Der Dschihad und das Nichts

ISIS-Flagge
ISIS-Flagge

Jürgen Manemann sucht in seinem Buch “Der Dschihad und der Nihilismus des Westens“ nach Erklärungen, warum sich junge Europäer dem “Islamischen Staat“ (IS) anschließen. Hierfür macht Manemann auch den Nihilismus westlicher Gesellschaften verantwortlich. Der Autor plädiert für eine gerechtere Politik, um dem Nihilismus und dem IS entgegenzuwirken.  

Von Stefan Kubon

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Von Brüdern und Kameraden: Ist der Salafismus ein Fall für die Antifa?

Screenshot aus einem Video der "Sharia-Police"

Die antifaschistische Linke sollte den Salafismus als Gegner ernstnehmen. Sie muss jedoch überlegen, gegen welche salafistischen Strömungen sich ihr Engagement zu richten hat – dabei kann sie von ihrem Wissen über Rechtsextremismus profitieren.

Von Floris Biskamp

Wuppertal im Sommer 2014: Eine Gruppe bärtiger Männer zieht in einheitlich orangenen Warn-Westen mit dem Aufdruck „Scharia-Polizei“ durch die Straßen und filmt sich dabei, wie sie Passantinnen [1] zu „gottgefälligem“ Verhalten ermahnt. Der eigenen Darstellung nach will man nur daran „erinnern“, welche Form der Lebensführung für die Angesprochenen selbst gut ist und sie ins Paradies führt. Dortmund im Sommer 2015: Eine Gruppe deutlich eingehender rasierter Männer zieht in einheitlich gelben T-Shirts mit dem Aufdruck Weiterlesen

Welcome to the real world, Europe!

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Photo Credit: DFID – UK Department for International Development via Compfight cc

Die geflüchteten Menschen in Europa sind unter anderem das Ergebnis der fehlenden außenpolitischen Linie der EU. Krieg in Syrien? Arabischer Frühling? Die Europäer halten sich weitestgehend raus. Doch die Festung Europa wird löchrig, verzweifelte Menschen lassen sich durch Seegang und Stacheldraht nicht mehr aufhalten. Sie sind die Boten von schlechten Nachrichten.

Von Patrick Gensing

Es seien vor allem junge Männer, die die lebensgefährliche Reise über das Mittelmeer riskieren – das war in den vergangenen Monaten oft zu lesen. Nun scheinen sich auch noch weit mehr Familien auf den Weg nach Westeuropa zu machen.

Warum? Weil Weiterlesen

MV für Kobane: Dem IS-Terror knapp entgangen

Wenige Sekunden vor dem Anschlag in Suruc. (Screenshot YouTube)

In Mecklenburg-Vorpommern sammeln engagierte Leute seit Monaten Geld und Hilfsgüter für die Menschen in Kobane. Die dritte Hilfslieferung ist noch auf dem Weg in die syrische Stadt, die kurdische Kämpfer vom „Islamischen Staat“ befreit haben. Aus ganz Europa sind Menschen in der Region aktiv, um die kurdische Bevölkerung zu unterstützen. Nun tötete mutmaßlich ein IS-Selbstmordattentäter zahlreiche Helfer. Vier Personen aus Mecklenburg-Vorpommern, darunter der Sänger von „Feine Sahne Fischfilet“ entgingen dem Anschlag nur knapp.

Von Patrick Gensing

Kobane – ein Symbol für den Kampf gegen die Massenmörder des „Islamischen Staates“. Dass kurdische Einheiten die Stadt vom IS befreiten, sitzt wie ein Stachel im Fleisch der Terrororganisation, die seit Monaten in weiten Teilen Syriens und des Iraks nicht nur für Angst und Schrecken sorgt, sondern durch Folter, sexualisierter Gewalt sowie brutalste Hinrichtungen ein Regime errichtet hat, wie es sich selbst der größte Pessimist wohl kaum in der finstersten Dystopie auszumalen vermochte.

Kurdische Organisationen pflegen Kontakte zu linken Gruppen in ganz Europa – und diese unterstützen wiederum die Kurden in der Grenzregion zwischen der Türkei und Syrien. In Mecklenburg-Vorpommern sammelte „MV für Kobane“ in den vergangenen Monaten Hilfsgüter, zuletzt machten sich nach Angaben der Initiatoren LKW mit medizinischer Ausrüstung in Richtung syrischer Grenze auf den Weg.

Dort warteten Helfer von „MV für Kobane“, um die Hilfsgüter entgegen zu nehmen und zu verteilen. Diese Helfer entgingen heute nur knapp einem Selbstmordanschlag – mutmaßlich begangen vom „Islamischen Staat“, der sich bislang aber nicht dazu bekannte.

Der Rechtsanwalt Thomas Wanie, der für MV Kobane vor Ort ist, sagte mir am Telefon, er und drei weitere Personen seien gerade auf dem Weg zu einem Treffpunkt in Suruc gewesen, als sich dort ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte. Die Helfer aus Mecklenburg-Vorpommern kamen Wanie zufolge nur wenige Minuten nach dem Anschlag in die Gegend, wo eine Pressekonferenz von sozialistischen Jugendlichen stattfinden sollte. Das Attentat dürfte also genau geplant gewesen sein. Auch der Sänger der Punk-Band „Feine Sahne Fischfilet“ hält sich in Suruc auf und zeigte sich geschockt nach dem Anschlag. Sie seien unverletzt geblieben, sagte Monchi, doch die ganze Situation sei selbstverständlich extrem.

Auf Facebook schrieb „MV für Kobane“:

Wır befınden uns seıt heute Mıttag ın Suruc, wo es zu dıesen Zeıtpunkt zu eınem mörderıschen Anschlag durch eınen Selbstmordattentaeter kam. Dıe Bombe explodıerte dırekt auf dem Gelaende des Kulturzentrums Amara, zu dem wır gerade wollten um das Ankommen unserer LKWs abzusprechen. In dem Moment kamen uns dıe Menschen auf der Strasse entgegen. Es kamen mındestestens 42 Menschen ums Leben, mehr als 100 weıtere wurden verletzt. Wır werden weıter berıchten wenn uns dıes moeglıch seın sollte. Uns geht es den Umstaenden entsprechend gut. Wır trauern um dıe Toten und vıelen Verletzten.

Rechtsanwalt Wanie berichtete, man habe mehrere Verletzte des Anschlags gesehen. Einige bluteten, andere konnten offenkundig nichts mehr hören. Unbestätigten Berichten zufolge hatte sich ein Jugendlicher zwischen die Aktivisten begeben und gesagt, er wolle bei der Gruppe mitmachen – und dann seinen Sprengsatz gezündet. Medien berichten hingegen von einer jungen Frau als Attentäterin. Im Netz wurden Videos veröffentlicht, auf denen die Explosion zu sehen ist; tatsächlich scheint sich der oder die AttentäterIn mitten in der Gruppe der sozialistischen Jugendlichen aufgehalten zu haben.

Unterstützer abschrecken

Auch in Kobane selbst explodierte eine Bombe. Offenkundig will der „Islamische Staat“ Menschen aus Europa durch den Terror davon abhalten, die kurdische Bevölkerung weiter zu unterstützen – und Kobane wieder erobern. Rechtsanwalt Wanie sagte mir, dass in Suruc unter anderem Leute unterwegs gewesen seien, die zu einer Bau-Brigade gehörten. Linke Helfer aus ganz Europa, die sich in Brigaden organisieren – das erinnere doch an den spanischen Bürgerkrieg? Wanie bestätigte den Eindruck: Viele bezeichnen den „Islamischen Staat“ als faschistische Bewegung – dementsprechend sei die Selbstbezeichnung als Brigade kein Zufall.

Der Anschlag legt den Schluss nahe, dass die Unterstützung für die Kurden für den „Islamischen Staat“ durchaus eine Bedrohung darstellt. Rechtsanwalt Wanie betont, man werde nun nicht Hals über Kopf abreisen, sondern wolle die Ankunft und Verteilung der Hilfsgüter organisieren. Zudem stellt Welt-Korrespondent Deniz Yücel die Frage, ob der IS in der südosttürkischen Provinz Urfa organisiert sei. Aber auch die kurdischen „Selbstverteidigungseinheiten“ stehen in der Kritik, so werfen Menschenrechtler und türkische Politiker kurdischen Einheiten beispielsweise vor, Oppositionelle getötet zu haben.

Der Bürgerkrieg in Nahost geht also weiter, Hunderttausende Menschen wurden bereits getötet, Millionen sind auf der Flucht. Währenddessen werden in mehreren deutschen Städten Unterkünfte für Menschen, die vor dem IS und dem Terror flüchten mussten, angezündet. Traurige Zeiten.

Siehe auch: Was tun gegen den islamistischen Terror?Kopenhagen: Attentäter von Pariser Anschlägen „inspiriert“Der größere KriegNPD in Syrien: Brauner Besuch beim Assad-RegimeSyrien: Leben und Sterben am anderen Ende der roten Linie

Das neue Utøya erwacht zu Leben

Das neue Utöya

Fast vier Jahre ist es her, dass der Rechtsterrorist Anders Breivik auf der norwegischen Insel Utøya 69 Menschen ermordete. Nun erwacht die Insel zu neuem Leben: In wenigen Tagen findet das erste Sommerlager seit dem Anschlag auf der Insel statt – mit einem Rekord, was die Teilnehmerzahl angeht. 

Von Patrick Gensing

„Lasst uns die Toten ehren – und uns über das Leben freuen!“ Mit diesen Worten versuchte der damalige Ministerpräsident Norwegens, Jens Stoltenberg, am ersten Jahrestag des Doppelanschlags vom 22. Juli 2011 den Blick wieder behutsam in die Zukunft zu richten.

Zum zweiten Jahrestag wurde die Insel für drei Tage für Angehörige der Opfer und Überlebende geöffnet, um ihrer geliebten Menschen zu gedenken, um das Erlebte zu verarbeiten.

Mittlerweile sind fast vier Jahre vergangen. Und in diesem Sommer findet das traditionelle Sommerferienlager der AUF, der Jugendorganisation der Arbeiterpartei, wieder auf Utøya statt. 800 bis 1000 Jugendliche werden dort laut norwegischen Medienberichten erwartet. Ein Rekord. Dies zeige, dass der Terror die Arbeit der AUF nicht stoppen könne, betont der 17-jährige Felix Volpe im norwegischen Rundfunk.

Seite für das "neue Utöya" http://www.utoya.no/
Seite für das „neue Utöya“ http://www.utoya.no/

Breivik wollte den Nachwuchs der Arbeiterpartei als Träger der Idee des Multikulturalismus auslöschen, doch nach dem Doppelanschlag traten Hunderte Jugendliche der Arbeiterjugend bei, die Zahl der Mitglieder wuchs deutlich.

Auf dem „Neuen Utøya“ stehen mittlerweile einige Neubauten, eine Gedenkstätte soll an die Opfer erinnern. Vier Jahre nach dem rechtsextremen Anschlag erwacht Utøya wieder zu neuem Leben.

Gefangener bedroht Breivik

Anders Breivik sitzt unterdessen in einem Hochsicherheitstrakt im norwegischen Provinz Telemark seine Haftstrafe ab. Wie norwegische Medien berichteten, wurde er nun von einem anderen Gefangenen bedroht: Ein Mann drang bis zu einer Tür zu Breiviks Zelle vor, hämmerte dagegen und drohte, den Terroristen umzubringen. Wie es zu dieser Sicherheitslücke kommen konnte, ist bislang unklar.

Lachen, quälen, männlich sein

Der Attentäter inszeniert sich als "Marxist Hunter".

“Hab dem meine Finger in die Nase gesteckt. Und gewürgt. War witzig.” – Auch in Hannover sind Flüchtlinge offenkundig misshandelt worden. Warum amüsieren sich Männer darüber, wenn sie aus einer Position der Macht Schwächere demütigen und quälen können?

Von Patrick Gensing

“Hab den weggeschlagen. Nen Afghanen. Mit Einreiseverbot. Hab dem meine Finger in die Nase gesteckt. Und gewürgt. War witzig. Und an den Fußfesseln durch die Wache geschliffen. Das war so schön.”

Mit diesen Worten soll ein Polizist laut NDR-Recherchen gegenüber einem Kollegen mit seinen “Heldentaten” geprahlt haben. Das 19-jährige Opfer war dem uniformierten Täter schutzlos ausgeliefert: Der Afghane war Bundespolizisten demnach wegen geringfügiger Verstöße aufgefallen. Unter anderem war er in einem Schnellimbiss im Hauptbahnhof ohne gültigen Pass angetroffen worden. Im Polizeigewahrsam hatte mindestens ein Polizist dann offenkundig freie Hand.

Besonders auffällig ist, wie der mutmaßliche Täter in der zitierten Whats-App-Nachricht seine Freude betont: Es sei “witzig” und “so schön” gewesen, das Opfer zu misshandeln. Zudem habe ein Bundespolizist in Anwesenheit von mehreren Kollegen einen anderen Beamten mit der Waffe bedroht und ihn zu sexuellen Handlungen aufgefordert. Wie ist so etwas zu erklären?

Von Macht und Männlichkeit

Der Polizist beschreibt die Misshandlungen bildlich, er brüstet sich damit – wenn auch nur gegenüber einem sehr begrenzten Empfängerkreis; aus naheliegenden Gründen, denn der Täter muss Sanktionen fürchten, sollten die Quälereien bekannt werden, so wie es jetzt geschehen ist. Sicherlich würde er sich gerne vor viel mehr – möglichst gleichgesinnten – Menschen mit den Misshandlungen rühmen. Und in wie vielen Fällen bleiben solche oder ähnliche Taten wohl  unbekannt?

Es gibt ähnliche Beispiele: Im September 2014 berichteten Medien über die Misshandlungen von Flüchtlingen in Burbach durch Wachpersonal. In einem Video war zu sehen, wie ein Wachmann einen Asylbewerber zwang, sich auf eine Matratze mit Erbrochenem zu legen. Außerdem entdeckten die Ermittler Handy-Fotos, auf denen Wachleute mit ihren Opfern posierten.

Das Lachen der Täter

Die Prahlerei mit brutalsten Gewalttaten ist ein Phänomen, mit dem sich Klaus Theweleit in seinem neuen Buch “Das Lachen der Täter: Breivik u.a.” beschäftigt. Er zeichnet ein Psychogramm der Tötungslust an den Beispielen von Anders Behring Breivik, dem NSU, Kämpfern des “Islamischen Staats”, Nazi-Schergen im Zweiten Weltkrieg, Hutus in Ruanda und an weiteren Tätern, die das Morden zelebrierten – und es offenbar genossen, dabei lachten.

Theweleit knüpft mit diesem stilistisch ziemlich eigenartigen Buch, dessen Gewaltbeschreibungen oft nur sehr schwer zu ertragen sind, an die “Männerphantasien” an. Ausführlich beschreibt er, wie von körperlicher Fragmentierung bedrohte junge Männer durch (sehr oft sexualisierte) Gewalt Unsicherheit und Selbsthass nach außen kehren. Theweleit beschreibt am Beispiel von Anders Breivik ausführlich das Wesen des soldatischen Mannes:

Der Körpertyp “soldatischer Mann”sei gekennzeichnet durch spezifische psychische Prozesse, die sich als massive Gewalteingriffe in die äußere Welt vollziehen. Diese Gewalteingriffe führten zu “einer momentanen körperlichen Erleichterung, die sich bevorzugt in exzessivem Gelächter Bahn bricht (S. 227).

Theweleit betont den Zusammenhang zwischen Adoleszenz und innerer Fragmentierung: Im Hinblick auf islamistische Konvertiten, die in den Dschihad ziehen, merkt er an, dass all diese doch ihre Pubertätsphasen durchliefen, mit denen eine Distanzierung vom eigenen Körper, der zur physischen Reife gelangt sei (S. 186). Daraus entstünden nicht selten auch Aggressionen gegen den eigenen Körper – was die relativ hohe Zahl von Selbsttötungen bei 13 bis 18-Jährigen erklärt.

“Verlierer” sind Viele

Der Autor weist den monokausalen Erklärungsansatz zurück, wonach beispielsweise die Attentäter von Paris einfach soziale “Verlierer” seien. Das seien viele, merkt Theweleit an – und verweist auf mögliche “psyhophysischen Turbulenzen spätpubertärer Adoleszenten”. Dieser Faktor werde bei der öffentlichen Debatte vollkommen vernachlässigt.

Der Autor meint, die Ideologie sei für den soldatischen von innerer Fragmentierung bedrohten jungen Mann letztlich zweitrangig: Die “Grundempfindung bei allen, nämlich dass die “störenden Fremdkörper” weg müssen”, sei zudem unabhängig von der tatsächlichen Existenzform der “Anderen” (S. 167) – was beispielsweise mit dem Antisemitismus oder auch der Muslimfeindlichkeit in Dresden korrespondiert.

Gemeinsam seien vielen Tätern ähnliche körperliche Affektzustände. Die jeweilige “Ideologie”, die sie zur Mord-Begründung anführten, teilten ja immer viele auf der Welt, betont Theweleit – dennoch würden sie nicht notwendig selber als Mörder “tätig”.

Breivik – der Freikorpsmann

Anders Berivik wurde als Mörder tätig. Er sah sich selbst – obwohl er ein Einzeltäter war – als Teil einer internationalen Armee, eines Ritterordens. Auch seine Briefe an Beate Zschäpe dokumentieren, wie zwanghaft er versucht, die Vorstellung einer internationalen rechtsterroristischen Bewegung, der er dienen kann, zu bewahren. Theweleit verweist darauf, dass weite Teile von Breiviks Copy-and-paste-Manifest den Äußerungen jener deutschen Freikorpsleute ähnelten, die er in den “Männerphantasien” unter der Bezeichnung soldatischer Mann untersucht habe. (S. 104).

Breivik inszenierte sich im Netz als Soldat.

Breivik inszenierte sich im Netz als Soldat.

Der soldatische Mann (zugespitzt “der Faschist”) sei das, was er sich unter einem richtigen Mann vorstelle: Er gucke nicht zu, sondern sei aktiv. “Er richtet die Welt zu; so wie sie nach seinen Vorstellungen zugerichtet gehört.” (S. 106). Dies seien Vorstellungen, die direkt aus seiner Körperlichkeit kämen, meint Theweleit. (S. 107). Der Autor schreibt in diesem Kontext von ideologischen Blöcken, die zu vernichtenden Handlungen aufrufen. Diese seien prinzipiell austauschbar. Nicht austauschbar sei hingegen der anti-weibliche Komplex – den Breivik beispielsweise unter dem Stichwort “kulturmarxistischen Feminismus” zusammenfasst – von dem er sich ganz persönlich bedroht fühlt.

Damit verbinde Breivik ideologisch viel mit seinem Feindbild “konservativer Muslim”, meint Theweleit: Der Norweger sei strukturell patriarchalischer Muslim wie auch norwegisch-christlicher Antisemit wie auch germanisch-sektiererischer SS-Mann (S. 108).

Ähnlichkeiten beachten

Theweleit zitiert in seinem Buch ausführlich aus Zeitungsartikeln und Essays; im Zusammenhang mit jungen Dschihadisten kommt der BerlinerPsychologe Ahmad Mansour zu Wort, der eine wichtige Feststellung traf:

Ihre Gefährlichkeit verdanken die radikalen Strömungen nicht so sehr der Differenz zum “normalen” Islam als vielmehr der Ähnlichkeit. Bereits muslimischen Kindern wird von “unreinen Frauen” und “sündhaften Ungläubigen” erzählt, den Jugendlichen sind dann solche Begriffe vollkommen vertraut. Sie werden meist in einem Klima von Kontrolle, Angst und Strafe erzogen. Ihr “Respekt” soll dem Clan, dem Kollektiv und den Autoritäten gelten. Fundamentalisten verstehen sich als purifizierende Verstärker solchen Denkens. Darin liegt ein Grund für die Anfälligkeit von Jugendlichen für die Argumentation der radikalen Islamisten. Wenn ich als Jugendlicher diese Radikalität annehme und praktiziere, zeige ich, in einem Gestus der pubertären Überlegenheit, der eigenen Gruppe, dass ich “der bessere Muslim” bin – ich überführe die eigene Gruppe der Heuchelei. So lässt sich indirekt Aggression gegen die Eltern, die Familie ausagieren, ohne dass man den mutigen Schritt tun müsste, deren antiquierte Denkweisen kritisch zu sehen.

Ähnliches lässt sich bei deutschen Faschisten – egal welcher Couleur feststellen: Ihre Feindbilder teilen sie mit beträchtlichen Teilen der Mehrheitsgesellschaft; sie unterscheiden sich hingegen vor allem durch ihre Radikalität vom biodeutschen Mainstream, der seinen Nachwuchs nicht auf Schulen schicken möchte, auf denen zu viele “Kinder mit Migrationshintergrund” gingen – womit die Kinder gemeint sind, die von Nazis offen als “Kanacken” bezeichnet werden.

Der soldatische Mann erträgt keine Vielfalt, sein von “Schmutz und Fragmentierungsängsten bedrohter Körper” halte äußeres “Gewimmel” nicht aus, meint Theweleit (S. 169). Er werde gewalttätig, es seien Akte der eigenen zwanghaften körperlichen Stabilisierung.

“Quäl- und Spaßfaktor”

Sind solche Fälle wie in Burbach oder nun in Hannover also Zufall? Theweleit thematisiert auch die Vorgänge in Burbach – und zitiert ausführlich aus der taz und der SZ. Die taz plädierte dafür, dass der Staat Sicherheitsleistungen nicht outsourcen dürfe, das Gewaltmonopol liege “aus guten Gründen beim Rechtsstaat, nicht bei einem tätowierten Knüppelkommando”. Wobei, so merkt Theweleit an, es nicht sicher sei, dass der “Quäl- und Spaßfaktor” bei regulär ausgebildeten, besseren Wachleuten wirklich geringer ausfiele (S. 76).

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Theweleit wendet sich entschieden dagegen, die Killer nicht als ganz normale Männer anzusehen. “Das Morden und Massenmorden gehört zum ‘ganz normalen’ Mann-Typs dazu – immer dort, wo die Schleusen geöffnet sind.” Dieser Männer-Typ sei zu einem großen Teil deckungsgleich mit den ganz normalen Arschlöchern, die man im Alltag beobachten könne (S. 225). Es gebe Typen, die sich am Killen beteiligten – und wenn es erlaubt oder vorgeschrieben sei “mit besonderem Vergnügen” (S. 226).

Zu Objekten degradiert

Bei Flüchtlingen wurden die oben erwähnten Schleusen ein Stück weit geöffnet, aber ganz anders, als es in den elendigen “Das Boot ist voll”-Bildern transportiert wird: Vielmehr werden diese Menschen entrechtet und öffentlich bestenfalls als bemitleidenswerte Opfer und schlechtestenfalls als “Sozialschmarotzer” abgestempelt. Sie haben kaum Möglichkeiten, als Individuen zu agieren, können maximal als Gruppe reagieren. Kämpfen sie für ihre Rechte, kocht der Volkszorn nur umso höher.

Dass sich ein mutmaßlich soldatischer Mann, wie er im Sicherheitsdienst – ob nun privat oder öffentlich – durchaus anzutreffen sein dürfte, genau diese Opfer sucht, ist sicherlich alles andere als ein Zufall. Dass er nicht zum Killer geworden ist, liegt lediglich daran, dass die Schleusen nicht ganz geöffnet sind.

Klaus Theweleit, “Das Lachen der Täter, Breivik u.a.”, Residenz Verlag 2015, erschienen in der Reihe “Unruhe bewahren”.