Männerfantasien: Die antigenderistische Ideologie des Ulrich Kutschera

Der Kasseler Biologie-Professor Ulrich Kutschera tut sich in den letzten Monaten immer wieder durch Traktate gegen „die Gender Ideologie“ hervor. Dabei nähert er sich nach und nach einem geschlossen rechtsextremen Weltbild an und erhält dementsprechend auch Applaus vom rechten Rand. Grund genug für eine ideologiekritische Skizze seines Antigenderismus.

von Floris Biskamp und Fabian Bärig

Der C4-Tiger brüllt wieder!

Seit Juli tritt der Kasseler Biologe Ulrich Kutschera in regelmäßigen Abständen an die Öffentlichkeit, um die „normalen“ Teile der Bevölkerung vor einer ernsthaften Gefahr zu warnen: Gender!

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„Das Land der starken Frauen“

Publ Israel Head

Israel ist das Land der „starken Frauen“. Soldatinnen gehören dort zum allgemeinen Straßenbild. Besonders am Vorabend des Sabbats sind Bahnhöfe und Bushaltestellen überfüllt mit jungen Soldatinnen und Soldaten, die für das Wochenende in ihre Heimatstädte fahren. Die generelle Militärpräsenz, v.a. aber Soldatinnen, die bspw. über den Basar der Altstadt von Jerusalem schlendern, finden bei Besuchern besondere Beachtung – gilt doch kaum ein Berufsfeld als eine solch große „Männerdomäne“ wie das Militär.

von Johannes Sosada, mit freundlicher Genehmigung des Göttinger Institutes für Demokratieforschung

Die Ursachen für dieses in Israel alltägliche Straßenbild reichen bis vor die Staatsgründung 1948 zurück. Männer wie Frauen kämpften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gemeinsam in den paramilitärischen Verbänden wie etwa der Hagana oder dem Palmach. In den Kibbuzim, den ländlichen Kollektivsiedlungen, wurde zusammen gearbeitet. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dienten während der verschiedenen israelisch-arabischen Kriege nicht nur Männer, sondern auch Frauen in der Armee.

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Jerusalem, Foto: Johannes Sosada

Mit der Staatsgründung 1948 wurde in Israel offiziell die allgemeine Wehrpflicht für Männer und Frauen eingeführt. Neben Eritrea und Nordkorea ist Israel damit eines der wenigen Länder, in denen Frauen zum Wehrdienst verpflichtet sind. Männer müssen dort heute 36 Monate, Frauen 21 Monate Wehrdienst leisten. Den Dienst an der Waffe zu umgehen oder überhaupt nicht anzutreten, ist nahezu unmöglich und gilt als verpönt. Wehrdienstverweigerung ist verhältnismäßig selten, auch wenn die Zahlen in jüngster Zeit ansteigen.[1] Befreit von der Wehrpflicht sind lediglich arabische Israelis, Christen sowie nichtjüdische, schwangere oder verheiratete Frauen. Für Schlagzeilen sorgte jüngst die Debatte, inwiefern auch Ultraorthodoxe ihren Wehrdienst anzutreten haben.[2]

Das Militär hat sich in der israelischen Gesellschaft zu einer Institution mit einem besonderen Stellenwert entwickelt: Egal, ob Befürworter oder Gegner: Die allgemeine Wehrpflicht für Männer und Frauen ist in Israel identitätsstiftend. Über die Grenzen von Geschlecht, sozialer Herkunft und auch Generation hinaus ist das Militär ein verbindendes Element.[3] Die Tzahal (hebräische Bezeichnung für die israelischen Streitkräfte) ist einer der größten Arbeitgeber und genießt als „Verteidigungsarmee des Landes“ hohes Ansehen. Soldatinnen und Soldaten werden gesellschaftlich besonders unterstützt: Man bietet ihnen in den Bussen Sitzplätze an, lässt sie an Warteschlangen vor und steckt ihnen, häufig ungefragt, Zigaretten oder Süßigkeiten zu. Auch nach der Wehrdienstzeit verbleibt ein Großteil der Eingezogenen in der jeweiligen Reserveeinheit. In Bewerbungsgesprächen wird oft gefragt, in welcher Region oder bei welcher Einheit der Wehrdienst abgeleistet worden ist. Auch bei der Rekrutierung der politischen Eliten hat das Militär eine besondere Stellung. Viele israelische Spitzenpolitiker kennen sich aus ihrer Zeit bei der Armee – einer politischen Spitzenposition geht oft eine militärische Karriere voraus; nicht zuletzt, weil die in der Militärdienstzeit erworbenen Attribute wie Führungsfähigkeit und Stärke auch in der Öffentlichkeit gut ankommen.

Bedenkt man, dass sich die meisten europäischen Länder inzwischen von einem allgemein verpflichtenden Wehrdienst verabschiedet haben, dieser in Israel jedoch kaum bis gar nicht zur Disposition steht, so sticht das Land in dieser Besonderheit zwar hervor – nimmt aber auch einen Trend vorweg: die Frau an der Waffe. Mittlerweile dienen auch in fast allen anderen europäischen Streitkräften Frauen. Indes: Neben Österreich und Dänemark halten bisher nur noch Estland, Finnland, Griechenland und Zypern an der Wehrpflicht fest. In all diesen sechs Ländern gilt die Wehrpflicht jedoch nur für Männer, Frauen sind nach wie vor ausgenommen.

Das Militär ist nun nicht der klassische und erste Ort, um den sich die Kämpfe um Gleichberechtigung im 20. Jahrhundert drehten. Nichtsdestotrotz bleibt festzustellen: Die Zwangslage einer permanenten militärischen Bedrohung bildete in Israel die argumentative Grundlage, mit dieser Konvention patriarchaler Ordnung früher zu brechen als anderswo. Gerade weil es sich hier um das Militär handelt, mag es manchem schwer fallen, in dem Wort „Gleichberechtigung“ mehr als einen Euphemismus zu sehen. In Israel jedoch steht die Wehrpflicht für Frauen nicht nur nicht zur Disposition, sondern wird gleichzeitig als „nur gerecht“ wahrgenommen.

Momentan machen Frauen in den IDF (Israeli Defense Forces) einen Anteil von 42 Prozent aus.[4] Doch bedeutet dies auch, dass Frauen an Entscheidungsprozessen gleichberechtigt beteiligt sind? Inwieweit deutet diese paritätischere Verteilung der Geschlechter in einer macht- und herrschaftsstiftenden Institution auf eine andere Machtverteilung in der israelischen Gesellschaft hin?

Soldaten in der Innenstadt von Jerusalem, Foto: Felix M. Steiner
Soldaten in der Innenstadt von Jerusalem, Foto: Felix M. Steiner

Zunächst ist die reelle Organisationsstruktur der Armee zu berücksichtigen: Hier stellt sich die Frage, inwiefern Frauen im Militär wirklich sämtliche Positionen offenstehen. So wurde erst 2011 die erste Frau in den Rang einer Generalin erhoben.[5] Frauen in tatsächlichen Kampfhandlungen nehmen zwar zu, sind aber noch die Ausnahme: Ein Großteil der Soldatinnen, besonders die Wehrdienstleistenden, wird nach wie vor im Stabsdienst, also im Wesentlichen zur Büroarbeit eingesetzt.

Der amerikanische Politologe Gregory Mahler beschreibt die Armee als „regulären Rekrutierungskanal für die israelischen politischen Eliten“[6]. Grund hierfür sei die sicherheitspolitische Lage, die eine vorrangige Prämisse in der israelischen Politik darstelle. Auch Uta Klein spricht vom Militär als „starke[r] Ressource“[7], um später ein politisches Spitzenamt erlangen zu können. Militärische Karriere und politischer Erfolg seien in gewisser Weise aneinander gekoppelt. Indem Frauen einen großen Teil der Armee ausmachen, so könnte man vermuten, dass ihnen so auch bessere Chancen für eine politische Karriere offenstehen.

Trifft dies für Frauen in Israel tatsächlich zu? Nach der Parlamentswahl im März dieses Jahres ist der Frauenanteil bei den Abgeordneten im israelischen Parlament, der Knesset, so hoch wie noch nie zuvor. Das bedeutet konkret, dass von den 120 Abgeordneten derzeit lediglich 29 weiblich sind – ein Anteil von 24 Prozent.[8] Dieser Wert liegt sogar um einiges hinter dem prozentualen Anteil von Frauen in anderen europäischen Parlamenten. Im Bundestag bspw. liegt der Frauenanteil bei 36 Prozent.[9] Was die Volksvertretung anbelangt, hat die binäre Wehrpflicht in Israel also offenbar keinen paritätssteigernden Effekt.

Damit eng verbunden ist die Frage nach dem Frauenbild in der israelischen Gesellschaft insgesamt. Der Facettenreichtum dieses Themas hängt eng zusammen mit der Heterogenität der israelischen Gesellschaft, deren unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und verwurzelten Traditionen der verschiedenen nicht nur jüdischen Gruppen, die das gesellschaftliche Leben in Israel prägen. Hierbei stehen progressive Kräfte, die Gleichberechtigung und Emanzipation einfordern, konservativen, oft religiös motivierten Gruppen gegenüber. So gibt es von Seiten letztgenannter etwa Bestrebungen, die Gleichbehandlung von Frauen sogar weiter einzuschränken. Beispielsweise fordern Teile der orthodoxen jüdischen Kreise die Einführung von Buslinien, in denen Frauen aus religiösen Gründen hinten sitzen sollen.

Das Militär als Kaderschmiede israelischer Eliten ist also seit nunmehr fast siebzig Jahren in der Hand beider Geschlechter. Doch außer dieser Besonderheit scheint damit, hier etwa am Beispiel der politischen Vertretung gezeigt, im Vergleich mit anderen westlichen Ländern kein Machtvorteil israelischer Frauen verbunden zu sein. Über die konkreten Ursachen dessen kann indes nur spekuliert werden. Eine Möglichkeit könnten dabei die genannten Organisationsstrukturen des Militärs oder aber habituelle und gesellschaftliche Normen sein. Das Beispiel Israel zeigt jedoch: Auch wenn die Pflicht zur Waffe für beide Geschlechter gilt, geht damit offenbar nicht automatisch auch das Recht zur Macht einher.


 

[1] Siehe hierzu ausführlich: Senfft, Alexandra: Das Schweigen brechen. Der israelische Staat und seine Wehrdienstverweigerer, in: KAS Auslandsinformationen, H. 3/05, S. 19 ff.

[2] O.V.: Israel beschließt Wehrpflicht für Orthodoxe, 12.03.2014, in: Süddeutsche.de, URL: http://www.sueddeutsche.de/politik/jerusalem-israel-beschliesst-wehrpflicht-fuer-orthodoxe-1.1910237 [eingesehen am 12.07.2015].

[3] Zur Rolle und Zusammensetzung der israelischen Armee siehe ausführlich: Klein, Uta: Militär und Geschlecht in Israel, Frankfurt am Main 2001, S. 122 ff.

[4] Zum Vergleich: In Deutschland dienen unter den knapp 180.000 Soldaten der Bundeswehr 19.000 Frauen, was nur einem Anteil von circa 9,5 Prozent entspricht. Blog der israelischen Armee, URL: https://www.idfblog.com/blog/2014/03/07/international-womens-day-facts-need-know-women-idf/ [eingesehen am 12.07.2015].

[5] Landsmann, Charles: „Frauen müssen auf allen Bühnen singen dürfen“, Portrait Orna Barbivai, URL: http://www.tagesspiegel.de/meinung/portraet-orna-barbivai-israelischegeneralin-frauen-muessen-auf-allen-buehnen-singen-duerfen/5960558.html [eingesehen am 12.07.2015].

[6] Mahler, Gregory: Politics and Government in Israel. The Maturation of a Modern State, Plymouth 2011, S. 201 ff.

[7] Ebd., S. 145 ff.

[8] Die verschiedenen Parlamentsabgeordneten lassen sich auf der Seite der Knesset einsehen, URL: http://www.knesset.gov.il/mk/eng/mkindex_current_eng.asp?view=3 [eingesehen am 12.07.2015].

[9] Aktuelle Angaben des Bundestages (Stand Dezember 2014), URL: https://www.bundestag.de/bundestag/abgeordnete18/mdb_zahlen/frauen_maenner/260128 [eingesehen am 12.07.2015].

Der Ausschluss von Frauen aus der Fankultur

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Von Frederik Schindler, zuerst veröffentlicht bei Fußball gegen Nazis*

Geht es nach dem Tumblr-Blog Ultrapeinlich, der diskriminierende Spruchbänder, Choreografien und Sticker von Ultragruppen sammelt, sind wohl gerade mal wieder Sexismus-Wochen in deutschen Fankurven. Sexistische Schimpfwörter, Degradierungen von Frauen zu Sexobjekten oder sogar Vergewaltigungsfantasien –  das alles wurde allein in den letzten Monaten vom genannten Blog dokumentiert.  Frauenfeindlichkeit scheint zur Ultrakultur dazuzugehören, sichtbar sowohl in Fangesängen oder auf Transparenten, als auch in der Diskriminierung oder im Ausschluss von Frauen aus der Fankurve. Dies zeigt sich beispielsweise an einem deutlich niedrigeren Anteil von Frauen in Ultragruppen als im gesamten Stadion oder an dem Fehlen von Vorsängerinnen auf den Zäunen. Frauen werden in Fankurven von vielen männlichen Fans generell nur als Begleiterinnen oder als Groupies wahrgenommen, viele Ultragruppen schließen bei Auswärtsfahrten Frauen in ihren Bussen aus, geben Frauen keine Ämter in den Gruppen oder lassen generell keine weiblichen Mitglieder zu. „Als Begründung wird häufig angeführt, dass ‚Frauen Unruhe in die Gruppe bringen‘, ‚die Gruppe verweichlichen‘ bzw. ‚Frauen nicht das Bild der Gruppe prägen sollen'“, erklärt Fanforscher Jonas Gabler in den Blättern für deutsche und internationale Politik. Auch in offenen Ultragruppen werden Frauen oftmals nicht die gleichen Rechte zugesprochen oder bestimmte Ämter und Zuständigkeiten verwehrt, beispielsweise bei der Verteidigung des Gruppenmaterials. Frauen gelten in Ultragruppen demnach als Gefahrenquelle: „Zum einen scheinen sie körperlich zu schwach zu sein, um Fahnen, Fansektoren und Busse zu verteidigen. Zum anderen wird ihnen aber auch eine große Sprengkraft innerhalb der Gruppe zugeschrieben, und zwar dann, wenn es um den zwischenmenschlichen Bereich geht“, so Heidi Thaler, die zu weiblichen Ultras promoviert, im neuen Tatort Stadion-Buch. Dieses Bild von der gewaltlosen Frau wird auch von den Fußballverbänden reproduziert, beispielsweise wenn Frauen und Kinder an sogenannten Geisterspielen teilnehmen dürfen – von verschiedenen Seiten wird demnach abgesprochen, dass Frauen „echte Fans“ sein können.

Frauen-Ultragruppen als Möglichkeit der Emanzipation

Eine mögliche Gegenstrategie für Frauen, mit Sexismus in der Fan- und Ultrakultur umzugehen ist die Ironisierung der Abwertungen und Ausschlüsse. Negativ gemeinte Begriffe werden selbst angeeignet, um sie positiv umzudeuten. Dadurch können Begriffe entmachtet werden, man kennt das von rassistischen oder homophoben Fremdzuschreibungen. Ein Beispiel hierfür sind die Chicas, ein Zusammenschluss von weiblichen Mitgliedern der Ultragruppe Schickeria München. Sie versuchen, „den Nachteil, der sich für die weibliche Minderheit im Fußball ergibt, unter dem Namen ‚Chicas‘ bewusst publik zu machen, anzupacken und zum Guten zu wenden“, greifen dabei ein „Klischee auf und drehen es auf ironische Weise ins Gegenteil um“. Nicole Selmer und Almut Sülzle entwickelten hierfür den Begriff „vorweggenommener Sexismus„. Die weiblichen Ultras können dadurch „frauenfeindliche Blicke irritieren und zurückweisen“.

Die letzte weibliche Ultragruppe gründete sich im Juli 2014 in Heidenheim: Die „Societas“ wurden Teil der Gruppe „Fanatico Boys“ und kritisieren in ihrer Gründungserklärung: „Mädels haben es oftmals auch schwerer in ihrer Rolle als Fan akzeptiert und respektiert zu werden. Von ihnen wird zumeist mehr erwartet und sie stehen unter größerer Beobachtung“. Mitglied Lea fordert in der WELT: „Ich möchte in erster Linie als Fan wahrgenommen werden, also geschlechtsunspezifisch. Es geht es darum, dass weibliche Fans genauso behandelt werden wie männliche Fans“. Ähnliches fordert Andrea aus Bremen: Es müsse den Leuten im Stadion endlich klar werden, dass auch Mädchen und Frauen Ultra sein können. „Nicht alle haben Bock auf Gewalt und Pöbeln – allerdings auch nicht bei den Jungs -, aber die meisten sind eben wirklich wegen Fußballgucken, Singen, Ultra-Zeugs in der Kurve und nicht weil der neue Stürmer so sexy Waden hat.“ Ein Schritt in die Richtung der Anerkennung kann eine Frauen-Ultragruppe sein. So lange das Ziel, dass alle gleichberechtigt nebeneinander Ultra sein können noch nicht erreicht sei, brauche es Schutzräume, meint Andrea: „Zudem ist eine reine Frauengruppe natürlich auch ein Statement. Das zeigt dann ganz plakativ, dass Mädchen das auch spannend finden und es eben auch ‚können‘.“. Wichtig ist ihr auch die Präsenz von Frauen, egal ob auf Kurvenfotos oder in der ersten Reihe beim Fanmarsch. „Das ist in Bremen schon relativ oft so, aber ein reiner Mädchen-Mob würde auch hier noch auffallen. Das wäre schon echt cool!“, sagt sie.

Ähnliches berichten die Chicas aus München. Sie wollen eine Anlaufstelle „für die Mädels sein, die sich für Ultrà interessieren aber durch die Dominanz des männlichen Geschlechts vielleicht nicht den Mut dazu haben, von Null auf Hundert in der Gruppe mitzumachen“. Als explizite Frauengruppe – oder als Untersektion einer größeren Gruppe – stehen die genannten Gruppen allerdings relativ alleine da. Zu erwähnen wären hier noch die Senhoritasaus Jena (ebenfalls nur Untergruppe der dominierenden Gruppe Horda Azzuro), die Sophia Gerschel in ihrer Diplomarbeit untersuchte und die legendäre Aktion der Ultrà Sankt Pauli Femminile aus dem Jahr 2010, die laut einem ironischen Statement die Männer aus der Gruppe prügelten. Die einzige heute existierende unabhängige Frauengruppe besteht in der Ultraszene des SV Babelsberg 03.

Die Ultras Babelsberg mit einem abgewandelten Zitat von Rosa Luxemburg

Der Fanblock als Raum für untypisches Geschlechterverhalten

Über die Konstruktion von „echten Fans“ erfolgt auch eine Ablehnung von weiblichen Fans, die dem „Klischeebild des rosa-zickigen Groupie-Mädchens“ entsprechen, erklärt Fanforscherin Almut Sülzle in ihrer Studie „Fußball, Frauen, Männlichkeiten„. Hierbei entsteht allerdings kein genereller Ausschluss von Frauen. Frauen, die nicht den typischen Geschlechterklischees entsprechen und „Groupies“ ebenfalls ablehnen, können so im Fanblock einen Raum finden, in dem sie sich nicht ständig als Frau inszenieren oder über ihren Körper darstellen müssen. Verhaltensweisen, die gesellschaftlich als „typisch männlich“ wahrgenommen werden, wie zum Beispiel fluchen oder schreien können durch Frauen im Stadion angeeignet werden, ohne dafür sanktioniert zu werden oder in ihrer Weiblichkeit infrage gestellt zu werden. Sie müssen sich allerdings immer wieder beweisen, um ebenfalls als „echte Fans“ wahrgenommen zu werden. Frauen stützen so die männerbündischen Strukturen, Sülzle bezeichnet sie daher gleichzeitig als „Konstrukteurinnen und Opfer der hierarchisierenden Geschlechterdichotomie“. Ähnliches berichtet auch Andrea aus Bremen. Sie ist 25 Jahre alt, seit 11 Jahren im Weserstadion und seit 9 Jahren Mitglied einer Ultragruppe. Im Gespräch mit Fussball-gegen-Nazis.de erklärt sie: „Die Mädchen die präsenter sind, sind es zu einem guten Teil auch deswegen, weil sie hegemonial männliche Verhaltensweisen annehmen können und/oder wollen. Laut und vielleicht etwas gröber sein, gehört beim Fußball nach wie vor zum guten Ton, den müssen sich alle ein bisschen angewöhnen“. Menschen, die sich hier nicht anpassen wollen oder können, werden so weiter aus dem Fanblock ausgegrenzt.

Auch für Männer gibt es in der Kurve Möglichkeiten für die Ausübung von Verhaltensweisen, die außerhalb des Stadions als unmännlich gelten. Umarmungen und Berührungen zwischen Männern sind unter Fans vollkommen selbstverständlich, während sie in anderen Kontexten homophob abgewehrt werden. Die Politikwissenschaftlerin Eva Kreisky sieht in Männerbünden auch eine „emotionale, affektive und häufig erotische Basis„, die sich im Fanblock beispielsweise in öffentlichem Weinen zeigt. Dass dieses Verhalten möglich ist, ohne als unmännlich wahrgenommen zu werden, liegt an der extremen Assoziation von Fußball und Männlichkeit, die fast jedes Verhalten als männlich erscheinen lässt. Frauen, deren Verhalten oder deren Kleidung als „typisch weiblich“ wahrgenommen werden, erfahren Ablehnung und Ausgrenzung. „Man reproduziert in Verbindung mit Autoritarismen Männlichkeitsvorstellungen, zum Beispiel dass Frauen ‚männlich‘ sein müssen, es gibt eine männliche Struktur, die auch historisch von Männern entwickelt wurde und jeder Mann und jede Frau muss durch diese Strukturen durch“, so Gerd Dembowski in einem Gespräch 2013.

Hierarchien reproduzieren althergebrachte Männlichkeitsvorstellungen

In einer 2006 von dem Fanforscher Gunther A. Pilz durchgeführten Studie, gaben 85 Prozent der befragten Ultras an, dass Frauen ihrer Meinung nach keine Ultras sein können. 62 Prozent erklärten, dass Frauen nicht die Rolle des Capos, also des Vorsängers, übernehmen können. Der Anteil von Frauen in Ultragruppen liegt laut der Studie bei 5 Prozent, mittlerweile wird er auf ein Zehntel geschätzt – während der Frauenanteil im Stadion insgesamt mittlerweile bei einem Drittel liegt. Dies liegt unter anderem an der Entstehung von eigenen Konventionen und Regelsystemen der aktiven Fanszene, die „durch interne Hierarchien gewährleistet werden. Diese sind geprägt durch die Vorherrschaft der Männer im Fußball und in den Kurven, weshalb zentrale Charakteristika von Fußballfankultur bis heute durch Männlichkeit bzw. männliche Stereotypen geprägt sind“, so Gabler. Die meisten größeren Ultra-Gruppen haben beispielsweise eine Art Vorstand, ein sogenanntes direttivo. Dieses wird in der Regel nicht gewählt, sondern setzt sich aus erfahrenen Mitgliedern der Gruppe zusammen. Bei der Zusammensetzung gilt der Vorrang von Mitgliedern mit höherem Lebensalter oder längerer Gruppenzugehörigkeit. „Auf Dauer ist dieses Konstrukt so instabil, dass sich Formen von althergebrachter Männlichkeit und Autoritarismus tradieren können, also genau solche Dinge reproduziert werden, die es in bürgerlichen Taubenzüchtervereinen auch gibt“, meint Dembowski. Und auch Heidi Thaler schreibt im oben genannten Buchbeitrag, dass der Einstieg für Frauen leichter sei, je weniger die Hierarchien innerhalb der Gruppe bereits ausgeprägt sind. „Je früher in der Entstehungsgeschichte einer Ultragruppe auch Frauen beteiligt sind, desto mehr Spielraum besteht, die Teilhabe von Frauen in der Gruppe auszuhandeln beziehungsweise als Selbstverständlichkeit zu etablieren.“

Viele jüngere Mitglieder richten sich nach der Meinung der Capos und ordnen sich dieser unter. Für Frauen ist es noch schwieriger, als Vorsängerin die Gruppe anzuführen. Erst vor wenigen Jahren gab es bei einer Ultra-Gruppe des SV Babelsberg 03 die erste weibliche Vorsängerin, die jedoch nach einem halben Jahr aufgab, weil sie sich von den Fans nicht akzeptiert fühlte. Gerd Dembowksi dazu: „Ultras lassen zwar hier und da mal Frauen mitmachen – ähnlich wie in der Gesellschaft, in der Emanzipation: Man lässt Frauen jetzt Managerinnen werden, aber man ändert nicht den gesamten Betrieb. Man benutzt das Amt, das Männer irgendwann erfunden haben und genau so funktioniert es in der Ultra-Szene auch.“ In Andreas Augen sei die Bremer Ultraszene allerdings schon lange bereit für eine Frau auf dem Podium. Schon ein paar Mal sei das ausprobiert worden, die organisierten Gruppen standen alle dahinter und es gab viel Support. „Aber die Fans, die weiter oben stehen, Bierbecher werfen und jetzt mal nicht ‚Fahne runter‘, sondern ‚Was will die Fotze auf dem Zaun?‘ schreien, die hast du halt nicht im Griff. Traurig, aber wahr“, stellt Andrea fest. Gerade haben die aktiven Frauen verständlicherweise keine Lust, zur Zielscheibe zu werden und deshalb gibt es auch momentan keine Vorsängerin in Bremen.

Es geht auch anders: Die Pugnatores Ultras aus der Fanszene des FSV Frankfurt mit einem Spruchband zum Frauen*kampftag 2015

„Einfach nur Ultra unter Ultras sein“

Andrea aus Bremen stört sich schon lange daran, dass andere Ultras „als die großen Macker“ auftreten: „Selbst die progressiven Gruppen wollen Stärke ausstrahlen und die Spruchbänder der nicht so progressiven Gruppen sind auch nicht gerade einladend“, kritisiert sie. „Dazu kommt dieses Gruppending. Zusammenhalt und Geschlossenheit sind super wichtig. Es ist schwer für neue da reinzukommen. Auch für Jungs. Und für die Mädchen ist es eben besonders schwer, weil es mehr Überwindung kostet einen Jungen anzusprechen und eben nicht überall Mädchen rumlaufen, die man einfacher ansprechen könnte“. Dabei wollen Frauen im Stadion doch einfach nur das gleiche machen wie Männer. Doch bestimmte Mechanismen erschweren dies, wie Heidi Thaler im genannten Buchbeitrag erklärt: „Wer es satt hat, sich aufgrund des Geschlechts von vornherein ständig erklären zu müssen und als Exotin zu gelten, hat wahrscheinlich wenig Lust, noch gesondert auf die eigene Situation als Frau hinzuweisen. Einmal abschalten, einmal nur Fußball und die eigene Kurve im Kopf haben, einfach nur Ultra unter Ultras sein – das wär was!“

*Fussball-gegen-Nazis.de ist ein Projekt der Amadeu-Antonio-Stiftung und bietet eine kontinuierliche Berichterstattung über Neonazismus, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie im Fußball. Die Plattform richtet sich an alle Interessierten aus Fangruppen, Vereinen und Verbänden, die sich über (Anti-)Diskriminierung im Bereich Fußball informieren möchten.

„HoGeSa“: Die weibliche Hetze

Egal ob Rednerin oder als Paar, Frauen waren bei "HoGeSa" präsent, Foto: Felix M. Steiner

Von der Bewerberin um den NPD-Vorsitz bis zur christlichen Fundamentalistin: Bei den „Hooligans gegen Salafisten“  spielen auch die „Ladies“ eine wichtige Rolle.

von Andrea Röpke, zuerst veröffentlicht bei blick nach rechts

Sigrid Schüssler und Karl Richter bei "HoGeSa" in Hannover, Foto: Felix M. Steiner
Sigrid Schüssler und Karl Richter bei „HoGeSa“ in Hannover, Foto: Felix M. Steiner

Kürzlich hatte sie sich im Internet noch mit Strapsen und Peitsche präsentiert und für ordentlich Empörung im nationalen Lager gesorgt. Die bayrische NPD-Frau Sigrid Schüssler inszeniert sich seit einiger Zeit als braune „Skandalnudel“, fremdenfeindlich und obszön. Bei der „Hooligan gegen Salafisten“-Kundgebung in Hannover am Samstag gab sie unter den zahlreichen weiblichen Teilnehmerinnen eine der auffälligsten Erscheinungen ab.

Gekonnt postierte sich die rothaarige diplomierte Schauspielerin, in der Szene bekannt als „Hexe Ragna“, am Hinterausgang des Bahnhof, gerade so, dass die zahlreichen Kameras sie auch wahrnahmen.  Sie wartete alleine auf ihren Freund, den Münchner Neonazi und Stadtrat Karl Richter. Mit den anderen Teilnehmern der HoGeSa-Veranstaltung schien sie wenig gemein. Sichtlich genervt rückte die geschasste ehemalige Vorsitzende des „Rings Nationaler Frauen“ dann auch zur Seite, als zwei völlig überdrehte Hooligans einen primitiven Schaukampf mit Gebrüll vor ihr abhielten. Die beiden imitierten einen Fight, zeigten hochgereckte Fäuste und schrien: „Deutschland“. Angewidert drehte sich Frau Schüssler weg.

Andere Frauen dagegen halfen beim Einheizen. Sie trugen Shirts mit Aufschriften wie „Berserker“ oder „HoGeSa Bremen“, standen auf einer Empore oder wechselten sich mit den Megaphonen ab, um mit Parolen wie „Wir sind das Volk“  Sprechchöre in Gang zu bringen.

Die unauffällige Frau von nebenan

Etwa jeder zehnte bis fünfzehnte Teilnehmer von rund 3000 HoGeSa-Fans in Hannover war weiblich. Einige ältere und junge Frauen zogen sich begeistert Ordnerbinden wie bereits in Köln über und dirigierten die Menge mit. Anders als bei der Massenveranstaltung in Nordrhein-Westfalen wenige Wochen zuvor erschienen diese Frauen weniger dem Skinhead-Milieu und anderen Subkulturen zu entstammen. Sie vertraten eher das Erscheinungsbild der  unauffälligen Frau von nebenan.

Auch bei den Ordnern waren Frauen zahlreich vertreten, Foto: Felix M. Steiner
Auch bei den Ordnern waren Frauen zahlreich vertreten, Foto: Felix M. Steiner

Sogar im Umfeld der Organisatoren um Henrik und Hannes Ostendorf aus Bremen gab es Helferinnen wie die Ehefrau eines „Endstufe“-Crewmitglieds. Hannes Ostendorf, Sänger der Band „Kategorie C – Hungrige Wölfe“, der die Behörden in Hannover aus Sicherheitsgründen den Auftritt verweigerten, gilt nicht als Befürworter von Gleichberechtigung und Emanzipation. Mit Frauen sieht man den Hooligan-Anführer selten. In einem Bremer Gericht bezeichnete er eine fremde Frau schon mal als „Fotze“. Das Umfeld der Bremer Neonazi-Hooligantruppe „Standarte“ gilt als hundertprozentige Männerbastion. Das scheint längst nicht überall so. Im Dunstkreis der Dortmunder „Borussenfront“ von Siegfried Borchardt tummelten sich dagegen immer Frauen.

Das populistische Ziel, gegen „Salafisten“ als nationale Tatgemeinschaft aufstehen zu wollen, nutzten in Hannover auch Fans von „Pi News“ und Vertreter von „Die Freiheit“. Sie mischten sich als Redner unter Neonazis und rechte Hooligans. Vertreten waren neben Oldschool Skinheads, wütenden Hooligans, bürgerlichen Paaren aber auch NPD-Politiker wie Patrick Schröder, Macher von FSN-TV oder Neonazis wie Tobias Richter aus Ostfriesland. Einige der HoGeSa-Organisatoren aus Köln blieben der Veranstaltung in Hannover fern. Inzwischen gilt die Führung und ihr Umfeld als zerstritten.

Motto: „Die Familie hält zusammen“

Auf der Bühne kam neben dem Chef der muslimfeindlichen Partei „Die Freiheit“ Michael Stürzenberger aus Bayern auch der Leipziger Neonazi und Neu-Hooligan Nils Larisch zu Wort. Wie bereits in Köln durfte die NPD-Liedermacherin Karin Mundt aus Berlin auch in Hannover singen. Gemeinsam mit dem glatzköpfigen Liedermacher „Villain“ legte die Sängerin mit dem Künstlernamen „Wut aus Liebe“  Songs wie „Vereint Euch“ hin. Der musikalische Auftritt war wenig professionell. Das Duo mit Gitarre grölte „Vereint euch gegen Salafisten, wir stehen unseren Mann“ ins Mikrophon.

Das Motto der HoGeSa, „die Familie hält zusammen“ erinnert stark an die Parole „La Familia“ aus dem Rockermilieu. So suchten bei den Massenveranstaltungen auch Kuttenträger immer wieder politischen Anschluss. In Köln waren Vertreter des „MC Meridian“ vertreten, auch Supporter der „Hells Angels“.

Doch richtig Stimmung wollte auf dem großen umzäunten Platz in Hannover überhaupt nicht aufkommen. Anders als in Köln durften sich die Teilnehmer keinesfalls frei bewegen, mussten sich auch türkische Melodien und Antifa-Sprechchöre aus der Ferne anhören, ohne die Polizeisperren durchbrechen zu können. Das Sicherheitskonzept durch besonders starke Polizeipräsenz schien aufzugehen.

Rednerin von den „Ladies gegen Salafisten“

Egal ob Rednerin oder als Paar, Frauen waren bei "HoGeSa" präsent, Foto: Felix M. Steiner
Egal ob Rednerin oder als Paar, Frauen waren bei „HoGeSa“ präsent, Foto: Felix M. Steiner

Kurzzeitig wurden Ausbrüche von rechts versucht. Die Stimmung schien zu kippen. Rauch stieg auf, das Gebrüll der rechten Hooligans wurde lauter, sie rotteten sich eng zusammen. Eilig rückte der eigene Ordnungsdienst mit vielen weiblichen Kräften an, um die eigenen Leute vom Sturm über die Hamburger Gitter abzuhalten. Die Polizei setzte Pfefferspray ein, die Motoren der schweren Wasserwerfer-Fahrzeuge sprangen an und berittene Polizei kam näher. Die Reden auf der Bühne des LKWs verebbten immer mehr. Die Kundgebungsteilnehmer begannen sich sichtlich zu langweilen.

Auch der Rednerin Maria E. von den „LaGeSa“ – „Ladies gegen Salafisten“ gelang es nur kurz, für Aufmerksamkeit zu sorgen. Die Blondine aus Nordhrein-Westfalen gab an, aus Ostdeutschland zu stammen. Sie las vom Zettel ab und rief: In Deutschland läuft „etwas schief“, Christen und Juden würden verfolgt, Kirchen geschändet. Schon begann einer zu grölen, „der Jude“, der weitere Satz ging im Tumult unter. Brav lächelte die „Lady“ von oben in die Menge. Dann beanstandete sie eine angeblich unbegrenzte „Einwanderung in unser Sozialsystem“ und lobte das „Land der Dichter und Denker“. Kämpferisch verkündete die Ostdeutsche von „LaGeSa“: „wir lassen uns nicht mehr mundtot machen“.

Langsam begangen die geschäftstüchtigen Bremer Hooligan-Anführer den Verkaufsstand für „Kategorie C“-Merchandising abzubauen. Die Werbung in eigener Sache schien gut gelungen, der Kultband der Szene nutzt HoGeSa, von dem Hype könne sie stark profitieren. Der cholerische Ex-NPDler Henrik Ostendorf regte sich kurz lautstark über einen farbigen Mitdemonstranten auf, der eine Fahne schwenkte, dann verschwand der schwarze Van mit den Bremern vom Platz in Hannover.

Auch die ersten Demonstranten hatten das Gelände bereits vorzeitig verlassen. Sigrid Schüssler stand immer noch vorne vor der Bühne. Später schrieb sie bei Facebook: „Liebe Hooligans, die ihr aufsteht und zu HoGeSa werdet, hier steht sie, die Bewegung junger deutscher Männer und auch Frauen, die eine rote Linie ziehen und sagen: Schluss jetzt! Es reicht! Wir haben genug! Jetzt wehren wir uns! Und wer sich hier nicht an unsere Regeln hält, der fliegt raus!“

„Heidi “ wünscht „Gottes Segen“

Weitaus mehr Anklang als Schüssler fand eine andere Frau, über deren Motivation  in der HoGeSa-Szene allerdings wenig bekannt sein dürfte. Ihr Auftritt wird als Video inzwischen tausendfach verbreitet und sie als „Heidi, die mutige Deutsche“ angepriesen. Bei der blonden Frau, die sich eine Deutschland-Fahne um den Körper gehängt hatte und die Bühne in Hannover gar nicht wieder verlassen wollte, handelte es sich um die christliche Fundamentalistin Heidi Mund aus Frankfurt am Main. Sie schrie in die Menge, wie stolz sie auf die „deutschen Männer“ sei, „die endlich einen Arsch in der Hose“ hätten. Die Menge antwortete mit „ahu, ahu“-Gebrülle.

Mund rief weiter, sie sei gegen „Ausländer, die  uns zerstören wollen“. Mit erhobenem Zeigefinger mahnte die Frau: „Besauft euch nicht hier, sondern zuhause, macht das zuhause. (…) Also bitte Jungs, Selbstbeherrschung. Eure Muckis packt die dort aus, wo sie hingehören.“

Dass die Rednerin am Ende „Gottes Segen“ wünschte, ging im Applaus unter. Heidi Mund ist Pädagogin und organisierte gemeinsam mit ihrem Ehemann, einem Stadtverordneten der „Freien Wähler“ im Frankfurter Römer einen „Jesusmarsch“. Das Paar gehört zu den Organisatoren von „Himmel über Frankfurt“, einer Organisation, die nach eigenen Angaben den „Thron Gottes“ errichten möchte. Ihren religiösen Hintergrund wusste Heidi Mund  in Hannover weitestgehend zu verbergen.

„Im Fußball äußert sich Homophobie platter“

Lotta Cover

Die April-Ausgabe der LOTTA – antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen widmet dem Thema „Kampf um die Kurven: Antifaschistische Fankultur vor der Verdrängung?“ einen Schwerpunkt. Zu lesen gibt es dort auch ein Interview mit publikative-Autorin Nicole Selmer, das wir hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion veröffentlichen.

Interview: Torben Heine

Zur Bedeutung von Homophobie in Fußball-Fanszenen sprachen wir mit der Hamburger Journalistin und Autorin Nicole Selmer, selbst Fan von Borussia Dortmund. Sie schreibt zu Fankultur, Fußball, Antidiskriminierung und Politik, unter anderem für das österreichische Fußballmagazin ballesterer, und engagiert sich im Netzwerk „F_in Frauen im Fußball“.

Lotta Cover

Thomas Hitzlsperger sprach kurz nach seinem Karriereende als erster deutscher Profifußballer öffentlich über seine Homosexualität. Von FunktionärInnen, Profis und Medien wurde dieser Schritt mehrheitlich wohlwollend kommentiert. Ist das der Beginn eines anderen, normalisierten Verhältnisses zur Homosexualität im Fußball?

Das möchte ich gern glauben. Ich würde die ersten Reaktionen auch in jedem Fall so werten. Das war ein wichtiger Schritt, für den wir Hitzlsperger danken können. Mich nerven die Negativ-Besserwisser, die dann gleich gesagt haben: „Aber hier, der spielt ja auch nicht mehr, das ist ja einfach …“. Einfach ist es nicht, das merkt man ja auch an anderen Reaktionen, übrigens nicht nur im Fußball. Der homophobste öffentliche Kommentar, den ich dazu wahrgenommen habe, kam vom Journalisten Matthias Matussek, der sich seine „Gedankenfreiheit“ nicht nehmen lassen und schon dafür gelobt werden will, dass er nicht zur öffentlichen Steinigung von Homosexuellen aufruft. Verglichen damit sind die Reaktionen, die aus dem Fußballumfeld gekommen sind, geradezu emanzipativ. Was es unter Fußballfans ebenso wie unter Nicht-Fußballfans häufiger gab, war die „Mir doch egal“-Reaktion, mit unterschiedlicher Betonung. Zum Teil war das so ein „Ihh, lasst mich doch mit euren Bettgeschichten zufrieden. Müssen sich immer alle outen?“, das ist natürlich homophob, auch wenn es sich anders gibt. Da wird einfach übersehen, dass sich heterosexuelle Fußballer permanent outen, mit dem Torjubel mit Daumen im Mund fürs gerade geborene Baby, mit Kuss auf den Ring für die Ehefrau und mit Home-Storys über die Verlobung. Das wird nur nicht bemerkt, klar, das ist ja die ganz normale Heterobeziehung. Es gibt aber unter Fußballfans auch ein aufrichtiges „Mir doch egal“ zu dem Thema, das wird glaube ich oft übersehen. Ein Redakteur von „Zeit Online“ ist kurz nach dem Coming-out in einem Stuttgart-Trikot mit Hitzlsperger-Schriftzug ins Stadion gegangen, um zu testen, ob er blöd angemacht wird. Das wurde er dann teilweise – aber weil er beim Spiel von Schalke gegen Wolfsburg war und niemand verstanden hat, warum er da mit einem Stuttgart-Trikot herumrennt.

Warum ist Homophobie im Männerfußball so virulent?

Nun ja, ist sie denn das? Homophobie tritt im Fußball – und ich würde hier den Frauenfußball ganz dezidiert einschließen – halt meist deutlich platter auf als im Rest der Gesellschaft. So eine pseudointellektuelle Verbrämung von Hass und Ängsten wie eben bei Matussek gibt es nicht oft, sondern da hast du dann „Schwuler Schiri“-Beschimpfungen, Banner mit „Arschfick“ und „Schwanzlutscher“, um Freundschaften zwischen Fangruppen zu beschreiben und so etwas. Im Frauenfußball sind es dann die „Dreckslesben“ und „Mannweiber“, da funktioniert die Beschimpfungslogik zwar anders, aber ebenso homophob. Dieses Direkte und wie gesagt oft auch total Platte wirkt dann heftig und krass, aber es enthält sehr viel Provokation um der Provokation willen und ist auch leicht angreifbar. Ob man aus dieser größeren Sichtbarkeit auch auf eine dahinter liegende stärkere homophobe Einstellung als in anderen gesellschaftlichen Bereichen schließen kann, das ist für mich nicht unbedingt ausgemacht. Immerhin muss man auch sehen, dass sich gerade im Männerfußball – und hier sage ich auch bewusst Männerfußball – in Deutschland in den vergangenen Jahren wahnsinnig viel getan hat. Ich glaube, es gibt wenig andere gesellschaftliche Bereiche, wo eine homophobe Einstellung so viel herausgefordert worden ist wie im Fußball.

Welche Wirkung misst du Kampagnen wie „Fußballfans gegen Homophobie“ zu, an der sich einige Fanszenen beteiligt haben?

Ich glaube der Punkt ist da wirklich die Herausforderung homophober Haltungen, Äußerungen. Kampagnen wie die der „Fußballfans gegen Homophobie“ nehmen da ja klar Stellung und benennen Missstände. Der Rückhalt variiert von ort und ort, von Klub zu Klub und Kurve zu Kurve. Nehmen wir das Beispiel Bayern München, der Verein ist jetzt für ein homophobes Banner, das von ein paar Leuten auf der Gegengeraden gezeigt wurde, von der UEFA bestraft worden. Die Ultras von der „Schickeria“, „Queerpass München“ und sicher auch noch andere Fans haben aber früher schon ganz klar Stellung gegen Homophobie bezogen. Da muss man also wirklich immer genau hingucken.

Welche Bedeutung haben schwul-lesbische Fanclubs in dieser Auseinandersetzung?

Für die schwul-lesbischen Fanklubs gilt das Gleiche. Das unterscheidet sich von Ort zu Ort und hat auch sehr viel damit zu tun, welche Position die sie tragenden Leute in der Fanszene haben. Es gibt mittlerweile viele orte, wo die queeren Fanklubs akzeptiert und mit anderen Gruppen gut vernetzt sind. Da ist viel vorangegangen. Ich finde es eher schade, dass das eine fast exklusive schwule Angelegenheit ist.

In vielen Fanszenen haben in der letzten Zeit interne Konflikte zugenommen. Einigen Ultragruppen wird zum Vorwurf gemacht, „politische Inhalte“ in die Fanszenen zu tragen. Rechten Kräften sind Bekenntnisse gegen Diskriminierung ein Dorn im Auge. Geht es ihnen auch darum, ihre „Männerbastion Fußball“ zu verteidigen, wo für sie homophobe und sexistische Verhaltens weisen dazugehören?

Nun ja, da kommen verschiedene Dinge zusammen. Die Mär vom Sport, der frei von Politik sein soll und kann, die wird ja in Fanforen genauso erzählt wie bei der FIFA oder dem IoC. Unsinn bleibt das trotzdem. Bei der Auseinandersetzung um die Politik in der Kurve geht es ganz viel um Macht, darum wer bestimmen kann, was gesungen wird, welche Fahnen geschwenkt und welche Spruchbänder geschrieben werden. Ein großes Problem der internen Konflikte in den vergangenen Jahren ist, dass es sich dabei um politische Konflikte handelt, aber eben nicht nur. Rechten Fans oder Fangruppen sind Aktionen gegen Sexismus oder Homophobie ideologisch ein Dorn im Auge, ganz klar. Das ist eine Auseinandersetzung, die zu führen ist, auch hart und deutlich. In anderen Fällen trifft der Antifa-Holzhammer, bei dem es nur „Entweder für uns oder gegen uns“ gibt, meiner Meinung nach zu ungenau. Das Freund/Feind-Denken ist im Fußball halt grundsätzlich angelegt, das funktioniert dann auch in der Kurve sehr gut, überdeckt aber die Komplexität der Verhältnisse. Die Auseinandersetzung darüber, wann aus Beleidigung Diskriminierung wird, wer sich wie von welchem Spruch verletzt fühlt und welche Konsequenzen das haben soll, muss von allen Seiten mit mehr Fingerspitzengefühl und Sorgfalt geführt werden. Aber das ist leichter gesagt als getan.

Vielen Dank für das Interview!

Der Text erschien zuerst in der Ausgabe Nr. 55 der LOTTA – antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen im April 2014. Mehr zur Zeitung und zum Schwerpunkt der Ausgabe.

Verbote in „Freiräumen“: Das Falsche im Falschen

Ist Publikative.org unreflektiert antifeministisch? Wird hier gar nicht mehr recherchiert? Wollen die „Internet-Hools“ nur gegen das AJZ Bielefeld schießen? Nein. Ich bin vielmehr der Meinung, identitäre Konzepte und restriktive Maßnahmen bringen keine „Freiräume“.

Von Patrick Gensing

Wie emanzipatorisch und fortschrittlich ist es, das Ausziehen von T-Shirts auf Punk-Konzerten zu verbieten? Die Mädchenmannschaft meint, es sei „hin und wieder“ solidarisch, „das T-Shirt einfach mal anzulassen“. Denn das Ausziehen des Shirts sei in dieser Gesellschaft „Typen“ vorbehalten, die mit Privilegien ausgestattet seien: „Eines davon ist, sich nach Lust und Laune und so gut wie immer und überall weitestgehend entkleiden zu können.“ Das Bild des von Lust und Laune gesteuerten Typen, der immer und überall blank zieht, wird hier gezeichnet.

Die Autorin der Mädchenmannschaft folgert daraus: „Auf Privilegien zu verzichten, solange sie nicht allen zuteil werden, ist ein solidarischer – und in diesem Falle antisexistischer – Akt.“ Die Überschrift passt damit allerdings nicht mehr zum Inhalt des Artikels, denn dieser Argumentation zufolge müssten Männer beispielsweise auch im Freibad einen Badeanzug tragen – und sollten auch sonst überall ihre Nippel verhüllen, da dies „weiblich kategorisierten Personen“ gesetzlich vorgeschrieben sei. Fortschrittlich und solidarisch soll es also sein, wenn Benachteiligungen für alle gelten.

Wo ist eigentlich die Arbeiterjugend?

Dass dieses Politikkonzept – wenig überraschend – ziemlich unattraktiv ist, haben die vergangenen 25 Jahre gezeigt: Eine weit verzweigte, heterogene linke Bewegung ist bis zur Nichtwahrnehmung zusammengeschrumpft, ihre Reste sind damit beschäftigt, verbliebene „Freiräume“ zu verwalten bzw. im Szenesprech: zu verteidigen. Freiräume, die sich Arbeiterjugendzentren nennen, von denen die Arbeiterjugend aber wenig wissen will – und auch viele Linken aus der Mittelschicht tauchen dort nur bei Konzerten auf. Selbstverständlich gibt es für diesen Niedergang viele Gründe – einer ist meiner Ansicht nach aber auch die Tendenz, immer neue Verhaltensregeln aufzustellen.

Die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit wird gerne mit der angeblichen Richtigkeit der eigenen Konzepte verwechselt, da das Desinteresse der großen Öffentlichkeit als hilflose Ignoranz interpretiert wird, die nur zeige, wie korrekt die eigenen Analysen seien. Ein typisches Merkmal für abgeschlossene Subkulturen und Politzirkel; Marxisten führen beispielsweise gerne an, der Gegenüber habe Marx nicht richtig verstanden; dass man schlicht anderer Meinung ist oder andere Prioritäten setzt, erscheint ausgeschlossen.

Gesellschaft als Zumutung

Dies sei auch eine „Folge postmoderner Zersplitterung“, wie Robert Pfaller in der Jungle World treffend feststellte, bei der „fast alle nur noch mit Gleichgesinnten und Gleichorientierten verkehren möchten“. Eine allgemeine Sprache zur Verständigung fehle. Übrig bleiben „lauter nestwarme »Communities«“. Statt Gesellschaft gestalten zu wollen, geht es nur noch darum, das Individuum vor ihr zu schützen.

Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Denn so berechtigt die Forderung nach einer angemessenen politischen und beruflichen Repräsentation aller gesellschaftlicher Gruppen auch ist, so schwierig gestaltet sich bisweilen eine politische Praxis, die sämtliche Diskriminierungen per Dekret aufheben will. Was bei der Frauenquote in Chefetagen sinnvoll ist, muss woanders nicht automatisch funktionieren. Regeln können keine Politik ersetzen – und das Hausrecht kennt nur Ja oder Nein. Gesellschaft ist aber weit komplexer.

Wer spricht von wo? Und was eigentlich?

Kritik an solchen Konzepten – wie im Fall des AJZ – wird auch deswegen so schwierig, weil die Pflichten und das Handeln des Individuums sowie dessen Privilegien in den Mittelpunkt gerückt werden – dadurch mutieren sachliche Debatten schnell zu einem Schlagabtausch auf persönlicher Ebene. Es geht vor allem darum, wer von wo spricht. Was wer spricht, ist hingegen fast nebensächlich geworden.

Und so bekommen auch Feine Sahne Fischfilet bei der Mädchenmannschaft noch ihr Fett weg. „Die Band hat zwar inzwischen auf Facebook ein Statement veröffentlicht, in der sie der Darstellungsweise des Indymediaartikels widerspricht – von Selbstkritik ist aber auch dort leider keine Spur zu erkennen.“

Auf unseren Konzerten haben wir kein Bock auf erbärmliches Rumgeprolle. Wer nen Harten schieben will und zuviel Testoteron inne hat, kann unserentwegen gerne mal nach Anklam fahren und dort die Muskeln spielen lassen. Das würden wir dann sogar hart abfeiern. Alles Andere empfinden wir nur als peinlich! (FSF auf FB)

Die Darstellungen auf Indymedia- und bei den Ruhrbaronen waren zuvor bereits auf Publikative.org korrigiert worden, was allerdings in den erbitterten Debatten und dem zugegeben sehr polemischen Tonfall meines Artikels unterging. Wie auch immer: FSF personifizieren offenbar die im Mädchenmannschaft-Artikel grob skizzierten „Typen“: weiß, privilegiert – und durch das Ausziehen des T-Shirts sexistisch. Dass sie sich klar positionieren, spielt keine Rolle.

Ich kann mit solchen identitären Politikkonzepten, die einer „alle sollen nichts haben“-Logik folgen, nichts anfangen. Und deswegen finde ich Regelungen, wonach Drummer ihr T-Shirt bei Konzerten nicht ausziehen dürfen, weiterhin vor allem: grotesk.

Siehe auch: Linguistik-Professor lockerer als Bielefelder Autonome?