„Flüchtlingskrise“: Von Demut und Optimismus

Flüchtlinge willkommen!
Flüchtlinge willkommen!

Deutschland diskutiert über die Flüchtlingskrise, in Talkshows, im Feuilleton und sonst wo. Große Sorgen machen sich breit. Mit der Entscheidung Merkels die Grenzen zu öffnen habe der deutsche Staat seine Souveränität aufgegeben (woraufhin Patrick Bahners in der FAZ dankenswerterweise darauf hinwies, dass diese Entscheidung gerade ein Akt der Souveränität war); durch die Einreise zahlreicher muslimischer Flüchtlinge seien die westlichen Werte und die deutsche Kultur bedroht; jedenfalls müssten sich Flüchtlinge diese westlichen Werte schleunigst aneignen.

Von Joachim Häberlen

Verglichen mit dem Sommer, als sich Deutschland selbst für seine Willkommenskultur lobte, scheint die Stimmung gekippt zu sein. Weiterlesen

Verfassungsgericht stärkt Rechte von Demo-Beobachtern

Jolly 15.54 uhr

Die Polizei darf bei Demonstrationen nicht grundlos die Identität von Personen feststellen, die das Geschehen filmen. Das hat das Bundesverfassungsgericht entschieden und damit die Rechte von Demo-Beobachtern gestärkt.

Fertigt die Polizei Filmaufnahmen von einer Versammlung an, ist sie nicht ohne Weiteres berechtigt, die Identität von Versammlungsteilnehmern festzustellen, die die Polizeikräfte Weiterlesen

Die kleine Geschichte rassistischer Debatten und Asylproteste in Deutschland

Neonazi-Slogans ungestört in der Mitte der Demo, Foto: Felix M. Steiner

Von Franz-Josef Strauß zu Horst Seehofer, von Rostock-Lichtenhagen nach Schneeberg: Ein unvollständiger Vergleich zwischen Vergangenheit und Gegenwart der Debatten über und der rassistischen Proteste gegen Flüchtlinge in Deutschland.

von Felix M. Steiner

Seit 2010 sind die Zahlen von Asylanträgen in Deutschland stetig angestiegen. Die Zahlen rassistischer Kundgebungen gegen die Unterbringung von Flüchtlingen sind ebenso angestiegen. Eine weitere Folge der Situation: Seit Monaten jagt eine Meldung von einer angezündeten Asylunterkunft die nächste. Die Amadeu-Antonio-Stiftung zählte allein für das vergangene Jahr 81 Übergriffe auf Flüchtlinge, 36 Brandanschläge auf Unterkünfte und 292 flüchtlingsfeindliche Kundgebungen bzw. Demonstrationen. Die Zahlen steigen Jahr für Jahr an und für 2015 ist erneut eine weitere Erhöhung der Zahlen zu erwarten. In der Berichterstattung über diese Vorfälle werden häufig die rassistischen Ausschreitungen und Morde der 1990er Jahre herangezogen. Doch in wie weit sind diese Geschehnisse tatsächlich mit der heutigen Situation zu vergleichen? Haben wir bereits die 1990er Jahre zurück? Welche Mechanismen sind es, die sich ähneln?

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Ein Rückblick: Beginn der Debatten

Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, Außenminister Willy Brandt, Innenminister Ernst Benda, Finanzminister Franz-Josef Strauß, Wirtschaftsminister Karl Schiller (von rechts) in der Regierungsbank im Bundestag (© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung)
Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, Außenminister Willy Brandt, Innenminister Ernst Benda, Finanzminister Franz-Josef Strauß, Wirtschaftsminister Karl Schiller (von rechts) in der Regierungsbank im Bundestag (© Presse- und Informationsamt der Bundesregierung)

Die 1990er Jahre gelten heute als die Blaupause rassistischer Anti-Asylproteste schlechthin. Dabei sind die Jahre 1990 bis 1993 („Asylkompromiss“) nur der Höhepunkt einer öffentlichen Debatte, die sich schon seit Mitte der 1980er Jahre entwickelte. Ab 1985 war in Deutschland wieder ein Anstieg von Asylanträgen zu verzeichnen: Im Jahr 1985 waren es rund 74.000 Anträge und 1986 rund 100.000. Nach einem Einbruch im Jahr 1987 stiegen die Zahlen dann bis 1992 kontinuierlich an und erreichten 1992 mit rund 440.000 Anträgen ihren Höhepunkt. Die Debatte, die sich rund um diesen Anstieg entwickelte, löste eine andere Diskussion in Deutschland quasi ab: Die Diskussion über „Gastarbeiter“. Mit den steigenden Zahlen wuchs auch immer weiter der Widerstand der Kommunen gegen die Unterbringung von Flüchtlingen. Doch die Debatte rund um das Thema „Flüchtlinge“ bildete bei weitem nicht die eigentlichen Zahlen ab, sie verlief deutlich aufgeheizter. Vielmehr wurde sie stellvertretend gegen Einwanderung insgesamt geführt und thematisierte vor allem auch die vermeintlichen Privilegien für „andere“. Nicht zuletzt war sie Folge der sozialen Schieflage durch die Wirtschaftskrise der 1980er Jahre und nahm mit der Zeit immer weiter an Fahrt auf. Bereits 1985 hatte der bayrische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß (CSU) gesagt: „Es strömen die Tamilen zu tausenden herein, und wenn sich die Situation in Neukaledonien zuspitzt, dann werden wir bald die Kanaken im Land haben.“ Und der Berliner Innensenator Heinrich Lummer (CDU) kommentierte: „Wir haben ein Asylrecht, da kann die ganze Rote Armee kommen und der KGB dazu. Wenn die an unserer Grenze nur das Wörtchen ‚Asyl‘ sagen, können wir sie nicht zurückschicken“. In den Jahren 1986 und 1987 wurde das Thema dann auch Wahlkampfthema auf Landes- und Bundesebene. Dies führte auch zu einer Mobilisierung am rechten Rand und zu einem Anstieg von Übergriffen auf Flüchtlinge und deren Unterkünfte. Im Jahr 1986 gab es bereits 60 erfasste Übergriffe auf Flüchtlinge. Die Unionsführung versuchte außerdem weiter den Druck auf die Sozialdemokraten zu erhöhen, um diese zu einer Grundgesetzänderung zu bewegen. So wurde ein internes CDU-Papier öffentlich, welches eine Zahl von 50 Millionen Asylbewerbern prognostizierte. Doch auch innerhalb der Union war nicht unumstritten, dass Thema Asyl auf die Wahlkampfagenda zu setzen. So erklärte der CDU-Generalsekretär Heiner Geißler vor der CDU-Bundestagsfraktion:

Wenn jemand den Ratschlag gibt, dieses Thema zum Wahlkampfthema zu machen bis zum 25. Januar, dann muß er sich darüber im Klaren sein, daß es in der innenpolitischen Auseinandersetzung zu einer Eskalation der Emotionen und der Gefühle kommen muß. Und dies kann die Christlich-Demokratische Union Deutschlands nach meiner festen Überzeugung nicht durchhalten, ohne sich zu verändern, [weil wir] die Geister, die da gerufen werden, nicht mehr los werden.

In der Debatte wurden Flüchtlinge, die nicht arbeiten durften, als „Schmarotzer“ und „Nichtstuer“ dargestellt und die hohe Ablehnungsquote von Asylanträgen wurde als Beleg für die hohe Zahl an „Wirtschaftsflüchtlingen“ gewertet. Der Kontext der Debatte war also zumeist negativ geprägt, um dies vorsichtig zu werten.

Die Debatte nach der deutschen Einheit

Nach der Deutschen Einheit nahm die öffentliche Debatte weiter an Fahrt auf. Ende des Jahres 1990 gab es Prognosen von bis zu 10 Millionen zu erwartenden Flüchtlingen. Diese wurden auch von renommierten Medien wie der Zeit verbreitet. Durch den Bundestagswahlkampf nahmen die öffentlichen Diskussionen weiter an Schärfe zu. Viele weitere Medien unterstützten diese Entwicklung und stellten ins Zentrum ihrer Berichterstattung die These, dass die meisten Asylbewerber „Schwindler und Betrüger“ seien. So hieß es im November 1990 in der Bild Hamburg:

Mit orientalischer Leidenschaft breiten Ausländer weitschweifige Lügenmärchen von angeblicher Verfolgung aus. Wer sich darüber empört, wird schnell als Rassist und Faschist abgestempelt – und schweigt künftig.

Aber die Bild war bei weitem nicht das einzige Medium mit einer derartigen Ausrichtung. Anfang Juli 1990 schrieb Ulrich Reitz in der Welt, SPD und FDP wollten, „das[s] in diesen Punkten überholte Grundgesetz zum Fetisch stempeln […] bei mehr als 90 Prozent Schwindlern kann sich das zur existentiellen Bedrohung unseres Sozialwesens auswachsen“.

Zu einer weiteren Zuspitzung führte vor allem die Verteilung von Flüchtlingen in die neuen Bundesländer. Anfang der 1990er Jahre stieg die Zahl der Übergriffe weiter deutlich an.

Antsieg Straftaten
Erfasste rassistische Straftaten 1991-1998, Quelle: Herbert, Ulrich: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland, S. 320.

In der Öffentlichkeit wurden die Angriffe allerdings nicht ausschließlich zurückgewiesen. So stellte sich auch ein Verständnis für jene rassistische Gewalt gegen Flüchtlinge ein. Die Bild schrieb am 30. Juni 1991:

Die Deutschen sind weder ausländerfeindlich, noch sind sie Rechtsextremisten. Aber wenn der ungehemmte Zustrom von Asylanten weiterwächst, wird auch die Gewalt gegen sie zunehmen. Sind unsere Politiker unfähig, das zu begreifen?

Auch die Cover des Spiegel aus jener Zeit bilden gut ab, wie die Debatte geführt wurde. Dominierend und bis heute als sprachliche Mittel verwendet, vor allem die Flut-Metaphorik, welche die steigenden Flüchtlingszahlen wie eine über Deutschland hereinbrechende Naturkatastrophe darstellt.

Spiegel 37/1991.
Spiegel 37/1991.

Vom Sommer 1991 bis zum Sommer 1993 war Asyl das wichtigste Thema in der deutschen Bevölkerung und lag an Präsenz noch vor der Deutschen Einheit, wie Umfragen zeigen. Der Historiker Ulrich Herbert spricht zwischen 1990 und 1993 von „einer der schärfsten, polemischsten und folgenreichsten innenpolitischen Auseinandersetzungen der deutschen Nachkriegsgeschichte“. Die Ergebnisse dieser öffentlichen Debatten sind bekannt. Ihre Symbolik drückt sich in Städten wie Hoyerswerda oder Rostock-Lichtenhagen aus. Das diese Situation für die extreme Rechte der 1990er Jahre ein Erfolgserlebnis war, machte der Neonazi-Aussteiger und Augenzeuge Ingo Hasselbach später in einem Interview klar: „Das war ein sehr merkwürdiges Gefühl für mich. Ich dachte, das gibt es doch nicht: Der normalste Bürger von nebenan, die Frau, die drüben einen Gemüseladen hat, alle standen da und applaudierten! Wie eine verkehrte Welt“, sagte Hasselbach in einer NDR-Dokuementation. Am 26. Mai 1993 verabschiedete der Deutsche Bundestag mit den Stimmen der Sozialdemokraten dann den „Asyl-Kompromiss“ und hebelte damit das Asylrecht in Deutschland faktisch aus. Am 29. Mai 1993 starben 5 Menschen bei einem Brandschlag in Solingen: Gürsün İnce, Hatice Genç, Gülüstan Öztürk, Hülya Genç, Saime Genç.

Der Neustart der Debatte

Seit 2010 steigt die Zahl der Menschen, die in Deutschland Asyl suchen, erneut an. Im März 2011 sorgten Horst Seehofers Kommentare beim politischen Aschermittwoch für Empörung.

Wer zu uns kommt, dauerhaft hier bleiben will, keine Parallelgesellschaften organisiert, der das Miteinander und nicht das Gegeneinander möchte, der ist bei uns willkommen und wenn er vor allem seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. […] . Wogegen wir größte Vorbehalte und Bedenken haben und da werden wir uns in der Berliner Koalition sträuben bis zur letzten Patrone, liebe Freunde und niemals nachgeben, dass wir eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme bekommen. Das wollen wir nicht, liebe Freunde.

Nein, gewiss, Seehofer sagte nicht, er wolle auf Flüchtlinge schießen, aber er vermochte es mit seiner Rede, eine militärische Rhetorik in die Debatte einzuführen und das Thema Asyl erneut mit der „Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme“ in Verbindung zu bringen. Im Juli 2012 urteilte dann das Bundesverfassungsgericht über die unzureichenden Leistungen für Flüchtlinge.

Der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts hat entschieden, dass die Regelungen zu den Grundleistungen in Form der Geldleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz mit dem Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums […] unvereinbar sind. Die Höhe dieser Geldleistungen ist evident unzureichend, weil sie seit 1993 trotz erheblicher Preissteigerungen in Deutschland nicht verändert worden ist. Zudem ist die Höhe der Geldleistungen weder nachvollziehbar berechnet worden noch ist eine realitätsgerechte, am Bedarf orientierte und insofern aktuell existenzsichernde Berechnung ersichtlich. (Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichtes)

Damit entschieden die Richter nicht nur, dass die Leistungen für Flüchtlinge unzureichend sind, sondern stellten auch deren Berechnung in Frage. Ein menschenwürdiges Existenzminimum war mit den Leistungen also nicht zu gewährleisten. Was die Richter genau für ein menschenwürdiges Existenzminimum halten, geht ebenfalls aus dem Urteil hervor:

Das Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums umfasst sowohl die physische Existenz des Menschen als auch die Sicherung der Möglichkeit zur Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen und ein Mindestmaß an Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben; dies sind einheitlich zu sichernde Bedarfe. (Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichtes)

Weiterhin erteilte das Bundesverfassungsgericht politischen Überlegungen eine Abfuhr, welche eine Senkung der Leistungen in Betracht ziehen, um so die „finanziellen Anreize“ für Flüchtlinge zu vermindern, damit die Antragszahlen – so die Kalkulation – zurückgehen.

Auch migrationspolitische Erwägungen, die Leistungen an Asylbewerberinnen und Asylbewerber sowie Flüchtlinge niedrig zu halten, um Anreize für Wanderungsbewegungen durch ein im internationalen Vergleich eventuell hohes Leistungsniveau zu vermeiden, können von vornherein kein Absenken des Leistungsstandards unter das physische und soziokulturelle Existenzminimum rechtfertigen. Die Menschenwürde ist migrationspolitisch nicht zu relativieren. (Pressemitteilung des Bundesverfassungsgerichtes)

Im Oktober 2012 gab dann der ehemalige Innenminister Hans-Peter Friedrich der Bild ein Interview. Auf den Hinweis der Bild, dass Asylbewerber nun so viel Geld bekommen müssen wie „Hartz-IV-Empfänger“, antwortete Friedrich:

…und das wird dazu führen, dass die Asylbewerber-Zahlen noch weiter steigen, denn es wird für Wirtschaftsflüchtlinge noch attraktiver zu uns zu kommen und mit Bargeld wieder abzureisen. Die Bundesländer können sich dagegen wehren, indem sie strikt Sachleistungen statt Bargeld verteilen. Aber: Ein Teil der Leistungen muss immer in bar ausbezahlt werden. Deshalb müssen wir das Asylbewerberleistungsgesetz jetzt ergänzen: Wer aus sicheren Herkunftsstaaten kommt – dazu zähle ich Mazedonien und Serbien – soll künftig weniger Barleistungen erhalten.

Auch wenn das Thema Asyl hier erneut mit den angeblichen finanziellen Erwartungen von Flüchtlingen in Kontext gesetzt wird, zeigt es dennoch, dass die Debatte nicht mit der Schärfe der 1980er und 1990er Jahre geführt wird. Reden wie die Seehofers beim politischen Aschermittwoch gehören zu den negativen Höhepunkten der öffentlichen Äußerungen. Das dies für die Bild nicht unbedingt der Fall ist, zeigte das Organ mit einer weiteren Nachfrage an Friedrich: „BILD: Rechnen Sie in diesem Zusammenhang mit einem Anstieg der Kriminalität?“ Friedrichs Antwort hingegen zeigt – zumindest beim ehemaligen Innenminister –, dass hier nicht mehr die Debattenkultur der 1990er Jahre zu finden ist, ganz ohne Friedrichs Aussage zu werten. Auf die Frage der Bild antwortete er: „Nein. Wir dürfen nicht pauschal jeden Wirtschaftsflüchtling als Kriminellen sehen. Größere Sicherheitsprobleme erwarte ich nicht.“

Die Strategie der extremen Rechten

Sehr schnell nach der einsetzenden Debatte versuchte auch die extreme Rechte, das Thema für sich zu nutzen. Bereits im Januar 2011 tauchte in Sachsen ein erstes Flugblatt auf, das der extrem rechten Szene zugeordnet werden kann. In der Folge nahm der Versuch der Instrumentalisierung immer weiter zu. Vor allem das Internet oder genauer – die sozialen Netzwerke – wurden dabei zum Propagandafeld der extremen Rechten. Das Vorgehen schien dabei oft sehr ähnlich. Die altbekannten Organisationen der Szene traten meist nicht offen auf. Nachdem – dies gilt für Ost- und Westdeutschland – irgendwo erwogen wurde, eine Unterkunft für Flüchtlinge zu errichten, gründete sich meist bei Facebook eine Seite dagegen.

Die einen sagen "Bugwelle von Armutsflüchtlingen aus Rumänien", die anderen "Zigeunerflut".
Die einen sagen „Bugwelle von Armutsflüchtlingen aus Rumänien“, die anderen „Zigeunerflut“.

Diese anonymen Seiten trugen dann Namen wie „Bürgerinitiative XYZ sagt Nein zum Heim“ oder „Kein Heim in XYZ“. Das Auftreten als „Bürgerinitiative“ ist dabei keine neue Strategie, sondern schon seit Jahrzehnten in Deutschland bekannt. So findet sich beispielsweise in Bayern die „Bürgerinitiative Ausländerstopp“ und bundesweit ähnliche Projekte. Dabei soll ein Volkswillen inszeniert werden, ohne das Image des Neonazis mitzutransportieren. Facebook-Seiten dieser Art schossen ab spätestens 2012 zu Dutzenden aus dem Boden und sind oft bis heute aktiv. Eine der bekannteren Versuche, auf diese Art Protest zu forcieren, war die „Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf“ aus Berlin. Einer der ersten Fälle, wo auch eine breite Berichterstattung zu dem aufkommenden extrem rechten Protesten stattfand. Neben Berlin sorgte vor allem die sächsische Stadt Schneeberg für Schlagzeilen. Hier gelang es der NPD nicht nur, Neonazis aus ganz Deutschland zu Demonstrationen zu bewegen, sondern auch hunderte Bürger der Stadt selbst. Schneeberg ist bisher die einzige Stadt, in der eine extrem rechte Mobilisierung in einem derartigen Ausmaß erfolgreich war. Und auch hier diente eine Facebook-Präsenz als Basis für Hetze und zur organisatorischen Koordination. Die Facebook-Seiten sind jedoch keineswegs eine harmlose digitale Präsenz. Sie dienten und dienen als Hetzplattformen für Rassisten aus der Szene und darüber hinaus. Rassistische Propaganda und Gewaltaufrufe gehören hier vielfach zum akzeptierten Ton. Teils offen, teils anonym, scheinen die sozialen Netzwerke mittlerweile den früher symbolisch benannten „Stammtisch“ ersetzt zu haben. Damit wird der Rassismus – auch einer „Mitte der Gesellschaft“ – viel stärker und früher in die Öffentlichkeit getragen und erreicht somit auch deutlich mehr Menschen.

Logo der "Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf"
Logo der „Bürgerinitiative Marzahn-Hellersdorf“

Der Erstellung einer einschlägigen Facebook-Seite folgten oft Kundgebungen oder Demonstrationen. Bei diesen wurde sichtbar, dass die digitale Unterstützung einer rassistischen Facebook-Seite nicht mit dem real auf der Straße anzutreffenden Protest übereinstimmt. So werden die neugegründeten digitalen Präsenzen oft bundesweit durch die rechten Netzwerke mit der Aufforderung zum Liken geschickt. Schnell kommen so ein paar tausend vermeintliche Unterstützer zusammen, die aber vor Ort nicht an Protesten teilnehmen. Es klaffen zwischen den Demonstrationsteilnehmern und den digitalen Unterstützern meist erhebliche numerische Lücken. Die Gefahr ist hier, die Like-Zahl einer Facebook-Seite mit der realen vor Ort anzutreffenden Unterstützerszene zu verwechseln. Eine andere von der extremen Rechten oft genutzte Möglichkeit, den Protest vor Ort zu verschärfen, ist die Teilnahme an Bürgerversammlungen. Hier nehmen gezielt einschlägige extrem rechte Kader teil, um die Bürger vor Ort mit Hinweisen auf Kriminalität, Krankheiten oder schlicht auf Basis von Sozialneid anzustacheln. Oft fällt diese Strategie auf fruchtbaren Grund und längst sind es nicht ausschließlich der extrem rechten Szene zuzuordnende Personen, die sich auf Bürgerversammlungen eindeutig rassistisch äußern. Vielmehr scheint die erneute Debatte bzw. eine Bürgerversammlung der Raum zu sein, in dem die ohnehin vorhandenen rassistischen Einstellungen im Kontext einer größeren, durch Ablehnung gegen Flüchtlinge getragenen Gruppe, wieder öffentlich geäußert werden können.

Ob die Strategie der extremen Rechten erfolgreich ist, hängt maßgeblich von der Vorbereitung der Organisatoren der Versammlungen ab. Eine Bürgerversammlung ist nicht per se eine erfolgversprechende Maßnahme, um die Einrichtung einer Flüchtlingsunterkunft mit den Anwohnern vorzubereiten. Ohne Vorbereitung kann hier schnell die Stimmung kippen, besonders wenn Neonazis versuchen die Veranstaltung zu lenken und gezielt und vorbereitet stören. Allein die Fragestellung einer solchen Versammlung bestimmt schon den Rahmen. Die öffentliche Darstellung einer „von oben aufgezwungenen Flüchtlingsunterkunft“ für die Gemeinde ist der erste Schritt die Unterkunft und die Menschen als Problem zu begreifen. Hilfsangebote und Informationsmaterial ist ausreichend vorhanden, bleibt aber nutzlos, wenn nicht die Bereitschaft besteht, einen menschenwürdigen Umgang und eine positive Vorbereitung leisten zu wollen, die über die formale Pflichterfüllung hinausgeht.

Fazit

Die Hetze und die Übergriffe gegen Flüchtlinge nehmen in den letzten Jahren – wieder – immer weiter zu. Dies zeigen auch die Zahlen der Übergriffe, die die Amadeu-Antonio-Stiftung erhebt. Und die steigenden Zahlen zeigen auch eine der zentralen Gemeinsamkeiten der Proteste, egal ob 1990 oder 2015: Aus rassistischer Hetze werden Taten. Dies ist aktuell wieder zu beobachten. Bisher zum Glück ohne Todesopfer. Dabei haben sich die rassistischen Vorurteile, die Flüchtlingen entgegengehalten werden, kaum geändert: „Schmarotzer“, „Asylschwindler“ und „Wirtschaftsflüchtlinge“ scheinen weiter die bestimmenden Denkfiguren zu sein. Sie verweisen so auf einen tief sitzenden Rassismus in der „Mitte der Gesellschaft“, der sich hier vor allem mit Sozialneid äußert. Auch dies hat sich kaum geändert. Und die Vorstellung, Rassisten mit Argumenten zu begegnen, kann wohl mit Recht als naiv bezeichnet werden. Dies zeigen etwa die online geführten Debatten auf einschlägigen Hetzseiten, bei denen es nicht um Argumente geht.

Quelle: Brähler, Decker, Kiess: Die stabilisierte Mitte Rechtsextreme Einstellung in Deutschland 2014.
Quelle: Brähler, Decker, Kiess: Die stabilisierte Mitte Rechtsextreme Einstellung in Deutschland 2014.
Quelle: Metronaut.de
Quelle: Metronaut.de

Ganz maßgeblich wird der Rahmen, in dem diese Debatten rund um Flüchtlinge stattfinden, von Politik und Medien geprägt. Auch heute zeigen Auszüge wie aus der Rede von Horst Seehofer, dass mit dem Thema keineswegs ausschließlich verantwortungsvoll umgegangen wird. Verschiedene Medien haben immer wieder Berichte zum Thema Flucht und Asyl, die sicher alles andere als unproblematisch sind. So titelte beispielsweise der Fokus im Juli auf dem Cover: „Die Wahrheit über falsche Flüchtlinge“. Erinnerungen an die Spiegel-Cover der 1990er Jahre waren dabei kaum zu umgehen. Insgesamt – dies wohl auch eine Folge eines wirklichen Lernprozesses seit Anfang der 1990er – hat sich die Berichterstattung allerdings deutlich verändert und ist insgesamt nicht mit den vergangenen Jahrzehnten vergleichbar. Gerade die positive Berichterstattung über Asylsuchende hat – zumindest meiner Wahrnehmung nach – deutlich zugenommen.

Denkt man zurück an Berichte über die Erfahrungen von Journalisten aus Rostock-Lichtenhagen, so scheinen die damaligen Ereignisse bei vielen einen tiefen Eindruck hinterlassen zu haben. Eine sprachliche Absurdität, welche sich derzeit vermehrt in vielen Meiden findet ist hingegen der Begriff des „Asylkritikers“. David Hugendick kommentiert diese Wortschöpfung bei Zeit Online treffend:

Es sind die Wochen der „Asphaltdeutschen“ (Horvath), die aber offenbar nicht mehr so genannt werden sollen, auch nicht mehr Ausländerfeinde, im Zweifel nicht einmal mehr Neonazis. Mittlerweile sind für diesen Mob, der da seine Ressentiments durch die Straßen trägt, die Wörter „Asylkritiker“ oder „Asylgegner“ üblich geworden – Begriffe, die sich diese Gruppen selbst zueignen und die mit den „Asylbefürwortern“ ein neues Begriffspaar bilden. Inzwischen übernehmen einige Medien diese Wörter, ohne sich nähere Gedanken zu machen, was und vor allem welcher Gesinnung hier nachgeplappert wird. Der „Asylkritiker“ reiht sich ein ins krypto-totalitäre Vokabelheft, wo schon der „gesunde Menschenverstand“ steht, der „besorgte Bürger“, der „Islamkritiker“ und die „schweigende Mehrheit“. Ein ganzes Bestiarium des Volksempfindens.

Zwei weitere zentrale Veränderungen scheinen sich vor allem bei Unterstützerstrukturen für Flüchtlinge und bei der Organisation der Flüchtlinge selbst eingestellt zu haben. Bundesweit arbeiten Initiativen und Ehrenamtliche, um Flüchtlingen zu helfen und diese bei ihrer Ankunft zu unterstützen. Oft läuft diese (leise) Arbeit im Hintergrund, die nicht in gleichem Maße wahrgenommen wird wie Brandanschläge oder ähnliche Geschehnisse. Aber sie ist da und viele Menschen engagieren sich mit großem Einsatz für Asylsuchende. Durch die öffentlichen Protestaktionen der Flüchtlinge in verschiedenen Teilen Deutschlands gelang es weiterhin, die Anliegen der Flüchtlinge in die Medien zu tragen. Wenn auch noch nicht in großem Umfang, prägen sie damit dennoch die Debatten über sich selbst mit.

Aktuell scheint keine Ruhe in die Debatte einzukehren. Die Errichtung von Zeltlagern und Container-Unterkünften ruft verstärkt rassistische Gegenproteste hervor. Eine Beruhigung der Lage ist derzeit also nicht abzusehen. Politisch scheint die Frage, wie man den weiteren Anstieg von Flüchtlingen in Deutschland verhindern kann, immer stärker als zentrale Fragestellung in den Fokus zu rücken. So sagte der CDU-Vize Thomas Strobl gegenüber dem Tagesspiegel: „Müssen alles dafür tun, dass nicht so viele Flüchtlinge zu uns kommen“.


Quellen:

– Broschüre der Amadeu-Antonio-Stiftung: Die Brandstifter. Rechte Hetze gegen Flüchtlinge

– Herbert, Ulrich: Geschichte der Ausländerpolitik in Deutschland. Saisonarbeiter, Zwangsarbeiter, Gastarbeiter, Flüchtlinge, Bonn 2003.

Moralische Medienschelte

Viel zu viel, viel zu aufdringlich, viel zu oberflächlich – im Netz haben verschiedene Journalisten die Berichterstattung über den Absturz der Germanwings-Maschine in Frankreich angeprangert. So eine Kritik ist schnell formuliert, findet oft Zustimmung – und lässt den Absender als kritischen Geist erscheinen.

Von Patrick Gensing

Es gibt kaum Beiträge, die leichter zu recherchieren und schneller zu schreiben sind, als Artikel zur aktuellen Berichterstattung: Glotze oder Radio an – dabei noch ein Blick auf die Schlagzeilen der großen Blätter, Meinung bestätigen lassen – und los geht es. Heute Morgen eröffnete taz-Chefredakteurin Ines Pohl diese Medienkritik zum Germanwings-Absturz:

Deutschland möchte also auch ganz dringend eine Katastrophe für sich? Was soll das bedeuten? Die Lust, auch mal Opfer zu sein? Pohl erklärte etwas später auf Twitter: „Ich will nicht die Trauerenden kritisieren, die Endlosschleifen der Sondersendungen ohne Erkenntniswert berühren mich unangenehm.“

Allerdings sei hier die Frage gestattet, warum einerseits beklagt wird – auch von anderen Kollegen außer Pohl, es werde viel zu viel Wirbel um den Absturz gemacht, andererseits muss man aber selbst noch einen drauf setzen und sich unbedingt auch noch dazu äußern? Wäre es nicht konsequenter, dann einfach zu schweigen? Oder zumindest etwas differenzierter zu formulieren, als es in einem Twitter- oder Facebook-Posting möglich ist? So soll ernsthaft Oberflächlichkeit in Medien thematisiert werden?

Aasgeier, die für Leichenteile zahlen

Komplett im Ton vergreift sich Hermann Gremliza in der konkret: In einer bewusst rohen Sprache schreibt er unter anderem von Todesopfern im Straßenverkehr, die „eingelocht“ würden ohne Sondersendungen. Und es geht noch tiefer: Bei solchen Todesopfern gebe es „nichts zu fressen für die Aasgeier, Reporter und Redakteure genannt, die an den Tresen provenzalischer Gasthöfe in ihrem zehnten bis zwanzigsten Pastis nach den Leichenteilen scharren, die geschwätzige Polizisten ihnen für ein kleines Handgeld überlassen“.

Übrigens erklärt Gremliza mit seinem Hinweis auf die alltäglichen Opfer im Straßenverkehr schon selbst, weshalb es für den Absturz eines deutschen Fliegers mehr Aufmerksamkeit gibt: Dies ist nämlich gerade nicht alltäglich. Die Unterstellungen, die kaputten Reporter würden sich ohnehin nur volllaufen lassen und Geld für Leichenteile bezahlen, ist dann einfach nur noch pures Ressentiments, das ich eher bei KenFM erwartet hätte.

„Nah an ethischen und persönlichen Grenzen“

Wer sind diese Aasgeier? Mein geschätzter Kollege Stefan Laurin beispielsweise war für Die Welt in Haltern – und schrieb danach auf Facebook: „Es war alles sehr würdig in Haltern… Sowohl vor der Schule als auch auf der Pressekonferenz im Rathaus.“ Ein anderer Kollege schrieb: „Krasser Tag. Erst am Flughafen Düsseldorf und dann an der Schule in Haltern. Darüber zu berichten, bzw vor allem davon Fotos zu machen ist echt kein schöner Job und die ganze Zeit ziemlich nah an ethischen und persönlichen Grenzen…“

Es gibt sicherlich Reporter, die sich weit weniger Gedanken machen und skrupellos agieren. Aber die meisten Kollegen diskutieren immer wieder lange und kontrovers, welche Bilder angemessen sind, welche nicht – dies gilt auch für andere Anlässe – beispielsweise Anschläge. Und es ist auch keine besonders lebensbejahende Arbeit, immer wieder aus vorliegendem Material die Bilder herauszusuchen, die eben nicht mehr gezeigt werden können. Aber mit solchen Details muss man sich auch nicht weiter belasten, wenn die These stimmen soll.

Von Trauer und Wut

Sascha Lobo veröffentlichte heute übrigens auf Spiegel Online einen klugen Artikel zu den Reaktionen auf den Flugzeugabsturz, er schreibt:

Verstörend, wie eng Trauer und Wut beieinander liegen. Zu den meistgeteilten Botschaften gehört Empörung über die „sensationslüsterne Journallie“. […] Offenbar brauchen digitale Gemeinschaftsgefühle ein Ziel, und weil Traurigkeit keines kennt, schlägt sie leicht um in Empörung. Klicktrauer wird zur Klickwut. Es lässt sich erahnen, wie die soziale Funktion des Sündenbocks entstand.

taz-Chefredakteurin Ines Pohl wurde nach ihrem Tweet selbst zum Ziel dieser Klickwut und teilweise übelst beleidigt.

Gleichzeitig finden sich in den Kommentaren zu den oben erwähnten Medienkritiken umgehend auch Beiträge, die in Richtung „Lügenpresse“ und pauschale und populistische Politikerschelte gehen. Auf der Facebook-Seite des Politmagazins Monitor erhielt ein Nutzer für diesen Kommentar 73 Likes:

Wieso muss der „Halbe Bundestag“ nach Frankreich fliegen um dann irgendeinen unqualifizierten Senf in die Kameras zu labern. Und die Sender stellen diese auch noch in den Vordergrund, als wenn diese Pappnasen die Hauptfiguren in einem Theaterstück wären,. Merkel hier, Merkel da, Merkel vorne, Merkel hinten, Merkel kann nicht in die Schlucht, Merkel kann nur mit Hubschrauber über das Gebiet fliegen, Steinmeier kommt auch nicht weiter, Steinmeier war gestern schon da, Steinmeier erzählt uns, was Experten schon vorher x-mal erklärt haben. Witzfigur Dobrindet gibt auch seine Senf dazu….. Was für eine Schmierenkömödie zu einem extrem traurigen Anlass.

Ein trauriger Anlass, der offenbar eine günstige Gelegenheit bietet, Feindbilder zu pflegen oder sich mal wieder als kritischen Kopf in Szene zu setzen. Sie wisse nicht, was sie schlimmer finde, merkte eine Kollegin auf Facebook treffend an: „Das berühmte Witwenschütteln, oder aber „Kollegen“, die sich an der Berichterstattung abarbeiten und de facto den Tod von mehr als hundert Menschen nutzen, um öffentlich (!) zu erklären, wie sicher sie im moralischen Sattel sitzen.“

 

Der Fall Jung und die Empörung über die Empörung

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Bis in die FAZ hat es ein Posting von Tilo Jung auf Instagram zum Weltfrauentag schließlich gebracht. In fast allen Beiträgen zu der Causa Jung geht es aber vor allem um einen hysterischen Twitter-Mob und angemessene Reaktionen. Was hinter solchen „Witzen“ steckt, bleibt bestenfalls nebensächlich.

Von Patrick Gensing

Rund 51.500 Tweets, 380 Videos auf YouTube, mehr als 1000 Beiträge auf Instagram – dazu eine gut gefütterte Facebook-Seite: Der Journalist Tilo Jung ist ein Online-Profi und geradezu omnipräsent im Netz. Bekannt wurde er vor allem durch das Interview-Format „Jung & Naiv“, in dem er „Politik für Desinteressierte“ anbieten möchte.

Warum allerdings Uninteressierte ausgerechnet durch 50-minütige Interviews ihre Begeisterung für Politik entdecken sollten, ist mir ziemlich unklar. Das ging auch Nadja Schlüter von der SZ so – und durfte sich dafür als Replik anhören, wer Jung & Naiv so kritisiere, sei schön blöd. Denn Jung & Naiv sei „eine Einladung an die Interviewten, keine Phrasen für die üblichen 90 Sekunden der Tagesschau sagen zu müssen, von denen dann nur 7 Sekunden verwendet werden“. Mit dieser Einladung reüssierte Jung mit „Jung & Naiv“ – vor allem in Medienkreisen, weniger bei den „normalen“ Zuschauern: Denn eine Breitenwirkung erreichen die Videos kaum; bei den meisten blieben die Zähler bei 5000 bis 10.000 Abrufen stehen – manche schaffen noch weniger, einige dafür mehrere Zehntausend.

„Die Medien sind politikverdrossen, weil sie kein Interesse mehr haben, Sachverhalte erklärend darzustellen“, erklärte Jung zu seiner Motivation für das Format. Klingt prima, wenn auch nicht sonderlich differenziert. Und erklären tut Jung auch nur recht wenig: Er lässt die von ihm ausgewählten Leute ausführlich zu Wort kommen, so dass sich die Zuschauer aus einem Wust von Statements nicht nur die relevanten Stellen raussuchen sollen, sie sollen diese auch noch einordnen bzw. auf Glaubwürdigkeit / Wahrheitsgehalt überprüfen. Da wo die Arbeit des Journalisten anfängt, hört Jung & Naiv sozusagen einfach auf.

„Ohne Scheiß“

Diese Ungereimtheiten des Konzepts legen den Schluss nahe, dass sich Jung & Naiv – wie es der Titel bereits anzeigt – zu mindestes 50 Prozent um den Namensgeber dreht. Dazu passt, dass Jung in sozialen Medien hauptsächlich Bilder von sich postet, eine Mischung aus Modeln und Journalismus: Jung mimt den charmanten Lümmel aus der ersten Reihe, den erwachsenen Kinderreporter: selbstbewusst im Auftreten, gut im Aussehen, locker im Ton – eben „ohne Scheiß“ (im Gegensatz zu den mittlerweile gelöschten „Penisdialogen“ – „absolut unbeschnitten“).

Es geht also um Inszenierung. Dagegen ist auch überhaupt nichts einzuwenden, Jung legt einen beachtlichen Einsatz an den Tag und scheint ehrgeizig den Weg in die große Öffentlichkeit zu suchen. Dazu gehören dann wohl auch gezielte Provokationen: Für ein Interview mit Glenn Greenwald, der beispielsweise die Unabhängigkeit der Kurden im Nordirak nach dem US-Einmarsch mit dem „Anschluss“ des Sudentenlandes durch Hitler verglich, setzte sich Jung auf das Holocaust-Mahnmal in Berlin, um sich über das „American Empire“ unterrichten zu lassen. Das erzeugte keinen „Aufschrei“ in den sozialen Netzwerken, sehr wohl aber Irritation bei einigen Kollegen. 

Später kritisierte Jung wiederum Peer Steinbrück für eine Weihnachtskarte aus Berlin, auf dem das Mahnmal groß zu sehen ist. Während sich Steinbrück wenigstens zeitnah für dieses Motiv entschuldigte, wollte Jung in seinem Verhalten keinen Widerspruch erkennen.

Was Nazi-Vergleiche angeht, ließ Jung einen Fatah-Sprecher ohne jegliche Nachfrage erklären, die israelischen Juden folgten einer Reinheitsideologie wie die der Nazis:

„Es gibt ja auch palästinensische Israelis, Palästinenser, die als israelische Staatsbürger diskriminiert werden. Israelische Juden sind die Oberschicht, die sind die Reinsten. Es ist traurig, dass Leute, die in deinem Land selbst Opfer einer solchen Reinheitsideologie wurden, die zur Vernichtung von Millionen von Menschen führte, dass diese Leute jetzt genauso denken.“

Wie geschrieben: Keine Nachfrage. Dafür trieb es Jung um, dass Israels Ministerpräsident Netanjahu im Kontext des iranischen Atomprogramms und den antiisraelischen Tiraden aus Teheran vor einem „zweiten Holocaust“ warnte:

Keine Sorge, ich werde Tilo Jung jetzt nicht in die „rechte Ecke“ stellen, so wie es einige vielleicht vermuten bzw. von mir erwarten. Mir geht es darum, dass Jungs Format vollkommen passend Jung & Naiv heißt; immerhin gibt es gar nicht vor, sonderlich kritisch oder vom Mainstream abweichend zu sein. Zudem zeigen die erwähnten Beispiele, dass Jung gerne provoziert; testet, wie weit er gehen kann. Auch die Kritik an seinem Posting zum Weltfrauentag konterte er noch mit einem Tweet, in dem er von „symbolischer Selbstverbrennung“ orakelte. Später räumte er selbst in einer Erklärung ein, er habe „eine große Klappe“.

Herrenwitze ernten Widerspruch

So wie Jung & Naiv nicht sonderlich kritisch ist, verhält es sich auch mit Jungs Posting: „Herrenwitze“ sind im schlechtesten Sinne stinknormal. Was sich verändert hat: Solche Sprüche bleiben nicht mehr ohne Widerspruch. Die Kritik wird dann aber gerne als „Shitstorm“ bezeichnet, wodurch die Reaktionen disqualifiziert und unterschiedliche Argumente eingeebnet werden.

Die eigentliche Nachricht für größere Medien ist dann nicht die Aussage an sich – sondern die Reaktionen darauf werden zum Berichtsgegenstand. Zeitungen wollen modern wirken, indem sie berichten, was gestern im Netz war – und das klingt dann so: „Dass dieser Fehltritt nicht lange unbemerkt bleiben würde, war abzusehen: Schnell meldeten sich bekannte Feministinnen zu Wort“, wusste die Wilhelmshavener Zeitung zu melden. Jung sei geteert und gefedert worden, schreibt die Zeit. Und die FAZ wählte die Überschrift: „Ein Fehltritt, schon sind alle auf der Palme“.

Wo genau wurde Jung geteert und gefedert?

Abgesehen von der Frage, wo genau Jung geteert und gefedert worden sein soll: Feministinnen, die sofort „auf der Palme“ sind – wer kennt sie nicht, diese „hysterischen Hühner“…?! In sozialen Netzwerken war die Empörung über die Empörung auf jeden Fall größer und vor allem weit radikaler in der Sprache, als die Kritik an Jung zuvor. Auch die Kommentare zu dem erwähnten FAZ-Artikel ließen keine Wünsche offen:

„welche gesellschaftliche und mediale Macht sogenannte Feministinnen und Feministen haben, die auf der einen Seite Männer beleidigen und dann wegen eines im Vergleich dazu harmlosen Fotos in der Lage sind ein Unternehmen zu gefährden, das es wagt unpassende Fotos zu veröffentlichen. Übrigens sind Männer öfter Opfer von Gewalt!“

Männer als Opfer der Feministinnen – es fehlen eigentlich nur noch Deutsche als Opfer von Rassismus sowie Dresdner als Opfer von Systemmedien und angloamerikanischen Bombenhagel  – man kennt das. Einige Kommentatoren waren sich nicht zu schade, eine Parallele von der Kritik an Jung zu den Anschlägen von Paris zu ziehen. Wieder von der FAZ-Seite:

In dieser völlig infantilen Gesellschaftsverfassung sind sich die Schreihälse mit den Mördern von Paris irritierend gleich: In der säkularen deutschen Gesellschaft haben sich neue religiöse Bewegungen konstituiert: Veganer, AufschreihysterikerInnen, Kopftuchverteidiger etc. Deutschland 2015 – ein Land geht dem Abgrund entgegen.

Auf Facebook posteten Leute ernsthaft „Je suis Tilo“-Bilder, nachdem Krautreporter-„Herausgeber“ Sebastian Esser klipp und klar erklärt hatte, worum sich die FAZ gedrückt hat – nämlich, dass Jungs Post „frauenfeindlich“ ist. Jung kokettiere zudem „mit Gewalt gegen Frauen“ und werde daher vorübergehend nicht mehr bei den Krautreportern veröffentlichen. Einen lesenswerten Kommentar zu dieser Entscheidung hat Journelle veröffentlicht.

Jung & Naiv zum Thema Sexismus?

Ob aber nun eine inhaltliche Debatte bei den Krautreportern folgt, in der nicht nur der Herausgeber, Chefredakteur und Politik-Autor ihre Sicht zum Thema Sexismus und Kritik-Management anbieten, ließ Esser unbeantwortet. Jung solle seinen „blinden Fleck“ ausleuchten, hieß es lediglich. Licht aus, Spot an: Denn was wäre geeigneter für diese Suche, als eine Interviewreihe zu genau diesem Thema bei Jung & Naiv?

Siehe auch: The Krauts in Paris

     

Prinzessinnenreporter: „Nicht mit Aktualität oder Verständlichkeit aufhalten“

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Redaktionskater Prinz Kasimir Credit:Hofmann/PR

Sie sind super, noch in der Prä-alpha-Phase, ungerecht und das mit Abstand glamouröseste Medienprojekt des noch jungen Jahres: Die Prinzessinnenreporter Ramona Ambs, Leo Fischer, Marit Hofmann, Elke Wittich und Svenna Triebler finden, dass der Online-Journalismus noch immer kaputt ist. Und dass das nicht gut ist. Das werden sie nun ändern.

Das Interview führte Stefan Laurin von den Ruhrbaronen

Ruhrbarone: Krautreporter sind bald am Ende, und irgendwo muss das Geld von deren Unterstützern hin. Am besten in Eure Taschen, oder?

Svenna Triebler: Der Onlinejournalismus 3.14.15.9 kommt halt nicht ohne einen prinzessinengemäßen Lebensstil aus.

Elke Wittich: Geld, das schon ausgegeben ist, kann nun aber leider nicht nochmal an uns ausgegeben werden.

Marit Hofmann: Und würden wir das Geld von Krautreportersupportern nehmen?

Ramona Ambs: Wir müssten es halt waschen, Marit! Die Krautis haben es nicht so richtig drauf. Was Selbstverliebtheit, Wichtigkeit  und monarchische Macken angeht, sind sie fast so gut wie wir, aber sie liefern nur journalistische Suppe. Wir hingegen hochwertige Texte, interessante Analysen und echte Nachspürreportagen. Wir brauchen auch keine Promis zum Interviewen – unsere Leser interessieren sich auch für normale Menschen, wenn sie interessant sind. Deshalb ist das krautige Geld auch bei uns in den besten Händen – zumal wir rosa Nägel haben, da sieht das dann auch sehr schick aus

Elke Wittich: Wer uns dabei hilft, den Onlinejournalismus zu retten ist zunächst egal, es geht ja um die Sache.

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Ruhrbarone: Euer Konzept einer “visionären crossmediale Multiplattform-Strategie” klingt teuer. Wie viel braucht Ihr für den Erfolg?

Ramona Ambs: Mehr.

Marit Hofmann: 999 funkelnde Schatzkisten.

Elke Wittich: Für den Anfang 999 …

Ramona Ambs: …und dann mehr

Elke Wittich: …und dann huldvoll weitersehen. Für die Rettung des Onlinejournalismus dürfte ja eigentlich kein Preis zu hoch sein.

Ruhrbarone: Die Reaktionen auf den Start von Prinzessinnenreporter sind mit “euphorisch” noch zurückhaltend beschrieben. Habt Ihr mit diesem Erfolg bei Euren Untertanen gerechnet?

Svenna Triebler: Da in Deutschland ein Monarchiedefizit besteht, verwundert das eigentlich nicht.

Ramona Ambs: Wir sind Prinzessinnen, wir sind es gewohnt, dass man uns geil findet.

Ruhrbarone: Einer Eurer ersten Aktionen war die Reform des Horoskopwesens. War das zu lange eine unterschätzte journalistische Form?

Svenna Triebler: Reform? (Palast-)Revolution wäre der richtige Begriff!

Ruhrbarone: Ihr konfrontiert die Leser immerhin mit unangenehmen Wahrheiten: “Genau genommen ist Ihre Existenz den Sternen völlig schnurz.”

Elke Wittich: Das erste reine Netzmedium, die Netzzeitung, ist pleite gegangen vor einigen Jahren. Hatte sie ein Horoskop? Nein. Man muss aus solchen tragischen Fällen eben lernen.

Svenna Triebler: Wir müssen den Menschen ihren Glauben an höhere Mächte nehmen. Umso mehr Kapazitäten hat die Untertanencrowd für die Prinzessinnenverehrung.

Ramona Ambs: Die Fackel der Wahrheit spiegelt sich außerdem phänomenal schön in unseren Krönchen, es ist also auch eine ästhetische Frage.

Elke Wittich: Die Wahrheit glitzert – so sieh’st mal aus.

Ruhrbarone: Ist so ein Stück wie das getanzte Hamburger Wahlergebnis nicht ein Risiko gewesen? Der gemeine Waldorfschüler darf doch nur selten und wenn ganz kurz ins Internet.

Marit Hofmann: Es handelte sich hier um klassisches Ballett. Im übrigen bitte ich um Verständnis dafür, dass ich zu diesem Thema nur getanzte Fragen beantworten kann.

Leo Fischer: Der neue Journalismus darf sich nicht mit Dingen wie Transparenz, Aktualität oder Verständlichkeit aufhalten. Unsere Marktforschung zeigt: Der Leser möchte vor allem geflasht werden.Und nichts flasht härter als Ausdruckstanz.

Ruhrbarone: Nicht alle Eure Untertanen scheinen schon reif für die Prinzessinnenreporter zu sein: “Auch die FAZ gehört zu unserer Untertanencrowd, ist allerdings nicht in der Lage, unsere gekrönten Häupter auseinanderzuhalten. ”

Svenna Triebler: Mangelnde Medienkompetenz ist ein großes Problem der Altmedien. Aber dem wollen wir ja etwas entgegensetzen.

Marit Hofmann: Wir sehen das als Bestätigung dafür, wie sehr unser neuer Journalismus gebraucht wird.

Leo Fischer: Außerdem war die Autorin vielleicht einfach von unserem versammelten Glanz geblendet, das muss man verstehen.

Ruhrbarone: Online-Medien haben in der Regel zwei Geschäftsmodelle: Einen Dummen finden, der sie aufkauft, oder alle anderen mit dem Geld von noch Dümmeren aufzukaufen. Was strebt Ihr an?

Elke Wittich: Die Weltmonarchie. Chefprinzessinnen von überall werden

Leo Fischer: Wir werden nicht gekauft oder gesponsert, wir nehmen huldvoll Geschenke entgegen. Und auch nicht von jedem.

Elke Wittich: Wir sind nicht käuflich, aber bespendbar

Ramona Ambs: Nur vielleicht bei Schuhen? Aber da sind wir noch am diskutieren…

Elke Wittich: Schuhe sind was anderes

Marit Hofmann: Das Geschenk muss sich natürlich sehen lassen können.

Svenna Triebler: In der Weltmonarchie heißt das dann ohnehin Tribut.

Leo Fischer: Allenfalls eine staatliche Förderung stünde zur Debatte, ähnlich der königlichen Familie in Großbritannien.

Ramona Ambs: Aber: Wir mögen die Untertanen. Sie sollen fleißig arbeiten und uns Respekt zollen und crownfunden – dafür sind sie gemacht.

Ruhrbarone: Wie wird es mit den Prinzessinnenreportern in naher Zukunft weitergehen?

Ramona Ambs: Die rosa Sache wird die Welt erobern!

Leo Fischer: Wir wollen noch teurer werden!

Marit Hofmann: Und noch weniger arbeiten.

Svenna Triebler: Die Crownfundingphase wird in Kürze starten, als nächstes werden wir unsere Redaktionsräume in ein standesgemäßes Schloss verlegen.

Ruhrbarone: Habt ihr schon ein Schloss ausgewählt?

Leo Fischer: Unser Gründungsprinzip hieß: Wir wollen genauso teuer werden wie die Krautreporter, aber inhaltlich noch beliebiger.

Elke Wittich: Aber das hat sich als unmachbar erwiesen

Leo Fischer: Bitte keines von diesen Ramsch-Schlössern in der Zone

Svenna Triebler: Neuschwanstein ist leider etwas abgelegen.

Elke Wittich: Außerdem brauchen wir ja ein Schloss mit Katzenklappe.

Leo Fischer: An der Mosel gibt es tolle Schlösser!

Ramona Ambs: … und bis wir das Schloss dann haben, werden wir natürlich auch kleinere Revolutionen anzetteln. Es folgt ein Bericht zu Gaza, den die Untertanen schon seit längerem wünschen, ein Kater wird in die Redaktion ziehen, Leo wird sich weiter mit Praktikanten treffen, und wir werden weiter an unseren Grundsätzen arbeiten.

Elke Wittich: Und an der Ethik, vergiss um Himmelswillen die Ethik nicht.

Leo Fischer: Außerdem werden wir schon nächste Woche unser journalistisches Selbstverständnis vollkommen überarbeiten.

Ramona Ambs: Kein Stress!

Svenna Triebler: Und die Crowd mit regelmäßigen Updates hautnah am Redaktionsalltag 2.0 teilhaben lassen.

Marit Hofmann: Kater Kasimir wird sich als Senior Editor nicht zuletzt dafür einsetzen, die im Internet vollkommen unterrepräsentierte Gattung der Katze zu fördern und einen Imagewandel herbeizuführen.

Leo Fischer: Ich werde außerdem einen Videoblog herausgeben, in dem ich meine schönsten Urlaubsdias zeige.

Elke Wittich: Es wird viele Überraschungen geben, und wir werden die verkrusteten Strukturen des Journalismus aufbrechen.

Leo Fischer: Eventuell können wir uns auch vorstellen, in den Printbereich zu expandieren. Unsere ausgedruckten Blogbeiträge auf Bütten, jeden Morgen druckfrisch im Briefkasten.

Marit Hofmann: Das wäre dann das Print-Only-Abo.

Leo Fischer: Aber hier brauchen wir einen fähigen Investor. Ich bin mit Konstantin Neven DuMont auf Facebook befreundet und werde ihn dieser Tage darauf ansprechen.

Die Prinzessinnenreporter legen Wert auf die Feststellung, dass dieses Interview unter der Verwendung modernster Technologie stattgefunden hat. Langweiliges Oldschool-Zeugs wie Offline-Treffen, Telefon oder Mail wurden nicht genutzt.

Die  Prinzessinnenreporter findet ihr hier. Informationen zu  Ramona Ambs, Leo Fischer, Marit Hofmann, Elke Wittich und Svenna Triebler hier.

Siehe auch: The Krauts in Paris

Artikel von Ramona Ambs auf Publikative.org