Männerfantasien: Die antigenderistische Ideologie des Ulrich Kutschera

Der Kasseler Biologie-Professor Ulrich Kutschera tut sich in den letzten Monaten immer wieder durch Traktate gegen „die Gender Ideologie“ hervor. Dabei nähert er sich nach und nach einem geschlossen rechtsextremen Weltbild an und erhält dementsprechend auch Applaus vom rechten Rand. Grund genug für eine ideologiekritische Skizze seines Antigenderismus.

von Floris Biskamp und Fabian Bärig

Der C4-Tiger brüllt wieder!

Seit Juli tritt der Kasseler Biologe Ulrich Kutschera in regelmäßigen Abständen an die Öffentlichkeit, um die „normalen“ Teile der Bevölkerung vor einer ernsthaften Gefahr zu warnen: Gender!

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Antifaschismus von rechts

“Sturm auf den Reichstag” (Copyright: Oliver Feldhaus)

„Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: «Ich bin der Faschismus» Nein, er wird sagen: «Ich bin der Antifaschismus».“ Oder auch kürzer: „Der neue Faschismus wird sagen, er sei der Antifaschismus“ – diese Kalenderweisheit für Forentrolle ist bereits in dieser oder ähnlicher Formulierung Zehntausendfach im Netz wiederholt worden.

Von Patrick Gensing

Ob der angebliche Urheber Ignazio Silone diesen Satz tatsächlich so geäußert hat, lässt sich nicht wirklich zweifelsfrei belegen. Von Intention und Kontext wollen wir gar nicht erst anfangen. (1) Dennoch gehört diese „Wahrheit“ mittlerweile fest zu der Diskussionssimulation im Netz: Sie reiht sich ein und passt perfekt zu anderen „Fakten!“, mit denen eine bestimmte Realität mit einem absoluten Anspruch definiert werden soll.

“Die Drohungen sind real”

Zu den Merkmalen dieser Definitonsstrategien gehört es, anderen genau das vorzuwerfen, was man selbst tut: Das Einfordern von Objektivität beispielsweise – während man selbst gnadenlos selektiv Artikel, Informationsfetzen und Zitate heraussucht, die das eigene Weltbild scheinbar oder tatsächlich stützen. Ähnlich verhält es sich mit der Forderung nach „echter“ Meinungsvielfalt sowie „offener“ Diskussionskultur: In vielen Foren und Netzdiskussionen gehört es zum schlechten Ton, ständig über angebliche Zensur zu klagen und eine fehlende Ausgewogenheit zu kritisieren, gleichzeitig lassen die Meister der Wortergreifung keinerlei Widerspruch zu oder beleidigen Menschen mit anderen Meinungen geübt und wortreich.

Durch rabiate Sprache, subtilen wie offenen Drohungen werden Andersdenkende bestenfalls abgeschreckt und wahrscheinlich eingeschüchtert, auch wenn man sich das nicht eingestehen möchte. “Die Drohungen sind real”, brachte es Anne Wizorek auf den Punkt, “und die Ängste sind es auch”. (2)

Struktureller Faschismus

Sinn einer Diskussion ist es eigentlich, die Meinungen und Beiträge anderer TeilnehmerInnen wahrzunehmen und in die eigene Argumentation einzubauen, indem man auf die Gedanken eingeht und begründet, warum sie bedenkenswert, falsch oder schlicht Unsinn sind. In Zeiten von Sarrazin und “Das ist Fakt!”-Sagern ein fast schon naiv wirkender Zugang, oder? Klaus Theweleit bringt die fatale Entwicklung der rechten Diskussionskultur auf den Punkt, wenn er schreibt:

Die “Beweisrede”, die nichts anderes weiter sein will als eine Beweisrede des “Rechthabens” im eigenen Standpunkt und nichts weiter im Schilde führt als eben diese Rechtfertigung der eigenen Handlungen, ist gewalttätig. […] Wer eine Stunde lang redet, um eigene Standpunkte zu untermauern und seine Handlungen zu rechtfertigen, ist strukturell ein Faschist; unabhängig davon, was er “inhaltlich” sagt. (3)

Insbesondere im Netz hat sich eine willkürliche Definition von Meinungsfreiheit ausgebreitet, die keine klaren Grenzen kennt – außer die eigene Norm: Und so werden Beleidigungen und Diskriminierungen gegen unliebsame Minderheiten zu legitimen „Meinungen“ umgedeutet, die sie eben aber nicht sind.

Diese Phänomene und Prozesse waren nie und bleiben nicht auf das Netz beschränkt – weil keine Trennung von virtuellem und realen Leben existiert. Der öffentliche Raum im Reallife liegt allerdings oft brach – und im Netz tobt eine Schlacht darum, wer wo was noch sagen kann. Nicht, weil der „böse“ Staat überall zensieren würde, sondern weil faschistischer Hatespeech Minderheiten – seien es Feministinnen, Juden, Schwarze, Muslime, Homosexuelle, Sinti – die sich im neuen digitalen öffentlichen Leben äußern und vielleicht sogar Gehör verschaffen, wieder verdrängen und zum Schweigen bringen soll: durch Drohungen und Pöbeleien. Es geht um Defintionsmacht sowie Hegemonie. Und Ruhe.

Der “Sturm auf den Reichstag”

Die neurechten politischen Milieus, die sich im Netz gefunden und teilweise weiter radikalisiert haben, fordern aber auch zunehmend im „realen“ Leben die demokratische Öffentlichkeit heraus: Am 9. Mai war es eine Front aus Verschwörungsfreaks, klassischen Rechtsextremen und anderen politischen Irrlichtern, die zum „Sturm“ auf den Reichstag blasen wollten. Der Sturm fiel aus: Rund 350 Gestalten fanden sich vor dem Bundestagsgebäude ein; zuvor hatten Zehntausende Facebook-Profile ihr Kommen angekündigt.

"Sturm auf den Reichstag" (Copyright: Oliver Feldhaus)

“Sturm auf den Reichstag” (Copyright: Oliver Feldhaus)

Auch wenn der Sturm ein laues Lüftchen war: Die demokratische Gesellschaft wird sich weiter mit diesem Milieu beschäftigen müssen. Wir erleben derzeit eine Phase des Experimentierens; ob Mahnwachen, Hogesa, Endgame oder auch die zahlreichen -gidas: Die Freunde des strukturellen Faschismus zeigen einen beachtlichen Einfallsreichtum, was die Namen und Aktionsformen sowie Bündnisse angeht.

Und wie auch immer sich das Kind gerade nennt: die Feindbilder all dieser Grüppchen und Einzelkämpfer mit imaginärer Armee im Hintergrund gleichen sich: So wie auch für den selbst erklärten Tempelritter und dutzendfachen Mörder Anders Breivik steht der Feind im Westen (auch wenn der Feind gleichzeitig im Nahen Osten verortet wird); der norwegische Rechtsterrorist schrieb in seinem Copy-and-Paste-Manifest vom Kampf gegen die Elite aus Liberalen und Kulturmarxisten, die sich zum Komplizen der “Islamisierung” gemacht hätten, bzw. diese erst eingeleitet hätten.

Gemeint ist damit die multikulturelle oder multiethische Gesellschaft – vor allem in den Großstädten, gemeint sind „Gutmenschen“, die für die Rechte von Minderheiten eintreten und gemeint sind Liberale sowie Progressive, die eine kosmopolitische Zukunft anstreben.

“Ethnischer Protektionismus”

Mit diesen Feindbildern knüpfen Breivik, der NSU aber auch islamistische Fanatiker (wobei hier die völkische Komponente keine Rolle spielt, die Kategorisierung von Freund und Feind wird anders konstruiert) nahtlos an den historischen Faschismus an. Breivik versucht diese Einordnung auszuhebeln, indem er schreibt, er orientiere sich an Japan oder den asiatischen Tigerstaaten, die sich gegen Masseneinwanderung und für einen „ethnischen Protektionismus“ entschieden hätten – und dennoch wirtschaftlich höchst erfolgreich seien.

Andere Rechtsradikale verweisen auf das Modell von Viktor Orban in Ungarn oder eben Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Und gerade das Bündnis mit Russland gegen den Westen ist zum geeigneten Taschenspielertrick geworden, um sich als Kämpfer gegen den “westlichen Imperialismus und Faschismus” zu gerieren. Anetta Kahane merkte zum 9. Mai treffend an: “Alle, die Putins Selbstherrlichkeit gegenüber den westlichen Demokratien bejubelten, seien zu Siegern geworden – „einschließlich der neuen Nazis“.” (4)

Von ehemaligen Elchen

Übrigens war der eingangs erwähnte Silone keineswegs ein dogmatischer Sozialist, er wurde beispielsweise mit dem Jerusalem-Preis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft ausgezeichnet. Für alle die, die ausschließlich Fakten verkünden, vermeintlich unpolitische Objektivität auf Basis des „gesunden Menschenverstands“ einfordern und sich auf den italienischen Antifaschisten berufen, bleibt das sicherlich nebensächlich. Aber es ist zentral: Wer für die universellen Menschenrechte eines jeden einzelnen Menschen eintritt, handelt antifaschistisch – nicht der, der besonders laut Linksfaschist, Feminazi oder SAntifa brüllt. So gesehen passt das angebliche Zitat Silones ironischerweise doch ganz gut, um politische Phänomene der Gegenwart zu beschreiben…

(1) Siehe auch: Wikipedia zu Silone
(
2) Anne Wizorek am 6. Mai 2015 auf der Republica in Berlin
(3) zitiert nach: Klaus Theweleit: “Das Lachen der Täter: Breivik u.a.”, S. 140
(4) Berliner Zeitung vom 10. Mai 2015

„Homophobie nicht zwangsläufig menschenverachtend“?

IF

Schlecht gemeint und schlecht gemacht: Die Sendung „horizonte“ im HR-Fernsehen zur ARD-Toleranzwoche übertraf noch die ärgsten Erwartungen. Heraus kam ein Sittengemälde eines verunsicherten Bürgertums, das sich realen gesellschaftlichen Fortschritt trotzig verweigern will. 

Von Patrick Gensing und Andrej Reisin

Bereits in der vergangenen Woche haben wir uns über einige Motive der Werbekampagne zur ARD-Themenwoche Toleranz gewundert, die Vorurteile und Diskriminierungen eher zu bestätigen als zu hinterfragen schienen. Auch die Ankündigung einer Talkshow des HR mit dem Gast Matthias Matussek, der seit einiger Zeit eher durch Intoleranz gegenüber Schwulen und anderen Minderheiten auffällt – und für eine nicht gerade tolerante, erzkatholische Wert- und Morallehre streitet, machte uns stutzig. Nachdem die Sendung „horizonte“ ausgestrahlt worden war, waren wir zunächst eher sprachlos. Doch damit ist es nicht getan.

Wo soll man anfangen? Vielleicht einfach chronologisch bei der Anmoderation, in der Moderator Meinhard Schmidt-Degenhard im Brustton der Überzeugung verkündet: „Komme mir bitte keiner und sage, Deutschland sei kein tolerantes Land. Im Gegenteil! Wer, wenn nicht wir?“ Bemerkenswerterweise widerspricht sich Schmidt-Degenhard bereits einen Satz später, indem er ebenso überzeugt kund tut, ihm „gehe der Tanz um die Toleranz ziemlich auf den Geist“. Einerseits ist Deutschland also das toleranteste Land der Welt, aber wehe einer sagt was anderes. Dann ist offenbar Schluss mit lustig. Obwohl damit eigentlich schon der Rest der Sendung gekonnt zusammengefasst wäre, geht es jetzt erst richtig los. Schmidt-Degenhard setzte die Leidensmiene auf und fragt: „Was müssen wir nicht alles tolerieren?“ Völlig unklar bleibt, ob Schmidt-Degenhard hier versucht, in der Bevölkerung vorhandene Emotionen aufzugreifen und wiederzugeben – oder es einfach seine eigenen Plattitüden sind. Nichts wird eingeordnet, der Toleranz-Überdruss erklärt sich offenbar von selbst.

Was folgt, ist einer der bemerkenswertesten Einspielfilme, der in den letzten Jahren in einer Talkshow im Öffentlich-Rechtlichen Fernsehen zu sehen gewesen sein dürfte. Zunächst sieht man einen Ausschnitt aus einem Zeichentrickfilm, der bei Kindern für die Akzeptanz von Fremden werben soll. Es folgen Kanzlerin Merkel, Bundespräsident Gauck, die Grünen-Politikerin Claudia Roth, die alle jeweils hart aneinander geschnitten „Toleranz“ sagen. Roth gleich dreimal, damit sich auch wirklich alle Zuschauer erinnern, welche „Gutmenschen“ besonders nerven mit dieser ewigen Toleranz.

Die gute alte Zeit

Anschließend läuft in dem Filmchen der Schlager-Hit „Ein bisschen Frieden“, dazu sehen wir eine Gruppe junger Menschen zu Besuch bei Joachim Gauck im Schloss Bellevue. Die Gruppe ist bunt gemischt, erkennbar am Kopftuch, das hier ebenso wie Hautfarbe als Marker eingesetzt wird. Als nächstes ist die Eurovisions-Gewinnerin Conchita Wurst zu sehen, im Hintergrund dudelt wie als perfider Gegensatz aber nicht „Rise like a Phoenix“, der Gewinner-Song der österreichischen Dragqueen, sondern weiter Nicole – aus einer Zeit, als beim Grand Prix noch anständige Mädchen harmlose Liedchen über die Sehnsucht nach Frieden trällerten. Für die harte Politik waren hingegen noch echte Männer zuständig.

Und heute? Da muss sich, wie in dem Einspielfilm gezeigt wird, eine Kanzlerin mit dem Zentralrat der Juden beschäftigen, weiterhin sind betende Muslime zu sehen, eine Gruppe schwuler Männer beim CSD und der Fußballspieler Thomas Hitzlsperger, der sich nach seiner Karriere als schwul outete. Dass er damit genau nicht ein Symbol „grenzenloser gesellschaftlicher Toleranz“ ist, weil als aktiver Profifußballer eben nicht offen schwul leben konnte, scheint der Redaktion nicht einmal aufgefallen zu sein. Anschließend wechseln sich Szenen von der Frankfurter Börse ab mit einer Gruppe von Männern, die auf der Straße an einer Hauswand lehnen. Und dann folgen Altkanzler Helmut Schmidt beim Rauchen und schließlich Edmund Stoiber – mit einem erneut schnell geschnittenen „Toleranz“-Stakkato. Selbst große alte Haudegen wie Stoiber müssen sich dem Zeitgeist und dem Terror der politischen Korrektheit beugen, so offenbar die Botschaft.

Der Sprechertext textet auf diese Bilder, beginnend mit dem Empfang der Gruppe beim Bundespräsidenten und endend mit Helmut Schmidt:

„Sind wir nicht längst das toleranteste Land der Welt? Schmeißen bewährte Ansichten über Bord, alle sollen machen, was sie wollen. Wir finden es gut – egal, ob beim schwulen Fußballprofi oder den Zockern von der Börse. Bei denen, die den ganzen Tag herumlungern oder bei dem, der qualmt, ohne zu fragen, ob er darf.“

Es ist schon eine reife Leistung, in so einen kurzen Film so viele Stereotype und Unbehagen über die Moderne zu verpacken. Doch dabei bleibt es nicht; nach „unser“ strapazierten Toleranz folgt der Bruch – und es kommen die zum Zuge, die sich nicht von rauchenden Sozen, Schwulen oder Muslimen auf der Nase herumtanzen lassen wollen: Pöbelnde Mitglieder der „Berserker Pforzheim“ schreien „Leck mich am Arsch“ und „Scheiß Islamisten“ in die Kamera. Es sind Bilder von der Hooligans-gegen-Salafisten (HoGeSa)-Demo in Köln. Die besoffenen Hools dürfen sich über reichlich Verständnis freuen, man könnte auch sagen: Toleranz. Der Sprechertext fragt: „Doch wie lange geht das gut? Was brodelt unter der Oberfläche? Geht der Schuss nach hinten los?“ Dann folgt erneut die Kanzlerin, die noch einmal Toleranz und „Offenheit von Mensch zu Mensch“ beschwört – vor dem Hintergrund der direkt zuvor gezeigten Hassbilder offenbar ein ironisch gemeinter Schnitt, unterlegt mit sphärischer Sakralmusik.

"Kategorie C" in Köln. In Hannover ist der Auftritt unsicher, Foto: Felix M. Steiner
Sarrazin auf prollig – Hools gegen Salafisten in Köln, Foto: Felix M. Steiner

Gruppen von Menschen, in denen es offensichtlich auch „Nicht-Arier“ gibt, eine erfolgreiche Dragqueen, Juden, Muslime, schwule Männer und (offenbar als Steigerung?) schwule Fußballprofis, ein rauchender Altkanzler und die „Zocker von der Börse“ – diese Gruppen (von der bizarr eingesetzten Einzelperson Helmut Schmidt einmal abgesehen) werden als Herausforderung „unserer“ Toleranz präsentiert. Die filmische „Antwort“ liefern dann die HoGeSa-Aktivisten, die symbolisch dafür stehen sollen, dass es womöglich nicht mehr lange „gut gehen“ könnte, dass da unter der Oberfläche der falschen oder verlogenen Toleranz der Zivilgesellschaft etwas „brodelt“, was „nach hinten losgehen könnte“ – trotz der Predigten der Toleranz-Apostel.

„Ende der Utopie namens Multikulturalismus“

Nazi-Hools als Vollstrecker des Überdrusses gegen den „Tanz der Toleranz“, der auch dem Moderator in seiner Anmoderation „ziemlich auf den Geist geht“. Das erinnert an einen Kommentar aus der FAZ, in dem Jasper von Altenbockum die Ursache für rassistischen NSU-Terror mit “einer Minderheit von Muslimen” in Verbindung gebracht hatte, die sich nicht integrieren wolle. Und auch das war natürlich kein Ausrutscher: Zum 20. Jahrestag der rassistischen Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung bereits bewiesen, dass die rechtsoffene Flanke des deutschen Konservatismus keine Erzählung aus der Vergangenheit ist.

In seinem Kommentar machte wiederum von Altenbockum aus dem rassistischen Mob ein Fanal der Vernunft gegen eine vermeintlich verfehlte Asylpolitik. Für den FAZ-Redakteur markierten die Ausschreitungen und Mordanschläge Anfang der 1990er das „Ende der Utopie namens Multikulturalismus“:

Die Exzesse gegen Asylbewerberheime Anfang der neunziger Jahre, denen Mordanschläge wie in Mölln und Solingen folgten, markierten das Ende der Utopie namens Multikulturalismus. Sie war gerade erst geboren worden und trug schon den Keim des Scheiterns in sich. Die Vision einer neuen Gesellschaft, in der die alten, spießigen Bürger keinen Platz mehr haben sollten, wirkte im Osten doppelt fatal.

Auch hier wird die Ursache der rassistischen Gewalt nicht im Rassismus gesehen, sondern sie wird der “Multikulti-Ideologie” untergeschoben. Und so hat rassistische Gewalt für von Altenbockum offenbar eine positive Funktion – so wie ein reinigendes Gewitter:

Erst ‚Lichtenhagen‘ brachte manche dieser Sozialalchimisten zur Besinnung. Erst der ‚Asylkompromiss‘ des Jahres 1993, erst die Änderung des Grundgesetzes und erst die Regulierung der bis dato mehr oder weniger schrankenlosen Einwanderung haben es möglich gemacht, in die Nähe eines gesellschaftlichen Konsenses über Rechte und Pflichten in einem Einwanderungsland zu kommen – ja, erst einmal darüber, ob Deutschland überhaupt ein Einwanderungsland ist oder nicht.

Und heute sind es die HoGeSa, die beim „Tanz um die Toleranz“ nicht mehr artig mitwippen wollen und „endlich“ eine „ehrliche“ Debatte über die Toleranz ermöglichen?

Und der bedrohten Spezies des „alten, spießigen Bürgers“ wurde in der Sendung horizonte reichlich Raum gegönnt. Denn nach Anmoderation und Einspieler durfte der Publizist Matthias Matussek in den folgenden 30 Minuten noch ausführlich nachlegen. Um den Umfang des Artikels nicht endgültig zu sprengen, soll auf Matusseks Ergüsse nicht ausführlich eingegangen werden, es waren seine erwartbaren und üblichen Textbausteine.

„Homophobie nicht zwangsläufig menschenverachtend“

Mathias Matussek in "Horizonte" (Screenshot)
Hatte sich kürzlich als „homophob“ bezeichnet: Matthias Matussek (Screenshot Horizonte).

Die tapfer kämpfende Ellen Ueberschär hatte deutliche Mühe, zivilgesellschaftliche Basics gegen Matusseks aufgeregte und stellenweise wütende Ausführungen und einen scheinbar mit ihm sympathisierenden Moderator zu verteidigen. Mehr als einmal musste sie die beiden daran erinnern, um was es bei der „Toleranz“ gegenüber Schwulen geht: um „Menschenrechte“ und „Menschenwürde“. Auch die Erkenntnis, dass der Islam zu Deutschland gehöre, weil hier nun einmal Millionen Muslime leben, schien eine intellektuelle Überforderung für ihren Kontrahenten darzustellen.

Dass das Unbehagen, das wir und viele andere angesichts der Sendungsankündigung hatten, völlig berechtigt war, bestätigte Redaktionsleiter Schmidt-Degenhard im anschließenden Chat zur Sendung, in dem er auf Kritik unter anderem entgegnete, „meines Wissens ist Homophobie nicht zwangsläufig menschenverachtend.“ (sic!)

Womit wir dann beim Kern des Problems angekommen wären: Wenn dem Moderator Homophobie „nicht zwangsläufig menschenverachtend“ erscheint, ist Matussek natürlich auch niemand, der sich außerhalb des zivilgesellschaftlichen Konsens bewegt. Selbstverständlich kann es 2014 nicht mehr Standard sein, dass zwei äußerst prominente Repräsentanten der Mehrheitsgesellschaft plus Moderator nur „über“ Schwule und Muslime reden, ohne dass die betreffenden Gruppen eine Chance erhalten, für sich selbst zu sprechen. Zumal dann, wenn einer der geladenen Gäste auch noch massiv auf deren Gefühlen herumtrampelt und ihnen offenkundig zum Teil schlichtweg Grundrechte vorenthalten will.

Doch das Bundesverfassungsgericht hat in den letzten Jahren immer wieder in einzelnen Punkten entschieden, dass die homosexuelle Lebenspartnerschaft der Ehe gleichzustellen sei, steuerrechtlich, im Hinblick auf das Adoptionsrecht und das Familienrecht. Eine vollständige formale Gleichstellung der hetero- und homosexuellen Ehe ist daher längst überfällig – und es ist eines der großen gebrochenen Wahlversprechen der SPD, dass ihr dieser Punkt bei den Koalitionsverhandlungen mit der Union im Ergebnis schlichtweg egal war.

Bemerkenswert ist, dass eine so konzipierte Sendung ausgerechnet im Rahmen der ARD-Toleranzwoche läuft – und dass die im Vorfeld kritisierte Ankündigung alles andere als ein Ausrutscher oder Versehen war. Äußerst präzise wurde die Perspektive der Sendung vorweggenommen und beschrieben: Der kleine Mann, der in der Kantine zwei Minuten auf sein Schweineschnitzel warten muss, weil irgendeine Kopftuch-Else wegen religiöser Sitten aus dem Morgenland nervt. Der kleine Mann, der sich angewidert wegdreht, wenn sich zwei Männer trauen, in der U-Bahn ein paar Zärtlichkeiten auszutauschen.

Das Potpourri der „Feindgruppen“

Konsequent wird diese Perspektive des bedrohten deutschen, männlichen „Normalbürgers“ durchgehalten, der auch beim Thema Sex nicht mehr weiß, woran er ist. Irgendwie ist überall Sex, aber er bekommt immer zu wenig davon ab. Käuflicher Sex, Prostitution, schwule Darkrooms im Frankfurter Bahnhofsviertel, irgendwie ist alles dasselbe – und kaum durchschaubar. Als Höhepunkt eines weiteren horizonte-Einspielfilms kommt ein angetrunkener Mann vor einer Bar im Rotlichtbezirk zu Wort, der mit dem Autor bei einer Flasche Bier darüber sinniert, ob Toleranz nicht auch bedeute, dass Männer Frauen nun mal nach dem Schema „die ist geil, die auch, und die auch“ bewerten. „Aber sie geben es nicht zu!“, empört sich das verhinderte Alphamännchen schließlich – verdammte feministische Nervensägen.

Es fehlt bei diesem merkwürdigen Moral-Aufguss des 50er-Jahre-Miefs eigentlich nur noch der Beamte der Sittenpolizei, der aber kumpelhaft ein Auge zudrückt, weil auch er genau weiß, wie hart das Los der Männer heutzutage ist. Mit spielerischer Lust auf verschiedenartige Sexualität und Offenheit für Veränderungen hat das alles auf jeden Fall wenig zu tun, auch wenn es unverkrampft daherkommen soll.

Auf den Schlussakkord zum Feindbild Börsenspekulant gehen wir nicht mehr ein, darauf konnte sich selbst Matussek kaum einen Reim machen. Die Themenzusammenstellung war einfach ein erratisches Potpourri, das sich an den vermuteten „Feindgruppen“ des Mehrheitspublikums orientierte:  Schwule, Migranten, Muslime, Sozialschmarotzer, Emanzen, Spekulanten. Die bedrohlich formulierte Anfangsfrage, ob „der Schuss nicht bald nach hinten losgeht“ gibt die Leitidee wieder: diesen Vorurteilen „breiten Platz und Raum“ einzuräumen, damit das Publikum nicht auf die Idee kommt, „Volksverräter“ zu brüllen und auf HoGeSa-Demos zu gehen. Doch diese „Taktik“ wird nicht funktionieren.

Das Reden über andere

Denn das das Reproduzieren von Stereotypen, das abwertende Reden über andere, die nicht anwesend sind, taugt nicht dazu, Ressentiments abzubauen. Vielmehr werden Vorurteile so erst recht perpetuiert, weil der mit solchen vor dem Fernseher sitzende Zuschauer sich dadurch bestätigt fühlt, dass seine Ressentiments „endlich auch mal im Fernsehen“ offen ausgesprochen werden. Dass es in Gestalt von Ellen Überschär auch eine marginalisierte Gegenstimme gab (gegen „provokante“ Ankündigung, „provokante“ Moderation, „provokante“ Einspieler und Matussek), spielt für die verstärkende Wirkung kaum noch eine Rolle. Denn bei solchen „Gutmenschen“ hört der Wutbürger einfach weg, zumal wenn ihm vorher mit Claudia Roth als dreifach eingespielte tolerante Nervensäge schon der Weg dazu bereitet wird.

Diversity-Konzepte, an denen wirklich kein Mangel besteht, fanden in dieser Sendung keinen Platz. Vielmehr hielt die Redaktion an der vermeintlichen Provokation fest. Das Ergebnis wirkt wie das Sittengemälde eines „Normalbürgers„, der sich weiterhin konsequent und trotzig dem realen gesellschaftlichen Fortschritt verweigern möchte – und damit zunehmend in Gefahr gerät, ins Reaktionäre abzudriften.

„Im Fußball äußert sich Homophobie platter“

Lotta Cover

Die April-Ausgabe der LOTTA – antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen widmet dem Thema „Kampf um die Kurven: Antifaschistische Fankultur vor der Verdrängung?“ einen Schwerpunkt. Zu lesen gibt es dort auch ein Interview mit publikative-Autorin Nicole Selmer, das wir hier mit freundlicher Genehmigung der Redaktion veröffentlichen.

Interview: Torben Heine

Zur Bedeutung von Homophobie in Fußball-Fanszenen sprachen wir mit der Hamburger Journalistin und Autorin Nicole Selmer, selbst Fan von Borussia Dortmund. Sie schreibt zu Fankultur, Fußball, Antidiskriminierung und Politik, unter anderem für das österreichische Fußballmagazin ballesterer, und engagiert sich im Netzwerk „F_in Frauen im Fußball“.

Lotta Cover

Thomas Hitzlsperger sprach kurz nach seinem Karriereende als erster deutscher Profifußballer öffentlich über seine Homosexualität. Von FunktionärInnen, Profis und Medien wurde dieser Schritt mehrheitlich wohlwollend kommentiert. Ist das der Beginn eines anderen, normalisierten Verhältnisses zur Homosexualität im Fußball?

Das möchte ich gern glauben. Ich würde die ersten Reaktionen auch in jedem Fall so werten. Das war ein wichtiger Schritt, für den wir Hitzlsperger danken können. Mich nerven die Negativ-Besserwisser, die dann gleich gesagt haben: „Aber hier, der spielt ja auch nicht mehr, das ist ja einfach …“. Einfach ist es nicht, das merkt man ja auch an anderen Reaktionen, übrigens nicht nur im Fußball. Der homophobste öffentliche Kommentar, den ich dazu wahrgenommen habe, kam vom Journalisten Matthias Matussek, der sich seine „Gedankenfreiheit“ nicht nehmen lassen und schon dafür gelobt werden will, dass er nicht zur öffentlichen Steinigung von Homosexuellen aufruft. Verglichen damit sind die Reaktionen, die aus dem Fußballumfeld gekommen sind, geradezu emanzipativ. Was es unter Fußballfans ebenso wie unter Nicht-Fußballfans häufiger gab, war die „Mir doch egal“-Reaktion, mit unterschiedlicher Betonung. Zum Teil war das so ein „Ihh, lasst mich doch mit euren Bettgeschichten zufrieden. Müssen sich immer alle outen?“, das ist natürlich homophob, auch wenn es sich anders gibt. Da wird einfach übersehen, dass sich heterosexuelle Fußballer permanent outen, mit dem Torjubel mit Daumen im Mund fürs gerade geborene Baby, mit Kuss auf den Ring für die Ehefrau und mit Home-Storys über die Verlobung. Das wird nur nicht bemerkt, klar, das ist ja die ganz normale Heterobeziehung. Es gibt aber unter Fußballfans auch ein aufrichtiges „Mir doch egal“ zu dem Thema, das wird glaube ich oft übersehen. Ein Redakteur von „Zeit Online“ ist kurz nach dem Coming-out in einem Stuttgart-Trikot mit Hitzlsperger-Schriftzug ins Stadion gegangen, um zu testen, ob er blöd angemacht wird. Das wurde er dann teilweise – aber weil er beim Spiel von Schalke gegen Wolfsburg war und niemand verstanden hat, warum er da mit einem Stuttgart-Trikot herumrennt.

Warum ist Homophobie im Männerfußball so virulent?

Nun ja, ist sie denn das? Homophobie tritt im Fußball – und ich würde hier den Frauenfußball ganz dezidiert einschließen – halt meist deutlich platter auf als im Rest der Gesellschaft. So eine pseudointellektuelle Verbrämung von Hass und Ängsten wie eben bei Matussek gibt es nicht oft, sondern da hast du dann „Schwuler Schiri“-Beschimpfungen, Banner mit „Arschfick“ und „Schwanzlutscher“, um Freundschaften zwischen Fangruppen zu beschreiben und so etwas. Im Frauenfußball sind es dann die „Dreckslesben“ und „Mannweiber“, da funktioniert die Beschimpfungslogik zwar anders, aber ebenso homophob. Dieses Direkte und wie gesagt oft auch total Platte wirkt dann heftig und krass, aber es enthält sehr viel Provokation um der Provokation willen und ist auch leicht angreifbar. Ob man aus dieser größeren Sichtbarkeit auch auf eine dahinter liegende stärkere homophobe Einstellung als in anderen gesellschaftlichen Bereichen schließen kann, das ist für mich nicht unbedingt ausgemacht. Immerhin muss man auch sehen, dass sich gerade im Männerfußball – und hier sage ich auch bewusst Männerfußball – in Deutschland in den vergangenen Jahren wahnsinnig viel getan hat. Ich glaube, es gibt wenig andere gesellschaftliche Bereiche, wo eine homophobe Einstellung so viel herausgefordert worden ist wie im Fußball.

Welche Wirkung misst du Kampagnen wie „Fußballfans gegen Homophobie“ zu, an der sich einige Fanszenen beteiligt haben?

Ich glaube der Punkt ist da wirklich die Herausforderung homophober Haltungen, Äußerungen. Kampagnen wie die der „Fußballfans gegen Homophobie“ nehmen da ja klar Stellung und benennen Missstände. Der Rückhalt variiert von ort und ort, von Klub zu Klub und Kurve zu Kurve. Nehmen wir das Beispiel Bayern München, der Verein ist jetzt für ein homophobes Banner, das von ein paar Leuten auf der Gegengeraden gezeigt wurde, von der UEFA bestraft worden. Die Ultras von der „Schickeria“, „Queerpass München“ und sicher auch noch andere Fans haben aber früher schon ganz klar Stellung gegen Homophobie bezogen. Da muss man also wirklich immer genau hingucken.

Welche Bedeutung haben schwul-lesbische Fanclubs in dieser Auseinandersetzung?

Für die schwul-lesbischen Fanklubs gilt das Gleiche. Das unterscheidet sich von Ort zu Ort und hat auch sehr viel damit zu tun, welche Position die sie tragenden Leute in der Fanszene haben. Es gibt mittlerweile viele orte, wo die queeren Fanklubs akzeptiert und mit anderen Gruppen gut vernetzt sind. Da ist viel vorangegangen. Ich finde es eher schade, dass das eine fast exklusive schwule Angelegenheit ist.

In vielen Fanszenen haben in der letzten Zeit interne Konflikte zugenommen. Einigen Ultragruppen wird zum Vorwurf gemacht, „politische Inhalte“ in die Fanszenen zu tragen. Rechten Kräften sind Bekenntnisse gegen Diskriminierung ein Dorn im Auge. Geht es ihnen auch darum, ihre „Männerbastion Fußball“ zu verteidigen, wo für sie homophobe und sexistische Verhaltens weisen dazugehören?

Nun ja, da kommen verschiedene Dinge zusammen. Die Mär vom Sport, der frei von Politik sein soll und kann, die wird ja in Fanforen genauso erzählt wie bei der FIFA oder dem IoC. Unsinn bleibt das trotzdem. Bei der Auseinandersetzung um die Politik in der Kurve geht es ganz viel um Macht, darum wer bestimmen kann, was gesungen wird, welche Fahnen geschwenkt und welche Spruchbänder geschrieben werden. Ein großes Problem der internen Konflikte in den vergangenen Jahren ist, dass es sich dabei um politische Konflikte handelt, aber eben nicht nur. Rechten Fans oder Fangruppen sind Aktionen gegen Sexismus oder Homophobie ideologisch ein Dorn im Auge, ganz klar. Das ist eine Auseinandersetzung, die zu führen ist, auch hart und deutlich. In anderen Fällen trifft der Antifa-Holzhammer, bei dem es nur „Entweder für uns oder gegen uns“ gibt, meiner Meinung nach zu ungenau. Das Freund/Feind-Denken ist im Fußball halt grundsätzlich angelegt, das funktioniert dann auch in der Kurve sehr gut, überdeckt aber die Komplexität der Verhältnisse. Die Auseinandersetzung darüber, wann aus Beleidigung Diskriminierung wird, wer sich wie von welchem Spruch verletzt fühlt und welche Konsequenzen das haben soll, muss von allen Seiten mit mehr Fingerspitzengefühl und Sorgfalt geführt werden. Aber das ist leichter gesagt als getan.

Vielen Dank für das Interview!

Der Text erschien zuerst in der Ausgabe Nr. 55 der LOTTA – antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen im April 2014. Mehr zur Zeitung und zum Schwerpunkt der Ausgabe.

Französische Verhältnisse in Stuttgart?

Foto: Janosch Keller

In Stuttgart hat am 5. April bereits die dritte homophobe Demonstration in diesem Jahr stattgefunden. Fanden sich zwar auch Neonazis unter den Teilnehmern, so kamen die meisten erkennbar aus dem christlich-fundamentalistischen Milieu. Eine Szene, die in Deutschland eher selten auf die Straße geht. Ganz offensichtlich orientieren sich die Veranstalter an den Massen-Demonstrationen gegen die Homo-Ehe in Frankreich und hoffen Einfluss auf die Politik nehmen zu können. Unklar ist, ob ihnen das gelingen wird.

Von Lucius Teidelbaum

In Baden-Württemberg findet derzeit so etwas wie ein Kulturkampf statt. Ein Papier zum „Bildungsplan 2015“ offenbarte, dass die neue rotgrüne Landesregierung plant die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ im neuen Lehrplan zu verankern. Dagegen wird nun von rechter Seite Sturm gelaufen. Es wird auf zwei unterschiedlichen Wegen versucht den neuen Lehrplan zu stoppen.

Foto: Janosch Keller
Foto: Janosch Keller

Die erste Demonstration in Stuttgart fand am 1. Februar 2014 statt und wurde organisiert von dem Ehepaar Hans Christian und Natalie Fromm und Unterstützern, die sich „Besorgte Eltern“ nannten. Mindestens 500 Personen nahmen daran teil. An der Demonstration exakt einen Monat später beteiligten sich etwa 800 Menschen. Davor war intensiv in evangelikalen Kreisen, aber auch auf dem antimuslimischen Hetzportal „PI-News“ für eine Teilnahme geworben worden. Neben der Ultra-Katholikin Inge Thürkauf sprachen Mathias von Gersdorff, der u.a. mit seiner Kleinstorganisation „Deutsche Vereinigung für eine christliche Kultur“ aus sittlich-konservativen Motiven einen Kreuzzug gegen das Bravo-Magazin führt, der AfD-Europakandidat Alexander Beresowski, Alexej Tuchscherer von der „Aussiedler und Migranten Partei Deutschland – EINHEIT“, Professor Dr. Micha Bloching von der rechtsliberalen „Partei der Vernunft“ und Karl-Christian Hausmann, stellvertretender Kreisvorsitzender der CDU in Stuttgart.

Hausmann ist umstritten durch seine Nähe zur antikommunistischen „Vereinigungskirche“, die auch als ‚Mun-Sekte‘ bekannt ist. Gleichzeitig nahm der geoutete CDU-Kreisvorsitzende von Stuttgart mit seinem Partner an der Gegenkundgebung des CSD-Stuttgart teil. Offenbar gibt es in der Stuttgarter CDU eine Bruchlinie zwischen moderner Großstadt-Union und konservativer CDU alten Typs. Grußworte kamen außerdem von den Antifeministinnen Gabriele Kuby und Christa Meves.

„Demo für alle“

Die Demonstration am 5. April 2014 stand unter dem Motto „Elternrecht wahren! Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder per Bildungsplan“ und an ihr beteiligten sich diesmal etwa 1.000 Personen. Die Veranstaltung wurde auch als „Demo für alle“ beworben. Dieser Slogan nimmt Bezug auf die homophoben Demonstrationen in Frankreich gegen die Einführung der Homo-Ehe durch die neue sozialistische Regierung, die unter genau diesem Motto von Januar bis Mai 2013 von der Organisation „Manifs pour tous“ („Demo für alle“) organisiert wurden. Das „für alle“ spielt dabei an auf die Idee der „Ehe für alle“ der Befürworter der Homo-Ehe. Auch die mitgeführten hellblauen und rosa Luftballons orientierten sich am französischen Vorbild. Am 5. April sprach dann u.a. neben Gabriele Kuby, einer Vertreterin der AfD mit Pierre-Louis Santos auch ein Vertreter von „La Manif pour tous“.

Inzwischen scheint das rechtskonservative Netzwerk „Zivile Koalition“ bzw. ihr Ableger „Initiative Familienschutz“ unter Vorsitz von Hedwig von Beverfoerde die Organisation der Demonstration übernommen zu haben. Vorsitzende der „Zivilen Koalition“ ist Beatrix von Storch, Europawahl-Spitzenkandidatin der AfD auf dem aussichtsreichen Listenplatz Nummer 4. Das bedeutet einen Professionalisierungsschub, da die „Zivile Koalition“ auf allerhand Erfahrungen in dem Bereich politischer Lobbyarbeit zurückgreifen kann und über ein gut funktionierendes Verteiler-Netzwerk verfügt.

Schwacher Gegenprotest

Der Gegenprotest hat hingegen inzwischen sehr abgenommen. Wurde der erste homophobe Marsch in Stuttgart noch durch Blockaden gestoppt, so konnten die nächsten beiden Demonstrationen durch den Schutz von mehreren hundert Polizisten und aggressiven Demo-Ordner problemlos ihre Route ablaufen. Hatte der CSD-Stuttgart noch bei den letzten beiden Demonstrationen eine Gegenkundgebung veranstaltet, so verzichtete er am 5. April ganz auf eine solche. Offenbar sind die Ereignisse von Stonewall in Vergessenheit geraten.

Foto: Janosch Keller
Foto: Janosch Keller

Angefangen hatte die Kampagne gegen die geplanten neuen Inhalte im Lehrplan mit einer am 28. November 2013 gestarteten Online-Petition. Diese war initiiert worden von dem Realschullehrer Gabriel Stängle aus Rohrdorf (Kreis Calw). Stängle ist aktiv in der christlichen Gemeinschaft „Prisma-Gemeinschaft e.V.“, die sich selbst als „bibelorientiert“ beschreibt. Die Domain „www.bildungsplan2015.de“ zu der Online-Petition wird von einem weiteren Mitglied aus dieser Gruppe verantwortet.

In der Petition ist die Rede davon, dass „eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen“1 stattfinden würde, die „einer propagierenden neuen Sexualmoral“ das Feld bereite. Es ist weiter die Rede von einer fehlenden „ethische[n] Reflexion der negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTIQ-Lebensstils, wie die höhere Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen, die erhöhte Anfälligkeit für Alkohol und Drogen, die auffällig hohe HIV-Infektionsrate bei homosexuellen Männern“. Zudem heißt es: „Aus der gleichen Würde jedes Menschen folgt noch nicht, dass jedes Verhalten als gleich gut und sinnvoll anzusehen ist. […] Wir widersprechen den Plänen der Landtagsfraktion der Grünen (6), die Geschlechtserziehung aus dem Biologieunterricht in die sozialwissenschaftlichen Fächer zu verschieben, um so Sexualpolitik im Sinne der LSBTTIQ zu implementieren und die Geschlechter von Mann und Frau durch Gendertheorien infrage zu stellen.“

Bis zum Auslaufen der Online-Petition am 27. Januar 2014 unterschrieben die Petition, die intensiv im Stil des sogenannten ‚viralen marketing‘ online beworben wurde, knapp 200.000 Menschen, davon etwas weniger als die Hälfte aus Baden-Württemberg. Ein Teil der Unterschriften wurde auch handschriftlich gesammelt.

Auch nach dem Ende der Petition und der Übergabe der Unterschriften-Listen ist die Gruppe der InitiatorInnen weiter aktiv. Im Gegensatz zu den DemonstrantInnen geht sie dabei einen leiseren und pragmatischeren Weg, der aber evtl. genau deswegen erfolgversprechender ist.

Von den Demonstrationen distanzierten sich die Online-Petition-Initiatoren anfangs noch. In ihrem neuesten Newsletter wiesen sie aber auf die Demonstration am 5. April hin und legten nur ein schwaches „Bitte beachten Sie: Wir beteiligen uns derzeit nicht an öffentlichen Demonstrationen und sind auch nicht Veranstalter von Demonstrationen!“ nach. Offenbar ziehen beide Gruppen durchaus bewusst an einem Strang.

Foto: Janosch Keller
Foto: Janosch Keller

Der gemeinsame Druck auf die Landesregierung scheint dabei einen gewissen Erfolg zu zeigen. So gab es am 7. März 2014 ein Treffen von Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) mit christlich-konservativen Vertretern, bei dem über den „Bildungsplan 2015“ und insbesondere die „Akzeptanz Sexueller Vielfalt“ diskutiert worden sein soll. Unter den Teilnehmenden war Hartmut Steeb, der Generalsekretär des evangelikalen Dachverbandes „Deutsche Evangelische Allianz“ und Pfarrer Steffen Kern, Vorsitzender des württembergischen Gemeinschaftsverbandes „Die Apis“ und damit Vertreter des konservativ-pietistischen Flügel der evangelischen Landeskirche, der in Baden-Württemberg traditionell besonders stark ist.

Fazit: Politisierung der rechtsklerikalen Szene

In Stuttgart herrschen noch lange keine Verhältnisse wie in Frankreich, wo der Hype auch erkennbar wieder abgeflaut ist, doch hat die christlich-fundamentalistische Szene mit den Demonstrationen hierzulande bewiesen, dass es ihr möglich ist bis zu 1.000 Personen auf die Straße zu bringen. Eine Zahl, die in Deutschland von diesem Milieu nur zu den alljährlichen stattfindenden Anti-Abtreibungsmärschen in Berlin erreicht bzw. in den letzten Jahren dort übertroffen wurde. Die organisationsübergreifende Mobilisierung und die politische Zuwortmeldung in der Öffentlichkeit werden in großen Teilen der klerikalen und konservativen Rechten als Erfolg gefeiert. Es findet damit eine Politisierung der Rechtsklerikalen statt.

Doch ist diese Bewegung nichtsdestotrotz eine Abwehrbewegung. Die neue grünrote Landesregierung stellt mit ihrem Vorhaben tatsächlich die ‚bibeltreue‘ Deutungshoheit über das Familien-Modell in den Gemeinden und Familien in Frage. Nach deren Auffassung dringt damit die ’sündige‘ und ‚moderne‘ Welt in ihre Enklaven ein. Da in Deutschland die Schulpflicht herrscht, können sich die konservativen Familien und Gemeinden weniger gut dagegen abschotten als z.B. in den Vereinigten Staaten, wo es die Alternative des „Homeschooling“, d.h. des Unterrichts zu Hause, gibt. Einige Gruppen haben schon vor einiger Zeit darauf reagiert, indem sie eigene Schulen etabliert haben. Beispielsweise unterhält die katholische Piusbruderschaft in Deutschland zwei weiterführende Schulen, das Mädchengymnasium von Schönenberg und die Haupt- und Realschule von Saarbrücken, sowie vier Grundschulen in Saarbrücken, Memmingen, Göffingen und Rheinhausen. Doch stehen diese Schulen regelmäßig in der öffentlichen Kritik und sind zudem finanziell schwer zu unterhalten. Unklar ist, ob sich religiöse Privatschulen in Deutschland, auch immer an die vorgegebenen Lehrplan-Inhalte halten. So gibt es Hinweise darauf, dass an evangelikal geprägten Privatschulen die Evolutionstheorie nicht behandelt oder zugunsten von religiösen Erklärungsmodellen vernachlässigt wird.

Die Verankerung der „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ ist nur ein Punkt, an dem die Auffassungen moderner Bildungspolitik und christlich-konservative Überzeugungen aufeinanderprallen. In Nordrhein-Westfalen wird ein ähnlicher Kampf um den Sexualkunde-Unterricht ausgefochten. Auch hier nennen sich die Veranstalter „Besorgte Eltern“ und sind in Köln bereits zweimal auf die Straße gegangen.

Trotz des überraschend starken Protests sind die Medienberichte über die Demonstrationen aber zumeist kritisch. Interviews mit Demonstrations-Teilnehmern offenbaren nicht selten eine sehr vulgäre Homophobie an der Basis, die sich noch nicht mal durch eine pseudo-objektive Argumentation tarnt. Bisher ist es den Demonstranten auch nicht erkennbar gelungen ihre verzerrte Sicht vom Bildungsplan oder Sexualkunde-Unterricht über ihr eigenes Milieu hinaus zu verbreiten. Sie erreichen nur andere Strömungen der politischen Rechten. Unbeteiligte Beobachter der Demonstrationen in Stuttgart verstanden oft nicht, worum es geht oder empfanden das Anliegen als krude und altertümlich. Zwar hat Kretschmann einen Teil der Bildungsplan-Gegner durch sein Treffen mit ihnen zu Gesprächspartner aufgewertet, dürfte aber kaum zu inhaltlichen Zugeständnissen bereit sein.

Obwohl in Stuttgart noch lange keine französischen Verhältnisse drohen, gilt es die Situation kritisch im Blick zu behalten und zu analysieren. Wer findet hier zueinander? Wer wird politisiert? Wer ist Akteur? Ihr parteipolitisches Sprachrohr dürften die Bildungsplan-GegnerInnen trotz des gleichzeitigen Bemühens von „Die Rechte“, NPD, Republikanern, „Partei Bibeltreuer Christen“, „Arbeit Umwelt Familie – Christen für Deutschland“ oder der bereits erwähnten Partei „EINHEIT“ und den Flirtversuchen der Landes-CDU vor allem in der „Alternative für Deutschland“ sehen. Die AfD war auf dem Demos durch ihre Mitglieder am sichtbarsten vertreten und hat schon relativ früh Position gegen den „Bildungsplan 2015“ bezogen.