Der Abschied von der Ukraine

Swoboda-Fahnen auf dem Maidan (Foto: http://www.flickr.com/photos/grocap/ |CC BY-NC-ND 2.0)

Steht ein militärischer Konflikt zwischen Russland und der Ukraine kurz bevor? Putin hat alle nötigen Befugnisse beantragt, zögert aber vor deren Gebrauch. Vor allem zeigt Russland seine Macht: Das Imperium Russland ist zurück.

von Sergey Lagodinsky

Swoboda-Fahnen auf dem Maidan (Foto: http://www.flickr.com/photos/grocap/ |CC BY-NC-ND 2.0)
Swoboda-Fahnen auf dem Maidan (Foto: http://www.flickr.com/photos/grocap/ |CC BY-NC-ND 2.0)

Und plötzlich will er es doch nicht. Wladimir Putin hat zwar die Befugnisse beantragt, zögert aber wohl von ihnen Gebrauch machen. So der Stand Heute. Das bestätigt, was ich längst vermutet habe: Das Rezept Krim heißt „Aufkochen und sofort einfrieren“. Ein eingefrorener Konflikt nützt Putin mehr als einer, der sich ausbreitet. Mit einem Konflikt im Krim ist Ukraine nicht mehr NATO- und kaum EU-fähig. Und wie wichtig muss sich die russische Führung vorkommen: Eine einzige Abstimmung im Oberhaus des Parlaments auf Antrag des Präsidenten versetzt die Welt in eine Schockstarre. Wann war zuletzt solch eine schicksalhafte Wichtigkeit der Entscheidungen aus Moskau für die Weltzukunft spürbar? 1957 in Ungarn? 1968 in Prag? Bei der Kuba-Krise oder doch beim Mauerfall?

Doch lohnen sich die Mühen? Bei einem abgebrochenen Konflikt ist der Nutzen kaum größer als der Schaden. Und dieser Schaden ist zweierlei Verlust: Die gegenwärtige russische Führung hat sich entzaubert und damit gleichermaßen Ukraine wie den Westen verloren.

Der Preis heißt der letzte Rest Sympathie, der letzte Tropfen Hoffnung, das letzte Stückchen Vertrauen in die gegenwärtige russische Führung. Die letzten Illusionen sind verflogen. Olympische Spiele, die am Ende doch selbstironisch und sympathisch rüberkamen werden in die Geschichte als Olympische Vorspiele eingehen – als Vorspann für eine Intervention ins Nachbarland, nur wenige hundert Kilometer von Sotschi entfernt. Und für die Ukrainer? Für viele von ihnen war Russland lange ein unbequemer, aber doch verwandter Nachbar. Jetzt ist Russland ein gefährlicher Feind. Und wird ein solcher für die meisten Ukrainer bleiben.

Und was bedeutet die Eskalation für den Westen? Vieles von dem, was in und um Kiew herum in letzten Wochen gelaufen ist, erinnerte an Spannungen im Kalten Krieg. Beide Seiten haben sich hieran beteiligt. Doch Russland, nicht der Westen hat die Imitation des Kalten Krieges zu Ende gespielt. Militärische Ausdehnung der eigenen Einflusssphäre inklusive. Und damit ist die Phase der Geschichte zu Ende, die mit Perestrojka begonnen hat. Das Imperium Russland ist zurück. Der Kreis ist vollendet. Neues Spiel. Neues „Glück“.

Siehe auch: Maidan: Die Revolution ist vorbei

Schuld abladen verboten!

Vergangenheitsensorgung im Spiegel

Der Spiegel will sich offenbar der leidigen Schuldfrage für Weltkriege und Holocaust entledigen – und reanimiert dafür Ernst Nolte samt Historikerstreit. Vollkommen begriffslos hantiert Spiegel-Autor Dirk Kurbjuweit mit Geschichte: für ein unbelastetes Nationalbewusstsein.

Von Andreas Strippel

„Schuld abladen verboten“ nannte 1965 die Münchner Lach- und Schießgesellschaft ihr Kabarettprogramm. Ein passender Titel, diskutierte doch damals Westdeutschland öffentlich Schuldfragen und das gleich zu zwei Themen. In Folge des Eichmann- und Auschwitzprozesses zum Holocaust und durch die Thesen des Hamburger Historikers Fritz Fischer zur Verantwortung für den Ersten Weltkrieg.

Diese Diskussionen waren auch bitter nötig, lebten doch viele Täter des Holocaust unbehelligt in Westdeutschland – und der Erste Weltkrieg war bisher hauptsächlich über sein Ende und die Versailler-Verträge diskutiert worden. Diese gesellschaftlichen Debatten waren Teil eines mühsamen Prozesses, die Nachkriegsrealitäten und damit auch die Grenzen – nicht nur zur DDR, sondern auch zu Polen und der damaligen Tschechoslowakei  – anzuerkennen.

Vergangenheitsensorgung im Spiegel
Vergangenheitsentsorgung im Spiegel

Beide „Schuld-Debatten“ trugen dazu bei, dass sich das nationale Selbstverständnis wandelte und sich langsam dem Standard der westlichen Zivilisation annäherte.

Eine ähnliche Funktion hatte der Historikerstreit in den 1980er Jahren. Dazu gehörte auch, die Zweistaatlichkeit Deutschlands als Realität hinzunehmen, sie sogar zu akzeptieren. Bekanntermaßen beendete der Zusammenbruch der Sowjetunion diese historische Konstellation und die DDR trat dem Geltungsbereich des westdeutschen Grundgesetzes bei.

Der Spiegel Autor Dirk Kurbjuweit meint nun, dass die Welt sich weiter gedreht habe und man jetzt die vermeintlich unterlegene Seite in der Fischer-Kontroverse sowie dem Historikerstreit ins Recht setzen müsse:

Die deutsche Gegenwart war […] für Jahrzehnte stark von diesem Schuldvorwurf geprägt. Inzwischen gibt es zu den Streitpunkten beider Debatten neue Erkenntnisse, die eher die unterlegene Seite unterstützen. Folgt daraus ein neues Selbstverständnis für die Deutschen?

Nein, meint Kurbjuweit und fordert daher eine Revision; jedoch weniger der Geschichte, sondern des deutschen Selbstverständnisses. Geschichte ist ihm nur Vehikel für einen neuen deutschen Nationalismus, als ob es diese Selbstverständigung ganz ohne Geschichtsrevision nicht schon seit 2006 gäbe.

Nolte und seine These vom „kausalen Nexus“ 

Ohne besonders viel Ahnung von seinem Gegenstand zu haben, steuert Kurbjuweit in die argumentative Katastrophe. Als Kronzeuge dient ihm dabei Ernst Nolte und seine These vom „kausalen Nexus“ der stalinistischen Verbrechen zum Holocaust. Denn Nolte gleich möchte er offenbar den Deutschen die Schuld austreiben; für den Holocaust, den Ersten Weltkrieg und – so kann ein unkommentiertes Zitat Noltes an der angeblichen Verantwortung Polens verstanden werden – schließlich auch noch am Zweiten Weltkrieg. Kurz gesagt: ein neues deutsches Selbstbewusstsein. Und dafür muss die Vergangenheit beerdigt werden, koste es auch Logik und Verstand.

Ausgangspunkt ist eine Spiegel-Serie zur Schuldfrage am Ersten Weltkrieg. Und wie alle konformistischen Rebellen baut Kurbjuweit erst mal einen Popanz auf, den er dann als mutiger Tabubrecher wieder einreißt. Er  behauptet einfach, Fritz Fischers Forschungen seien heute quasi die beispielhafte Erzählung der Geschichtswissenschaft zum Thema, da sie die deutsche Schuld festgestellt habe. Das Fischers Ergebnisse immer in Frage gestellt wurden, gibt eigentlich der Begriff der Fischer-Kontroverse schon her. Darüber hinaus stieß er mit seinen Thesen bei Freund und Feind weitere Forschung an, die das Wissen um den Kriegsausbruch deutlich vermehrt haben. Joachim Radkau fasste dies in der Zeit so zusammen:

Denn ohne große Entscheidungsschlacht hat sich in der Forschung bis heute ein Konsens auf einer „Fischer light“-Position eingependelt: dass die deutsche Reichsregierung in der Julikrise 1914 den Krieg ausgelöst habe, absichtsvoll, jedoch nicht von langer Hand geplant, im hektischen Hin und Her diplomatischer Schachzüge und hereinströmender Informationen.

Vertreter des „Schuldkomplexes“

Nachdem der Popanz also aufgebaut ist, bringt Spiegel-Autor Kurbjuweit das Buch von Christopher Clark „die Schlafwandler“ als Sicht der Dinge ins Spiel, die endlich Schluss mache, mit der vermeintlichen Vorherschaft derjenigen, die sich für die „größtmögliche Schuld“ aussprechen. Als zweiten Kronzeugen führt er Herfried Münkler an, der sich jedoch mit seinem Buch jenseits der Thesen von Hineinschlittern oder Hauptschuld Deutschlands positioniert, und den gesamten Krieg  als ein „Kompendium für alles das, was man falsch machen kann“ begreift.

Liste mit Zahlen über die jüdische Bevölkerung, die bei der Konferenz benutzt wurde.
Liste mit Zahlen über die jüdische Bevölkerung, die bei der Wannsee-Konferenz benutzt wurde.

Mit Hans-Ulrich Wehler lässt er zwar einen Vertreter der deutschen Hauptschuldthese zu Wort kommen, aber nur um ihn als Vertreter des Schuldkomplexes zu denunzieren. Wehlers Position dient offenkundig nicht der inhaltlichen Auseinandersetzung, sondern nur als erzählerischer Kniff, um Ernst Nolte Relativierung des Holocausts  zu rehabilitieren.

Bevor Nolte seinen großen Auftritt bekommt, lässt Kurbjuweit jedoch noch den Osteuropahistoriker Jörg Baberowski zu Wort kommen, der  Nolte verteidigt. Baberowski argumentiert über die Massengewalt und die Lager der Stalinismus sowie die Personen Hitler und Stalin. Der Holocaust sei gar kein singuläres Ereignis wegen der ähnlichen Methoden und außerdem sei Stalin der grausamere Psychopath gewesen.

Und dann lässt Kurbjuweit mehrere Absätze lang Nolte zu Wort kommen. Der darf unwidersprochen den Holocaust ursächlich der Gewalt in der Sowjetunion zuschreiben. Nolte reduziert das Neue am Judenmord auf den technischen Vorgang des Vergasens und bemüht als Kronzeugen einen „Juden“ – eine beliebte rhetorische Figur, die in erster Linie dazu dient, sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus zu immunisieren. Darüber hinaus erklärt er den NSU zur unpolitischen Mordbande, erzählt persönliches und gibt England und Polen Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Daran ist so ziemlich alles falsch, was man sich vorstellen kann. Sicherlich hatte Hitler Informationen über die Grausamkeiten des Stalinismus. Analog  könnte man argumentieren, dass Hitler über die Brutalität des Kolonialismus informiert war. Für ihn sollte Osteuropa ja auch ein deutsches Indien werden. Aber Versuche von der Kolonialgewalt oder gar den kolonialen Genoziden eine gerade Linie nach Auschwitz zu ziehen, greifen ebenso zu kurz wie der phänomenologische Ansatz  der stalinistischen Massengewalt. Das Elemente beider als Praxisvorbild für die deutsche Besetzung Osteuropas gedient haben könnten, ist eine Überlegung wert. Beides ist jedoch völlig ungeeignet, die eigene und neue Qualität des nationalsozialistischen Mordprogramms hinreichend zu analysieren.

Zweckrationale Herrschaftstechniken

Der Holocaust ist ein präzendensloses Verbrechen, weil die Natur des Verbrechens eine andere ist, als die der Kolonialverbrechen oder der Verbrechen des Stalinismus. Stalinismus und Kolonialismus sind sehr unterschiedlich, jedoch kann man beide als zweckrationale Herrschaftstechniken begreifen, deren entfesselte Gewaltpotentiale in Massenmord und Genozid mündeten. Verkürzt gesagt: Der Kolonialismus funktioniert über rassistische Überlegenheitsvorstellungen als Alibi für die Unterdrückung, die Figur der Verräter an der Revolution als Rechtfertigung zum hemmungslosen Gewalteinsatz zur Herrschaftssicherung. Die Wahllosigkeit mit der Verräter bestimmt wurden, steht nebenbei im krassen Gegensatz zu der Sicherheit, die konformistische Deutsche im NS-Staat hatten, Juden jedoch niemals besaßen.

Die Leugnung der eigenen Qualität des Holocausts über den Begriff der Massengewalt funktioniert, weil kein Begriff von Antisemitismus vorhanden ist. Antisemitismus wird, sofern er überhaupt eine Rolle spielt, als eine austauschbare Form des Vorurteils oder des Sündenbocksyndroms betrachtet. Die Ermordung der europäischen Juden war jedoch nicht ein zweckrationales Herrschaftsmittel, sondern ein Erlösungsversprechen gegen die Krisen der Moderne, das nur eingelöst werden konnte, wenn alle Juden ermordet würden. Mit den Juden sollten die Verwerfungen der Moderne sterben. Dieser totale physische Vernichtungsanspruch ist ein zentrales Unterscheidungsmerkmal zu stalinistischen aber auch kolonialen Verbrechen.

Applaus aus der extremen Rechten 

Gedenken in Dresden: CDU und NPD auf dem Heidefriedhof
Gedenken in Dresden: CDU und NPD 2009 auf dem Heidefriedhof

Das Ernst Nolte heute vor allem auch Applaus aus der extremen Rechten erhält, verwundert bei seinen Thesen kaum. Zuletzt gab Nolte dem extrem rechten Magazin „Hier & Jetzt“ ein langes Interview. Geführt wurde dieses vom NPD-Landtagsabgeordneten Arne Schimmer, der auch als Chefredakteur der Publikation agiert. Nach dem Vergleich von Auschwitz und der Bombardierung von Dresden befragt, bezeichnet Nolte dies als „Provokation“, aber zumindest als eine „unausgetragene Streitfrage“.

Baberowski schließt aus ähnlichen Methoden der Unterdrückung auf einen Zusammenhang und kommt dabei – gemessen an den Zitaten aus dem Artikel – komplett ohne politische Begriffe aus. Noltes Insistieren auf den Bolschewismus verweist zumindest darauf, dass er verstanden hat, dass neben dem Antisemitismus der Antimarxismus ein zentrales Element des Nationalsozialismus war, der im Verbund mit einen antislawischen Rassismus eine zentrale Triebfeder des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion aber auch gegen Polen war. Aber davon redet Nolte nicht.

Noch hinter Guido Knopp

Und Kurbjuweit? Dem geht es wohl nicht um solche Fragen, sondern halt um die Sache mit der Schuld. Historische Erkenntnis dient hier nur als ein Vehikel. Zu den den Holocaust-relativierenden Thesen steht nur ein verschwurbelter Alibisatz, dass die Logik Noltes „schon länger ein Argument von Judenhassern“ ist. Das soll vermutlich Distanz zu Leuten herstellen, mit denen er sein neues deutsches Nationalbewusstsein nicht kontaminieren will. Auch versteckt Kurbjuweit sich hinter der Proseminar-Weisheit, dass Geschichtsdeutungen immer im Wandel sind. Historische Verantwortung und Schuld verschwinden bei ihm einfach in einem indifferenten Jahrhundert der Gewalt, das alle Unterschiede einebnet und die Diskussion um Schuld selbst historisiert und entsorgt. Damit fällt er noch hinter Guido Knopp zurück, der zumindest Hitler als Schuldigen sah.

Das Problem mit dem Nationalismus ist jedoch, dass die Nation eine gleichsam überhistorische Erscheinung darstellt, die historisch begründet wird. In früheren Zeiten wurde mit dem Mittel der nationalen Meistererzählung eine gerade Line ins heute gezogen. Diese Technik der nationalen Selbsterbauung funktioniert angesichts der Faktenlage nicht mehr. Daher zieht er mit der Geschichtsdeutung gegen die Geschichte ins Felde. Frei von historischer Schuld soll sein Deutschland heute sein. Das Problem ist nur, dass es das nicht ist.

Siehe auch: Ernst Jünger und der Erste WeltkriegFolgenloses GedenkenNS-Neuordnungsphantasien und die Ermordung der JudenCarl Schmitt und die Machtübernahme der NazisDeutsche Geschichte bei Lanz: Zu wenig Kolonien, zu viele JudenPolen empört über “Unsere Mütter, unsere Väter”

Don’t call me white, Markus!

Moderator Markus Lanz (Foto: Udo Grimberg, Wikimedia Commons, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Markus_Lanz.JPG)

Warum es schlicht und ergreifend ein unwürdiges Spektakel ist, wenn „Wetten dass ..?“ das Augsburger Fernsehpublikum dazu aufruft, sich als „Jim Knopf“ zu verkleiden  und zwar „schwarz geschminkt“, mit „Schuhcreme, Kohle, was auch immer“.

Von Andrej Reisin

Moderator Markus Lanz (Foto: Udo Grimberg, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)
Moderator Markus Lanz (Foto: Udo Grimberg, Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0)

Manche Sachen kann man ja so oft erklären, wie man will, die Kritisierten wollen es einfach nicht begreifen. Paradebeispiel: Wieso ist die Praxis, sich als hellhäutiger Mensch dunkle Schminke ins Gesicht zu schmieren, um einen „Schwarzen“ zu spielen („Blackface“) rassistisch? Da andere das schon besser erklärt haben, sei hier der Sprachwissenschaftler Prof. Anatol Stefanowitsch zitiert:

Jedes Mal, wenn ein schwarzgeschminkter Weißer irgendwo auftritt, sagt das: Schwarze können das nicht. Schwarze kennen wir nicht. Schwarze gibt es in unserer Mitte nicht. Was Schwarze von dieser Rolle halten würden, wenn es sie in unserer Mitte gäbe, interessiert uns nicht.

Eigentlich ganz einfach: Diese Gesellschaft besteht schon längst nicht mehr nur aus solchen „Deutschen“, deren Deutschsein vor allem ein Deutschtum ist, das sich auf Abstammung, Hautfarbe  und eine vage Vorstellung von „Kultur“ beruft. Es mag den Sarrazins der Republik nicht passen, auf den Wecker gehen, sie die Wände ihrer historizistischen 19. Jahrhundert Pseudofachwerk-Stadtvillen im Hänsel-und-Gretel-Stil hochtreiben, aber die Stadt ist nicht ihre Stadt und das Land ist nicht ihr Land.

Daher kann man als Gameshow im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk gefälligst auch mal drüber nachdenken, ob die Annahme, alle Augsburger/innen müssten sich schwarz schminken, wenn sie als Nicht-Weiße durchgehen wollen, denn wohl richtig sein kann – oder schlicht und ergreifend die Vielfalt der Menschen in diesem Land negiert. Stattdessen aber bleibt das verhunzikerte Lanz-Land in der Vorstellung des ZDF offenbar zumindest vorerst weiß – und deutsch bleibt bio-deutsch wie in Ius sanguinis. Vielleicht fällt dem Mainzer Sender ja nochmal was anderes ein, als beispielsweise halbe Ausgaben des Sportstudios damit zu verbringen, sich mit den Deutschkenntnissen von Fußballprofis zu beschäftigen – vielleicht aber auch nicht:

Offenbar muss so etwas jeder Bundesligaspieler über sich ergehen lassen, vom dem sich mit Gewissheit sagen lässt, dass er nicht in der Lage ist, Heidegger im Original zu lesen. Wird das jemals aufhören? Man müsste einmal untersuchen, ob deutsche Fußballer, die gerade ihren Arbeitsplatz ins Ausland verlegt haben, in dortigen TV-Sendungen auch über den Stand ihrer Sprachkenntnisse Bericht erstatten müssen. Sehr wahrscheinlich nicht.

„Und woher kommst Du? – Neukölln. – Und Deine Eltern …?!?“

Aufgewachsen in einer Zeit, als Berlin noch nicht wie Brooklyn sein wollte (was es übrigens auch heute nicht ist), weiß ich dagegen noch, was Haftbefehl meint, wenn er als Höhepunkt von unerträglich hingerotzten zwei Minuten fragt: „Hast du auch schwarze Haare? Welcome to Alemania …“ Dafür muss man nämlich kein Offenbacher Gangstarrapper sein, es reicht, die Frage „Und woher kommst Du?“ schon in Kindheit und Jugend so oft gestellt bekommen zu haben, dass man jederzeit jedem Fragesteller und jeder Fragestellerin unaufgefordert vor die Füße kotzen könnte.

Denn schließlich: Arier-Nachweis war vor-vor-vor-vor-vor-vor-vor…gestern – und ja, ich habe immer (ja: immer) das Gefühl, dass das und nichts anderes gemeint ist. Sorry, aber das ist keine unschuldige Frage an jemanden, dessen Großeltern väterlicherseits plus gesamter Familie schon auf der Todesliste des Rechtsvorgängers des aktuellen Staatswesens und seiner damaligen Gesellschaft standen.

Ahnungslos dagegen deutsche „Medienmagazine“ wie DWDL auf Twitter:

Es wäre auch zu viel verlangt, wenn man von „Medienmagazinen“ in Deutschland eine kritische Auseinandersetzung mit medialer Inszenierung und Performanz erwarten würde. Oder auch nur das Lesen von ein paar Hintergrundtexten. Stattdessen wird der Verweis auf Wikipedia geradezu putzig vom Tisch gefegt:

Jeder blamiert sich halt, so gut es geht, Falltüren im Niveaukeller sind schnell gefunden. Dabei war der Hinweis genau umgekehrt gemeint: Guckt doch wenigstens mal auf Wikipedia nach, wenn ihr schon nicht in der Lage seid, längere Texte zu lesen, weil ihr so viel Fernsehen gucken müsst:

Im Jahre 2012 haben gut 18 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen einen multiethnischen Vordergrund. Rund acht Millionen von ihnen sind Deutsche, weitere sieben Millionen besitzen zwar nicht die deutsche Staatsbürgerschaft, prägen, gestalten und definieren aber durch ihren permanenten Aufenthalt hier die deutsche Kultur genauso mit. All diese Menschen werden zukünftig immer weniger bereit sein, sich damit zufrieden zu geben, dass ihre Gleichberechtigung gegenüber weißen Deutschen zwar auf dem Papier garantiert, aber in der Realität ein frommer Wunsch ist. Sie werden es nicht mehr hinnehmen, dass die deutsche Mehrheitsgesellschaft ihnen vorzuschreiben versucht, wann sie sich diskriminiert fühlen dürfen und wann nicht. Und dass diese Gesellschaft die Definitionshoheit darüber beansprucht, was Rassismus ist, wie ein Deutscher aussieht und wer die deutsche Kultur auf deutschen Bühnen mit seinem Gesicht zu vertreten hat.

Der humanistisch gebildete, Menschen verschiedenster Herkunft zu seinem Freundeskreis zählende und in Political Correctness ebenso wie in Fremdsprachen bewanderte deutsche Durchschnittsbürger unterliegt immer wieder dem grausamen Irrtum, Rassismus sei ein Phänomen, das sich ausschließlich im Denken und Handeln Keulen schwingender Neonazis und rechtsextremer NPD-Volksverhetzer offenbart. Dieser Glaube ist genauso falsch wie fatal; da sich kein zivilisierter Mensch den oben genannten Gruppen zuordnen würde, schon gar nicht als Kunstschaffender mit bildungspolitischem Auftrag, können alle folgerichtig niemals Rassisten sein. Dem zugrunde liegt der unerschütterliche Glaube, um rassistisch zu denken und zu handeln bedürfe es eines bösartigen und vor allem bewusst gefassten Entschlusses. Dem ist nicht so.

Tatsächlich sind rassistisch motivierte, verbale und handgreifliche Gewalttaten, im Vergleich zum tagtäglich praktizierten, ihre Wirkung auf allen Ebenen unserer Gesellschaft entfaltenden, strukturellen und institutionellen Rassismus, die Ausnahme. Man muss kein Neonazi sein, um rassistisch zu handeln, genauso wie man kein Frauenhasser sein muss, um Frauen zu diskriminieren. Rassistische Strukturen werden von denen, die sie geschaffen haben, als normal empfunden, genauso wie die ungleiche Behandlung von Frauen lange Zeit gesellschaftlich sanktioniert war. Das, und nur das, ist der Grund, warum struktureller und institutioneller Rassismus in diesem Land nicht auch konsequent als solcher benannt wird: weil er Normalität ist.

Oder noch prägnanter, für die ganz hektischen Alpha-Recherchierer/innen:

Sich schlau machen –  oder die Klappe halten

Dazu aufzufordern, man möge bitte mit Schuhcreme oder Kohle beschmiert im Studio erscheinen, um „Jim Knopf“ darzustellen, ist eine gedankenlose Schwachsinnsidee, direkt aus der Unterhaltungsbranche der Fünfziger Jahre. Das Re-Enactment, die ritualisierte Wiederaufführung einer diskriminierenden Praxis, sorgt bis heute dafür, dass nicht-weiße Kinder sich in der Schule von „witzigen“ Mitschüler/innen fragen lassen müssen, ob sie Dreck oder Schuhcreme im Gesicht haben. Wer einen Funken Empathie für diese Kinder und ihre Eltern hat, schmiert sich keine Schuhcreme ins Gesicht, um damit „Schwarze“ zu imitieren. Das ist keine Frage von Rassismusdefinitionen, sondern eine Frage von Respekt, Mitmenschlichkeit – whatchumicallit – Anstand?

Als jemand, der also keine andere Sprache so gut beherrscht (sic!) wie diese hier, der hier lebt und aufgewachsen ist, der keine andere Staatsbürgerschaft besitzt und der sich dennoch mehr als 20 Jahre lang von jedem zweiten Dorftrottel unaufgefordert hat fragen lassen müssen, wo er denn wohl herkomme (das hört dann irgendwann auf, wenn man grauer wird, Auto fährt und Anzug trägt, zumindest wenn man „nur“ schwarze Haare hat – und nicht gleich die „passende“ Hautfarbe), kann ich nur sagen: Ich bin es leid, diese Diskussionen zu führen. Wer es nicht kapieren will, will es eben nicht kapieren. Dann kann man aber bitte auch einfach die Klappe halten, wenn es darum geht, was Rassismus ist. Ich kontrolliere im Gegenzug auch keine Arier-Ausweise. Versprochen.

Alle Beiträge auf Publikative.org zum Thema „Blackface“:  http://www.publikative.org/?s=blackface&x=-1104&y=-191

Kolonialismus im Kasten: Erinnern und Vergessen im DHM

Heute vor 128 Jahren endete in Berlin die sogenannte Kongo-Konferenz, die auch als Berliner Afrika-Konferenz in die Geschichte einging. Der damalige deutsche Reichkanzler, Otto von Bismarck, hatte im November 1884 Vertreter von zwölf Großmächten nach Berlin eingeladen, um Fragen der Handelsfreiheit und der völkerrechtlichen Bestimmung von Kolonialbesitz zu diskutieren. Die Konferenz markiert einen wichtigen Moment in der territorialen Aufteilung des afrikanischen Kontinents und der Konsolidierung kolonialer Herrschaft. Die Entscheidungen der Konferenzteilnehmer, die das Schicksal so vieler Menschen drastisch beeinflussten, sind bis heute zu spüren. Besonders die damals gezogenen territorialen Grenzlinien und im Prozess der kolonialen Unterwerfung entstehenden Abhängigkeitsverhältnisse zu westlichen Mächten belasten noch heutige afrikanische Gesellschaften. 

Von der Initiative „Kolonialismus im Kasten?“*

In der deutschen Öffentlichkeit werden die Berliner Afrika-Konferenz und deren Folgen jedoch kaum erinnert. Auch nicht in dem Museum, das sich der „Aufklärung und Verständigung über die gemeinsame Geschichte von Deutschen und Europäern“ [1] verpflichtet fühlt: dem Deutschen Historischen Museum (DHM). Unter den Linden, zwischen Neuer Wache und Museumsinsel liegt es mitten im historischen Zentrum der Stadt – ein denkbar günstiger Ort für ein nationales Geschichtsmuseum. Die Dauerausstellung ist im alten Zeughaus untergebracht, das selbst auf eine lange Geschichte als preußisches Waffenarsenal, Militärmuseum, Ort der Kriegsverherrlichung und Geschichtsmuseum der DDR zurückblickt. 

Portal Deutsches Historisches Museum (Foto: Initiative “Kolonialismus im Kasten?”)
Portal Deutsches Historisches Museum (Foto: Initiative “Kolonialismus im Kasten?”)

Das DHM ist de facto ein Nationalmuseum, auch wenn der Begriff in Selbstdarstellungen inzwischen bewusst vermieden wird.[2] Sicher, es ist kein Nationalmuseum im Stil des 19. Jahrhunderts, in dem die deutsche Vergangenheit ungebrochen verherrlicht wird. Das immerhin hat die jahrelange Kontroverse um den Sinn und Zweck des Museums und die Gestaltung der Ausstellung verhindert.[3] Aber das DHM erfüllt doch die Aufgabe eines Nationalmuseums, indem es danach strebt, „den Bürgern unseres Landes dabei zu helfen, eine klare Vorstellung davon zu entwickeln, wer sie sind, als Deutsche, als Europäer, als Bewohner einer Region und Mitglieder einer weltweiten Zivilisation.“[4] Das Museum dient der Identitätsstiftung, wobei es die Konstruktion einer nationalen Identität in den Vordergrund stellt und dabei deutsche wie ausländische Ausstellungsbesucherinnen und -besucher mit Migrationshintergrund ignoriert. Den als Zielgruppe ins Auge gefassten deutschen Besucherinnen und Besuchern, darunter viele Schulklassen, wird eine Geschichte präsentiert, die sie als eigene verstehen sollen, als Geschichte, die sie mit manchen Menschen verbindet und von anderen trennt.

Wir sind ein Volk – ohne Kolonialgeschichte?

Ausstellung Historisches Museum (Foto: Initiative “Kolonialismus im Kasten?”)
Dauerausstellung im Deutschen Historischen Museum 2011 (Foto: Initiative “Kolonialismus im Kasten?”)

An der 2006 eröffneten ständigen Ausstellung ist das Selbstverständnis des Hauses deutlich abzulesen. Von der Varusschlacht bis zur Wiedervereinigung bietet sie trotz der Fülle an Objekten eine letztlich auf einen Punkt, nämlich auf die Idee nationaler Einheit, hinauslaufende, also eine teleologische Erzählung. Hier werden nicht mehrere oder offene Geschichtsdeutungen präsentiert, sondern eine einzige, lineare und identitätsstiftende Erzählung, die beansprucht, die zentralen Punkte „deutscher Geschichte“ abzubilden. Der Parcours durch zwei Jahrtausende endet mit einem klaren Statement: „Wir sind ein Volk!“ 

Welchen Stellenwert nimmt in dieser Geschichtserzählung nun der Kolonialismus ein? Und welche Rolle spielt dabei die Konferenz, die heute vor 128 Jahren in Berlin endete? Im Abschnitt zum Bismarckreich sollte man eine solche Information erwarten, war Bismarck doch Gastgeber der Konferenz. Bismarck selbst ist tatsächlich höchst prominent in der Ausstellung vertreten. Sein Bildnis, Verweise zu ihm und zu seiner Politik finden sich unzählige Male, in unterschiedlichsten Varianten. Doch die Konferenz – oder überhaupt die Tatsache, dass Deutschland 1884 zu einer Kolonialmacht wurde – wird in dem Ausstellungsabschnitt, der sich mit dem „Bismarkreich“ befasst, mit keinem Wort erwähnt. Vielmehr ist die Rede von einem „saturierten“ Kaiserreich und davon, dass Bismarcks außenpolitische Strategie darin bestand, europäische Gegensätze „an die Peripherie“ abzulenken. Dem „chronologischen Bandwurm“ [5] der Ausstellung bis zur „Gesellschaft im Kaiserreich 1890-1914“ folgend, findet sich erst dort endlich ein erster, wenngleich reichlich verklausulierter Hinweis auf den europäischen Kolonialismus: In dieser Zeit sei es, so heißt es in der Ausstellung, um den „weltweite[n] Kampf ums Dasein“ gegangen.

Kolonialgeschichte links liegen lassen

Versteckt unter der Treppe: Der deutsche Kolonialismus im DHM (Foto: Initiative "Kolonialismus im Kasten?")
Versteckt unter der Treppe: Der deutsche Kolonialismus im DHM (Foto: Initiative „Kolonialismus im Kasten?“)

Um nähere Informationen zur deutschen Kolonialvergangenheit zu finden, muss man sich weiter auf die Suche machen – und zwar gründlich. Allzu leicht kann man nämlich von der Gesellschaft im Kaiserreich auf den Ersten Weltkrieg zusteuern und dabei die Kolonialgeschichte im wortwörtlichen Sinne links liegen lassen. Nur wer sich vom Hauptpfad der Geschichte ab- und den sogenannten Vertiefungsräumen der Ausstellung zuwendet, findet, versteckt hinter einer Glasvitrine mit Uniformen und unter der Treppe, die zum „Aufbruch in die Moderne“ führt, eine Vitrine sowie einen Schubladenschrank, die dem deutschen Kolonialismus gewidmet sind.

Im Hintergrund ist Marschmusik zu hören, die auf die Aufrüstung und den bevorstehenden Ersten Weltkrieg hindeutet. Entsprechend stellt der Überblickstext den Kolonialismus auch in einen direkten Zusammenhang mit dem Weltmachtstreben Deutschlands unter Kaiser Wilhelm dem II. Auf diese Weise wird die Kolonialgeschichte zu einer Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges reduziert. Dabei war Wilhelm der II. noch gar nicht an der Macht, als Deutschland 1884 die ersten Gebiete in Afrika zu „Schutzgebieten“ erklärte. Auf einer Texttafel, die sich direkt an der Vitrine befindet, wird Bismarck, unter dessen Kanzlerschaft Deutschland zum Kolonialreich wurde, zwar erwähnt, seine Rolle als Kolonialpolitiker jedoch heruntergespielt. Einzelheiten über die Eroberung der Kolonialgebiete, die Unterwerfung und Ausbeutung der dort lebenden Menschen oder über deren Widerstand erfährt man ebenso wenig wie über die Auswirkungen des Kolonialismus auf die deutsche Gesellschaft.

Schaukasten zum deutschen Kolonialismus im DHM (Foto: Initiative "Kolonialismus im Kasten?")
Schaukasten zum deutschen Kolonialismus im DHM (Foto: Initiative „Kolonialismus im Kasten?“)

Kolonialgeschichte als Rumpelkammer eines Kolonialbeamten

Die Vitrine selbst enthält ein Sammelsurium unterschiedlicher Erinnerungsstücke. Darunter befinden sich ein Gemälde des Kilimandscharo, die Uniform eines Kolonialsoldaten, Porträtzeichnungen afrikanischer Menschen, Kaffeedosen, ein Schnupftuch, ein Album, in das Fotos mit Szenen von Folter und Mord eingeklebt sind, sowie ein Bild, das aus einem chinesischen Tempel entwendet wurde. Die Auswahl wirkt willkürlich. Auf welche Weise die Objekte in Beziehung zueinander stehen, erschließt sich in Ermangelung genauerer Informationen kaum, geschweige denn die hinter den Objekten stehenden Geschichten. Das einzige, was die Exponate zusammenhält, ist die Perspektive derjenigen, für deren Benutzung oder Unterhaltung sie geschaffen oder angeeignet wurden, und das ist die Perspektive der Kolonisierenden. Was hier versammelt wurde, sind koloniale Erinnerungsstücke. Der Schaukasten ist mehr Rumpelkammer eines Kolonialbeamten denn Museumsvitrine.

Neben der Vitrine, direkt unter der Treppe steht noch ein Schubladenschrank, der Proben kolonialer Rohstoffe enthält, die von den Besucherinnen und Besuchern „erfühlt“ werden können. Was soll durch diese Form der Ausstellungspädagogik vermittelt werden? Geht es darum, die Kolonien sinnlich erfassbar zu machen? Die Perspektive der Ausstellung wird jedenfalls nicht gebrochen: Weder erfährt man, dass es die einheimische Bevölkerung der Kolonien war, die diese Rohstoffe gewann, noch werden die oft unmenschlichen Arbeitsbedingungen und der Widerstand der Kolonisierten thematisiert. Wie zur Kolonialzeit richtet sich das Interesse der Ausstellung hier allein auf den wirtschaftlichen Nutzen für das Deutsche Reich. Die wirtschaftlichen wie sozialen Folgen von Plantagenwirtschaft und Raubbau für die in den Kolonien lebenden Menschen werden verschwiegen.

In der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums bleibt die deutsche Kolonialgeschichte nahezu unsichtbar, sie wird aus ihren Verbindungen zur politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Geschichte des Kaiserreichs herausgerissen und in zusammenhanglosen Artefakten präsentiert, die die Täterperspektive widerspiegeln. Damit reflektiert das Museum in exemplarischer Weise den allgemeinen öffentlichen Umgang mit der deutschen Kolonialvergangenheit. Auch in anderen Museen, in Schulbüchern und Fernsehdokumentationen bleibt sie allzu oft im Verborgenen oder wird als unbedeutende Episode präsentiert, die nichts mit dem Rest der deutschen Geschichte zu tun hat. Die wenigen Gedenkveranstaltungen, die bisher in Deutschland für die Opfer des deutschen Kolonialismus stattfanden, gehen auf Initiativen von Aktivistinnen und Aktivisten zurück; ein kritisches Erinnern an den deutschen Kolonialismus vonseiten der Bundesregierung gibt es nicht. Dagegen existieren immer noch zahlreiche Denkmäler und Straßennamen, die jenes Kapitel deutscher Geschichte verklären und glorifizieren. So wird letztlich auch verdrängt, dass das Erbe des Kolonialismus das Selbstverständnis der deutschen Mehrheitsgesellschaft, dem zufolge Deutschsein immer noch Weißsein bedeutet, wie auch die asymmetrischen Machtverhältnisse zwischen globalem Norden und Süden bis heute prägt.

Deutsche Geschichte ist (auch) Kolonialgeschichte

Auch im öffentlichen Gedächtnis ist der deutsche Kolonialismus offensichtlich in einen Kasten gepackt und ins Abseits verbannt worden. Um ihn von dort hervorzuholen, reicht die Forderung nach einer umfassenderen und angemessenen Kolonialgeschichtsschreibung allein nicht aus. Wir müssen vielmehr aufzeigen, dass die Trennung zwischen deutscher Geschichte und Kolonialgeschichte in der Ausstellung die tatsächlich bestehenden, vielfältigen Zusammenhänge ausblendet. Mit einem kritischen Blick auf die ausgestellten Objekte ist das durchaus auch in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums möglich.

Nehmen wir zum Beispiel den Ausstellungsabschnitt zum Thema „Technik und Wissenschaft“. Hier finden wir in einer Schublade das Bild des Mediziners Robert Koch. Das Foto zeigt den Nobelpreisträger am Mikroskop, in einem Labor in Südafrika, wie aus der Bildunterschrift hervorgeht. Tatsächlich forschte Koch viel außerhalb Deutschlands, insbesondere in Afrika. In der Schublade daneben liegt eine Zeichnung von Trypanosomen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Erreger der sogenannten Schlafkrankheit identifiziert wurden. Mit Unterstützung der deutschen und britischen Kolonialbehörden hielt sich Koch eineinhalb Jahre in Ostafrika auf, um dort die Schlafkrankheit zu erforschen. Auf einer der unter britischer Herrschaft stehenden Sese-Inseln im Victoria-See errichtete er ein Schlafkrankenlager und führte medizinische Versuchsreihen an dort internierten Afrikanerinnen und Afrikanern durch. Ohne Kolonialismus wäre diese Forschung nicht möglich gewesen. Die Kolonien dienten Koch und anderen Wissenschaftlern als Testfelder – und ihre Bewohnerinnen und Bewohner als Testpersonen.

Da die Trypanosomen den Erregern anderer Krankheiten ähnelten, die in Deutschland weit verbreitet waren, interessierten sich auch deutsche Pharma-Unternehmen für die Erforschung der Schlafkrankheit. Sie stellten Koch die Mittel zur Verfügung, die er – erfolglos und mit fatalen Nebenwirkungen – an seinen Patientinnen und Patienten erprobte. [6] In der Ausstellung des Museums muss man sich nur umdrehen, um eines der beteiligten Unternehmen zu finden. Es ist die Firma Bayer, deren Werbeplakat im selben Raum auf den Aufstieg deutscher „innovativer Industrien“ hinweist. Auch diese Aufstiegsgeschichte ist nicht ohne Kolonialgeschichte zu verstehen.

Diese Art von „geteilter“ Geschichte zwischen „Mutterland“ und Kolonie lässt sich tatsächlich in allen Ausstellungssektionen erzählen, sei es im Abschnitt zu Parlamentarismus und Innenpolitik, in denen zu Arbeitskämpfen, Schifffahrt oder Hygiene oder auch in jenen zu Populärkultur oder Frauenbewegung. [7] Überall finden sich sinnvolle Anknüpfungspunkte, an denen die Verbindungen zwischen Kolonialgeschichte und anderen Aspekten deutscher Geschichte veranschaulicht werden können. Denn deutsche Geschichte und Kolonialgeschichte sind keine getrennten Geschichten, sondern untrennbar miteinander verflochten.

Präsentation & Launch-Feier zu kolonialismusimkasten.de

*Die Autorinnen des Beitrags (Manuela Bauche, Dörte Lerp, Susann Lewerenz, Marie Muschalek, Kristin Weber) boten ab November 2009 öffentliche Rundgänge zum deutschen Kolonialismus und dessen Darstellung in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums an. Die Rundgänge waren unabhängig vom DHM und setzten sich kritisch mit der Ausstellung auseinander. Entwickelt wurden sie als Beitrag zur Berliner Kampagne „125 Jahre Berliner Afrika-Konferenz“, die im Winter 2009/2010 an die Geschichte des deutschen Kolonialismus und dessen Folgen erinnerte.

Ihre Rundgänge hat die Initiative nun in einen kritischen Audio-Guide umgewandelt, den man kostenlos von der Webseite Kolonialismus im Kasten herunterladen kann. Den Audioguide stellen die Initiator_Innen am 2. März 2013 um 18 Uhr in der Werkstatt der Kulturen in Berlin vor. Mit den Historikerinnen von »Kolonialismus im Kasten?« und den Sprecher_Innen Salome Dastmalchi, Patrick Khatami und Lara-Sophie Milagro in der Werkstatt der Kulturen, Wissmannstr. 32, 12049 Berlin-Neukölln.
www.werkstatt-der-kulturen.de | www.kolonialismusimkasten.de

Siehe auch: Der vergessene GenozidStarrkopfrassismus: Denis Scheck weiß, was er tutNeunjährige erklärt deutschen Medien RassismusJakob Augstein und die neue “Menschenrasse”In einem fernen Land …“… und die Massenmörder züchten Blumen”“How to change the world” – Zum Tod von Eric HobsbawmVölkische KolonialistenDas Wort, das wir nicht aussprechen dürfen“Rassismus als eine tödliche Realität in Deutschland”

Fußnoten

[1] http://www.dhm.de/orga/konzept.htm

[2] Obwohl von Kohl als Nationalmuseum bezeichnet, taucht der Begriff auf der Website nicht auf, stattdessen versteht sich das Museum als modernes „nationales Geschichtsmuseum“. Vgl.: http://www.dhm.de/news/geschichtsmuseen_programm.pdf

[3] Zur Debatte um die Dauerausstellung vgl.: Zeitgeschichte-online, Thema: Geschichtsbilder des Deutschen Historischen Museums. Die Dauerausstellung in der Diskussion, hg. von Jan-Holger Kirsch und Irmgard Zündorf, Juli 2007, http://www.zeitgeschichte-online.de/md=DHM-Geschichtsbilder

[4] Hierbei handelt es sich um die Übersetzung der englischsprachigen Version der Website, auf der das Konzept wesentlich klarer formuliert ist als auf der deutschsprachigen. („The museum shall in particular strive to help the citizens of our country to gain a clear idea of who they are as Germans and Europeans, as inhabitants of a region and members of a worldwide civilization.“ – Übersetzung D.L.). http://www.dhm.de/ENGLISH/dhm_konzeption.html.

[5] Jürgen Kocka, Ein chronologischer Bandwurm: Die Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums,” in Geschichte und Gesellschaft 32, 2006, S. 398-411.

[6] Vgl.: Manuela BaucheRobert Koch, die Schlafkrankheit und Menschenexperimente im kolonialen Ostafrika, http://www.freiburg-postkolonial.de/Seiten/robertkoch.htm

[7] Vgl. die gelungene Zeitausstellung „Namibia – Deutschland. Eine geteilte Geschichte,“ die 2004/2005 im DHM gezeigt wurde. http://www.dhm.de/ausstellungen/namibia/ausstellung.htm

Starrkopfrassismus: Denis Scheck weiß, was er tut

Blackface Denis Scheck / Quelle: Twitter

Der ARD-Chef-Literaturkritiker Denis Scheck hat in der Debatte um die Sprache in Kinderbüchern eine neue, aktive Dimension eröffnet . Es reicht ihm nicht mehr, bewahrend zu wirken, für den Erhalt einer historischen Sprache einzutreten. Er fordert das Recht ein, selbst rassistisch zu werden – und holt die Blackface-Praxis nun auch ins Fernsehen.

Von Georg Felix Harsch

Blackface Denis Scheck / Quelle: Twitter
Blackface Denis Scheck / Quelle: Twitter

Jetzt ist einem der Kragen geplatzt. „Seit einigen Tagen diskutiert ganz Deutschland“, leitet der Chef-Literaturkritiker der ARD, Denis Scheck, seinen Beitrag zur sprachlichen Anpassung von Kinderbuchklassikern im Deutschen ein, und da muss er natürlich mitdiskutieren. Es ist eine Debatte, die für die Literaturkritik ganz entscheidende Fragen aufwirft: Man könnte darüber diskutieren, wie unveränderlich ein literarisches Kunstwerk ist oder sein muss und welche Rolle Autorschaft, Übersetzung, Urheberrechte und die Arbeit des Verlags in dieser Frage spielen; darüber, wie man einen Text eigentlich historisch-kritisch liest und, noch schwieriger, wie Fünf- bis Zwölfjährige mit der entsprechend geringeren Lektüreerfahrung das womöglich mit Erwachsenen zusammen machen können.

Aber an diesen Diskussionen hat Scheck kein Interesse, sie führen zu nah an die Grundfragen der Literaturwissenschaft und sind nicht besonders telegen. Außerdem ist er sehr wütend. Wütend über die Entscheidung der Verlage Oettinger und Thienemann, historisch diskriminierende Terminologie in Kinderbüchern von Ottfried Preußler und Astrid Lindgren zu ersetzen. Darin sieht er einen „feigen vorauseilenden Gehorsam vor den Tollheiten einer auf die Kunst übergriffigen politischen Korrektheit“. Dieser Feigheit vor dem Feind, so findet er, muss man mit Mut begegnen und etwas tun. Schließlich lautet seine stets wiederholte catchphrase in der Sendung „Druckfrisch“, mit der er lesenswerte Bücher empfiehlt, „Vertrauen Sie mir, ich weiß was ich tue.“ Das Ergebnis ist also eine wohlüberlegte Handlung auf dem Reflektionsniveau seiner Sendung, die seit Jahren verlässlich Fernsehbilder über etwas produziert, das ja meistens ohne Bilder auskommen muss, nämlich Literatur.


Um seiner Wut über die vermeintliche Feigheit der Verlage Luft zu machen, und um seinen eigenen Mut zu illustrieren, tut er also etwas, das sich seine Parteigänger in der Debatte bisher nicht getraut haben: Er malt sich das Gesicht schwarz an, zieht weiße Glacéehandschuhe an, stellt sich auf ein Podest und lässt dazu Musik von amerikanischen minstrel bands der 20er Jahre laufen, kurzum: Er reproduziert aktiv ein rassistisches, beleidigendes Bild, die tradierte stereotype Karikatur eines Schwarzen. Damit möchte er in seiner Wut die Verlage treffen, aber auch diejenigen, die hinter deren „vorauseilendem Gehorsam“ stehen: schwarze Deutsche, die sich über die Verwendung rassistischer Wörter in Kinderbüchern beklagt hatten. Letzteres sagt er natürlich nicht, aber seine ZuschauerInnen wissen ja: Der Mann weiß, was er tut. Und weil er ein weltgewandter Feingeist ist, der selbstverständlich die Exzesse von Neonazis ablehnt, macht er einen Exkurs über die Etymologie des englischen Verbs „to bowdlerise“, das ursprünglich die Bereinigung von Texten von sexuellen Konnotationen beschreibt. In Kombination mit der Karikatur eines Schwarzen, die er selbst auf dem Bildschirm darstellt, sagt er also aus: Der Rassismus ist mir, ähnlich der sexuellen Lust, ein tief sitzendes, sublimiert oder direkt nach außen drängendes Bedürfnis, das nicht von schlichten Lektoratsentscheidungen eingeschränkt werden darf.

Eine aktive Dimension

Plakat zu "Ich bin nicht Rappaport" des Berliner Schlosspark-Theaters (Pressefoto: DERDEHMEL)
Plakat zu „Ich bin nicht Rappaport“ des Berliner Schlosspark-Theaters (Pressefoto: DERDEHMEL)

Damit eröffnet Scheck in der Debatte um die Sprache in Kinderbüchern eine neue, aktive Dimension. Es reicht ihm nicht mehr, bewahrend zu wirken, für den Erhalt einer historischen Sprache einzutreten. Er fordert das Recht ein, selbst rassistisch zu werden. Als professionellem Feuilleton-Leser kann ihm unmöglich die Kontroverse um die Blackface-Praxis an deutschen Theatern im letzten Sommer entgangen sein, und das hat ihn wohl dazu inspiriert, diese Form der Repräsentation nun auch ins Fernsehen zu holen. Gleichzeitig geht er offensichtlich davon aus, dass er als Redakteur einer Sendung über deutsche Literatur nicht damit rechnen muss, so bald mit Menschen konfrontiert zu werden, die sich von seiner Karikatur beleidigt fühlen. Denn als deutscher Bildungsbürger toleriert Scheck die schwarze Frau im Straßenbild, aber nicht, dass diese Leute sich in der Literatur des Landes, in dem sie leben, wiederfinden wollen und sich in kulturelle Debatten einmischen. Diese Debatten sollen die Domäne des weißen Mannes bleiben, und wenn man sich dafür Schuhcreme ins Gesicht schmieren muss.

Ob er sich allerdings bewusst ist, was es im Zeitalter des Internets auch international bedeuten kann, solche Bilder von sich selbst zu produzieren, bleibt fraglich. Man darf gespannt sein, ob erfolgreiche AutorInnen aus dem englischsprachigen Raum, wo man für diese Formen von rassistischer Repräsentation sehr viel sensibler ist, in Zukunft noch gerne von dem deutschen Kritiker interviewt werden möchten, der mit einer Blackface-Performance im landesweiten Fernsehen gegen die Streichung rassistischer Sprache aus Kinderbüchern demonstriert hat und dessen Foto mit angemaltem Gesicht jederzeit bei google images abrufbar bleiben wird. Für die Diskussion um Rassismus in der deutschsprachigen Kultur lässt dieser von Scheck eingeläutete Paradigmenwechsel auf jeden Fall nichts Gutes hoffen.

Link: Stellungnahme der ARD zur Kritik an Denis Scheck.


Siehe auch: How To Tell People They Sound Racist,Weiße Zeitungen, buntes Netz – Definitionsmacht adé  , Neunjährige erklärt deutschen Medien Rassismus, Der vergessene Genozid, In einem fernen Land …, “Rassismus in der Politik und Bürokratie”, Das Klischee vom Rassismus bei der Polizei, JF: Der Kampf gegen Flüchtlinge als Konstante, Bundesamt gegen Migration und Flüchtlinge, Gericht: Racial Profiling nicht zulässig, Deutschlands Redaktionen – reine Monokulturen, Beschneidung der Vernunft, Blackface: Pulitzer-Preisträger ruft zum Boykott deutscher Theater auf, Es gibt keinen Rassismus mit Herz!, Keine Ansichtsache – Racial Profiling als institutionalisierter Rassismus, Spuckt den Menschen doch gleich ins Gesicht!, GEH mir WEG damit, Zerstörter Glaube, “Wir haben kaum noch Vertrauen”, Das Problem heißt Rassismus, Alltagsrassismus: Alles nur Theater?, Rassismus ist, wenn man trotzdem lacht

Neunjährige erklärt deutschen Medien Rassismus

Zeit-Titelseite am 17. Januar 2013

Ishema Kane lebt mit ihrer Mutter in Frankfurt am Main. Ihr Vater ist Senegalese. In einem Brief erklärt die Neunjährige der ZEIT, warum diskriminierende Sprache verletzend ist. Sie ist nicht der Meinung, dass es deutschen Feuilletonisten überlassen bleiben sollte, den akzeptablen Sprachgebrauch in Kinderbüchern zu definieren. 

Von Andrej Reisin

Zeit-Titelseite am 17. Januar 2013
„Kinder, Kinder, wie die Zeit vergeht – jetzt darf man noch nicht mal mehr …“ (Zeit-Titelseite am 17. Januar 2013)

Letzten Donnerstag ging es im Leitartikel des ehemaligen Feuilleton- und Literaturchefs der ZEIT, Ulrich Greiner, um nichts weniger als um „Zensur“ und Artikel 5 des Grundgesetzes, der eben diese untersagt. Was war geschehen? Nun, in den Neuauflagen von Büchern wie „Die kleine Hexe“ oder „Pippi Langstrumpf“ werden – „behutsam“, wie es der Verlag im Fall der „kleinen Hexe“ formulierte – Wörter ersetzt, die diskriminierenden Charakter haben. Aus dem „Negerkönig“ in Pippi Langstrumpf ist so bereits vor einiger Zeit der „Südseekönig“ geworden.“

Darüber empört sich nun Greiner in der ZEIT, und mit ihm ein – man kann es leider nicht anders nennen – Mob an Bildungsbürgern, denen nichts wichtiger erscheint, als rassistische Sprache in Kinderbüchern für schützenswert zu erklären. Laut Greiner dürfe man denjenigen „deutschen Kindern“, zu deren „Lesebiographie“ Bücher wie Pippi Langstrumpf gehörten, nicht „die Erinnerung stehlen.“ Wer mit Ishema und ihrer Mutter Katharina über ihre Erfahrungen spricht, bekommt eine Ahnung davon, wie es sich angefühlt haben muss, als Mutter und Tochter entdeckten, mit welchem Anliegen sich Deutschlands renommierteste Wochenzeitung am vergangenen Donnerstag an ihre Leser wandte.


Als die Mutter die Wut ihrer neunjährigen Tochter sah, schlug sie ihr vor, einen Leserbrief zu schreiben, den wir im Folgenden dokumentieren (siehe unten). Ishema sagt im Gespräch: „Ich finde das doof, denn mein Vater ist schwarz und wir sind beide keine ‚Neger‘ – und genauso sind das auch alle anderen Afrikaner nicht. Das verdirbt doch die Kinderbücher nicht, wenn das Wort da nicht mehr drinsteht.“ Katharina ergänzt: „Ich sehe es nicht ein, dass mir als Mutter jetzt quasi diktiert wird, ich solle meiner Tochter ‚erklären‘, dass solche Wörter früher ’normal‘ waren – und sie sich bitte schön nicht verletzt fühlen soll.“

An dieser Empathie fehlt es – wie bei ähnlich gelagerten Debatten – in Deutschland leider an allen Ecken und Enden. Was antisemitisch, rassistisch, sexistisch ist, bestimmen der Stammtisch und die graumelierten Herren an den Sturmgeschützen der Demokratie – auf keinen Fall aber die Betroffenen oder gar die verhassten „linken Gutmenschen“. Ishemas Stimme zeugt davon, wie viele unterschiedliche Menschen in Deutschland leben und aufwachsen. Sie alle haben ein Recht darauf, vor Diskriminierung und Herabwürdigung so gut es eben geht geschützt zu werden. Die Mehrheit hingegen hat kein Recht, sie zu demütigen – auch nicht mit verletzenden Wörtern in Kinderbüchern.

Leserbrief Ishema Kane

Siehe auch: Der vergessene Genozid, In einem fernen Land …, “Rassismus in der Politik und Bürokratie”, Das Klischee vom Rassismus bei der Polizei, JF: Der Kampf gegen Flüchtlinge als Konstante, Bundesamt gegen Migration und Flüchtlinge, Gericht: Racial Profiling nicht zulässig, Deutschlands Redaktionen – reine Monokulturen, Beschneidung der Vernunft, Blackface: Pulitzer-Preisträger ruft zum Boykott deutscher Theater auf, Es gibt keinen Rassismus mit Herz!, Keine Ansichtsache – Racial Profiling als institutionalisierter Rassismus, Spuckt den Menschen doch gleich ins Gesicht!, GEH mir WEG damit, Zerstörter Glaube, “Wir haben kaum noch Vertrauen”, Das Problem heißt Rassismus, Alltagsrassismus: Alles nur Theater?, Rassismus ist, wenn man trotzdem lacht

Bombenfund in Bonn: Waren es Neonazis?

Seit Wochen rätselt die Öffentlichkeit über die Hintergründe des Bombenfunds am 10. Dezember 2012 im Bonner Hauptbahnhof. Die Ermittler widersprachen sich selbst von Beginn an – und obwohl es bis heute offenbar keine heiße Spur gibt, gelten in der Öffentlichkeit Salafisten als mutmaßliche Drahtzieher. Genauso gut könnte man allerdings auch über Neonazis als Täter spekulieren.

Von Patrick Gensing

Zugegeben, die Überschrift dieses Artikels ist etwas reißerisch. Allerdings spekuliert die Öffentlichkeit bereits seit Wochen über islamistische Täter, ohne dass irgendwelche klare Indizien vorliegen. Es ist weiterhin noch nicht einmal klar, ob die „Bombe“ einen Zünder hatte. Ein Bekennerschreiben fehlt ebenfalls.

Apropos fehlendes Bekennerschreiben: NSU – war da was? Verdächtigungen ohne belastbare Hinweise? Die Öffentlichkeit zeigte sich empört über sich selbst – niemand wollte mehr etwas von den „Döner“-Morden wissen. Und nun? Seit Wochen ist unklar, wer im Dezember die Tasche mit dem mutmaßlichen Sprengsatz am Bonner Hauptbahnhof abgestellt hatte, doch von möglichen Rechtsterroristen wollte bislang niemand etwas wissen. Das liegt vor allem daran, dass die Ermittler schnell verkündeten, sie hätten klare Hinweise in die islamistische Szene.

Der Generalbundesanwalt hatte wenige Tage nach dem Anschlagsversuch gemeldet, es lägen „nunmehr zureichende tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass es sich bei dem Geschehen um einen versuchten Sprengstoffanschlag einer terroristischen Vereinigung radikal-islamistischer Prägung handelt“. Und weiter: „Es liegen belastbare Hinweise dafür vor, dass die verdächtige Person über Verbindungen in radikal-islamistische Kreise verfügt.“

Medien hatten zudem gewagte Thesen verbreitet, warum ein islamistischer Hintergrund wahrscheinlich sei. Die Rheinische Post schrieb beispielsweise, die Stadt habe sich zur

„Brutstätte des Islamismus entwickelt. In keiner anderen deutschen Stadt sollen mehr Extremisten muslimischen Glaubens wohnen. Die Sicherheitsbehörden führen eine Liste mit rund 170 dort gemeldeten Männern, von denen eine potenzielle Gefährdung ausgeht, gut 20 von ihnen gehören zu den radikalsten Salafisten bundesweit.

Darum sei es auch kein Zufall gewesen, meint Arnold Plickert, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei, dass Bonn als Anschlagsziel ausgewählt worden ist. Die mutmaßlichen Terroristen, die am Gleis 1 die blaue Sporttasche mit dem Sprengsatz abstellten, der nur wegen eines Konstruktionsfehlers nicht detonierte, sollen Verbindungen in die dortige radikale Szene haben.“

Die Polizei nahm zwei mutmaßliche Salafisten fest, die beiden Verdächtigen mussten aber schnell wieder freigelassen werden. Öffentlich sucht die Polizei NRW weiterhin nach einem schwarzen Mann, den ein (weißer?) 14-Jähriger am Bahnhof gesehen haben will, als er die Tasche abgestellt habe. Auf Bildern einer Überwachungskamera war allerdings ein weißer Mann mit der blauen Tasche zu sehen.

Am 10.12.2012 gegen 13:00 Uhr hat eine Person im Bonner Hauptbahnhof am Gleis 1 eine blaue Reisetasche abgestellt, in der sich zündfähiges Material befand. Nach den potentiellen Tätern wurde bereits durch die Polizei Nordrhein-Westfalen öffentlich gefahndet. (Quelle: BKA)
Am 10.12.2012 gegen 13:00 Uhr hat eine Person im Bonner Hauptbahnhof am Gleis 1 eine blaue Reisetasche abgestellt, in der sich zündfähiges Material befand. Nach den potentiellen Tätern wurde bereits durch die Polizei Nordrhein-Westfalen öffentlich gefahndet. (Quelle: BKA)

Wie passt das zusammen? Haben die Täter die Tasche mit Sprengsatz – mit oder ohne Zünder – am Bahnhof erst noch untereinander weitergegeben, um besonders aufzufallen?

Terror vor der eigenen Haustür?

Aber spricht es nicht ohnehin gegen einen Anschlagsversuch von Salafisten in Bonn, dass hier offenbar ein Schwerpunkt der Salafistien in Deutschland liegt? Würden Täter nicht eher in einer anderen Stadt bomben bzw. Schrecken verbreiten wollen, damit nicht sofort klar wird, wer dahinter steckt? Sollte man nicht eher danach fragen, welche Personen als Opfer getroffen und verängstigt werden könnten?

Wofür steht Bonn? Es handelt sich um die ehemalige Bundeshauptstadt – auf dem absteigenden Ast. Doch auch wenn Bonn als Stadt in der überregionalen Öffentlichkeit kaum noch eine Rolle spielt, sind hier noch viele Ministerien vertreten. Wikipedia weiß über die Bundesstadt zu berichten, auch nach dem Regierungsumzug nach Berlin haben, geregelt durch das Berlin/Bonn-Gesetz, sechs Bundesministerien weiterhin ihren ersten Dienstsitz in Bonn, zudem dürfen in den Berliner Ministerien nicht mehr Mitarbeiter beschäftigt werden als in den Bonner Ministerien, in denen etwa 10.000 Personen arbeiten. Ebenfalls durch das Gesetz geregelt wurde der Umzug von 22 Bundesbehörden aus Berlin und dem Rhein-Main-Gebiet in die Bundesstadt. Außerdem legte der Bund die Ansiedlung der Deutschen Telekom, der Deutschen Post und der Postbank per Gesetz fest. Mit dem Bundesrat und dem Bundespräsidenten haben zudem zwei Verfassungsorgane ihren zweiten Dienstsitz in Bonn. Hier eine Liste der Bundesbehörden in Bonn.

Kurzum: Nach Berlin ist Bonn – zumindest formal gesehen – die zweitwichtigste Stadt in Deutschland. Ein lohnendes Ziel also für alle, die den Staat angreifen wollen.

Kameradschaften zerschlagen

Neonazis am 31. März 2012 in Dortmund (Foto: Stefan Laurin)
Neonazis am 31. März 2012 in Dortmund (Foto: Stefan Laurin)

Was fällt uns noch ein zum Thema Bonn? Die Stadt liegt bekanntermaßen in NRW – und hier wurden im vergangenen Jahr mehrere rechtsextreme Kameradschaften zerschlagen. NRW, speziell Dortmund und Aachen, gelten als Hochburgen („Brutstätten“?) der Neonazi-Szene – Bonn liegt von beiden Städten rund eine Autostunde entfernt. In Dortmund mordete der NSU, in Köln legten die Rechtsterroristen Bomben. Rohrbomben – wie offenbar nun auch in Bonn. Handelt es sich möglicherweise also um Racheakte für die Verbote? Eine Reaktion auf die verstärkte Repression nach dem NSU-Bekanntwerden?

Zudem sind Neonazis in den vergangenen Monaten und Jahren mit versuchten Bombenanschlägen aufgefallen. Am Rande einer Linksautonomen Demo am 1. Mai in Berlin fand die Polizei mehrere Rohrbomben – und hielt diese zunächst für bessere Böller. Nach einigen Tagen wurde aber laut Tagesspiegel deutlich: Bei einer Explosion hätte es im Umkreis von 15 bis 20 Metern Schwerverletzte gegeben. Ein Polizeisprecher schloss laut der Zeitung Die Zeit nicht aus, dass Rechtsextremisten die Bomben platziert haben. Einige Tage später wurde eine Rohrbombe von der Polizei kontrolliert gezündet – und erwies sich als relativ harmlos.

Allerdings war Berlin bereits am 1. Mai 2010 nur knapp einem Anschlag entgangen. Damals brachten Neonazis aus Aachen mit Glasscherben gespickte Sprengsätze mit in die Hauptstadt. Kurz vor einer Polizeikontrolle warfen sie die Bomben jedoch weg. Und bereits vor Jahren schrieb ein Rechtsextremist in einem internen Forum beispielsweise:

“20 Koffer, 20 Mann, 20 Bahnhöfe. Bundesrepublik lahmgelegt. Alles legal. Kosten unter 1000,-€. Wo ist das Problem?”

Am Samstag berichtete zudem „Die Welt“, dass die Ermittler einer neuen Spur folgen: In der blauen Sporttasche mit der Bombe soll die Spurensicherung ein Haar entdeckt haben. Die Ermittler gingen davon aus, dass es von dem Bombenleger stamme, heißt es in dem Bericht weiter. Es soll sich „um das Haar einer hellhäutigen männlichen Person aus Europa oder Nordamerika handeln“.

Der Verdacht, es handele sich um Salafisten, wurde bislang also nicht bestätigt. Dabei hatten radikale Salafisten zuvor durchaus bewiesen, welches Gewaltpotential in ihren Kreisen schlummert, als bei einer Demonstration fast 30 Polizisten verletzt wurden, mehrere davon schwer.

Claudia Dantschke: Was ist Salafismus?

Es erscheint nach den schweren Anschlägen von Madrid (fast 200 Todesopfer) und London (mehr als 50 Tote) zudem naheliegend, dass die Ermittler auch (!) nach einem islamistischen Motiv suchen. Doch bei der Fahndung nach den Tatverdächtigen gibt es laut Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung noch immer keine Fortschritte. Die Spuren in die Bonner Islamistenszene hätten nicht weitergeführt. Man gehe davon aus, dass die Bundesanwaltschaft den Fall in den kommenden Wochen wieder abgeben werde, heißt es unter Berufung auf Sicherheitskreise. Angeblich, so berichtet der Spiegel, habe das Bundeskriminalamt die Ermittlungen „in alle Richtungen“ ausgeweitet. Das Magazin zitiert dabei aus einem vertraulichen Lagebericht, in dem es heiße, die Bundesanwaltschaft habe inzwischen das Abwehrzentrum gegen Rechtsextremismus eingeschaltet, um mögliche Spuren in die rechtsextreme Szene zu ermitteln. Die Betonung liegt auf mittlerweile. Immerhin: Die Ermittler lernen offenbar dazu: Beim NSU hat es mehr als zehn Jahre gedauert, bis es um Rechtsterrorismus ging.

Wie bislang in Deutschland üblich, wird auch im Fall Bonn zunächst ausschließlich in Richtung islamistische oder „ausländische“ Täter gedacht (Breivik/NSU). Der Rechtsterrorismus spielt im öffentlichen Bewusstsein weiterhin kaum eine Rolle. Nachdem bis 2011 bei rechtsextremen Anschlägen von Einzeltätern die Rede war, wird nun der NSU als einmaliges und isoliertes Phänomen betrachtet. Da passt es ins Bild, dass das Oberlandesgericht München die Terrorgruppe kurzerhand für aufgelöst erklärt – obgleich noch nicht einmal klar ist, wie groß das Netzwerk überhaupt war.

Siehe auch: Die Tat ist die Botschaft,  Salafisten und Pro NRW erreichen ihr Ziel: Gewalt, alle Meldungen zum Rechtsterrorismus

Der vergessene Genozid

Generalleutnant Lothar von Trotha (Mitte) mit seinem Stab 1904 in Keetsmanshoop

Am 12. Januar 1904, heute vor 109 Jahren, griffen im zentralnamibischen Ort Okahandja, im damaligen Deutsch-Südwestafrika, Herero Kampfverbände ihre deutschen Unterdrücker an. Acht Monate später erklärten auch die Nama, eine im Süden der Kolonie lebende afrikanische Bevölkerungsgruppe, den deutschen Kolonialherren den Krieg. Der Konflikt dauerte bis 1908 und ist in die Geschichte als „Herero-Nama-Aufstand“ eingegangen. Er führte zum ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. 

Von Marie Muschalek*

Zwischen 75.000 und 100.000 Menschen wurden von der deutschen Kolonialmacht ermordet, annähernd 80% der Herero und 50% der Nama. Jene, die überlebten, wurden in Konzentrationslager interniert und mussten Zwangsarbeit leisten. Sie wurden enteignet, verloren Vieh und Land und ihre politischen Strukturen wurden vollends zerstört.

Eigentlich begann der Krieg  bereits Ende 1903 mit der bewaffneten Auseinandersetzung zwischen Bondelzwarts (eine Gruppe der Oorlam-Nama) und Deutschen in und um Warmbad im Süden der Kolonie. Gouverneur Theodor Leutwein, gleichzeitig auch Oberster Befehlshaber des Militärs, der sogenannten Schutztruppe, hatte seine Truppen dorthin gezogen, um den Widerstand niederzuschlagen. Auch andere afrikanische Gruppen – die Ovambo, Damara und San – beteiligten sich im Krieg, weswegen Historiker Dag Henrichsen ihn treffenderweise „südwestafrikanischer Krieg“ nennt, um das Ausmaß für die gesamte Region deutlich zu machen. Denn die tiefgreifenden sozialen und politischen Veränderungen, die der Krieg mit sich brachte, sind bis heute in der namibischen Gesellschaft und ihren Nachbarnationen zu spüren.

Südwestafrikanischer Krieg und rassistische Kriegsführung

Die Offensive der Herero Anfang 1904 kam relativ überraschend. Innerhalb kürzester Zeit schafften sie es, die Zentralregion der Kolonie – Militärstationen ausgenommen – unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie kappten Telegraphenlinien, sabotierten

Deutsch-Südwestafrika Hereroaufstand 1904
Kamelreiterkompanie der deutschen „Schutztruppe (Deutsch-Südwestafrika Hereroaufstand 1904 , Bundesarchiv Koblenz Bild 183-R24738)

Eisenbahnstrecken, zerstörten Brücken, und besetzten strategisch wichtige Siedlungen. Etwas über hundert weiße Menschen kamen bei diesen ersten Angriffen der Herero um. Frauen, Kinder, Missionare und Nicht-Deutsche verschonten die Widerständigen auf Befehl ihres Anführers, des Paramount-Chief Samuel Maharero, weitgehend. Nicht selten begleiteten sie diese zur nächsten Siedlung oder Station.

In den Gerüchten und deutschen Berichten, die sofort nach dem Ausbruch des Krieges entstanden, war jedoch die Rede von „bestialischen Grausamkeiten“, von Hunderten von Ermordeten, besonders Frauen und Kindern, von Verstümmelungen, Vergewaltigungen, und Kannibalismus. Die rassistische Vorstellung der Deutschen, ihnen stünde ein Gegner gegenüber, der die Regeln „normaler“ westlicher Kriegsführung nicht kenne und beachte, dessen Art zu kämpfen unehrenhaft und unmenschlich sei, bestimmte von Beginn an, wie auf deutscher Seite gekämpft wurde. So rekurrierten deutsche Soldaten und Befehlshaber beispielsweise auf angebliche „eingeborene“ Kampfgepflogenheiten, wenn sie wahllos Zivilisten erschossen oder Gefangene als „Vergeltung“ summarisch hinrichteten. Hinzu kam eine spezifisch wilhelminische Militärkultur, die sich dem Kult der Offensive verschrieben hatte und die Teilerfolge und verhandelte Kriegslösungen nicht zuließ. Was folgte, war daher ein als „Rassenkampf“ verstandener Vernichtungskrieg.

„… dass die Nation als solche vernichtet werden muss“

Von Bedeutung für die Entwicklung des Krieges zum Vernichtungsfeldzug und Völkermord war eine Entscheidung bei Kriegsbeginn im Februar 1904. Der Große Generalstab in Berlin setzte sich über zivile Regierungsinstanzen (Kolonialamt und Gouverneur) hinweg und übernahm die alleinige Führung. Der Militarismus des Kaiserreichs entfaltete seine ganze Wirkung. Ein absoluter militärischer Sieg sollte dem Aufstand ein schnelles Ende bereiten. Politische Lösungen wurden als inakzeptabel abgetan. Gouverneur Leutwein wurde untersagt, Friedensverhandlungen ohne Befugnis des Kaisers zu führen. Als neuen Oberbefehlshaber der Schutztruppen in Südwest setzte der Generalstab General Lothar von Trotha ein, der für seine brutalen Feldzüge in Deutsch-Ostafrika (1894-1897) und in China (1900) bekannt war.

Generalleutnant Lothar von Trotha (Mitte) mit seinem Stab 1904 in Keetsmanshoop
Generalleutnant Lothar von Trotha (Mitte) mit seinem Stab 1904 in Keetsmanshoop (Bundesarchiv Koblenz, Bild 183-R27576)

Zur Entscheidungsschlacht kam es Mitte August 1904 am Waterberg im nördlichen Teil der Kolonie. Die Herero hatten sich dorthin zurückgezogen, um sich und ihre Herden zu versorgen und ihre Kräfte zu sammeln. Auch Frauen, Kinder und Alte waren am Waterberg versammelt. Denn nach Brauch der Herero zogen Nicht-Kombattanten mit den Kriegern in den Krieg. Von Trothas Plan war es, „die Hereromasse, die am Waterberg saß, zu umklammern, und sie durch einen gleichzeitig geführten Schlag zu vernichten.“ Doch viele der Herero konnten aus der Einkesselung ausbrechen und Richtung Osten in die Halbwüste Omaheke, einen Ausläufer der Kalahari-Wüste, entfliehen. Die Schlacht am Waterberg wurde daher von der deutschen militärischen Führung nicht als triumphaler Sieg verstanden. Von Trotha ordnete an, den Fliehenden nachzusetzen und sie immer weiter in die Wüste zu treiben. Am 2. Oktober gab er seine berüchtigte Proklamation ab, in der er bestimmte, dass die Herero keine Untertanen mehr seien und das Land zu verlassen hätten: „Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen.“

Der Vertreibungsbefehl kam einem Todesurteil gleich. Dies war den Angehörigen der Schutztruppe bewusst, denn als Zufluchtsgebiet blieb den Herero nur das wasserlose Sandfeld, in dem Tausende von ihnen verdursteten. In einem Brief an den Generalstabschef von Schlieffen formulierte Trotha sein Anliegen deutlich: „Ich glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muss.“ Ob dieser Praktiken erscheint die Frage nach der Intention, die in der Forschung kontrovers diskutiert wird, eher sekundär. Angesichts der Praktiken der Kolonialtruppen, sowohl vor als auch nach dem Befehl, ist der Begriff Genozid gerechtfertigt. Auch die Tatsache, dass Kaiser Wilhelm II. den Befehl Trothas nach einigen Wochen auf Anraten des Reichskanzlers von Bülow und unter Druck eines Teils der Öffentlichkeit widerrief, änderte nichts am vollzogenen Völkermord. Zumal die Rücknahme der Proklamation nicht aus humanitären Skrupeln geschah, sondern aus Angst vor internationalem Prestigeverlust und aufgrund der Einsicht, dass der Krieg auf Dauer so nicht gewonnen werden konnte. Denn immer wieder schafften es vereinzelte Herero-Gruppen, sich durch die schlecht funktionierenden, von Krankheiten und Logistikproblemen geplagten Linien der deutschen Truppen zu stehlen und den Widerstandskampf fortzuführen. Darüber hinaus wurde die Schutztruppe zu diesem Zeitpunkt dringend anderorts benötigt. Die Nama waren seit September im Krieg mit den Deutschen.

Der Nama-Führer Hendrik Witbooi, um 1900.
Der Nama-Führer Hendrik Witbooi, um 1900.

Guerillakrieg, Konzentrationslager und Zwangsarbeit

Die Nama vermieden es, den Deutschen in einer großen Feldschlacht zu begegnen, und setzten von Beginn an auf Guerillataktiken. Unter der Führung ihres Kaptein Hendrick Witbooi schafften sie es, die deutschen Truppen hinzuhalten, wenn auch nicht ohne große Verluste. Und bereits Ende Oktober 1904 hatte sich das Blatt zugunsten der Deutschen gewendet, als Witbooi in einem Gefecht getroffen wurde und wenig später verstarb. Obwohl die Nama damit ihre Integrationsfigur verloren, dauerte der Krieg über mehrere Jahre weiter an.

Die Deutschen reagierten mit Radikalisierung und Eskalation. Zwischen Herbst 1904 und Herbst 1905 verdoppelte der Generalstab die Truppen von 7.000 auf 14.000 Mann. Eine Eisenbahnstrecke von der Hafenstadt Lüderitzbucht ins Innere des Landes wurde gebaut, um den Nachschub an Mannschaften und Material zu gewährleisten. Wie im Fall der Herero schossen die deutschen Soldaten auch auf Nama Frauen und Kinder und richtete Gefangene ohne Prozess hin. Auf die Köpfe der Nama-Führer wurden hohe Preise ausgesetzt. Besonders die Führer Jacob Marengo, Cornelius Frederiks und Abraham Morris machten den deutschen Truppen unermüdlich zu schaffen, selbst nachdem der Kriegszustand am 31. März 1907 offiziell durch den Kaiser aufgehoben wurde. Aber vor allem versuchte die Kolonialmacht nach der Waterbergschlacht der Situation durch Masseninternierungen Herr zu werden.

Sowohl Herero als auch Nama wurden ab Dezember 1904 in Konzentrationslagern eingesperrt. Basierend auf dem Beispiel der Konzentrationslager im britischen Krieg gegen die Buren in Südafrika (1899-1902) war das Ziel der Lager, die gesamte Bevölkerung

Stabswagen deutsche Truppen im Biwak
Stabswagen deutsche Truppen im Biwak von Onjatu 1904 (Bundesarchiv Koblenz, Bild 183-R18799)

daran zu hindern, sich den Kriegsbemühungen anzuschließen und sie gleichzeitig mit Zwangsarbeit auszubeuten. Obwohl billige Arbeitskräfte unbedingt erhalten werden sollten – zumal die Bevölkerung durch den Genozid dezimiert worden war –, nahmen die deutschen Kolonialbehörden Massensterben in den Gefangenenlagern billigend in Kauf. Die mangelnde Verpflegung, die klimatischen Verhältnisse (besonders im Lager der Haifischinsel), die allgemeinen schlechten Bedingungen in den Lagern und an den Zwangsarbeitsstätten führten dazu, dass jede/jeder zweite Gefangene starb. Im April 1908 wurde die Kriegsgefangenschaft der Herero formell aufgehoben. Viele Nama blieben zum Teil bis zum Ende der deutschen Kolonialherrschaft im Jahr 1915 inhaftiert.

Verdrängt und verharmlost.

Der Widerstandskampf gegen die Kolonialherrschaft in Deutsch-Südwestafrika, der Völkermord, die Konzentrationslager und Zwangsarbeit werden in Deutschland erst seit Kurzem und nur sehr zögerlich in der Öffentlichkeit verhandelt. Auch andere koloniale Gewaltverbrechen, die brutale Unterdrückung der Maji-Maji Rebellion in Deutsch-Ostafrika, der ca. 100.000 Menschen zum Opfer fielen, oder die zahlreichen Massaker deutscher Marine- und Expeditionskorps während des sogenannten Boxeraufstands in China, finden in den deutschen Medien, in Museen, Schulbüchern und anderswo kaum oder gar keine Beachtung. Das koloniale „Abenteuer“ der Deutschen sei nur kurzlebig und geografisch limitiert gewesen und daher unerheblich für die weitere Entwicklung der deutschen Gesellschaft, heißt es.

Deutsche Kolonialgeschichte wird verdrängt und verharmlost. Deutsche Politiker haben diese angeblich unbelastete Vergangenheit sogar herangezogen, um zu behaupten, dass der deutsche Staat besonders berufen sei, heute als Vermittler in der Entwicklungspolitik zu wirken. Abgesehen davon, dass diese Haltung die Erinnerung der Opfer mit Füßen tritt, verkennt sie auch, dass der Kolonialismus in der deutschen Geschichte durchaus große Relevanz hat und seine Wirkung sowohl auf die kolonisierten als auch auf die kolonisierende Gesellschaft weit über die formale Besetzungsperiode hinaus geht. Konkret bedeutet diese Haltung, dass die deutsche Regierung den Völkermord an den Herero und Nama bis heute nicht anerkannt hat (abgesehen von einer religiös formulierten Bitte um Vergebung von Ministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul zum 100. Jahrestag). Die Opfer und ihre Nachfahren haben bis heute keine offizielle Entschuldigung geschweige denn Entschädigung erhalten.

* Marie Muschalek ist Promovendin an der Cornell University (USA). Ihre Forschungsschwerpunkte sind deutsche Kolonialgeschichte, Militär- und Polizeigeschichte. Arbeitstitel ihrer Doktorarbeit: „A State of Violence: Policing German Southwest Africa, 1905-1915.“ Marie Muschalek ist Mitglied des Kollektivs „Kolonialismus im Kasten“, das kritische Rundgänge zur deutschen Kolonialvergangenheit durch das Deutsche Historische Museum organisiert.

Literatur zum Weiterlesen

  • Bley, Helmut. Kolonialherrschaft und Sozialstruktur in Deutsch-Südwestafrika 1894-1914. Hamburg: Leibniz-Verlag, 1968.
  • Gewald, Jan-Bart. Herero Heroes: A Socio-Political History of the Herero of Namibia, 1890-1923. Oxford: James Currey, 1999.
  • Henrichsen, Dag. “Pastoral Modernity, Territoriality and Colonial Transformations in Central Namibia, 1860s-1904”. In Grappling with the Beast: Indigenous Southern African Responses to Colonialism, 1840-1930, hg. von Peter Limb, Norman Etherington, und  Peter Midgley. Leiden: Brill, 2010.
  • Hull, Isabel V. Absolute Destruction: Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany. Ithaca, N.Y: Cornell University Press, 2005.
  • Kuß, Susanne. Deutsches Militär auf kolonialen Kriegsschauplätzen: Eskalation von Gewalt zu Beginn des 20. Jahrhunderts. 1. Aufl. Studien zur Kolonialgeschichte ; 3. Berlin: Links, 2010.
  • Schaller, Dominik. „‘Ich Glaube, dass die Nation als solche vernichtet werden muss‘: Kolonialkrieg und Völkermord in ‚Deutsch-Südwestafrika‘ 1904-1907“. Journal of Genocide Research 6, no. 3 (September 2004): 395–430.
  • Zimmerer, Jürgen und Joachim Zeller (Hg.). Völkermord in Deutsch-Südwestafrika: Der Kolonialkrieg (1904-1908) in Namibia Und Seine Folgen. 1. Aufl. Berlin: Links, 2003.