Der Dschihad und das Nichts

ISIS-Flagge
ISIS-Flagge

Jürgen Manemann sucht in seinem Buch “Der Dschihad und der Nihilismus des Westens“ nach Erklärungen, warum sich junge Europäer dem “Islamischen Staat“ (IS) anschließen. Hierfür macht Manemann auch den Nihilismus westlicher Gesellschaften verantwortlich. Der Autor plädiert für eine gerechtere Politik, um dem Nihilismus und dem IS entgegenzuwirken.  

Von Stefan Kubon

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Das hässliche Gesicht der APO

Michael Fischer veröffentlicht die bislang beste biographische Skizze zu Horst Mahler. Fischer untersucht, ob die Wendung Mahlers vom Propagandisten und Kämpfer der RAF zum Propagandisten des Neo-Nationalsozialismus möglicherweise gar keine Wendung war, sondern eher als Teilstück einer biographischen und politischen Kontinuität zu verstehen ist.

Von Martin Jander

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Ausflug in die DDR

 

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Martin Jander, Mitarbeiter in einem Projekt zur Geschichte des linken deutschen Terrorismus und seinen internationalen Verbindungen am Hamburger Institut für Sozialforschung, hat vor wenigen Wochen einen historischen Reiseführer mit dem Titel „Berlin (Ost) – 1945 – 1990“ publiziert. Jander hat in seinem früheren wissenschaftlichen Leben die Geschichte von Oppositionellen in der DDR erforscht. Er arbeitete längere Zeit im „Forschungsverbund SED-Staat“ an der Freien Universität Berlin. Als jedoch sein Forschungsverbundskollege Bernd Rabehl 1998 rechtsradikale Pamphlete veröffentlichte, trennte sich Jander von der Gruppe. Für publikative.org schrieb er vor allem über die RAF und über revisionistische Formen der DDR-Aufarbeitung. Ein Interview zu seinem aktuellen DDR-Reiseführer.

Warum beschäftigst Du dich mit dem Thema?

Martin Jander: Während meines Studiums in West-Berlin habe ich mich am Ende der 70er Jahre in eine Frau aus Ost-Berlin verliebt, die, wie ich, Songs von Wolf Biermann mochte. Sie hat mich mit vielen DDR-Bürgerrechtlern bekannt gemacht. Mit ihr fuhr ich im Frühjahr 1981 zu Freunden nach Warschau. Wir besuchten Solidarnosc. Eine ganz neue Welt für mich. Seit dieser Zeit haben mich die Themen DDR und Osteuropa nicht mehr losgelassen. Die Stasi schrieb über mich: Weiterlesen

Ostfront: Erich Später über eine Vergangenheit, die nicht vergeht

Ostfront

Es gibt Vergangenheiten, die nicht vergehen. Sie sind den heute Lebenden so gegenwärtig, als wären sie gerade erst eben geschehen. Eine dieser Vergangenheiten ist die Shoah. Ihr Plan, ihre Durchführung, die kaum noch vorstellbare Anzahl ihrer Opfer und ihre vielen bis heute spürbaren Nachwirkungen, haben die Welt gewissermaßen „revolutioniert“. Moderne Industriegesellschaften können auch Völkermorde planen und begehen. Das neue Buch des Historikers Erich Später aus Saarbrücken handelt von einem Teil der „Shoah“, dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion.

Von Martin Jander

Beginnend mit dem Angriff auf Polen im September 1939 starteten Wehrmacht, SS und Polizei einen Krieg, der sich von den vorherigen Kriegen der Menschheitsgeschichte dadurch unterschied, dass sein Ziel nicht mehr allein die Zerschlagung einer fremden Armee, die Eroberung eines fremden Territoriums, die Unterwerfung der Bewohner dieses Territoriums und die Ausbeutung ihrer Bodenschätze und industriellen Ressourcen war.

Ostfront

Kriegerdenkmal im Schlosspark von Putbus (Rügen), fotografiert im August 2015, Martin Jander

In diesem Krieg ging es seinen Planern zusätzlich um die vollständige Vernichtung der Juden und eine rassische Neuordnung Europas, etwas vereinfacht gesagt, sollte der Krieg die Rassenphilosophie der Nationalsozialisten in die Tat umsetzen. Im Krieg gegen die Sowjetunion verschmolzen Antisemitismus, Rassismus und Antikommunismus zu einem apokalyptischen Amalgam.

Es gelang der Wehrmacht und den ihr nachfolgenden Behörden innerhalb von fünf Monaten des Jahres 1941 etwa 60 Millionen Menschen, etwa ein Drittel der Bevölkerung der Sowjetunion, einer erbarmungslosen Herrschaft zu unterwerfen. Nicht nur die jüdische Bevölkerung der eroberten Gebiete wurde dabei ausgelöscht. Auch die 3.000.000 sowjetischen Kriegsgefangenen wurden dem Hungertod preisgegeben.

Die absolut barbarische Kriegführung sowie die nachfolgende Besatzung, bei der die Auslöschung von Juden, lokalen Eliten, die Vernichtung der Führungsgruppen von KP und Armee, die Aushungerung ganzer Landstriche, die Aufhebung der Kriegsgerichtsbarkeit für Verbrechen an Zivilisten sowie die massenhafte Deportation von Zivilisten zur Zwangsarbeit in Deutschland eine Einheit bildeten, machten sowjetischen Soldaten und Zivilbevölkerung klar, dass eine Niederlage ihren totalen Untergang bedeuten würden. Daraus erwuchsen ein verzweifelter Wille zum Widerstand und eine Mobilisierung aller Reserven, die letztlich eine Niederlage der Wehrmacht ermöglichten. Etwa 27.000.000 Menschen kamen im Krieg gegen die Sowjetunion um, 66 Prozent von ihnen waren Zivilisten.

Erich Später handelt den Krieg gegen die Sowjetunion vom Sommer 1941 bis zu seinem Ende mehr oder minder chronologisch ab. Das Buch ist die überarbeitete Version einer Artikelserie für die Zeitschrift „konkret“. Später schließt sich in seiner Darstellung, die wesentliche neue Forschungen zum Krieg gegen die Sowjetunion auswertet und referiert, der These des Historikers Yehuda Bauer an, der über den Krieg der Deutschen in Osteuropa und den Zweiten Weltkrieg ganz allgemein in seinem Buch „Der Tod des Schtetels“ (Frankfurt, 2013) formuliert hat:

„Hätte es die Rotarmisten nicht gegeben, die vielen Antisemiten unter ihnen eingeschlossen, hätte es auch nirgendwo in Europa jüdische Überlebende gegeben, wahrscheinlich auch kein Israel. Es ist Fakt, dass ein kommunistisches Regime, so totalitär, brutal und korrupt wie es war, den Krieg gegen den Feind der Menschheit gewonnen hat, gegen das schlimmste Regime, das diesen Planeten je geschändet hat.“

Nicht ganz einleuchtend erscheint jedoch der Titel des ausgezeichneten Buches. Später hat ihn vom Historiker Joachim Fest übernommen. Der hatte den Krieg der Deutschen in Osteuropa als „dritten Weltkrieg“ bezeichnet, um seinen ganz besonderen Charakter zu unterstreichen. Der Titel könnte etwas in die Irre führen, so als ob der Krieg im Osten mit dem Krieg im Westen nichts zu tun gehabt habe. Wie bekannt, verstanden die deutschen Nationalsozialisten ihren gesamten Krieg als Krieg gegen die Juden. Der westliche Kapitalismus und die Demokratie wie der Bolschewismus und Kommunismus waren in ihren Augen „jüdische“ Erfindungen und sollten zerstört werden. Anders aber als die Slawen im Osten zählten die Nazis die Bevölkerung von Ländern wie z. B. Frankreich nicht zu den minderwertigen Rassen.

51ponr-tByL._SX327_BO1,204,203,200_Die Stärke des Buches besteht jedoch nicht nur in der chronologischen und sehr detaillierten Beschreibung des deutschen Vernichtungskrieges wie man sie sonst nur in dem sowjetischen Film „Komm und sieh“ von Elem Klimov aus dem Jahr 1985 oder dem lange verschollenen „Schwarzbuch“ von Wassili Grossman, Ilja Ehrenburg und Arno Lustiger, das 1994 in deutscher Sprache erschien, finden kann.

Wo nötig, bricht Später die Chronologie der Ereignisse auch auf, um die bis heute spürbaren aber schlecht erkannten Nachwirkungen dieses Krieges sichtbar zu machen. Später, der sich in seinen bisher publizierten Büchern – „Kein Frieden mit Tschechien“ (2005) und „Villa Wagner“ (2009) – vor allem mit der Politik der Vertriebenenverbände beschäftigt hat, zeigt an verschiedenen Beispielen, wie Forschung und Publizistik der Bundesrepublik mittels „perversem Antikommunismus“ (Ralph Giordano) oder schlichten Lügen versucht haben, den barbarischen Charakter des deutschen Vernichtungskrieges herunterzuspielen, oder ihn durch das Herausgreifen einzelner Ereignisse mit dem sowjetischen Verteidigungskrieg auf eine Stufe stellen wollen.

Später ist auch keineswegs blind gegenüber sowjetischen Verbrechen und der antiwestlichen wie antijüdischen Politik der Sowjetunion nach dem 2. Weltkrieg. In dem Kapitel über das jüdisch-antifaschistische Komitee, das das oben bereits zitierte „Schwarzbuch“ zusammengestellt hatte, schildert Später deutlich die antiwestliche und antiisraelische Politik der Sowjetunion nach der Shoah.

Kurz und knapp ausgedrückt: Das Buch ist ausgezeichnet, liest sich, da seine wesentlichen Teile für eine Zeitschrift formuliert wurden, sehr flüssig und ist auch für einen bereits gut informierten Leser immer wieder neu und überraschend. Wie in seinen anderen Publikationen auch kreist Später immer wieder um den deutschen Opfermythos. Er zeigt im Kern, wie wenig diese Vergangenheit vergehen kann. Das Gros der ehemaligen Täter und ihrer Nachfahren hat sie bislang nicht als Wirklichkeit angenommen und sieht sich meist selbst als Opfer. Von einem öffentlich ausgedrückten Bedauern und dem Versuch einer Wiedergutmachung ist weit und breit nichts zu sehen. Siebenundzwanzig Millionen Menschen sind nicht nur von Deutschen umgebracht worden, sie tauchen auch im deutschen Kollektivgedächtnis kaum noch auf.

Erich Später, Der dritte Weltkrieg, Conte Verlag, St. Ingbert 2015, 298 Seiten, 16.90 €uro, ISBN 978-3–95602-053-7

Gefängnisaufzeichnungen

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Ein Vierteljahrhundert lagen die Aufzeichnungen von Edith Jacobson bei Judith Kessler in der Schublade. Dann endlich fanden die Tagebuchnotizen, Gedichte und Analysen der jüdischen Psychoanalytikerin den Weg in die Öffentlichkeit. Sie erzählen von der Angst, von Mut und der Hoffnung  auf Freiheit.

Von Ramona Ambs

1988 zum ersten, 1995 zum zweiten und 2005 zum dritten Mal hielt Judith Kessler ein schwarzes Heft  aus dem Nachlass ihrer Mutter in den Händen und legte es wieder beiseite, ohne zu ahnen, dass die darin enthaltenen Aufzeichnungen von Edith Jacobson, so bedeutsam waren. Texte und Gedichte aus dem Gefängnis, in das Jacobson nach ihrer Verhaftung 1935 durch die Gestapo, wegen ihrer Mitarbeit in der sozialistischen Widerstandsgruppe „Neu Beginnen“, gekommen war. Dreimal also hat Judith Kessler diese Aufzeichnungen wieder beiseite gelegt und nicht bemerkt, dass das Leben dieser Frau auch anderweitig mit ihrem verknüpft war. Erst 2014, nach einem Gespräch mit Roland Kaufhold, nachdem sie „Gott und die Welt“ und dann eben auch Edith Jacobson, durch hatten, fiel Kessler das Heft wieder ein. Und diesmal sieht sie es durch: Es hat „64 Innenseiten, enthält Gedichte mit vielen Korrekturen und Streichungen sowie einen kleinen Text und ist mit mindestens zwei verschiedenen Tinten und Stiften beschrieben. Zwischen den Seiten finden sich noch drei lose Blätter und eine Art Aufsatz“. In den tagebuchähnlichen Aufzeichnungen geht es in den ersten Tagen der Haft vor allem um ein Gefühl: Angst. Angst um sich und um die nahestehenden Menschen. Aber auch um den Erhalt der Widerstandskraft. Trotzige Tapferkeit spricht aus den Zeilen der Inhaftierten: „nun grade laß ich mich nicht unterkriegen. Innerer Schwur durchzuhalten um jeden Preis.“ Später finden sich auch wissenschaftliche Analysen der eigenen Situation, Gedichte, Beschreibungen des Alltags, Kontakte mit der Zellengenossin Ilschen.

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„Dass Schreiben eine rettende Kulturtechnik sein kann, ist gewiss nicht neu. Dennoch berührt es mich, Wort für Wort zu entziffern, wie Edith Jacobson in ihren Notizen und Versen immer wieder quasi das eigene Ich des gestrigen Tages liest, mit ihm »spricht« und sich selbst und ihre Position dabei auch neu bestimmt.“ schreibt Judith Kessler dazu. Und dann forscht sie auch anderweitig zu Edith Jacobson, deren Nachlass sich andernorts ebenfalls aufzudrängen scheint, denn weitere Gedichte aus dem Gefängnis und lose Tagebuchnotizen, liegen seit 1980 in der Washingtoner Congress Bibliothek. Und keiner weiß, wie sie dahin gekommen sind. Auch von weiteren schwarzen Heften liest sie… und wie in einem spannenden Krimi erfährt man nach und nach, was es mit diesen auf sich hat.

Im zweiten Teil des Buches gibt Roland Kaufhold einen biographischen Überblick und ordnet die Blätter und Schriften in das Gesamtwerk von Edith Jacobson ein: „Als sich die kleine Gruppe der Psychoanalytischen Linken in Berlin ab 1932 zu einer »Fraktion« zusammenschließt, mit regelmäßigen thematischen Treffen, beteiligt Edith Jacobson sich daran aktiv. Ihr politisches Bewusstsein als Jüdin und Demokratin wird angesichts der realen Bedrohung geweckt. Sie schließt sich der »illegalen« politischen Widerstandsgruppe »Neu Beginnen« an …“ Nach ihrer Verhaftung durch die Gestapo gibt es zahlreiche Reaktionen. Einige ihrer Kollegen sind besorgt und erschreckt, andere wiederum „insbesondere sofern sie keine Juden und insofern sie nicht persönlich bedroht waren, fühlten sich offenkundig nicht durch die Entrechtung und Gefährdung Jacobsons in ihrem Seelenleben gestört. Sie fürchteten vielmehr, hierdurch nun selbst Gegenstand von direkten Verfolgungsmaßnahmen zu werden.“

Im dritten Teil schließlich sind die Abschriften des schwarzen Hefts zu lesen, kommt also Edith Jacobson auch selbst zu Wort. „Seele, Seele, warum senkst Du/ deine Flügel traurig nieder/ nicht ein Traumgedicht noch schenkst du/ u. verstummt sind deine Lieder.“ lautet etwa die erste Strophe des Gedichts Traurig. Und die anschließenden Faksimiles zeigen die Aufzeichnungen aus dem schwarzen Heft und machen deutlich, wie viel Arbeit es gewesen sein muss, diese handschriftlichen Notizen zu entziffern und abzuschreiben. Aber es hat sich gelohnt. Denn die Texte vervollständigen einerseits das Bild von Edith Jacobson, und stehen andererseits so eingebettet auch für sich alleine, als Zeugnis einer wunderbaren willensstarken Frau.

AVIVA-Tipp:  Auf rund 250 Seiten findet man in den „Gefängnisaufzeichnungen , herausgegeben von Judith Kessler und Roland Kaufhold, das Portrait und die authentische Stimme der jüdischen Psychoanalytikerin Edith Jacobson. Mit Gedichten, Analysen und Tagebucheinträgen von Edith Jacobson einerseits und den Erzählungen rund ums schwarze Heft von Judith Kessler andererseits wird ein Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart geschlagen.

die Herausgeber: 

Judith Kessler, Sozialwissenschaftlerin, Redakteurin und Autorin. Studien und Publikationen zur jüdischen Gegenwartskultur, sowjetisch-jüdischen und israelischen Migration sowie Biografieforschung. Daneben Übersetzungen aus dem Polnischen und Jiddischen.

Roland Kaufhold, Dr. phil., Publikationen zur psychoanalytischen Emigrationsforschung und zur jüdischen Identität nach der Schoa, u.a. Ernst Federn: Versuche zur Psychologie des nationalsozialistischen Terrors (Hg. 2014); Jüdische Identitäten in Deutschland nach dem Holocaust (Mithg. 2012); Bettelheim, Ekstein, Federn (2001); Deutsch-israelische Begegnungen (Mithg. 2001)

Edith Jacobson

Gefängnisaufzeichnungen

Buchreihe: Bibliothek der Psychoanalyse

Verlag: Psychosozial-Verlag

247 Seiten, Broschur, 148 x 210 mm

Erschienen im Juni 2015

Mit einem Vorwort von Hermann Simon, herausgegeben von Judith Kessler und Roland Kaufhold

ISBN-13: 978-3-8379-2513-5

EUR: 29,90

„Unternehmen Weserübung“ – Der Überfall auf Skandinavien

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Nordnorwegen: deutsche Kriegsschiffe in Narvik (Bundesarchiv, Ehlert, Max / CC-BY-SA)
Nordnorwegen: deutsche Kriegsschiffe in Narvik (Bundesarchiv, Ehlert, Max / CC-BY-SA)

Vor 75 Jahren hat die deutsche Wehrmacht Dänemark und Norwegen überfallen. Am 9. April 1940 begann das „Unternehmen Weserübung„. In den folgenden Jahren der Besatzung wählten Norweger und Dänen recht unterschiedliche Strategien. Mit der NS-Herrschaft in Skandinavien beschäftigen sich auch zahlreiche Bücher – drei werden hier vorgestellt.

Von Patrick Gensing

Norwegen und Dänemark waren nicht am 2. Weltkrieg beteiligt, sondern neutral. Dänemark musste wegen der gemeinsamen Grenze mit dem hochgerüsteten und aggressiven Deutschen Reich mit einer sofortigen Invasion rechnen, falls sich das kleine Königreich den Alliierten angeschlossen hätte.

Norwegen verfolgte ohnehin einen streng pazifistischen Kurs und hoffte, an der nördlichen Peripherie Europas vom Krieg unbehelligt zu bleiben. Allerdings wuchs im Laufe des Krieges die strategische Bedeutung Skandinaviens – vor allem der Westküste.

Deutscher Panzerkampfwagen I in Apenrade, Dänemark, 9. April 1940
Deutscher Panzerkampfwagen I in Apenrade, Dänemark, 9. April 1940

Während Dänemarks Regierung nach dem Einmarsch der Deutschen im Amt bleiben konnte und versuchte, die demokratischen staatlichen Strukturen gegen die Deutschen für eine Zeit nach der Befreiung zu retten, setzten die Deutschen in Norwegen eine Marionettenregierung unter dem norwegischen Nazi Vidkun Quisling ein. Sein Name steht bis heute in mehreren Sprachen als Synonym für einen Kollaborateur oder Verräter.

In Norwegen kämpfte eine Untergrundarmee, Milorg – militärische Organisation, gegen die Besatzer und brachte den Deutschen in dem unwegsamen Regionen Norwegens einige empfindliche Niederlagen bei. Noch heute finden sich auf den Fjorden alte Fahrzeuge der Wehrmacht, die von Milorg in Sabotageaktionen zerstört wurden. Dadurch mussten die Nazis weit mehr Truppen in Norwegen stationieren, als sie geplant hatten. Diese Einheiten fehlten beim Kampf gegen die Alliierten. Gleichzeitig wurde Milorg nach dem Krieg auch kritisiert, weil ihre Aktionen zu wenig Rücksicht auf die Zivilbevölkerung genommen hätten.

Livestream des norwegischen Rundfunks zu den Gedenkfeiern am 9. April

In Dänemark ließen die Deutschen die gewählte Regierung zunächst weitestgehend agieren – was ihnen den Vorteil brachte, dass weniger Personal für neue Strukturen nach Dänemark beordert werden musste. Ohnehin galten die Dänen und Norweger der Nazi-Rassenideologie zufolge als nordische „Rasse“, so dass auch bald Lebensborn-Programme in Skandinavien aufgezogen wurden. Ein Vernichtungskrieg war hier nicht vorgesehen.

Zu der Besatzungszeit in Norwegen und Dänemark liegen diverse Bücher vor, von denen ich drei hier vorstellen möchte, auch wenn zwei davon bislang leider nicht auf Deutsch vorliegen.

Europas nördlichster Minjan

Mehr als 300 Kilometer nördlich des Polarkreises liegt die norwegische Stadt Tromsö. Von Ende November bis Mitte Januar bekommen die knapp 80.000 Einwohner die Sonne nicht zu Gesicht. Dafür können sich die Kinder das halbe Jahr über Schnee freuen.

Tromsö ist bekannt für seine Universität, Fisch und alles, was mit Polarexpeditionen zu tun hat. So erinnert eine Statue an den norwegischen Nationalhelden Roald Amundsen. Nur 30 Meter entfernt steht ein weit weniger bekanntes Monument, das 1995 eingeweiht wurde. Darauf sind die Namen von 17 Männern, Frauen und Kindern zu lesen – sowie die Inschrift »Zur Erinnerung an die Juden aus Tromsö, die in den deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden. In tiefer Ehrerbietung errichtet von ihren Landsleuten. Wir dürfen nie vergessen!«

Die Inschrift ist in doppelter Hinsicht bemerkenswert. So war es weitestgehend unbekannt, dass im fernen Nordnorwegen überhaupt jüdische Gemeinden existiert hatten. Weiterhin ist der Hinweis darauf, dass es sich bei den ermordeten Juden um Landsleute handelte, mehr als eine wohlfeile Formulierung aus einer Sonntagsrede.

Einwanderer

Die Geschichte der kleinen jüdischen Gemeinde in Tromsö beginnt im russischen Zarenreich sowie in Ost-Europa, wo zum Ende des 19. Jahrhunderts der Antisemitismus tobte. Viele Juden flohen gen Westen, emigrierten in die USA. Einige schlugen den Weg nach Norden ein, denn auf der Suche nach einem friedlichen und abgelegenen Ort lag nichts näher als das ferne Nordnorwegen.

Zentrum und Hafen von Tromsø (Urheber: Tohma)
Zentrum und Hafen von Tromsø (Foto: Tohma)

In seinem Buch Als die Stadt still wurde (Norwegisch: Da byen ble stille) erzählt Henrik Broberg die Geschichte dieser Juden, die es nach Nordnorwegen verschlug. Der Autor hat zahlreiche Details, Dokumente sowie eindrucksvolle Bilder aus privaten Alben zusammengetragen und kann so anschaulich darlegen, wie das Leben der Gemeinde zwischen 1910 und 1945 an der nördlichen Peripherie Europas aussah.

Die Juden in Tromsö wurden schnell zu einem festen Bestandteil der Stadt. Sie waren in den örtlichen Sportvereinen organisiert, bauten kleine Firmen auf, betrieben Handel und engagierten sich sozial. Der Autor erzählt, wie eingewanderte Juden nach einigen Jahren die norwegische Staatsbürgerschaft beantragten – und auch erhielten. Das Königreich im Norden war selbst erst seit dem 17. Mai 1905 unabhängig, und die junge Nation war von neuen humanistischen Ideen geprägt.

Damit war allerdings spätestens Schluss, als 1940 die Wehrmacht Norwegen überfiel. Deutschland setzte eine norwegische Marionettenregierung unter dem norwegischen Nazi Quisling ein. Bis heute steht sein Name in mehreren Sprachen als Synonym für Verräter. Unter der Nazi-Herrschaft begann sofort die Entrechtung der jüdischen Bevölkerung. Broberg legt eindrucksvoll dar, wie auch Norweger von der Deportation der Juden in die Vernichtungslager profitierten, indem sie konfiszierte Möbel und andere Wertgegenstände ohne Skrupel für einen Spottpreis erwarben.

Besatzer

Besonders die vielen Fotos hinterlassen beim Leser Eindruck und schaffen eine fast emotionale Bindung zu den Protagonisten, was bei einem Sachbuch eine ungewöhnliche Leistung darstellt. Diese Vertrautheit sorgt dafür, dass der Schrecken, den die deutschen Besatzer und ihre norwegischen Handlanger verbreiteten, für den Leser zumindest ansatzweise vorstellbar wird.

So zitiert Broberg aus einem Dokument, das an das Tagebuch der Anne Frank erinnert: Am 5. Juli 1940 wurde in Tromsö Ruth Salkosky geboren. Ihre Geschichte wird anhand eines Fotoalbums erzählt, in dem ihre Eltern etliche Ereignisse notierten. Beispielsweise schrieb ihre Mutter Rebekka am 27. März 1942: »Papa und viele andere Juden wurden heute in Richtung Süden geschickt. Ruth wird nun gebadet und soll dann in ihrem Bettchen schlafen. Sie ist der einzige Trost, den ihre Mutter in diesen Tagen noch hat.«

Vom Nordpolarkreis nach Auschwitz

Das Fotoalbum erlaubt einen tiefen Einblick in die Nöte und Sorgen der Familie Salkosky – und es zeigt, wie die Familie trotz aller Widrigkeiten versuchte, der kleinen Tochter eine möglichst normale Kindheit zu bieten. So schrieb Mutter Rebekka am 5. August 1941: »Anne Liese Caplan ist ein Jahr alt geworden – und wir waren dort auf dem Geburtstagsfest. Ruth bekam dort ihren ersten Kuss von Herrn Harry Caplan, zwei Jahre alt. Der Anblick der beiden war unbezahlbar.« Das Album überlebte den Krieg, obwohl die Polizei es beschlagnahmte, als Ruth und ihre Eltern verhaftet und nach Auschwitz deportiert wurden.

Henrik Broberg hat die Geschichte der kleinen Ruth und weiterer Juden aus Tromsö nun wieder zu Leben erweckt. Das macht ihr Leid nicht ungeschehen, doch sein Verdienst ist es, dass sie nicht einfach vergessen werden. Das Buch Da byen ble stille hätte es verdient, auch in Deutschland veröffentlicht zu werden, da es einen wenig bekannten Teil der jüdischen Geschichte erzählt.

Glorreiches Dänemark: Die Ausnahme

Während sich also auch in Norwegen Bürger nach Enteignungen von jüdischen Mitbürgern bereicherten, kann Dänemark auf eine geradezu vorbildliche Geschichte beim zivilen Widerstand gegen die Nazi-Schergen und deren Vernichtungspläne verweisen.

Der Journalist und Historiker Bo Lidegaard hat mit seinem Buch „Die Ausnahme – Oktober 1943: Wie die dänischen Juden mithilfe ihrer Mitbürger der Vernichtung entkamen“ ein bemerkenswertes Buch vorgelegt, in dem er nicht nur detailliert die Tage vor der Flucht von 7000 jüdischen Dänen nach Schweden rekonstruiert, sondern auch ein genaues und nachvollziehbares Bild der dänischen Gesellschaft zeichnet.

Dabei wird deutlich, wie sehr sich die dänische Gesellschaft von großen Teilen der Gesellschaft in Deutschland unterschied – und wohl noch immer unterscheidet: Republikanische Werte wurden nicht einfach zum eigenen Vorteil über Bord geworfen – oder ohnehin bekämpft, vielmehr definierten die Dänen ihre eigene Identität weniger über das Dänisch-sein an sich – sondern als zutiefst republianisch. Der dänische Patriotismus wurde pro-demokratisch geprägt und war um Ausgleich bemüht – der deutsche Nationalismus kam hingegen zutiefst antidemokratisch und expansiv daher. Zu der dänischen Identität gehörte auch, Risiken für eine Radikalisierung möglichst präventiv zu bekämpfen, so beispielsweise durch eine gerechte Sozialpolitik – zudem wurden antidemokratische Kräfte nicht auch noch politisch umworben, sondern stigmatisiert.

Flucht nach Schweden im Jahr 1943: Überfahrt von Falster nach Ystad, Schweden (Hochgeladen von File Upload Bot (Magnus Manske))
Flucht nach Schweden im Jahr 1943: Überfahrt von Falster nach Ystad, Schweden (Hochgeladen von File Upload Bot (Magnus Manske))

Viele dänische Juden wollten den Gerüchten nicht glauben, als sich Ende September 1943 die Anzeichen verdichteten, wonach die Deutschen eine „Judenaktion“ vorbereiteten. Doch da die demokratischen Institutionen erhalten werden konnten, verbreiteten sich gesicherte Informationen von der Regierung aus schnell im ganzen Land bis in die jütländische Provinz – via Arbeiterpartei, Kirchen und jüdischen Gemeinden: Die Deportation der jüdischen Bürger Dänemarks stand unmittelbar bevor.

Blumen gießen statt Wohnungen übernehmen

Lidegaard zeigt in seinem Buch, wie selbstverständlich sich die Juden des Königreichs Nachbarn anvertrauten, als es um mögliche Fluchtwege oder Verstecke ging. Denunziantentum war offenkundig geradezu undenkbar. Die Nachbarn rissen sich auch nicht die Möbel und Häuser der geflohenen jüdischen Nachbarn unter den Nagel, sondern kümmerten sich um deren Hab und Gut – gossen sogar bisweilen ihre Blumen.

Der "Danmarks Plass" in Jerusalem.
Der „Danmarks Plass“ in Jerusalem.

Im jenem Oktober flohen 7742 Personen in Jachten und Fischerbooten über den Öresund nach Schweden, dänische Juden, nach Dänemark geflohene deutsche Juden, Staatenlose und ihre Angehörigen. 472 Juden wurden von der Gestapo und ihren Helfern gefunden und ins KZ Theresienstadt verschleppt, 423 von ihnen überlebten und kamen im April 1945 nach Schweden. Mindestens 401 Personen haben ihr Leben aufgrund der deutschen Judenverfolgung verloren.

Lidegaard erzählt nicht nur eine dramatische Geschichte, sondern das Buch spendet auch Mut und beinhaltet politische Ideen, die bis heute brandaktuell sind: Politik kann nämlich durchaus ein gesellschaftliches Klima schaffen, „in dem demokratische und humanistische Werte zu einer ganz selbstverständlichen Handlungsanweisung für die Zivilgesellschaft werden„. Man muss es aber auch wollen.

Eine Schule der Gewalt

Trotz des Loblieds auf die dänische Gesellschaft unter der NS-Besatzung: Es gab selbstverständlich auch Dänen, die sich den neuen Machthabern anschlossen, mit ihnen kollaborierten. Mit diesem weniger ruhmreichen Kapitel der dänischen Geschichte beschäftigen sich Dennis Larsen und Therkel Stræde. In ihrem Buch „En skole i vold“ (Eine Schule der Gewalt) dokumentieren die Historiker von der Universität Süddänemark in Odense den Anteil von Dänen an den unfassbar grausamen Verbrechen der Nazis gegen Zwangsarbeiter, Zivilbevölkerung und Juden.

Mitglieder des Freikorps Dänemark (Quelle: Bundesarchiv, Bild 101III-Weill-096-27 / Weill / CC-BY-SA)
Mitglieder des Freikorps Dänemark (Quelle: Bundesarchiv, Bild 101III-Weill-096-27 / Weill / CC-BY-SA)

Es handelte sich dabei um 800 bis 1000 Dänen, die sich 1942/43 zum Freikorps Dänemark gemeldet hatten. Sie verbrachten ihre Ausbildungszeit im „Waldlager“, einer Militärbasis der SS in Bobruisk, Weißrussland. Hier wurden die jungen Dänen gedrillt – und jüdische Zwangsarbeiter zu Tode geschunden.

Die dänische Einheit beteiligte sich an dem Massenmord sowie dem Kampf gegen angebliche oder tatsächliche Partisanen. Die Verfasser des Buchs „En skole i vold“ setzen dabei den dänischen Anteil an den Verbrechen in den Gesamtkontext des Vernichtungskriegs an der Ostfront und der NS-Herrenmenschenideologie.

Die dänische Tageszeitung Berlingske würdigte das Buch als „ungeheuer wichtig“. Es zeige die verdrängte Grausamkeit von Dänen, die mit den Nazis kollaboriert hatten.

Gleichzeitig sei streng genommen aber nicht eindeutig belegt, betont Af Palle Andersen von der „Historisk Samling fra Besættelsestide„, wie die dänischen SS-Männer konkret agiert hätten. Allerdings seien sie in die „Gewaltkultur“ der SS eingebettet gewesen, daher liege der Schluss nahe, dass sie auch an schweren Gewalttaten beteiligt waren.

Letztendlich erzähle das Buch aber mehr über das deutsche Besatzungsregime im Osten allgemein und in Bobruisk im Speziellen. Hier glänze das Werk durch eine überragende Darstellung und einen großen Reichtum an Details.

Videos zum Thema:

Dänischer Rundfunk aus der Serie „24 timer vi aldig glemme“ (24 Stunden, die wir niemals vergessen): Der 9. April, der Tag als die Deutschen kamen“

Norwegischer Rundfunk mit Originalmaterial aus dem Jahr 1940: Die Deutschen kommen:

Weitere Informationen:

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Das Akademische Karussell: Nationalsozialismus und totale Herrschaft

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Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um den Politikwissenschaftler Gert Schäfer und seine Arbeiten zu Nationalsozialismus und totaler Herrschaft.

Von Samuel Salzborn*

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Ohne Gert Schäfer wäre die deutschsprachige Diskussion über den Nationalsozialismus ohne Frage völlig anders gelaufen und hätte höchstwahrscheinlich zentrale Aspekte der Analyse totaler Herrschaft erst mit noch deutlicherem Verzug zur englischsprachigen Debatte reflektiert. Denn Schäfer war es, der eines der zentralen Werke über den Nationalsozialismus, das noch während der NS-Herrschaft erschienen war und sich intensiv der politiktheoretischen und damit konzeptionellen Analyse widmete, in den späten 1970er Jahren durch Übersetzung und kommentierte Herausgabe für die deutsche Diskussion zugänglich machen. Die Rede ist von dem Werk „Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933–1944“ von Franz L. Neumann, das in Verbindung mit Ernst Fraenkels „Dual State“ bis heute in seiner analytischen Schärfe und Präzision zu den umsichtigsten Analysen der Herrschaftsstruktur des Nationalsozialismus gehört – trotz einiger Revisionen, die gerade mit Blick auf die von Neumann vorgenommene zu starke Betonung der Bedeutung der Ökonomie und seine weitgehende Ausblendung des Antisemitismus nötig waren. Dass der Nationalsozialismus kein Staat, sondern Neumann folgend ein totaler Unstaat war, der zentrale Aspekte moderner Vergesellschaftung in ihrer ambivalenten Integration von Freiheit und Souveränität zerstört hat, ist nicht nur für ein Verständnis des Nationalsozialismus zentral, sondern auch für die gesamte Staatstheoriediskussion.

Schäfer, der den „Behemoth“ in einer Zeit in die deutsche Debatte einbrachte, als diese noch von plump-ökonomisierenden Ableitungsdebatten oder der kollektiven Selbstentlastung dienenden Personalisierungsvorstellungen geprägt war, hat als Politikwissenschaftler in Frankfurt und Hannover mit den Schwerpunkten Politische Theorie und Gesellschaftstheorie sowie Analyse Politischer Systeme gelehrt und war nicht nur von der Kritischen Theorie, sondern auch stark von Hannah Arendt geprägt. Hat er zur NS-Forschung durch die deutsche Herausgabe des „Behemoth“ einen wesentlichen Beitrag geleistet, so war er in der politikwissenschaftlichen Debatte seither weniger präsent – wohl zum einen, weil er seinen Veröffentlichungen lange Reflexionsprozesse voranstellte, zum anderen, weil manche seiner Arbeiten an eher entlegenen Orten publiziert wurden. Sein mit Carl Nedelmann herausgegebenes Buch „Der CDU-Staat“ (1967) war dabei allerdings ein wesentlicher Motor zum Verständnis der autoritären Strukturen des Politischen Systems der Bundesrepublik bis in die späten 1960er Jahre hinein. Dass er überdies in den 1990er Jahren an seinem Interesse an der Analyse sozialistischer Theoriebildung festhielt, mag seine Unterschätzung in der jüngeren Politikwissenschaft erklären, wenn auch nicht begründen.

Peter Schyga kommt nun das große Verdienst zu, aus dem Nachlass von Gert Schäfer einige unveröffentlichte Arbeiten in einem Band unter dem Titel „Gewalt und Politik. Studien zu Nationalsozialismus und totaler Herrschaft“ herausgegeben zu haben. Neben einem Aufsatz zu Trotzki und einem zu Arendt sowie einem einleitenden Beitrag über „Das Ende von Weimar“ und einem schließenden über „Die Zerstörung der Aufklärung“ bildet ein Vorlesungszyklus über „Formen politischer Herrschaft“ das Herzstück dieser Edition. Der Band, der auf Textfragmenten in unterschiedlichen Graden der Verschriftlichung von Schäfer basiert – von komplett ausformulierten Texten bis hin zu losen Gedankengängen und Stichworten – wurde von Schyga in eine einheitliche Textstruktur gebracht, wobei viele der Auslassungen überzeugend begründet sind, in manchen Fällen wären aber gerade weggelassene, längere Zitate von Dritten ob der Lesbarkeit besser in den Text integriert worden. Insgesamt ist aber gerade im Hauptteil die Vorlesung über „Formen politischer Herrschaft“, in deren ersten Teil es im Sommersemester 1981 um „Bonapartismus, Faschismus/Nationalsozialismus, Autoritärer Staat“ und in deren zweiten Teil es im Wintersemester 1981/82 um „Autoritarismus und Totalitarismus im 20. Jahrhundert“ ging, gut editiert und zeigt die analytischen Gedankengänge von Schäfer, gerade an den Schnittstellen von Politischer Theorie- und Politischer Systemanalyse, in hervorragender Weise. Heute, da die Debatte in der Demokratie- und Autokratieforschung auf die empirische Analyse politischer Herrschaftssysteme fokussiert, kann man von Schäfer in Erinnerung gerufen bekommen, wie gewinnbringend eine theoretisch reflektierte Perspektive auf Fragen von Demokratie, Autokratie und Totalitarismus sein kann.

Schäfer spricht in seinen Vorlesungen über Schlüsselthemen der Politik- und Ideengeschichte und bindet sie an die Entstehung und Genese konkreter politischer Herrschaftssysteme, insbesondere den Nationalsozialismus. Stark im Zentrum stehen – natürlich – Carl Schmitt und Franz L. Neumann (unter anderem auch mit einem spannenden Versuch, Neumanns letzte Schrift „Angst und Politik“ noch einmal, wohl durchaus in Neumanns Sinne, für die Herrschaftsanalyse mit Blick auf das Moment der vergemeinschaftenden, nicht-rationalen Identifizierung fruchtbar zu machen), es werden Themenfelder wie Nationalismus, (Rasse-)Imperialismus, politische Ökonomie, Cäsarismus – Bonapartismus – Faschismus, Massen und Massenbewegungen, Gehorsam und Gewalt, Herrschaft, Freiheit und Eigentum, Autoritarismus und Totalitarismus, politische Gewalt, Recht und Gesetz, Rechts- und Polizeistaat diskutiert.

Gert Schäfer ist im Jahr 2012 gestorben. In den Jahren vor seinem Tod wollte er eigentlich noch einen Beitrag zur Analyse von Neumanns „Behemoth“ und der Entwicklung der Debatte über das Buch zu einem Sammelband über Neumann beisteuern, den der Verfasser dieses Beitrags herausgegeben hat. Dazu ist es aufgrund seiner schweren Erkrankung nicht mehr gekommen. Dem jetzigen Band kommt gleichwohl das Verdienst zu, zentrale Überlegungen von Schäfer zu Neumann und darüber hinaus zu autoritärer und totaler Herrschaft zu bewahren und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es wäre zu hoffen, dass diese intellektuelle Bewahrung Schäfers Rezeption in der Politikwissenschaft intensiviert.

Peter Schyga (Hg.): Gewalt und Politik. Studien zu Nationalsozialismus und totaler Herrschaft. Edition Gert Schäfer, Nomos: Baden-Baden 2014, 446 Seiten.

* Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Von ihm ist in diesem Jahr erschienen:

Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze
Nomos/UTB: Baden-Baden 2014, 149 Seiten

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Auf Publikative.org schreibt Salzborn die Kolumne „Das Akademische Karussell“