Extrem rechter Reggae zum Osterfest

Extrem rechter Reggae head

Zur Rettung des Abendlandes und zum Erhalt des deutschen Volkes ist alles erlaubt. Egal ob Anglizismen oder Nazi-Rap. Nun sorgt die neueste extrem rechte Errungenschaft für Belustigung im Netz: Extrem rechter Querfront-Reggae zum Osterfest.

Die extreme Rechte hat in den vergangenen zehn Jahren alle Tabus über Bord geworfen: Egal ob Anglizismen auf Kleidung, Neonazi-Rap oder das Kopieren radikal linker Symbolik. Doch immer, wenn man denkt, es geht nicht schlimmer, kommt ein Szene-Sternchen mit noch kruderen Kopien um die Ecke. Die aktuellste durch Peinlichkeit kaum zu überbietende subkulturelle Adaption der extrem rechten Szene kommt aus Nordrhein-Westfalen. Neonazi-Reggae für die subkulturelle Quefront.

Dahinter steckt das „Jera Projekt“. Nach Eigenangabe ein „music-projekt from German Patriots“. So weit, so krude. Das Wollen des „Musik-Projektes“ wird als „Kampf für die europäische Identität“ beschrieben und dies geht natürlich am besten mit einer eingedeutschten, schlecht gesungenen Version von „Get Up, Stand Up“, dem Wailers Klassiker, komponiert von Bob Marley und Peter Tosh. Als „Musik-Star“ oder besser „die Stimme“ des Videos tritt die Bogida-Initiatorin (Pegida in Bonn) und ehemaliges „Pro NRW“-Vorstandsmitglied, Melanie Dittmer, auf. Im Spiegel TV-Interview sprach sich Dittmer noch gegen MC Donalds und Burger King Filialen und „ganze Straßenzüge inflationär voll mit ausländischen Restaurants“ aus. Reggea scheint dabei aber kein Problem zu sein. Als Belustigung zu Ostern eignet sich das „patriotische Musikprojekt“ aber in jedem Falle. Immerhin darf man ja „Das Leben des Brian“ zu Karfreitag in Deutschland leider nicht zeigen.

NSA-Affäre: Oooh, the Germans!

Wegen der US-Spähaktivitäten gegen die Bundesregierung wird in der SPD nun deutsche Gegenspionage gefordert. In den USA macht sich nach Informationen von Publikative.org massive Verunsicherung breit.

„Wer uns ausspäht, muss damit rechnen, dass er seinerseits ebenfalls Zielobjekt wird“, sagte der Innenexperte der SPD-Bundestagsfraktion, Michael Hartmann, der „Rheinischen Post„. Hartmann, der auch Mitglied des Parlamentarischen Geheimdienste-Kontrollgremiums ist, regte zudem an, US-Firmen künftig von deutschen Staatsaufträgen für Kommunikationstechnik auszuschließen.

Publikative.org erreichte dieses Video aus den USA, das unsere Recherche-Sektion als authentisch einstuft. Es zeigt: Bei den Amis beginnt das große Zittern, denn: Never mind the Germans, here comes the SPD!

oooh the germans from Wizardtree on Vimeo.

Siehe auch: Edward Snowden, Pearl Harburg und die NSA

Der König von Deutschland

Zur Geisterstunde war es soweit. In Wittenberg gründete Peter Fitzek kurz nach Mitternacht sein eigenes kleines Königreich und ließ sich vor mehreren hundert Anhängern eine Krone aufsetzen. Diese hatten sich am Wochenende des 15. und 16. September versammelt, um die Gründung des „Königreich Deutschland“ zu erleben, das die Bundesrepublik in kurzer Zeit ersetzen soll.

Von Martin Wassermann.

Peter Fitzek und seine Anhänger sind dem Milieu der „Reichsbürger“ zuzuordnen. Diese behaupten, dass die Bundesrepublik Deutschland lediglich eine Firma der Alliierten sei. Im Szenejargon ist hier von der „BRD-GmbH“ die Rede. Daher haben die zersplitterten „Reichsbürger“ verschiedene „Reichsregierungen“ geschaffen, die sich in der Rechtsnachfolge des Deutschen Reiches sehen. Die Finanzierung erfolgt über den Verkauf von Fantasie-Ausweisen, vermeintlichen Führerscheinen und angeblichen Nummernschildern. Die Träumer vom Reich werden unterdessen immer mal wieder auf den juristischen Boden der Tatsachen zurückgeholt. Autofahrer, die sich mit einem Führerschein des „Deutschen Reiches“ auswiesen, um einem Bußgeld zu entgehen, wurden wegen Urkundenfälschung und Fahrens ohne Fahrerlaubnis angezeigt und durften ganz reale Bußgelder bezahlen.

"König Fitzek" bei einer Bühnenshow am 16.9.2012, die bei YouTube als "Staatsgründungszeremonie" für das "Königreich Deutschland" bezeichnet wird (Bild: YouTube)
„König Fitzek“ bei einer Bühnenshow am 16.9.2012, die bei YouTube als „Staatsgründungszeremonie“ für das „Königreich Deutschland“ bezeichnet wird (Bild: YouTube)

Bevor sich Peter Fitzek zum Herrscher seines Königreiches krönen ließ, hatte der umtriebige Agitator verschiedene Organisationen und Geschäfte gegründet. So entstand eine Parallelwelt in Wittenberg: Im Laden „Engelswelten“ wird allerhand esoterisches Klimbim verkauft. Nicht nur dort kann mit einer eigenen Währung, dem so genannten „Engelgeld“ gezahlt werden. Außerdem wurden eine Art Kranken- und Rentenkasse, sowie allerlei andere Institutionen geschaffen. In diesem Paralleluniversum gilt Peter Fitzek als ein von Gott gesandter Messias.

Dieser vermeintliche Messias behauptet, dass mehrere tausend Menschen seinen Ideen folgen würden. Sie haben sich in seiner Gruppierung „Neudeutschland“ organisiert, um gemeinsam gegen das verhasste „Zinssystem“ und gegen angebliche „Besatzungsmächte“ vorzugehen. Fitzek spricht von einer „Weltanschauungsgemeinschaft“ für das „deutsche Volk“. Sie umfasst auch eine „Neue Deutsche Garde“ , in der gealterte Kampfsportler aktiv sind. Irgendwann soll dieser „Orden“ die Polizei ersetzen. Vorerst kündigte Fitzek aber deren Einsatz bei Gerichtsverhandlungen an, mit denen er sich konfrontiert sieht.

Vielleicht sind diese Gerichtsverhandlungen ein Grund, warum sich Fitzek für die Einführung seiner „lupenreinen Monarchie“ stark macht. Er glaubt, dass er zukünftigen Gerichtsprozessen entgehen könne, weil ihm als „Staatsoberhaupt“ seines kleinen Königreiches Immunität zustehen würde. Außerdem könne man in seinem Reich die Texte veröffentlichen, die in der Bundesrepublik verboten seien. Ein weiterer Grund ist ideologischer Natur: Schließlich sollen „diejenigen, die mehr Macht, mehr Geld, mehr Intelligenz haben, auch mehr Verantwortung für das Allgemeinwohl übernehmen“, sagt Fitzek, der auch daher als unangefochtener Herrscher agieren möchte.


Zu den Seminaren des messianisch auftretenden Autodidakten, der vermutet, dass ihn „Gott nach Wittenberg geschickt“ hätte, pilgern regelmäßig hunderte Anhänger. Dort berichtet er seinen Jüngern wunderliche Begebenheiten, etwa wie er durch Erzengel ausgebildet worden wäre. Außerdem behauptet Fitzek, dass er in die Zukunft blicken könne. Mit seiner Inszenierung begeistert er esoterische Gläubige und deutschnationale Träumer, die sein deutsches Reich auf Erden verwirklichen wollen. So zahlen sie die immensen Anmeldegebühren, um ihren Messias zu lauschen. Für die zweitägige Krönungszermonie mussten die Anhänger, die die Karten vor Ort kauften, zum Beispiel 223 Euro bezahlen. Um die 100.000 Euro könnten auf diese Weise in die Kassen des Predigers geflossen sein.

Die Geschäfte scheinen so gut zu gehen, dass die Gruppierung um Peter Fitzek ein ehemaliges Krankenhaus in Wittenberg erwerben konnte. Dort soll eine esoterische „Klinik für ganzheitliche Gesundheit“ entstehen. Diese könnte sich an der antisemitischen Germanischen Neuen Medizin des Ryke Geerd Hamer orientieren, für die sich Fitzek in der Vergangenheit begeisterte. Außerdem ist ein „Naturkindergarten“ geplant, der von einer langjährigen Waldorferzieherin geleitet werden soll. Zusätzlich wird die Gründung einer Privatschule und einer Universität angekündigt. Das etwa neun Hektar große Territorium, auf dem das Krankenhaus zu finden ist, soll dem „höchsten Souverän“ als „Staatsgebiet“ dienen. In den vergangenen Monaten wurden Teile der Anlage durch einige Freiwillige, die sich dabei anscheinend einer unglaublichen Ausbeutung unterwarfen, renoviert. Gelernte Facharbeiter wurden mit vier Euro pro Stunde bezahlt. Dies berichtet zumindest ein ehemaliger Interessierter, der das Projekt inzwischen verlassen hat.

Das Krankenhausgelände diente als Schauplatz der Krönungszermonie. Diese Krönung wurde durch einen mehrstündigen Monolog des zukünftigen Alleinherrschers eingeleitet, in dem sich dieser als „Vertreter des Lichts“ inszenierte, der gegen die „dunklen Mächte“ vorgehen wolle. Nach Mitternacht war es dann aber soweit: Während aus den Lautsprechern Wagners Götterdämmerung erklang, marschierte Peter Fitzek durch den Saal. Nach einem Gebet und einem obskuren Ritual wurde Fitzek, der eine Art Faschingskostüm angezogen hatte, die Krone aufgesetzt. Danach ließ sich der sichtlich zufriedene Herrscher, der sich noch als „oberster Souverän“ titulieren lässt, auf seinem Thron nieder (siehe Video).

Zuvor hatten sich bis zu sechshundert offenbar zahlungskräftige Anhänger am Ort des Geschehens versammelt und durften verschiedene Künstler und Agitatoren erleben, die die Krönung im Krankenhaus begleiteten. Dort trat der Zauberkünstler Alexander Hartmann auf, der durch die Fernsehsendung „The next Uri Geller“ bekannt wurde. Der Sänger Freddy Sahin-Scholl, der im Jahr 2010 die RTL-Castingshow „Das Supertalent“ gewann, intonierte einige Lieder. Am Tag nach der skurrilen Zeremonie war dort außerdem die Band „Die Bandbreite“ zu sehen, die verschiedene Verschwörungsmythen bewirbt. Die Band, die die Ereignisse des 11. September 2001 umdeutet und skurrile Thesen zur Entstehung der Immunschwächekrankheit AIDS anbietet, durfte in der Vergangenheit auch immer wieder auf Veranstaltungen linker Kleinst-Parteien auftreten. An Verkaufsständen wurde unterdessen Bücher verkauft, dort konnte man zum Beispiel die Machwerke des antisemitischen Autoren Jan Udo Holey erwerben.

Die Krönungszermonie und das musikalische Rahmenprogramm wurden durch Jo Conrad gefilmt. Im Jahr 1996 brachte dieser das Buch „Entwirrungen“ heraus, mit dem die antisemitischen „Protokolle der Weisen von Zion“ beworben wurden. Außerdem war er im Jahr 2009 an der Gründung des „Fürstentums Germania“ beteiligt, mit dem braunesoterische „Reichsbürger“ einen kurzlebigen Pseudo-Staat schufen. Ein weiterer Unterstützer des neuen Pseudo-Staats zu Wittenberg ist Karma Singh, der per Video zur Teilnahme aufrief. Der aus England stammende Autor, der Krankheiten wie Krebs für ein „harmloses Phänomen“ hält, warnte dort in einem antisemitischen Jargon vor den Rothschilds, die die Staatsgründung verhindern wollten.

Singh berichtete auch über großzügige Mäzene des Projekts. Ein Unterstützer habe zum Beispiel 20.000 Euro gespendet. Die finanzielle Unterstützung durch die Schäfchen, die den Ideen des Peter Fitzek verfallen sind und bereitwillig die horrenden Eintrittspreise zahlen, könnte dem neuen Pseudo-Staat eine deutlich längere Lebensdauer bescheren, als es vorherigen Versuchen beschieden war. Mit Peter Fitzek, der über sein kleines Reich auf dem Krankenhausgelände herrschen wird, dürfte zwar nicht der angestrebte „Staat für die Deutschen“ geschaffen werden, es könnte aber ein größeres braunesoterisches Zentrum entstehen. Wittenberg würde so zum Wallfahrtsort für diejenigen werden, die vom deutschen Reich und einem Messias träumen.

Heiopei der Woche: FC St. Pauli

Am Hamburger Millerntor hat heute ein denkwürdiges Spiel stattgefunden – es war das letzte Heimspiel mit der alten Gegengeraden, die nun abgerissen wird. Eine Tribüne, wie sie in Profiligen kaum noch zu finden war, morbider Charme statt Plastikarena. Viele Fans wollten zum Andenken ihren alten Schalensitz als Souvenir mitnehmen, haben aber die Rechnung ohne den „non-establisheden“ FC St. Pauli gemacht.

Von Patrick Gensing

Alles was nicht niet- und nagelfest war, wurde abgebaut und mitgenommen nach dem Abpfiff des Spiels FC St. Pauli – SC Paderborn (5:0): Sitzschalen, Latten, sogar ein Wellenbrecher wurde zerlegt. Am Ausgang dann die große Überraschung, der FC St. Pauli wollte seine treuen Fans, die in finsteren Regionalligazeiten den Verein durch Spenden am Leben erhalten hatten, zur Kasse bitten, mal wieder.

Stolze 19,10 Euro sollten die Fans für ein Stück Plastikmüll bezahlen, eine Sitzschale, die in den kommenden Tagen ohnehin im Müll gelandet wäre. Mit anderen Worten: Es handelt sich um Schrott, der nur für Liebhaber der Gegengeraden einen ideelen Wert besitzt.

Doch einmal mehr zeigte der FC St. Pauli, wie sich mit der Treue der Fans Geld machen lässt. Ordner versperrten die Ausgänge, einige Damen kassierten das Geld. Viele Leute gaben wutentbrannt ihr Andenken zurück, einige versuchten, den Sitz unter der Jacke mitzunehmen.

Für ein Stück Plastikmüll wollte der FC St. Pauli seinen treuen Fans 19,10 Euro abknöpfen. Einfach Kult!
Für ein Stück Plastikmüll wollte der FC St. Pauli seinen treuen Fans 19,10 Euro abknöpfen. Einfach Kult!

Ein vollkommen übermotivierter Ordner verfolgte einen solchen Übeltäter über das Heilige Geistfeld vor dem Stadion und streckte ihn dann zu Boden, sogar eine Polizeiwanne fuhr auf. Eine Gruppe von 20 bis 30 St. Pauli-Fans konnte dem Ordner aber immerhin noch klarmachen, dass hier deutlich überreagiert wurde, der Mann mit dem Stuhl konnte gehen, ohne Stuhl versteht sich. Mehrere Ordner versuchten ihr Vorgehen zu rechtfertigten, beriefen sich auf Anordnungen des Vereins. Angeblich solle das Geld an eine Fan-Initiative gespendet werden, die weiß aber bislang nichts davon, berichtete ein Blogger aus der Fanszene.

Der FC St. Pauli dürfte jetzt eine weitere Baustelle aufgerissen haben, denn wie viel diese Aktion in die Kassen gespült hat, ist unklar, viele Sitze wurden wie erwähnt zurückgegeben. Den Schaden, den man mit solchen Aktionen verursacht, ist indes gar nicht in Geld zu messen.

Einige Altona-93-Fans brachten das Geschnorre St. Paulis während der „Retter-Aktion“ gekonnt auf den Punkt, als die Shirts bei Mc Donalds neben Fleischburgern und Fritten angeboten wurden und der damalige Bürgermeister von Beust die Kampagne unterstützte: St. Pauli – Mc Donalds – und die CDU. Nun heißt es mal wieder: Ca$h from Chaos.

Lengsfeld und die demagogischen Versatzstücke

Sachliche, streng journalistische und der Freiheit verpflichtete Einschätzungen auf der einen Seite, Hetze und Desinformationskampagnen auf der anderen. So verlaufen die Frontlinien in dem heiligen Krieg zwischen Gauck- und Netzgemeinde um den Geist von 89 – glaubt man Vera Lengsfeld, die für  ihre unaufgeregte Analyse über die „künstliche Empörung“ mit dem Titel Heiopeiin der Woche ausgezeichnet wird.

Von Robert von Seeve

Haifisch-Absturz
Heiopei - der publizistische Wochenabsturz

In der Gauck-Gemeinde scheinen alle Alarmglocken zu läuten. Eine merkwürdige Allianz aus evangelischer Kirche, Achse des Guten, Grünen und Junge Freiheit unter der Führung von Vera Lengsfeld und Jürgen Trittin, attackierte Kritiker mit entschlossener Demagogie (1). Kritik an dem ostdeutschen Ex-Pfarrer wird – vollkommen ohne ideologische Scheuklappen – als fast Stasi-ähnliche Machenschaft enttarnt: Gauck habe in seinem Leben schon etliche Desinformationskampagnen überstehen müssen (2). Erst die Stasi, jetzt also die Netzgemeinde, die in ihren XY-Plags umfangreiche Dossiers über missliebige Personen anlegt, eine von Linken gesteuerte Datenkrake, die nichts anderes im Sinne hat, als die Freiheit zu zerstören; durch die Kampagnen gegen ACTA und Vorratsdatenspeicherung soll nur die totalitäre Herrschaft von Lord Chaos zementiert werden.

In der Tat eine fast aussichtslose Lage, in der sich die Gauck-Anhänger befinden, aus Verzweiflung werden aus dem Zusammenhang gerissene Sätze und Fehlinterpretationen durch die Zeitungspressen gejagt (3). Die letzten Haudegen, die die Fahne der Freiheit hochhalten (lediglich von fünf der sechs Parteien im Bundestag, sämtlichen großen Medien und der Mehrheit der Bevölkerung unterstützt) rufen zum Durchhalten auf: Die mündigen Bürger, die sich des eigenen Verstandes bedienen, statt demagogische Versatzstücke aus dem Netz zu apportieren, werden sich nicht beirren lassen (4). Die Hoffnung stirbt zuletzt – und der Letzte macht das Internet aus.

Doch die Messe ist erst gelesen, der Gottesdienst erst zu Ende, wenn der ältere Herr nicht mehr singt. Aber die Predigt blieb zunächst aus. Gauck schwieg. Wahrscheinlich, denkt man sich in die Berater des designierten Präsidenten hinein, das Beste, was er tun konnte, denn dass Gauck als erstes eine Art Rechtfertigungsrede hielte, erscheint wirklich undenkbar. Und was dem demokratischen System für ein nachhaltiger Schaden entstünde, wenn man über Inhalte spräche! Wir stellen also beruhigt fest: Das Schweigen des Kandidaten und das Abtun von Kritik als Desinformationskampagnen wird unserem Land und auch seiner brach liegenden Debattenkultur gut tun. (5)

60 Seiten Freiheit für 10 Euro

Da wir aus Rücksicht auf die demokratische Kultur lieber nicht diskutieren wollten und Gauck schwieg, konzentrierte sich seine Gemeinde auf Gaucks neues Buch mit dem überraschenden Titel „Freiheit“. Noch überraschter stellen Rezensenten nun aber fest, dass es sich im eigentlichen Sinne um gar kein Buch handelt. Er wird vor allem der Präsident der Menschen sein, die mit ihrer Produktivität und ihrem Engagement dieses Land am Leben erhalten (6) – und die 10 Euro für 60 Seiten übrig haben, für ein Büchlein, ein schmales Bändchen (7), sicherlich kein Evangelium. Und auch inhaltlich lässt sich nur bedingt Honig daraus saugen.

Der Toleranz sei nicht gedient, wenn man das eigenes Profil verwässere, sondern indem man sich der eigenen Werte vergewissere. Dann könne man die Tür öffnen, ohne den Fremden vorzuschreiben, zu werden wie man selbst. Solche Botschaften bekommt der Leser für sein Geld geboten. Sicherlich aus dem Zusammenhang gerissen, klar, wie immer – und gelesen hat der das Buch bestimmt auch nicht – dennoch hier eine freie Interpretation der Freiheitsgedanken: Die Deutschen sollen noch weitere Jahre etwas, was irgendwann einmal sein wird und von Wullf vorgezogen wurde (8), erst einmal auf sich beruhen lassen, zu sich selbst finden, die gesellschaftliche Realität ignorieren und das tun, was sie am liebsten tun, nämlich über sich selbst und ihre Identität sinnieren. Und irgendwann, vielleicht an einem verregneten Novembertag, wenn sich die Deutschen zwischen Tabubruch, Dresdner Gedenken und Peter Sloterdijk selbst gefunden haben, dann könnte man auch der Fremdheit selbstbewusst entgegentreten und Migranten als Teil Deutschlands akzeptieren, es sei denn, sie hätten nicht wegen der anhaltenden selbstverliebten und von Minderwertigkeitskomplexen beladenen Selbstgespräche der Bio-Deutschen längst das Weite gesucht.

Wer bestimmt eigentlich, was die „Volksmeinung“ ist?

Letztlich zählt ja auch nur eine Sache, die Volksmeinung. Und die Volksmeinung, wie in manchen Überschriften nahegelegt wird, drücken diese Netzaktivisten nicht aus. (9) Unverantwortlich, dass dieser Netzsturm im Wasserglas nicht ignoriert, sondern von manchen Qualitätsmedien ausdrücklich gewürdigt werde (10). Was soll das denn? Abweichende Stimmen aus nicht zertifizierten Medien können wir bei so einem wichtigen Thema wie Freiheit wirklich nicht brauchen, ein Kandidat und eine Meinung reichen, denn: Mit Gauck zieht der Geist der Revolution von 1989, der schon ausgelöscht schien, ins Schloß Bellevue ein. (11) Und daraus folgt: Zeitgeistphrasen , wie sie der zurückgetretene Bundespräsident von sich gab, wird man vom neuen Staatsoberhaupt nicht hören.  (12) Stattdessen vernehmen wir nun höchst unbequeme Wahrheiten für Kulturpessimisten, wonach die Jugend Geschichtsvergessen sei, da sie, man ahnt es, zu wenig über die Stasi wüsste.

Um es deutlich zu betonen: Gegen den Geist von 89 im Körper eines Ex-Pfarrers hat wohl kaum einer etwas auszusetzen, wenn ein paar Sachen berücksichtigt werden. So sollte der heilige Geist bitte auch zur Kenntnis nehmen, dass es nicht nur ein „wir“ gibt, sondern Hunderttausende – und dass dieser Geist überhaupt nicht zu bestimmen hat, wie „wir“ den „anderen“ entgegentreten sollten, denn „wir“ leben mit „denen“ schon seit Jahrzehnten zusammen und „wir“ haben überhaupt kein Interesse daran, unsere Zeit mit deutscher Selbstfindung zu vergeuden. Die Geisterbeschwörer nehmen sich derweil unter dem Motto Freiheit und Fairness statt Gleichheit und Gerechtigkeit“ die Freiheit, alle die, die bei zu viel nationaler Harmonie und Konsens lieber in Deckung gehen und inhaltlich kritisieren, als Denunzianten zu denunzieren, das ist ihr gutes Recht, aber soll ausgerechnet das der Geist von  89 sein?

Für Gauck ist die Welt nicht schwarz oder weiß, sondern ein komplexes Gebilde mit vielen Schattierungen. (12) Das ist sicherlich richtig und sehr erfreulich, schade, dass man dies über viele seiner Anhänger nicht sagen kann. Gleiches gilt für die Debatten um den Bundespräsidenten und dessen Nachfolger: An Wulff war am Ende angeblich alles schlecht, an Gauck soll nun alles gut sein. Beides ist natürlich Unsinn. Beide haben ihre Stärken und Schwächen – die man öffentlich diskutieren können sollte, sogar im Internet.

  1. Im Original: Eine merkwürdige Allianz aus Linke, NPD, Piraten und linken Grünen unter der Führung von Christian Ströbele, attackierte Joachim Gauck mit entschlossener Demagogie. Quelle: http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/die_kuenstliche_empoerung_gauck_gegner_im_netz
  2. Ebd.
  3. Ebd. Im Original: Aus dem Zusammenhang gerissene Sätze und Fehlinterpretationen wurden durch den Cyberspace gejagt.
  4. Ebd.
  5. Ebd.
  6. Ebd.
  7. http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/joachim-gauck-liebhaber-der-freiheit-11656449.html
  8. Gauck im Oktober  2010 gegenüber der NZZ http://www.publikative.org/2012/02/21/voll-im-kontext-gauck-und-die-uberfremdung/
  9. http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/die_kuenstliche_empoerung_gauck_gegner_im_netz
  10. Im Original: Man könnte diesen Netzsturm im Wasserglas ignorieren, wenn sich manche Qualitätsmedien nicht befleißigt hätten, ihn auf ihren Seiten ausdrücklich zu würdigen. Ebd.
  11. Ebd.
  12. Ebd.
  13. Ebd.

Blitz-Marathon: Wichtigtuer Reloaded

Weil alles immer sicherer wird, braucht man immer mehr Kontrollen. Das erscheint Ihnen nicht logisch? Dann haben Sie offenbar keine Ahnung von polizeilichem „Flächendruck“ – dem wir die Segnungen des sicheren Lebens im Wesentlichen verdanken. Das findet wohl auch der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD), der voll auf „Flächendruck“ setzt – mit beeindruckenden Ergebnissen.

Von Publikative.org in Kooperation mit Ruhrbarone

Oft unterschätzt: Gefahr durch Äste. Lösung: Helmpflicht mit Flächendruck. (Foto: Elias Schwerdtfeger/CC BY-NC-SA 2.0)
Oft unterschätzt: Gefahr durch Äste. Lösung: Helmpflicht mit Flächendruck. (Foto: Elias Schwerdtfeger/CC BY-NC-SA 2.0)

Wir hatten ja kürzlich schon darüber berichtet, dass einfach alles immer gefährlicher wird – und Staat und Gesellschaft deshalb nicht umhin kommen, immer mehr zu kontrollieren und zu verbieten – auch, wenn sehr viele Gefahren (Verkehrstote, Körperverletzungen, tödliche Infektionen) statistisch immer weiter abnehmen. Denn wie ein Kommentator sehr zu Recht anmerkte: Das eine bedingt schließlich das andere, denn nur ein engmaschiges Präventions-, Aufklärungs- und Verfolgungsnetz sorgt ja erst für die genannten Rückgänge. Dies nennt man im Polizeijargon „Flächendruck“. Wer dem entgegnen wollte, dass eventuell auch Airbags, Bildungsgrad und Chinolone – sprich so etwas wie allgemeiner Fortschritt – als Ursachen für die genannten Rückgänge in Frage kämen, ist einfach kein Fachmann für Kenner.

NRW Innenminister Ralf Jäger schickte am vergangenen Freitag seine Truppen in eine Materialschlacht um die Verkehrssicherheit. Tausende Beamte hatten bei eisiger Kälte nach Angabe der Welt 456.000 Autofahrer überprüft. Jäger wichtigtuerisch: „Auf unseren Straßen sterben viel zu viele Menschen. Zu hohe Geschwindigkeit ist Killer Nummer 1.“ Mag ja alles sein, aber die Ergebnisse des Blitzmarathons rechtfertigen den teuren und personalintensiven Großeinsatz nicht:

Bei dem 24-stündigen “Blitz-Marathon” hatte die Polizei bis Samstagmorgen landesweit 456.000 Verkehrsteilnehmer überprüft. Obwohl die Kontrollen angekündigt waren, fuhren fast 17.200 Autofahrer zu schnell, teilte das Innenministerium mit. 250 Fahrer waren so schnell, dass ihnen ein Fahrverbot droht. Acht von ihnen mussten den Führerschein an Ort und Stelle abgeben. 31 Autofahrer waren alkoholisiert oder standen unter Drogeneinfluss. 307 hatten sich nicht angegurtet.

So Welt-Online. Klingt ganz doll schlimm. Aber wenn man mal nachrechnet, merkt man wie albern das alles ist, wenn man zum Zaubermittel der Prozentrechnung greift:

  • 3,77% waren zu schnell.
  • 0,0673% ohne Gurt
  • 0,0548% droht ein Fahrverbot
  • 0,0068% waren berauscht und
  • 0,00175% mussten den Lappen abgeben

Ehrlich gesagt sind das keine beeindruckenden Zahlen. Es sei denn, man will wie Jäger unbedingt als harter Kerl in den Medien. Dann sind die Zahlen egal.

Siehe auch: Die Erziehungsdiktatur

Heiopei der Woche: Philipp Selldorf und die „Brandstifter“


Vergangene Woche war Derbyzeit im Fußball. Zum Beispiel in der ersten Bundesliga beim Spiel Dortmund gegen Schalke. Da zündeten Schalker Fans Pyrotechnik. Oder in Liga fünf beim FSV Zwickau gegen Erzgebirge Aue. Da feierten Zwickauer Fans die Nazimorde. Im Grunde ein bisschen dasselbe, findet Philipp Selldorf in der Süddeutschen.

Von Nicole Selmer

Haifisch-Absturz
Heiopei – der publizistische Wochenabsturz

„Terrorzelle Zwickau – olé, olé, olé“ und andere rechtsextreme Gesänge gab es von den Zwickauer Fans zu hören. Ein Spieler habe zudem in der Kabine die Sieg-Rufe durch ein „Heil“ ergänzt. Der Verein hat die Vorfälle bestätigt und hofft für die Zukunft auf ein Publikum, „das nach wie vor sensibel und konsequent auf jedwede Form radikaler Entgleisungen reagiert.“  Proteste anderer Fans gegen die Gesänge hat es nämlich gegeben, wie berichtet wird. Diese Episode nimmt Philipp Selldorf, Sportredakteur der Süddeutschen Zeitung, in einem Kommentar zum Anlass, um weiter auszuholen. Deutlich zu weit. Es brauche Mut für einen solchen Akt der Zivilcourage, meint er, aber vielleicht reiche bloßes Widersprechen auch nicht. Vielleicht nämlich muss man noch mutiger sein und die „Brandstifter“ auch überführen. Und hey, „Brandstifter“ – das ist doch das eigentliche Stichwort. Nazimorde verherrlichen oder Pyrotechnik abbrennen, das sind zwei Themen, die Selldorf durch ein nonchalantes „wenn auch mit anderem Hintergrund“ miteinander verknüpft. Die kürzeste Verbindung zwischen zwei Punkten ist ein dummer Gedanke.

So kommt Selldorf von der Zwickauer Terrorzelle zur Schalker Pyro und dem wirklich mutigen Akt der Zivilcourage, den der Schalker Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies am Wochenende verübte. In einer waghalsigen PR-Aktion zum Derby hatte er sich in den Schalker Gästeblock begeben, um dort, nur geschützt durch die Aufmerksamkeit zahlreicher Fernsehkameras und der Stadionvideoüberwachung, die Niederlage seiner Mannschaft zu verfolgen. Mit seinem Handy fotografierte er dann Schalker Fans, die Pyro abbrannten, und übergab die Fotos der BILD dem Sicherheitsdienst. Es gehe darum, „kriminelle Handlungen“ zu bekämpfen, sagte Tönnies und wird von Selldorf durch das mutige Einstehen für seine Überzeugungen zum leuchtenden Vorbild für Zivilcourage.

Von Pyrotechnik und Clemens Tönnies mag man halten, was man will, aber wie hier – und nicht zum ersten Mal – in journalistischem Kurzschluss Dinge vermischt werden, die nichts miteinander zu tun haben, ist nur noch schwer erträglich.

Heiopei der Woche: Der „Ring Nationaler Frauen“

Die NPD-Unterorganisation „Ring Nationaler Frauen“ (RNF) hat ein höchst verstaubtes Image: „Die Familie – als Trägerin des biologischen Erbes – ist die Keimzelle des Volkes“ – so lautet eine der altbekannten Losungen. Umso erstaunlicher, dass nun offenbar neue Wege beschritten und auf der Seite ring-nationaler-frauen.de  Erotik-Kontakte zu ausländischen Frauen vermittelt werden. Sind dies bereits die Vorboten der künftigen NPD-Strategie unter einem neuen Parteichef?

Von Patrick Gensing

Die NPD will sich nämlich, so der Plan von Holger Apfel, der bald die Vogtei von Köpenick übernehmen will, nach außen moderner präsentieren. Der RNF, so erscheint es zumindest auf dem ersten Blick im Internet, geht offenbar bereits voll in die Offensive und experimentiert mit neuen Slogans, die bislang für politische Parteien – und besonders deren Frauenorganisationen – höchst ungewöhnlich sind: „Ältere Frauen suchen jüngere Männer für Date zwischendurch“, so steht es beispielsweise auf der Internet-Seite ring-nationaler-frauen.de zu lesen. Da die NPD vor allem in Regionen stark ist, in denen es einen Männerüberschuss gibt, sicherlich ein attraktives Angebot für rechtsextreme Stelzböcke.

Der RNF zwischen Anspruch und Wirklichkeit: "Die deutsche Familie blasülz"
Der RNF zwischen Anspruch und Wirklichkeit: „Die deutsche Familie blasülz“

 

Überraschend freizügig: Die NPD verlinkt von ihren "Weltnetzseiten" auf die Erotik-Kontakte auf ring-nationaler-frauen.de
Überraschend freizügig: Die NPD verlinkt von ihren "Weltnetzseiten" auf die Erotik-Kontakte auf ring-nationaler-frauen.de.

 

 

Auch via Facebook leitet die NPD-Frauenorganisation auf die neu gestaltete Seite weiter.
Auch via Facebook leitet die NPD-Frauenorganisation auf die neu gestaltete Seite weiter.

 

Auch die Besucher der NPD-„Weltnetzseite“ werden über ein RNF-Banner auf die Single-Kontakt-Anzeigen auf ring-nationaler-frauen.de geleitet – und so kann der interessierte Rechtsextremist leicht Kontakte zu Frauen aus Polen, der Ukraine oder Asien herstellen.

„Frauen im Test und Vergleich“

Edda Schmidt vom RNF (Foto: Recherche Nord)
Edda Schmidt vom RNF (Foto: Recherche Nord)

„Grundlage unseres Volkes ist die deutsche Familie. […] Die besondere Bedeutung der Familie für die Zukunftsfähigkeit unseres Volkes wird angesichts einer katastrophalen Bevölkerungsentwicklung in einem vergreisenden Deutschland immer deutlicher“ – so verkündet es die NPD über dem Banner des RNF noch in ihrem Grundsatzprogramm. Davon ist ein Klick weiter nichts mehr zu lesen. „Top-Portale für erotische Kontakte zu Frauen im Test & Vergleich“ werden hier stattdessen angeboten. In Sachen Service will die Partei ihren vereinsamten Mitgliedern künftig offenbar einiges bieten.

Übrigens wollen die Frauen des RNF gemeinsam mit der Jugendorganisation JN sowie der „Kommunalpolitische Vereinigung“ (KPV)auf dem am 12. und 13. November geplanten NPD-Parteitag angeblich einen Initiativantrag einbringen und so eine Satzungsänderung erreichen, um mehr Einfluss in der Partei zu gewinnen. Die Internet-Seite ring-nationaler-frauen.de wird die Delegierten und Mitglieder sicherlich schwer beeindrucken, dürften die Sex-Angebote im Netz doch deutlich mehr mit der Lebenswirklichkeit vieler Männer zu tun haben, als das langweilige Geschwafel über deutsche Familie.

Die Heiopeis der Woche, die es offenbar versäumt haben, ihre Internet-Domain zu verlängern, so dass diese nun zum Verkauf steht: Die Damen des RNF in der NPD! Dank an Lucius für den Hinweis! Wer die Domain kaufen oder zumindest mitbieten will, der klicke hier.

Siehe auch: “Neger” und “Balkan-Connection”: Schafft die NPD sich ab?, Edda Schmidt als RNF-Vorsitzende bestätigt, Frauen in der NPD: Burnout bei Nazissen