“Wandernde Konzentrationslager”

armenien

Ihre “Umsiedelung” kostete bis zu 1,5 Millionen Armenier das Leben. Auch 100 Jahre danach ist der Genozid in der Türkei mit Tabus besetzt – und nicht nur dort…

Von Judith Kessler, mit freundlicher Genehmigung von hagalil

Soghomon Tehlirian, 1921
Soghomon Tehlirian, 1921

Am 15. März 1921 erschießt der armenische Student Soghomon Tehlirjan auf der Berliner Hardenberg-, Ecke Fasanenstraße (unweit der Stelle, wo der Asylbewerber Kemal Altun Selbstmord beging) den früheren türkischen Großwesir Talaat Pascha – für die einen “der türkische Bismarck“, für die anderen “die Seele der Armenierverfolgungen“. Beim Prozess gegen Tehlirjan legte der Sachverständige Johannes Lepsius dem Gericht Dokumente vor, die klar die Verantwortung der türkischen Regierung und Talaats für die Deportationen und den Massenmord an den osmanischen Armeniern belegen. Überraschend wird der Attentäter (wegen Unzurechnungsfähigkeit) freigesprochen. Die Zuschauer applaudieren minutenlang – unter ihnen: Robert M.W. Kempner, später US-Ankläger im Nürnberger Prozess. An diesem Tag, erinnert er sich, sei zum ersten Mal der Grundsatz anerkannt worden, dass ein durch eine Regierung begangener Völkermord durchaus von anderen Staaten bekämpft werden kann, ohne eine unzulässige Einmischung zu sein.

Was das Gericht nicht wusste (oder nicht wissen wollte): der junge Armenier war kein verwirrter Einzeltäter, sondern Mitwirkender der “Operation Nemesis“, die ihr Volk rächen wollte, wie Rolf Hosfeld in seinem gleichnamigen Buch schreibt. Denn obgleich das türkische Parlament 1919 bekannt hatte: die “Gräueltaten an den Armeniern… haben unser Land in ein gigantisches Schlachthaus verwandelt“, das oberste Kriegsgericht von einem “Verbrechen gegen die Menschheit“ sprach und Talaat, den Kriegsminister Enver Pascha und 15 weitere Hauptverbrecher zum Tode verurteilte, wurden nur drei von ihnen hingerichtet. Die anderen hatten sich 1918 mit deutscher Hilfe aus der Türkei abgesetzt. Doch “Nemesis“ spürte sie fast alle auf – in Berlin, Rom, Tbilissi. Fünf der Verbrecher aus dem “Komitee für Einheit und Fortschritt“– die heute allesamt als Helden und Märtyrer gelten – bekamen allerdings unter Mustafa Kemal “Atatürk“ nach der Gründung der Türkischen Republik 1923 wieder Ministerposten. “La question armenienne n’existe pas“, hatte Talaat stolz verkündet, als anderthalb von zwei Millionen Armeniern tot waren. “Die armenische Frage existiert nicht mehr“ galt nun auch für die Erinnerung. Das armenische Leid war so schnell vergessen wie das türkische Schuldbekenntnis von 1919 – und ist es bis heute.

Heute leben nur noch etwa 60.000 Armenier in der Türkei. Wie die Juden haben die Armenier ein eigenes Wort für ihre nationale Katastrophe: ihre “Schoa“ heißt “Aghet“ (oder “yeghern“) – “die Tat des Fremden“, und die ist tabu und nennt sich amtstürkisch “Umsiedlung“ oder “Notwehr“. Ohne Schutz und Hilfe des Deutschen Reiches wäre sie nicht möglich gewesen. Die Deutschen leisteten dem Bündnispartner Militärhilfe, lieferten Waffen, stellten Logistik und Personal zur Verfügung. Allein die deutsche Militärmission in Konstantinopel verfügte über 12.000 Soldaten. Die Regierung in Berlin war bestens über die Massaker informiert, durch ihre Konsulate in allen Provinzen, durch die Fotos des Sanitätsoffiziers Armin T. Wegner, die erschütternden Berichte des Theologen Lepsius (der sogar nach Holland fliehen musste, als er sie drucken und verbreiten ließ) und die zahllosen Appelle von Überlebenden, Krankenschwestern, Diplomaten. Vizekonsul Kuckhoff sieht sich an die Judenverfolgung in Spanien und Portugal erinnert, Generalmajor von Lossow nennt das “Aushungern der Armenier“ eine “neue Form des Massenmords“. Der unbequeme Botschafter Paul Graf Wolff-Metternich appelliert unentwegt an die Regierung, dem Treiben ein Ende zu setzen – und wird abberufen. 1916 läuft auch eine Parlamentsanfrage Karl Liebknechts zur “Ausrottung der türkischen Armenier“ ins Leere. Niemand will so genau wissen, was in der Türkei passiert. Schließlich befindet man sich an der Seite der Türken im Krieg. Diese Allianz ist wichtiger als alle Berichte über Leichenberge, über grausam verstümmelte Menschen, die aneinander gebunden von hohen Felsen in den Euphrat gestürzt werden, über die Blutorgien der Kurdenbanden und Sonderkommandos. Deren Einsatz organisiert ein Deutscher: Colmar Freiherr von der Goltz. Andere Deutsche befehligen Einheiten des türkischen Heeres. Oberstleutnant Boettrich ist für den Tod Tausender Zwangsarbeiter der Bagdadbahn mitverantwortlich, sein Kollege von Schellendorf weist ebenfalls Deportationen an, kritisiert einen deutschen Konsul, weil der Brot an Armenier verteilen lässt und macht die Opfer zu Tätern: Der Armenier sei “wie der Jude,… ein Parasit, der die Gesundheit seines [Aufenthalts-] Landes aufsaugt“ und deshalb gehasst werde.

Ahnte Franz Werfel, was den Juden bevorsteht, als er seinen Roman “Die vierzig Tage von Musa Dagh“ über den Widerstand armenischer Dorfbewohner schrieb, in dem prophetisch von “wandernden Konzentrationslagern“ die Rede ist? Das Buch wird in der NS-Zeit zum Fingerzeig für viele Juden und eine der Hauptlektüren in den Ghettos. In den 1980er-Jahren sind es wieder jüdische Autoren, die den Toten ein Denkmal setzen: Ralph Giordano mit dem Film “Die armenische Frage existiert nicht mehr“, Edgar Hilsenrath mit dem “Märchen vom letzten Gedanken“. Er nennt die Täter “Lehrmeister des Holocaust“, wegen der perfiden Systematik, mit der sie vorgingen und wegen ihrer Vorbildwirkung, denn die Welt hätte damals erlebt, dass die Verbrechen ungesühnt blieben – Hitler 1939: “Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?“.

Im Unterschied zur Ermordung der Juden im modernen Industriestaat Deutschland gab es im Osmanischen Reich noch keine technisch perfekte Vernichtungsmaschinerie und Christen konnten ihr Leben zum Teil durch Übertritt zum Islam und Heirat mit Türken retten. Dennoch gibt es viele Parallelen: Wie die Juden in Mitteleuropa waren die Armenier im 19. Jahrhundert anderen Bürgern formal gleichgestellt worden. Wie bei den Juden gesellte sich in dieser Zeit zu ihrer religiösen Ablehnung sukzessiv ein rassistisches Moment und galten die Armenier als “die Juden des Orients“. Hinzu kam sozialer Neid, die fehlende Sanktionierung vorheriger Pogrome (gegen Juden in Osteuropa, gegen Armenier in der Türkei 1895/96, 1909) und eine Propaganda, die einen Gegensatz zwischen staatsloyalen Muslimen und illoyalen christlichen “Schädlingen“ konstruierte und so die “Endlösung“ vorbereitete, wie bei den Juden: Erst Verleumdung (Armenier bereichern sich oder vergiften Lebensmittel) und Ausgrenzung (“Kauft nicht bei Armeniern!“), dann Ausschaltung der Eliten, dann Deportation – “ins Nichts“, in die mesopotamische Wüste. Wer hier nicht verdurstete oder verhungerte wurde erschlagen oder erschossen. Ein Ort nach dem anderen wird “armenierfrei“ (und umbenannt – wie das alte “Zeitun“ in “Süleymanli“). Und wie Deutsche von Juden profitieren die Türken von den Armeniern. All ihr Hab und Gut wird systematisch “umverteilt“ – Geld in Banken beschlagnahmt, Tote nach Gold gefleddert, Häuser ausgeräumt. Die Ausschaltung der unliebsamen Konkurrenz (“wirtschaftlicher Patriotismus“ genannt) endet damit, dass bei Gründung der Türkischen Republik nur noch fünf Prozent der Kaufleute und Gewerbetreibenden Christen sind; vor dem Genozid waren es 80 Prozent. Fast die gesamte christliche Bevölkerung von fünf Millionen Bulgaren, Griechen, arabischen und aramäischen Christen und nun auch Armeniern ist beseitigt. Die Jungtürken haben den ethnisch homogenen Nationalstaat, den sie wollten.

Auch der Begriff “Holocaust“ wurde erstmals im Zusammenhang mit Pogromen gegen Armenier benutzt – von der amerikanischen Missionarin Corinna Shattuck, die 1895 miterlebte, wie in Urfa Armenier in einer Kirche verbrannt wurden. Trotz aller Analogien zur Schoa ist der Genozid an den Armeniern heute nicht im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit verankert, unter anderem weil sich, anders als in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, in Kleinasien nach dem ersten Krieg und dem ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts die alliierte Ordnung der Sieger nicht durchsetzen konnte. Dennoch: Das Europa-Parlament und zwei Dutzend Staaten, darunter Frankreich, Russland, Italien, Kanada, haben den Genozid inzwischen offiziell verurteilt und als Völkermord benannt. Deutschland nicht, Israel nicht.

Wie hochsensibel das Thema noch immer ist, zeigte der wütende türkische Protest, als sich Brandenburg 2005 als einziges Bundesland herausnahm, den Völkermord in den Geschichtslehrplan aufzunehmen, wenn auch nur als winzigen Klammersatz. Im selben Jahr debattierte der Bundestag zum 90. Jahrestag der Ereignisse nach langem Hickhack erstmals vorsichtig die deutsche Mitschuld und eine Entschließung, mit der die Türkei aufgefordert werden soll, sich ihrer historischen Verantwortung zu stellen. Zwar wurde der Antrag nach einem Kanzlerbesuch verabschiedet, von “Völkermord“ ist darin jedoch keine Rede, und fünf Jahre später war die Bundesregierung (auf eine Kleine Anfrage der LINKEN hin) noch immer der Meinung, die Bewertung der Ereignisse solle der Wissenschaft vorbehalten bleiben und die Aufarbeitung sei zuallererst Sache der betroffenen Länder Armenien und Türkei.

Den Nato-Partner und die deutsch-türkischen Wähler will niemand zu sehr brüskieren – Erinnerungskultur hin, Erinnerungskultur her. Die Türkei protestiert bei jedem Vorstoß vorsorglich. Meist hat sie damit auch Erfolg. Als im Jahr 2000 der US-Kongress die Ereignisse von 1915 als Völkermord einstufen wollte, drohten die Türken mit der Sperrung der Luftwaffenbasis Inçirlik für die USA; als 2007 der Auswärtige Ausschuss des Repräsentantenhauses einer Resolution zustimmte, nach der die Verfolgung und Vertreibung der Armenier als ”Völkermord“ eingestuft werden soll, wehrten sich Präsident Bush und das US-Außenministerium und die Türkei berief ihren Botschafter zeitweise zurück (Barack Obama forderte zwar 2011 von der Türkei eine Anerkennung der Massaker, vermied aber ebenfalls den Begriff Völkermord).

Ähnlich in Israel: Als im Jahr 2000 auf Initiative Yossi Sarids der Genozid in den israelischen Schulunterricht einfließen sollte und in einer Broschüre des Außenministeriums das Wort “Massenmord“ auftauchte, kam es zu einer Staatskrise mit der Türkei. Seitdem hat sich nicht viel geändert, wenngleich u.a. der heutige Staatspräsident Reuven Rivlin schon seit 1989 (damals als Parlamentspräsident) versucht, das Thema immer wieder auf die politische Agenda zu setzen.

Die türkischen Archive sind weiter dicht, die Einbeziehung des Themas bei internationalen Genozid-Konferenzen wird verhindert, Abweichler werden bedroht (oder gar ermordet wie 2007 in Istanbul der armenischstämmige Journalist und Verleger Hrant Dink), und kein Wort des Bedauerns für die Opfer. Die türkische Gesellschaft scheint noch nicht reif für die Realität, auch die hierzulande nicht – für den Vorsitzenden des Rats türkischer Staatsbürger in Deutschland, Yasar Bilgin, ist der Völkermord nach wie vor “nichts weiter als eine Lüge“; das türkische Vorgehen war legitime Notwehr gegen armenische Übergriffe, heißt es.

Es sind Künstler und Geistesschaffende, die dem “Tunnelblick” entgegenwirken und den Massenmord an ihren ehemaligen Landsleuten und das Schweigen darüber thematisieren – wie der in Köln lebende Autor Doğan Akhanlı mit dem Roman “Die Richter des Jüngsten Gerichts” und dem Theaterstück “Annes Schweigen” oder wie der Hamburger Regisseur Fatih Akin mit seinem Spielfilm “The Cut”.

Nur ein bisschen Völkermord

Foto eines anonymen deutschen Reisenden: Armenier werden im April 1915 von osmanischen Soldaten aus Kharpert (türkisch: Harput) in ein Gefangenenlager im nahen Mezireh (türkisch: Elazığ) geführt.
Foto eines anonymen deutschen Reisenden: Armenier werden im April 1915 von osmanischen Soldaten aus Kharpert (türkisch: Harput) in ein Gefangenenlager im nahen Mezireh (türkisch: Elazığ) geführt.
Foto eines anonymen deutschen Reisenden: Armenier werden im April 1915 von osmanischen Soldaten aus Kharpert (türkisch: Harput) in ein Gefangenenlager im nahen Mezireh (türkisch: Elazığ) geführt.

In Deutschland wird seit Jahren darüber diskutiert, ob der Begriff Völkermord der richtige sei, um die türkischen Massaker an den Armeniern von 100 Jahren zu klassifizieren. Die Regierungskoalition aus Union und SPD versucht dabei, sich um eine klare Positionierung zu drücken. 

Von Patrick Gensing

Seit 1965 haben 22 Staaten die durch den osmanischen Staat begangenen Deportationen und Massaker der Jahre 1915–1917 offiziell als Genozid entsprechend der UN-Völkermordkonvention von 1948 anerkannt (u. a. Argentinien, Belgien, Frankreich,[190] Griechenland,Italien, Kanada, Libanon, die Niederlande, Russland, Schweden,[191] die Schweiz, die Slowakei, Uruguay und Zypern).[192][193][194][195]Andere Staaten (so auch Israel,[196] Dänemark, Georgien und Aserbaidschan) hingegen sprechen offiziell nicht von Völkermord.[197][198][199] Die Regierung des Vereinigten Königreichs verurteilte die Verbrechen, sah aber die Kriterien für eine Einstufung als Völkermord gemäß der UN-Völkermordkonvention als nicht gegeben an.[200]  Quelle: Wikipedia

Es liegen zahlreiche gute Gründe dafür vor, die Massaker des Osmanischen Reiches an den Armeniern als Völkermord (armenisch: Aghet) zu klassifizieren; gleichzeitig zweifeln aber auch Experten und Politiker an dieser Einordnung. So verwies beispielsweise Großbritannien darauf, dass die UN-Völkermordkonvention, die als Konsequenz aus dem Holocaust beschlossen wurde, nicht rückwirkend anwendbar sei. Das sehen andere Akteure wiederum anders, sie argumentieren, dass die Konvention unter anderem wegen der Massaker von 1915 bis 1917 entwickelt worden sei.

Gauck bezeichnete die Gräueltaten im Osmanischen Reich nun als „Völkermord“ und wies – das sollten auch seine Gegner anerkennen  – auf die deutsche Verantwortung hin:. „In diesem Fall müssen auch wir Deutsche insgesamt uns noch der Aufarbeitung stellen, wenn es nämlich um eine Mitverantwortung, unter Umständen sogar Mitschuld, am Völkermord an den Armeniern geht“, sagte Gauck nach einem ökumenischen Gedenkgottesdienst im Berliner Dom.

Auch der Papst sprach bezüglich des Genozids an den Armeniern vom „ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts“. Dabei „übersahen“ er und Gauck aber den deutschen Völkermord in Afrika.

Vernichtungsbefehl in Deutsch-Südwestafrika

Hier dürfte auch ein Grund für die Zurückhaltung der Bundesregierung in Sachen Völkermord an den Armeniern zu finden sein: So berief sich die Bundesregierung ebenfalls stets gerne auf das Argument, die UN-Völkermordskonvention sei nicht rückwirkend für die Zeit vor dem Holocaust gültig – und damit konnte man sich um die Verantwortung für den deutschen Massenmord an den Hereros und Namas im heutigen Namibia drücken.

Ob Gauck wohl auch künftig von einem deutschen Völkermord an den Hereros sprechen wird? Immerhin gab es den berühmt-berüchtigten Befehl zur Vernichtung der Hereros durch von Trotha. Die Nation als solche müsse vernichtet werden, schrieb er 1904 an den deutschen Generalstab.

Juristischer Stellungskrieg

Die Diskussion darüber, ob die Begriffe Völkermord oder Genozid bei den Massakern an den Armeniern treffend seien, ist längst zu einem juristischen und vor allem auch politischen Stellungskrieg geworden. Wie so oft bei Konventionen und Gesetzestexten geht es um Interpretationen, um die eigene Position zu legitimieren. Abseits der juristischen Fragen und diplomatischen Verwicklungen erscheint mir die Einordnung Völkermord angesichts des Ablaufs der Massaker und den Opferzahlen in einer journalistischen Berichterstattung und Diskussion absolut angemessen. Und auch in der deutschen Politik hat sich diese Auffassung mehrheitlich längst durchgesetzt.

Es nützt der Türkei auch gar nichts, die Anerkennung des Begriffs Völkermord zu unterbinden; im Gegenteil: Es dürfte kontraproduktiv sein. Es nützt aber auch wenig, wenn Frankreich eine Leugnung des Völkermords an den Armeniern verbietet. Denn letztendlich sind die Verbrechen an sich weitestgehend unbestritten.

Versöhnungskommission

Die erbitterte Debatte um die offizielle Klassifizierung der Massenmorde an den Armeniern führt auch dazu, dass sich die alten Fronten weiter verhärten – 100 Jahre nach den Verbrechen. Es geht nicht darum, einen Schlussstrich zu ziehen und Verbrechen zu vergessen, sondern eine Annäherung zwischen Türken und Armeniern zu erreichen. Wahrscheinlich bedarf es eines klaren Bekenntnisses der Türkei zur Schuld an dem Völkermord, um eine Aussöhnung einzuleiten. Es gab aber auch schon vielversprechende Ansätze: So wurde Anfang des Jahrtausends eine Türkisch-armenische Versöhnungskommission eingesetzt, um strittige Fragen zu erörtern. Dies wurde politisch als Meilenstein eingestuft.

Nach drei Jahren löste sich die Kommission wieder auf: Zuvor hatte das Gremium im Februar 2003 einen Untersuchungsbericht vorgelegt und gab an, dass den Verantwortlichen dieser Ereignisse die Konsequenz bewusst war, dass ihr Handeln die vollständige oder partielle Vernichtung der Armenier von Ostanatolien bedeuten würde und daher eine genozidale Absicht voraussetze. Nach Ansicht des ICTJ erfüllen die Ereignisse von 1915 alle Straftatbestände der Konvention über die Verhütung und Bestrafung des Völkermordes.

Außenpolitische Haltungslosigkeit

Die Koalition aus CDU, CSU und SPD mag nicht so weit gehen: Sie schreibt in ihrem Antrag zwar im Kontext von den Massakern und Deportationen zwischen 1915 und 1917 von der Geschichte „der Völkermorde“ im 20. Jahrhundert, doch dabei bleibt es dann.

Möglicherweise ist das diplomatisch geschickt und politisch weitsichtig, doch mich erinnert es eher an eine sytematische Haltungslosigkeit, die Deutschland in vielen außenpolitischen Konflikten einnimmt. Eine klare Aussage, ob man die Definitionen der UN-Konvention für einen Völkermord erfüllt sieht oder eben nicht (wofür man Gründe finden könnte), fehlt in dem Antrag der schwarz-roten Koalition. Eine solche Positionierung wäre aber nötig, denn ein bisschen Völkermord gibt es nicht.

Schuld abladen verboten!

Vergangenheitsensorgung im Spiegel

Der Spiegel will sich offenbar der leidigen Schuldfrage für Weltkriege und Holocaust entledigen – und reanimiert dafür Ernst Nolte samt Historikerstreit. Vollkommen begriffslos hantiert Spiegel-Autor Dirk Kurbjuweit mit Geschichte: für ein unbelastetes Nationalbewusstsein.

Von Andreas Strippel

„Schuld abladen verboten“ nannte 1965 die Münchner Lach- und Schießgesellschaft ihr Kabarettprogramm. Ein passender Titel, diskutierte doch damals Westdeutschland öffentlich Schuldfragen und das gleich zu zwei Themen. In Folge des Eichmann- und Auschwitzprozesses zum Holocaust und durch die Thesen des Hamburger Historikers Fritz Fischer zur Verantwortung für den Ersten Weltkrieg.

Diese Diskussionen waren auch bitter nötig, lebten doch viele Täter des Holocaust unbehelligt in Westdeutschland – und der Erste Weltkrieg war bisher hauptsächlich über sein Ende und die Versailler-Verträge diskutiert worden. Diese gesellschaftlichen Debatten waren Teil eines mühsamen Prozesses, die Nachkriegsrealitäten und damit auch die Grenzen – nicht nur zur DDR, sondern auch zu Polen und der damaligen Tschechoslowakei  – anzuerkennen.

Vergangenheitsensorgung im Spiegel
Vergangenheitsentsorgung im Spiegel

Beide „Schuld-Debatten“ trugen dazu bei, dass sich das nationale Selbstverständnis wandelte und sich langsam dem Standard der westlichen Zivilisation annäherte.

Eine ähnliche Funktion hatte der Historikerstreit in den 1980er Jahren. Dazu gehörte auch, die Zweistaatlichkeit Deutschlands als Realität hinzunehmen, sie sogar zu akzeptieren. Bekanntermaßen beendete der Zusammenbruch der Sowjetunion diese historische Konstellation und die DDR trat dem Geltungsbereich des westdeutschen Grundgesetzes bei.

Der Spiegel Autor Dirk Kurbjuweit meint nun, dass die Welt sich weiter gedreht habe und man jetzt die vermeintlich unterlegene Seite in der Fischer-Kontroverse sowie dem Historikerstreit ins Recht setzen müsse:

Die deutsche Gegenwart war […] für Jahrzehnte stark von diesem Schuldvorwurf geprägt. Inzwischen gibt es zu den Streitpunkten beider Debatten neue Erkenntnisse, die eher die unterlegene Seite unterstützen. Folgt daraus ein neues Selbstverständnis für die Deutschen?

Nein, meint Kurbjuweit und fordert daher eine Revision; jedoch weniger der Geschichte, sondern des deutschen Selbstverständnisses. Geschichte ist ihm nur Vehikel für einen neuen deutschen Nationalismus, als ob es diese Selbstverständigung ganz ohne Geschichtsrevision nicht schon seit 2006 gäbe.

Nolte und seine These vom „kausalen Nexus“ 

Ohne besonders viel Ahnung von seinem Gegenstand zu haben, steuert Kurbjuweit in die argumentative Katastrophe. Als Kronzeuge dient ihm dabei Ernst Nolte und seine These vom „kausalen Nexus“ der stalinistischen Verbrechen zum Holocaust. Denn Nolte gleich möchte er offenbar den Deutschen die Schuld austreiben; für den Holocaust, den Ersten Weltkrieg und – so kann ein unkommentiertes Zitat Noltes an der angeblichen Verantwortung Polens verstanden werden – schließlich auch noch am Zweiten Weltkrieg. Kurz gesagt: ein neues deutsches Selbstbewusstsein. Und dafür muss die Vergangenheit beerdigt werden, koste es auch Logik und Verstand.

Ausgangspunkt ist eine Spiegel-Serie zur Schuldfrage am Ersten Weltkrieg. Und wie alle konformistischen Rebellen baut Kurbjuweit erst mal einen Popanz auf, den er dann als mutiger Tabubrecher wieder einreißt. Er  behauptet einfach, Fritz Fischers Forschungen seien heute quasi die beispielhafte Erzählung der Geschichtswissenschaft zum Thema, da sie die deutsche Schuld festgestellt habe. Das Fischers Ergebnisse immer in Frage gestellt wurden, gibt eigentlich der Begriff der Fischer-Kontroverse schon her. Darüber hinaus stieß er mit seinen Thesen bei Freund und Feind weitere Forschung an, die das Wissen um den Kriegsausbruch deutlich vermehrt haben. Joachim Radkau fasste dies in der Zeit so zusammen:

Denn ohne große Entscheidungsschlacht hat sich in der Forschung bis heute ein Konsens auf einer „Fischer light“-Position eingependelt: dass die deutsche Reichsregierung in der Julikrise 1914 den Krieg ausgelöst habe, absichtsvoll, jedoch nicht von langer Hand geplant, im hektischen Hin und Her diplomatischer Schachzüge und hereinströmender Informationen.

Vertreter des „Schuldkomplexes“

Nachdem der Popanz also aufgebaut ist, bringt Spiegel-Autor Kurbjuweit das Buch von Christopher Clark „die Schlafwandler“ als Sicht der Dinge ins Spiel, die endlich Schluss mache, mit der vermeintlichen Vorherschaft derjenigen, die sich für die „größtmögliche Schuld“ aussprechen. Als zweiten Kronzeugen führt er Herfried Münkler an, der sich jedoch mit seinem Buch jenseits der Thesen von Hineinschlittern oder Hauptschuld Deutschlands positioniert, und den gesamten Krieg  als ein „Kompendium für alles das, was man falsch machen kann“ begreift.

Liste mit Zahlen über die jüdische Bevölkerung, die bei der Konferenz benutzt wurde.
Liste mit Zahlen über die jüdische Bevölkerung, die bei der Wannsee-Konferenz benutzt wurde.

Mit Hans-Ulrich Wehler lässt er zwar einen Vertreter der deutschen Hauptschuldthese zu Wort kommen, aber nur um ihn als Vertreter des Schuldkomplexes zu denunzieren. Wehlers Position dient offenkundig nicht der inhaltlichen Auseinandersetzung, sondern nur als erzählerischer Kniff, um Ernst Nolte Relativierung des Holocausts  zu rehabilitieren.

Bevor Nolte seinen großen Auftritt bekommt, lässt Kurbjuweit jedoch noch den Osteuropahistoriker Jörg Baberowski zu Wort kommen, der  Nolte verteidigt. Baberowski argumentiert über die Massengewalt und die Lager der Stalinismus sowie die Personen Hitler und Stalin. Der Holocaust sei gar kein singuläres Ereignis wegen der ähnlichen Methoden und außerdem sei Stalin der grausamere Psychopath gewesen.

Und dann lässt Kurbjuweit mehrere Absätze lang Nolte zu Wort kommen. Der darf unwidersprochen den Holocaust ursächlich der Gewalt in der Sowjetunion zuschreiben. Nolte reduziert das Neue am Judenmord auf den technischen Vorgang des Vergasens und bemüht als Kronzeugen einen „Juden“ – eine beliebte rhetorische Figur, die in erster Linie dazu dient, sich gegen den Vorwurf des Antisemitismus zu immunisieren. Darüber hinaus erklärt er den NSU zur unpolitischen Mordbande, erzählt persönliches und gibt England und Polen Mitschuld am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs.

Daran ist so ziemlich alles falsch, was man sich vorstellen kann. Sicherlich hatte Hitler Informationen über die Grausamkeiten des Stalinismus. Analog  könnte man argumentieren, dass Hitler über die Brutalität des Kolonialismus informiert war. Für ihn sollte Osteuropa ja auch ein deutsches Indien werden. Aber Versuche von der Kolonialgewalt oder gar den kolonialen Genoziden eine gerade Linie nach Auschwitz zu ziehen, greifen ebenso zu kurz wie der phänomenologische Ansatz  der stalinistischen Massengewalt. Das Elemente beider als Praxisvorbild für die deutsche Besetzung Osteuropas gedient haben könnten, ist eine Überlegung wert. Beides ist jedoch völlig ungeeignet, die eigene und neue Qualität des nationalsozialistischen Mordprogramms hinreichend zu analysieren.

Zweckrationale Herrschaftstechniken

Der Holocaust ist ein präzendensloses Verbrechen, weil die Natur des Verbrechens eine andere ist, als die der Kolonialverbrechen oder der Verbrechen des Stalinismus. Stalinismus und Kolonialismus sind sehr unterschiedlich, jedoch kann man beide als zweckrationale Herrschaftstechniken begreifen, deren entfesselte Gewaltpotentiale in Massenmord und Genozid mündeten. Verkürzt gesagt: Der Kolonialismus funktioniert über rassistische Überlegenheitsvorstellungen als Alibi für die Unterdrückung, die Figur der Verräter an der Revolution als Rechtfertigung zum hemmungslosen Gewalteinsatz zur Herrschaftssicherung. Die Wahllosigkeit mit der Verräter bestimmt wurden, steht nebenbei im krassen Gegensatz zu der Sicherheit, die konformistische Deutsche im NS-Staat hatten, Juden jedoch niemals besaßen.

Die Leugnung der eigenen Qualität des Holocausts über den Begriff der Massengewalt funktioniert, weil kein Begriff von Antisemitismus vorhanden ist. Antisemitismus wird, sofern er überhaupt eine Rolle spielt, als eine austauschbare Form des Vorurteils oder des Sündenbocksyndroms betrachtet. Die Ermordung der europäischen Juden war jedoch nicht ein zweckrationales Herrschaftsmittel, sondern ein Erlösungsversprechen gegen die Krisen der Moderne, das nur eingelöst werden konnte, wenn alle Juden ermordet würden. Mit den Juden sollten die Verwerfungen der Moderne sterben. Dieser totale physische Vernichtungsanspruch ist ein zentrales Unterscheidungsmerkmal zu stalinistischen aber auch kolonialen Verbrechen.

Applaus aus der extremen Rechten 

Gedenken in Dresden: CDU und NPD auf dem Heidefriedhof
Gedenken in Dresden: CDU und NPD 2009 auf dem Heidefriedhof

Das Ernst Nolte heute vor allem auch Applaus aus der extremen Rechten erhält, verwundert bei seinen Thesen kaum. Zuletzt gab Nolte dem extrem rechten Magazin „Hier & Jetzt“ ein langes Interview. Geführt wurde dieses vom NPD-Landtagsabgeordneten Arne Schimmer, der auch als Chefredakteur der Publikation agiert. Nach dem Vergleich von Auschwitz und der Bombardierung von Dresden befragt, bezeichnet Nolte dies als „Provokation“, aber zumindest als eine „unausgetragene Streitfrage“.

Baberowski schließt aus ähnlichen Methoden der Unterdrückung auf einen Zusammenhang und kommt dabei – gemessen an den Zitaten aus dem Artikel – komplett ohne politische Begriffe aus. Noltes Insistieren auf den Bolschewismus verweist zumindest darauf, dass er verstanden hat, dass neben dem Antisemitismus der Antimarxismus ein zentrales Element des Nationalsozialismus war, der im Verbund mit einen antislawischen Rassismus eine zentrale Triebfeder des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion aber auch gegen Polen war. Aber davon redet Nolte nicht.

Noch hinter Guido Knopp

Und Kurbjuweit? Dem geht es wohl nicht um solche Fragen, sondern halt um die Sache mit der Schuld. Historische Erkenntnis dient hier nur als ein Vehikel. Zu den den Holocaust-relativierenden Thesen steht nur ein verschwurbelter Alibisatz, dass die Logik Noltes „schon länger ein Argument von Judenhassern“ ist. Das soll vermutlich Distanz zu Leuten herstellen, mit denen er sein neues deutsches Nationalbewusstsein nicht kontaminieren will. Auch versteckt Kurbjuweit sich hinter der Proseminar-Weisheit, dass Geschichtsdeutungen immer im Wandel sind. Historische Verantwortung und Schuld verschwinden bei ihm einfach in einem indifferenten Jahrhundert der Gewalt, das alle Unterschiede einebnet und die Diskussion um Schuld selbst historisiert und entsorgt. Damit fällt er noch hinter Guido Knopp zurück, der zumindest Hitler als Schuldigen sah.

Das Problem mit dem Nationalismus ist jedoch, dass die Nation eine gleichsam überhistorische Erscheinung darstellt, die historisch begründet wird. In früheren Zeiten wurde mit dem Mittel der nationalen Meistererzählung eine gerade Line ins heute gezogen. Diese Technik der nationalen Selbsterbauung funktioniert angesichts der Faktenlage nicht mehr. Daher zieht er mit der Geschichtsdeutung gegen die Geschichte ins Felde. Frei von historischer Schuld soll sein Deutschland heute sein. Das Problem ist nur, dass es das nicht ist.

Siehe auch: Ernst Jünger und der Erste WeltkriegFolgenloses GedenkenNS-Neuordnungsphantasien und die Ermordung der JudenCarl Schmitt und die Machtübernahme der NazisDeutsche Geschichte bei Lanz: Zu wenig Kolonien, zu viele JudenPolen empört über “Unsere Mütter, unsere Väter”

NS-Neuordnungsphantasien und die Ermordung der Juden

Umsiedlung eines Dorfes bei Oppel 1945

An dem präzedenzlosen Verbrechen des Holocaust waren ca. 500.000 Menschen als Täter direkt beteiligt. Aber deutlich mehr Menschen in verschiedenen Ländern wussten von dem Morden, viele tolerierten es stillschweigend und profitierten auf verschiedene Weise davon. Hilfe für die Juden oder gar Aufbegehren gegen die rassistische Politik der Verfolgung und Ermordung gab es weitaus seltener.

Von Andreas Strippel

Bereits unmittelbar nach dem Ende des Polen-Feldzugs verkündete Hitler im Reichstag am 6. Oktober 1939 eine ethnische Neuordnung der besetzten Gebiete, mit deren Durchführung Heinrich Himmler beauftragt wurde. Die so genannte Volkstumspolitik bildete die Matrix, auf der die Siedlungs-,  Vertreibungs-, und letztlich Mordpolitik konzipiert und durchgeführt wurden. In Hitlers „Erlass zur Festigung deutschen Volkstums“ vom 7. Oktober wurden Himmler und damit SS und Polizei nicht nur ermächtigt die „Gestaltung neuer deutscher Siedlungsgebiete durch Umsiedlung“ zu übernehmen, sondern auch mit der „Ausschaltung des schädigenden Einflusses von solch volksfremden Bevölkerungsteilen, die eine Gefahr für das Reich und die deutsche Volksgemeinschaft bedeuteten“ betraut.

Umsiedlung und Rassenpolitik

Ausstellung "Planung und Aufbau im Osten". Konrad Meyer mit NS-Größen (20.3.41)
Himmler und andere  NS-Größen in der Ausstellung „Planung und Aufbau im Osten“  am 20. März 1941 (Bundesarchiv, Bild 183-B01718 / CC-BY-SA)

Die Umsiedlung von Deutschen aus Osteuropa war ein Resultat des Hitler-Stalin-Paktes. In der sowjetischen Einflusssphäre lebten ca. eine halbe Million Deutsche, die im annektierten Westpolen angesiedelt werden sollten. Als die ersten Umsiedler im Oktober 1939 dort eintrafen, kam es zunächst zu wilden Vertreibungen von Polen, beziehungsweise polnischen Juden. In der Folge wurde daraus die systematische Vertreibung der einheimischen Bevölkerung durch den von der SS kontrollierten Umsiedlungsapparat. Jedoch scheiterte das Ziel die Deutschen Osteuropas direkt anzusiedeln, so dass die SS einen Lager-Kosmos errichtete, der ca. 1500 Lager im Reich und den besetzten Gebieten umfasste.

In diesen Lagern unterzog die SS die Menschen einer rassenpolitischen Selektion, um nur die sogenannten „rassisch Hochwertigen“ als Siedlerelite im Osten anzusiedeln. Das Personal in diesen Lagern bestand zum Teil bereits aus SS-Angehörigen, die später die Selektionen im Holocaust durchführten – der bekannteste Name ist Josef Mengele.

Das rassistische und antisemitische Weltbild der Nationalsozialisten beruhte vor allem auf der Konstruktion der Juden als Gegenrasse zum „Arier“, der Herrenrasse. Die Juden stellten dabei eben nicht nur einen vermeintlichen minderwertigen Konkurrenten dar, den es mit Gewalt und Mord zu verdrängen galt, sondern waren vielmehr Symbol aller Probleme der modernen Welt. Sich der Juden entledigen zu wollen war nicht nur Überlegenheitsfantasie, sondern der Wunsch die moderne Welt von ihren Widersprüchen und Problemen zu reinigen. Daher sieht der antisemitische Denker auch Juden überall dort, wo es Probleme gib oder zu geben scheint. Umstandslos werden so Kapitalismus, Liberalismus aber auch Marxismus als „jüdisch“ denunziert.

Antisemitismus ist damit nicht nur ein bloßes Vorurteil oder ein rassistisches Ordnungsmodel. Er fungiert als Welterklärungssystem, in dem die nationalsozialistische Weltanschauung den anzustrebenden Gegenentwurf stellt.

So verwundert es auch nicht, dass für die Täter antisemitische Praxis und Umsetzung von megalomanen Vorstellungen einer rassereinen Siedlungsgesellschaft zusammengehörten. Genau deswegen forderte das Reichssicherheitshauptamt von Himmler im Juni 1941 den Vertreibungskommandos im besetzen Polen eine Auszeichnung für „Volkspflege“ zu verleihen. Es schrieb:

„Muß doch die Befreiung des deutschen Volkskörpers von Juden und anderen lästigen Elementen als ein ebenso wichtiger Akt der deutschen Volkspflege angesehen werden, wie die Rückführung Volksdeutscher aus dem Auslande.“

Auch die Mörder der Einsatzgruppen legitimierten ihre Taten auf diese Weise. In einem Bericht der Einsatzgruppe D wird über die „bisherige Aufbauarbeit des Einsatzkommandos“ referiert. Unter Punkt 1) „Schutz der Volksdeutschen“ ist unter d) „Evakuierung von Juden und Kommunisten“ angeführt.

Die Tätersprache des Holocaust ist daher nicht bloß Tarnung, sondern auch ein Verweis auf die Entstehung des Verbrechens.

Polen als Experimentierfeld nationalsozialistischer Rassenpolitik

Krieg und Okkupation wirkten sich in erheblichem Maße radikalisierend und brutalisierend auf die antisemitische und rassistische Politik aus. Das besetzte Polen wurde von 1939 an zum Versuchslabor der NS-Rassenpolitik. Mit der Besatzung begann sowohl die gesetzlich-systematische als auch die willkürliche

Ghetto Łódź: Deutsche und Ghettopolizei am Eingang zum Ghetto (Ohne Datum)
Ghetto Łódź: Deutsche und Ghettopolizei am Eingang zum Ghetto (Ohne Datum)

Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung. Die antisemitischen Aktionen reichten von öffentlicher Erniedrigung über Zwangsarbeit, Plünderungen und anderen Gewalttaten bis hin zu Vergewaltigungen und Morden. Die Deutschen nahmen den Juden ihre bürgerlichen Rechte und schlossen sie aus dem Wirtschaftsleben aus. Sie unterlagen dem Arbeitszwang, ihre Betriebe wurden enteignet, deutsche „Treuhänder“ übernahmen die Leitung.

Neben SS und Zivilverwaltung war von Anfang an auch die Wehrmacht an der Verfolgung der Juden beteiligt. Sie führte die zwangsweise Kennzeichnung jüdischer Geschäfte ein und war teilweise für die Zwangsrekrutierung jüdischer Arbeitskräfte verantwortlich. Zentral für die Verfolgung aber waren die Kommandeure bzw. Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD, die zusammen mit den Bataillonen der Ordnungspolizei die Besatzungspolitik gewaltsam durchsetzten.

Zivilverwaltung, Polizei und SS formalisierten vor allem die Rassenhierarchie, an deren Spitze die deutschen Besatzer standen, während die Juden das entgegengesetzte Ende der Skala bildeten. Letztlich war das Ziel

Die Zentrale der Einwandererzentralstelle in Łódź (1939)
Die Zentrale der Einwandererzentralstelle der Sicherheitspolizei und des SD in Łódź (1939) (Bundesarchiv, R 49 Bild-0107 / CC-BY-SA)

alle so genannten „rassisch Unerwünschten“ aus den annektierten Gebieten zu entfernen. Die dafür nötigen Umsiedlungen führten auch zu umfangreichen Planungen innerhalb der SS. Eingebettet in Repressionen, wie die Erschießung der polnischen Intelligenz, war es Ziel der Germanisierung, die Strukturen des polnischen Staates bzw. der polnischen Gesellschaft zu zerstören. Das Amt III B im RSHA legte im November 1939 einen „Fernplan“ vor, der eine volkstumspolitische Neuordnung der Ostgebiete vorsah. Dieser Plan beschäftigte sich sowohl mit der Ansiedlung von Deutschen als auch mit der Deportation, Umsiedlung und Tötung von unerwünschten Menschen, wozu neben Juden und Polen auch Behinderte zählten. Die Verantwortung dafür lag sowohl bei Himmlers Umsiedlungsapparat als auch bei Adolf Eichmann im Reichssicherheitshauptamt. Die Vertreibung der Polen in das Generalgouvernement scheiterte in seiner Gesamtplanung an wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Jedoch wurden nach einer Statistik des Reichssicherheitshauptamtes bis zum Juni 1941 336.346 Polen und 72.179 Juden für die Ansiedlung von Deutschen aus dem annektierten Westpolen vertrieben.

Mit der Besatzung begann auch der Prozess der Ghettoisierung der Juden sowie ihire inhaftierung und Verschleppung in Arbeits- und Konzentrationslager. Die von den Besatzern erst herbeigeführten schlechten Lebensverhältnisse und die notorische Unterernährung führten dann zu Überlegungen, wie man dieses „Problem“, das man selbst geschaffen hatte, lösen könne. Der Leiter der Umwandererzentralstelle Posen, einer SS-Dienststelle, die für die Deportationen von Juden und Polen zuständig war, schrieb in einem Aktenvermerk für Adolf Eichmann:

„Es besteht in diesem Winter die Gefahr, dass die Juden nicht mehr sämtlich ernährt werden können. Es ist ernsthaft zu erwägen, ob es nicht die humanste Lösung ist, die Juden, soweit sie nicht arbeitseinsatzfähig sind, durch irgendein schnellwirkendes Mittel zu erledigen. Auf jeden Fall wäre dies angenehmer, als sie verhungern zu lassen.“

Terror und Mord, Ghettoisierung und Zwangsarbeit einhergehend mit einer ständigen Unterversorgung der jüdischen Bevölkerung führten dazu, dass bereits vor dem deutschen Angriff der Sowjetunion ein „unsystematischer Massenmord“, so der Historiker Dieter Pohl, im Gange war.

Am Vorabend des Überfalls auf die Sowjetunion begannen in Himmlers Umsieldungsimperium die Planungen für die Besiedlung des neu zu erobernden Lebensraums. Die Planungskomplexe, die unter dem Begriff Generalplan Ost zusammengefasst werden, zeichnen sich dadurch aus, dass die Juden der Sowjetunion schon gar nicht mehr vor kamen. Ihre Ermordung war so zusagend die Geschäftsgrundlage der bevölkerungspolitischen Vorstellungen der SS.

Beginn der systematischen Morde

Mit dem Angriff auf die Sowjetunion begann die systematische Ermordung der europäischen Juden. Sie fand an unterschiedlichen Orten mit unterschiedlichen Mitteln statt. In dem seit 1939 sowjetisch besetzten Teil

Der Höhere SS und Polizeiführer Friedrich Jeckeln meldet Mordzahlen nach Berlin (29. August 1941)
Zeugnis der Mordtaten. Der Höhere SS und Polizeiführer Friedrich Jeckeln meldet Mordzahlen nach Berlin (29. August 1941)

Polens, im Baltikum und der Sowjetunion zogen mit der Wehrmacht die Einsatzgruppen ein, diesmal mit einem noch sehr viel weitergehenden Auftrag als 1939: Sie sollten die Juden im sowjetischen Machtbereich töten. Wenn die Einsatzgruppen im Schatten der Wehrmacht weiter nach Osten zogen, übernahmen lokale SS- und Polizeieinheiten die Aufgabe des Judenmords. Insgesamt ermordeten Einsatzgruppen und Polizeibataillone mehr als zwei Millionen Menschen.

In Westpolen, dem sogenannten Warthegau, begannen im Spätsommer 1941 ebenfalls Massenerschießungen. Ende 1941 richteten die Deutschen das Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno) ein. Dort gingen Besatzer daran, Juden aber auch in Sinti und Roma mit Hilfe von Gaswagen zu ermorden. Diese Tötungstechnik war zuvor bei der Ermordung geistig Behinderter in Deutschland erprobt worden. Zur Durchführung zog man daher auch Mitarbeiter der so genannten T4-Aktion heran, die die Ermordung geistig Behinderter organisiert hatten.

Das Morden war bereits im vollen Gange als sich Vertreter der deutschen Bürokratie im Januar 1942 zur Wannsee Konferenz trafen. Auf dieser Konferenz wurde die Ermordung der europäischen Juden organisiert.

Massenhafte Ermordung durch Giftgas

Mit der so genannten „Aktion Reinhardt“ begann im Frühjahr 1942 die erste konzertierte massenhafte Ermordung durch Giftgas. In den Vernichtungslagern Bełżec und Sobibór im Distrikt Lublin sowie im Lager Treblinka im Distrikt Warschau ermordet die SS vom März 1942 bis zum Spätsommer 1943 ca. zwei Millionen Juden sowie rund 50.000 Roma. In diesem Mordprozess, der auch einige Massenerschießungen umfasst, gab es praktisch keine Selektion arbeitsfähiger Menschen. Dem entsprechend gab sehr wenig Überlebende. Sobibór überlebten 47 Menschen, aus Bełżec sind nur drei Überlebende bekannt. Treblinka überlebten etwas mehr als 60 Menschen.

EInfahrt zum Konzentrationslager Auschwitz 1945
EInfahrt zum Konzentrationslager Auschwitz 1945 (Foto: Stanislaw Mucha, Deutsches Bundesarchiv, Commons:Bundesarchiv).

In Auschwitz begann der industrielle Massenmord bereits Ende 1941 mit der Vergasung von sowjetischen Kriegsgefangenen. Mitte 1942, mit der Errichtung und Inbetriebnahme des Lagerteils Auschwitz II Birkenau mit zunächst zwei, später vier eigens gebauten Gaskammern, wurde Auschwitz-Birkenau zu einem Zentrum des Holocausts. Von Ende 1943 an war Auschwitz-Birkenau das einzig verbliebene Vernichtungslager. Im Gegensatz zu den Tötungsstätten der Aktion Rheinhardt war Auschwitz kein reines Vernichtungslager. Zum Komplex Auschwitz gehören ca. 40 Außenlager, in den die Häftlinge arbeiten mussten.

Auch in Auschwitz wurden Sinti und Roma ermordet. Die ersten Deportationen nach Auschwitz fanden im September 1942 statt. Im Dezember 1942 begann auf Anordnung Himmlers die Errichtung des sogenannten Zigeunerlagers in Auschwitz. Von den ca. 22.600 Insassen des Familienlagers starben mindestens 19.300, mehr als Zweidrittel davon an den menschenunwürdigen Zuständen des Lagers.

Widerstand im Lager

Trotz der barbarischen Umstände gab es in den Lagern immer wieder Versuche von Sabotage und Widerstand. In Treblinka konnten nach einem von langer Hand geplanten Aufstand am 2. August 1943 nach heftigen Kämpfen ca. 250 Häftlinge fliehen, von denen allerdings nur wenige letztlich entkamen. Am 14. Oktober 1943 erhoben sich in Sobibór ungefähr 600 Häftlinge gegen ihre Mörder. Die SS verfolgte die Geflohen, von denen nur Wenige überlebten. Aber ohne die Aufstände hätte es vermutlich gar keine Überlebenden dieser Lager gegeben. Denn die Konsequenz der Aufstände in Treblinka und in Sobibór war, dass die Lager bald darauf geschlossen wurden. Die SS zerstörte sie und versuchte die Spuren ihrer Taten zu verwischen.

Im Oktober 1944 lehnten sich Teile der Sonderkommandos von Auschwitz-Birkenau auf und sprengten dabei Krematorium Nr.4. Die Geflüchteten wurden allerdings fast vollständig aufgespürt und ermordet. Die Insassen des Zigeunerlagers in Auschwitz leisteten ebenfalls Widerstand.

Der Massenmord, den die Deutschen verübten, fand maßgeblich auf polnischem Territorium statt – fast zwei Drittel der europäischen Juden fielen ihm zum Opfer. Historiker gehen heute von zwischen 5,5 und 6 Millionen Menschen Ermordeten aus. Die größte Opfergruppe waren die polnischen Juden. Von den ca. 3,4 Millionen Juden, die im Vorkriegspolen gelebt hatten, wurden ca. 2,7 Millionen ermordet. 2,1 Millionen ermordeten Juden stammten aus der damaligen Sowjetunion. Damit hatten die Deutschen die osteuropäische jüdische Kultur weitgehend zerstört. Das Morden endete erst als die Rote Armee und die Westalliierten die Deutschen Pläne von der Neuordnung Europas stoppten.

“Besprechung mit anschließendem Frühstück”Jüdischer Widerstand: Aufstand im Warschauer Ghetto, Die Novermberprogrome 1938, Auschwitz-Komitee appelliert: Handeln Sie endlich!, Die Erinnerung bleibt, Historikerstreit 2.0: Wiederaufführung ohne neue Argumente, Adolf Eichmann und der BND, Adolf Eichmann – der Stratege der Vernichtung, Deutsche Karrieren: Horst Mahnke, Deutsche Karrieren: Walter Zirpins, Deutsche Karrieren: Konrad Meyer, Deutsche Karrieren: Martin Sandberger, Carl Schmitt und die Machtübernahme der Nazis, Deutsche Geschichte bei Lanz: Zu wenig Kolonien, zu viele JudenVerdrehtes GedenkenPolen empört über “Unsere Mütter, unsere Väter”“Unsere Mütter, unsere Väter”: Das ZDF und die deutschen Opfer„Du bist davongekommen, du bist davongekommen!“ – Ralph Giordano wird 90Kolonialismus im Kasten: Erinnern und Vergessen im DHMDas NS-Lagersystem: Inventur des GrauensAbschied eines ÜberlebendenDer Nazi und sein Viertel: Stadtteil soll weiter nach Kriegsverbrecher heißen“Unser Widerstand hat ein Lächeln auf dem Gesicht”Berlinale: Ehrung für Claude LanzmannDie nationalsozialistische MachteroberungDer vergessene Genozid

Deutsche Geschichte bei Lanz: Zu wenig Kolonien, zu viele Juden

Deutsche Vergangenheitsbewältigung - auf Kosten der Polen?

Im Begleitprogramm rund um den ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ talkte am vergangenen Dienstag eine illustre Runde in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ über deutsche Geschichte und ihre (filmische) Aufarbeitung. Dabei wurde Erstaunliches behauptet: So trage Deutschland keine Verantwortung für den 1. Weltkrieg, sondern „Frankreich und Russland“. Infolge der Niederlage sei Deutschland bei „der Kolonialisierung der Welt“ „zu kurz gekommen“ – und wegen dieser Demütigung sei es dann zum 2. Weltkrieg gekommen. Ergänzend wurde festgestellt, dass „Täter“ und „Opfer“ nicht zu unterschieden seien – und die industrielle Massenvernichtung von Menschen nur deshalb erdacht werden musste, weil man so viele Juden einfach nicht mehr erschießen konnte. Für nennenswerten Widerspruch oder gar einen Eklat sorgte diese Aneinanderreihung von revisionistischen Äußerungen nicht – deutsche TV-„Vergangenheitsbewältigung“ anno 2013.

Von Floris Biskamp

Rückblickend möchte man mit Martin Hohmann beinahe Mitleid haben. Denn nun ist klar: Er wurde damals nicht geschasst, weil er das Falsche gesagt hatte, sondern nur, weil er seiner Zeit weit voraus war. Am 3. Oktober 2003 hielt Hohmann seine berühmt-berüchtigte Rede zum Tag der Deutschen Einheit. Darin hieß es unter anderem:

„Die Schuld von Vorfahren an diesem Menschheitsverbrechen hat fast zu einer neuen Selbstdefinition der Deutschen geführt. Trotz der allseitigen Beteuerungen, dass es Kollektivschuld nicht gäbe, trotz nuancierter Wortneuschöpfungen wie ‚Kollektivverantwortung‘ oder ‚Kollektivscham‘: Im Kern bleibt der Vorwurf: die Deutschen sind das ‚Tätervolk‘. […] Auf diesem Hintergrund stelle ich die provozierende Frage: Gibt es auch beim jüdischen Volk, das wir ausschließlich in der Opferrolle wahrnehmen, eine dunkle Seite in der neueren Geschichte oder waren Juden ausschließlich die Opfer, die Leidtragenden? […] Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als „Tätervolk“ bezeichnen. Das mag erschreckend klingen. Es würde aber der gleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet. […] Daher sind weder ‚die Deutschen‘ noch ‚die Juden‘ ein Tätervolk.“

Das ging 2003 einfach noch nicht. Damals waren die Deutschen in ihrer Leidkultur zwar schon sehr weit auf dem Weg zur Einebnung der Täter-Opfer-Grenze, aber doch noch mit vorhergehenden Schritt beschäftigt; nämlich damit, sich selbst und gegenseitig zu versichern, dass es nicht nur in Ordnung, sondern absolut notwendig und wichtig ist, die Deutschen auch als Opfer des 2. Weltkrieges zu verstehen. Jörg Friedrich breitete die Schwere des deutschen Leidens anhand des Bombenkrieges, Günter Grass anhand der Vertreibung aus. Die Wörter „Juden“ und „Tätervolk“ in einer Rede zum Tag der Deutschen Einheit in einen wie auch immer gearteten Zusammenhang? Das war der deutschen Öffentlichkeit damals noch nicht so ganz geheuer. Hohmanns Rede wurde zum Skandal, der CDU-Bundestagsabgeordnete von seiner Partei ausgeschlossen.

Doch 10 Jahre später ist man bereit, den nächsten Schritt zu vollziehen. Dies lässt schon der zentrale Satz des großen erinnerungspolitischen TV-Spektakels „Unsere Mütter, unsere Väter“ erahnen: „Der Krieg wird nur das Schlechteste in uns zum Vorschein bringen.“ Ausgesprochen wird der Satz von einem jungen deutschen Soldaten am Abend, bevor er in den Vernichtungskrieg in der Sowjetunion zieht. ‚Wir‘, in denen der Krieg ‚das Schlechteste‘ zum Vorschein bringt, sind jene fünf Personen, die im verzerrten ZDF-Universum beispielhaft für ‚unsere Väter, unsere Mütter‘, will heißen: für die Deutschen, stehen, darunter eben auch ein Jude.

Täter als Opfer, Opfer als Täter

Arnulf Baring, hier leider nicht mit Wasser aus dem Brunnen der Erkenntnis (Foto: Tohma / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)
Arnulf Baring, hier leider nicht mit Wasser aus dem Brunnen der Erkenntnis (Foto: Tohma / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)

Die Interpretation des Satzes liefert Arnulf Baring gleich zu Beginn der Talkshow von Markus Lanz, die das ZDF zwischen dem zweiten und dritten Teil der Eigenproduktion sendete: „Ganz großartig ist ja in dem Film, dass man sieht, dass die ganze Teilung, von der wir seit Jahrzehnten reden, nämlich zwischen Opfern und Tätern, dass die nicht hinhaut. Auch die Opfer sind irgendwo Täter und die Täter sind irgendwo Opfer.“ Widerspruch bekommt er dafür nicht, aber allerhand Gelegenheiten, deutlicher zu machen, wen er meint: „Diese Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern, die Deutschen sind ein Tätervolk und die Juden sind Opfer…Nein! Auch viele Juden haben sozusagen, das kann man in dem Film auch sehen, haben andere verraten, um ihre eigene Haut zu retten.“ Man wird zum Täter, um die eigene Haut zu retten, man hat keine Wahl und darin sind alle gleich. Deutsche und Juden, alle Opfer und Täter, aber Verantwortung hat eigentlich niemand. Das ist die erinnerungspolitische Essenz des Abends.

Baring scheint sein Glück kaum fassen zu können, das endlich aussprechen zu dürfen, und so tut er es immer wieder. Niemand in der Runde scheint sich groß daran zu stören. Einzig der Journalist Claus Strunz merkt einmal an, es sei ihm „einen Ticken zu vehement“ vorgetragen – nicht aber, ohne seine grundsätzliche Zustimmung zu signalisieren.

Die Jüdin soll den Mund halten

Ein Fremdkörper in der Talk-Runde ist einzig Marina Weisband, die sich trotz des geradezu übergriffigen Drängens von Lanz und Baring weigert, den geforderten jüdischen Beitrag zum Erinnerungsmatsch zu liefern, in dem sich die anderen suhlen. Sie möchte die Diskussion gerne in eine andere Richtung lenken. Statt über das kollektive Leiden der Deutschen an ihrer Geschichte will sie über Gesellschaft reden, darüber, „wie es dazu kommen konnte“ und darüber, ob der heutige Antisemitismus und Rassismus, ob Sarrazin oder NSU vielleicht in einem Zusammenhang zum Nationalsozialismus stehen.

Aufgenommen werden diese Einwürfe freilich nicht. Im Gegenteil, als sie es gegen Ende der Sendung noch ein zweites Mal versucht, pflaumt Gastgeber Lanz sie in beleidigtem Tonfall an. Denn solche Profanitäten interessieren nicht, wenn deutsche Erinnerungskultur produziert wird. Sie sind „viel zu oberflächlich“ (Baring), weil sie nicht das „kollektive Trauma“ (Lanz) der Deutschen betreffen. Es geht hier nicht um gesellschaftliche Prozesse, es geht um „kollektives Erinnern“. Es geht darum, dass Baring die Tränen kommen, wenn er vom Krieg erzählt, und Lanz sich sichtlich über diese „emotionale Erschütterung“ in seiner Sendung freut.

Es geht, wie Christiane Paul, selbst Darstellerin des Films, ausführt, darum, dass „wir“ Deutschen verstehen, „dass wir eins sind [umschreibt mit beiden Händen einen großen Kreis], dass wir ein Teil unserer Geschichte sind, dass wir ein Teil unserer Großväter sind, der Taten unserer Großväter sind“ (Paul) – eine Sicht auf die Vergangenheit, für die sie die Juden schon lange beneide. Und dazu wollen alle ihren Beitrag leisten. Auch Rundfunkjournalist Dirk Stermann, der spekuliert, dass in Deutschland und Europa so viele Leute den Afghanistan-Krieg ablehnten, „weil wir genetisch die Information in uns gespeichert haben von Bombennächten.“ Ja, das Schicksal meint es schwer mit „uns Deutschen“, mit allen. Auch mit den „Überlebenden der DDR“ (Baring).

Beim Kolonialismus leider „zu kurz gekommen“

Und die Geschichte des deutschen Leidens ist lang. So weiß Christiane Paul, dass die Ursachen des Nationalsozialismus in noch älteren Traumata zu suchen sind, nämlich im Ersten Weltkrieg – Lanz wirft ein: „die Urkatastrophe“ – und „in der Kolonialisierung und in der Verteilung der Welt […], wo Deutschland auch zu kurz gekommen ist“. Diese Demütigung habe zu „Sehnsucht“ und dann zum Nationalsozialismus geführt. In anderen Worten: Weil die Deutschen im 19. Jahrhundert bei der kolonialen Aufteilung Afrikas nicht genug abbekommen haben, konnten sie eigentlich nicht anders, als im 20. Jahrhundert einen Vernichtungskrieg in Osteuropa und Westasien zu führen. Weil sie nicht genug Afrikaner umbringen durften, mussten sie sich nun an Juden und Russen schadlos halten. Ein schweres Schicksal und wir teilen es alle. Vielleicht auch genetisch.

Auch hier gibt es keinerlei Widerspruch aus der Runde. Dass an der Aufteilung Afrikas durch europäische Mächte vielleicht etwas falsch gewesen sein könnte, auf die Idee kommt an dem Abend niemand. Schon gar nicht darauf, dass der Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus darin bestehen könnte, dass die Deutschen in Afrika schon Erfahrungen in Rassenpolitik und Massenmord sammelten. Nein, sie sind zu kurz gekommen und gedemütigt worden, die Deutschen. Unterbrochen werden Pauls Ausführungen nur von Baring, der die Gelegenheit nutzt, um „als Historiker“ zu betonen, dass „der Erste Weltkrieg nicht durch unsere Verantwortung zustande gekommen“ ist, sondern weil „Frankreich und Russland entschlossen“ gewesen seien „das Reich“ zu bekämpfen.

Generalleutnant Lothar von Trotha (Mitte) mit seinem Stab 1904 in Keetsmanshoop
Trotz unermüdlichen Einsatzes „leider“ nur vorübergehend Kolonialherren: Generalleutnant Lothar von Trotha (Mitte) mit seinem Stab 1904 in Keetsmanshoop (Bundesarchiv Koblenz, Bild 183-R27576)

Baring erklärt Massenvernichtung: Es „kamen“ einfach zu viele Juden

Der Gipfel war damit aber noch nicht erreicht, er kam erst, als Baring meinte, der in Kiew geborenen Jüdin Weisband über das Massaker von Babyn Jar dozieren zu müssen und dafür diese Worte wählte: „Die Deutschen hatten mit 6.000 Juden gerechnet und 36.000 kamen.“ Sie „kamen“ wohlgemerkt, die Juden, und sind nicht etwa selektiert und verschleppt worden. „Und dabei ist den Deutschen klargeworden: Kinder, so können wir das nicht machen. Wir müssen sozusagen ne andere Art machen als da diese Massenerschießungen.“ Und das nennt Baring die „Ursache der Massenvernichtung“. Es waren einfach zu viele Juden gekommen. Wieder ein schwerer Schicksalsschlag für die Deutschen, die wieder zu Tätern gemacht wurden. Schuldlos schuldig.

Kein Widerspruch – kein Eklat

Hat jemand der Anwesenden nun „Halt!“ geschrien? Nein. Denn außer Weisband schienen alle ganz zufrieden in ihrer Erinnerungskultur. Man kann den Gesprächsverlauf wie Daniel Martienssen im Freitag hoffnungsvoll so deuten, dass es nur am „Kokon des Talkshowstudios“ und an der mangelnden historischen Bildung der Beteiligten lag, dass Baring unwidersprochen sagen konnte, was er sagte. Aber warum legten Lanz, Paul und Stermann dann so gerne noch eine Schippe drauf? Und warum gab es auch an den Folgetagen kaum nennenswerte Reaktionen? Es war ja, anders als es bei Martienssen heißt, eben kein „Eklat bei Lanz“, denn ein Eklat wäre es nur, wenn es auch skandalisiert würde. Doch abgesehen von Randbemerkungen in den treffenden Kritiken von “Unsere Mütter, unsere Väter”, die Tobias Kaufmann im Kölner Stadt-Anzeiger und Georg Diez bei Spiegel Online formulierten, einer Kurznotiz in der Jungen Welt und einem Blogeintrag von Alice Schwarzer findet sich nichts. Kein Hinweis darauf, dass der Gesprächsverlauf jemanden gestört hätte.

Und so kann man befürchten – und die weithin euphorische Rezeption von „Unsere Mütter, unsere Väter“ deutet in diese Richtung – dass das, was vor zehn Jahren noch skandalös war, heute zum Common Sense wird: Nicht nur sind alle – auch die Deutschen – Opfer, es sind ebenfalls alle – auch die Juden – Täter. Vereint in einem schweren Schicksal von „Gewalt, die immer wieder neu Gewalt erzeugt“ (Lanz), für die am Ende kein Mensch wirklich etwas kann.

http://www.youtube.com/watch?v=CxJ6plKMNGI&feature=player_embedded

Und andere – ebenfalls widerspruchslos hingenommene – Aussagen Barings deuten an, dass das Ende der erinnerungspolitischen Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Er ist sich sicher, dass es noch weiter gehen muss. So kritisiert er den ZDF-Film dafür, dass die „Grausamkeit der Russen“ nicht genug Raum erhalte, die zu thematisieren nun an der Zeit sei. Vielleicht nimmt das ZDF die Anregung ja auf. Dann könnte Baring in einer neuen Runde bei Lanz seinen Gedanken zu Ende führen, dass „[e]in Teil der Brutalität der Deutschen […] natürlich auch dadurch zu erklären [ist], dass das ein Vernichtungskrieg auf beiden Seiten war.“ Dann aber am besten aber mit Martin Hohmann und Ernst Nolte als Mitdiskutanten, denn die sind ja zuerst auf diese Ideen gekommen.

bobs_logo Publikative.org ist für die Bobs nominiert – hier abstimmen!

Siehe auch: Verdrehtes GedenkenPolen empört über “Unsere Mütter, unsere Väter”“Unsere Mütter, unsere Väter”: Das ZDF und die deutschen Opfer„Du bist davongekommen, du bist davongekommen!“ – Ralph Giordano wird 90Kolonialismus im Kasten: Erinnern und Vergessen im DHMDas NS-Lagersystem: Inventur des GrauensAbschied eines ÜberlebendenDer Nazi und sein Viertel: Stadtteil soll weiter nach Kriegsverbrecher heißen“Unser Widerstand hat ein Lächeln auf dem Gesicht”Berlinale: Ehrung für Claude LanzmannDie nationalsozialistische MachteroberungDer vergessene Genozid

„Unsere Mütter, unsere Väter“: Das ZDF und die deutschen Opfer

Für ihren Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (UMUV) ernten Nico Hofmann und das ZDF von (fast) allen Seiten nichts als Lob. Und in der Tat: Die Produktion, die sich (zuweilen sehr eng) an US-Vorbildern wie „Private James Ryan“ und „Band of Brothers“ orientiert, beeindruckt mit schnellen und aufwendigen Schnitten, Zeitlupen, Super Close-Ups und kaum geschönter Brutalität. So spannend und gut inszeniert war der Zweite Weltkrieg in einer deutschen Fernsehproduktion vielleicht noch nicht zu sehen. Schade, dass der Film inhaltlich vor allem der Beweihräucherung deutscher Befindlichkeiten dient.

Von Andrej Reisin

Deutsche Soldaten auf Feld (Foto: Bundesarchiv Koblenz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 DE)
Deutsche Soldaten auf Feld (Foto: Bundesarchiv Koblenz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 DE)

Vieles ist an diesem Film inzwischen gelobt worden, auch aus dem berufenem Munde führender deutscher Militär- und Zeithistoriker. Vieles, was in den Erzählungen „unserer Väter, unserer Mütter“ (wobei hier eine gewisse Merkwürdigkeit liegt, denn man muss schon deutlich jenseits der 50 sein, wenn die Generation der um 1920 geborenen ernsthaft noch Vater und Mutter sein sollen) jahrzehntelang tabuisiert war: Die Darstellung des Massenmordes anhand blutdurchtränkten russischen Bodens, das Abschlachten einer Bauernfamilie durch Wehrmachtssoldaten, der Befehl wahllos Wohnhäuser anzuzünden, Hinrichtungen von Zivilbevölkerung, die man nach Partisanenangriffen als Geiseln nahm sowie die Hinrichtung einer Deutschen wegen lächerlicher Äußerungen über den immer unwahrscheinlicher werdenden Endsieg kurz  vor Kriegsende.

Bei so viel Lob, dem mittlerweile zumindest einige kritische Zwischentöne an die Seite gestellt wurden, möchte ich mich darauf beschränken, die offensichtlichsten Schwächen des Dreiteilers zu benennen.

It don’t mean a thing if it ain’t got that Swing

Der Film verharmlost von Beginn an die Entrechtung der deutschen Juden. 1941 sollen deutsche Frontsoldaten noch mit jüdischen Freunden gemeinsam in öffentlichen Lokalen gefeiert und zu Swingmusik auf den baldigen Endsieg gegen die Sowjetunion angestoßen haben? Natürlich könnte es das in Berlin unter (eher konspirativen) Umständen gegeben haben, aller Wahrscheinlichkeit nach jedoch wären diese jungen Leute durch diverse Diskriminierugsmaßnahmen einander völlig fremd. Bereits 1937 wurden an deutschen Schulen Sonderklassen gebildet und ab November 1938 wurde jüdischen Kindern der Besuch öffentlicher Schulen verboten. Im gleichen Monat folgte bereits das Verbot der Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen, Ende des Jahres das Verbot des Besuchs von Hochschulen, später das Verbot des Besuchs bestimmter öffentlicher Einrichtungen, wozu je nach regionaler Verordnung auch Gaststätten gehörten.

Ab 1939 und spätestens mit Kriegsbeginn verschärft sich die Lage dramatisch: Bereits ab Ende April müssen Juden „arische“ Wohnhäuser räumen und „Judenhäuser“ beziehen. Mit Kriegsbeginn am 1. September gilt für Juden eine Ausgangssperre ab 20 Uhr, im Sommer ab 21 Uhr, ab Oktober gibt es die ersten Deportationen. Trotzdem sitzen unsere fünf Freunde zu Beginn des Films knapp zwei Jahre später zusammen und feiern und trinken mit ihrem jüdischen Kumpel, als wäre nichts gewesen, obwohl dieser sich in nichts anderes als akute Lebensgefahr begibt, von den ebenfalls nicht ganz unempfindlichen Strafen für die anwesenden „Arier“ einmal abgesehen.

Boykott der Nationalsozialisten gegen jüdische Geschäfte in Deutschland, Berlin 1. April 1933
Boykott der Nationalsozialisten gegen jüdische Geschäfte in Deutschland am 1. April 1933 in Berlin (Foto: Bundesarchiv, Bild 102-14468 / Georg Pahl / CC-BY-SA 3.0)

Je unwahrscheinlicher desto besser

Dieser „Trick“ – nämlich jeweils das Unwahrscheinlichste, die absolute historische Ausnahme, zur vermeintlichen Normalität zu machen – zieht sich wie ein Roter Faden durch den gesamten Dreiteiler: Ja, einzelne Wehrmachts-Angehörige beschwerten sich über die Brutalität der Einsatzgruppen und die Auswüchse der Massenerschießungen. Die Mehrheit aber sah weg, hielt den Mund oder machte mit. In UMUV aber widerspricht der junge Leutnant Wilhelm nicht nur einem wesentlich ranghöheren Obersturmbannführer der Waffen-SS, während sein Bruder Friedhelm dessen ukrainischen Helfer mit der Waffe in Schach hält, nein, am Ende des Films erschießt Friedhelm den SS-Mann glatt, um seinem alten jüdischen Kumpel das Leben zu retten. Auch ein solcher Fall ist angesichts der schieren Masse von 18,2 Millionen Angehörigen der Wehrmacht nicht auszuschließen, aber ebenfalls sehr, sehr unwahrscheinlich.

Wilhelm selbst desertiert derweil, um dann den Offizier* Feldwebel seines Strafbataillons umzubringen, nachdem er bereits das Anzünden einer russischen Bauernhütte verweigert hat, eine direkte Befehlsverweigerung, die ihn nicht das Leben kostet – obwohl er bereits in einer sogenannten Bewährungseinheit ist. Am Ende – der Gipfel der unwahrscheinlichen Geschmacklosigkeit – sitzen der überlebende Deserteur, der überlebende Jude und die überlebende vergewaltigte Krankenschwester in derselben übrig gebliebenen Kneipe in Berlin, trinken Schnaps und prosten sich, mit „Schön, dass Du noch am Leben bist!“ zu.

Kübelwagen der Deutschen Feldgendarmerie in Russland (Bundesarchiv Koblenz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 DE)
Kübelwagen der Deutschen Feldgendarmerie in Russland (Bundesarchiv Koblenz / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 DE)

„Unsere Mütter, unsere Väter“ – und die bösen Nazis

Die Nazis sind immer die anderen: Der blonde Fanatiker in Wilhelms Einheit, der Offizier des Sicherheitsdienstes, der Greta vermeintlich dabei hilft, Viktor zu retten, in Wirklichkeit aber erst ihn und dann sie verrät, die fanatische und verlogene Oberschwester, der SS-Obersturmbannführer auf der Jagd nach kleinen Kindern und die arische Berliner Proletarierin, die sich die jüdische Wohnung unter den Nagel reißt.

Die deutsche Jugend Posens jubelt 1939 Reichsminister Dr. Frick begeistert zu. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-E12088 / CC-BY-SA)
Die deutsche Jugend Posens jubelt 1939 Reichsminister Dr. Frick begeistert zu. (Foto: Bundesarchiv, Bild 183-E12088 / CC-BY-SA)

Der Staat plünderte die besetzten Gebiete und den jüdischen Besitz – Göring raubte seine Kunstschätze und die Masse der Bevölkerung kam zu neuem Wohlstand, wie Götz Aly in seinem Buch über den Volksstaat gezeigt hat. Nach dem „Anschluss“ Österreichs, den schnellen Siegen über Polen und Frankreich war die NS-Begeisterung der Deutschen auf dem absoluten Höhepunkt. Nichts davon ahnt man im Film: UMUV zeigt offenbar vor allem Außenseiter, die aber dennoch – so suggeriert es der Titel und so feiern es die Feuilletons – stellvertretend für die deutsche Mehrheitsbevölkerung stehen sollen.

Dabei glaubte diese Generation wie keine andere vor oder nach ihr an die historische Notwendigkeit und Richtigkeit des Nationalsozialismus und einer deutschen Vorherrschaft in Europa und der Welt. Kaum jemand von ihnen hielt Juden für „normale Menschen“, geschweige denn Deutsche. Die Generation der 1941 gerade erwachsen Gewordenen war die erste, die sämtliche NS-Einrichtungen ab der Hitler-Jugend durchlaufen hatte (oder doch zumindest die meisten von ihnen). Gerade diese Jugend war hoch politisch und in ihrer weit überwältigenden Mehrheit dem Führer und dem NS-Staat treu ergeben – bis hin zu romantisierender Anhimmelung.

Diese Jugend träumte in ihrer Masse von der Weltherrschaft – und sie liebte ihren Führer, der Deutschland aus der „Schande“ der Weltkriegsniederlage, des Versailler Vertrags und der wirtschaftlichen Not geführt hatte. Man klammerte sich nicht nur aus Angst vor der Rache der Allierten an den Endsieg – sondern weil man ihn für richtig hielt – genauso wie man die Vertreibung der Juden für richtig hielt. Ob man sie denn gleich hätte umbringen müssen, darüber wurde sicher schon zu Kriegszeiten hinter manch verschlossener Tür diskutiert, aber verschwinden sollten sie – ohne Wenn und Aber.

Der Film benennt die Haltung dieser glühend völkischen und antidemokratischen Jugend nicht, weil es dann wohl doch zu schwierig geworden wäre, Empathie mit „unseren Vätern, unseren Müttern“ zu empfinden. Zu weit weg, zu unverständlich – und vielleicht auch zu gefährlich – erschien offenbar der Versuch, begeisterte Nazis zu sympathischen Protagonisten zu machen. Nico Hofmann und das ZDF machen aus ihnen dagegen lieber Abziehbilder heutiger Jugendlicher: Ein bisschen Rebellion da, ein bisschen Swing hier, garniert mit fröhlichem „Party-Patritotismus“ – und ein wenig literarischer Hochkultur, plus französische Chansons. Erst der Krieg „bringt nur das Schlechteste“ in ihnen hervor – so der Leitsatz des Films, gesprochen von Friedhelm.

Polnische Antisemiten, brandschatzende Russen, verlogene Amerikaner

Stattdessen aber wird der Film gerade im letzten Teil in nicht minder verstörendem Maße relativierend, indem er die Schuldfrage implizit mit dem Bösen in der Welt schlechthin beantwortet: Die Russen haben bis auf einen unglaubwürdigen weiblichen Offizier, die ihre Soldaten am Vergewaltigen hindert, gleich gar kein Gesicht: Sie trinken, rauben und vergewaltigen einfach und führen sich insgesamt auf wie Barbaren. Eine Vergewaltigung durch deutsche Soldaten hat man dagegen bis dahin nicht zu sehen bekommen. Und der – natürlich klischeehaft Zigarre rauchende – amerikanische Offizier macht als erstes den ehemaligen SD-Mann und Denunzianten zu seinem bürokratischen Gehilfen – schöne Befreier.

Besonders perfide aber ist der Versuch, die polnischen Partisanen zu den wahren Antisemiten zu stempeln. Sie tauchen im letzten Teil als diejenigen auf, die „Juden riechen können“ und jüdische KZ-Häftlinge in Eisenbahnwagen verdursten und verhungern lassen wollen. In mehr als 270 Minuten sind sie allen Ernstes die einzigen inbrünstigen Judenhasser, die der Film zeigt – während ein SS-Oberstumbannführer seinem Mordhandwerk offenbar eher rational nachgeht: „Wo der Jude ist, ist der Partisan“ – was soll man da machen?

Ein differenziertes und authentisches Bild?

Armbinde der polnischen Heimatarmee Armia Krajowa (Wikimedia Commons/ CC BY-SA 3.0)
Armbinde der polnischen Heimatarmee Armia Krajowa (Wikimedia Commons/ CC BY-SA 3.0)

Dass die polnische Heimatarmee „Armia Krajowa“ antisemitische Tendenzen hatte, ist unbestreitbar. Auch an der Erschießung von jüdischen Flüchtlingen waren einzelne ihrer Mitglieder beteiligt – ob aus genuin antisemitischen Motiven oder aus Habgier ist nicht immer ganz klar. Dass sie allerdings ihrerseits Juden auch nur im Ansatz genauso aktiv verfolgt hätte wie die Deutschen (und diese Gleichsetzung nimmt der Film indirekt vor), ist schlechterdings eine grobe Verfälschung der historisch belegbaren Tatsachen. Nur zur Erinnerung: Es war der polnische Offizier Jan Karski, der als Kurier der „Armia Krajowa“ als erster die allierten Regierungen und die Weltöffentlichkeit über den Holocaust informierte. In einer Uniform der ukrainischen Miliz ließ er sich in ein Vernichtungslager einschleusen und wurde so zu einem der ersten Augenzeugen der Nazi-Verbrechen.

Die widersprüchlichen Tendenzen innerhalb der Parisanengruppen zeigte Daniel Craigs „Defiance“ filmisch übrigens viel differenzierter als UMUV – fiel damals bei der deutschen Kritik aber weitgehend als „Hollywood-Kitsch“ mit „historischen Fehlern“ durch – übrigens zum Teil bei den gleichen Kritikern, die heute UMUV feiern – ohne dessen Schwächen auch nur zu bemerken.

Die polnische Volksgarde „Gwardia Ludowa“ rettete sogar jüdische Kämpfer aus dem Warschauer Ghetto, als die SS deren Aufstand gegen die Räumung niederschlug. In der Gwardia Ludowa, die ab 1943 am bewaffneten Kampf gegen die Deutschen Besatzungstruppen teilnahm, kämpften bis Kriegsende viele Juden. Und in den polnischen Wäldern agierte die später in „Armia Lodowa“ umbenannte Partisanenearmee gemeinsam mit der „Armia Krajowa“ und leistete drei deutschen Divisionen erfolgreich Widerstand. Von einem eliminatorischen Antisemitismus, den der Film aus Sicht des historisch unbedarften Publikums dem polnischen Widerstand pauschal unterschiebt, war dieser jedenfalls weit entfernt.

Die Abwesenheit des industriellen Massenmordes

Ähnlich weit entfernt sind unsere fünf Freunde übrigens vom Zentrum des Völkermordes in den Todesfabriken im Osten. Zwar kommt ihnen der Jude Viktor logischerweise noch am nächsten, aber ihm gelingt die Flucht aus einem der Viehwaggons (noch so eine Unwahrscheinlichkeit). Keiner der Protagonisten jedoch nimmt ein Lager wahr oder kommt auch nur dran vorbei, noch nicht einmal irgendeine Art der Verbalisierung gibt es, abgesehen von der polnischen Widerstandskämpferin, die Viktor fragt, ob es nicht komisch sei, dass die Züge immer voll abfahren, aber leer zurückkommen. Ansonsten ist Auschwitz die große Leerstelle des Films. Das müsste nicht zwangsläufig ein Problem sein, korrespondiert aber auf unangenehme Art und Weise mit der generationsübergreifenden deutschen Lebenslüge, „davon nichts gewusst“ zu haben, was nicht erst aufgrund neuer Zahlen über die schiere Anzahl der NS-Lager längst ad absurdum geführt worden ist.

Stacheldraht-Zaun des bekanntesten deutschen Konzentrations- und Verncihtungslagers Auschwitz-Birkenau (Foto: gemeinfrei / Wikimedia Commons)
Stacheldraht-Zaun des bekanntesten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau (Foto: gemeinfrei / Wikimedia Commons)

Deutschland einig Opferland

Am Ende sind irgendwie alle unterschiedslos Opfer: Die beiden Frontsoldaten desertieren oder töten Vorgesetzte, der eine läuft nach zwischenzeitlich schwerer Verwundung kurz vor Kriegsende in einen russischen Kugelhagel, der andere überlebt wie durch ein Wunder. Krankenschwester Charlotte verrät eine Jüdin und schläft zwischendurch mit einem Stabsarzt, weil sie glaubt, ihre große Liebe Wilhelm sei tot. Der Vergewaltigung durch die Russen knapp entronnen, kehrt sie desillusioniert ins zerstörte Berlin zurück. Sängerin Greta wird hingerichtet – und der jüdische Viktor verliert seine Eltern und den Glauben an die Menschheit. „So wären die Deutschen gern gewesen – ‚Weiße Rose II'“, schreibt der Zeithistoriker Ulrich Herbert zu Recht in der TAZ. Und weiter heißt es dort:

„Aber solange man nicht einmal einen weder sadistischen noch naiven oder verrückten Menschen vorführt, der völkisch denkt, den Krieg für richtig hält, im Krieg gegen die Sowjetunion keine Kompromisse akzeptiert, der die Juden weghaben will und auch die Euthanasie als im Grunde richtig erachtet, der also die „völkischen Lebensgesetze“ als die harte, aber unausweichliche, im Kern schöne Grundlage des Lebens ansieht – so lange werden wir nicht verstehen, was da geschehen ist.“

Das ist das größte Versagen des „Fernsehereignisses des Jahres“: Dass seine vermeintliche „Revolution“ in Schnittechnik, guten Schauspielern, einer Aneinanderreihung beeindruckender Bilder und spannender Erzählung liegt. Inhaltlich hingegen fällt der Film weit hinter die Erkenntnisse der jüngsten zeithistorischen Forschung zurück – und verschenkt damit genau jene „letzte Chance“ zur interfamiliären Auseinandersetzung über Generationen hinweg – von der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher raunt. Dass man es als Deutscher auch nicht leicht hatte – und „wir alle“ zusammen mit „unseren (Groß-)Vätern und (Groß-)Müttern“ irgendwie Opfer der Nazis geworden sind – das „wusste“ man hierzulande schließlich schon zur „Stunde Null“ – spätestens.

Siehe auch: Das NS-Lagersystem: Inventur des Grauens, Verdrehtes Gedenken, Die nationalsozialistische Machteroberung, Ernst Nolte: Ein deutscher Konservativer, “… und die Massenmörder züchten Blumen”, Holocaust-Gedenken: Reich-Ranicki hielt Rede des Jahres 2012, Die Novemberpogrome 1938, Akte Heß: Das ZDF, Höffkes und das Völkerringen, “Keine Angst, Schwestern, das Ende dieser Mörder ist nahe!”, “Besprechung mit anschließendem Frühstück”,

*Danke an die zahlreichen Hinweisgeber. 

Das NS-Lagersystem: Inventur des Grauens

Das United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) führt derzeit eine genaue Dokumentation aller NS-Lager und Ghettos durch. Die neuesten Ergebnisse zeigen, dass das Ausmaß des Lagersystems der Nationalsozialisten viel größer war, als bisher angenommen. Statt der vermuteten 7.000, gab es ungefähr 42.500 Zwangsarbeits- und Gefangenenlager, Konzentrationslager und Ghettos in Europa.

Von Andreas Strippel

Eine Forschungsgruppe unter der Leitung von Geoffrey Megargee und Martin Dean hat Daten und Quellen aus ganz Europa ausgewertet, um alle Orte zu erfassen, an denen die Nationalsozialisten während ihrer Herrschaft Lager errichteten. Die Ergebnisse zeigen, wie die Deutschen ihr Lagersystem in allen von ihnen beherrschten Ländern aufbauten. Die meisten Lager lagen im Gebiet des Deutschen Reiches und in Polen. Die New York Times berichtete gestern, dass die noch nicht abgeschlossene Studie bislang etwa 42.400 Ghettos und Lager (Zwangsarbeiter- und Gefangenlager sowie KZs) dokumentiert hat.

Die Forschungsergebnisse wurden Ende Januar im Deutschen Historischen Institut in Washington, D.C., vorgestellt. „Die Zahlen sind viel höher, als wir ursprünglich dachten“, sagte Hartmut Berghoff, Direktor des Deutschen Historischen Instituts, der New York Times. „Wir wussten schon vorher, wie grausam das Leben in den Lagern und Ghettos war, aber diese Zahlen sind unglaublich.“

Stacheldraht-Zaun des bekanntesten deutschen Konzentrations- und Verncihtungslagers Auschwitz-Birkenau (Foto: gemeinfrei / Wikimedia Commons)
Stacheldraht-Zaun des bekanntesten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau (Foto: gemeinfrei / Wikimedia Commons)

Gigantisches Lagersystem in Europa

Die 42.500 Ghettos und Lager entstanden im Zeitraum von 1933 bis 1945, aber die wenigstens existierten über den gesamten Zeitraum. Auch waren sie in ihrer Größe sehr unterschiedlich. Sie umfassten Kleinstlager, wie die frühen, so genannten „wilden KZs“, über so genannte „Judenhäuser“ in kleineren und größeren Städten, bis hin zu den großen Ghettos wie Warschau oder Lodz sowie alle Konzentrations- und Vernichtungslager. Ebenso wurden Zwangsarbeiter- und Gefangenenlager mitgezählt.

So unterschiedlich diese Orte auch gewesen sind, so dienten sie doch alle einem Zweck: Als Terrorinstrument sollten sie so genannte „Gemeinschaftfremde“, also Juden, Sinti- und Roma, politische Gegner des Nazi-Regimes, aber auch so genannte „Asoziale“, „Berufsverbrecher“, Homosexuelle und „Bibelforscher“ (Zeugen Jehovas u.a.) von der restlichen Bevölkerung separieren. Damit wurde eine Voraussetzung für den Massenmord geschaffen.

Denn die Lager erfuhren vor allem im Verlauf des Zweiten Weltkriegs einen Funktionswandel: Ab 1938, spätestens aber mit Kriegsbeginn expandierte das Lagersystem rapide und wurde immer mehr direktes Mittel zum Völkermord. Die Forschungsgruppe geht davon aus, dass es circa 30.000 Zwangsarbeiterlager, 1.150 jüdische Ghettos und 980 Konzentrationslager gab. Hinzu kommen tausende andere Lager – beispielsweise für die so genannten „Euthanasie“-Morde oder Durchgangslager, in denen die Häftlinge beim Transport von einem Lager ins andere untergebracht wurden.

Viele der Lager sind – wenn überhaupt – nur noch regional bekannt. Aber gerade die Dichte in Deutschland zeigt sehr deutlich, wie viel die deutsche Bevölkerung über die Existenz der Lager gewusst haben muss. „Man konnte buchstäblich nirgends hingehen, ohne über Zwangsarbeitslager, Kriegsgefangenenlager, oder Konzentrationslager zu stolpern“, sagte Studienleiter Martin Dean der New York Times. „Sie waren überall.“

Siehe auch: Berlinale: Ehrung für Claude Lanzmann, Gedenken an Holocaust-Opfer am Millerntor, „Widerstand leisten heißt Neues schaffen“ – zum Tod von Stéphan Hessel, Die nationalsozialistische Machteroberung, Der vergessene Genozid, “… und die Massenmörder züchten Blumen”, Opferverband UOKG: Aufrechnen statt Aufarbeiten, Die Novemberpogrome 1938, “Wir hatten verbrannte und eitrige Finger…”, Die Erinnerung bleibt

Kolonialismus im Kasten: Erinnern und Vergessen im DHM

Heute vor 128 Jahren endete in Berlin die sogenannte Kongo-Konferenz, die auch als Berliner Afrika-Konferenz in die Geschichte einging. Der damalige deutsche Reichkanzler, Otto von Bismarck, hatte im November 1884 Vertreter von zwölf Großmächten nach Berlin eingeladen, um Fragen der Handelsfreiheit und der völkerrechtlichen Bestimmung von Kolonialbesitz zu diskutieren. Die Konferenz markiert einen wichtigen Moment in der territorialen Aufteilung des afrikanischen Kontinents und der Konsolidierung kolonialer Herrschaft. Die Entscheidungen der Konferenzteilnehmer, die das Schicksal so vieler Menschen drastisch beeinflussten, sind bis heute zu spüren. Besonders die damals gezogenen territorialen Grenzlinien und im Prozess der kolonialen Unterwerfung entstehenden Abhängigkeitsverhältnisse zu westlichen Mächten belasten noch heutige afrikanische Gesellschaften. 

Von der Initiative „Kolonialismus im Kasten?“*

In der deutschen Öffentlichkeit werden die Berliner Afrika-Konferenz und deren Folgen jedoch kaum erinnert. Auch nicht in dem Museum, das sich der „Aufklärung und Verständigung über die gemeinsame Geschichte von Deutschen und Europäern“ [1] verpflichtet fühlt: dem Deutschen Historischen Museum (DHM). Unter den Linden, zwischen Neuer Wache und Museumsinsel liegt es mitten im historischen Zentrum der Stadt – ein denkbar günstiger Ort für ein nationales Geschichtsmuseum. Die Dauerausstellung ist im alten Zeughaus untergebracht, das selbst auf eine lange Geschichte als preußisches Waffenarsenal, Militärmuseum, Ort der Kriegsverherrlichung und Geschichtsmuseum der DDR zurückblickt. 

Portal Deutsches Historisches Museum (Foto: Initiative “Kolonialismus im Kasten?”)
Portal Deutsches Historisches Museum (Foto: Initiative “Kolonialismus im Kasten?”)

Das DHM ist de facto ein Nationalmuseum, auch wenn der Begriff in Selbstdarstellungen inzwischen bewusst vermieden wird.[2] Sicher, es ist kein Nationalmuseum im Stil des 19. Jahrhunderts, in dem die deutsche Vergangenheit ungebrochen verherrlicht wird. Das immerhin hat die jahrelange Kontroverse um den Sinn und Zweck des Museums und die Gestaltung der Ausstellung verhindert.[3] Aber das DHM erfüllt doch die Aufgabe eines Nationalmuseums, indem es danach strebt, „den Bürgern unseres Landes dabei zu helfen, eine klare Vorstellung davon zu entwickeln, wer sie sind, als Deutsche, als Europäer, als Bewohner einer Region und Mitglieder einer weltweiten Zivilisation.“[4] Das Museum dient der Identitätsstiftung, wobei es die Konstruktion einer nationalen Identität in den Vordergrund stellt und dabei deutsche wie ausländische Ausstellungsbesucherinnen und -besucher mit Migrationshintergrund ignoriert. Den als Zielgruppe ins Auge gefassten deutschen Besucherinnen und Besuchern, darunter viele Schulklassen, wird eine Geschichte präsentiert, die sie als eigene verstehen sollen, als Geschichte, die sie mit manchen Menschen verbindet und von anderen trennt.

Wir sind ein Volk – ohne Kolonialgeschichte?

Ausstellung Historisches Museum (Foto: Initiative “Kolonialismus im Kasten?”)
Dauerausstellung im Deutschen Historischen Museum 2011 (Foto: Initiative “Kolonialismus im Kasten?”)

An der 2006 eröffneten ständigen Ausstellung ist das Selbstverständnis des Hauses deutlich abzulesen. Von der Varusschlacht bis zur Wiedervereinigung bietet sie trotz der Fülle an Objekten eine letztlich auf einen Punkt, nämlich auf die Idee nationaler Einheit, hinauslaufende, also eine teleologische Erzählung. Hier werden nicht mehrere oder offene Geschichtsdeutungen präsentiert, sondern eine einzige, lineare und identitätsstiftende Erzählung, die beansprucht, die zentralen Punkte „deutscher Geschichte“ abzubilden. Der Parcours durch zwei Jahrtausende endet mit einem klaren Statement: „Wir sind ein Volk!“ 

Welchen Stellenwert nimmt in dieser Geschichtserzählung nun der Kolonialismus ein? Und welche Rolle spielt dabei die Konferenz, die heute vor 128 Jahren in Berlin endete? Im Abschnitt zum Bismarckreich sollte man eine solche Information erwarten, war Bismarck doch Gastgeber der Konferenz. Bismarck selbst ist tatsächlich höchst prominent in der Ausstellung vertreten. Sein Bildnis, Verweise zu ihm und zu seiner Politik finden sich unzählige Male, in unterschiedlichsten Varianten. Doch die Konferenz – oder überhaupt die Tatsache, dass Deutschland 1884 zu einer Kolonialmacht wurde – wird in dem Ausstellungsabschnitt, der sich mit dem „Bismarkreich“ befasst, mit keinem Wort erwähnt. Vielmehr ist die Rede von einem „saturierten“ Kaiserreich und davon, dass Bismarcks außenpolitische Strategie darin bestand, europäische Gegensätze „an die Peripherie“ abzulenken. Dem „chronologischen Bandwurm“ [5] der Ausstellung bis zur „Gesellschaft im Kaiserreich 1890-1914“ folgend, findet sich erst dort endlich ein erster, wenngleich reichlich verklausulierter Hinweis auf den europäischen Kolonialismus: In dieser Zeit sei es, so heißt es in der Ausstellung, um den „weltweite[n] Kampf ums Dasein“ gegangen.

Kolonialgeschichte links liegen lassen

Versteckt unter der Treppe: Der deutsche Kolonialismus im DHM (Foto: Initiative "Kolonialismus im Kasten?")
Versteckt unter der Treppe: Der deutsche Kolonialismus im DHM (Foto: Initiative „Kolonialismus im Kasten?“)

Um nähere Informationen zur deutschen Kolonialvergangenheit zu finden, muss man sich weiter auf die Suche machen – und zwar gründlich. Allzu leicht kann man nämlich von der Gesellschaft im Kaiserreich auf den Ersten Weltkrieg zusteuern und dabei die Kolonialgeschichte im wortwörtlichen Sinne links liegen lassen. Nur wer sich vom Hauptpfad der Geschichte ab- und den sogenannten Vertiefungsräumen der Ausstellung zuwendet, findet, versteckt hinter einer Glasvitrine mit Uniformen und unter der Treppe, die zum „Aufbruch in die Moderne“ führt, eine Vitrine sowie einen Schubladenschrank, die dem deutschen Kolonialismus gewidmet sind.

Im Hintergrund ist Marschmusik zu hören, die auf die Aufrüstung und den bevorstehenden Ersten Weltkrieg hindeutet. Entsprechend stellt der Überblickstext den Kolonialismus auch in einen direkten Zusammenhang mit dem Weltmachtstreben Deutschlands unter Kaiser Wilhelm dem II. Auf diese Weise wird die Kolonialgeschichte zu einer Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges reduziert. Dabei war Wilhelm der II. noch gar nicht an der Macht, als Deutschland 1884 die ersten Gebiete in Afrika zu „Schutzgebieten“ erklärte. Auf einer Texttafel, die sich direkt an der Vitrine befindet, wird Bismarck, unter dessen Kanzlerschaft Deutschland zum Kolonialreich wurde, zwar erwähnt, seine Rolle als Kolonialpolitiker jedoch heruntergespielt. Einzelheiten über die Eroberung der Kolonialgebiete, die Unterwerfung und Ausbeutung der dort lebenden Menschen oder über deren Widerstand erfährt man ebenso wenig wie über die Auswirkungen des Kolonialismus auf die deutsche Gesellschaft.

Schaukasten zum deutschen Kolonialismus im DHM (Foto: Initiative "Kolonialismus im Kasten?")
Schaukasten zum deutschen Kolonialismus im DHM (Foto: Initiative „Kolonialismus im Kasten?“)

Kolonialgeschichte als Rumpelkammer eines Kolonialbeamten

Die Vitrine selbst enthält ein Sammelsurium unterschiedlicher Erinnerungsstücke. Darunter befinden sich ein Gemälde des Kilimandscharo, die Uniform eines Kolonialsoldaten, Porträtzeichnungen afrikanischer Menschen, Kaffeedosen, ein Schnupftuch, ein Album, in das Fotos mit Szenen von Folter und Mord eingeklebt sind, sowie ein Bild, das aus einem chinesischen Tempel entwendet wurde. Die Auswahl wirkt willkürlich. Auf welche Weise die Objekte in Beziehung zueinander stehen, erschließt sich in Ermangelung genauerer Informationen kaum, geschweige denn die hinter den Objekten stehenden Geschichten. Das einzige, was die Exponate zusammenhält, ist die Perspektive derjenigen, für deren Benutzung oder Unterhaltung sie geschaffen oder angeeignet wurden, und das ist die Perspektive der Kolonisierenden. Was hier versammelt wurde, sind koloniale Erinnerungsstücke. Der Schaukasten ist mehr Rumpelkammer eines Kolonialbeamten denn Museumsvitrine.

Neben der Vitrine, direkt unter der Treppe steht noch ein Schubladenschrank, der Proben kolonialer Rohstoffe enthält, die von den Besucherinnen und Besuchern „erfühlt“ werden können. Was soll durch diese Form der Ausstellungspädagogik vermittelt werden? Geht es darum, die Kolonien sinnlich erfassbar zu machen? Die Perspektive der Ausstellung wird jedenfalls nicht gebrochen: Weder erfährt man, dass es die einheimische Bevölkerung der Kolonien war, die diese Rohstoffe gewann, noch werden die oft unmenschlichen Arbeitsbedingungen und der Widerstand der Kolonisierten thematisiert. Wie zur Kolonialzeit richtet sich das Interesse der Ausstellung hier allein auf den wirtschaftlichen Nutzen für das Deutsche Reich. Die wirtschaftlichen wie sozialen Folgen von Plantagenwirtschaft und Raubbau für die in den Kolonien lebenden Menschen werden verschwiegen.

In der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums bleibt die deutsche Kolonialgeschichte nahezu unsichtbar, sie wird aus ihren Verbindungen zur politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Geschichte des Kaiserreichs herausgerissen und in zusammenhanglosen Artefakten präsentiert, die die Täterperspektive widerspiegeln. Damit reflektiert das Museum in exemplarischer Weise den allgemeinen öffentlichen Umgang mit der deutschen Kolonialvergangenheit. Auch in anderen Museen, in Schulbüchern und Fernsehdokumentationen bleibt sie allzu oft im Verborgenen oder wird als unbedeutende Episode präsentiert, die nichts mit dem Rest der deutschen Geschichte zu tun hat. Die wenigen Gedenkveranstaltungen, die bisher in Deutschland für die Opfer des deutschen Kolonialismus stattfanden, gehen auf Initiativen von Aktivistinnen und Aktivisten zurück; ein kritisches Erinnern an den deutschen Kolonialismus vonseiten der Bundesregierung gibt es nicht. Dagegen existieren immer noch zahlreiche Denkmäler und Straßennamen, die jenes Kapitel deutscher Geschichte verklären und glorifizieren. So wird letztlich auch verdrängt, dass das Erbe des Kolonialismus das Selbstverständnis der deutschen Mehrheitsgesellschaft, dem zufolge Deutschsein immer noch Weißsein bedeutet, wie auch die asymmetrischen Machtverhältnisse zwischen globalem Norden und Süden bis heute prägt.

Deutsche Geschichte ist (auch) Kolonialgeschichte

Auch im öffentlichen Gedächtnis ist der deutsche Kolonialismus offensichtlich in einen Kasten gepackt und ins Abseits verbannt worden. Um ihn von dort hervorzuholen, reicht die Forderung nach einer umfassenderen und angemessenen Kolonialgeschichtsschreibung allein nicht aus. Wir müssen vielmehr aufzeigen, dass die Trennung zwischen deutscher Geschichte und Kolonialgeschichte in der Ausstellung die tatsächlich bestehenden, vielfältigen Zusammenhänge ausblendet. Mit einem kritischen Blick auf die ausgestellten Objekte ist das durchaus auch in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums möglich.

Nehmen wir zum Beispiel den Ausstellungsabschnitt zum Thema „Technik und Wissenschaft“. Hier finden wir in einer Schublade das Bild des Mediziners Robert Koch. Das Foto zeigt den Nobelpreisträger am Mikroskop, in einem Labor in Südafrika, wie aus der Bildunterschrift hervorgeht. Tatsächlich forschte Koch viel außerhalb Deutschlands, insbesondere in Afrika. In der Schublade daneben liegt eine Zeichnung von Trypanosomen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Erreger der sogenannten Schlafkrankheit identifiziert wurden. Mit Unterstützung der deutschen und britischen Kolonialbehörden hielt sich Koch eineinhalb Jahre in Ostafrika auf, um dort die Schlafkrankheit zu erforschen. Auf einer der unter britischer Herrschaft stehenden Sese-Inseln im Victoria-See errichtete er ein Schlafkrankenlager und führte medizinische Versuchsreihen an dort internierten Afrikanerinnen und Afrikanern durch. Ohne Kolonialismus wäre diese Forschung nicht möglich gewesen. Die Kolonien dienten Koch und anderen Wissenschaftlern als Testfelder – und ihre Bewohnerinnen und Bewohner als Testpersonen.

Da die Trypanosomen den Erregern anderer Krankheiten ähnelten, die in Deutschland weit verbreitet waren, interessierten sich auch deutsche Pharma-Unternehmen für die Erforschung der Schlafkrankheit. Sie stellten Koch die Mittel zur Verfügung, die er – erfolglos und mit fatalen Nebenwirkungen – an seinen Patientinnen und Patienten erprobte. [6] In der Ausstellung des Museums muss man sich nur umdrehen, um eines der beteiligten Unternehmen zu finden. Es ist die Firma Bayer, deren Werbeplakat im selben Raum auf den Aufstieg deutscher „innovativer Industrien“ hinweist. Auch diese Aufstiegsgeschichte ist nicht ohne Kolonialgeschichte zu verstehen.

Diese Art von „geteilter“ Geschichte zwischen „Mutterland“ und Kolonie lässt sich tatsächlich in allen Ausstellungssektionen erzählen, sei es im Abschnitt zu Parlamentarismus und Innenpolitik, in denen zu Arbeitskämpfen, Schifffahrt oder Hygiene oder auch in jenen zu Populärkultur oder Frauenbewegung. [7] Überall finden sich sinnvolle Anknüpfungspunkte, an denen die Verbindungen zwischen Kolonialgeschichte und anderen Aspekten deutscher Geschichte veranschaulicht werden können. Denn deutsche Geschichte und Kolonialgeschichte sind keine getrennten Geschichten, sondern untrennbar miteinander verflochten.

Präsentation & Launch-Feier zu kolonialismusimkasten.de

*Die Autorinnen des Beitrags (Manuela Bauche, Dörte Lerp, Susann Lewerenz, Marie Muschalek, Kristin Weber) boten ab November 2009 öffentliche Rundgänge zum deutschen Kolonialismus und dessen Darstellung in der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums an. Die Rundgänge waren unabhängig vom DHM und setzten sich kritisch mit der Ausstellung auseinander. Entwickelt wurden sie als Beitrag zur Berliner Kampagne „125 Jahre Berliner Afrika-Konferenz“, die im Winter 2009/2010 an die Geschichte des deutschen Kolonialismus und dessen Folgen erinnerte.

Ihre Rundgänge hat die Initiative nun in einen kritischen Audio-Guide umgewandelt, den man kostenlos von der Webseite Kolonialismus im Kasten herunterladen kann. Den Audioguide stellen die Initiator_Innen am 2. März 2013 um 18 Uhr in der Werkstatt der Kulturen in Berlin vor. Mit den Historikerinnen von »Kolonialismus im Kasten?« und den Sprecher_Innen Salome Dastmalchi, Patrick Khatami und Lara-Sophie Milagro in der Werkstatt der Kulturen, Wissmannstr. 32, 12049 Berlin-Neukölln.
www.werkstatt-der-kulturen.de | www.kolonialismusimkasten.de

Siehe auch: Der vergessene GenozidStarrkopfrassismus: Denis Scheck weiß, was er tutNeunjährige erklärt deutschen Medien RassismusJakob Augstein und die neue “Menschenrasse”In einem fernen Land …“… und die Massenmörder züchten Blumen”“How to change the world” – Zum Tod von Eric HobsbawmVölkische KolonialistenDas Wort, das wir nicht aussprechen dürfen“Rassismus als eine tödliche Realität in Deutschland”

Fußnoten

[1] http://www.dhm.de/orga/konzept.htm

[2] Obwohl von Kohl als Nationalmuseum bezeichnet, taucht der Begriff auf der Website nicht auf, stattdessen versteht sich das Museum als modernes „nationales Geschichtsmuseum“. Vgl.: http://www.dhm.de/news/geschichtsmuseen_programm.pdf

[3] Zur Debatte um die Dauerausstellung vgl.: Zeitgeschichte-online, Thema: Geschichtsbilder des Deutschen Historischen Museums. Die Dauerausstellung in der Diskussion, hg. von Jan-Holger Kirsch und Irmgard Zündorf, Juli 2007, http://www.zeitgeschichte-online.de/md=DHM-Geschichtsbilder

[4] Hierbei handelt es sich um die Übersetzung der englischsprachigen Version der Website, auf der das Konzept wesentlich klarer formuliert ist als auf der deutschsprachigen. („The museum shall in particular strive to help the citizens of our country to gain a clear idea of who they are as Germans and Europeans, as inhabitants of a region and members of a worldwide civilization.“ – Übersetzung D.L.). http://www.dhm.de/ENGLISH/dhm_konzeption.html.

[5] Jürgen Kocka, Ein chronologischer Bandwurm: Die Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums,” in Geschichte und Gesellschaft 32, 2006, S. 398-411.

[6] Vgl.: Manuela BaucheRobert Koch, die Schlafkrankheit und Menschenexperimente im kolonialen Ostafrika, http://www.freiburg-postkolonial.de/Seiten/robertkoch.htm

[7] Vgl. die gelungene Zeitausstellung „Namibia – Deutschland. Eine geteilte Geschichte,“ die 2004/2005 im DHM gezeigt wurde. http://www.dhm.de/ausstellungen/namibia/ausstellung.htm