Im digitalen Nirwana

Die Zahl rechtsextremer Homepages und Blogs ist in den letzten Jahren explodiert. Weit mehr als 1500 Websites zählte jugendschutz.net für das Jahr 2011. Wie viele davon tatsächlich kontinuierlich aktualisiert werden, ist allerdings unklar. In den vergangenen Monaten musste das braune Netz zudem eine ganze Serie von Rückschlägen hinnehmen, zuletzt verschwand die Seite Deutschlandecho im digitalen Nirwana, nun ist offenbar Altermedia dran.

Von Benjamin Mayer und Patrick Gensing

Antifaschistische Hacker greifen im Zuge der "Operation Blitzkrieg" immer wieder rechtsextreme Internet-Seiten an.
Antifaschistische Hacker greifen im Zuge der „Operation Blitzkrieg“ immer wieder rechtsextreme Internet-Seiten an.

Von eigenen Versandhändlern bis hin zu Partnerbörsen wird im „Weltnetz“ bedient, was das braune Herz begehrt. Besonders Foren und Nachrichtenseiten sind dabei für die Szene ein wichtiger Infomations- und Kommunikationsbestandteil und gehören zum Konzept einer „Gegenöffentlichkeit“. Neben der Verteilung von Propaganda – teils in unscheinbarer Form – sind Foren und Nachrichtenseiten mit den Kommentarfunktionen vor allem auch Bereiche der Diskussion und des Austauschs. Hier werden interne Vorkommnisse teils offen und teils anonym diskutiert – und interessante Einblicke geboten: Man zieht über Kameraden her, verbreitet den neuesten Klatsch und Tratsch aus der Szene oder führt innerparteilichen Wahlkampf wie zuletzt bei der Neuwahl des NPD-Vorsitzenden.

Durch das verstärkte Agieren der Behörden gegen die rechtsextreme Szene, Inhaftierung von Betreibern oder Hackerangriffen sind in den letzten Monaten wichtige „Weltnetzseiten“ verschwunden oder verkümmern in der Bedeutungslosigkeit. Eine Übersicht.

AM & AM

Die Dreckschleuder des Nationalen Widerstands – so schimpfte der NPD-Landtagsabgeordnete Jürgen Gansel über das Portal aus Stralsund, das zunächst Stoertebeker.net hieß und maßgeblich von Axel Möller gefüttert wurde. Der offenbar wahnhafte Antisemit, früher selbst bei der NPD, konnte über Jahre Menschen beleidigen, zum Hass aufstacheln, den Holocaust leugnen oder gegen Personen drohen – die Behörden lasen fleißig mit, griffen aber nicht ein. Gansel deutete an, Möller könne vom Staat gedeckt worden sein: „„Die Frage “Cui bono?” ist nur zu leicht zu beantworten. Der zwielichtige Altermedia-Betreiber M. geht keiner geregelten Arbeit nach, betreibt aber “hauptberuflich” sein Projekt – und das von Hartz IV? Wohl kaum. Altermedia schadet in jeder Hinsicht der nationalen Opposition, weil es stets das Trennende und nicht das Verbindende aller Volkstreuen betont, und hat damit eine systemdienliche Funktion.“

Axel Möller vor dem Landgericht Rostock (Foto: Kai Budler)
Axel Möller vor dem Landgericht Rostock (Foto: Kai Budler)

Erst nach mehreren Jahren offener Hetze, wachsender Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit und zahlreichen Anzeigen wurde Möller für seine NS-Propaganda zur Rechenschaft gezogen – und sitzt nun eine mehrjährige Haftstrafe ab. Die Seite wird zwar weiter verwaltet und aktualisiert, hat aber massiv an Bedeutung verloren. Zudem gerät auch Altermedia immer wieder ins Visier von Hackern, erst heute Abend stellte Anonymous Daten von Altermedia-Usern online.

Hallo Echo…?

"(und es sind Tatsachen, allen Beteuerungen zum Trotz, das ist mir aus sicherer Quelle bekannt)" - der Betreiber von DeutschlandEcho verkündet seinen Abschied.
„(und es sind Tatsachen, allen Beteuerungen zum Trotz, das ist mir aus sicherer Quelle bekannt)“ – ein Betreiber von DeutschlandEcho verkündet seinen Abschied.

Neben Altermedia gehörte DeutschlandEcho zu den wichtigeren Nachrichtenseiten der Szene. Entstanden war die Seite 2010 aus der Fusion bzw. dem Fortführen verschiedener rechtsextremer Informationsportale. Die Selbstverortung der Seite erfolgte auf dem „gegenwartsbezogenen“ und „zukunftsorientierten“ Flügel der Szene. Damit war Deutschlandecho das Altermedia der „Politikfähigen“. Dies sollte sich nicht zuletzt in der Unterstützung der Kandidatur von Andreas Molau bereits bei den Vorgängerseiten zeigen und setzte sich 2011 mit Rückendeckung für Holger Apfel fort, der dem Portal zuletzt mit einem nicht enden wollenden Exklusivinterview Rede und Antwort stand.

Die Seite wurde nun Schritt für Schritt von den Aktivisten von Anonymous ausgeschaltet. Erst Anfang Juli hatten die Hacker bereits die Datenbank mit Mail- und IP-Adressen der Seite gestohlen, um nun die totale Abschaltung im Zuge der „Operation Blitzkrieg“ vorzunehmen. Seit letztem Freitag existiert die Seite nicht mehr. Stattdessen fand sich für einige Tage folgende Meldung auf der Homepage: „Die Kriminalpolizei weist auf folgendes hin: Die Domain zur von Ihnen ausgewählten Webseite wurde auf Anordnung der Staatsanwaltschaft geschlossen.“ Durch diesen letzten Angriff scheint nun die Motivation der Macher endgültig dahin zu sein: sowohl auf der Facebook-Präsenz wie auch beim Twitter-Account der Seite herrscht eisiges Schweigen.

Thiazi hochgenommen

Beim „Thiazi“-Forum handelte es sich um das bedeutendste deutschsprachige rechtsextreme Internetforum. Die Betreiber bezeichnen das Forum, das aus Skadi.net hervorging, als “germanische Weltnetzgemeinschaft” und verstehen dieses als “das größte und bekannteste deutschsprachige Forum seiner Art” mit weit über einer Million Foren-Beiträgen. Hier versammelten sich Hardcore-Neonazis, um über Politik und Privates zu diskutieren. In passwortgeschützten Unterforen wurde über „Untermenschen“ und den bewaffneten Kampf gefachsimpelt. Doch in den vergangenen Jahren ging es bergab mit Thiazi: Erst hackten antifaschistische Angreifer das Forum, wodurch Thiazi stärker ins öffentliche Licht gerückt wurde. Im Juni 2012 war es dann vorbei mit der braunen Herrlichkeit: Im Auftrag der Staatsanwaltschaft Rostock führten Beamte des Bundeskriminalamtes (BKA) mit Unterstützung der Polizeien der Länder und Spezialkräften der Bundespolizei in elf Bundesländern Durchsuchungsmaßnahmen gegen die Betreiber des“Thiazi”-Forums wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung durch. Seitdem ist die Seite verschwunden – und dürfte vorerst auch nicht mehr auftauchen.

Profil auf Thiazi
Profil auf Thiazi

Zudem wurden in den vergangenen Jahren mehrere große Hacks durchgeführt: NPD-Mailserver, Asgardversand, Deutsche Stimme. Letztgenannte wollte sich eigentlich zum einflussreichen rechtsextremen Nachrichtenportal im Netz aufschwingen, doch ein Blick auf die Seite fällt ernüchternd aus. Ein Artikel auf der Startseite stammt beispielsweise vom November 2011. Dafür hob die NPD die Seite DS-aktuell aus der Taufe, auf der nun Nachrichten aus der Partei sowie Horrorgeschichten über Linksextremisten und Ausländern veröffentlicht werden. In der Szene hat die Seite offenkundig so gut wie keine Bedeutung, was auch an „Chefredakteur“ Matthias Faust liegen dürfte, der in der Partei und noch mehr bei den parteifreien Kräften als umstritten gilt. Deutlich ambitionierter kommt da das NPD-nahe Portal „MUPInfo“ aus Mecklenburg-Vorpommern daher, das sicherlich auch vom Niedergang der oben erwähnten Projekte profitieren konnte.

Flucht in die Netzwerke

Die Neonazis treffen also zunehmend auf Schwierigkeiten im Internet, die Reichweite ihrer Seiten ist zudem überschaubar, da neue Besucher erst ins braune Netz gelotst werden müssen. Was liegt also näher, als selbst dorthin zu gehen, wo die Massen sind? Die sozialen Netzwerken mit ihren vielen Millionen Mitgliedern bieten sich dafür an.

Neonazis bei Facebook
Neonazis bei Facebook

Einen weiteren Vorteil bieten die Netzwerke: Es fallen keine Kosten oder Risiken durch eine eigene Infrastruktur an. Zudem können sich Neonazis in laufende Diskussionen einmischen und diese möglicherweise in ihrem Sinne lenken – mit ihrer “Wortergreifungsstrategie”. Außerdem können schnell alte Bekanntschaften aufgefrischt und neue geschlossen, das eigene Netzwerk also erweitert werden.

Das Agieren von Neonazis im Netz scheint sich also zu verlagern, weg von den großen eigenen Informationsportalen, hinein in die sozialen Netzwerke. Ein Grund mehr, den Druck auf die Betreiber zu erhöhen, endlich wirksam gegen Neonazi-Propaganda dort vorzugehen.

Siehe auch: Bundesweite Razzien gegen Thiazi.net, “Asgardversand” gehacktNazi-Leak: Medien erhalten Tausende NPD-EmailsHaftstrafe für Axel Möller – Altermedia vor dem Aus, Nach Thiazi-Hack: Ermittlungen gegen “Saxus”, Die Namen der Hetzer

Flucht in die Netzwerke

Hacker-Angriffe, Razzien, Haftstrafen – viele neonazistische Internet-Seiten stehen unter Druck. Daher wächst auch für die Rechtsextremen die Bedeutung von sozialen Netzwerken. Das Problem Rechtsextremismus im Netz habe sich dadurch verschärft, warnt Jugendschutz.net nun.

Von Patrick Gensing, zuerst erschienen bei tagesschau.de

Das braune „Weltnetz“ hat in den vergangenen Monaten erfahren müssen, dass Neonazi-Propaganda nicht widerspruchslos hingenommen wird – auch nicht im Internet. Jüngste Razzien gegen das einflussreiche Neonazi-Forum Thiazi.net sorgten für große Unruhe in der Szene. Zuvor musste bereits der Betreiber der über Jahre wichtigsten rechtsextremen Internet-Seite in Deutschland für mehr als zwei Jahre ins Gefängnis. Der Ex-NPD-ler aus Stralsund war wegen Volksverhetzung, Beleidigung und weiterer Delikte auf seiner Internet-Seite verurteilt worden.

Profil auf Thiazi
Profil auf Thiazi

Unter Druck

Dass Neonazis im Netz ihre Propaganda verbreiten und ihre Gegner offen bedrohen, ist nicht neu. Doch die Sicherheitsbehörden nehmen nach dem Bekanntwerden der NSU-Terrorserie diese Aktivitäten offenbar ernster. In Berlin ging die Polizei im März gegen einen hochrangigen Berliner NPD-Funktionär vor, der bereits seit Jahren als Betreiber einer Internet-Seite gilt, auf der „Feindeslisten“ geführt wurden.

Den Neonazis drohen aber nicht nur Konsequenzen von staatlicher Seite – rechtsextreme Medienprojekte werden zudem im Netz immer wieder durch Hacker angegriffen. Erst im März brachen Anonymous-Aktivisten in den Online-Versandhandel der NPD ein, zeigten auf den Seiten ein Video aus dem Film „Inglourious Basterds“ und veröffentlichten mehr als 1000 Kundendaten im Netz. Kein Einzelfall, Aktivisten aus dem Anonymous-Kollektiv betreiben unter dem Titel „Operation Blitzkrieg“ eine breit angelegte digitale Offensive gegen rechtsextreme Propaganda im Netz.

Die Vorteile der Sozialen Netzwerke

Die Neonazis treffen also zunehmend auf Schwierigkeiten im Internet, die Reichweite von ihren Seiten ist zudem überschaubar, da neue Besucher erst ins braune Netz gelotst werden müssen. Was liegt also näher, als selbst dorthin zu gehen, wo die Massen sind? Die sozialen Netzwerken mit ihren vielen Millionen Mitgliedern bieten sich dafür an.

Die Gruppe "Ruhm und Ehre der deutschen Mutter bei Facebook" wurde gelöscht - und kurz Zeit später erneut gegründet.
Die Gruppe „Ruhm und Ehre der deutschen Mutter bei Facebook“ wurde gelöscht – und kurz Zeit später erneut gegründet.

Einen weiteren Vorteil sehen die Neonazis darin, keine eignene Infrastruktur aufbauen und pflegen zu müssen, zudem können sich Neonazis in laufende Diskussionen einmischen und diese möglicherweise in ihrem Sinne lenken – mit ihrer „Wortergreifungsstrategie“. Außerdem können schnell alte Bekanntschaften aufgefrischt und neue geschlossen, das eigene Netzwerk also erweitert werden.

„Problem hat sich verschärft“

Die Bedeutung ihrer eigenen Internet-Seiten nimmt ab, soziale Netzwerke gewinnen gleichzeitig. Dementsprechend stellte Jugendschutz.net in seinem Jahresbericht für 2011 fest, das Problem des Rechtsextremismus im Internet habe sich verschärft. Während die Zahl „jugendschutzrelevanter Websites“ leicht rückläufig sei (1671, Vorjahr: 1708), nahmen rechtsextreme Beiträge im Web 2.0 weiter zu. So habe sich beispielsweise die Zahl rechtsextremer Twitter-Accounts fast vervierfacht.

Auch die NPD nutzt die Mitmachnetze. Jugendschutz.net beobachtete, dass mittlerweile sämtliche NPD-Landesverbände im Web 2.0 aktiv seien. Auch die „Kameradschaften“ werben für Events vor allem über reichweitenstarke Dienste wie Facebook und YouTube. Einzelne rechtsextreme Videos kommen hier auf Hunderttausende Zugriffe.

Suche nach Gegenstrategien

Besonders erfolgreich sind rechtsextreme Angebote, die auf emotionale Themen setzen und an vorhandene Stimmungen und Ressentiments in der Gesellschaft andocken – beispielsweise mit Hetze gegen den Islam oder Kampagnen gegen sexuelle Gewalt gegen Kinder. Jugendschutz.net schreibt dazu: „Die menschenverachtenden Anliegen werden häufig verschleiert, um auch junge Menschen außerhalb der Szene zu erreichen.“ Diese Strategie sei erfolgreich – und daher müssten vor allem Strategien entwickelt werden, wie dieser Propaganda entgegengewirkt werden könne.

Die beschriebene Verlagerung ins Netz 2.0 zeigt: Razzien gegen neonazistische Internet-Projekte allein lösen das Problem Rechtsextremismus nicht, da Neonazis ausweichen können. Daher sind die Betreiber und Nutzer der Netzwerke gefragt. Die Initiative „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ war die erste, die an die User der Netzwerke appellierte, rechtsextremen Inhalten entgegenzutreten, aber auch die Betreiber in die Pflicht nahm. Zahlreiche Firmen beteiligten sich – nur Facebook fehlte. Die Kampagne der Amadeu-Antonio-Stiftung wurde nun von „no-nazi.net“ abgelöst, eine Seite, die sich vor allem an jugendliche Nutzer wendet und vom Bundesjustizministerium unterstützt wird.

Die Netzwerkbetreiber machen deutlich: Wir wollen Neonazis keine Plattform bieten!
Die Netzwerkbetreiber machen deutlich: Wir wollen Neonazis keine Plattform bieten!

Mit einer Mischung aus Humor und Sachinformationen sollen Jugendliche stark gemacht werden, sich gegen rechtsextreme Hetzparolen zu wehren – ein Abwehrzentrum gegen die braunen Strategien im Netz sozusagen.

„Wir wollen die Jugendlichen dort ansprechen, wo sie ihre Freunde treffen, ihre Freizeit verbringen und sich entsprechend auch positionieren und engagieren wollen“, betonte Redakteurin Simone Rafael – und konnte noch eine gute Nachricht verkünden: Dieses Mal ist auch Facebook dabei.

Rechter Lifestyle blüht im Osten

In Westdeutschland gibt es in absoluten Zahlen mehr subkulturell orientierte Rechte als im Osten der Republik. Berücksichtigt man jedoch die Gesamtbevölkerungszahl, ergibt sich ein anderes Bild: Im Osten ist der Anteil von Rechten um ein dreifaches höher als im Westen. Dies ergibt eine Auswertung des apabiz der Bestelldaten von rechten Online-Versandhäusern, die nach Hackangriffen öffentlich gemacht wurden.

Aus dem Monitor Nr. 54 des apabiz

Operation Blitzkrieg, Nazi-Leaks, Anonymous: Viel war in der medialen Debatte in den vergangenen Monaten die Rede von Onlineattacken gegen rechte Online-Infrastrukturen. Durch etliche Hack-Angriffe und anschließende Veröffentlichungen sind vielerlei eigentlich vertrauliche Daten publik geworden.

Hacks verunsichern die Szene

Dazu gehören unter anderem eine Spendenliste der NPD, interne Debatten aus Nazi-Onlineforen oder auch eine AutorInnenliste der Wochenzeitung Jun ge Freiheit. Aus juristischer Sicht bewegen sich die Hackangriffe mindestens in einer rechtlichen Grauzone, die meisten dürften durchaus strafrechtlich relevant sein. Welche Wirkung sie, neben der leicht feststellbaren Verunsicherung auf die Rechte selbst haben, bedarf hingegen einer eigenständigen Bewertung. So rangierte die NPD in Sachsen-Anhalt vor den Landtagswahlen 2011 in Wahlumfragen beispielsweise wochenlang oberhalb der Fünfprozenthürde. Dann wurde ein internes Forum gehackt und der NPD-Spitzenkandidat Matthias Heyder als Forenteilnehmer »Junker Jörg« geoutet, der zur »Schändung« von linken Frauen aufrief. Es folgte eine größere Berichterstattung in den Medien. Letztlich landete die NPD bei 4,6 Prozent Stimmanteil.

Die schwer beantwortbare Frage lautet: Wie hoch war der Anteil des Hackangriffs an der Verhinderung eines neuen NPD-Parlamentseinzugs? Was lässt sich aus den Versandhacks ablesen? Schon seit etlichen Jahren werden auch immer wieder rechte Online-Versandhäuser gehackt und die Bestelldaten öffentlich gemacht. Lassen sich hieraus relevante Erkenntnisse über die rechte Bewegung in Deutschland gewinnen?

Das apabiz hat probeweise die Personendaten aus sechs Onlineversand-Hacks aus den Jahren 2005 bis 2011 zusammengefasst. Es handelt sich um Versandhäuser, die auf Rechtsrock und Szenekleidung sowie Literatur und Utensilien wie Fahnen spezialisiert sind – also auf subkulturelle Artikel. Insgesamt ergab sich eine Liste von 11.000 Personen, die bei diesen Versandhäusern bestellt haben. Anhand der Postleitzahlen kann nachvollzogen werden, aus welchen Teilen Deutschlands die Bestellungen getätigt wurden. Wenn in dem Zusammenhang mit den Hacks von rechter Subkultur gesprochen wird, dann wird der Bezug über die gemeinsam geteilte rechte Ideologie hergestellt, nicht zwangsläufig über identische Ausdrucksformen.

Der Rechtsextremismus ist ein gesamtdeutsches Problem - mit Schwerpunkt im Osten. Die interaktive Grafik finden Sie hier http://www.apabiz.de/versaende/
Der Rechtsextremismus ist ein gesamtdeutsches Problem - mit Schwerpunkt im Osten. Die interaktive Grafik finden Sie hier http://www.apabiz.de/versaende/

Zwar bedient der überwiegende Teil des Angebotes der Online-Versandhäuser das, was klassischerweise als jugendkulturelle rechte Ausdrucksformen verstanden wird, in geringerer Anzahl finden sich aber zum Beispiel auch heidnisch zu verortende Artikel. Nicht möglich sind indes Aussagen im Hinblick auf den Härtegrad der ideologischen Überzeugung und organisatorischen Verstrickung der Bestellenden.

Viele bekannte knallharte Neonazis tauchen in den Listen gar nicht auf, wenn sie ihre Szeneartikel bei Konzerten oder in Ladengeschäften erwerben. Im Zweifelsfall tauchen sie aber auch deswegen nicht auf, weil sie ihre politische Gesinnung nicht (mehr) über ihre Kleidung ausdrücken. Menschen, die in einschlägigen rechten Online-Versandhäusern bestellen, darf aber wohl grundsätzlich eine Affinität zum extrem rechten Denken unterstellt werden. Denn »zufällig« bestellt dort wohl kaumjemand.

Die für die Auswertung bereinigten 11.000 Datensätze wurden den einzelnen Bundesländern und Landkreisen zugeordnet. Anhand der Gesamt-Bevölkerungszahlen1 lässt sich so das Maß »Bestellungen pro 100.000 Einwohner_innen« errechnen. Damit ist keine Aussage getroffen, wie hoch die Zahl von Rechten in den einzelnen Regionen tatsächlich ist – aber eine Relation zwischen den Regionen lässt sich herstellen. Anhand der Vornamen wurden die Besteller_innen zudem, soweit dies ausreichend eindeutig möglich war, nach ihrer Geschlechtszugehörigkeit sortiert.

Brandenburg ganz vorne

Bei der Bundestagswahl 2009 holte die NPD 1,5 Prozent. Am stärksten schnitt sie im Osten ab (Quelle: Wahlatlas.net)

Zu den Ergebnissen: Aussagekräftig werden die Zahlen, wenn man die Gesamtbevölkerungszahl der Regionen gegen die Gesamtzahl der Bestellungen rechnet. Hierbei ergibt sich ein differenziertes Bild, welches auf eine ungleich größere Präsenz von rechter Subkultur in Ostdeutschland verweist. Im Osten gibt es in Relation auf die Gesamtbevölkerung drei mal so viele Bestellungen als im Westen. Bezogen auf die Bundesländer und unter Rücksicht auf die Gesamt-Bevölkerungszahl kamen die meisten Bestellungen aus Brandenburg, dahinter Sachsen-Anhalt, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen. Erst auf dem sechsten Rang und mit einigem Abstand folgt mit Schleswig-Holstein das erste westdeutsche Bundesland. Rang sieben: Berlin. Nordrhein-Westfalen, obwohl nach absoluten Zahlen mit 1.300 Bestellungen an der Spitze, nimmt den letzten Platz der sechzehn Bundesländer ein.

Die Unterschiede sind beträchtlich, in Brandenburg kommen bei den sechs Versänden 35 Bestellungen auf 100.000 Einwohner_innen, in NRW hingegen gerade einmal 7,5. Diese Reihenfolge spiegelt sich in großer Verlässlichkeit wider, wenn man anstatt aller fünf Versandhäuser nur die Ergebnisse für jeweils einen einzelnen Versand betrachtet. Ein Hinweis darauf, dass die Datensätze durchaus vergleichbar, austauschbar und somit aussagekräftig sind.

Eine Sortierung nach Landkreisen verdeutlicht dementsprechend die Dominanz des Ostens in der Versandwelt rechter Subkultur. Die Landkreise mit dem größten Anteil von Bestellungen in Relation zur Gesamt-Bevölkerungszahl sind, in Reihenfolge gesetzt: Elbe-Elster (Brandenburg), Dahme-Spreewald (Brandenburg), Gera (Thüringen), Frankfurt/Oder, Cottbus und der Landkreis Oberspreewald-Lausitz (alle Brandenburg).

Viele Auslands-Bestellungen, geringer Frauenanteil

Bemerkenswert ist die vergleichsweise hohe Zahl von 1.100 Bestellungen aus dem Ausland. Sie machen einen Gesamtanteil von zehn Prozent aus. Für Neonazis europaweit scheint Deutschland also ein wichtiger Referenzpunkt zu sein. Die Auslandsbestellungen konzentrierten sich auf Österreich und die Schweiz, aber auch osteuropäische Länder waren in größerer Zahl vertreten.

Gehackter Asgardversand
Gehackter Asgardversand

Die männliche Dominanz der Szene bildet sich wenig überraschend im Datensatz ab: 84 Prozent der Besteller_innen sind männlich und nur 14,5 Prozent weiblich. Die Daten-Hacks lassen Aussagen über die repräsentative Verteilung der Bestellungen zu. Aber die Analyse wirft auch Fragen auf, die sich auf der Datenbasis nicht beantworten lassen. So zum Beispiel die Frage nach dem Zusammenhang von Szeneläden vor Ort und den Bestelldaten. Führen Szeneläden dazu, dass die Bestellzahlen aus einer Region zurückgehen? Oder sind sie Indiz für eine besonders starke rechte Subkultur – und damit Erklärung für hohe Bestellzahlen?

Auch zur Altersstruktur der Besteller_innen lassen sich nur Vermutungen anstellen. Die offenen Fragen markieren die Grenzen der Analyse. Die vorher explizierten Aussagen aber zeigen, dass sich aus den Daten durchaus lohnenswerte Ergebnisse ausarbeiten lassen.

Interaktive Karte zu den Hacks.

Linktipp: NSU-Watchblog des apabiz

Siehe auch: Die Wutbürger von Jena, “Wunderbare Jahre”: Nazi sein als Lebensgefühl, Im Osten nichts Neues …?, Kalter Krieg und Extremis-Mus in Deutschland,  Limbach-Oberfrohna: Keine Kritik an Nazis, Demokratie von oben: Bürgerpreis ohne Bürger, Sachsen: Der ganz normale Wahnsinn,  Ein Hoch auf die Nestbeschmutzer!, Debatte: Die Ossifizierung des Westens, Rechtsextremismus auf dem Dorf: Zwischen Lageanalysen und Zonen der Angst

Nazi-Leaks: Viel Lärm um wenig Inhalt

Der Titel passt nicht, das große Medienecho auf die Veröffentlichungen auf der Seite Nazi-Leaks.net ebenfalls nicht. Die rechtsextreme Szene holt derweil zum Gegenschlag aus.

Von Patrick Gensing

Antifaschistische Hacker greifen im Zuge der "Operation Blitzkrieg" immer wieder rechtsextreme Internet-Seiten an.
Antifaschistische Hacker greifen im Zuge der "Operation Blitzkrieg" immer wieder rechtsextreme Internet-Seiten an.

Der Titel Nazi-Leaks ist irreführend, denn mit einem Leak (Leck) ist ein Informant gemeint, der interne Daten weitergibt, damit diese an die Öffentlichkeit gelangen. Wikileaks machte den Begriff weltweit bekannt, der Begriff Nazi-Leaks wurde unter anderem auf diesem Blog und bei tagesschau.de der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt.

Bei den Informationen auf Nazi-Leaks.net handelte es sich hingegen um erbeutete Daten, teilweise schon älter – und mit einem geringen Nutzwert. Wie Autoren oder Interview-Partner der „Jungen Freiheit“ heißen, das ist kein Geheimnis, sondern steht eben in dieser Zeitung. Wenn Journalisten nun berichten, auf dieser Liste sei auch der Name eines ehemaligen ARD-Korrespondenten zu finden, zeigt dies vor allem eins: pure Ahnungslosigkeit. Denn dass Peter Scholl-Latour mit dem rechtsaußen Blatt spricht, ist weder neu noch geheim.

Andere Daten auf Nazi-Leaks.net waren bereits zuvor vorhanden – und bei der Spenderliste der NPD fehlen die Namen von großen Geldgebern, die ohnehin zugänglich sind. Zudem stellt sich die Frage, welchen Mehrwert die Öffentlichkeit hat, wenn sie weiß, wie die Spender heißen. Für Recherchen helfen solche Daten, um bestimmte Informationen abzugleichen, der Mehrwert für die breite Öffentlichkeit liegt hingegen bei Null.

Prinzip Abschreckung

So setzt Nazi-Leaks.net wohl eher auf das Prinzip Abschreckung. Denn Öffentlichkeit suchen die meisten Spender der NPD nicht gerade – und möglicherweise überlegen es sich potentielle Geber noch mehrmals, ob sie wirklich demnächst im Netz als Gönner der Neonazi-Partei auftauchen wollen. Gleiches gilt für die Kunden von Versandhändlern.

Rein inhaltlich bringt das aber wenig bis gar nichts. Zudem war Nazi-Leaks.net nur sehr eingeschränkt zu erreichen. Zwar schwirren diverse Datenspiegel durchs Netz, doch für viele Interessierte dürfte dies bereits eine große Hürde sein. Der Medien-Hype um Nazi-Leaks.net hängt wohl weniger mit dem Wert der Daten und den Inhalten zusammen, als viel mehr mit der Nachrichtenarmut rund um den Jahreswechsel – und weil derzeit das Thema Neonazis eben so gut geht.

Gegenangriff

Zweifelsohne sorgten die Attacken auf diverse „Weltnetzseiten“ aber für grobe Verstimmung bei den Neonazis. Und so holen die nun zum Gegenschlag aus, bzw. hängen sich an eine Aktion mit dem Titel „Operation Takedown“ ran. Dabei handelt es sich offenbar um Hacker, die gegen die „Operation Blitzkrieg“ zu Felde ziehen, da diese die „Meinungsfreiheit“ verletze. „So Freunde der Nacht, der Gegenangriff hat begonnen“, heißt es auf einer Neonazi-Seite. „Nun zwingen wir dieses Gesindel von OP-Blitzkrieg in die Knie!“

Als Waffe werden DDos-Attacken aufgefahren – und diese zeigten offenbar bereits Wirkung. Zunächst war die Seite wie erwähnt offline. Mittlerweile erscheint auf Nazi-Leaks.net nur noch ein WordPress-Blog ohne Inhalt. Viel Lärm um wenig Inhalt also.

Siehe auch: “Operation Blitzkrieg”: Das Weltnetz wackelt,  Hacker legen “Weltnetzseiten” lahm, Nazi-Leak: Medien erhalten Tausende NPD-Emails, Seite der NPD umgestaltet: “Hacker stahlen 179 Weltnetzseiten”, NPD 2.0: Neonazis bieten “Verbandsserver” an

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„Operation Blitzkrieg“: Das Weltnetz wackelt

Mehrere einflussreiche rechtsextreme Internet-Seiten haben einen unruhigen Jahreswechsel hinter sich. Mehrere „Weltnetzseiten“ sind nach Hacker-Attacken offline. Das NPD-nahe Portal „Deutschlandecho“ ist bereits seit einigen Tagen nicht mehr zu erreichen. Die Betreiber haben ihre Seite aber offenbar selbst zerschossen.

Von Patrick Gensing

Zuvor hatten antifaschistische Internet-Nutzer auf der Seite Leserkommentare negativ bewertet, was zu viel Unsicherheit bei der rechtsextremen Leserschaft der Seite führte. Daraufhin wollten die Betreiber die Bewertungsmöglichkeiten einschränken und zerschossen sich so ihre eigene Seite.

Antifaschistische Hacker greifen im Zuge der "Operation Blitzkrieg" immer wieder rechtsextreme Internet-Seiten an.
Antifaschistische Hacker greifen im Zuge der "Operation Blitzkrieg" immer wieder rechtsextreme Internet-Seiten an.

Dies sorgte für Hohn und Spott bei Konkurrenten aus der Neonazi-Szene. „Altermedia“ aus Mecklenburg-Vorpommern bot „Deutschlandecho“ zunächst gönnerhaft das eigene technische Fachwissen zur Unterstützung an. Doch auf Nachfrage wurde deutlich, dass es sich um einen Scherz handeln sollte. „Wir würden doch NIEMALS unsere Spitzen-Techniker an die Demokraten verscherbeln.“ Allerdings ist „Altermedia“ nach Angriffen von antifaschistischen Hackern im Zuge der „Operation Blitzkrieg“ seit Ende des Jahres selbst nur noch sehr eingeschränkt zu erreichen.

Die Hacker, die sich nach eigenen Angaben zum „Anonymous“-Netzwerk zählen, nahmen noch zahlreiche weitere rechtsextreme Seiten ins Visier und attackierten unter anderem mehrere rechtsextreme Online-Versandhändler und erbeuteten dabei Kundendaten, die sie auf Nazi-Leaks.net veröffentlichten. Auch der NPD-Versandhandel „Deutsche Stimme“ war betroffen. Auf Nazi-Leaks.net veröffentlichten Hacker zudem Daten von Autoren der nationalkonservativen Wochenzeitung „Junge Freiheit“.

Die „Operation Blitzkrieg“ sorgt somit zunehmend für Unruhe und Ärger in der extremen Rechten. Auf “Altermedia”, seit dem Haftantritt des Neonazis Axel Möller aus Stralsund ohnehin auf dem absteigenden Ast, zeigte man sich höchst verärgert. So heißt es in einer Meldung zu den Attacken, “daß Hinweise auf die Identität der Pseudo-Anonymus-Zecken dankend entgegen genommen werden und gerne mit Prämien wie z.B. abgeschnittenen Fingern belohnt werden…”

Siehe auch: Hacker legen “Weltnetzseiten” lahm, Nazi-Leak: Medien erhalten Tausende NPD-Emails, Seite der NPD umgestaltet: “Hacker stahlen 179 Weltnetzseiten”, NPD 2.0: Neonazis bieten “Verbandsserver” an

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Hacker legen „Weltnetzseiten“ lahm

Eine Hackergruppe, die unter dem Namen „Anonymous“ auftritt, hat mehrere Neonazi-Seiten lahmgelegt. Unter anderem waren angeblich die „Weltnetzseiten“ der NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“, mehrere NPD-Landesverbände sowie die Seiten von NPD-Spitzenfunktionären wie Holger Apfel oder Frank Franz betroffen.

Die linken Hacker veröffentlichten eine Liste, mit den Seiten, die angegriffen worden sein sollen:

www.deutsche-stimme.de, www.ds-versand.de, altermedia-deutschland.info, flutopfer.npd-sachsen.de, gfp-netz.de, naweko.de, nein-zum-euro.de, npd-bremen.de, npd-sachsen.de, stehar.com, tinten-sachse.de, www.frank-franz.de, www.holger-apfel.de, www.naweko.de, www.nno-tv.de, www.npd-dresden.de, www.npd-fraktion-burgenlandkreis.de, www.npd-fraktion-sachsen.de, www.npd-kronach.de, www.npd-leipzig.net

Mehrere Seiten sind weiterhin nicht zu erreichen. Die „Operation Blitzkrieg“ zeigte zudem offenbar Wirkung; beispielsweise bei „Altermedia“, ohnehin auf dem absteigenden Ast, gab man sich höchst verärgert. So heißt es in einer Meldung zu den Attacken, „daß Hinweise auf die Identität der Pseudo-Anonymus-Zecken dankend entgegen genommen werden und gerne mit Prämien wie z.B. abgeschnittenen Fingern belohnt werden…“

Antifaschistische Hacker greifen im Zuge der "Operation Blitzkrieg" immer wieder rechtsextreme Internet-Seiten an.
Antifaschistische Hacker greifen im Zuge der "Operation Blitzkrieg" immer wieder rechtsextreme Internet-Seiten an.

Vor wenigen Tagen waren im Zuge der „Operation Blitzkrieg“ zudem Kundendaten aus dem „Odin-Versand“ veröffentlicht worden. Hacks und Leaks haben schon mehrfach umfangreiche Einblicke in die Neonazi-Szene ermöglicht.

Siehe auch: Nazi-Leak: Medien erhalten Tausende NPD-Emails, Seite der NPD umgestaltet: “Hacker stahlen 179 Weltnetzseiten”, NPD 2.0: Neonazis bieten “Verbandsserver” an

Nazi-Leak: Medien erhalten Tausende NPD-Emails

Erneute Blamage für die NPD: Mehrere Medien haben wieder Emails aus der Neonazi-Partei zugespielt bekommen. Es handelt sich um Tausende interne Nachrichten aus verschiedenen Landes- und Kreisverbänden der Partei.

Von Patrick Gensing

Für die NPD ist es ein Fiasko: Offenbar schaffen es die Rechtsextremen nicht, ihren internen Nachrichtenverkehr zu schützen. Denn es ist nicht das erste Mal, dass Journalisten ausführlich das Innenleben der NPD sezieren können. Erst im Februar 2011 berichteten tagesschau.de, NPD-BLOG.INFO und weitere Medien über das Nazi-Leak. Unter dem Begriff Nazi-Leaks hatte NPD-BLOG.INFO interne Dokumente aus der Neonazi-Partei veröffentlicht.

"NaziLeaks" - die Infos fließen aus der NPD, die Neonazis schimpfen.

Nun liefert die NPD erneut, wenn auch unfreiwillig. Die Mails sind wieder aktuell – und stammen aus diversen Landes- und Kreisverbänden der Partei. Besonders die Informationen aus Süddeutschland, Sachsen-Anhalt und Thüringen dürften aufschlussreiche Einblicke erlauben. Mehrere Redaktionen werten die Daten derzeit aus.

Die NPD reagierte empört auf den jüngsten Hacker-Angriff. Seit “rund viereinhalb Wochen sind die Weltnetzseiten der NPD intensiven Angriffen linksextremistischer Krimineller ausgesetzt”, vermeldete die Partei auf ihrer Bundes-Seite, die noch läuft. Die Angriffe hätten

am 17. September 2011, einen Tag vor den Berliner Wahlen einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Kriminellen brachen in einen Anbieterserver ein und stahlen 179 Weltnetzseiten der NPD. Die Schadensbehebung wird eine Zeitlang in Anspruch nehmen, erklärte der IT-Fachmann der NPD. Die Dimension des Verbrechens ist so enorm, daß dieser eine große organisierte Bande als Drahtzieher ver-mutet.

Nicht nur die Daten sind der NPD verloren gegangen, sie hat derzeit offenbar auch keine Gewalt über zahlreiche Internet-Seiten. Dort wird zurzeit angekündigt, hier entstehe die Domain „nazi-leaks.de“. Die Domain ist bei Denic übrigens auf Sven-Gunnar Haverlandt registriert. Haverlandt soll für den „Netzdienst“ der NPD zuständig sein. Er ist als Funktionär der NPD aktiv und sitzt als Abgeordneter im Kreistag Dahme-Spreewald.

Auf der Seite Alarmknopf wird die Stellungnahme der NPD analysiert. Dort heißt es:

Es handelt sich nicht um 179 Seiten, sondern um 179 Sites (die jeweils viele einzelne Seiten mit Inhalten zur Verfügung stellen könnten). Von einem IT-Fachmann der NPD sollte man hier bei allem Ringen um deutsche Bezeichnungen die erforderliche technische Klarheit erwarten können — tatsächlich ist der Angriff durch die unbeholfene Ausdrucksweise sprachlich verharmlost worden, etwa so, als ob in einem Blog mit tausenden Beiträgen ein paar hundert verschwunden wären. Diese Sites wurden auch nicht „gestohlen“, sondern im schlimmsten Fall wurden die auf dem Server verfügbaren Daten und Inhalte von einem Angreifer kopiert und anschließend auf dem Server gelöscht. Man sollte erwarten, dass der IT-Fachmann der NPD regelmäßig eine — Achtung, deutsches Wort — Datensicherung angelegt hat, um einem solchen, gar nicht unwahrscheinlichen Schaden zu begegnen. Wenn er das unterlassen hat und einfach darauf gehofft hat, dass auf einem „Opferrechner“ wie einem ständig mit dem Internet verbundenen Serverrechner „schon nichts passieren“ wird, handelt es sich nämlich nicht um einen Fachmann, sondern um einen Flachmann. Aber um einen ganz flachen!

Nicht nur das, auch ist die große organisierte Bande gar nicht erforderlich, wenn der angegriffene Server wirklich 179 Websites gehostet hat. Es reicht ein einziger erfolgreicher Angriff auf den Server, um sich heiter zu bedienen. So etwas kann einem einzigen, verpickelten Zwölfjährigen gelingen, was übrigens immer wieder einmal passiert. Dafür bedarf es keiner hoch organisierten, verbrecherischen Cyberangriffstruppe. Deshalb macht man von solchen Servern ja auch regelmäßig Datensicherungen, um nach einem erfolgreichen Angriff den Betrieb fortsetzen zu können. Natürlich hat der IT-Fachmann dann auch die Vorgehensweise des Angreifers zu analysieren und die ausgebeuteten Lücken in der zuvor gepflegten Sicherheitsstrategie zu stopfen. Aber das weiß der IT-Fachmann der NPD gewiss selbst, wenn er auch scheinbar ein bisschen überfordert mit diesem Anforderungsprofil zu sein scheint, denn diverse Websites von NPD-Strukturen liefern zurzeit immer noch nicht die üblichen Inhalte aus. In einer solchen Situation persönlicher Überforderung großtönende Worte von einem riesigen Verbrechen (kriminell ist es unbestritten, es handelt sich um Datensabotage) auszusprechen und von großen feindlichen Banden zu fantasieren, deren Opfer man geworden ist, ist kein adäquater Umgang mit einer derartigen Angriffssituation. Vielmehr zeigt ein solcher öffentlicher Auftritt, dass auch in der NPD in gleicher Weise vom Netz gesprochen wird, in der Blinde vom Licht reden: Vollkommen ahnungslos.

Wer hinter der erneuten Hacker-Attacke auf die NPD steckt, ist unklar. Eine „große organisierte Bande“, von der die NPD schwadroniert, dürfte es aber wohl kaum sein.

Siehe auch: Seite der NPD umgestaltet: “Hacker stahlen 179 Weltnetzseiten”, NPD 2.0: Neonazis bieten “Verbandsserver” an

 

Nach Wahlpleite: Heyder nicht mal mehr im Landesvorstand

Aufräumen, wo gar nichts los ist: Wahlplakat der NPD in Sachsen-Anhalt.
Aufräumen, wo gar nichts los ist: Wahlplakat der NPD in Sachsen-Anhalt.

Die rechtsextreme NPD in Sachsen-Anhalt hat bei einem Landesparteitag in Halberstadt mit Peter Walde einen neuen Parteivorsitzenden gewählt. Das berichtet die Magdeburger Volksstimme. Zu dem Parteitag am Sonntag war die Presse nicht eingeladen worden. Zudem habe die Neonazi-Partei fast ihre komplette Führungsspitze ausgetauscht. Der bisherige Parteichef Matthias Heyder, sein Stellvertreter Matthias Gärtner – der Student ist Bundesschulungsleiter der NPD-Jugendorganisation – und Organisationsleiter Philipp Valenta (auch er ist Student) seien nicht mehr im Landesvorstand.

Dies dürfte die Quittung für das Scheitern bei der Landtagswahl im März sein. Intern war Heyder nach Enthüllungen von tagesschau.de über „Junker Jörg“ zudem massiv in die Kritik geraten. So sei bei einer Bundesvorstandssitzung das herausragende Versagen des Spitzenkandidaten Heyder (alias Junker Jörg) bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt thematisiert” worden, berichtete der NPD-Funktionär Thomas „Steiner“ Wulff. Dabei seien die Anwesenden “zu der nicht überraschenden Erkenntnis [gekommen], daß die Unehrlichkeit sowie die fraglos geistig-moralische Armseeligkeit eines Mathias Heyder zu einem guten Teil für diese herbe Niederlage verantwortlich ist”.

Siehe auch: NPD scheitert bei “Schicksalswahl”, “Junker Jörg”, die NPD und das Prinzip Guttenberg, Junker Jörg: Falsches Spiel mit NPD-Fraktionschef Apfel?