bereit war, das Gedenken an die Zerstörung Dresdens für ihre machtpolitischen Zwecke zu benutzen. Bis dahin waren die Gedenkveranstaltungen nicht frei von Angriffen auf die Westmächte gewesen, jedoch war die propagandistische Bedeutung dieser Ausfälle auf den lokalen Raum beschränkt geblieben. Zur fünfjährigen Wiederkehr des 13. Februar 1945 zog das SED-Politbüro die Verantwortung für diese Kampagne ganz an sich. In einem anlässlich des fünften Jahrestages der Bombardierung Dresdens in der überregionalen Tagespresse 12. Februar 1950 abgedruckten offenen Brief des Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, an den Oberbürgermeister von Dresden wurde dieses Ereignis aus der Schlussphase des Zweiten Weltkrieges gänzlich seines historischen Kontextes beraubt. Der Nationalsozialismus bzw. im kommunistischen Sprachgebrauch der »deutsche Faschismus« und der vom »Dritten Reich« betriebene totale Krieg finden in dieser Veröffentlichung keine Erwähnung. Einzig »der fünfte Jahrestag der sinnlosen Zerstörung einer der schönsten Städte Deutschlands durch amerikanische Bomber« wird herausgestellt, um dieses Ereignis als Beleg für die behauptete Bedrohung ganz Deutschlands durch den Imperialismus der »anglo-amerikanischen Kriegstreiber« anzuführen. Dem dergestalt aufgebauten Angstszenario wurde entsprechend das Bündnis der DDR und der »Patrioten in ganz Deutschland« mit der Sowjetunion, »der größten Friedensmacht der Welt«, entgegengestellt.

Im folgenden Jahr erfuhr das Gedenken an die Zerstörung Dresdens eine weitere radikale Emotionalisierung. Die anklagende Sprache der Propaganda enthielt keinerlei Reminiszenzen mehr an die Gemeinsamkeit zwischen der Sowjetunion und den westlichen Alliierten aus der Zeit der Anti-Hitler-Koalition. Nun wurde das Sterben während des »bestialischen Angriffs amerikanischer Bomber auf das friedliche Dresden« ausführlich geschildert und mit Fotos von Leichenbergen brutal veranschaulicht. Diesem Grauen wurde erneut die Aufbauarbeit des »Arbeiter-und-Bauern-Staats« als ein »Sieg des Lebens über den Tod« entgegengesetzt. Schließlich wurde die Gefahr eines Atomkrieges in der Gegenwart des Kalten Krieges mit der Aura des authentischen Schreckens in Dresden aufgeladen. Der Preis für diese »Friedenspropaganda « war, dass sich das Gedenken an die Zerstörung der sächsischen Landeshauptstadt nun vollständig außerhalb des historischen Kriegsgeschehens befand. Ganz so als ob die Bewohner Dresdens, wie auch die Gesamtheit der deutschen Bevölkerung, von den Verbrechen des Nationalsozialismus und dessen Angriffs- und Vernichtungskrieg nichts habe wissen können und ausschließlich zum Opfer einer fremden Macht, den USA, geworden sein. Die Tägliche Rundschau am 12. Februar 1952 in diesem Sinne:

»In einem Augenblick, da die Niederlage des verbrecherischen Nazisystems längst entschieden war, wurde die letzte, noch völlig unversehrte deutsche Großstadt, zugleich eine der schönsten Städte Europas, in Schutt und Asche gelegt. Dieser amerikanisch-englische Ueberfall [sic!] auf das mit Flüchtlingen überfüllte Dresden war militärisch sinnlos – es war vorsätzlicher Mord an Zehntausenden wehrloser Menschen, in der Mehrzahl Frauen und Kinder.«

Die dramatische Anrufung des Leids der Opfer des Bombenangriffs ermöglichte es hier auf kurzem Weg, den Nationalsozialismus und die USA als gleichwertig zu betrachten. So wurde in der DDR-Propaganda das ursprünglich pazifistische »Nie wieder« unter Bezugnahme auf das Schicksal Dresdens zum antiamerikanischen Anwurf. Untermauert wurde dies z. B. im der SED-Monatszeitschrift »Neuer Weg« 1952 mit einer Flut von Zahlen über beteiligte Bombenflugzeuge, eingesetzte Spreng- und Brandbomben sowie einer Aufzählung der durch diese Waffen verursachten Zerstörungen und schließlich mit der Angabe von 35.000 getöteten Menschen. Die empirische Grundlage solcher Angaben war und ist nicht sicher, und so kann es nicht verwundern, dass 1953 wieder nur noch von 25.000 Opfern die Rede war. Derartige Korrekturen waren aber kein Zeichen der Versachlichung im Umgang mit dem 13. Februar 1945. Nach Angaben der Ostberliner Nachrichtenagentur ADN sprach der Chef der DDR-Präsidialkanzlei, Staatssekretär Otto Winzer, vor 100.000 Kundgebungsteilnehmern von »sinnlos hingemordeten Opfern des Luftterrors«, die eine Anklage der »barbarischen Führung des Luftkrieges durch die amerikanischen Imperialisten« seien.

Mit derartigen Rückfällen in die Propagandasprache des Nationalsozialismus trat auch der bedeutende Anteil der britischen Royal Air Force am Bombenkrieg im Zweiten Weltkrieg in der SED-Propaganda fast vollständig in den Hintergrund. Die USA wurden zur allein verantwortlichen Kriegsmacht stilisiert. In der Tageszeitung der Blockpartei NDPD, der »National-Zeitung« vom 18. Februar 1953 wurde Präsident Dwight D. Eisenhower, als ehemaliger Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa nun als Hauptschuldiger »des Mordes an Hunderttausenden, ja Millionen Menschen« angeklagt wurde. Es kann hier allerdings nicht angenommen werden, dass diese Motivlage des SED-Staates von der Mehrheit der DDR-Bevölkerung geteilt wurde. Was dieser antiamerikanischen Propaganda jedoch Plausibilität und damit Wirksamkeit verschaffte, war ihre bewusste Verknüpfung mit dem Arsenal der deutschen Schreckensgerüchte am Ende des Zweiten Weltkrieges:

»Jagdflugzeuge schossen mit Bordwaffen die durch Straßen irrenden, in den Großen Garten und an die Elbwiesen geflüchteten Einwohner zusammen. Die letzte Verantwortung für diesen Mord hatte jener General Eisenhower, der heute der Präsident der Vereinigten Staaten ist und der die Morde in Korea fortsetzen lässt und sie in allen Teilen der Welt ebenso fortsetzen möchte.«

Tatsächlich kursiert bis in die Gegenwart in der deutschen Öffentlichkeit die Vorstellung, die westlichen Alliierten hätten bei der Zerstörung Dresdens Tieffliegerangriffe gegen die flüchtende Dresdner Bevölkerung durchgeführt. Helmut Schnatz konnte jedoch anhand deutscher und alliierter Quellen detailliert nachweisen, dass die Erzählungen von alliierten Tieffliegerangriffen über Dresden ein Mythos sind.13 Die Nützlichkeit solcher Gerüchte wird aber nicht durch ihre fragwürdige Faktenlage aufgehoben. Ihr Wert liegt gerade in ihrer unbegrenzten Variationsfähigkeit, die eine Chance zum Anschluss an die vorhandenen Identitätskonstruktionen des Publikums eröffnet und diese wiederum kommunizierbar macht.14 An das Tieffliegerargument schloss sich die Behauptung an, dass die Zerstörung Dresdens ausschließlich den Zweck verfolgt habe, die zukünftige sowjetische Besatzungszone vollständig zu verwüsten und damit vom Zweiten direkt in den »Dritten Weltkrieg« übergehen zu können.

1955

Nach dem 1954 das Gedenken an die Zerstörung Dresdens im Zweiten Weltkrieg wieder in den Hintergrund getreten war, folgte zur zehnjährigen Wiederkehr des 13. Februar 1945 eine veritable Propagandaoffensive. Das Sekretariat des SED-Zentralkomitees hatte im Vorfeld eine regelrechte Trauer- und Protestwelle für die gesamte DDR angeordnet und vorbereitet. Die Wucht der in diesem Zusammenhang vorgebrachten Angriffe in Richtung Bundesrepublik und USA in den gelenkten DDR-Medien war bis zu diesem Zeitpunkt präzedenzlos. Zur Verstärkung der argumentativen Gleichsetzung des »amerikanischen Imperialismus« mit dem Nationalsozialismus – der nach kommunistischer Lesart nur eine Spielart des (west-) deutschen Imperialismus war – wurden abermals nicht nur die Bilder der zerstörten Stadtlandschaft Dresdens, sondern auch die Fotos aufgehäufter Leichenberge vorgeführt. Um die Verbindung zwischen den imaginierten Wahlverwandten USA und »Drittes Reich« zu belegen, wurde eine krude Agentengeschichte aus der Feder des DDR-Volkskammerabgeordneten Max Seydewitz vorgestellt in der Sächsische Zeitung vom 19. Januar 1955.

Der in der DDR-Presse angeprangerte amerikanische Spion war nach den Aussagen von Seydewitz in den 1930er Jahren und während des Zweiten Weltkrieges an den verschiedensten Verbrechen des Nationalsozialismus beteiligt. In seinem vorherigen Leben als durchschnittlicher US-Bürger habe der deutsche Auswanderer einen kleinen Betrieb in Detroit besessen. Als feindlicher Agent sollte er dann 1936 nach Deutschland zurückgekehrt sein, um einen unverhältnismäßig größeren Betrieb in Niedersedlitz bei Dresden samt Fabrikantenvilla aus jüdischem Besitz zu erwerben. Es wurde weiter gemutmaßt, dass das dafür nötige Geld von Henry Ford stammte, da der ja seinen Firmensitz auch in Detroit hatte. Aber damit nicht genug, auch Standard Oil und der amerikanische Geheimdienst waren Auftraggeber des Agenten. Anschließend wurde dem Leser klar gemacht, dass der vermeintliche Agent dadurch mit der IG-Farben in Verbindung gebracht werden kann. Damit war für die Autoren wohl hinlänglich belegt, dass von diesem Mann jedes Verbrechen erwartet werden konnte. So sollte es die Leserschaft Berliner Zeitung vom 11. Februar 1955 in der DDR auch nicht überraschen, dass der amerikanische Geheimagent nicht nur vom Krieg selbst profitierte, sondern auch die erzielten Gewinne und die seiner Auftraggeber möglicherweise über die Schweiz nach Übersee transferieren ließ. Damit wurde er vom amerikanischen Spion im Dienste von Ford und Standard Oil zum Agenten der Wallstreet.

All diese Unterstellungen und Behauptungen gipfelten schließlich in der vom »Neuer Tag« am 13. Februar 1955 aufgestellten Behauptung, dass der amerikanische Spion persönlich den Angriff auf Dresden vorbereitet habe, indem er Informationen über den fehlenden Luftschutz der Stadt an die westlichen Alliierten geliefert und auch noch die Nazi- Größen der sächsischen Hauptstadt vor dem zu erwartenden Angriff gewarnt habe. Galt zuvor die Tatsache, dass in Dresden vor allem die Altstadt, nicht aber die Neustadtseite fast vollständig zerstört wurde, als Beleg für die Sinnlosigkeit und Brutalität des Bombardements, so wurde dieser Umstand nun als Beweis für die Hinterhältigkeit des Spionageunternehmens dargestellt. In dem von den Bombardements nicht betroffenen Stadtteil stand die erwähnte Fabrikantenvilla, und man konnte von diesem Punkt aus die brennende Stadt exzellent einsehen, was der amerikanische Agent natürlich auch mit Befriedigung getan haben soll. Diese nur vage belegte Schilderung endete schließlich mit der Internierung des derartig beschuldigten Amerikaners in der Sowjetunion und wirkte so wie ein Gleichnis auf die Befreiung Dresdens durch die Rote Armee.

Dass der als Agent benannte und verhaftete Amerikaner Charles A. Noble sich nach seiner Entlassung aus der sowjetischen Gefangenschaft gegen die in der DDR-Öffentlichkeit gegen ihn vorgebrachten ungeheuerlichen Anschuldigen zur Wehr setzte, wurde ihm in der Presse des SED-Staates dann als Beleg für seine finstere Gesinnung ausgelegt. Offenkundig stand den deutschen Kommunisten auch nach dem Tod Stalins und dem 20. Parteitag der KPdSU weiterhin kein anderes Mittel zur öffentlichen Begründung ihres Antiamerikanismus zur Verfügung als der Rückgriff auf Verschwörungstheorien.15 David Crew hat darauf hingewiesen, dass in der DDR die Herausstellung der Tausenden Bombenopfer von Dresden immer auch das Verschweigen der gleichzeitigen Rettung der wenigen, noch nicht deportierten Dresdner Juden zur Folge hatte.16 Offenkundig genügte es der SED-Propaganda aber nicht, diesen Teil der Geschichte des 13. Februar 1945 auszusparen. Es musste mit einem amerikanischen Agenten vielmehr eine Gestalt gefunden werden, die wie einst der »ewige Jude« durch seine Raffgier und seine Verschlagenheit das Schicksal der Stadt Dresden zu verantworten hatte. Diese Ähnlichkeiten mit antisemitischen Stereotypen müssen an dieser Stelle nicht absichtsvoll in die Propaganda eingegangen sein. Dass diese Affinität aber kein Hinderungsgrund für die Verbreitung solcher Räuberpistolen war, zeigt den höchst problematischen Umgang mit der Geschichte des Nationalsozialismus in der DDR.17

Ohne Zweifel war die Präsentation dieser Agentengeschichte im Zusammenhang mit dem Gedenken an die Zerstörung Dresdens in der DDR der negative Höhepunkt in der propagandistischen Bedenkenlosigkeit des Jahres 1955, der aber diese Kampagne weiter wesentlich prägte. Das Ziel war weiterhin und erklärtermaßen, mit diesen Angriffen auf die historische Rolle der USA im Zweiten Weltkrieg und vor allem die amerikanische Führungsrolle im Westeuropa des Kalten Kriegs zu unterminieren. Insbesondere die Stabilisierung des transatlantischen Bündnisses NATO und die Integration der Bundesrepublik in dieses Bündnis sollten damit bei der DDR-Bevölkerung und besonders auch in Westdeutschland in Frage gestellt werden. Dieser Kampf gegen die Pariser Verträge ging mit der Etablierung einer wiederum ausgeweiteten Bewertung des historischen Geschehens in der SED-Presse einher. So schreibe das »Neue Deutschland« am 12. Februar 1955:

»Der Mord an 35.000 unschuldigen Menschen auf zehn Quadratkilometer Dresden geschah Wochen vor den Tragödien von Hiroschima und Nagasaki. Hier wie dort waren es die gleichen Verbrecher.«

Abgesehen von der Frage, ob die Todesopfer eines Bombenangriffs überhaupt mit den Adjektiven unschuldig oder auch schuldig angemessen charakterisiert werden können, wird hier offenkundig, dass sich die in der DDR-Propaganda ohnehin schon ins Abseits geratene Frage nach der historischen Stellung Dresdens im Nationalsozialismus jetzt vollständig erübrigt zu haben schien.18 Die Dresdener wurden nun als überraschte Opfergemeinschaft dargestellt, obwohl in den zurückliegenden Jahren immer wieder betont worden war, dass die Fronten der Stadt immer näher gerückt waren und das Ende des Krieges damit bereits unmittelbar bevorgestanden hatte. In der »Täglichen Rundschau« vom 13. Februar 1953 wurde Dresden in die Reihe der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Städte Hiroshima, Berlin, Warschau, Coventry und Stalingrad gerückt. Die Schuld oder Verantwortung der Deutschen wurden auf diesem Wege externalisiert und einem universellen Imperialismus angelastet, der in den Augen der Kommunisten das Wesen der USA ausmachte. So war spätestens mit dem Jahr 1955 in der gelenkten Öffentlichkeit der DDR ein Gedenk- und Opferdiskurs zur Zerstörung Dresdens etabliert, der mit den Schlüsselbegriffen Sinnlosigkeit und Völkermord implizit wie auch explizit die Einebnung jeglicher Differenz zwischen den Folgen der nationalsozialistischen Diktatur und der amerikanischen Außenpolitik während und nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglichte.

Ausblick

Auch wenn sich der Ton über die nachfolgenden Jahre »normalisierte«, die Redner und Leitartikel nahmen die eingeführten Motive Jahr für Jahr wieder auf. Dominant blieb die Identifikation mit den Opfern des Bombenangriffs auf Dresden und die klare Zuweisung der Schuld dafür an die USA. Bemerkenswert ist aber, dass die in den 1960er Jahren in der Bundesrepublik beginnende öffentliche Debatte um die Zahl der Todesopfer in Dresden in der DDR-Presse keinen Widerhall fand. Die Veröffentlichungen des später als Leugner des Völkermordes an den europäischen Juden verurteilten19 britischen Historikers David Irving zum »Untergang von Dresden« veranlassten den »Spiegel« am 19. Juni 1963 dazu anzugeben, dass in Dresden 75.000 Tote mehr zu beklagen gewesen seien als in Hiroshima. »Die Welt« war am 17. September 1964 sogar der Meinung, »Irvings Buch sollte jeder Deutsche lesen.«

Erklären lässt sich die Zurückhaltung der DDR-Presse nicht aus der Tatsache, dass im SED-Staat längst ein Gleichheitszeichen zwischen Dresden und die anderen verwüsteten Städte des Zweiten Weltkrieges gesetzt wurde. Die Differenz lag in der der Zielsetzung. Während die westdeutschen Autoren in ihren Beiträgen auf eine Versöhnung der (West-) Deutschen mit ihrer Geschichte abhoben, blieb in der DDR-Presse die Zerstörung Dresdens einer von vielen Gründen für eine unversöhnliche Feindschaft mit dem »US-Imperialismus«.

In den folgenden Jahren und bis zur Vereinigung der beiden deutschen Staaten blieb das Gedenken an die Zerstörung Dresdens ein unverzichtbarer Bestandteil der öffentlichen Repräsentation des SED-Staates. Parallel dazu entwickelte sich in Dresden zum Ende der DDR und in direkter Bezugnahme auf die Friedensbewegung der 1980er Jahre ein kirchliches Gedenken an die Zerstörung Dresdens, das als Ausgangspunkt für eine auf Versöhnung ausgerichtete Gedenkkultur in der heutigen sächsischen Landeshauptstadt angesehen werden muss. Allerdings hat der jüngste Versuch von Vertretern der rechtsradikalen NPD im sächsischen Landtag, dieses tragische Geschehen am Ende des Zweiten Weltkrieges in einen »Bomben-Holocaust« umzudeuten, auf den fortwährenden Bestand unversöhnlicher Geschichtsdeutungen verwiesen, in denen die Unterscheidung von Opfern und Tätern eingeebnet wurde und wird. Gleiches gilt wohl auch für die neuerdings wieder vehement geführte Debatte um die Opferzahlen in Dresden.

Vor dem Hintergrund dieser jüngsten Entwicklung erscheinen dem Autor die Medienresonanz auf das Buch von Jörg Friedrich und die sich daran anschließende Veröffentlichungswelle zum Bombenkrieg wie das Gewitterleuchten vor dem Sturm eines offenbar gewordenen, gesellschaftlich anerkannten Geschichtsrevisionismus.20 Trotz der Unterschiedlichkeit der hier vorgestellten und in der neuren Literatur anzutreffenden Positionen stand und steht über allem das vielseitig nutzbare Verdikt eines von den USA verschuldeten Kriegsverbrechens, das ungesühnt geblieben ist. Klaus Naumann hat bereits 1995 darauf hingewiesen, dass diese Interpretation des 13. Februar 1945 in der deutschen Gesellschaft bis in die Gegenwart ein eigentümliches Fortleben besitzt.21 Wie jüngste Forschungen zum Zusammenhang von öffentlicher Erinnerungskultur und Familienerinnerung an die NS-Zeit in Ostdeutschland gezeigt haben, ist es abwegig, davon auszugehen, dass mit dem Ende des Kommunismus in Europa und dem Zerfall des SED-Staates auch die antiwestlichen und antiliberalen Potentiale dieser Vergangenheitsverarbeitung untergegangen wären.22 Ein von der Geschichte des Nationalsozialismus abgelöstes Gedenken an die deutschen Opfer des Bombenkrieges kann auch weiterhin für Begründung einer essentialistischen Feindschaft zu den USA dienen.

1 Dieser Beitrag beruht wesentlich auf dem Buch „Antiamerikanismus im 20. Jahrhundert. Studien zu Ost- und Westeuropa“, da s ich gemeinsam mit den mit mir befreundeten Kollegen Jan C. Behrends und Arpad von Klimo 2005 im Bonner Dietz-Verlag herausgegeben konnte. Den Begriff »Amerika« verwenden wir in diesem Band in einem politischen Sinne, d.h. er bezeichnet – dem Sprachgebrauch des Alltags entsprechend – die Vereinigten Staaten und nicht im geographischen Sinne den Kontinent Amerika. Antiamerikanismus bezieht sich demnach allein auf die USA

2 Christian Schwaabe, Antiamerikanismus. Wandlungen eines Feindbildes, München 2003. Die neuere Forschung reflektiert Philipp Gassert, Amerikanismus, Antiamerikanismus, Amerikanisierung. Neue Literatur zur Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte des amerikanischen Einflusses in Deutschland, in: AfS 39 (1999).

3 Jan C. Behrends, Árpád von Klimó, Patrice G. Poutrus, Antiamerikanismus und die europäische Moderne. Zur Einleitung, in: Dies. (Hg.), Antiamerikanismus im 20. Jahrhundert. Studien zu Ost- und Westeuropa, Bonn 2005, S. 10-33.

4 Ina Merkel, Eine andere Welt. Vorstellungen von Nordamerika in der DDR der fünfziger Jahre, in: Alf Lüdtke/Inge Marßolek/Adelheid v. Saldern (Hrsg.), Amerikanisierung. Traum und Alptraum im Deutschland des 20. Jahrhunderts, Stuttgart 1996, S. 245–254.

5 Zur Genese antiliberaler und antiwestlicher Positionen in der deutschen Geschichte siehe den Beitrag von Konrad H. Jarausch, Missverständnis Amerika: Antiamerikanismus als Projektion, in: Behrends/v. Klimo/Poutrus, Antiamerikanismus, S. 34–49.

6 Olaf Groehler, Dresden. Kleine Geschichte der Aufrechnung, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 40 (1995), H. 2, S. 137–141.

7 Zur Definition Gesine Schwan, Antikommunismus und Antiamerikanismus in Deutschland. Kontinuität und Wandel nach 1945, Baden-Baden 1999, S. 18, 27–34

8 Zur Anwendung des Begriffs der repräsentativen Öffentlichkeit auf kommunistische Staaten vgl. Jan C. Behrends, Die erfundene Freundschaft. Propaganda für die Sowjetunion in Polen und der SBZ/DDR (1944–1957), Köln 2006.

9 Erstmals dazu Olaf B. Rader, Dresden, in: Etienne François/Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte Teil III, München 2001, S. 451–470.

10 Gilad Margalit, Der Luftangriff auf Dresden. Seine Bedeutung für die Erinnerungspolitik der DDR und für die Herauskristallisierung einer historischen Kriegserinnerung im Westen, in: Susanne Düwell/Mathias Schmidt (Hrsg.), Narrative der Shoah. Repräsentationen der Vergangenheit in Historiographie, Kunst und Politik, Paderborn etc. 2002, S. 189–207.

11 Vgl. dazu Damian van Melis, »Der große Freund der kleinen Nazis«. Antifaschismus in den Farben der SED, in: Heiner Timmermann (Hrsg.), Die DDR – Erinnerung an einen untergegangenen Staat, Berlin 1999, S. 245–264.

12 Herfried Münkler, Antifaschismus und antifaschistischer Widerstand als politischer Gründungsmythos der DDR, in: APuZ B45 (1998), S. 16–29.

13 Helmut Schnatz, Tiefflieger über Dresden? Legenden und Wirklichkeit, Köln 2000.

14 Jean-Noël Kampfer, Gerüchte. Das älteste Massenmedium der Welt, Leipzig 1996.

15 Dazu Gábor T. Rittersporn, Die sowjetische Welt als Verschwörung, in: Ute Caumanns/Matthias Niendorf (Hrsg.), Verschwörungstheorien. Anthropologische Konstanten – historische Varianten, Osnabrück 2002, S. 103–124.

16 David Crew, Auftakt zum Kalten Krieg? Wie sich die DDR an die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 erinnerte, in: Daniela Münkel/Jutta Schwarzkopf (Hrsg.), Geschichte als Experiment. Studien zu Politik, Kultur und Alltag im 19. und 20. Jahrhundert. Festschrift für Adelheid von Saldern, Frankfurt/Main etc. 2004, S. 287–295.

17 Thomas Haury, »Finanzkapital oder Nation«. Zur ideologischen Genese des Antizionismus der SED, in: Jahrbuch für Antisemitismusforschung 5 (1996), S. 148–171.

18 Dazu sehr verdienstvoll Reiner Pommerin (Hrsg.), Dresden unterm Hakenkreuz, Köln etc. 1998.

19 Richard J. Evans, Der Geschichtsfälscher. Holocaust und historische Wahrheit im David-Irving-Prozess, Frankfurt/Main etc. 2001.

20 Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945, München 2002. Zur »Bombenkriegsdebatte« vgl. die Sammlung wichtiger Beiträge in: Lothar Kettenacker (Hrsg.), Ein Volk von Opfern? Die neue Debatte um den Bombenkrieg 1940–45, Berlin 2003.

21 Klaus Naumann, Dresdener Pieta. Eine Fallstudie zum »Gedenkjahr 1995«, in: Mittelweg 36 (1995), H. 4, S. 67–81.

22 Sabine Moller, Vielfache Vergangenheit. Öffentliche Erinnerungskulturen und Familienerinnerungen an die NS-Zeit in Ostdeutschland, Tübingen 2003.

Patrice G. Poutrus, Bomben auf Elbflorenz. Antiamerikanismus in der SED-Propaganda zur Erinnerung an die Zerstörung Dresdens, in: Martin Sabrow (Hg.), ZeitRäume. Potsdamer Almanach des Zentrums für Zeithistorische Forschungen 2005, S. 118-130.

Augsteins Suche nach dem „Dritten Weg“

Jakob Augstein, Herausgeber des "Freitag" (Foto: xtranews.de / CC BY 2.0)

Die Kolumnen des Verlegers Jakob Augstein sind deswegen so bemerkenswert, weil selten so anschaulich ein deutscher Populismus vorgetragen wird. So auch in der Ukraine-Krise, wo sich Augstein – mal wieder – an den USA abarbeitet und einen „dritten Weg“ inklusive Grenzverschiebungen für Europa empfiehlt.

Von Patrick Gensing

Augsteins Sprache ist in seiner jüngsten Kolumne militärisch geprägt: Von politischen „Führern“ schreibt er, die sich in Minsk getroffen hätten. Doch die Ukraine zerfalle. „Die Verantwortung können sich Amerikaner und Russen teilen – mit den Ukrainern“, stellt Augstein fest. „Europas Mühen um Frieden und Vernunft“ seien vergeblich gewesen.

Jakob Augstein, Herausgeber des "Freitag" (Foto: xtranews.de / CC BY 2.0)
Jakob Augstein, Herausgeber des „Freitag“ (Foto: xtranews.de / CC BY 2.0)

Europa als Hort der Vernunft zwischen den kriegstreibenden Großmächten in Ost und West? Es ist der altbekannte Augsteinsche Kunstgriff, sich ein Thema herauszugreifen – und über ein anderes, nämlich das Lieblingsthema, zu dozieren. So auch hier. Die USA saßen in Minsk nicht einmal mit am Tisch; in den USA wird verstärkt über Waffenlieferungen an die Ukraine diskutiert, während russische Soldaten seit Monaten in der Ukraine kämpfen; Präsident Obama steht unter massivem innenpolitischen Druck wegen seiner eher abwartenden Haltung, während über der Krim schon lange russische Fahnen wehen.

Für Augstein sind das Nebensächlichkeiten. In dem Text setzt er im Ukraine-Krieg das Vorgehen von Putin und Obama gleich: „Im vergangenen Jahr sagte Angela Merkel, Wladimir Putin lebe „in einer anderen Welt“. Inzwischen wissen wir: Der russische Präsident ist dort nicht allein. Barack Obama ist bei ihm. Es ist die Welt der Machtpolitik, in der sich sowohl Russen als auch Amerikaner gut auskennen – nur Merkel, die Deutsche, ist dort eine Fremde.“

Nicht Merkel, die französische? Oder die italienische? Nein, es ist Merkel, die gutgläubige Deutsche, die da zwischen den knallharten Russen und Amis agiert. Das kann ja nicht gut gehen.  „Was ist aus der Ukraine geworden?“, fragt Augstein. Seine Antwort: „Eine Beute der Großmächte. Amerikaner und Russen zerren an dem Land an der Grenze zwischen Ost und West. Sie zerren, bis das Land darüber zerreißt. Wer glaubt noch, dass eine Teilung abgewendet werden kann?“ Der russische Bär und der amerikanische Adler im Kampf um die Ukraine, Ost gegen West – wie einst Godzilla gegen Kingkong – oder so ähnlich.

„Protektorat“ der USA

Doch ein Happy End ist bei Augstein nicht in Sicht: Der Westen der Ukraine werde ein amerikanisches „Protektorat“, der Osten ein russisches. Und nun kommt der Clou: „Hätte es einen dritten Weg gegeben?“, fragt Augstein – und kommt umgehend mit der Neutralität zwischen West und Ost um die Ecke: „Die Ukrainer selbst wollten ihn nicht gehen: ein Verzicht auf die Mitgliedschaft in der EU und – wichtiger noch – in der Nato.“ Auch das kleine Problem, dass eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine gar nicht zur Debatte steht, umgeht Augstein, indem er wieder auf die Amis zeigt: „Da haben die Deutschen die Rechnung ohne die USA gemacht. Amerika hatte nie vor, die Ukraine in der Blockfreiheit zu belassen“, weiß er, leider ohne uns  die Quelle zu verraten.

Um es abzukürzen: Hier liegt der Kern der Argumentation (des Ressentiments) von Augstein. Die USA lassen Europa einfach nicht in Ruhe, sonst wäre hier alles vollkommen unproblematisch (gut, ohne die Amis hätte ja auch der Führer für klare Verhältnisse gesorgt und Deutschland wäre neutral). Stattdessen führen sie weiter ihre Stellvertreterkriege und ringen mit Russland um die Weltherrschaft. Alles wie gehabt. Die Idee des Dritten Weges, den Deutschland und Europa gehen sollten, ist auch nicht gerade neu, für Augstein scheint er brandaktuell.

Kuba-Krise am Donbass

Bemerkenswert ist in diesem Kontext auch, wie zwanghaft Augstein immer wieder nach veralteten Deutungsmustern greift, um seine Weltsicht nicht verändern zu müssen: Er verweist auf „die berühmten [US-]Ausbilder, die wir aus den südamerikanischen Vasallenstaaten noch kennen“ und behauptet, „das Zerren um die Ukraine“ sei „unsere Kubakrise“. Klar, ein Atomkrieg im Jahr 1962 hätte Europa natürlich egal sein können.

Ganz ernsthaft setzt Augstein die Kuba- und Ukraine-Krise einfach gleich: „Die Sowjets brachten 1962 die Welt aus dem Gleichgewicht, als sie versuchten, Atomraketen vor der amerikanischen Haustür zu deponieren. Die USA und die Sowjets hätten deshalb den Atomkrieg gewagt. Der Versuch, aus der Ukraine einen westlichen Vorposten zu machen, ist auf eine ähnliche Reaktion gestoßen.“

Augstein schließt seine Konstruktion aus dem antiimperialistischen Baukastensystem mit einem Zitat der Schriftstellerin Daniela Dahn, die lapidar anmerkte: „Nun also wird die Ukraine eine andere Staatsform bekommen. Wenn beide ukrainischen Seiten so unversöhnlich sind wie man hört, wird eine demokratisch legitimierte Grenzverschiebung unvermeidlich.“ „Beide ukrainische Seiten“ – hört hört. Erst wird das Vorgehen von Putin und Obama in der Ukraine-Krise gleichgesetzt – und schließlich der Aggressor ganz entsorgt, während man selbst eine „legitimierte Grenzverschiebung“ in Osteuropa als „unvermeidlich“ erklärt. Deutsche Geostrategen bei der Arbeit. Viel Spaß auf dem dritten Weg.

„Good, old-fashioned antisemitism“

Am 22. Januar 2015 ist im New Yorker Stadtrat über eine Resolution gesprochen worden, die in Gedenken an den 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau verabschiedet werden sollte. Aktivisten, die auf dem Balkon der Kammer saßen, unterbrachen jedoch die Sitzung mit lautem Gebrüll und entrollten eine Flagge Palästinas. David Greenfield (Democrat) hielt daraufhin eine bemerkenswerte Rede.

“Ich zittere am ganzen Leib. Ich bin wütend. Ich sage aber auch frei heraus: Ich bin froh darüber, was wir hier heute zu sehen bekommen haben.

Seit Wochen hören wir immer wieder die selben Beteuerungen: “Nein, wir hassen Juden nicht. Wir mögen nur den Staat Israel nicht. Wir haben kein Problem mit Juden. Wir wollen nur nicht, dass ihr nach Israel geht!” Wir wissen aber, dass das nicht der eigentliche Kern der Aussage ist. Heute wurde es bewiesen!

Während wir über eine Resolution gesprochen haben, die sich mit den Morden an 1,1 Millionen Menschen in Auschwitz-Birkenau beschäftigt, ich möchte betonen, neunzig Prozent davon waren jüdisch, aber die anderen zehn Prozent waren politische Dissidenten, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, dies waren die Menschen, die alle gemeinsam in Auschwitz-Birkenau ermordet wurden, während wir darüber gesprochen haben, besaßen diese Leute die Frechheit, die Chuzpe, die Verwegenheit, die Flagge Palästinas zu entfalten und uns anzubrüllen, während wir über Auschwitz sprachen!

In Anbetracht dieser Störung können wir endlich damit aufhören, so zu tun, als ginge es hier nur um Israel, während in Wirklichkeit jedes Land, das heute im Nahen Osten existiert, nicht demokratisch ist, Menschen mit anderen Glauben verfolgt, Homosexuelle verfolgt, Menschen verfolgt, die widersprechen, Menschen verfolgt, die twittern, Frauen verfolgt, die Auto fahren, mit Ausnahme eines einzigen Landes: Israel!

Was wir heute hier gesehen haben, war nackter, blinder Judenhass! Das ist es, was wir gesehen haben! Die Leute, die hier gebrüllt haben, sind nur aus einem Grund so sauer! Wollen Sie den Grund hören? Wollen Sie wissen, warum die da oben die Flagge entrollt haben? Ich sage es Ihnen! Weil Hitler seinen Job nicht zu Ende gemacht hat. Er hat nur eine Hälfte meiner Familie vernichtet! Nur durch die Gnade Gottes ist die andere Hälfte der Familie, ich, der Enkel, heute unter den Lebenden. Deshalb sind die Leute dort oben sauer!

Schande über sie! Schande über sie, weil sie Juden hassen! Schande über sie, weil sie Menschen hassen. Schande über sie, weil sie keinen Respekt haben vor dem kulturell vielfältigsten Rat, der in den Vereinigten Staaten von Amerika frei und demokratisch gewählt wurde.

Darum gehen wir nach Israel. Wir machen deutlich, dass wir uns nicht mehr einschüchtern lassen von der Furcht und dem Hass, der eher den Tod von Juden feiert, als um den Tod Unschuldiger zu trauern!

Ich bin beschämt darüber, was hier heute geschehen ist. Aber ich bin auch froh, dass wir endlich zu Gesicht bekommen haben, worum es hier eigentlich geht: guter alter Judenhass!”

Auch ich bin froh, dass dieser Protest im New Yorker Stadtrat stattfand, denn nur so sind wir nun im Besitz dieser brillanten Rede. Die Rede entstand spontan, aus dem Gefühl heraus und sagt daher alles, was gesagt werden muss und vielleicht sogar noch ein bisschen mehr.“

Zuerst veröffentlich auf Tapfer im Nirgendwo

Wird PEGIDA von den USA gelenkt?

Der "deutsche Boden" ist zurück. "PEgida" in Dresden, Foto: Johannes Grunert

In Dresden marschieren montags Tausende Bürger gegen „Lügenpresse“, Islamisten und Zuwanderung durch die Straßen. Die PEGIDA-Bewegung kommt bislang ohne bekannte „Systemkritiker“ von den Mahnwachen und Friedensdemos aus. Das gefällt beispielsweise Ken Jebsen, der PEGIDA scharf kritisiert, gar nicht. Jürgen Elsässer deutet PEGIDA hingegen zur antiamerikanischen Befreiungsfront um – vergleichbar mit Assad.

Von Patrick Gensing

Undank ist der Welten Lohn: Immer wieder sind Leute wie Ken Jebsen oder Jürgen Elsässer auf Mahnwachen oder Montagdemos aufgetreten, es werden Bündnisse wie der Friedenswinter geschmiedet – und nun interessieren sich die blöden „Systemmedien“ nur noch für PEGIDA.

Auffällig, finden einige Verschwörungsfachleute. Im Gespräch mit Gerhard Wisnewski über „PEGIDA und die Strippenzieher“ weist Jebsen auf die angebliche Strategie des Westens hin, den Islam als Feindbild zu etablieren. Daraus folgert Jebsen kurzerhand, es gehe um eine „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ – also: antimuslimischen Rassismus. Selbstverständlich stünden hinter der Erfindung dieses neuen Feindbilds die USA, die so ihre Kriege um Ressourcen legitimieren wollten. So weit, so altbekannt.

Nun aber springt Jebsen nach Dresden zu PEGIDA – und fragt: Wird die Bewegung möglicherweise für bestimmte Zwecke instrumentalisiert? Wisnewski, insbesondere bekannt als 9/11-Verschwörungstheoretiker, konzentriert sich im folgenden Gespräch zunächst auf den Namen PEGIDA, mit dem eine europäische Identität verkauft werden solle. Zudem gehe es darum, das Feindbild Islam zu etablieren.  Der islamistische Terrorismus werde dafür größtenteils inszeniert und instrumentalisiert.

Wie gewohnt hangeln sich die Verschwörungsfreunde bei ihrer Express-Welterklärung an der Frage „Cui bono?“ entlang. So seien die Deutschen eigentlich ziemlich kritisch gegen Europa, wirft Jebsen ein. Würden sie vielleicht durch PEGIDA manipuliert? Ja, findet Wisnewski, und spricht von inszenierten Demonstrationen. Zudem sei es bedenklich, dass Tausende Menschen einem „Kriminellen“ hinterherliefen, so Wisnewski in Bezug auf den Organisator Lutz Bachmann. Die Informationen über Bachmann bezieht Wisnewski übrigens aus den „Systemmedien“. Ken Jebsen ergänzt noch, dass Bachmann beruflich mit dem Springer-Verlag zu tun habe, doch zeigt sich hier einmal mehr: Hohe Glaubwürdigkeit genießt der, der mir erzählt, was mir in den Kram passt.

Inszenierte Demos für Europa und gegen den Islam, Kontakte zu Springer – braucht man eigentlich noch mehr Beweise dafür, dass PEGIDA eine von den USA gesteuerte Bewegung ist? Auf keinen Fall! Mit PEGIDA solle der „Volkszorn“ aufgefangen werden – zudem werde ein proeuropäischer Impuls gesetzt, erklären unsere kritischen Kritiker für alle Fälle. PEGIDA werde zudem von den Medien wohlwollend aufgenommen, behauptet Jebsen, und fragt sich, warum die neue Querfront-Friedensbewegung hingegen so stark bekämpft werde? Ob dies mit deren Forderung nach Auflösung der NATO zu tun habe? Ja, bestätigt Wisnewski umgehend und wenig überraschend, PEGIDA sei hingegen Teil des inszenierten „Kampfes der Kulturen“, der bereits vor 20 Jahren in den USA geplant worden sei… Bisweilen fragt man sich wirklich, ob es nicht sogar Figuren wie Jebsen und Wisnewski zu doof sein muss, sich so einen Unsinn auszudenken und als brisante Wahrheiten an Gläubige zu verkaufen.

Xavier Naidoo und Jürgen Elsässer
Xavier Naidoo und Jürgen Elsässer

Doch nicht nur Jebsen und Wisnewski sind gegen PEGIDA, auch andere Teile der Querfront-Friedensbewegung schießen gegen die rechten Dresdner Wutbürger. „Kann es sein, dass die unterschiedliche Bewertung der beiden Bewegungen damit zu tun hat, was unsere Medien und die Politik selbst in der Debatte vorgeben?“, fragt die linksdogmatische und strikt antiisraelische „Neue Rheinische Zeitung“ keck.

Verbot von PEGIDA-Demos?

In das Bild der Verschwörungsfreunde passt da blendend, dass Henryk M. Broder einen Text veröffentlicht hat, um die Anliegen der PEGIDA zu verteidigen. Broder suggeriert, es gebe Forderungen nach Verboten der Demonstrationen – oder er meint möglicherweise Aussagen von Politikern, die PEGIDA scharf kritisieren, seien ein Versuch, die „Spaziergänge“ zu unterbinden. Den Antisemitismus auf PEGIDA-Demonstrationen (Medien werden von USA/jüdischer Lobby gesteuert beispielsweise), blendet er einfach aus und hält sich auch sonst nicht mit Differenzierungen auf. Vielmehr tut er genau das, was er gerne Linken unterstellt, die angeblich alles rechts von der Mitte in einen Topf werfen, wenn Broder nämlich Parteien in Europa wie die rechtspopulistische Dansk Folkeparti mit der griechischen Nazi-Partei Goldenen Morgenröte gleichsetzt.

Zudem bedient Broder gekonnt das Feindbild der komplett abgehobenen politischen Klasse, die mit dem kleinen Mann umgehen wolle wie einst die Feudalherren. Selbst das Thema Klimaschutz und Frauenquote bringt Broder in seinem Rundumschlag unter – und landet auf diesem ideologischen Holzweg fast unvermeidlich im feuchten Albtraum des PEGIDA-Wutbürgers, einem Dresden, wo im Jahr 2019 angeblich Zustände wie in Neukölln oder gleich in Islamabad herrschen sollen.

Pro & Contra USA – und alle gegen das Establishment

Nun haben wir also rund um PEGIDA recht gegensätzliche Lager: Zum einen Neocons wie Broder, die dem Kampf gegen den vermeintlichen Islamismus in Sachsen alles unterordnen und in PEGIDA unbedingt Verbündete gegen den PC-Zeitgeist erkennen wollen sowie klar prowestlich argumentieren; zum anderen die Querfront-Friedenswichtel, die zwar eigentlich Demonstrationen gegen die „Lügenpresse“ und das politische Establishment super finden und sich bei der Wahl ihrer Verbündeten wenig wählerisch zeigen, sich aber hauptsächlich über das Feindbild USA/NATO/Israel definieren und den mörderischen islamistischen Terror für eine Erfindung des Westens halten.

Und zu guter Letzt darf da auch Jürgen Elässer nicht fehlen, der versucht, die Differenzen zwischen Friedenswichteln und PEGIDA beiseite zu wischen, indem er PEGIDA quasi zu einer antiamerikanischen Befreiungsbewegung macht, wenn er in einem „Offenen Brief an meine muslimischen Freunde“ schreibt, PEGIDA verteidige „die Souveränität Deutschlands, so wie Assad die Souveränität Syriens verteidigt: gegen Salafismus und US-gesteuerten Globalismus“. Mal schauen, wann die ersten PEGIDA-Giftgaseinsätze folgen…

Seine muslimischen Freunde könnten aber sicher sein, so Elsässer, dass  „wir niemals eine Politik unterstützen würden, die sich gegen den Islam als solches richtet – sondern immer nur gegen die Islamofaschisten a la ISIS, die im Solde Washingtons und Tel Avivs agieren“. Wie beruhigend.

"Pegida" in Dresden: "Heimatschutz statt Islamisierung", Foto: Johannes Grunert
„Pegida“ in Dresden: „Heimatschutz statt Islamisierung“, Foto: Johannes Grunert

Da Broder solche antisemitischen Anwandlungen bei PEGIDA und deren Unterstützer offenbar einfach übersehen will, steht einem gemeinsamen Demobesuch oder vielleicht sogar einem gemeinsam Auftritt mit Elsässer in Dresden eigentlich nichts mehr im Wege. Unterhaltsam wäre es sicherlich.

Gemeinsam haben unsere Helden, dass sie nicht erkennen wollen, dass antisemitische Israelkritik und rassistische Islamkritik nicht voneinander getrennt werden können. Elsässer und Ken Jebsen schwafeln von inszeniertem Terrorismus und Steuerung durch USA/Israel – und wundern sich, wenn ähnliche Ressentiments auch gegen andere Minderheiten eingesetzt werden. Bei Broder funktioniert es vice versa. Ein trauriger Schlagabtausch, bei dem es keine Sieger gibt.

Alle Artikel zu PEGIDA.

Das Akademische Karussell: „Political Extremism“

Political Extremism von Cas Mudde

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um ein neues Großwerk mit dem Titel „Political Extremism“.

Von Samuel Salzborn

Anders als in Deutschland haben Bücher, in denen Schlüsseltexte eines Themengebietes versammelt werden, in Amerika und England eine große Bedeutung. In solchen Textbooks werden kürzere Texte, Aufsätze oder Buchkapitel, zusammengetragen und sie erleichtern so den Zugang zu einem Gegenstand, den man sich behelfsweise im bundesdeutschen Wissenschaftssystem mehr oder weniger erfolgreich mit dem Versuch der kopierten Reader zu erschließen versucht hatte.

Political Extremism von Cas Mudde
Political Extremism von Cas Mudde

Warum es das Modell der Textbooks bis heute nicht wirklich in das bundesdeutsche System der Sozialwissenschaften geschafft hat, ist gerade vor dem Hintergrund verwunderlich, dass durch solche Textbooks nicht nur das Wissen eines Fachgebietes, sondern auch seine Kontroversen versammelt werden können und dabei auch den Aufsätzen, die sonst nicht selten in abgelegenen Fachzeitschriften versenkt und nur von einer verschworenen Kleinstgruppe gelesen werden, eine Aufwertung in Buchstatus zu Teil werden kann, wenn sie sich als längerfristig substanziell und wesentlicher Beitrag zur Forschung erwiesen haben.

Dies muss man berücksichtigen, wenn man sich mit dem voluminösen und über weite Strecken sehr empfehlenswerten Riesenwerk befasst, das Cas Mudde kürzlich unter dem Titel „Political Extremism“ in der „Sage Library of Political Science“ herausgegeben hat. Die vier Bände (Bd. 1: „Concepts, Theories and Responses“; Bd. 2: „Historical Extremism“; Bd. 3: „Right-Wing Extremism“; Bd. 4: „Left-Wing Extremism“) umfassen insgesamt rund 1.500 Seiten und dokumentieren in der Tat eine Reihe von wichtigen Aufsätzen aus dem Feld – das in einem englischsprachigen Band die deutsche Debatte nur rudimentär Eingang findet, die in ihrer theoretischen Dimension durchaus etwas ambitionierter ist, fällt als Problem auf den Gegenstand selbst zurück, weil viele der deutschsprachigen Schlüsseltexte nie übersetzt worden sind.

Der Band ist in seiner Komposition sehr heterogen, was schon am Vorwort auffällt, in dem Mudde – den deutschen Leser(inne)n vor allem durch seine Arbeiten zum Rechtspopulismus bekannt, zuletzt unter anderem sein Buch „Populist Radical Right Parties in Europe“ (2007) – sich bei Roger Eatwell und Uwe Backes bedankt und beiden das Werk widmet, stehen doch beide für sehr konträre Ansätze der Forschungen zum Gegenstand. Wer insofern in dem Band eine klare Linie der eindeutigen Abgrenzung von der (in der deutschen Rechtsextremismusforschung marginalisierten, aber für Teile der behördlichen Arbeit nach wie vor angewandten) Extremismusdoktrin zugunsten eines gesellschaftskritischen oder historisch-dynamischen Ansatzes sucht, wird ebenso enttäuscht, wie jemand, der auf ein Kompendium einfacher Rechts-Links-Analogien hofft. Der Band versammelt Texte aus beiden Ansatzbereichen, wobei die offensive Problematisierung der sich wechselseitig ausschließenden Zugänge hilfreich für die Lektüre gewesen wäre.

Mudde kompiliert eine gute Mischung aus klassischen Beiträgen (z.B. von G. Bingham Powell Jr., Hannah Arendt, Juan J. Linz, Carl Joachim Friedrich/Zbigniew Brzezinski oder Seymour Martin Lipset – warum allerdings Franz L. Neumann, Ernst Fraenkel oder Karl Loewenstein fehlen, bleibt rätselhaft) und aktuelleren wichtigen und viel diskutierten Ansätzen (z.B. von Zeev Sternhell/Mario Sznayder/Maia Asheri, Roger Griffin, Klaus von Beyme, Marlène Laruelle, Kai Arzheimer, Piero Ignazi, Jens Rydgren oder Michael Minkenberg), gibt allerdings – was wohl dem eigenen Forschungsparadigma des Herausgebers geschuldet ist – den populistischen Entwicklungen ein deutlich zu großes Gewicht in der Dokumentation (spannend wäre hier auch, neben Ansätzen, die sich des Populismuskonzepts bedienen, ein Beitrag über die Kritik an den konzeptionellen Schwächen des Populismuskonzepts gewesen). Die systematische Unterteilung der Kapitel überzeugt und auch die daraus entstehende Konzeptualisierung einer interdisziplinären Debattenkultur ist hilfreich bei der Lektüre und Einordnung. Wie so oft bei politikwissenschaftlichen Zusammenstellungen gibt es ein leichtes Übergewicht von Beiträgen der letzten Jahrzehnte, was die historische Perspektive etwas unterbelichtet und überdies gefragt werden muss, ob Texte jüngeren Datums auch beispielsweise noch in zehn oder zwanzig Jahren die gleiche intellektuelle Tiefe aufweisen wie Beiträge, bei denen man die Qualität mit hinreichend zeitlichem Abstand einigermaßen solide einordnen kann. An einem Beispiel: Ob die populistische Strategie im Rechtsextremismus überschätzt wird, wie der Autor dieser Buchvorstellung sagen würde oder ob man sie lange Zeit unterschätzt hat, wie die Anhänger des Populismusparadigmas sagen würden, wird man erst in gut zwanzig Jahren mit Gewissheit sagen können.

Wirft man den Blick auf das Detail, dann fallen einige Aspekte auf, die für eine Zweitauflage berücksichtigt werden könnten: Zunächst leuchtet grundsätzlich nicht ein, warum bei dem sehr weit gefassten Begriff des „Political Extremism“ – der nicht identisch mit dem deutschen Extremismusbegriff verstanden werden darf, weil er im englischen Sprachraum maßgeblich von Seymour Martin Lipset (der Text ist auch im Band dokumentiert) ursprünglich als ein Konzept entwickelt wurde, das drei Extremismen kennt (einen rechten, einen linken und einen der Mitte) und in dem betont wird, dass die Grenzen zwischen den moderaten und den extremen Strömungen generell fließend sind und weltanschaulich nicht, wie im behördlichen Verständnis in Deutschland, in einer (realen und fiktiven) Nähe zur geltenden Verfassungsordnung bestimmt werden, sondern aus der Ablehnung von politischem und gesellschaftlichem Pluralismus – nicht der Islamismus (sinnvollerweise als eigenständiger Bd. 5) aufgenommen wurde, der gerade in der internationalen Debatte stark als politischer bzw. politisierter Extremismus, resp. Totalitarismus gedeutet wird.

Ebenfalls überrascht, dass man systematische Beiträge über Antisemitismus und Antiamerikanismus als weltanschauliche Bindeideologien aller antidemokratischen und antipluralistischen Bewegungen vergeblich sucht. Dass stattdessen im Bereich aktueller linksextremer Bewegungen „Occupy“ sehr viel Raum und der Antiglobalisierungsbewegung überhaupt Raum eingeräumt wird, verwundert umgekehrt und legt den Verdacht nahe, dass über die systematischen Referenzsysteme für eine Neuauflage noch einmal nachgedacht werden sollte. Denn die Antiglobalisierungsbewegung, die man weder für sinnvoll, noch für fortschrittlich halten muss, scheint mit dem Label des „Extremismus“ doch prinzipiell falsch bedacht und „Occupy“ war und ist letztlich so marginal, dass andere soziale Bewegungen stärker in den Blick genommen werden sollten (z.B. der Linksterrorismus, dessen Bewegungsbezüge international seit den 1960er Jahren wahrnehmbar sind, auch in seinen fortgesetzten Bezüge zu islamischen Terrororganisationen). Und mit Blick auf den historischen Band (Bd. 2) und die dortige Abteilung zum Sozialismus bzw. Kommunismus bleibt unklar, warum in dem mit „Communism“ betitelten Kapitel der Anarchismus gänzlich ausgeblendet wird, der fraglos durch seine generelle Staatsfeindlichkeit eine hohe Affinität zum „political extremism“ hat(te) und wenn man dieses Spektrum schon vernachlässigt, warum das Kapitel dann nicht „Stalinism“ heißt (denn es handelt faktisch fast ausnahmslos vom Stalinismus)?

Diese Nörgelei am Detail soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Band von Mudde gerade für Leser/innen in Deutschland ein echter Gewinn ist, weil nicht nur zentrale deutsche Texte nicht ins Englische übersetzt sind, sondern umgekehrt ein Großteil der englischsprachigen Debatte in der deutschen Forschung in ihren Verästelungen nur unzureichend wahrgenommen wurde und wird und ihre Zusammenstellung in einem Textbook nun den Zugang erheblich vereinfacht und verbessert.

Cas Mudde (Ed.): Political Extremism. Four-Volume Set, Sage: London u.a. 2014, 1.576 Seiten.

Samuel Salzborn (Foto: Marta Krajinović)
Samuel Salzborn (Foto: Marta Krajinović)

* Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Von ihm ist in diesem Jahr erschienen:

Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze
Nomos/UTB: Baden-Baden 2014, 149 Seiten

Weitere Informationen finden Sie hier http://www.salzborn.de/re_de.html

Auf Publikative.org schreibt Salzborn die Kolumne „Das Akademische Karussell“ http://www.publikative.org/category/das-akademische-karussell/

Mit Carl Schmitt gegen die Westbindung

Die NPD beklatscht Augsteins Kolumne.

Jakob Augstein wandelt immer wieder auf den Spuren seines Vaters. Nicht nur die Texte zu Israel lesen sich wie etwas diplomatischer formulierte Artikel von Rudolf Augstein aus früheren Dekaden, auch seine Bezugnahme auf den „weitsichtigen“ Carl Schmitt gegen die USA steht in unguter deutscher Tradition.

Von Patrick Gensing

In seiner jüngsten Kolumne auf Spiegel Online beschäftigt sich Jakob Augstein mal wieder mit der deutschen Rolle in der Welt. Offenbar liegt hier aus seiner Sicht etwas im Argen. „Zwischen den Amerikanern und uns besteht ein Herr-Hund-Verhältnis“, meint Augstein, der sich offenkundig persönlich als Hündchen des amerikanischen Herren sieht, warum sonst sollte er statt Deutschland, Berlin oder Bundesrepublik lieber „uns“ schreiben – also wir alle – auch Du und ich?

Und wir alle sind ungeliebte Trottel, denn „leider liebt Herrchen aus Amerika den deutschen Dackel nicht. Herrchen braucht ihn nur hin und wieder zum Apportieren.“ Die Deutschen als dümmlicher, naiver und nützlicher Handlanger des Amerikaners also. Daraus ergibt sich laut Augstein eine Notwendigkeit zur Entscheidung:

„Der Dackel hat jetzt zwei Möglichkeiten: er akzeptiert seine Existenz als Hund. Immerhin ist da – nachrichtendienstlich gesehen – immer der Napf voll. Oder wir nehmen unser Glück – und unsere Sicherheit – selbst in die Hand. Frei nach den Gebrüdern Grimm: Etwas Besseres als die CIA finden wir überall.“

Was das Bessere ist, lässt Augstein lieber unausgesprochen. Aber eigentlich bleiben nur die deutschen Geheimdienste, die unser Glück, das Augstein hier als Sicherheit definiert, in die Hand nehmen soll. Dafür müsste der Verleger und Kolumnist also in die deutschen Dienste investieren, die sich beispielsweise in Sachen 9/11 oder beim NSU-Komplex nicht gerade für größere Aufgaben empfohlen hatten. Warum ein deutscher Geheimdienst besser sein sollte als ein amerikanischer, erläutert Augstein ebenfalls nicht. Man kann nur zu dem Schluss kommen: weil es ein Deutscher ist.

Kein Text ohne Israel

Denn die amerikanische Gesellschaft folge dem Prinzip der Rache, behauptet Augstein, der es bei diesem Begriff und dieser günstigen Gelegenheit es nicht lassen kann, diese Eigenschaft auch Israel anzudichten. Damit zeigt er dankesnwerterweise und höchst anschaulich zweierlei: 1.: Antiamerikanismus und Antisemitismus sind mitnichten gleichzusetzen, funktionieren aber bisweilen sehr ähnlich. Und 2: Die sogenannte Israelkritik bezieht sich eben nicht nur auf die jeweilige Regierung, sondern grundsätzlich auf den Staat Israel als Gesamtheit, was Augstein hier in vermeintlich progressivem Duktus als Gesellschaft umschreibt – letztendlich aber erstaunlich genau dem uralten Ressentiments des rachesüchtigen Juden entspricht.

In dieser schicksalshaften Lage hofft Augstein nun auf „harte“ Entscheidungen in Deutschland, doch der Kanzlerin traut er diese nicht zu. Denn ohnehin seien „Stolz und Ehre keine Kategorien mehr“ in der hiesigen Politik. Augstein schränkt ein, er definiere dieses „Stolz und Ehre“-Gewäsch progressiv – und füttert diese Behauptung ausgerechnet mit einem Zitat aus der Feder des „weitsichtigen“ Staatsrechtlers Carl Schmitt an: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“

Ein gewagtes Konstrukt, das aber in der Familie Augstein seit Jahrzehnten erfolgreich die Mär der linken Verlegerfamilie trägt. Nicht nur Jakob schreibt heute, sondern auch Rudolf Augstein schrieb vehement gegen die Westbindung der Bundesrepublik an – und wurde von Schmitt, dem „Kronjuristen des Dritten Reiches“, ausdrücklich dafür gelobt.

Die FAZ berichtete im Jahr 2007:

Ein anderes Mal, am 3. Januar 1954, hatte Schmitt als kritischer, aber treuer „Spiegel“-Leser die „großen Momente“ des Magazins gelobt und dabei speziell auf Augsteins Kolumne über den „Abschied von den Brüdern im Osten“ verwiesen. Darin hatte der Herausgeber unter dem Pseudonym Jens Daniel vehement gegen Adenauers Politik der Westbindung angeschrieben. […]

„Wir haben Augstein damals“ – gemeint war die Zeit der „Spiegel“-Affäre 1962 – „linker gesehen, als er wirklich war“, stellt heute der Frankfurter Politologe Iring Fetscher fest. Mit seinem Interesse für Schmitt war Augstein der konventionellen Linken mehr als einen Schritt voraus, die Schmitts Staats- und Politikdefinitionen, vor allem aber seine Partisanentheorie erst seit den siebziger Jahren wieder intensiver diskutierte.

Hier schließt sich auch schon der Kreis zu Jakob Augstein, der eine neue Art des deutschen Partisanentums gegen die USA entwirft und sich dabei auf die romantischen und urdeutschen Brüder Grimm bezieht, die er in seiner Kolumne gegen Britney Spears setzt. Kulturell armselig, unmoralisch, übergriffig und arrogant – so sieht das Amerika-Bild aus, das Augstein zeichnet – und das sich in Bestsellern wie „Ami go home!“, eine Art Bibel des deutschen Antiamerikanismus, ausführlich nachlesen lässt.

Gekränkte deutsche Seele

Diese Sehnsucht nach der Abwertung der Amerikaner speist sich aus einer gekränkten deutschen Seele, sogar bei einem Text über die Geheimdienst-Affäre kommt Augstein nicht ohne das Bild der „Care-Pakete“ aus, also jene Nahrungsmittelpakete, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Rahmen von amerikanischen Hilfsprogrammen nach Europa, insbesondere Deutschland und Österreich, geschickt wurden. Wenn man Augsteins Texte liest, kann man nur zu dem Schluss kommen. Es handelte sich um  vergiftete Geschenke.

Gegen die Politik der Amerikaner und ausufernde Geheimdienste setzt Augstein keine besseren Konzepte, nicht mehr demokratische Kontrolle, sondern Werte wie Ehre und Selbstachtung: „Ganz ohne Selbstachtung geht es in der Politik eben doch nicht. Und es wäre ein Irrtum zu glauben, dass man sich für Ehre gar nichts kaufen kann“, so Augstein. Ehre und Selbstachtung, um „von Russen und Chinesen“ ernst genommen zu werden. Weltpolitisch sieht Augstein Deutschland also auf Augenhöhe mit Russland und China – und das bitte komplett unabhängig von den USA. Damit liegt der im Zweifel links stehende Augstein außenpolitisch exakt auf der Linie von deutschen Nationalisten, ob sie sich nun AfD oder NPD nennen.

Die NPD beklatscht Augsteins Kolumne.
Die NPD beklatscht Augsteins Kolumne.

Nun mögen LeserInnen fragen, was Augstein denn dafür könne, wenn er Beifall von der NPD bekomme? Dem möchte ist entgegnen, dass dies eben kein Zufall ist, sondern die außenpolitischen Positionen der NPD in Sachen USA und Israel kaum von denen vieler Linker zu unterscheiden sind. Dieser linke Irrationalismus lebt sich derzeit einmal mehr in Bündnissen mit reaktionären Organisationen gegen Israel und die USA aus.

Der „weitsichtige“ Carl Schmitt starb übrigens 1985 fast 97-jährig. Wikipedia weiß dazu:

„Schmitt, der auch schon früher durchaus paranoide Anwandlungen gezeigt hatte, fühlte sich nun von Schallwellen und Stimmen regelrecht verfolgt. Wellen wurden seine letzte Obsession. Einem Bekannten soll er gesagt haben: „Nach dem Ersten Weltkrieg habe ich gesagt: ‚Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet‘. Nach dem Zweiten Weltkrieg, angesichts meines Todes, sage ich jetzt: ‚Souverän ist, wer über die Wellen des Raumes verfügt.‘ “

Damit erwies sich dieses mal nicht Rudolf Augstein sondern Carl Schmitt „der konventionellen Linken mehr als einen Schritt voraus“.