Das Akademische Karussell: „Political Extremism“

Political Extremism von Cas Mudde

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um ein neues Großwerk mit dem Titel „Political Extremism“.

Von Samuel Salzborn

Anders als in Deutschland haben Bücher, in denen Schlüsseltexte eines Themengebietes versammelt werden, in Amerika und England eine große Bedeutung. In solchen Textbooks werden kürzere Texte, Aufsätze oder Buchkapitel, zusammengetragen und sie erleichtern so den Zugang zu einem Gegenstand, den man sich behelfsweise im bundesdeutschen Wissenschaftssystem mehr oder weniger erfolgreich mit dem Versuch der kopierten Reader zu erschließen versucht hatte.

Political Extremism von Cas Mudde
Political Extremism von Cas Mudde

Warum es das Modell der Textbooks bis heute nicht wirklich in das bundesdeutsche System der Sozialwissenschaften geschafft hat, ist gerade vor dem Hintergrund verwunderlich, dass durch solche Textbooks nicht nur das Wissen eines Fachgebietes, sondern auch seine Kontroversen versammelt werden können und dabei auch den Aufsätzen, die sonst nicht selten in abgelegenen Fachzeitschriften versenkt und nur von einer verschworenen Kleinstgruppe gelesen werden, eine Aufwertung in Buchstatus zu Teil werden kann, wenn sie sich als längerfristig substanziell und wesentlicher Beitrag zur Forschung erwiesen haben.

Dies muss man berücksichtigen, wenn man sich mit dem voluminösen und über weite Strecken sehr empfehlenswerten Riesenwerk befasst, das Cas Mudde kürzlich unter dem Titel „Political Extremism“ in der „Sage Library of Political Science“ herausgegeben hat. Die vier Bände (Bd. 1: „Concepts, Theories and Responses“; Bd. 2: „Historical Extremism“; Bd. 3: „Right-Wing Extremism“; Bd. 4: „Left-Wing Extremism“) umfassen insgesamt rund 1.500 Seiten und dokumentieren in der Tat eine Reihe von wichtigen Aufsätzen aus dem Feld – das in einem englischsprachigen Band die deutsche Debatte nur rudimentär Eingang findet, die in ihrer theoretischen Dimension durchaus etwas ambitionierter ist, fällt als Problem auf den Gegenstand selbst zurück, weil viele der deutschsprachigen Schlüsseltexte nie übersetzt worden sind.

Der Band ist in seiner Komposition sehr heterogen, was schon am Vorwort auffällt, in dem Mudde – den deutschen Leser(inne)n vor allem durch seine Arbeiten zum Rechtspopulismus bekannt, zuletzt unter anderem sein Buch „Populist Radical Right Parties in Europe“ (2007) – sich bei Roger Eatwell und Uwe Backes bedankt und beiden das Werk widmet, stehen doch beide für sehr konträre Ansätze der Forschungen zum Gegenstand. Wer insofern in dem Band eine klare Linie der eindeutigen Abgrenzung von der (in der deutschen Rechtsextremismusforschung marginalisierten, aber für Teile der behördlichen Arbeit nach wie vor angewandten) Extremismusdoktrin zugunsten eines gesellschaftskritischen oder historisch-dynamischen Ansatzes sucht, wird ebenso enttäuscht, wie jemand, der auf ein Kompendium einfacher Rechts-Links-Analogien hofft. Der Band versammelt Texte aus beiden Ansatzbereichen, wobei die offensive Problematisierung der sich wechselseitig ausschließenden Zugänge hilfreich für die Lektüre gewesen wäre.

Mudde kompiliert eine gute Mischung aus klassischen Beiträgen (z.B. von G. Bingham Powell Jr., Hannah Arendt, Juan J. Linz, Carl Joachim Friedrich/Zbigniew Brzezinski oder Seymour Martin Lipset – warum allerdings Franz L. Neumann, Ernst Fraenkel oder Karl Loewenstein fehlen, bleibt rätselhaft) und aktuelleren wichtigen und viel diskutierten Ansätzen (z.B. von Zeev Sternhell/Mario Sznayder/Maia Asheri, Roger Griffin, Klaus von Beyme, Marlène Laruelle, Kai Arzheimer, Piero Ignazi, Jens Rydgren oder Michael Minkenberg), gibt allerdings – was wohl dem eigenen Forschungsparadigma des Herausgebers geschuldet ist – den populistischen Entwicklungen ein deutlich zu großes Gewicht in der Dokumentation (spannend wäre hier auch, neben Ansätzen, die sich des Populismuskonzepts bedienen, ein Beitrag über die Kritik an den konzeptionellen Schwächen des Populismuskonzepts gewesen). Die systematische Unterteilung der Kapitel überzeugt und auch die daraus entstehende Konzeptualisierung einer interdisziplinären Debattenkultur ist hilfreich bei der Lektüre und Einordnung. Wie so oft bei politikwissenschaftlichen Zusammenstellungen gibt es ein leichtes Übergewicht von Beiträgen der letzten Jahrzehnte, was die historische Perspektive etwas unterbelichtet und überdies gefragt werden muss, ob Texte jüngeren Datums auch beispielsweise noch in zehn oder zwanzig Jahren die gleiche intellektuelle Tiefe aufweisen wie Beiträge, bei denen man die Qualität mit hinreichend zeitlichem Abstand einigermaßen solide einordnen kann. An einem Beispiel: Ob die populistische Strategie im Rechtsextremismus überschätzt wird, wie der Autor dieser Buchvorstellung sagen würde oder ob man sie lange Zeit unterschätzt hat, wie die Anhänger des Populismusparadigmas sagen würden, wird man erst in gut zwanzig Jahren mit Gewissheit sagen können.

Wirft man den Blick auf das Detail, dann fallen einige Aspekte auf, die für eine Zweitauflage berücksichtigt werden könnten: Zunächst leuchtet grundsätzlich nicht ein, warum bei dem sehr weit gefassten Begriff des „Political Extremism“ – der nicht identisch mit dem deutschen Extremismusbegriff verstanden werden darf, weil er im englischen Sprachraum maßgeblich von Seymour Martin Lipset (der Text ist auch im Band dokumentiert) ursprünglich als ein Konzept entwickelt wurde, das drei Extremismen kennt (einen rechten, einen linken und einen der Mitte) und in dem betont wird, dass die Grenzen zwischen den moderaten und den extremen Strömungen generell fließend sind und weltanschaulich nicht, wie im behördlichen Verständnis in Deutschland, in einer (realen und fiktiven) Nähe zur geltenden Verfassungsordnung bestimmt werden, sondern aus der Ablehnung von politischem und gesellschaftlichem Pluralismus – nicht der Islamismus (sinnvollerweise als eigenständiger Bd. 5) aufgenommen wurde, der gerade in der internationalen Debatte stark als politischer bzw. politisierter Extremismus, resp. Totalitarismus gedeutet wird.

Ebenfalls überrascht, dass man systematische Beiträge über Antisemitismus und Antiamerikanismus als weltanschauliche Bindeideologien aller antidemokratischen und antipluralistischen Bewegungen vergeblich sucht. Dass stattdessen im Bereich aktueller linksextremer Bewegungen „Occupy“ sehr viel Raum und der Antiglobalisierungsbewegung überhaupt Raum eingeräumt wird, verwundert umgekehrt und legt den Verdacht nahe, dass über die systematischen Referenzsysteme für eine Neuauflage noch einmal nachgedacht werden sollte. Denn die Antiglobalisierungsbewegung, die man weder für sinnvoll, noch für fortschrittlich halten muss, scheint mit dem Label des „Extremismus“ doch prinzipiell falsch bedacht und „Occupy“ war und ist letztlich so marginal, dass andere soziale Bewegungen stärker in den Blick genommen werden sollten (z.B. der Linksterrorismus, dessen Bewegungsbezüge international seit den 1960er Jahren wahrnehmbar sind, auch in seinen fortgesetzten Bezüge zu islamischen Terrororganisationen). Und mit Blick auf den historischen Band (Bd. 2) und die dortige Abteilung zum Sozialismus bzw. Kommunismus bleibt unklar, warum in dem mit „Communism“ betitelten Kapitel der Anarchismus gänzlich ausgeblendet wird, der fraglos durch seine generelle Staatsfeindlichkeit eine hohe Affinität zum „political extremism“ hat(te) und wenn man dieses Spektrum schon vernachlässigt, warum das Kapitel dann nicht „Stalinism“ heißt (denn es handelt faktisch fast ausnahmslos vom Stalinismus)?

Diese Nörgelei am Detail soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Band von Mudde gerade für Leser/innen in Deutschland ein echter Gewinn ist, weil nicht nur zentrale deutsche Texte nicht ins Englische übersetzt sind, sondern umgekehrt ein Großteil der englischsprachigen Debatte in der deutschen Forschung in ihren Verästelungen nur unzureichend wahrgenommen wurde und wird und ihre Zusammenstellung in einem Textbook nun den Zugang erheblich vereinfacht und verbessert.

Cas Mudde (Ed.): Political Extremism. Four-Volume Set, Sage: London u.a. 2014, 1.576 Seiten.

Samuel Salzborn (Foto: Marta Krajinović)
Samuel Salzborn (Foto: Marta Krajinović)

* Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Von ihm ist in diesem Jahr erschienen:

Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze
Nomos/UTB: Baden-Baden 2014, 149 Seiten

Weitere Informationen finden Sie hier http://www.salzborn.de/re_de.html

Auf Publikative.org schreibt Salzborn die Kolumne „Das Akademische Karussell“ http://www.publikative.org/category/das-akademische-karussell/

Populäre Musik und „deutsche“ Identität

Typisch Deutsch: (Eigen-)Sichten auf populäre Musik in diesem unserem Land

Der Sammelband “Typisch Deutsch. (Eigen-)Sichten auf populäre Musik in diesem unserem Land“ beleuchtet die Beziehung zwischen populärer Musik und “deutscher“ Identität auf vielfältige Weise. Die Langeweile aktueller “deutscher“ Chartmusik ist dabei ebenso ein Thema wie die propagandistische Nutzung von Volksliedern durch den historischen Nationalismus. Zudem geht es um die Rezeption vermeintlich typisch deutscher Mythen im Heavy Metal. Eine Auseinandersetzung mit der Band Frei.Wild findet auch statt.  

Von Stefan Kubon  

Typisch Deutsch: (Eigen-)Sichten auf populäre Musik in diesem unserem Land
Typisch Deutsch: (Eigen-)Sichten auf populäre Musik in diesem unserem Land

Der Titel des ersten Aufsatzes lautet “‘Typisch deutsche‘ populäre Musik heute. Eine Annäherung“. Der Autor, Thomas Phleps, konkretisiert sein Thema, indem er schreibt: “Deutsche populäre Musik ist zunächst rein geographisch verortet und meint alle populäre Musik, die im deutschsprachigen Raum produziert wurde und/oder in der Deutsch gesungen wird bzw. in einem dem deutschen Sprachraum zugehörigen Dialekt oder einer restringierten Version“.

Phleps setzt sich vor allem mit der Liste der Nummer-eins-Alben in Deutschland (2013) auseinander, die von “Media Control“ erstellt wurde. Angeblich vermittelt diese Liste einen Eindruck davon, welche Musik 2013 in kommerzieller Hinsicht am erfolgreichsten war. Der Autor konstatiert, dass auf dieser Liste mehrheitlich deutsche Musiker zu finden sind, die zudem fast ausnahmslos auf Deutsch singen. Angesichts dieses Befundes widerspricht Phleps der Behauptung des Frei.Wild-Sängers Philipp Burger, dass die Deutschen besonders an fremdsprachiger Musik interessiert seien.

Der Autor bringt mehrfach zum Ausdruck, dass ihm die Beschäftigung mit der populären deutschen Musik wenig Freude bereitet hat. Beim Hören dieser Musik sei er fast nie auf ästhetische Raffinesse gestoßen. Insbesondere sei die sehr beliebte Schlagermusik überraschend ideenlos. Dies wird unter anderem anhand der Musik und der Texte von Andrea Berg und Matthias Reim veranschaulicht. Deren Werk sei von erstaunlicher Schlichtheit geprägt. Phleps weist aber auch darauf hin, dass den Amigos das Kunststück gelingt, noch langweiliger als Berg und Reim zu klingen.

Helge Schneider als Lichtblick

Außerdem beschäftigt sich Phleps mit Bushido. Für Phleps ist Bushido vor allem ein großer “Skandalisierungskünstler“. Schließlich setzt sich der Autor mit Helge Schneiders Album “Sommer, Sonne, Kaktus!“ auseinander. Diesem Album bescheinigt er eine bemerkenswerte künstlerische Originalität. Am Ende des Aufsatzes gelangt Phleps zu folgendem Fazit: Auch die löbliche Musik Helge Schneiders ändert nichts daran, dass 2013 die “typisch deutsche“ populäre Musik vor allem langweilig und wichtigtuerisch klang.

Im zweiten Aufsatz reflektiert Ekkehard Jost auf einer wissenschaftstheoretischen Ebene über den Begriff des Typischen. Der Titel des Aufsatzes heißt: “Über einige Probleme beim wissenschaftlichen Umgang mit dem Begriff des Typischen und über den Versuch, ihn auf sinnvolle Weise durch einen anderen zu ersetzen“. Für eine sich progressiv verstehende Herrschaftskritik scheint mir der folgende Gedanke des Autors besonders wichtig zu sein: “Es geht (…) bei der Frage nach dem Typischen im Allgemeinen also nicht darum, dass bestimmte Merkmale, Eigenschaften, Verhaltensweisen typisch deutsch sind, sondern dass sie als typisch deutsch gelten; wobei es wiederum eine entscheidende Rolle spielt, wer diese Merkmale, Eigenschaften, Verhaltensweisen usw. für typisch hält“.

Konstruierte Identitäten

Zur Veranschaulichung der Bedeutung des zitierten Gedankens sei daran erinnert, dass der Begriff “deutsch“ seit seiner Entstehung im Mittelalter immer auch als Herrschaftsinstrument verwendet wurde – bekanntlich mitunter mit katastrophalen Folgen. Dieser Aspekt wird auch in Eckhard Johns Aufsatz “Erfundene Traditionen: Volkslieder als nationale Stereotypen“ thematisiert. Bezüglich des Volkslied-Gedankens weist John auf Folgendes hin: “Die Etablierung des Volkslied-Gedankens war eng verwoben mit den aufkeimenden National-Ideen, mit den Prozessen des nation building, des Nationalismus und Chauvinismus – bis hin zu völkischer Ideologie und nazistischer Terrorherrschaft.

Dank John erhält der Leser auch Informationen über das “Historisch-kritische Liederlexikon“, das als Internet-Publikation frei zugänglich ist. Unter anderem wird dort verdeutlicht, wie der deutsche Nationalismus zahlreiche Volkslieder für seine Zwecke missbraucht hat. John plädiert dafür, den Volkslied-Begriff nur noch als historischen Begriff zu verwenden. Zur Bezeichnung gegenwärtiger Musik sei der Begriff ungeeignet, da er nationalistischen Sichtweisen Vorschub leiste.

Nordische Mythen im “deutschen“ Heavy Metal

Florian Heesch betrachtet in seinem Aufsatz “Nordisch – germanisch – deutsch? Zur Mythenrezeption im Heavy Metal“ vor allem die deutsche Pagan-Metal-Szene. Heesch möchte herausfinden, ob Bands dieser Szene die Mythologie Nordeuropas mit dem Begriff “deutsch“ gleichsetzen. Bei seiner Einleitung präsentiert der Autor einen kurzen historischen Überblick zur Entstehung und Rezeption der nordischen Mythologie. Dabei wird ersichtlich, dass sich im 19. Jahrhundert deutschnationale Kräfte erfolgreich darum bemüht haben, dass die nordische Mythologie als etwas “Deutsches“ wahrgenommen wird. Wobei diese Kräfte vor allem von Johann Gottfried Herder (1744-1803) und seiner Konzeption vom “Volksgeist“ inspiriert waren. Auch erfährt man, dass die wichtigste Quelle der nordischen Mythologie zwei isländische Textsammlungen aus dem 13. Jahrhundert sind, die seit dem 16. Jahrhundert als Edda bezeichnet werden.

Bei seiner Analyse untersucht Heesch das Werk der Pagan-Metal-Bands Helrunar, Adorned Brood und Riger. Laut Heesch verzichtet Helrunar darauf, die nordische Mythologie als Teil einer deutschen Identität darzustellen. Hingegen setze Adorned Brood diese Mythologie mit den Begriffen “germanisch“ und “deutsch“ gleich. Jedoch stellt der Autor fest, dass Adorned Brood diese Gleichsetzung nicht als historische Realität, sondern als Fiktion begreift. Und die Band sei auch nicht daran interessiert, dass diese Fiktion eines Tages als etwas Reales empfunden wird. Trotzdem könne man nicht ausschließen, dass durch die Musik von Adorned Brood gewisse nationale Stereotypen noch stärker in der Realität verankert werden.

Besonders problematisch schätzt Heesch das Werk von Riger ein. Laut Heesch stellt Riger im Gegensatz zu Adorned Brood die Einheit zwischen deutscher Identität und nordischer Mythologie als historische Realität dar. Auch habe sich Riger zumindest partiell dem nationalsozialistischen Teil der Black-Metal-Szene angebiedert. Zum Beispiel erwähnt Heesch, dass sich auf dem Cover des Riger-Albums “Hamingja“ eine relativ leicht zu erkennende Darstellung eines Hakenkreuzes befindet.

Frei.Wild propagiert einen reaktionären Heimatbegriff      

Der letzte Aufsatz trägt die Überschrift “Heimattreue Patrioten und das ‘Land der Vollidioten‘ – Frei.Wild und die ‘neue‘ Deutschrockszene“. Der Autor Thorsten Hindrichs veranschaulicht, dass der Heimatbegriff für das Selbstverständnis von Frei.Wild eine zentrale Rolle spielt. Dabei propagiere Frei.Wild einen Heimatbegriff, der Menschen ausschließe. Dazu passe, dass die Band Kritik an der eigenen Heimat Südtirol nicht dulde. Dies impliziere, dass auch Kritik an den eigenen Vorfahren nicht erlaubt sei.

Laut Hindrichs präsentiert sich Frei.Wild als patriotische Band. Zu kritisieren sei dabei vor allem, dass die Band mit ihrem heimatfixierten “wir-gegen-die“-Denken an das völkische Denken rechter Diskurse anknüpfe. In vielerlei Hinsicht stuft der Autor die Auffassungen von Frei.Wild als “rechtspopulistisch“ ein. Auch seien viele Ideen der Band “für die radikale Rechte prinzipiell anschlussfähig“ – und dennoch: Hindrichs lehnt es ab, Frei.Wild als “Rechtsrockband“ zu bezeichnen. Der Autor gelangt zu diesem Urteil, weil er davon ausgeht, dass eine Band nur dann eine “Rechtsrockband“ ist, wenn diese ein “geschlossenes“ rechtsextremes Weltbild aufweist. Hindrichs zufolge ist dies aber bei Frei.Wild nicht der Fall.

Restriktive Verwendung des Rechtsrock-Begriffs

Da ich das Werk von Frei.Wild kaum kenne, erlaube ich mir kein Urteil darüber, ob die Band ein “geschlossenes“ rechtsextremes Weltbild vertritt. Unabhängig davon bleibt festzuhalten, dass Hindrichs mit einer sehr eng gefassten Rechtsrock-Definition argumentiert. Zudem sei erwähnt, dass der Autor den Journalisten Thomas Kuban kritisiert, weil dieser Frei.Wild als “Rechtsrockband“ bezeichnet hat. (Kuban hat sich auch auf Publikative.org zu Frei.Wild geäußert. Wichtige Informationen liefert auch der Artikel “Kein Frei.Wild!“, auf den übrigens auch Hindrichs hinweist.)

Die übrigen drei Aufsätze des Buchs beschäftigen sich ebenfalls mit interessanten Themen. Mechthild von Schoenebeck nimmt in ihrem Aufsatz „‘So deutsch wie möglich – möglichst deutsch‘“ die sogenannte “Hausmusik“ seit ihren Anfängen im 17. Jahrhundert in den Blick. Barbara Hornberger veranschaulicht in ihrem Beitrag “‘We are from the Mittelstand, you know‘“, wie es der deutschen bürgerlichen Mittelschicht mehrfach gelang, den antibürgerlichen Musikbewegungen aus dem angloamerikanischen Raum ihren sozialrevolutionären Charakter zu nehmen. Schließlich sei erwähnt, dass Dietmar Elflein den Aufsatz “Allein gegen den Rest der Welt – Repräsentationen von Männlichkeiten im Deutschrock bei Westernhagen und den Böhsen Onkelz“ beigesteuert hat. Als Fazit bleibt zu vermerken, dass die beiden Herausgeber Dietrich Helms und Thomas Phleps einen spannenden und vielfältigen Sammelband vorgelegt haben, dessen Lektüre sich zweifelsfrei lohnt.

Dietrich Helms / Thomas Phleps (Hg.): Typisch Deutsch. (Eigen-)Sichten auf populäre Musik in diesem unserem Land, Transcript Verlag, Bielefeld 2014, 192 Seiten, 20,99 Euro.

„The Horror! The Horror!“: Zur Debatte um „War Porn“

Bangert head

Mit Christoph Bangerts Buch „War Porn“ ist eine neue Debatte über die Frage, was man an schrecklichen Fotografien aus Krisengebieten zeigen darf, angestoßen worden. Der Mehrwert von schrecklichen Bildern ist dabei zweifelhaft und die Würde der Opfer wird oft vergessen. 

Von Felix M. Steiner

"War Porn" von Christoph Bangert
„War Porn“ von Christoph Bangert

Christoph Bangerts kleines Büchlein „War Porn“ ist vieles: Es ist ein Debattenbeitrag, es ist eine Anklage gegen Desinteresse am Leiden von Menschen in Kriegen und es ist in weiten Teilen der Versuch eines Fotografen, zu verarbeiten. Bangert selbst nennt das kleine Buch ein „Experiment“: Was passiert, wenn man seine Selbstzensur, die einen vor schrecklichen Anblicken schützen soll, abschaltet?

Er wählte für die Publikation nicht seine besten Bilder sondern dezidiert Aufnahmen, die gemeinhin als schrecklich gelten: Verbrannte, schwer Verwundete oder verstümmelte Leichen. Alles Bilder, die von den Bildredakteuren zumeist nicht zur Veröffentlichung vorgesehen sind. Bangert ist in seinen Forderungen radikal. Man muss die Bilder anschauen. Anschauen und erinnern. Sein Erinnerungsimperativ spiegelt aber zugleich die Sicht vieler Fotografen wider, die Kriege und menschliches Leiden dokumentieren: Wie kann die Öffentlichkeit an dem, was in Kriegen passiert, was durch Bilder dokumentiert ist, so desinteressiert sein? Und weiter noch: Wie können Menschen verweigern, sich das anzusehen?

In Deutschland hat es Bangert geschafft, erneut eine Diskussion anzustoßen, was eigentlich zeigbar ist. Diese Diskussion ist gewiss nicht neu, sie ist aber dennoch wichtig. Auch deshalb, weil sich durch die Digitalisierung und technische Globalisierung der Kontext des Fotojournalismus verändert hat. Nach wie vor hat die bildliche Dokumentation eine herausragende Rolle bei der journalistischen Arbeit. Fotografen sind – im positiven Sinne – keine neutralen Beobachter. Sie wählen das Objekt, die Perspektive und zahlreiche andere Faktoren aus, bevor sie Bilder anfertigen. „Wir wollen die Geschichte erzählen. Wir wollen dafür sorgen, dass die Welt versteht, was vor sich geht. Wir wollen Zeugnis ablegen, der ganze Scheiß eben“, brachte der Fotograf Joo Silva die oft artikulierte Absicht auf den Punkt.

Was gezeigt werden darf

Auch für Bangert ist die Vorstellung, dass mit Bildern schlicht Kriege verhindert werden können, eine romantisierte Sicht auf die Dinge, wie er im Zapp-Interview sagt. Dennoch: auch Bilder von Konflikten und Kriegen vermochten es immer wieder, politische Reaktionen hervorzurufen. Sie können – vielleicht eindringlicher als Texte – auf Situationen aufmerksam machen. Auch der Fotograf James Nachtwey sieht die Bedeutung von Fotografien darin begründet:

They not only recorded history; they helped change the course of history. Their pictures became part of our collective consciousness and, as consciousness evolved into a shared sense of conscience, change became not only possible, but inevitable. […] It gives a voice to those who otherwise would not have a voice. And as a reaction, it stimulates public opinion and gives impetus to public debate, thereby preventing the interested parties from totally controlling the agenda, much as they would like to.

Doch auch die Fotografien benötigen einen gesellschaftlichen Kontext, in dem diese ihre Bedeutung erlangen. Manche Fotografien werden so zu Ikonen. Eines der berühmtesten Beispiele ist wohl das Bild des nackten vietnamesischen Mädchens nach einem Napalm-Angriff. Nicht zuletzt durch den gesellschafts-politischen Kontext dürfte dieses Bild eine derartige Wirkung und Präsenz erlangt haben. Diese Bildikonen sind oft verankert im kollektiven Gedächtnis und bleiben so fester Bestandteil der Erinnerung.

Auch für Bangert ist die Erinnerung eines der stärksten Argumente für die Betrachtung der Bilder: erinnern wir uns nicht, ist es nicht passiert. Dahinter steckt ohne Zweifel auch die Annahme – oder Hoffnung -, Menschen würden aus „Geschichte lernen“. Doch ob es dazu der Art von Bildern bedarf, die Bangert in „War Porn“ veröffentlicht, bleibt offen. Auch die vor kurzem getötete deutsche Fotojournalistin Anja Niedringhaus widersprach dieser Annahme in einem Interview:

Ich kann die Schrecken des Krieges mit einem weichen Foto viel besser zeigen. Wenn ich einen Korpus zeige, an dem keine Arme und keine Beine mehr dran sind, wendet sich jeder ab. Ich finde es auch verachtend gegenüber dem Menschen, der da gerade gestorben ist. Und gegenüber seiner Familie, die zurückbleibt.

Bilderkrieger_CoverjDie Frage nach der Würde des Opfers, welches auf dem Bild dargestellt ist, thematisiert Bangert nur am Rande. Wie er im Zapp-Interview sagt, sei die Würde der Menschen ja bereits mit der Handlung zerstört, die sie zum Opfer mache. Das Bild und die Aufmerksamkeit für die Leiden der Menschen, gebe ihnen ein Stück weit Würde zurück, so die Idee Bangerts.

Dieses Dilemma zwischen Würde und Beweis wird sich für Fotografen wohl nie gänzlich auflösen lassen. Immer wieder berichten Foto-Journalisten, dass sie von Menschen gebeten werden, Fotografien ihres Leidens zu machen, damit die Welt sieht, was vor sich geht. Hier liegt Bangert in der Argumentation sehr nah bei James Nachtwey. Ein allgemeines Prinzip lässt sich in dieser Frage wohl kaum entwickeln. Vielmehr bedarf es wohl bei jedem Foto einer Abwägung, wo die Würde der Opfer in Konflikt mit der Beweiskraft des Dokumentierten steht.

Bilder als Propaganda in einer digitalisierten Welt

Bereits seit dem Ersten Weltkrieg spielen Bilder eine entscheidende Rolle für die Propaganda. Immer wieder wurden Bilder für politische Zwecke genutzt und werden es bis heute. Besonders die aktuellen Konflikte in Syrien und der Ukraine zeigen deutlich, wie aus Konflikten immer mehr auch ein „Informationskrieg“ geworden sind. Dazu gehören gewiss vor allem auch die Fotografien und Videos, welche mittlerweile zahlreich aus den Kriegsgebieten über das Internet global verteilt werden.

Sogar Terrororganisationen wie der „Islamische Staat“ betreiben eine professionelle Presseabteilung, um so ihre Informationen zu verteilen und mit diesen Krieg zu führen. Doch diese Änderung des Kontextes macht Fotojournalismus keineswegs überflüssig sondern nötiger als je zuvor. Es bedarf nicht nur einer großen Vorsicht im Umgang mit Bilddokumenten sondern eben auch einen unabhängigen (Foto)-Journalismus, der zuverlässige Informationen aus den Krisengebieten liefert. Auch die Chefredakteurin des WDR-Programmbereich Politik und Zeitgeschehen, Sonia Mikich verwies im Tagesspiegel bereits auf diesen Umstand:

Gute Reporter, Fotografen, Kameraleute zeichnet aus, dass sie über den Tellerrand schauen, Kontext herstellen können. Dass sie über Widersprüche, verschiedene Perspektiven berichten. Dass sie Schwarz-weiß-Denken vermeiden. Dass sie das eigene Tun reflektieren. Ihre Arbeit ist ein Gegengift gegen Manipulation und Propaganda.

Doch besonders in Zeiten, in denen sich die Presse in einem erheblichen Umbruch, ja vielleicht in einer Krise befindet, ist dies schwierig. Berichterstatter und Fotografen kosten Geld, vor allem, wenn diese eine kontinuierliche Berichterstattung aus den Krisengebieten gewährleisten sollen.

Siehe auch: Zum Tod von Anja Niedringhaus

Mahler & Rabehl: Gescheiterte Alu-Hüte?

maschke

Das Buch von Manuel Seitenbecher mit dem Titel „Mahler, Maschke und Co. – Rechtes Denken in der 68er- Bewegung“1 kommt angesichts der Montagsdemos zur richtigen Zeit. In seiner Analyse aber bleibt es ungenau. 

Von Martin Jander

Seitenbecher untersucht den jetzt schon etwas zurückliegenden Anlauf von politischen Aktivisten aus der APO, am Ende der 90er Jahre, ein Bündnis aus Linken und Rechten, eine „Querfront“ wie Bernd Rabehl das nannte, zu formieren.2 Horst Mahler, Reinhold Oberlercher, Günter Maschke u. a. suchten damals ihre früheren Freunde aus der APO in ein Bündnis mit der sich umprofilierenden Neuen Rechten zu führen. Diese Neue Rechte witterte auf der Welle der rassistischen Anschläge, den Morden an Migrantinnen, Verwüstungen jüdischer Friedhöfe u. a. m. in den 90er Jahren eine neue politische Chance.

Rechtsextreme Randalierer im Gespräch mit der Polizei in Rostock-Lichtenhagen.
Rechtsextreme Randalierer im Gespräch mit der Polizei in Rostock-Lichtenhagen.

Bislang ist ein solcher Erfolg, der sich in Mandaten und Parlamentssitzen rechnen ließe, weitgehend ausgeblieben. Die Aktivisten von damals sind gescheitert. Horst Mahler sitzt wegen fortlaufender Holocaustleugnung und anderer Dinge in Haft, er schreibt und verbreitet weiter antisemitische Schriften. Die werden ihm möglicherweise noch weitere Jahre Haft einbringen. Bernd Rabehl hat kurz vor einem voraussehbaren Scheitern als Bundespräsidentenkandidat für NPD und DVU im Jahr 2009 einen Rückzieher gemacht. Nach einer voluminösen Rede zum Neujahrsempfang 2009 der NPD-Landtagsfraktion in Sachsen ist es ziemlich still um ihn geworden.

Als die heute gescheiterten APO-„Aluhüte“ Mahler, Rabehl, Oberlercher u. a. am Ende der 90er Jahre ihr Projekt einer „Renationalisierung“ der Bundesrepublik vortrugen, besser ihre Abschaffung forderten und die Formierung einer rechtspopulistischen Querfrontbewegung anvisierten, haben viele ihrer ehemaligen Mitstreiter aus der APO heftig protestiert und behauptet, dass solcher gegen die Demokratie, die USA, Israel, Juden und Einwanderer gerichtete Hass, sich nicht auf linke Traditionen berufen könne. „Nationalisten waren wir nie“3 war eine der Erklärungen vom Januar 1999 überschrieben. Horst Mahler wurde aus dem Freundeskreis des früheren SDS in Berlin exkommuniziert und Bernd Rabehl, wenn auch zögerlich, ebenfalls.

maschkeManuel Seitenbecher zeigt in seinem Buch, dass die Behauptung, nationalistisch sei man nie gewesen, nur halb richtig ist. In der Feindschaft gegen die USA, gegen Israel und in der Bejahung nationaler Befreiungsbewegungen konnten sich Horst Mahler, Reinhold Oberlercher, Bernd Rabehl, Günter Maschke sehr wohl auf Theoreme der 68er Revolte berufen. Rabehl und Dutschke wollten der internationalistisch ausgerichteten Bewegung schon damals einen deutsch-nationalrevolutionären Drall geben und ihre Stoßrichtung gegen die alliierten Truppen in Deutschland richten. Antiamerikanismus, Antizionismus und die Unterstützung nationaler Befreiungsbewegungen in Lateinamerika waren genuine Gehalte vieler 68er.

Seitenbecher zeigt auch, dass bereits in der Hochzeit der APO und in der Zeit ihrer Zersplitterung in kommunistische Sekten in den 70er Jahren, die sich neu formierende Neue Rechte, der die NPD zu brav und muffig war und die auch terroristische Anschläge auf Einwanderer lancierte, viele Anliegen der APO kopierte und auf ihre Mühlen zu lenken suchte. Besonders anschlussfähig schien ihr der antiimperialistische und nationalrevolutionäre Duktus, das gegen die USA, Israel und das westliche System gerichtete Denken und Handeln. Einen der wesentlichen Wortführer dieser Neuen Rechten, der das Konzept des „Ethnopluralismus“ in der Bundesrepublik popularisierte, den damaligen Neonazi Hennig Eichberg, stellt Seitenbecher in seiner Studie vor. Er wanderte im Unterschied zu Rabehl u. a., die sich aus der Neuen Linken kommend der Rechten zuwendeten, von ganz weit rechts auf den linken Flügel der dänischen Sozialdemokratie.

Die Aktivisten des Querfrontprojekts vom Ende der 90er Jahre sind gescheitert. Aber die Potentiale für einen politischen Durchbruch eines rechtspopulistischen Aufbruchs sind in der Bundesrepublik wie in anderen europäischen Staaten, im Osten wie im Westen, vorhanden. Überall in Europa zeigt sich, dass die Aktivisten solcher Aufbrüche nicht nur aus den Reihen der üblichen Verdächtigen, faschistischen Gruppierungen, rechten Kameradschaften, neo-nazistischen Netzwerken etc. kommen, sondern dass sie sich deutlich auch aus linken Zusammenhängen, Organisationen und Bewegung speisen.

Ein Demonstrant wirbt auf seinem Shirt für Ken Jebsen, früher beim RBB. (Foto: Oliver Feldhaus)
Ein Demonstrant wirbt auf seinem Shirt für Ken Jebsen, früher beim RBB. (Foto: Oliver Feldhaus)

Gegenwärtig versuchen es die Organisatoren der sogenannten „Montagsdemonstrationen“ vor dem Brandenburger Tor mit einem neuen Anlauf. Sie wollen ein jugendliches Publikum begeistern. In der Mitte der Gesellschaft sucht die „Alternative für Deutschland“ die in die Jahre gekommenen Lehrer, Ärzte, Professoren und Rechtsanwälte gegen den Westen zu mobilisieren. Die Verachtung der USA, die Delegitimierung Israels, die Abwendung von Europa, die Enttäuschung an der Parteiendemokratie und Rassismus sind in der Gesellschaft weit verbreitet. Bislang hat, so scheint es, die Bundesrepublik lediglich Glück gehabt, dass es keinen deutschen Jörg Haider, Geert Wilders oder eine Marine Le Pen gibt. Dem offenen Antisemiten und RAF-Gründer Horst Mahler, dem irrlichternden Ex-Soziologen Bernd Rabehl und dem Verfechter eines „Vierten Reichs“ Reinhold Oberlercher fehlten für eine solche Rolle die bürgerliche Fassade.

Bei allen starken Seiten die an diesem Buch hervorzuheben sind, lassen sich auch wesentliche Schwachpunkte erkennen. Die Studie ist angelegt, diejenigen Autoren genauer unter die Lupe zu nehmen, die am Ende der 90er Jahre im Verdacht standen oder explizit artikulierten, eine Querfrontbewegung anstoßen zu wollen. Der Autor fragt, ob es denn tatsächlich stimmt, wie damals in vielen linken aber auch liberalen Zeitungen zu lesen war, dass Rabehl, Mahler u. a. schon am Ende der 60er Jahre deutsch-nationalrevolutionäre Propaganda betrieben hätten, die sich nur in Nuancen von neonationalsozialistischer Propaganda unterscheidet. Manuel Seitenbecher bringt an diesem Bild, das bei einigen der untersuchten Aktivisten auch ein Selbstbild war, die notwendigen Differenzierungen an.

Nicht zu übersehen ist dabei jedoch, dass er einige der vorgestellten Autoren sehr weich zeichnet. Vom Ex-Neue-Rechte-Wortführer und Ehtnopluralisten Hennig Eichberg hat er sich gar so sehr beeindrucken lassen, dass er dessen Rolle für die Herausbildung der Neuen Rechten in der Bundesrepublik nur sehr ungenau aufblättert. Die Behauptung des heute als Sportwissenschaftler in Dänemark arbeitenden Eichbergs, er habe mit seinen früheren Positionen vollkommen gebrochen, untersucht Manuel Seitenbecher nicht. Die Untersuchung von Clemens Heni über Eichberg4, in der dargelegt wird, dass Eichberg seine Positionen aus den 70er Jahren lediglich umprofiliert hat, heute die soziale Seite eines völkischen Projektes stärker hervorhebe wie viele der Rechtspopulisten in Europa, tut Seitenbecher einfach als Denunziation ab. Seitenbecher hat Henning Eichberg sogar zum Berater bei der Abfassung seiner Doktorarbeit gemacht und dankt ihm für seine Hilfe ausdrücklich.

Horst Mahler vertrat die NPD in dem Verbotsverfahren (Foto: M. Reisinger)
Horst Mahler vertrat die NPD in dem Verbotsverfahren (Foto: M. Reisinger)

Darüber hinaus zeigt sich auch bei Manuel Seitenbechers Darstellung von Horst Mahler, dass biographische Details der dargestellten Personen nicht wirklich akribisch nachgegangen wurde. Horst Mahler selbst hat mehrfach öffentlich herausgestellt, dass er aus einer deutlich nationalsozialistischen Familie stammt. Sein Vater hat sich aus Gram über den Sieg der Alliierten nach der Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft selbst getötet. Es lässt sich also mit einiger Berechtigung sagen, dass der Holocaustleugner Horst Mahl heute dort angekommen ist, von wo er einmal aufbrach, dass er lediglich einen Umweg über den linken Radikalismus genommen hat. Seitenbecher, der vorwiegend schriftlich fixierte Äußerungen seiner untersuchten APO-Aktivisten zusammenträgt, behauptet, dass Mahler in seiner Jugend keineswegs die Haltungen seiner Eltern vertreten habe.

Lesetipp: Biografie von Horst Mahler – eine mindestens doppelte Wandlung

 

Auch in Sachen Bernd Rabehl bleibt Seitenbecher am Ende ungenau. Rabehl hat sich im Kontext einer Rede vor der rechtsradikalen Burschenschaft „Danubia“ im Dezember 1998 und der danach aufbrandenden Kritik an ihrem völkischen und sekundärantisemitischen Duktus auch immer antisemitisch artikuliert. Insbesondere sei es Israel, aber auch von Rabehl nicht genauer benannte Geheimdienste, die mit der „Auschwitzkeule“ jede Kritik am Kurs Europas, der USA und Israel unterdrückten, formulierte Rabehl mehrfach. Er sieht sich selbst als Opfer einer solchen Verschwörung mit dem „Antisemitismustabu“.5 Manuel Seitenbächer behauptet, Rabehl habe sich nie offen antisemitisch und auch nicht gegen Israel artikuliert.

Solche bei einer ersten Lektüre des Buches zunächst nebensächlich scheinenden Ungenauigkeiten des Autors stehen, ist man bis zum Ende des gut lesbaren dicken Wälzers vorgedrungen, durchaus in einem Zusammenhang. Manuel Seitenbecher ist zwar in einem eigenen nur kurzen Kapitel der Frage nachgegangen, wie sich die von ihm untersuchten APO-Aktivisten mit dem Nationalsozialismus auseinandersetzten und welche Bedeutung dieser Auseinandersetzung für ihre Haltung zu Israel und jüdischem Leben hat. Das Kapitel fällt allerdings sehr kurz aus und scheint der Arbeit mehr oder minder lediglich angefügt.

Der nur zu gut begründeten Behauptung, die seit Jahren von Autoren wie Dan Diner, Ralph Giordano, Micha Brumlik, Henryk Broder, Andrei Markovits, Martin Kloke, Wolfgang Kraushaar und vielen anderen vertreten wird, dass der radikale Antiamerikanismus und die unumwunden artikulierte Israelfeindschaft vieler 68er, die Gleichsetzung amerikanischer und israelischer Politik mit den deutschen Verbrechen eine projektive Entlastung darstelle, geht Manuel Seitenbecher nicht wirklich nach.

Er hängt offenbar der Auffassung an, dass „rechts“ und „links“ in den beiden deutschen Nachfolgestaaten des Nationalsozialismus nach der Schoah in klassischer Weise fortexistierten. Ihre Unterfütterung mit antiamerikanischen, antisemitischen und antirussischen Stereotypen, die den Versuch der Schuldabwehr zum Ausdruck bringen, nimmt Seitenbecher nicht wahr. Das ist bei aller sonst zu lobenden Akribie, die Seitenbecher in der Recherche nach bislang nur selten analysierten Dokumenten zuzusprechen ist, ein erheblicher Mangel dieses Buches.

Dieser analytische Mangel könnte dazu verleiten, die Nachfolger der APO-Aluhüte vor dem Brandenburger Tor und im Europaparlament nicht als die Gefahr wahrzunehmen, die sie darstellen. Der am Ende der 90er Jahre zunächst gescheiterte Versuch der Bildung einer rechtspopulistischen Partei und Bewegung vom Typ „Querfront“, transportiert erneut den Wunsch nach Entlastung von den deutschen Verbrechen. Wer die Politik der USA und Israels dämonisiert, der wird am Ende auch rechts- wie linksradikalen sowie religiösen Terrorismus gut heißen. Rabehl-, Mahler und Oberlercher mögen gescheitert sein. Ihre Nachfolger warten wie Surfer nur auf die nächste Welle.

Manuel Seitenbecher, Mahler, Maschke & Co. – Rechtes Denken in der 68er Bewegung, Paderborn 2013, Verlag Ferdinand Schöningh, 557 S., 39.- €uro, ISBN 978-3-506-7704-1

1 Siehe: Manuel Seitenbecher, Mahler, Maschke & Co. – Rechtes Denken in der 68er Bewegung, Paderborn 2013, Verlag Ferdinand Schöningh, 557 S., 39.- €uro, ISBN 978-3-506-7704-1

2 Die Forderung eine „Querfront“ aus rechten und linken Amerikagegnern in Europa aufzubauen, hat Bernd Rabehl am 8. Februar 2009 in einem Vortrag bei der nationalistisch-völkischen „Partei National Orientierter Schweizer“ (PNOS) vorgestellt.

3 Vgl. hierzu: Nationalisten waren wir nie – Ehemalige 68er SDS-Mitglieder distanzieren sich von Mahler und Rabehl – Januar 1999 (http://www.isioma.net/sds00199.html)

4 Vgl. hierzu: Clemens Heni, Salonfähigkeit der Neuen Rechten, Marburg 2007.

5 Siehe hierzu: Interview von Moritz Schwarz mit Bernd Rabehl in der Jungen Freiheit: „Nicht herumschubsen lassen“, in: Junge Freiheit vom 28. Mai 2004.

Ernst Toller und der Erste Weltkrieg

Ernst Toller (3. von rechts) in einer Gruppendiskussion mit Max Weber (4. von rechts), Fotografie Mai 1917 bei der Lauensteiner Tagung

Für den Schriftsteller Ernst Toller (1893-1939) wurde der Erste Weltkrieg zum Wendepunkt seines Lebens. Als begeisterter Nationalist hatte sich Toller freiwillig zum Kriegseinsatz gemeldet. Doch an der Front wandelte er sich zum Kriegsgegner. In der Revolution von 1918/1919 kämpfte er als libertärer Sozialist gegen die Kräfte der Reaktion. Seine Wandlung hat Toller in seiner Autobiographie “Eine Jugend in Deutschland“ auf packende Weise beschrieben.

Von Stefan Kubon

Toller wächst in der Kleinstadt Samotschin in Posen auf. Die Familie Toller gehört zum Bürgertum und ist jüdischen Glaubens. Als Jugendlicher ist Toller nationalistisch gestimmt. Für ihn ist es selbstverständlich, dass das Deutsche Kaiserreich seine imperialistischen Interessen notfalls auch mit kriegerischen Mitteln vertritt. Über seine Kriegsbegeisterung während der zweiten Marokkokrise im Jahr 1911 schreibt Toller: “Wir Jungen wünschen den Krieg herbei, der Friede ist eine faule und der Krieg eine große Zeit, sagen die Professoren, wir sehnen uns nach Abenteuern, vielleicht werden uns die letzten Schuljahre erlassen, und wir sind morgen in Uniform, das wird ein Leben.

Ernst Toller (3. von rechts) in einer Gruppendiskussion mit Max Weber (4. von rechts), Fotografie Mai 1917 bei der Lauensteiner Tagung
Ernst Toller (3. von rechts) in einer Gruppendiskussion mit Max Weber (4. von rechts), Fotografie Mai 1917 bei der Lauensteiner Tagung

Tollers Wunsch nach einem vorzeitigen Ende der Schulzeit erfüllt sich nicht. Er geht noch zwei weitere Jahre zur Schule und macht das Abitur. Danach verlässt er Deutschland, um in Grenoble Jura zu studieren. In Frankreich führt er ein recht angenehmes Leben. Während eines Urlaubs in der Provence denkt Toller erstmals wirklich kritisch über Fragen der sozialen Gerechtigkeit nach. Bereits als Kind hatte er eine gewisse Sensibilität für solche Fragestellungen bewiesen. Nun, im Alter von 20 Jahren, reflektiert er Folgendes: “Daß ich in Frankreich lebe, daß ich studiere, daß ich reise, daß ich versorgt werde, scheint mir ‘selbstverständlich‘. Über den Begriff der Freiheit habe ich nie nachgedacht, es sei denn bei philosophischer Lektüre. Daß mein Freund Stanislaus seit seinem vierzehnten Jahr als Taglöhner arbeitet und von seinem schmalen Lohn die Eltern miternähren muß, war recht und billig, ebenso wie mein Recht, das Leben zu ‘genießen‘. Jetzt erscheint mir plötzlich dieses Recht problematisch. Ich erkenne, was meine äußere Freiheit bedingt und begrenzt: Geld.“

Nationalistische Kriegsbegeisterung

Während Tollers Aufenthalt in Frankreich spitzt sich die politische Großwetterlage zu: Nach dem Attentat von Sarajevo kommt es zur Julikrise. Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs verlässt Toller Frankreich und kehrt nach Deutschland zurück. Dort wird er sofort von der vorherrschenden nationalen Begeisterung erfasst. Er meldet sich als Kriegsfreiwilliger. Über die Stimmung während seiner militärischen Grundausbildung schreibt er: “Ja, wir leben in einem Rausch des Gefühls. Die Worte Deutschland, Vaterland, Krieg haben magische Kraft, wenn wir sie aussprechen, verflüchtigen sie sich nicht, sie schweben in der Luft, kreisen um sich selbst, entzünden sich und uns.

Es vergehen noch einige Monate, bis Toller zum Kampfeinsatz an die Front befohlen wird. Zunächst leistet er Dienst in der Etappe, unter anderem in einem Ersatzbataillon in Elsass-Lothringen. Diesen Dienst empfindet Toller als langweilig und sinnlos. Außerdem keimt Unzufriedenheit in ihm auf, weil er mehrfach erlebt, wie Offiziere ihre Macht missbrauchen, um Untergebene zu schikanieren. Doch im Frühjahr 1915 ist es soweit: Tollers sehnlichster Wunsch geht in Erfüllung – er wird zum Kampfeinsatz an die Westfront befehligt.

Irrsinn des Krieges

An der Front erlebt Toller den Krieg in seiner ganzen Brutalität – und langsam beginnt er an der Sinnhaftigkeit des Kriegsgeschehens zu zweifeln. Er empfindet Mitgefühl für die Zivilbevölkerung, die wegen des Krieges ihre Heimat verliert. Und er leidet mit, wenn schwer verletzte Soldaten grässlichste Schmerzen erdulden – ganz unabhängig davon, welcher Nationalität sie angehören. Ein besonders grauenvolles Erlebnis hat Toller sehr eindringlich beschrieben: “Eines Nachts hören wir Schreie, so, als wenn ein Mensch furchtbare Schmerzen leidet, dann ist es still. Wird einer zu Tode getroffen sein, denken wir. Nach einer Stunde kommen die Schreie wieder. Nun hört es nicht mehr auf. Diese Nacht nicht. Die nächste Nacht nicht. Nackt und wortlos wimmert der Schrei, wir wissen nicht, dringt er aus der Kehle eines Deutschen oder eines Franzosen. Der Schrei lebt für sich, er klagt die Erde an und den Himmel. Wir pressen die Fäuste an unsere Ohren, um das Gewimmer nicht zu hören, es hilft nichts, der Schrei dreht sich wie ein Kreisel in unsern Köpfen, er zerdehnt die Minuten zu Stunden, die Stunden zu Jahren. Wir vertrocknen und vergreisen zwischen Ton und Ton.

Nach diesem Erlebnis dauert es nicht mehr lange, bis Toller sein nationalistisches Denken vollends überwindet. Als er bei der Schürfarbeit im Schützengraben versehentlich einen Toten ausgräbt, beginnt er über die Wesensgleichheit aller Menschen nachzudenken. Schlagartig fühlt er sich mit allen Menschen verbunden, denn er erkennt, dass deren Bedürfnisse auch seine eigenen sind: “Und plötzlich, als teile sich die Finsternis vom Licht, das Wort vom Sinn, erfasse ich die einfache Wahrheit Mensch, die ich vergessen hatte, die vergraben und verschüttet lag, die Gemeinsamkeit, das Eine und Einende. Ein toter Mensch. Nicht: ein toter Franzose. Nicht: ein toter Deutscher. Ein toter Mensch. Alle diese Toten sind Menschen, alle diese Toten haben geatmet wie ich, alle diese Toten hatten einen Vater, eine Mutter, Frauen, die sie liebten, ein Stück Land, in dem sie wurzelten, Gesichter, die von ihren Freuden und ihren Leiden sagten, Augen, die das Licht sahen und den Himmel. In dieser Stunde weiß ich, daß ich blind war, weil ich mich geblendet hatte, in dieser Stunde weiß ich endlich, daß alle diese Toten, Franzosen und Deutsche, Brüder waren, und daß ich ihr Bruder bin.“

Der vermeintliche Sinn des Krieges hat sich für Toller verflüchtigt. Nach seinem Sinneswandel kann er dem Krieg nur noch mit Abscheu begegnen. Über seine Zeit an der Front schreibt er: “Dreizehn Monate bleibe ich an der Front, die großen Empfindungen werden stumpf, die großen Worte klein, Krieg wird zum Alltag, Frontdienst zum Tagwerk, Helden werden Opfer, Freiwillige Gekettete, das Leben ist eine Hölle, der Tod eine Bagatelle, wir alle sind Schrauben einer Maschine, die vorwärts sich wälzt, keiner weiß, wohin, die zurück sich wälzt, keiner weiß, warum, wir werden gelockert, gefeilt, angezogen, ausgewechselt, verworfen – der Sinn ist abhandengekommen, was brannte, ist verschlackt, der Schmerz ausgelaugt, der Boden, aus dem Tat und Einsatz wuchsen, eine öde Wüste.

Entlassung aus der Armee

Weil Toller nicht länger im Schützengraben kämpfen will, meldet er sich zur Luftwaffe. Seinen Dienst bei dieser neuen Waffengattung tritt Toller jedoch nicht mehr an, denn er erkrankt: “Bevor ich zur neuen Truppe versetzt werde, erkranke ich. Magen und Herz versagen. Ich komme ins Lazarett nach Straßburg. In ein stilles Franziskanerkloster. Schweigsame, freundliche Mönche pflegen mich. Nach vielen Wochen werde ich entlassen. Ich bin kriegsuntauglich.

Im Rang eines Unteroffiziers verlässt Toller die Armee. Zunächst hat er nur eines im Sinn: Er will den Krieg vergessen. In München nimmt Toller sein Jurastudium wieder auf. Zudem schreibt er Gedichte und besucht literaturwissenschaftliche Seminare. Bald hat Toller persönliche Kontakte zu wichtigen Dichtern und Denkern seiner Zeit. Unter anderem zu Thomas Mann, Rainer Maria Rilke und Max Weber.

Toller gelingt es nicht, den Krieg zu vergessen. Immer mehr ist er davon überzeugt, dass es notwendig ist, sich für das Ende des Krieges zu engagieren. Weil keiner der Professoren wirklich ernsthaft für den Frieden eintritt, ist Toller vom Universitätsbetrieb zunehmend enttäuscht. Schließlich gründet er mit anderen ehemaligen Frontkämpfern einen Kampfbund für den Frieden, den “Kulturpolitischen Bund der Jugend in Deutschland“. In Zeitungen wird das Programm des Bundes veröffentlicht. Es dauert nicht lange, und der Bund ist verboten.

Toller wird revolutionärer Sozialist

Als im Januar 1918 in München Streiks gegen den Krieg stattfinden, schließt sich Toller den Protesten der Arbeiterbewegung an. Er hält Reden, entwirft Flugblätter und wird zum Delegierten gewählt. Mit Hilfe der SPD-Führung gelingt es der Regierung, den Streik abzuwürgen. Toller wird verhaftet. Er kommt ins Gefängnis. Dort liest er erstmals sozialistische Literatur. Im Mai 1918 wird Toller aus der Haft entlassen. Als revolutionärer Sozialist und Mitglied der USPD setzt er sich weiterhin für den Frieden ein.

Anfang November 1918 bricht in Deutschland die Revolution aus. Arbeiter- und Soldatenräte übernehmen die Macht. Die Monarchie bricht zusammen, Deutschland wird eine Republik. Am 11. November ist der Weltkrieg zu Ende. Toller unterstützt Kurt Eisner (USPD), den neuen Ministerpräsidenten Bayerns. Die bayerischen Arbeiter- Bauern- und Soldatenräte wählen Toller zum zweiten Vorsitzenden des Zentralrats.

Um die Kräfte der Gegenrevolution niederhalten zu können, bemüht sich Eisner darum, die Macht der bayerischen Räte dauerhaft zu etablieren. Mit dieser Politik steht Eisner im Widerspruch zur Reichsregierung. Diese versucht unter der Führung von Friedrich Ebert (SPD) mithilfe reaktionärer Militärs die Rätemacht zu brechen.

Einsatz für die bayerische Räterepublik

Am 21. Februar 1919 wird Eisner durch den rechtsextremen Anton Graf Arco-Valley ermordet. Es kommt zu Auflösungserscheinungen in der bayerischen Regierung. In München übernehmen erneut die Räte die Macht. Am 7. April wird in München die bayerische Räterepublik ausgerufen. Toller steigt zum ersten Vorsitzenden des Zentralrats auf.

In Bamberg konstituiert sich eine Gegenregierung unter der Führung von Johannes Hoffmann (SPD). Hoffmann will die Münchner Räteherrschaft mit militärischen Mitteln beenden. Toller wird Heerführer der Räterepublik. Bei Dachau gelingt es ihm, die vorrückenden Truppen der Regierung Hoffmann abzuwehren. Tollers Heer macht Gefangene. Den Befehl, gefangene Offiziere zu erschießen, ignoriert Toller. Alle Gefangenen bleiben unversehrt. Trotz Tollers militärischem Erfolg ist der Konflikt zwischen Bamberg und München nicht aus der Welt geschafft. Alle Versuche, ihn friedlich zu beenden, wofür sich insbesondere Toller immer wieder einsetzt, schlagen fehl.

Die Reaktion zerschlägt die Räterepublik

Schließlich erhält die Gegenregierung von der Reichsregierung militärische Unterstützung. Auch weil die politische Führung in München zerstritten ist, wird die Lage der Räterepublik immer hoffnungsloser. Zeitweise übernehmen Kommunisten unter der Führung Eugen Levinés die Macht. Toller, der Levinés Radikalität ablehnt, tritt vom Amt des Truppenkommandanten zurück. Er befreit Gefangene, die von Anhängern Levinés willkürlich verhaftet wurden. Am Verteidigungskampf der Räterepublik beteiligt sich Toller nicht mehr. Am 30. April rücken die Truppen der Reichsregierung in München ein. Bereits am 2. Mai bricht der letzte militärische Widerstand zusammen.

Die reaktionären Truppen richten in der eroberten Stadt ein Blutbad an: Durch den Terror der Gegenrevolution werden mehrere hundert Menschen ermordet. Zudem kommt es zu Massenverhaftungen mutmaßlicher politischer Gegner. Gefangene werden in großer Zahl misshandelt. Bis Anfang Juni 1919 herrscht das reaktionäre Militär in München. Erst danach, als die Regierung Hoffmann wieder mehr Einfluss gewinnt, werden rechtsstaatliche Prinzipien wieder stärker beachtet.

In Haft schreibt Toller seine wichtigsten Dramen

Weil es Toller gelingt, sich in München einige Wochen zu verstecken, überlebt er das Wüten der reaktionären Truppen. Schließlich wird Toller aufgespürt und verhaftet. Wegen Hochverrats wird er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Seine Haftbedingungen sind sehr hart, mehrfach ist er willkürlichen Strafverschärfungen ausgesetzt. Im Vergleich zu Toller werden dem Mörder Eisners, Arco-Valley, sehr leichte Haftbedingungen gewährt. Dies veranschaulicht, dass es der Revolution auch im Bereich der Justiz nicht gelungen war, die konservativen Kräfte des Kaiserreichs zu entmachten.

Trotz seiner harten Haftbedingungen ist Toller im Gefängnis schriftstellerisch sehr aktiv. Unter anderem schreibt er das Drama “Masse Mensch“. Darin reflektiert Toller seine Erfahrungen während der Münchner Räterepublik. Insbesondere stellt er die Frage nach der Legitimität von Gewalt bei revolutionären Umbrüchen. Dabei sieht er sich mit einem unauflösbaren Gegensatz konfrontiert: Auf der einen Seite steht Tollers ethisches Prinzip der Gewaltlosigkeit. Auf der anderen Seite steht der Zwang, notfalls Gewalt anwenden zu müssen, um sich gegen Gewalttäter behaupten zu können. Das Drama “Masse Mensch“ verdeutlicht Tollers tragische Weltsicht: Um in der Welt bestehen zu können, muss man bereit sein, Schuld auf sich zu laden.

Nach fünf Jahren wird Toller aus der Haft entlassen. Vor allem wegen seiner Dramen ist er in der Weimarer Republik ein sehr erfolgreicher Schriftsteller. Toller warnt bereits früh vor den Gefahren des Nationalsozialismus. Während der Machtübernahme der Nazis hält er sich im Ausland auf.

Tod im Exil

Nach der Machtübernahme fallen Tollers Schriften den Bücherverbrennungen zum Opfer. Nach Aufenthalten in der Schweiz und England siedelt er in die USA über. Auch während seiner Zeit im Exil engagiert er sich mit großer Leidenschaft gegen den Faschismus. Doch angesichts dessen Machtzunahme wird Toller immer depressiver. Am 22. Mai 1939 begeht er Suizid. Als Toller stirbt, ist er bereits seit über 20 Jahren konfessionslos: Um seine deutschnationale Haltung zu bekräftigen, hatte sich Toller am Anfang des Krieges aus der Liste der jüdischen Gemeinschaft streichen lassen.

Ernst Toller hat der Nachwelt mit seiner Autobiographie “Eine Jugend in Deutschland“ ein höchst glaubwürdiges Manifest für eine Welt ohne Krieg, Hass und Gewalt hinterlassen. Tollers politische Botschaften haben auch 75 Jahre nach seinem Tod nichts von ihrer Brisanz verloren. Dies zeigt sich auch im letzten Kapitel seiner Autobiographie. Dort schreibt er zu den politisch bedingten Missständen in der Welt: “Würden Täter und Tatlose sinnlich begreifen, was sie tun und was sie unterlassen, der Mensch wäre nicht des Menschen ärgster Feind. Die wichtigste Aufgabe künftiger Schulen ist, die menschliche Phantasie des Kindes, sein Einfühlungsvermögen zu entwickeln, die Trägheit seines Herzens zu bekämpfen und zu überwinden.

Literatur:

Richard Dove: Ernst Toller. Ein Leben in Deutschland, Steidl Verlag, Göttingen 1993.

Ernst Toller: Eine Jugend in Deutschland, Querido Verlag, Amsterdam 1933.

(Gemeinfreier Text beim Projekt Gutenberg-DE.)

Ders., Masse Mensch. Ein Stück aus der sozialen Revolution des 20. Jahrhunderts, Nachwort von Rosemarie Altenhofer, Reclam Verlag, Ditzingen 1991, (Erstauflage: 1921). (Die Zweitauflage aus dem Jahr 1922 kann man hier gratis lesen.)

Eine notwendige Kritik am herrschenden Leistungsbegriff

IF

Undine Zimmer, Jahrgang 1979, erzählt in ihrem Buch “Nicht von schlechten Eltern. Meine Hartz-IV-Familie“ ihre Lebensgeschichte und die ihrer Eltern. Zimmer vermittelt einen intensiven Eindruck davon, wie es sich anfühlt, in einem reichen Land wie Deutschland am Existenzminimum leben zu müssen. Durch die drei Biographien wird wieder einmal deutlich: Der Leistungsbegriff ist ein wohlfeiles Instrument zur Rechtfertigung sozialer Ungleichheit.

Von Stefan Kubon

Wenige Monate nachdem Zimmer in West-Berlin geboren wird, erkennen ihre Eltern, dass sie nicht länger zusammenleben können. Es kommt zur Trennung. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr wächst Zimmer fast ausschließlich bei ihrer Mutter auf. Während dieser Zeit unternimmt die Mutter, geboren 1951, immer wieder den Versuch, in ihrem Beruf als Krankenschwester zu arbeiten – doch der Einstieg in den Arbeitsmarkt misslingt, denn es gibt keine Teilzeitstellen. Mutter und Kind bleiben auf Sozialhilfe angewiesen. Aus nachvollziehbaren Gründen empfindet die Mutter ihre Lage als bedrückend, phasenweise hat sie mit leichteren Depressionen zu kämpfen. Später kommen körperliche Beschwerden hinzu. Trotz dieser Schwierigkeiten schafft sie es, sich stets liebevoll um ihr Kind zu kümmern.

zimmerAb 1997 vermittelt das Sozialamt die Mutter in gemeinnützige Arbeit. Allerdings ist die Mutter aufgrund ihrer gesundheitlichen Probleme nicht in der Lage, Vollzeit zu arbeiten. Ihre Arbeitgeber sehen in ihr eine arbeitsscheue Simulantin. Sie muss darum kämpfen, als nur bedingt arbeitsfähig eingestuft zu werden. Obwohl ihr schließlich durch mehrere ärztliche Gutachten bescheinigt wird, dass sie nur wenige Stunden am Tag arbeiten kann, vermitteln die Arbeitgeber ihr weiterhin den Eindruck, sie sei eine Drückebergerin.

Ihren Vater, Jahrgang 1943, sieht Zimmer in ihrer Kindheit nur sporadisch. Oft kommt er zu spät oder gar nicht, wenn eine gemeinsame Aktion geplant ist. Sein geringes Einkommen verdient der Vater zumeist als Taxifahrer. Die Phasen seines Lebens, in denen er arbeitslos ist, sind relativ kurz. Sein Leben wird dadurch erschwert, dass er gelegentlich unter Angstzuständen leidet. Als junger Mann, als er noch in der DDR lebte, war er deswegen auch einmal in einer Nervenklinik. Nachdem sein Ausreiseantrag bewilligt wurde, siedelte er 1975 nach West-Berlin über. Er ist ein offiziell anerkanntes Stasi-Opfer. Wegen eines Fluchtversuchs war er von 1967 bis 1969 im Gefängnis.

Geldknappheit als Stressfaktor

Wenn Zimmer von ihrer Kindheit erzählt, bekommt man einen intensiven Eindruck davon, wie stressig es sein muss, sich ständig Gedanken darüber machen zu müssen, wie man das wenige zur Verfügung stehende Geld bestmöglich verwendet. Das Ringen um die richtige Kaufentscheidung wird zu einem angstbesetzten Vorgang. Findet ein Fehlkauf statt, wird er längerfristig als persönliches Versagen empfunden, denn er lässt sich nicht kurzfristig durch einen erneuten Einkauf kompensieren.

Trotz der schwierigen finanziellen Situation: Dank ihrer Mutter findet Zimmer einen Zugang zur Welt der Literatur und der klassischen Musik. Sie entwickelt sich zu einer regelrechten Leseratte. Ihre Liebe zur klassischen Musik vertieft sie auf zweierlei Arten: Sie nimmt Ballettstunden und lernt Klarinette spielen. Doch mit ihren Leistungen ist Zimmer nicht wirklich zufrieden: Angesichts der schwerwiegenden monetären Opfer hat sie das Gefühl, dass sich ihre Kunstfertigkeiten viel besser entwickeln müssten.

Zimmer geht nur ungern zur Schule. Dies ist ein Ort, an dem sie sich besonders unsicher und gehemmt fühlt. Verwunderlich ist dies nicht, denn insbesondere das deutsche Schulsystem ist ein Selektionsapparat, der mittels vermeintlich objektiver Leistungskontrollen die bestehende soziale Hackordnung im Sinne der Mächtigen sichert. Tatsächlich ist das Schulsystem in Deutschland wie geschaffen dafür, Minderwertigkeitskomplexe unterprivilegierter Menschen zu verstärken.

Beschämende Armutserfahrung

An Freizeitaktivitäten, die Geld kosten, kann sich Zimmer oftmals nur beteiligen, weil sie von ihren Freundinnen oder deren Eltern eingeladen wird. Für diese Freundschaftsbekundungen ist sie dankbar, gleichzeitig empfindet sie es aber als demütigend, auf die Hilfe und Großzügigkeit anderer Menschen angewiesen zu sein. Sie schämt sich dafür, nichts zurückgeben zu können.

Als Teenager hat Zimmer Kontakt zu einer Freikirche. Da diese auch in Skandinavien aktiv ist, tut sich für die Jugendliche die Möglichkeit auf, für einige Zeit in Schweden zu leben und zur Schule zu gehen. Zimmer zögert nicht: Sie nutzt die Chance, ihrem Leben in Berlin, das sie vor allem als Zumutung empfindet, zu entfliehen. Obgleich die Eltern die Freikirche eher kritisch sehen, akzeptieren sie Zimmers Entschluss, im Alter von 16 Jahren nach Schweden überzusiedeln.

Zunächst geht Zimmer in Schweden auf eine Privatschule der Freikirche. Dann entsteht ein Streit in der Gemeinde, liberale und konservative Kräfte ringen um die Vorherrschaft. Es kommt zur Spaltung. Zimmer muss die Schule und das Wohnheim verlassen. Von nun an wohnt sie bei der Familie ihrer Betreuerin, die zur liberalen Abspaltung gehört.

Die Vorzüge des schwedischen Schulsystems

Dank ihrer Betreuerin kann Zimmer eine staatliche Schule besuchen. Sie lernt die Vorzüge des schwedischen Schulsystems kennen. Zimmer macht die Erfahrung, dass es dort für jedes Problem Ansprechpartner gibt, die zu helfen wissen. Erstmals in ihrem Leben geht sie gerne zur Schule, das Lernen macht ihr Spaß. Nachdem sie das Abitur gemacht hat, kehrt sie nach Berlin zurück.

Zimmer studiert Skandinavistik, Neuere Deutsche Literatur und Publizistik. Obwohl sie den Bafög-Höchstsatz erhält, muss sie neben dem Studium viel arbeiten, um ihr Leben finanzieren zu können. Ihr Studium wird zum Kraftakt. Sie hat große Angst davor, ihren Abschluss womöglich nicht in kürzester Zeit und mit Bestnote zu schaffen. Bei einem Auslandssemester erhält sie Einblicke in das schwedische Hochschulsystem. Dort sind die Studenten in finanzieller Hinsicht deutlich besser abgesichert als in Deutschland.

Zerrissen zwischen der Erwerbsarbeit und dem Lernen für die Uni erlebt Zimmer insbesondere ihre Zeit der Abschlussprüfung als Qual. In dieser Zeit ist sie manchmal so erschöpft, dass sie den Tag im Bett verbringen muss. Trotz ihrer schwierigen finanziellen Lage gelingt ihr in relativ kurzer Zeit ein recht guter Magisterabschluss.

Keine guten Aussichten – trotz guter Leistung

Obwohl sie einen guten Abschluss, viele (unbezahlte) Praktika und etliche Zusatzqualifikationen (insbesondere Fremdsprachen) vorzuweisen hat, hat sie nach dem Studium keine Aussicht auf eine Arbeitsstelle, die ihrer Qualifikation entspricht. Um sich finanziell über Wasser zu halten, jobbt sie in einem Café. Dort hat sie schon während ihres Studiums gearbeitet. Das vorläufige Ergebnis ihres Studiums ist nicht zuletzt ein riesiger Schuldenberg.

Logo der Bundesagentur für Arbeit (BA)
Logo der Bundesagentur für Arbeit (BA)

Von der Bundesagentur für Arbeit erwartet Zimmer keine Hilfe. Allzu oft musste sie erleben, wie schlecht ihre Eltern oder Freunde von der Bundesagentur behandelt wurden. Zu Recht stellt Zimmer Folgendes fest: Die Jobcenter der Bundesagentur sind keine wirklich demokratischen Institutionen. In den Jobcentern werden benachteiligte Menschen zu Bittstellern degradiert. Sie sind der Willkür sogenannter “Fallmanager“ ausgeliefert. Es werden regelmäßig Grundrechte von Hartz-IV-Betroffenen verletzt.

Einladung zur Manipulation

Das Buch verdeutlicht, wie falsch die Diskussion zumeist verläuft, wenn in Deutschland über Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit geredet wird. Tatsächlich gibt es hierzulande weder das eine noch das andere. Die Crux dabei: Privilegien werden in unserer Gesellschaft vor allem mithilfe des Leistungsbegriffs legitimiert. Zudem ist es kritikwürdig, wie dieser Legitimitätsprozess eigentlich funktioniert: Wer über die Macht verfügt, verbindlich festzulegen, was “Leistung“ ist, bestimmt auch, wer Privilegien genießt – und wer nicht. Folglich werden in Deutschland insbesondere die Mächtigen, Reichen und Privilegierten als “Leistungsträger“ wahrgenommen.

Weil der Inhalt des Leistungsbegriffs im Grunde kaum objektiv bestimmbar ist, wird dieser Begriff besonders gerne dazu verwendet, Menschen zu entrechten. Der höchst diffuse Charakter des Leistungsbegriffs wird beispielsweise greifbar, wenn man sich folgende Sachverhalte vergegenwärtigt: Was für manche Menschen eine Herkulesaufgabe ist, ist für andere eine leichte Übung. Und womöglich hat Zimmers Mutter in ihrem Leben eine größere “Leistung“ vollbracht als jemand, der aus einem reichen Elternhaus stammt, eine Privatschule besucht, gesund ist – und dann Karriere macht.

Menschenrechte wichtiger als Leistungsdebatten

Wichtiger als Leistungsdebatten sind Initiativen, die sich dafür einsetzen, dass in Deutschland endlich die Menschenrechte wirklich konsequent beachtet werden. Zimmers lesenswertes Buch ruft in Erinnerung, dass diese Rechte in unserer Gesellschaft regelmäßig verletzt werden. Insbesondere verdeutlichen alle drei Biographien, dass in Deutschland kein gleichberechtigter Zugang zum Bildungssystem besteht.

Link: Mehr zu Undine Zimmer

Zimmer hat ein nachdenkliches und zugleich emotional sehr berührendes Buch geschrieben. Man kann nur vermuten, dass es sie einige Kraft gekostet hat, so offen über ihre Ängste und Verletzungen zu berichten. Welche “Leistung“ es wirklich war, dieses Buch zu schreiben, kann wohl am ehesten sie selbst beurteilen.

Undine Zimmer: Nicht von schlechten Eltern. Meine Hartz-IV-Familie, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013, 256 Seiten, 18,99 Euro.

Siehe auch: Hartz IV – eine Gefahr für die DemokratieHartz-IV-”Drückeberger” immer raffinierter?!Die konformistische RebellionDie Welt zu Gast bei Philipp, Hans-Peter und DirkAmazon und Fury in the Slaughterhouse: Alles Kapitalismus oder was? , Asoziale an die Macht!?

Akademisches Karussell: Liberalismus – Konservatismus – Sozialismus

liberalismus-072173189

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um eine systematisierende Einführung in die Geschichte politischer Theorien.

Von Samuel Salzborn

Im Handgemenge postmoderner Willkür verliert sich das Feingefühl für eine historische Wirklichkeit bisweilen in einem subjektivistischen Dickicht konstruierter Konstruktionen. Um gegenwärtige soziale und politische Konflikte aber kontextualisieren und damit verstehbar machen zu können, auch und gerade in ihrer wechselhaften Dynamik, ist das erkenntnistheoretische Potenzial der Ideen- und Theoriengeschichte unverzichtbar – und zwar mindestens in einem doppelten Sinn: Einerseits, weil politische und soziale Konflikte der Gegenwart Agenden besetzen, deren Referenzrahmen gesellschafts- und politiktheoretische Überlegungen der Vergangenheit sind, andererseits, weil in diesen Konflikten der Gegenwart die sozialen Erfahrungen der Vergangenheit ebenso aufgehoben sind, wie historisch-theoretische Reflexionen in ihnen wieder zum Vorschein kommen, also umgekehrt, nicht nur rekonstruktiv, sondern zugleich auch prospektiv – freilich reaktualisiert und modifiziert – Eingang in den Streit um Macht- und Herrschaftsverhältnisse finden.

Um sich einen fundierten, faktenreichen und kontextsensiblen Einblick in die Potenziale der Ideen- und Theoriengeschichte zu verschaffen, bieten die drei neuen Bände von Klaus von Beyme eine ausgezeichnete Grundlage. Bei der Lektüre wird man allerdings nicht nur fündig, wenn man sich neu mit dem Feld der Geschichte politischen Denkens befasst, sondern auch für Kennerinnen und Kenner der Materie finden sich zahlreiche Kleinode, auf die man noch nie – oder: lange nicht mehr – gestoßen ist.

Beymes Theorien-Trilogie ist eine erweiterte und aktualisierte Auskopplung aus einem früheren Werk und rückt jeweils eine der drei klassischen Strömungen der politischen Theorie in den Mittelpunkt: Liberalismus – Konservatismus – Sozialismus. Jeder Band kann auch für sich gelesen werden, allerdings versteckt sich das Gesamtresümee, in dem Beyme die drei großen Theorien-Bewegungen in Beziehung zur Entwicklung der Parteien und sozialen Bewegungen setzt, historisch folgerichtig im Sozialismus-Band. Deshalb folgerichtig, weil den Ausgangspunkt ideengeschichtlich der Liberalismus bildet, auf den – so die gängige Lesart – Konservatismus und Sozialismus „reagieren“; der Konservatismus, weil seine Trägerschichten, die durch die bürgerlichen Revolutionen und das liberale Rechtsgleichheitspostulat entmachtet bzw. sozial desorientiert wurden, nach einer Wiederherstellung vormaliger Macht- und Herrschaftsverhältnisse trachten oder zumindest die Folgen von Aufklärung und bürgerlichen Revolutionen abmildern wollen, der Sozialismus, weil ihm die rechtliche Gleichheit nicht hinreichend genug war, da sie soziale Ungleichheitsverhältnisse situiert hat. Der liberalen Freiheit von Zwang, die der Konservatismus rückgängig machen will, steht die liberale Freiheit von Sicherheit entgegen, die der Sozialismus in der Gleichheit aufheben möchte.

Besonders hervorgehoben werden müssen drei Generallinien in Beymes Bänden:

  • Erstens die sehr gute Ausgewogenheit der Darstellung unter Einbezug von sowohl „klassischen“ Autorinnen und Autoren der jeweiligen Denkrichtungen in Verbindung mit weniger prominenten Ansätzen, die in ihrer Breite den oft vergessenen Theorienpluralismus innerhalb der drei klassischen Strömungen der politischen Theorie zeigen und damit auch die Frage nach Alternativoptionen und Handlungsspielräumen im historischen Kontext diskutierbar machen, zugleich aber auch kenntlich werden lassen, dass „die Theorie“ stets nur im Plural zu denken ist, dass also eine breite Sammlung von Stimmen und teils gegensätzlichen Ansätzen erst die Rechtfertigung bilden, um eine politischen Strömung in ihren Charakteristika zu erfassen.
  • Zweitens ist besonders lobenswert, dass Beyme auch marginalisierte Denkrichtungen eigenständig würdigt, die historisch vor allem deshalb zunehmend weniger Beachtung finden, weil sie in den sozialen Konflikten des 18. und 19. Jahrhunderts letztlich die Verlierer waren, was besonders für den Radikalismus und den Anarchismus gilt – die beide, gerade vor der Folie gegenwärtiger politischer Bewegungen im Bereich der Globalisierungskritik, offensichtlich neue Adaptionen erfahren.
  • Und schließlich drittens die von Beyme als Selbstverständlichkeit vorgenommene Thematisierung der Bereiche der politischen Theorie, die man in Anlehnung an das Star Wars Epos als „dunkle Seite“ der Theoriengeschichte bezeichnen könnte, insbesondere den Sowjetmarxismus, den konservativen Messianismus und die Konservative Revolution. Deren Thematisierung zeigt eindringlich, dass die Geschichte der politischen Theorien immer auch die Geschichte politischer und sozialer Kämpfe war und ist, als deren Reflektionen Theorien formuliert werden, auf die zugleich theoretische Reflexionen aber auch mobilisierend oder demobilisierend einwirken.

Klaus von Beyme: Liberalismus. Theorien des Liberalismus und Radikalismus im Zeitalter der Ideologien 1789–1945, Wiesbaden: Springer VS 2013, 328 Seiten.

Klaus von Beyme: Konservatismus. Theorien des Konservatismus und Rechtsextremismus im Zeitalter der Ideologien 1789–1945, Wiesbaden: Springer VS 2013, 277 Seiten.

Klaus von Beyme: Sozialismus. Theorien des Sozialismus, Anarchismus und Kommunismus im Zeitalter der Ideologien 1789–1945, Wiesbaden: Springer VS 2013, 359 Seiten.

Samuel Salzborn (Foto: Marta Krajinović)
Samuel Salzborn (Foto: Marta Krajinović)

Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen und Autor des Buches „Sozialwissenschaften zur Einführung“ (Junius Verlag 2013) 

Alle Beiträge aus dem Akademischen Karussell.

Don’t call me white, Markus!

Moderator Markus Lanz (Foto: Udo Grimberg, Wikimedia Commons, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Markus_Lanz.JPG)

Warum es schlicht und ergreifend ein unwürdiges Spektakel ist, wenn „Wetten dass ..?“ das Augsburger Fernsehpublikum dazu aufruft, sich als „Jim Knopf“ zu verkleiden  und zwar „schwarz geschminkt“, mit „Schuhcreme, Kohle, was auch immer“.

Von Andrej Reisin

Moderator Markus Lanz (Foto: Udo Grimberg, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)
Moderator Markus Lanz (Foto: Udo Grimberg, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Manche Sachen kann man ja so oft erklären, wie man will, die Kritisierten wollen es einfach nicht begreifen. Paradebeispiel: Wieso ist die Praxis, sich als hellhäutiger Mensch dunkle Schminke ins Gesicht zu schmieren, um einen „Schwarzen“ zu spielen („Blackface“) rassistisch? Da andere das schon besser erklärt haben, sei hier der Sprachwissenschaftler Prof. Anatol Stefanowitsch zitiert:

Jedes Mal, wenn ein schwarzgeschminkter Weißer irgendwo auftritt, sagt das: Schwarze können das nicht. Schwarze kennen wir nicht. Schwarze gibt es in unserer Mitte nicht. Was Schwarze von dieser Rolle halten würden, wenn es sie in unserer Mitte gäbe, interessiert uns nicht.

Eigentlich ganz einfach: Diese Gesellschaft besteht schon längst nicht mehr nur aus solchen „Deutschen“, deren Deutschsein vor allem ein Deutschtum ist, das sich auf Abstammung, Hautfarbe  und eine vage Vorstellung von „Kultur“ beruft. Es mag den Sarrazins der Republik nicht passen, auf den Wecker gehen, sie die Wände ihrer historizistischen 19. Jahrhundert Pseudofachwerk-Stadtvillen im Hänsel-und-Gretel-Stil hochtreiben, aber die Stadt ist nicht ihre Stadt und das Land ist nicht ihr Land.

Daher kann man als Gameshow im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk gefälligst auch mal drüber nachdenken, ob die Annahme, alle Augsburger/innen müssten sich schwarz schminken, wenn sie als Nicht-Weiße durchgehen wollen, denn wohl richtig sein kann – oder schlicht und ergreifend die Vielfalt der Menschen in diesem Land negiert. Stattdessen aber bleibt das verhunzikerte Lanz-Land in der Vorstellung des ZDF offenbar zumindest vorerst weiß – und deutsch bleibt bio-deutsch wie in Ius sanguinis. Vielleicht fällt dem Mainzer Sender ja nochmal was anderes ein, als beispielsweise halbe Ausgaben des Sportstudios damit zu verbringen, sich mit den Deutschkenntnissen von Fußballprofis zu beschäftigen – vielleicht aber auch nicht:

Offenbar muss so etwas jeder Bundesligaspieler über sich ergehen lassen, vom dem sich mit Gewissheit sagen lässt, dass er nicht in der Lage ist, Heidegger im Original zu lesen. Wird das jemals aufhören? Man müsste einmal untersuchen, ob deutsche Fußballer, die gerade ihren Arbeitsplatz ins Ausland verlegt haben, in dortigen TV-Sendungen auch über den Stand ihrer Sprachkenntnisse Bericht erstatten müssen. Sehr wahrscheinlich nicht.

„Und woher kommst Du? – Neukölln. – Und Deine Eltern …?!?“

Aufgewachsen in einer Zeit, als Berlin noch nicht wie Brooklyn sein wollte (was es übrigens auch heute nicht ist), weiß ich dagegen noch, was Haftbefehl meint, wenn er als Höhepunkt von unerträglich hingerotzten zwei Minuten fragt: „Hast du auch schwarze Haare? Welcome to Alemania …“ Dafür muss man nämlich kein Offenbacher Gangstarrapper sein, es reicht, die Frage „Und woher kommst Du?“ schon in Kindheit und Jugend so oft gestellt bekommen zu haben, dass man jederzeit jedem Fragesteller und jeder Fragestellerin unaufgefordert vor die Füße kotzen könnte.

Denn schließlich: Arier-Nachweis war vor-vor-vor-vor-vor-vor-vor…gestern – und ja, ich habe immer (ja: immer) das Gefühl, dass das und nichts anderes gemeint ist. Sorry, aber das ist keine unschuldige Frage an jemanden, dessen Großeltern väterlicherseits plus gesamter Familie schon auf der Todesliste des Rechtsvorgängers des aktuellen Staatswesens und seiner damaligen Gesellschaft standen.

Ahnungslos dagegen deutsche „Medienmagazine“ wie DWDL auf Twitter:

Es wäre auch zu viel verlangt, wenn man von „Medienmagazinen“ in Deutschland eine kritische Auseinandersetzung mit medialer Inszenierung und Performanz erwarten würde. Oder auch nur das Lesen von ein paar Hintergrundtexten. Stattdessen wird der Verweis auf Wikipedia geradezu putzig vom Tisch gefegt:

Jeder blamiert sich halt, so gut es geht, Falltüren im Niveaukeller sind schnell gefunden. Dabei war der Hinweis genau umgekehrt gemeint: Guckt doch wenigstens mal auf Wikipedia nach, wenn ihr schon nicht in der Lage seid, längere Texte zu lesen, weil ihr so viel Fernsehen gucken müsst:

Im Jahre 2012 haben gut 18 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen einen multiethnischen Vordergrund. Rund acht Millionen von ihnen sind Deutsche, weitere sieben Millionen besitzen zwar nicht die deutsche Staatsbürgerschaft, prägen, gestalten und definieren aber durch ihren permanenten Aufenthalt hier die deutsche Kultur genauso mit. All diese Menschen werden zukünftig immer weniger bereit sein, sich damit zufrieden zu geben, dass ihre Gleichberechtigung gegenüber weißen Deutschen zwar auf dem Papier garantiert, aber in der Realität ein frommer Wunsch ist. Sie werden es nicht mehr hinnehmen, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft ihnen vorzuschreiben versucht, wann sie sich diskriminiert fühlen dürfen und wann nicht. Und dass diese Gesellschaft die Definitionshoheit darüber beansprucht, was Rassismus ist, wie ein Deutscher aussieht und wer die deutsche Kultur auf deutschen Bühnen mit seinem Gesicht zu vertreten hat.

Der humanistisch gebildete, Menschen verschiedenster Herkunft zu seinem Freundeskreis zählende und in Political Correctness ebenso wie in Fremdsprachen bewanderte deutsche Durchschnittsbürger unterliegt immer wieder dem grausamen Irrtum, Rassismus sei ein Phänomen, das sich ausschließlich im Denken und Handeln Keulen schwingender Neonazis und rechtsextremer NPD-Volksverhetzer offenbart. Dieser Glaube ist genauso falsch wie fatal; da sich kein zivilisierter Mensch den oben genannten Gruppen zuordnen würde, schon gar nicht als Kunstschaffender mit bildungspolitischem Auftrag, können alle folgerichtig niemals Rassisten sein. Dem zugrunde liegt der unerschütterliche Glaube, um rassistisch zu denken und zu handeln bedürfe es eines bösartigen und vor allem bewusst gefassten Entschlusses. Dem ist nicht so.

Tatsächlich sind rassistisch motivierte, verbale und handgreifliche Gewalttaten, im Vergleich zum tagtäglich praktizierten, ihre Wirkung auf allen Ebenen unserer Gesellschaft entfaltenden, strukturellen und institutionellen Rassismus, die Ausnahme. Man muss kein Neonazi sein, um rassistisch zu handeln, genauso wie man kein Frauenhasser sein muss, um Frauen zu diskriminieren. Rassistische Strukturen werden von denen, die sie geschaffen haben, als normal empfunden, genauso wie die ungleiche Behandlung von Frauen lange Zeit gesellschaftlich sanktioniert war. Das, und nur das, ist der Grund, warum struktureller und institutioneller Rassismus in diesem Land nicht auch konsequent als solcher benannt wird: weil er Normalität ist.

Oder noch prägnanter, für die ganz hektischen Alpha-Recherchierer/innen:

Sich schlau machen –  oder die Klappe halten

Dazu aufzufordern, man möge bitte mit Schuhcreme oder Kohle beschmiert im Studio erscheinen, um „Jim Knopf“ darzustellen, ist eine gedankenlose Schwachsinnsidee, direkt aus der Unterhaltungsbranche der Fünfziger Jahre. Das Re-Enactment, die ritualisierte Wiederaufführung einer diskriminierenden Praxis, sorgt bis heute dafür, dass nicht-weiße Kinder sich in der Schule von „witzigen“ Mitschüler/innen fragen lassen müssen, ob sie Dreck oder Schuhcreme im Gesicht haben. Wer einen Funken Empathie für diese Kinder und ihre Eltern hat, schmiert sich keine Schuhcreme ins Gesicht, um damit „Schwarze“ zu imitieren. Das ist keine Frage von Rassismusdefinitionen, sondern eine Frage von Respekt, Mitmenschlichkeit – whatchumicallit – Anstand?

Als jemand, der also keine andere Sprache so gut beherrscht (sic!) wie diese hier, der hier lebt und aufgewachsen ist, der keine andere Staatsbürgerschaft besitzt und der sich dennoch mehr als 20 Jahre lang von jedem zweiten Dorftrottel unaufgefordert hat fragen lassen müssen, wo er denn wohl herkomme (das hört dann irgendwann auf, wenn man grauer wird, Auto fährt und Anzug trägt, zumindest wenn man „nur“ schwarze Haare hat – und nicht gleich die „passende“ Hautfarbe), kann ich nur sagen: Ich bin es leid, diese Diskussionen zu führen. Wer es nicht kapieren will, will es eben nicht kapieren. Dann kann man aber bitte auch einfach die Klappe halten, wenn es darum geht, was Rassismus ist. Ich kontrolliere im Gegenzug auch keine Arier-Ausweise. Versprochen.

Alle Beiträge auf Publikative.org zum Thema „Blackface“:  http://www.publikative.org/?s=blackface&x=-1104&y=-191