FC St. Pauli holt Merchandise-Rechte zurück: Endlich Modemarke!

FCSP-Fanshop im Netz (Screenshot)
FCSP-Fanshop im Netz (Screenshot)

Der FC St. Pauli hat erneut gute Nachrichten zu verkünden. Der Club vom Hamburger Millerntor übernimmt nach einer außergerichtlichen Einigung ab dem 1. Januar 2016 die Vermarktungsfirma upsolut, an die der Verein seine Merchandise-Rechte verscherbelt hatte. Ab dem neuen Jahr will St. Pauli den Erlös aus dem Verkauf von Fanartikeln vervielfachen – wohl in Zusammenarbeit mit den Fans.

Von Patrick Gensing

Weiterlesen

Historisch: Altona 93 holt “Pa”-Wilson-Memorial-Trophäe

IMG_2337
Das Finale um die Pa Wilson Memorial Trophy am 11. Juli 2015 in London (Foto: PG)
Das Finale um die Pa Wilson Memorial Trophy am 11. Juli 2015 in London (Foto: PG)

Stolze 90 Jahren ist es her, dass sich Altona 93 und der Dulwich Hamlet FC in einem Freundschaftsspiel gegenüberstanden. Am Wochenende trafen die Clubs wieder aufeinander, Hamlet und der AFC kämpften in London um die “Pa”-Wilson-Memorial-Trophäe.

Von Patrick Gensing

Im Londoner Stadtteil Dulwich pulsiert nicht unbedingt das Leben: Schmucke Einfamilienhäuschen zieren die Straßen, ein klassischer englischer Gasthof heißt insbesondere Familien im Biergarten willkommen – rund 30 Autominuten südlich der City wohnen die Londoner idyllisch.

Mehrere bekannte Politiker ließen sich hier gerne nieder: Margaret Thatcher,Ian McColl, Baron McColl of Dulwich, Michael Boyce, Baron Boyce und Albert Booth lebten bzw. leben hier, dazu gesellten sich der Sänger Carl Barât sowie die Korrespondentin Dharshini David – und auch Sacha Baron Cohen wohnte hier – bevor er als Borat zum Weltstar wurde.

Eingang zum  Stadion in Dulwich (Foto: Patrick Gensing)
Eingang zum Stadion in Dulwich (Foto: Patrick Gensing)

Etwas weniger glamourös geht es beim Dulwich Hamlet FC zu. Der lokale Fußballverein hat seine besten Tage wohl schon erlebt. Den Rekordbesuch im Champions Hill Stadion soll es während der Olympischen Sommerspiele 1948 gegeben haben – mit 23.485 Zuschauern, schrieb das AFC-Fanzine “All to Nah”; der Ground wurde allerdings 1991 abgerissen. Die alte Geschichte: Der Verein brauchte Geld, verkaufte das Grundstück an eine Supermarktkette.

English Pub

In das neue Stadion passen 3000 Zuschauer. Blickfang: die kleine Sitzplatztribüne, die unter dem Dach das Vereinsheim inklusive einer wundervollen Bar beherbergt. Das erste Team von Dulwich Hamlet kickt derzeit in der Ryman Isthmian Football League, eine von drei 7. Ligen in England.

Da der Ligabetrieb dort bis zur sechst-höchsten Spielklasse eingleisig organisiert ist, lässt sich die Liga wohl mit den Oberligen in Deutschland vergleichen – in deren Hamburger Ableger eben auch Altona 93 spielt.

Tribüne und Bar bei Dulwich Hamlet (Foto: Patrick Gensing)
Tribüne und Bar bei Dulwich Hamlet (Foto: Patrick Gensing)

IMG_2364

Das Champions Hill Stadium war erst vor Kurzem ausverkauft, als Dulwich Hamlet um den Aufstieg spielte, aber knapp scheiterte. Die Enttäuschung darüber war am Wochenende bei einigen Fans noch zu spüren.

Das “Hinspiel” vor 90 Jahren

Im Jahr 1925 ging Dulwich Hamlet sogar auf eine Rundreise über den Kontinent – und trat auch bei Altona 93 an, wo Hamlet mit 4:1 siegte. Im AFC-Stadionheft “93. Minute” heißt es, den Kontakt zwischen den Vereinen habe Hamlet-Fan Mishi wieder angeschoben, als er 2010 ein AFC-Heimspiel besuchte. Es folgten gegenseitige Besuche von Fans beider Vereine und schließlich die Pläne, ein Freundschaftsspiel zu organisieren.

Ich bin ja nun seit mehr als 30 Jahren überzeugter St. Paulianer, sympathisiere aber wie viele andere dänophile Hamburger auch mit Altona 93. Erstmals besuchte ich die Adolf-Jäger-Kampfbahn in den 1980er Jahren, als der FC St. Pauli dort in der damaligen Oberliga Nord kickte, danach waren Heimspiele des AFC zumeist ein Quell der Freude; die Mischung aus Bauwagenpunks, Mecker-Rentnern und Nachwuchs-Ultras sowie Alt-Hools bleibt einfach unschlagbar charmant.

Höhepunkt war das Pokalspiel am 13. August 1994 gegen Borussia Dortmund, als die Kampfbahn an der Griegstraße aus allen Nähten platzte und der BVB gehörig Mühe hatte, den AFC mit 2:0 zu besiegen.

screenshot5Auch wenn ich also eher Sympathisant als Fan bin, wollte ich mir das Spiel des AFC in London nicht entgehen lassen. Und der Trip in die britische Hauptstadt mit einem Hauch von Europapokal sollte sich lohnen: Mit 5:0 führte Altona 93 zur Halbzeit, bevor Dulwich Hamlet komplett durchtauschte und besser ins Spiel kam, sodass die Crowd hinter dem AFC-Tor – zusammengesetzt aus einigen Dutzend Altona-Fans sowie gesangsfreudigen Hamlet-Supportern – noch drei Tore zum 3:5 Endstand bejubelte.

Altona 93- und Dulwich-Hamlet-Fans feiern gemeinsam. (Foto: Patrick Gensing)
Altona 93- und Dulwich-Hamlet-Fans feiern gemeinsam. (Foto: Patrick Gensing)

Danach erhielten die AFC-Spieler die “Pa” Wilson Memorial-Trophäe, die von Hamlet-Fan Jack McInroy gestiftet worden war – benannt ist sie nach Mr. Lorraine ‘Pa’ Wilson, der Dulwich Hamlet 1893 gegründet hatte.

“I designed it personally, and I commissioned another of our fans, my good friend James Virgo, to make it, as he is an artist by trade, including founding & casting. It’s made from carved oak and cast in solid bronze. Standing on a granite base, it has been patinated and is actually quite heavy, weighing just under 20 lbs, which must be over nine kilos, if any of our guests are confused by imperial measurements. (Jack McInroy)

 In drei Jahren feiern beide Clubs ihr 125-jähriges Bestehen. Dann soll es das nächste Freundschaftsspiel geben, diesmal in Altona – vielleicht noch in der altehrwürdigen Adolf-Jäger-Kampfbahn (AJK), die aber bald abgerissen werden soll. Der AFC will dann an einem anderen Standort ein Stadion für 2.999 Zuschauer bauen. Es sei denn, die AFC-Mitglieder stimmen dem Plan,den AFC-Präsident Barthel als “letzte Chance” für den Verein bewirbt, nicht zu.

Eigentlich sollten die AFCler bereits vor der Sommerpause zunächst umfassend informiert werden – und dann noch über den Umzug entscheiden. Mittlerweile teilten der Vorstand sowie die Arbeitsgruppe Sportstätten aber mit, dass dem Verein erst seit dem 5. Juni konkrete Zahlen und damit einhergehend ein erster Entwurf einer Absichtserklärung zur Überlassung des Stadiongeländes an der Memellandallee vorlägen. Die zuständigen AFC-Gremien müssten zunächst den Entwurf genau prüfen.

Ein bisschen Träumerei…

In einer besseren Welt wäre das 125-jährige Bestehen des Vereins im Jahr 2018 aber nicht nur ein Anlass, um mit Dulwich Hamlet gemeinsam zu feiern, sondern auch eine glänzende Chance, eine Rettet-die-AJK-Kampagne anzugehen – mit großem Musik-Festival, bei dem möglicherweise Fettes Brot, Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen und vielleicht auch Kettcar sowie sicherlich diverse Punk-Bands dabei sein würden. Auch im Hinblick auf die Olympia-Bewerbung Hamburgs wäre es zumindest denkbar, Geld für den Erhalt der AJK organisieren zu können. Denn was würde dem von Hamburg angestrebten Image der Nachhaltigkeit mehr entsprechen, als eine der ältesten Sportstätten Deutschlands renoviert zu präsentieren?

Zudem erscheint es aus Sicht einer sinnvollen Stadtplanung zumindest fragwürdig, an der Memellandallee ein neues Stadion für die Anforderungen der Regionalliga zu bauen, wenn direkt nebenan auch das Stadion von Union 03 entsprechend modernisiert werden kann bzw. soll. Auch der FC St. Pauli zeigt sich angesichts der etwas unübersichtlichen Situation zurückhaltend: In der kommenden Saison wird die U23 des Zweitligisten an der Hohenluft, dem Stadion von Victoria, kicken, sagte mir Pressesprecher Christoph Pieper. Es gebe aber weiter einen Informationsaustausch mit Altona 93 und Union 03, der FC St. Pauli sei allerdings kein aktiver Player in diesem Konstrukt, sondern wolle erst einmal abwarten, was im Laufe des Jahres passieren werde.

Damit bleibt folgendes Szenario wahrscheinlich: Man reißt die einmalige Adolf-Jäger-Kampfbahn ab, um dort in einem ohnehin dicht bebauten Quartier Raum für Wohnungen zu schaffen – und errichtet wenige Kilometer entfernt dann zwei kleine Fußballstadien nebeneinander. Ein großer Londoner Detektiv würde so einen Plan vielleicht folgendermaßen kommentieren: “Ich habe Zweifel, Watson.”

…und die Realität

Somit sieht die Realität auch in diesem Fall etwas anders aus, als ich es oben in meiner Wunschwelt skizziert habe. Altona 93 hat bereits einen Vertrag über den Verkauf der AJK unterzeichnet – und einen Teil der Verkaufssumme erhalten sowie ausgegeben. Nicht nur dieses Geld müsste man erstatten, sondern es würde wohl auch eine Vertragsstrafe fällig, wenn man es sich plötzlich anders überlegt. Außer, der Vertrag wäre aus juristischen Gründen anfechtbar.

Andreas Bernau, Vorsitzender des Sportausschusses im Bezirk Altona, hält es vor diesem Hintergrund für die beste Idee, wie nun geplant ein kleines Stadion an der Memellandallee zu bauen, in dem Teile der alten AJK, wie beispielsweise das Eingangstor, integriert würden. Die einfachste Lösung wäre es allerdings gewesen, wenn sich der AFC mit Union 03 geeinigt hätte, was aber vor allem an dem “sehr selbstbewussten” Auftreten von Altona 93 gescheitert sei, sagte mir der Sozialdemokrat. Derzeit hänge alles davon ab, dass der Verein seine Mitglieder informiere und abstimmen lasse.

Dulwich Hamlet vs Altona 93 in London: vor dem Champion-Hill-Stadium (Foto: Patrick Gensing)
Dulwich Hamlet vs Altona 93 in London: vor dem Champion-Hill-Stadium (Foto: Patrick Gensing)
Nach dem Spiel Dulwich Hamlet vs Altona 93 (Foto: PG)
Nach dem Spiel Dulwich Hamlet vs Altona 93 (Foto: PG)

IMG_2384

Ob nun Griegstraße oder Memellandallee – immerhin hat Altona 93 die “Pa”-Wilson-Memorial-Trophäe in London gewonnen – und was noch wichtiger ist: Die Herzen der anwesenden Fans. Dulwich Hamlet-Fan Terry sagte mir nach dem Spiel, als Kinder aus London und Hamburg gemeinsam kickten, dies sei “Football at it`s best.” Recht hat er: Für Fußball-Nostalgiker war es ein Feiertag.

Der Ausschluss von Frauen aus der Fankultur

textbild_frauenultras

Von Frederik Schindler, zuerst veröffentlicht bei Fußball gegen Nazis*

Geht es nach dem Tumblr-Blog Ultrapeinlich, der diskriminierende Spruchbänder, Choreografien und Sticker von Ultragruppen sammelt, sind wohl gerade mal wieder Sexismus-Wochen in deutschen Fankurven. Sexistische Schimpfwörter, Degradierungen von Frauen zu Sexobjekten oder sogar Vergewaltigungsfantasien –  das alles wurde allein in den letzten Monaten vom genannten Blog dokumentiert.  Frauenfeindlichkeit scheint zur Ultrakultur dazuzugehören, sichtbar sowohl in Fangesängen oder auf Transparenten, als auch in der Diskriminierung oder im Ausschluss von Frauen aus der Fankurve. Dies zeigt sich beispielsweise an einem deutlich niedrigeren Anteil von Frauen in Ultragruppen als im gesamten Stadion oder an dem Fehlen von Vorsängerinnen auf den Zäunen. Frauen werden in Fankurven von vielen männlichen Fans generell nur als Begleiterinnen oder als Groupies wahrgenommen, viele Ultragruppen schließen bei Auswärtsfahrten Frauen in ihren Bussen aus, geben Frauen keine Ämter in den Gruppen oder lassen generell keine weiblichen Mitglieder zu. „Als Begründung wird häufig angeführt, dass ‚Frauen Unruhe in die Gruppe bringen‘, ‚die Gruppe verweichlichen‘ bzw. ‚Frauen nicht das Bild der Gruppe prägen sollen'“, erklärt Fanforscher Jonas Gabler in den Blättern für deutsche und internationale Politik. Auch in offenen Ultragruppen werden Frauen oftmals nicht die gleichen Rechte zugesprochen oder bestimmte Ämter und Zuständigkeiten verwehrt, beispielsweise bei der Verteidigung des Gruppenmaterials. Frauen gelten in Ultragruppen demnach als Gefahrenquelle: „Zum einen scheinen sie körperlich zu schwach zu sein, um Fahnen, Fansektoren und Busse zu verteidigen. Zum anderen wird ihnen aber auch eine große Sprengkraft innerhalb der Gruppe zugeschrieben, und zwar dann, wenn es um den zwischenmenschlichen Bereich geht“, so Heidi Thaler, die zu weiblichen Ultras promoviert, im neuen Tatort Stadion-Buch. Dieses Bild von der gewaltlosen Frau wird auch von den Fußballverbänden reproduziert, beispielsweise wenn Frauen und Kinder an sogenannten Geisterspielen teilnehmen dürfen – von verschiedenen Seiten wird demnach abgesprochen, dass Frauen „echte Fans“ sein können.

Frauen-Ultragruppen als Möglichkeit der Emanzipation

Eine mögliche Gegenstrategie für Frauen, mit Sexismus in der Fan- und Ultrakultur umzugehen ist die Ironisierung der Abwertungen und Ausschlüsse. Negativ gemeinte Begriffe werden selbst angeeignet, um sie positiv umzudeuten. Dadurch können Begriffe entmachtet werden, man kennt das von rassistischen oder homophoben Fremdzuschreibungen. Ein Beispiel hierfür sind die Chicas, ein Zusammenschluss von weiblichen Mitgliedern der Ultragruppe Schickeria München. Sie versuchen, „den Nachteil, der sich für die weibliche Minderheit im Fußball ergibt, unter dem Namen ‚Chicas‘ bewusst publik zu machen, anzupacken und zum Guten zu wenden“, greifen dabei ein „Klischee auf und drehen es auf ironische Weise ins Gegenteil um“. Nicole Selmer und Almut Sülzle entwickelten hierfür den Begriff „vorweggenommener Sexismus„. Die weiblichen Ultras können dadurch „frauenfeindliche Blicke irritieren und zurückweisen“.

Die letzte weibliche Ultragruppe gründete sich im Juli 2014 in Heidenheim: Die „Societas“ wurden Teil der Gruppe „Fanatico Boys“ und kritisieren in ihrer Gründungserklärung: „Mädels haben es oftmals auch schwerer in ihrer Rolle als Fan akzeptiert und respektiert zu werden. Von ihnen wird zumeist mehr erwartet und sie stehen unter größerer Beobachtung“. Mitglied Lea fordert in der WELT: „Ich möchte in erster Linie als Fan wahrgenommen werden, also geschlechtsunspezifisch. Es geht es darum, dass weibliche Fans genauso behandelt werden wie männliche Fans“. Ähnliches fordert Andrea aus Bremen: Es müsse den Leuten im Stadion endlich klar werden, dass auch Mädchen und Frauen Ultra sein können. „Nicht alle haben Bock auf Gewalt und Pöbeln – allerdings auch nicht bei den Jungs -, aber die meisten sind eben wirklich wegen Fußballgucken, Singen, Ultra-Zeugs in der Kurve und nicht weil der neue Stürmer so sexy Waden hat.“ Ein Schritt in die Richtung der Anerkennung kann eine Frauen-Ultragruppe sein. So lange das Ziel, dass alle gleichberechtigt nebeneinander Ultra sein können noch nicht erreicht sei, brauche es Schutzräume, meint Andrea: „Zudem ist eine reine Frauengruppe natürlich auch ein Statement. Das zeigt dann ganz plakativ, dass Mädchen das auch spannend finden und es eben auch ‚können‘.“. Wichtig ist ihr auch die Präsenz von Frauen, egal ob auf Kurvenfotos oder in der ersten Reihe beim Fanmarsch. „Das ist in Bremen schon relativ oft so, aber ein reiner Mädchen-Mob würde auch hier noch auffallen. Das wäre schon echt cool!“, sagt sie.

Ähnliches berichten die Chicas aus München. Sie wollen eine Anlaufstelle „für die Mädels sein, die sich für Ultrà interessieren aber durch die Dominanz des männlichen Geschlechts vielleicht nicht den Mut dazu haben, von Null auf Hundert in der Gruppe mitzumachen“. Als explizite Frauengruppe – oder als Untersektion einer größeren Gruppe – stehen die genannten Gruppen allerdings relativ alleine da. Zu erwähnen wären hier noch die Senhoritasaus Jena (ebenfalls nur Untergruppe der dominierenden Gruppe Horda Azzuro), die Sophia Gerschel in ihrer Diplomarbeit untersuchte und die legendäre Aktion der Ultrà Sankt Pauli Femminile aus dem Jahr 2010, die laut einem ironischen Statement die Männer aus der Gruppe prügelten. Die einzige heute existierende unabhängige Frauengruppe besteht in der Ultraszene des SV Babelsberg 03.

Die Ultras Babelsberg mit einem abgewandelten Zitat von Rosa Luxemburg

Der Fanblock als Raum für untypisches Geschlechterverhalten

Über die Konstruktion von „echten Fans“ erfolgt auch eine Ablehnung von weiblichen Fans, die dem „Klischeebild des rosa-zickigen Groupie-Mädchens“ entsprechen, erklärt Fanforscherin Almut Sülzle in ihrer Studie „Fußball, Frauen, Männlichkeiten„. Hierbei entsteht allerdings kein genereller Ausschluss von Frauen. Frauen, die nicht den typischen Geschlechterklischees entsprechen und „Groupies“ ebenfalls ablehnen, können so im Fanblock einen Raum finden, in dem sie sich nicht ständig als Frau inszenieren oder über ihren Körper darstellen müssen. Verhaltensweisen, die gesellschaftlich als „typisch männlich“ wahrgenommen werden, wie zum Beispiel fluchen oder schreien können durch Frauen im Stadion angeeignet werden, ohne dafür sanktioniert zu werden oder in ihrer Weiblichkeit infrage gestellt zu werden. Sie müssen sich allerdings immer wieder beweisen, um ebenfalls als „echte Fans“ wahrgenommen zu werden. Frauen stützen so die männerbündischen Strukturen, Sülzle bezeichnet sie daher gleichzeitig als „Konstrukteurinnen und Opfer der hierarchisierenden Geschlechterdichotomie“. Ähnliches berichtet auch Andrea aus Bremen. Sie ist 25 Jahre alt, seit 11 Jahren im Weserstadion und seit 9 Jahren Mitglied einer Ultragruppe. Im Gespräch mit Fussball-gegen-Nazis.de erklärt sie: „Die Mädchen die präsenter sind, sind es zu einem guten Teil auch deswegen, weil sie hegemonial männliche Verhaltensweisen annehmen können und/oder wollen. Laut und vielleicht etwas gröber sein, gehört beim Fußball nach wie vor zum guten Ton, den müssen sich alle ein bisschen angewöhnen“. Menschen, die sich hier nicht anpassen wollen oder können, werden so weiter aus dem Fanblock ausgegrenzt.

Auch für Männer gibt es in der Kurve Möglichkeiten für die Ausübung von Verhaltensweisen, die außerhalb des Stadions als unmännlich gelten. Umarmungen und Berührungen zwischen Männern sind unter Fans vollkommen selbstverständlich, während sie in anderen Kontexten homophob abgewehrt werden. Die Politikwissenschaftlerin Eva Kreisky sieht in Männerbünden auch eine „emotionale, affektive und häufig erotische Basis„, die sich im Fanblock beispielsweise in öffentlichem Weinen zeigt. Dass dieses Verhalten möglich ist, ohne als unmännlich wahrgenommen zu werden, liegt an der extremen Assoziation von Fußball und Männlichkeit, die fast jedes Verhalten als männlich erscheinen lässt. Frauen, deren Verhalten oder deren Kleidung als „typisch weiblich“ wahrgenommen werden, erfahren Ablehnung und Ausgrenzung. „Man reproduziert in Verbindung mit Autoritarismen Männlichkeitsvorstellungen, zum Beispiel dass Frauen ‚männlich‘ sein müssen, es gibt eine männliche Struktur, die auch historisch von Männern entwickelt wurde und jeder Mann und jede Frau muss durch diese Strukturen durch“, so Gerd Dembowski in einem Gespräch 2013.

Hierarchien reproduzieren althergebrachte Männlichkeitsvorstellungen

In einer 2006 von dem Fanforscher Gunther A. Pilz durchgeführten Studie, gaben 85 Prozent der befragten Ultras an, dass Frauen ihrer Meinung nach keine Ultras sein können. 62 Prozent erklärten, dass Frauen nicht die Rolle des Capos, also des Vorsängers, übernehmen können. Der Anteil von Frauen in Ultragruppen liegt laut der Studie bei 5 Prozent, mittlerweile wird er auf ein Zehntel geschätzt – während der Frauenanteil im Stadion insgesamt mittlerweile bei einem Drittel liegt. Dies liegt unter anderem an der Entstehung von eigenen Konventionen und Regelsystemen der aktiven Fanszene, die „durch interne Hierarchien gewährleistet werden. Diese sind geprägt durch die Vorherrschaft der Männer im Fußball und in den Kurven, weshalb zentrale Charakteristika von Fußballfankultur bis heute durch Männlichkeit bzw. männliche Stereotypen geprägt sind“, so Gabler. Die meisten größeren Ultra-Gruppen haben beispielsweise eine Art Vorstand, ein sogenanntes direttivo. Dieses wird in der Regel nicht gewählt, sondern setzt sich aus erfahrenen Mitgliedern der Gruppe zusammen. Bei der Zusammensetzung gilt der Vorrang von Mitgliedern mit höherem Lebensalter oder längerer Gruppenzugehörigkeit. „Auf Dauer ist dieses Konstrukt so instabil, dass sich Formen von althergebrachter Männlichkeit und Autoritarismus tradieren können, also genau solche Dinge reproduziert werden, die es in bürgerlichen Taubenzüchtervereinen auch gibt“, meint Dembowski. Und auch Heidi Thaler schreibt im oben genannten Buchbeitrag, dass der Einstieg für Frauen leichter sei, je weniger die Hierarchien innerhalb der Gruppe bereits ausgeprägt sind. „Je früher in der Entstehungsgeschichte einer Ultragruppe auch Frauen beteiligt sind, desto mehr Spielraum besteht, die Teilhabe von Frauen in der Gruppe auszuhandeln beziehungsweise als Selbstverständlichkeit zu etablieren.“

Viele jüngere Mitglieder richten sich nach der Meinung der Capos und ordnen sich dieser unter. Für Frauen ist es noch schwieriger, als Vorsängerin die Gruppe anzuführen. Erst vor wenigen Jahren gab es bei einer Ultra-Gruppe des SV Babelsberg 03 die erste weibliche Vorsängerin, die jedoch nach einem halben Jahr aufgab, weil sie sich von den Fans nicht akzeptiert fühlte. Gerd Dembowksi dazu: „Ultras lassen zwar hier und da mal Frauen mitmachen – ähnlich wie in der Gesellschaft, in der Emanzipation: Man lässt Frauen jetzt Managerinnen werden, aber man ändert nicht den gesamten Betrieb. Man benutzt das Amt, das Männer irgendwann erfunden haben und genau so funktioniert es in der Ultra-Szene auch.“ In Andreas Augen sei die Bremer Ultraszene allerdings schon lange bereit für eine Frau auf dem Podium. Schon ein paar Mal sei das ausprobiert worden, die organisierten Gruppen standen alle dahinter und es gab viel Support. „Aber die Fans, die weiter oben stehen, Bierbecher werfen und jetzt mal nicht ‚Fahne runter‘, sondern ‚Was will die Fotze auf dem Zaun?‘ schreien, die hast du halt nicht im Griff. Traurig, aber wahr“, stellt Andrea fest. Gerade haben die aktiven Frauen verständlicherweise keine Lust, zur Zielscheibe zu werden und deshalb gibt es auch momentan keine Vorsängerin in Bremen.

Es geht auch anders: Die Pugnatores Ultras aus der Fanszene des FSV Frankfurt mit einem Spruchband zum Frauen*kampftag 2015

„Einfach nur Ultra unter Ultras sein“

Andrea aus Bremen stört sich schon lange daran, dass andere Ultras „als die großen Macker“ auftreten: „Selbst die progressiven Gruppen wollen Stärke ausstrahlen und die Spruchbänder der nicht so progressiven Gruppen sind auch nicht gerade einladend“, kritisiert sie. „Dazu kommt dieses Gruppending. Zusammenhalt und Geschlossenheit sind super wichtig. Es ist schwer für neue da reinzukommen. Auch für Jungs. Und für die Mädchen ist es eben besonders schwer, weil es mehr Überwindung kostet einen Jungen anzusprechen und eben nicht überall Mädchen rumlaufen, die man einfacher ansprechen könnte“. Dabei wollen Frauen im Stadion doch einfach nur das gleiche machen wie Männer. Doch bestimmte Mechanismen erschweren dies, wie Heidi Thaler im genannten Buchbeitrag erklärt: „Wer es satt hat, sich aufgrund des Geschlechts von vornherein ständig erklären zu müssen und als Exotin zu gelten, hat wahrscheinlich wenig Lust, noch gesondert auf die eigene Situation als Frau hinzuweisen. Einmal abschalten, einmal nur Fußball und die eigene Kurve im Kopf haben, einfach nur Ultra unter Ultras sein – das wär was!“

*Fussball-gegen-Nazis.de ist ein Projekt der Amadeu-Antonio-Stiftung und bietet eine kontinuierliche Berichterstattung über Neonazismus, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie im Fußball. Die Plattform richtet sich an alle Interessierten aus Fangruppen, Vereinen und Verbänden, die sich über (Anti-)Diskriminierung im Bereich Fußball informieren möchten.

Vom „Judenklub“ und „Rattenball“: Struktureller Antisemitismus im Fußball

ratten1ball

Von Frederik Schindler, Fußball gegen Nazis*

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass jegliche Kritik an der Kommerzialisierung des Fußballs an antisemitische Argumentationsmuster erinnert – niemand muss gut finden, was beispielsweise in Leipzig passiert. „Moderner Fußball bringt diverse unangenehme Erscheinungen mit sich. Versitzplatzung, Werbebeschallung, immense Bierpreise und abwegige Ablösesummen sind das eine, Rasenheizung, One-Touch-Football […] und ‚Fußballfans gegen Homophobie‘ sind das andere. Moderner Fußball ist genauso wenig das absolute Böse, wie ein Heilsversprechen“, meint Hugo Kaufmann im Sankt Pauli-Fanblog Lichterkarussell.

Doch die Stilisierung zum absolut Bösen muss kritisch hinterfragt werden: „Wenn (…) von den pestbringenden Ratten aus Leipzig die Rede ist, wenn die Reinheit der Tradition besudelt wird, wenn die homogene Wir-Gruppe der Chauvinisten der guten alten Zeiten sich im Hass auf den Feind, der in ihr phantasiertes Machtgebiet einfällt, vereint und zum Endkampf aufruft, dann kommen im Zuge einer vermeintlichen Kritik an RB Leipzig, wenn auch teils dem Unwissen geschuldet, unverhohlen strukturell antisemitische Klischees aufs Tapet, die offensiver nicht sein könnten“, so Oscar Adlerhut in der Leipziger Stadtteilzeitung 3VIERTEL.

Der FC Bayern als Ziel des Ressentiments

Diese hat Publizist Alex Feuerherdt bereits vor 10 Jahren am Beispiel des FC Bayern München kritisiert. Dabei ging es ihm nicht um die Verteidigung seines Lieblingsvereins, sondern um eine „Kritik der Ressentiments gegen diesen Klub und um die Feststellung, dass er bloß mit völliger Offenheit seine Ziele ausspricht, wo in anderen Vereinen der falsche Schein hoch gehandelt wird, der sich rebellisch gebärdet und doch nur purer Konformismus ist“.

Um die Argumentation genauer nachvollziehen zu können, haben wir mit Alex Feuerherdt einen Experten zum Thema „Struktureller Antisemitismus im Fußball“ interviewt, der seit Jahren sowohl zum Thema Antisemitismus, als auch zum Thema Fußball publiziert. Er war Oberliga-Schiedsrichter, bloggt bei Lizas Welt und veröffentlicht regelmäßig Texte in der Jungle World, der Jüdischen Allgemeinen und der Konkret. Zuletzt erschien zum Thema Fußball im Werkstatt-Verlag „Bayer 04 Leverkusen – Die Fußball-Chronik“.

FS: „Gegen den modernen Fußball“ ist ein klassischer Spruch der meisten Ultra-Gruppen. „Für mehr modernen Fußball“ steht in deiner Twitter-Biographie. Was meinst Du damit?

AF: Was modernen Fußball kennzeichnet, ist nicht zuletzt seine Ambivalenz. Ein Beispiel: Die neuen Arenen sind einerseits schöner, sicherer, komfortabler und besser als die alten Stadien. Auf der anderen Seite ist das alles mit einer massiven Verteuerung des Eintritts einhergegangen, was von vornherein viele vom Besuch eines Bundesligaspiels ausschließt. Für viele ist der Stadionbesuch eine Alternative zu Theater, Kino oder Musical – und das merkt man dann auch. Es geht vielfach gesitteter zu als noch in den Achtzigern oder Neunzigern, man hört heute wesentlich weniger rassistische oder homophobe Gesänge als früher – gut so! Gleichzeitig beobachte ich oft eine gewisse Leidenschafts- und Teilnahmslosigkeit, ich bin im Stadion sogar schon mal aufgefordert worden, doch bitte nicht so laut zu sprechen oder gar zu schreien.

Insgesamt ist der Fußball spektakulärer geworden, auf den Rängen genauso wie auf dem Platz. Die Professionalisierung und die Globalisierung haben ihn aus dem Mief früherer Jahre herausgeholt, und die ökonomische Liberalisierung hat zum Beispiel für den Wegfall der sogenannten Ausländerbeschränkung gesorgt, die Fußballer von ihrer Scholle entkoppelt und anderen kleingeistigen Unfug beiseite geräumt. Darüber bin ich froh, und ich möchte auch nicht wieder zu den ach so guten alten Zeiten zurück, die längst nicht so gut waren, wie manche das glauben. Zu einer Romantisierung besteht jedenfalls kein Anlass.

Die Diskussion um den „modernen Fußball“ entzündet sich im Besonderen am Beispiel von RB Leipzig, ein Höhepunkt war die „11FREUNDE“-Titelgeschichte vom März 2014, die u.a. von Dir kritisiert wurde. Zentrales Argument war, dass zwischen „Klubs, in denen die Identität durch allzu viel Geschäftemacherei beschädigt wird“ und „Klubs, deren Identität die Geschäftemacherei ist“ unterschieden werden müsse. Was soll daran denn falsch sein bzw. wo siehst Du hier oder in ähnlichen Argumentationen die Anfälligkeit für Ressentiment und Ideologie?

Die meisten Profiklubs sind längst selbst Konzerne geworden, die – so ist das im Kapitalismus zwangsläufig – Profitmaximierung betreiben und deren Funktionäre letztlich nichts anderes sind als Unternehmer. Nur verkaufen sie keine Getränkedosen, sondern die Ware Fußball und suchen sich zu diesem Zweck potente Sponsoren. Und sie brauchen – genau wie Red Bull und jedes andere Unternehmen auch – Kunden, die ihr Produkt kaufen. Dass diese Kundschaft aus Fans besteht, die davon ausgehen, dass der eigentliche Daseinszweck ihres Lieblingsklubs noch immer das Fußballspiel als solches ist, macht das Marketing erheblich einfacher, weil emotionale Bindung – auch über den Verweis auf „Tradition“ und „Fankultur“ – umsatzfördernd ist. Ich weiß, das klingt kalt und herzlos, aber die Totalität der kapitalistischen Vergesellschaftung hat den Fußball nun mal längst eingeschlossen. Einen grundlegenden Unterschied zwischen einem Fußballverein, der zur Gewinnmehrung eines Unternehmens ins Leben gerufen worden ist, und einer Kapitalgesellschaft, deren Zweck die Vermarktung der Ware Fußball ist, gibt es schlichtweg nicht.

Und was genau war Deiner Meinung nach das Problem an der „11 Freunde“-Titelgeschichte?

Das Fatale an solchen Beiträgen ist der politische Gehalt, der ihnen innewohnt, die Anfälligkeit für Ideologie, genauer gesagt: der regressive Antikapitalismus. Die „11 Freunde“ und mit ihnen viele der RBL-Gegner verklären und romantisieren das vermeintlich Authentische und Ursprüngliche, die angeblich traditionelle Beschaulichkeit und Einfachheit. Genau das ist seit jeher die Kehrseite des Fortschritts kapitalistischer Gesellschaften. Und der Fußball bietet eine Projektionsfläche hierfür.  Die abstrakte Zirkulation des Kapitals – die bei „11 Freunde“ als „Geschäftemacherei“ firmiert – wird wie „Vert et Blanc“ in einem lesenswerten Text schrieb, „auf den konkreten Klub projiziert, ja, zu seinem Wesenskern stilisiert – fortan kann RB Leipzig als Chiffre für das Andere, Uneigentliche und Unechte dienen“. Genau das ist die Bedingungsmöglichkeit für den strukturellen Antisemitismus.

Was bedeutet das genau?

„Strukturell“ heißt: Weder Red Bull noch RB Leipzig noch das Klubpersonal muss jüdisch sein. Vielmehr ist es die Argumentation vieler Gegner, die der antisemitischen ähnelt. Und deshalb ist es auch kein Zufall, dass das Vokabular, wie es beispielsweise „11 Freunde“ verwendet hat, so manche Übereinstimmung aufweist: „Geschäftemacherei“ bzw. „Geldmacherei“, „am Reißbrett entworfen“, also irgendwie künstlich, „Kulissenschieber“, „amerikanisch“, „Simulation“, also unecht, versus „Identität“, „kultureller Konsens“, „Emotionen“, „Tradition“. Plastik, Schädlichkeit und Hinterhalt – von hier ist es dann nicht mehr weit zum vulgären Heuschrecken- und Parasitensprech und zu solch widerlichen Dingen wie den „Rattenball“-Aufklebern und den „Schädlingsbekämpfer“-T-Shirts.

Antisemitische Züge wurden von Dir bereits vor einigen Jahren im Hass auf den FC Bayern München kritisiert. Die Zeiten, in denen der Verein als „Judenklub“ geschmäht wurde, sind aber doch vorbei, oder?

Als „Judenklub“ werden die Bayern heute normalerweise nicht mehr beschimpft, das stimmt. Trotzdem finden sich in der ja recht verbreiteten Ablehnung gegen ihn oftmals antiliberale Ressentiments, die dem Antisemitismus zumindest ziemlich nahe stehen und ihm strukturell ähneln. Dem FC Bayern wird von Fans wie Vertretern anderer Vereine regelmäßig vorgeworfen, unsolidarisch, ja, egoistisch zu handeln und sich nicht um die Belange des ganzen deutschen Fußballs zu sorgen, sei es nun, dass es um die Verteilung der Fernsehgelder geht, früher um die Beschränkung der Zahl ausländischer Spieler oder um andere Absprachen zum vermeintlichen Wohle angeblich aller.

Letztlich hassen vielen den Klub, weil er erfolgreich ist und dieser Erfolg angeblich ausschließlich dem vielen Geld zu verdanken ist, das der Verein besitzt, zu dem er mühelos und ohne Arbeit gekommen zu sein scheint – wahrscheinlich durch undurchschaubare Transaktionen und zwielichtige Geschäfte – und das sich wie von selbst zu vermehren scheint, während andere Klubs darben und ständig um ihre Existenz kämpfen müssen. Hier deutet sich die uralte völkisch-antisemitische Aufspaltung in „schaffendes“ und „raffendes“ Kapital mehr als nur an. Man wirft dem FC Bayern faktisch vor, gewissermaßen ein Kunstprodukt zu sein und seine Erfolge bloß erkauft zu haben, statt sie zu erkämpfen, wie sich das für anständige Deutsche gehört.

So, wie außerhalb des Fußballs finstere Mächte für soziale Kälte, Verrohung, schlechte Spargelernte, Kulturlosigkeit, Zersetzung, Künstlichkeit und die grenzenlose Dominanz des Geldes verantwortlich sein müssen, wird auch im Fußball dessen notwendige Warenförmigkeit auf ein gemeines Komplott hinterhältiger Gestalten heruntergebrochen. Diese Gestalten müssen Name und Anschrift haben, und ihren Hauptsitz verortet der beleidigte Fan gerne in der Säbener Straße in München – dort also, wo der FC Bayern seinen Sitz hat.

*Fussball-gegen-Nazis.de ist ein Projekt der Amadeu-Antonio-Stiftung und bietet eine kontinuierliche Berichterstattung über Neonazismus, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie im Fußball. Die Plattform richtet sich an alle Interessierten aus Fangruppen, Vereinen und Verbänden, die sich über (Anti-)Diskriminierung im Bereich Fußball informieren möchten.

Mehr im Netz:

„FC Hollywood“, „Lackstiefelclub“: Über deutsche und linksdeutsche Ressentiments gegen den FC Bayern München – Vortrag von Alex Feuerherdt

RB Leipzig – der Untergang des Fußballs? Über das Kicken im Kapitalismus und die Sehnsucht nach einem fragwürdigen Idyll – Vortrag von Alex Feuerherdt

Fußball: In ollen Lumpen gen Moderne – Kritischer Beitrag des Sankt Pauli-Blogs Lichterkarussell zur Debatte um RB Leipzig und „modernen Fußball“

„Mit Füßen getreten“: André Anchuelo in der Jungle World über die Geschäfte des Fußballvereins RB Leipzig

„I Like Fussballtod“: Oscar Adlerhut in 3VIERTEL über strukturellen Antisemitismus in der Kritik an RB Leipzig

Fußball ist Fußball und Kapitalismus ist Kapitalismus? Blog „Die schlechtesten Geschichten“über Kritik an der Kommerzialisierung des Fußballs und Kritik am Hass auf RB

„Im Visier der Antikapitalisten“: Alex Feuerherdt über das Feindbild Dietmar Hopp

„Als Kritik getarntes Ressentiment“: Chucky Goldstein über das Rattenball-Motiv

Zum Weiterlesen:

Was ist regressiver Antikapitalismus? Anmerkungen zum Unterschied zwischen Kapitalisten- und Kapitalismuskritik – Flugschrift der Gruppe Emanzipation und Frieden

Literaturliste des Blogs Vert et Blanc zu strukturellem Antisemitismus, regressiver Kapitalismuskritik und der Debatte um „modernen Fußball“

Struktureller Antisemitismus und verkürzte Kapitalismuskritik – Buchbeitrag von Thomas Schmidinger

Hetze gegen Juden im Fußball: „Mit Antisemitismus nichts zu tun“

aufmacher_antisemitismus-fu

Von Frederik Schindler, Fußball gegen Nazis*

„Das hat nichts mit Antisemitismus zu tun“ – mit dieser Aussage wurde ein anonymer Fan des FC Luzern in der vergangenen Woche auf SPIEGEL ONLINE zu einem Vorfall in St. Gallen zitiert. Dort hatten ca. 300 Fans bei einem sogenannten Fanmarsch durch die Innenstadt einen als orthodoxen Juden verkleideten Mann durch die Straßen getrieben. Dieser trug einen Schal des FC St. Gallen um den Hals und stand symbolisch für die gegnerische Mannschaft und die gegnerischen Fans. Warum das kein Antisemitismus sein soll? „Die St. Galler Fans wurden schon immer als Juden bezeichnet“, so der anonyme Fan. Dies ist leider richtig. In einigen Schweizer Stadien lautet ein beliebter Fangesang „Und sie werden fallen, die Juden aus St. Gallen“. Das macht den Vorfall aber nicht weniger antisemitisch. Die Aktion lediglich als Einzelfall oder wie in einigen Medien geschehen als „Fasnachtsscherz“ zu bezeichnen, ist ebenfalls bagatellisierend – seit Jahrzehnten gibt es im Fußball und der dazugehörigen Fankultur antisemitische Vorkommnisse wie diesen.

Antisemitismus in der Amateurliga: TuS Makkabi Berlin

Besonders betroffen von Antisemitismus sind jüdische Vereine. Einer davon ist TuS Makkabi Berlin. Die 1. Herrenmannschaft spielt seit dem letzten Jahr in der ersten Staffel der Berliner Landesliga, zuvor ist er aus der sechsthöchsten Spielklasse im deutschen Männer-Ligasystem, der Berlin-Liga, abgestiegen. Das Frauenteam spielt in der 1. Staffel der Bezirksliga, die fünfthöchste Klasse im Frauen-Ligasystem. Der Verein wurde in der Zeit des Nationalsozialismus verboten und 1970 neu gegründet. Auch heute sind Angestellte des Vereins immer wieder antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Der letzte öffentlich breit thematisierte Vorfall ereignete sich 2012 im Spiel gegen den BSV Hürtürkel. Zunächst wurden während des Spiels mehrere Makkabi-Spieler von Hürtürkel-Spielern beleidigt: Einem wurde erklärt, er „stinkt schon wie ein Jude“, muslimische Makkabi-Spieler wurden als „Schande“ bezeichnet und ein Schwarzer Makkabi-Spieler wurde rassistisch beleidigt. Nach dem Spiel rief Hürtürkels Trainer angeblich „Amina koydum yahudi!“ – was ein türkischsprachiger Makkabi-Spieler in „Jetzt haben wir euch Juden gefickt!“ übersetzen konnte und den Vorfall so öffentlich machte. Dem Verein Hürtürkel der laut Jungle WorldVerbindungen zu den rassistisch-nationalistischen Grauen Wölfen pflegt, wurden 3 Punkte abgezogen, ein Spieler wurde für sechs Monate, der Trainer für elf Monate gesperrt. Obwohl die Mehrheit der muslimischen Gegner nicht antisemitisch, sondern offen und tolerant sei, werden immer wieder auch seine muslimischen Spieler angefeindet und unter Rechtfertigungsdruck gesetzt, sagt Sportdirektor Claudio Offenberg im Deutschlandfunk: „Mit Ausdrücken wie: Ihr sollt euch ja schämen, bei den Saujuden zu spielen.“

„Wenn Sie einen Funken Anstand haben müssen sie uns helfen“

Im Gespräch mit Fussball-gegen-Nazis.de betont Offenberg, dass gerade in den letzten Jahren eine höchst aggressive Vermischung mit Themen aus dem Nahostkonflikt stattfinde: „Die Tendenz geht gerade seit dem Jahr 2014 klar dahin, die Anfeindungen und Diffamierungen völlig rücksichtslos offen, wie auch öffentlich anzubringen.“ Auch mit Anfeindungen aus dem rechtsradikal-nationalistischen Spektrum hatte der Verein in der Vergangenheit immer wieder zu kämpfen. Ein besonders gravierender Fall ereignete sich kurz nach der Fußball-WM in Deutschland, im September 2006 im Berliner Ortsteil Glienicke. Ungefähr 15 neonazistische Fans der VSG Glienicke riefen dort während dem gesamten Spiel antisemitische Parolen wie „Wir bauen eine U-Bahn nach Auschwitz“, „Vergast die Juden“ oder „Synagogen müssen brennen“ – weder die Verantwortlichen des Vereins, noch der Schiedsrichter griff ein. Als Makkabi-Spieler Raffael Tepmann die pöbelnden und drohenden Fans zur Rede stellte, erhielt er die Gelbe Karte. Spieler Vernen Liebermann forderte vom Schiedsrichter: „Wenn Sie einen Funken Anstand haben für die Geschichte in diesem Land, dann müssen Sie uns jetzt helfen“ – und flog dafür mit Gelb-Rot vom Platz. Die Mannschaft verließ protestierend den Platz, das Spiel wurde abgebrochen. Makkabis Vorsitzender Tuvia Schlesinger sprach von dem „Schlimmsten, das einem jüdischen Verein seit der Hitler-Diktatur in Deutschland widerfahren ist“, während der Abteilungsleiter Fußball der VSG Glienicke den Vorfall relativierte und fragte, was man denn machen solle, wenn der Schiedsrichter nun mal nichts gehört habe. Eine harte Strafe bekam der Verein nicht. „So macht sich der Eindruck breit, dass man sich mehr oder weniger ungestraft auf deutschen Fußballplätzen antisemitisch verhalten darf“, sagte Schlesinger damals der Jüdischen Allgemeinen.

TuS Makkabi protestiert mit diesem Banner gegen die zahlreichen Anfeindungen ihres Vereins. (Quelle: Flickr.com/El Minuto)

Wenig Solidarität von anderen Vereinen

Und dann sind da noch die Bemerkungen aus anderen Vereinen oder in Verhandlungen mit neuen Spielern, die uralte antisemitische Stereotype äußern: „Sie äußern sich teils offen mit sowohl herabsetzenden Sprüchen, als auch durch augenzwinkernde Aussagen, wie über den angeblichen Reichtums des TuS Makkabi und seine vermeintlich schier unbegrenzten Beziehungen und Einflussmöglichkeiten. Daneben ist uns bewusst, dass deutlich rassistische und antisemitische Sprüche fallen, wenn wir nicht in Hörweite sind“, so Offenberg. Die öffentliche Aufmerksamkeit um die schlimmen Vorfälle in den Spielen gegen die VSG Glienicke und den BSV Hürtürkel habe glücklicherweise zu mehr Zurückhaltung geführt: „Man ist sich durchaus bewusst, dass ein Sanktionsrisiko droht und man seine eigenen kleineren, wie größeren Rassisten besser im Zaum halten sollte“, vermutet der Sportdirektor. Er beklagt dennoch die fehlende Solidarisierung anderer Berliner Teams.

Ein positives Gegengewicht ist der bekannteste migrantische Verein Deutschlands, Türkiyemspor Berlin. Dieser veranstaltete nach den Hürtürkel-Vorfällen gemeinsam mit Makkabi ein Freundschaftsspiel gegen Antisemitismus und Rassismus sowie eine Podiumsdiskussion zum Thema. Leider ein Einzelfall – von anderen Teams aus der Liga ist rund um diskriminierende Vorfälle keine Unterstützung erkennbar. Offenberg: „Die Gründe sind Gleichgültigkeit, Ignoranz gegenüber der gesamten Problemlage und auch die weit verbreitete Meinung, man solle nicht jammern, da der Ton im Fußball eben rauer sei.“ Am Ende wird den jüdischen Vereinen „Opfergetue“ vorgeworfen und selbst die Schuld zugeschrieben, da sie das Thema wiederholt problematisierten.

„Es gibt immer noch viele Vereine, die jeglicher Selbstkritik gegenüber verschlossen sind“, sagt Florian Schubert, der an der TU Berlin zu Antisemitismus von Fußballfans promoviert im Gespräch mit Fussball-gegen-Nazis.de. Er spricht das antisemitische Motiv der Täter-Opfer-Umkehr an: „Auch in den Verbänden gibt es zu weilen die Position: ‚Gäbe es die Makkabi-Vereine nicht, dann hätten wir auch das Problem nicht.‘ Dazu kommt, dass viele Antisemitismus nicht wahrhaben wollen und dafür nicht sensibilisiert sind. So werden antisemitische Vorfälle dann auch gar nicht wahrgenommen.“

Im Berliner Fußballverband hat sich allerdings einiges  getan: „Da werden ordentliche Konsequenzen gezogen, besonders vorangetrieben durch den Vizepräsidenten Gerd Liesegang, der sich gegen Rassismus und Antisemitismus engagiert“, lobt Offenberg. Und vor kurzem bekam Makkabi prominente Unterstützung vom Hertha BSC. Unter dem Motto „Wir zeigen Gesicht und stellen uns dem Judenhass entschlossen entgegen“ wurde eingemeinsamer Videospot produziert, an dem sich das Hertha-Team gerne beteiligte. Dort habe man schon länger mit Sorge verfolgt, „mit welchen Schwierigkeiten und unerträglichen Stellungnahmen der Verein in seiner Spielklasse konfrontiert ist“, sagte Herthas Pressesprecher der Jüdischen Allgemeinen. Im Video wird das Makkabi-Team symbolisch von der Bundesligamannschaft umstellt und geschützt.

Initiative „!Nie wieder“: Choreografien und Veranstaltungen rund um den Holocaust-Gedenktag

Um auf das Thema Antisemitismus im Fußball aufmerksam zu machen und um eine aktive Erinnerung und Verurteilung der Verbrechen der Deutschen im Nationalsozialismus zu etablieren, veranstaltet die Initiative „!Nie wieder – Erinnerungstag im deutschen Fußball“ bereits seit 2004 Aktionen rund um den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar. Das Bündnis tagte zuletzt am 25. Februar 2015 in Frankfurt am Main. Über 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter Aktive aus verschiedenen Fanprojekten und -initiativen, der Präsident von Makkabi Deutschland, der Projektmanager der Bundesliga-Stiftung, der Geschäftsführer der DFB-Kulturstiftung, Vereinsarchivare aus München und Frankfurt, der Corporate Social Responsibility-Verantwortliche der Fortuna Düsseldorf und die EhrenpreisträgerInnen des Julius Hirsch Preises Angelika Ribler (Sportmediatorin und Referentin der Sportjugend Hessen) sowie Ronny Blaschke (Sportjournalist) planten die  nächsten Veranstaltungen und Aktionen und stellten die Projekte aus diesem Jahr vor. Die Ultràgruppe Schickeria Münchenwar in den letzten Jahren besonders aktiv an den Erinnerungstagen beteiligt, sie erinnert seit Jahren mit Choreografien an jüdische oder andere vom Nationalsozialismus verfolgte Vereinsmitglieder und Fußballer. So wurden 2011 in Bremen mehrere Spruchbänder und eine Zaunfahne mit dem Konterfei von Otto Beer gezeigt. Er war Jugendleiter des FC Bayern und wurde 1941 im Konzentrationslager Kauen ermordet. 2013 wurde dem jüdischen und vom Nationalsozialismus verfolgten Meistertrainer von 1932 Richard Dombi gedacht und im letzten Jahr wurde schließlich eine beeindruckende Choreografie über die gesamte Südkurve in Erinnerung an den ehemaligen Präsidenten Kurt Landauer präsentiert, der aufgrund des antisemitischen Verfolgungswahns der Deutschen im Konzentrationslager Dachau interniert war und nach seiner Entlassung in die Schweiz flüchten konnte. Landauer wurde bereits 2009 mit einer großen Choreo und dem Schriftzug „Der FC Bayern war sein Leben – Nichts und niemand konnte das ändern“ geehrt, zu dem findet seit 2005 jährlich im Sommer ein antirassistisches Turnier um den Kurt-Landauer-Pokal statt. In diesem Jahr wurde beim Auswärtsspiel in Wolfsburg eine Choreografie in Gedenken an den sozialdemokratischen Widerstandskämpfer und Clubfunktionär Wilhelm Buisson gedacht, zudem informierte die Gruppe im Südkurvenbladdl ausführlich über die Biographie des FC Bayern-Mitglieds.

„Der FC Bayern und ich gehören nun einmal zusammen“. Kurt Landauer Choreografie 2014. (Quelle: Schickeria München)

Eine aktive Beschäftigung mit der Vereinsgeschichte während des Nationalsozialismus oder mit aktuellen antisemitischen Tendenzen in der Fankultur muss meist von organisierten Fans eingefordert werden, selten werden Vereine selbst aktiv. So wurde der Vorschlag von „!Nie wieder“, dass die Teams des VfL Wolfsburg und des FC Bayern München kurz nach dem 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung beim Einlaufen T-Shirts mit einer entsprechenden Botschaft tragen, ohne Begründung abgelehnt. Es ist nur zu vermuten, dass hier die Sponsorengelder mal wieder wichtiger waren, als gesellschaftspolitisches Engagement. „Es wäre schon sehr hilfreich, wenn sich Verbände und Vereine deutlicher mit Antisemitismus auseinandersetzen würden und anerkennen würden, dass es ihn auch beim Fußball gibt“, fordert Doktorand Florian Schubert. Es bleibt also noch viel zu tun.

Mehr im Netz:

„Haut’s die Juden eini’!“- Antisemitismus im österreichischen Fußball (Fussball-gegen-nazis.de)

Antisemitismus im Fußball – Feature von Ronny Blaschke (Deutschlandradio Kultur)

Fußball unter dem Hakenkreuz (WDR Online)

Internetseite der Initiative „!Nie Wieder – Erinnerungstag im deutschen Fußball

Facebook-Seite der Faninitiative „Fußballfans gegen Antisemitismus

*Fussball-gegen-Nazis.de ist ein Projekt der Amadeu-Antonio-Stiftung und bietet eine kontinuierliche Berichterstattung über Neonazismus, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie im Fußball. Die Plattform richtet sich an alle Interessierten aus Fangruppen, Vereinen und Verbänden, die sich über (Anti-)Diskriminierung im Bereich Fußball informieren möchten.