Männerfantasien: Die antigenderistische Ideologie des Ulrich Kutschera

Der Kasseler Biologie-Professor Ulrich Kutschera tut sich in den letzten Monaten immer wieder durch Traktate gegen „die Gender Ideologie“ hervor. Dabei nähert er sich nach und nach einem geschlossen rechtsextremen Weltbild an und erhält dementsprechend auch Applaus vom rechten Rand. Grund genug für eine ideologiekritische Skizze seines Antigenderismus.

von Floris Biskamp und Fabian Bärig

Der C4-Tiger brüllt wieder!

Seit Juli tritt der Kasseler Biologe Ulrich Kutschera in regelmäßigen Abständen an die Öffentlichkeit, um die „normalen“ Teile der Bevölkerung vor einer ernsthaften Gefahr zu warnen: Gender!

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Französische Verhältnisse in Stuttgart?

Foto: Janosch Keller

In Stuttgart hat am 5. April bereits die dritte homophobe Demonstration in diesem Jahr stattgefunden. Fanden sich zwar auch Neonazis unter den Teilnehmern, so kamen die meisten erkennbar aus dem christlich-fundamentalistischen Milieu. Eine Szene, die in Deutschland eher selten auf die Straße geht. Ganz offensichtlich orientieren sich die Veranstalter an den Massen-Demonstrationen gegen die Homo-Ehe in Frankreich und hoffen Einfluss auf die Politik nehmen zu können. Unklar ist, ob ihnen das gelingen wird.

Von Lucius Teidelbaum

In Baden-Württemberg findet derzeit so etwas wie ein Kulturkampf statt. Ein Papier zum „Bildungsplan 2015“ offenbarte, dass die neue rotgrüne Landesregierung plant die „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ im neuen Lehrplan zu verankern. Dagegen wird nun von rechter Seite Sturm gelaufen. Es wird auf zwei unterschiedlichen Wegen versucht den neuen Lehrplan zu stoppen.

Foto: Janosch Keller
Foto: Janosch Keller

Die erste Demonstration in Stuttgart fand am 1. Februar 2014 statt und wurde organisiert von dem Ehepaar Hans Christian und Natalie Fromm und Unterstützern, die sich „Besorgte Eltern“ nannten. Mindestens 500 Personen nahmen daran teil. An der Demonstration exakt einen Monat später beteiligten sich etwa 800 Menschen. Davor war intensiv in evangelikalen Kreisen, aber auch auf dem antimuslimischen Hetzportal „PI-News“ für eine Teilnahme geworben worden. Neben der Ultra-Katholikin Inge Thürkauf sprachen Mathias von Gersdorff, der u.a. mit seiner Kleinstorganisation „Deutsche Vereinigung für eine christliche Kultur“ aus sittlich-konservativen Motiven einen Kreuzzug gegen das Bravo-Magazin führt, der AfD-Europakandidat Alexander Beresowski, Alexej Tuchscherer von der „Aussiedler und Migranten Partei Deutschland – EINHEIT“, Professor Dr. Micha Bloching von der rechtsliberalen „Partei der Vernunft“ und Karl-Christian Hausmann, stellvertretender Kreisvorsitzender der CDU in Stuttgart.

Hausmann ist umstritten durch seine Nähe zur antikommunistischen „Vereinigungskirche“, die auch als ‚Mun-Sekte‘ bekannt ist. Gleichzeitig nahm der geoutete CDU-Kreisvorsitzende von Stuttgart mit seinem Partner an der Gegenkundgebung des CSD-Stuttgart teil. Offenbar gibt es in der Stuttgarter CDU eine Bruchlinie zwischen moderner Großstadt-Union und konservativer CDU alten Typs. Grußworte kamen außerdem von den Antifeministinnen Gabriele Kuby und Christa Meves.

„Demo für alle“

Die Demonstration am 5. April 2014 stand unter dem Motto „Elternrecht wahren! Stoppt Gender-Ideologie und Sexualisierung unserer Kinder per Bildungsplan“ und an ihr beteiligten sich diesmal etwa 1.000 Personen. Die Veranstaltung wurde auch als „Demo für alle“ beworben. Dieser Slogan nimmt Bezug auf die homophoben Demonstrationen in Frankreich gegen die Einführung der Homo-Ehe durch die neue sozialistische Regierung, die unter genau diesem Motto von Januar bis Mai 2013 von der Organisation „Manifs pour tous“ („Demo für alle“) organisiert wurden. Das „für alle“ spielt dabei an auf die Idee der „Ehe für alle“ der Befürworter der Homo-Ehe. Auch die mitgeführten hellblauen und rosa Luftballons orientierten sich am französischen Vorbild. Am 5. April sprach dann u.a. neben Gabriele Kuby, einer Vertreterin der AfD mit Pierre-Louis Santos auch ein Vertreter von „La Manif pour tous“.

Inzwischen scheint das rechtskonservative Netzwerk „Zivile Koalition“ bzw. ihr Ableger „Initiative Familienschutz“ unter Vorsitz von Hedwig von Beverfoerde die Organisation der Demonstration übernommen zu haben. Vorsitzende der „Zivilen Koalition“ ist Beatrix von Storch, Europawahl-Spitzenkandidatin der AfD auf dem aussichtsreichen Listenplatz Nummer 4. Das bedeutet einen Professionalisierungsschub, da die „Zivile Koalition“ auf allerhand Erfahrungen in dem Bereich politischer Lobbyarbeit zurückgreifen kann und über ein gut funktionierendes Verteiler-Netzwerk verfügt.

Schwacher Gegenprotest

Der Gegenprotest hat hingegen inzwischen sehr abgenommen. Wurde der erste homophobe Marsch in Stuttgart noch durch Blockaden gestoppt, so konnten die nächsten beiden Demonstrationen durch den Schutz von mehreren hundert Polizisten und aggressiven Demo-Ordner problemlos ihre Route ablaufen. Hatte der CSD-Stuttgart noch bei den letzten beiden Demonstrationen eine Gegenkundgebung veranstaltet, so verzichtete er am 5. April ganz auf eine solche. Offenbar sind die Ereignisse von Stonewall in Vergessenheit geraten.

Foto: Janosch Keller
Foto: Janosch Keller

Angefangen hatte die Kampagne gegen die geplanten neuen Inhalte im Lehrplan mit einer am 28. November 2013 gestarteten Online-Petition. Diese war initiiert worden von dem Realschullehrer Gabriel Stängle aus Rohrdorf (Kreis Calw). Stängle ist aktiv in der christlichen Gemeinschaft „Prisma-Gemeinschaft e.V.“, die sich selbst als „bibelorientiert“ beschreibt. Die Domain „www.bildungsplan2015.de“ zu der Online-Petition wird von einem weiteren Mitglied aus dieser Gruppe verantwortet.

In der Petition ist die Rede davon, dass „eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen“1 stattfinden würde, die „einer propagierenden neuen Sexualmoral“ das Feld bereite. Es ist weiter die Rede von einer fehlenden „ethische[n] Reflexion der negativen Begleiterscheinungen eines LSBTTIQ-Lebensstils, wie die höhere Suizidgefährdung unter homosexuellen Jugendlichen, die erhöhte Anfälligkeit für Alkohol und Drogen, die auffällig hohe HIV-Infektionsrate bei homosexuellen Männern“. Zudem heißt es: „Aus der gleichen Würde jedes Menschen folgt noch nicht, dass jedes Verhalten als gleich gut und sinnvoll anzusehen ist. […] Wir widersprechen den Plänen der Landtagsfraktion der Grünen (6), die Geschlechtserziehung aus dem Biologieunterricht in die sozialwissenschaftlichen Fächer zu verschieben, um so Sexualpolitik im Sinne der LSBTTIQ zu implementieren und die Geschlechter von Mann und Frau durch Gendertheorien infrage zu stellen.“

Bis zum Auslaufen der Online-Petition am 27. Januar 2014 unterschrieben die Petition, die intensiv im Stil des sogenannten ‚viralen marketing‘ online beworben wurde, knapp 200.000 Menschen, davon etwas weniger als die Hälfte aus Baden-Württemberg. Ein Teil der Unterschriften wurde auch handschriftlich gesammelt.

Auch nach dem Ende der Petition und der Übergabe der Unterschriften-Listen ist die Gruppe der InitiatorInnen weiter aktiv. Im Gegensatz zu den DemonstrantInnen geht sie dabei einen leiseren und pragmatischeren Weg, der aber evtl. genau deswegen erfolgversprechender ist.

Von den Demonstrationen distanzierten sich die Online-Petition-Initiatoren anfangs noch. In ihrem neuesten Newsletter wiesen sie aber auf die Demonstration am 5. April hin und legten nur ein schwaches „Bitte beachten Sie: Wir beteiligen uns derzeit nicht an öffentlichen Demonstrationen und sind auch nicht Veranstalter von Demonstrationen!“ nach. Offenbar ziehen beide Gruppen durchaus bewusst an einem Strang.

Foto: Janosch Keller
Foto: Janosch Keller

Der gemeinsame Druck auf die Landesregierung scheint dabei einen gewissen Erfolg zu zeigen. So gab es am 7. März 2014 ein Treffen von Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) mit christlich-konservativen Vertretern, bei dem über den „Bildungsplan 2015“ und insbesondere die „Akzeptanz Sexueller Vielfalt“ diskutiert worden sein soll. Unter den Teilnehmenden war Hartmut Steeb, der Generalsekretär des evangelikalen Dachverbandes „Deutsche Evangelische Allianz“ und Pfarrer Steffen Kern, Vorsitzender des württembergischen Gemeinschaftsverbandes „Die Apis“ und damit Vertreter des konservativ-pietistischen Flügel der evangelischen Landeskirche, der in Baden-Württemberg traditionell besonders stark ist.

Fazit: Politisierung der rechtsklerikalen Szene

In Stuttgart herrschen noch lange keine Verhältnisse wie in Frankreich, wo der Hype auch erkennbar wieder abgeflaut ist, doch hat die christlich-fundamentalistische Szene mit den Demonstrationen hierzulande bewiesen, dass es ihr möglich ist bis zu 1.000 Personen auf die Straße zu bringen. Eine Zahl, die in Deutschland von diesem Milieu nur zu den alljährlichen stattfindenden Anti-Abtreibungsmärschen in Berlin erreicht bzw. in den letzten Jahren dort übertroffen wurde. Die organisationsübergreifende Mobilisierung und die politische Zuwortmeldung in der Öffentlichkeit werden in großen Teilen der klerikalen und konservativen Rechten als Erfolg gefeiert. Es findet damit eine Politisierung der Rechtsklerikalen statt.

Doch ist diese Bewegung nichtsdestotrotz eine Abwehrbewegung. Die neue grünrote Landesregierung stellt mit ihrem Vorhaben tatsächlich die ‚bibeltreue‘ Deutungshoheit über das Familien-Modell in den Gemeinden und Familien in Frage. Nach deren Auffassung dringt damit die ’sündige‘ und ‚moderne‘ Welt in ihre Enklaven ein. Da in Deutschland die Schulpflicht herrscht, können sich die konservativen Familien und Gemeinden weniger gut dagegen abschotten als z.B. in den Vereinigten Staaten, wo es die Alternative des „Homeschooling“, d.h. des Unterrichts zu Hause, gibt. Einige Gruppen haben schon vor einiger Zeit darauf reagiert, indem sie eigene Schulen etabliert haben. Beispielsweise unterhält die katholische Piusbruderschaft in Deutschland zwei weiterführende Schulen, das Mädchengymnasium von Schönenberg und die Haupt- und Realschule von Saarbrücken, sowie vier Grundschulen in Saarbrücken, Memmingen, Göffingen und Rheinhausen. Doch stehen diese Schulen regelmäßig in der öffentlichen Kritik und sind zudem finanziell schwer zu unterhalten. Unklar ist, ob sich religiöse Privatschulen in Deutschland, auch immer an die vorgegebenen Lehrplan-Inhalte halten. So gibt es Hinweise darauf, dass an evangelikal geprägten Privatschulen die Evolutionstheorie nicht behandelt oder zugunsten von religiösen Erklärungsmodellen vernachlässigt wird.

Die Verankerung der „Akzeptanz sexueller Vielfalt“ ist nur ein Punkt, an dem die Auffassungen moderner Bildungspolitik und christlich-konservative Überzeugungen aufeinanderprallen. In Nordrhein-Westfalen wird ein ähnlicher Kampf um den Sexualkunde-Unterricht ausgefochten. Auch hier nennen sich die Veranstalter „Besorgte Eltern“ und sind in Köln bereits zweimal auf die Straße gegangen.

Trotz des überraschend starken Protests sind die Medienberichte über die Demonstrationen aber zumeist kritisch. Interviews mit Demonstrations-Teilnehmern offenbaren nicht selten eine sehr vulgäre Homophobie an der Basis, die sich noch nicht mal durch eine pseudo-objektive Argumentation tarnt. Bisher ist es den Demonstranten auch nicht erkennbar gelungen ihre verzerrte Sicht vom Bildungsplan oder Sexualkunde-Unterricht über ihr eigenes Milieu hinaus zu verbreiten. Sie erreichen nur andere Strömungen der politischen Rechten. Unbeteiligte Beobachter der Demonstrationen in Stuttgart verstanden oft nicht, worum es geht oder empfanden das Anliegen als krude und altertümlich. Zwar hat Kretschmann einen Teil der Bildungsplan-Gegner durch sein Treffen mit ihnen zu Gesprächspartner aufgewertet, dürfte aber kaum zu inhaltlichen Zugeständnissen bereit sein.

Obwohl in Stuttgart noch lange keine französischen Verhältnisse drohen, gilt es die Situation kritisch im Blick zu behalten und zu analysieren. Wer findet hier zueinander? Wer wird politisiert? Wer ist Akteur? Ihr parteipolitisches Sprachrohr dürften die Bildungsplan-GegnerInnen trotz des gleichzeitigen Bemühens von „Die Rechte“, NPD, Republikanern, „Partei Bibeltreuer Christen“, „Arbeit Umwelt Familie – Christen für Deutschland“ oder der bereits erwähnten Partei „EINHEIT“ und den Flirtversuchen der Landes-CDU vor allem in der „Alternative für Deutschland“ sehen. Die AfD war auf dem Demos durch ihre Mitglieder am sichtbarsten vertreten und hat schon relativ früh Position gegen den „Bildungsplan 2015“ bezogen.

Untergangsszenarien und Demokratie von oben

letztedeutsche

Ex-Bundesbanker und SPDler Thilo Sarrazin zieht wieder gegen „Gleicheitswahn“ und „Tugendterror“ zu Felde, um Deutschland vor dem demografischen Untergang zu retten. Die AfD und andere Populisten warnen vor „Einwanderung in die Sozialsysteme“. Alles keine neuen Phänomene: Die deutsche Untergangsliteratur kann auf eine lange Tradition zurückblicken.

Von Patrick Gensing und Andrej Reisin aus dem Buch Der Präventivstaat*

Der einsame Kampf der deutschen Jugend gegen die Horden von Greisen...
Der einsame Kampf der deutschen Jugend gegen die Horden von Greisen…

Die Menschen werden nicht erst seit gestern mit Ängsten vor angeblichen Gefahren überzogen: Hinweise auf vermeintliche Risiken, die bestimmte Maßnahmen unumgänglich erscheinen lassen sollen, sind so alt wie die Politik selbst. Zu den seit Jahren populärsten Thesen gehört dabei die ständige Warnung vor einer „demografischen Katastrophe“, mit der unter anderem die Teilprivatisierung der gesetzlichen Rentenversicherung im Zuge der Riester-Reformen begründet wurde.

Es gilt mittlerweile fast als unumstößliche Wahrheit, dass auf deutschen Straßen bald nur noch Greise mit Rollator unterwegs sein werden. Je nach Grad der Schwarzmalerei wird es in einigen Dekaden ohnehin gar keine Deutschen mehr geben, womit vor allem deutschstämmig gemeint ist, denn Bevölkerungszuwachs durch Migration ist in diesen Horrorszenarien meist nicht vorgesehen oder gar unerwünscht.

Ältere Bevölkerung, aber mehr Sozialstaat

Nur wenige stellen die Schieflage einer komplett ergrauten Gesellschaft in Frage; einer dieser Zweifler ist der Statistiker für Wirtschafts- und Sozialforschung Prof. Gerd Bosbach: Er verweist darauf, dass die Bevölkerung auch im 20. Jahrhundert bereits massiv älter wurde: „Der Jugendanteil ist gesunken und der der Rentner hat sich mehr als verdreifacht“, so Bosbach. „Trotzdem sind wir nicht ausgestorben und der Sozialstaat wurde auch nicht abgebaut. Im Gegenteil: Der Sozialstaat wurde massiv ausgebaut, die Arbeitszeit verkürzt und der Wohlstand für alle erhöht.“

Die Ursache dafür ist laut Bosbach so unmittelbar wie einleuchtend: „der Produktivitätsfortschritt“: Betrage dieser „in den nächsten 50 Jahren durchschnittlich nur ein Prozent – und das ist eine sehr pessimistische Prognose für unsere Wettbewerbswirtschaft – so würden im Jahr 2060 in jeder Arbeitsstunde zwei Drittel mehr als heute hergestellt.“

Oder anders ausgedrückt: Während statistisch betrachtet heute 3-4 Arbeitnehmer einen Rentner versorgen, werden dafür 2060 vermutlich 1-2 Arbeitnehmer ausreichen – was den Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung in etwa entspricht.

Garant für Reichtum? Die Bevölkerung Gambias ist extrem jung - kein Zeichen von Wohlstand.
Garant für Reichtum? Die Bevölkerung Gambias ist extrem jung – kein Zeichen von Wohlstand.

Eine ältere Bevölkerung mit weniger Kindern ist eben gerade ein Zeichen materiellen Wohlstands, da niemand mehr zahlreiche Kinder in die Welt setzen muss, damit diese später im Alter die Eltern gemeinsam versorgen. Dieses – früher auch in Deutschland anzutreffende – „Modell“ existiert heute nicht ohne Grund fast ausschließlich in bitterarmen Entwicklungsländern.

Die Warnungen vor der „demografischen Katastrophe“ sind also offenbar vor allem Panikmache, sofern man annimmt, dass die Löhne anteilig am Produktivitätsfortschritt ebenfalls steigen. Es geht in Wirklichkeit eher darum, wie Arbeit zukünftig organisiert und der Wohlstand verteilt wird.

Die Erzählungen vom Untergang des eigenen Volkes sind auch alles andere als neu oder originell. Gerade im deutschen Konservatismus und bei den Stichwortgebern der NS-Ideologie war stets vom „Volkskörper“ die Rede, der gegen das Aussterben geschützt werden müsse. Entsprechende Literatur ist in Deutschland seit weit mehr als 100 Jahren populär, was wir im nächsten Teil „Untergangsszenarien und Demokratie von oben: Schafft Deutschland sich ab?“ thematisieren.

*Dieser Text stammt aus dem Buch „Der Präventivstaat – Warum Gesundheits-, Kontroll- und Verbotswahn Freiheit und Demokratie gefährden“– eine Streitschrift gegen das Primat der Prävention als Weg in einen Überwachungs- und Sicherheitsstaat, in eine fanatische Sicherheits- und Sittenwächtergesellschaft.

Alle Artikel zum Präventivstaat.

„Sind hier etwa Schwuchteln anwesend?“

Abstruse Theorien, homophobe Sprüche und ein Veranstalter, der die Anwesenden filmt und fotografiert. Ein Abend mit Christa Meves in Donaustauf. Sie gilt als Deutschlands führende Homophobe.

Von Mathias Roth, mit freundlicher Genehmigung von regensburg-digital übernommen

Nach einer rassistisch motivierten Unterschriftenliste gegen ein Asylbewerberheim und der geschichtsrevisionistischen Rede von Bürgermeister Jürgen Sommer am Volkstrauertag war dieses Mal das Katholische Pfarramt St. Michael in Donaustauf Kulisse für veraltete Ideologien.

Zusammen mit der „Katholischen Erwachsenenbildung im Landkreis Regensburg“ hatte Pfarrer Erich Renner die „Psychagogin“ Christa Meves zum Vortrag geladen: „SOS – Die Familie retten, heißt Europa bewahren“ lautete die Botschaft, die es zu verbreiten galt.

So muss es laut Christa Meves sein- Die Mutter mit ihren Kindern. Foto: Roth

Für die Wahrheit zahlt man gern mal mehr…

Die konservativen Anhänger von Meves sind zahlreich. Und so füllt sich das Pfarrheim bis auf den letzten Platz. Insgesamt kommen über 120 Menschen, um ihr zu lauschen. Doch zuvor signiert die 88-Jährige noch persönlich ihre Bücher: Werke mit Titeln wie „Verführt. Manipuliert. Pervertiert: Die Gesellschaft in der Falle modischer Irrlehre“ und „Mütter heute: entwertet, beraubt, vergessen“ kommen beim geneigten Publikum an. In der Kasse landen mehrere hundert Euro Gewinn. Denn für die „Wahrheit“, sagt eine Frau mit fünf neuen Büchern, zahle man gerne mal mehr …

Einkaufstrubel am Büchertisch. Foto: Roth

Wahrheit – auch Christa Meves spart nicht mit diesem Begriff. Immer wieder betont sie in ihrem knapp einstündigen Vortrag, dass die Wahrheit auf der Seite der „Schere liegt, die für die Familie ist“. Die andere Seite dieser Schere seien jene gegen die Familie: die Ideologen. Diejenigen, die „vom bösen Geist erfasst sind, der nicht will, das die Bevölkerung aufwacht“.

Schwule: „Unnatürliche Konstrukte“

Doch wer ist das eigentlich – dieser „böse Geist“? Es sind, wie während des Vortrags und bei der anschließenden Diskussion zu erfahren ist, beispielsweise „die selbstbewussten Frauen, vor denen die jungen Männer Angst haben sie zu heiraten“. Es ist „das Gefühl von Autonomie bei den verselbstständigten Frauen, das sich negativ auf den ehelichen Zusammenhalt auswirkt und den Scheidungsboom heraufbeschworen hat“, beklagt Meves. „Pro Jahr werden in Deutschland jeweils 150.000 Kinder zu Scheidungswaisen.“

Filmte und fotografierte Anwesende: Thomas Albertin. Foto: Roth

Und Meves weiß genau, woher dieser Trend in Deutschland kommt: Mit der 68er-Generation habe eine Ära begonnen, mit der das „Volk mit relativen gesunden Familien und ohne Rauschgift – denn vor 1969 gab es noch kein Rauschgift in unserem Land“ bewusst von „Ideologen kaputt gemacht wurde“. So stammen aus dieser Zeit die Emanzipation der Frauen, das Gender Mainstreaming, von dem Meves weiß, dass es die „feste geschlechtliche Identität des Menschen abschaffen will“ und die Schwulen als „unnatürliche Konstrukte“, die die „gesunde Familie“ zerstören wollen.

Herr Albertin filmt und fotografiert

Dass nicht alle Zuhörerinnen und Zuhörer unkritisch an dieser „Wahrheit“ interessiert sind, bemerkt der Geschäftsführer der „Katholischen Erwachsenenbildung“ recht früh. Bereits vor der Veranstaltung filmt und fotografiert Thomas Albertin gezielt vermeintliche „Störer“. Beraten lässt er sich dabei von einem Neonazi aus dem Dunstkreis der NPD. Wahrscheinlich nichtsahnend.

Gegen drei junge Erwachsene, die am Anfang des Vortrags ein Transparent mit der Aufschrift „we hate homophobia“ entrollen, wird Albertin handgreiflich und bugsiert sie aus dem Pfarramt. Vorsorglich ruft er die Polizei, die ab diesem Zeitpunkt vor dem Pfarramt patrouilliert.

Tumultartige Szenen: Aktivistinnen entrollen ein Transparent im Pfarrheim. Albertin geht dazwischen. Foto: Roth

Spätestens nach dem zweiten Rauswurf eines jungen Mannes – er verneint Albertins Frage danach, ob ihm der Vortrag gefalle und fliegt daraufhin aus dem Saal – wird klar, dass hier nicht zimperlich mit Kritikern umgegangen wird.

Meves: Lügen und Erinnerungslücken

Auch Pfarrer Renner nutzt seine Moderatorenrolle, um KritikerInnen mundtot zu machen. Einem Journalisten, der Christa Meves auf ihre Lüge, dass sie nie für Leute in der rechten Szene referiert habe, anspricht, entzieht Renner das Wort. Positiven Stimmen für Meves werden mehrere Minuten Monolog eingeräumt. Kritische Beiträge werden mitten im Satz unterbrochen. Die so gestoppten Diskutanten dürfen sich nicht weiter beteiligen.

Würgte kritische Stimmen ab: Pfarrer Renner. Foto: Roth

Dennoch kommt der eine oder andere zu Wort. „Das, was Frau Meves sagt, ist für viele im Saal hart an der Grenze des Erträglichen“, so ein älterer Herr. Ein anderer meint: „Das, was hier gesagt wird, kann man als Demokrat nur schwer ertragen.“

Als ein junger Mann bei Meves nachfragt, weshalb ein homosexuelles Pärchen keine „gesunde Familie“ sein könne, schreit eine Frau aus den vorderen Reihen: „Sind hier etwa Schwuchteln anwesend?“. Meves überhört dies und kann sich plötzlich nicht mehr an ihre These von gleichgeschlechtlichen Lebensformen als „unnatürliche“ Konstrukte erinnern: „Wo habe ich denn etwas über Homosexuelle in dem Vortrag gesagt?“. Thomas Albertin fotografiert unterdessen den Fragesteller. Pfarrer Renner unterbindet weitere Nachfragen.

Von diesem Abend nehmen viele etwas mit …

Nach knapp eineinhalb Stunden spricht der Pfarrer das Abschiedswort. Die Dinge seien „komplex“. Es brauche „Hintergrundinfos“. „Darum ist es schwer, auf alle Fälle einzugehen.“ Dennoch sei es, so Renner, „gelungen, auf alle Fragen und Ansichten einzugehen und etwas mitzunehmen“.

Eine Polizeistreife musste vor dem Pfarramt Wache schieben. Foto: Roth

In der Tat werden viele von diesem Abend im Katholischen Pfarramt Donaustauf etwas mitnehmen: Die Anhängerinnen und Anhänger von Christa Meves viele neue Bücher und die „Wahrheit“. Die Polizisten vor der Tür die Frage, weshalb sie ein katholisches Pfarramt überwachen mussten. Die Kritiker von Meves die Einsicht, dass eben nicht jede Kritik erwünscht ist. Und natürlich Frau Meves selbst. Sie kann sich über einen gefüllten Geldbeutel freuen sowie über ein reines Gewissen, die „Wahrheit“ gegen „die Schere der Ideologen“ und Universitäten, die Medien und wohl allgemein gegen die Grundpfeiler einer humanistischen Moderne verteidigt zu haben.

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Siehe auch:  Schwulenfeindliche Ärzte auf Katholikentag“Made in Papa + Maman”: Frankreichs Kämpfer gegen die Ehe für alle Deutscher, Deutscher Islamhass in Schweizer Zeitungen,  Alle Artikel zu Sexismus und Homophobie

Die Welt zu Gast bei Philipp, Hans-Peter und Dirk

„Wer in Deutschland zur Gemeinschaft dazugehören will, der muss sich für eine Staatsbürgerschaft entscheiden!“ Und: Es gibt „für EU-Bürger nur das Recht, in Deutschland zu studieren, zu arbeiten und Steuern zu zahlen“. Außerdem:  In Afrika hungern die Kinder, da können die Armen hier doch Pferdefleisch-Lasagne fressen. Willkommen bei Philipp Mißfelder, Hans-Peter Friedrich und Dirk Niebel!

Von Robert von Seeve

Die doppelte Staatsbürgerschaft könnte in diesem Jahr zum Wahlkampfthema avancieren. Aber da war doch mal was? Genau, 1999 wollte Rot-Grün bereits die doppelte Staatsbürgerschaft einführen, doch die damalige Koalition hatte nicht mit dem stahlharten Widerstand der Konservativen gerechnet.

Einer, der damals schon verdammt alt in seinen Ansichten war, ist Philipp Mißfelder: Mittlerweile gerade 33 Jahre alt – und doch ein Veteran im Kampf gegen die politisch-korrekten Weltverbesserer.  „Es gab ja schon mal 1999 den Versuch, einen Doppelpass einzuführen“, erinnert sich Mißfelder im Deutschlandradio. Drei Namen nennt der CDUler im Zusammenhang mit dieser Kampagne: „Die CDU hat sich damals entschieden, mit dem Ministerpräsidenten Koch, mit dem CDU-Vorsitzenden Wolfgang Schäuble und der CDU-Generalsekretärin Angela Merkel, erfolgreich dagegen gestemmt“, schwelgt Mißfelder in Erinnerungen. Für die CSU war übrigens noch Edmund Stoiber, der einst von einer „durchrassten Gesellschaft“ sprach, an vorderster Front dabei.

NPD mit eigener Unterschriftenaktion

Mißfelder berichtet, er habe damals in Bochum am Infostand gestanden, „wo viele Menschen zu uns gekommen sind, die in ihrem Leben niemals CDU gewählt haben, und da unterschrieben haben“. Das beobachtete man wohl auch bei der NPD mit Sorge – die Neonazi-Partei startete so eine eigene Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft, um von der ausländerfeindlichen Stimmung zu profitieren.

 

Das Beispiel zeige, behauptet Mißfelder nun, dass die deutsche Bevölkerung auch nicht möchte, dass „dieser Doppelpass“ komme. So funktioniert parlamentarische Demokratie also, entschieden wird am Wahlstand der hessischen CDU oder beim Schlachtfest der Partei, wo man „gegen die Ausländer unterschreiben“ kann und Parolen wie „Deutschland den Deutschen“ zum guten Ton gehören (siehe Video oben) – und nicht etwa durch geheime, freie Wahlen.

All das kann man bestenfalls noch unter billigem Wahlkampf verbuchen, doch dass Mißfelder diese rechtspopulistische Kampagne noch heute verteidigt, ist tatsächlich schlicht erschreckend – vor allem, wenn man an die wenig später folgende NSU-Terrorserie denkt. Zwar dürfte die Kampagne nicht Motiv für die rassistischen Morde gewesen sein, doch dürften sich NSU und Unterstützer in ihrem Tun bestätigt gefühlt haben, immerhin berufen sich  Neonazis immer wieder darauf, sie vollstreckten nur den „geheimen Volkswillen“.

Plünderungen und Sprengsätze

Das Thema Ausländer, die nicht zu „unserer Gemeinschaft“ gehören können, sollen oder wollen, beschäftigt auch Innenminister Hans-Peter Friedrich immer wieder. Er führt aktuell den Kampf gegen die Nachteile der Europäischen Union, einer Gemeinschaft, die Deutschland zwar die Vormachtstellung auf dem Kontinent eingebracht hat und durch Drittstaatenlösung die „Asylantenströme“ vom Leib hält, die aber dennoch einige lästige Pflichten mit sich bringt – beispielsweise die Freizügigkeit für alle EU-Bürger.

Da Friedrich offenbar befürchtet, demnächst würden Horden vom Balkan legal ihre Raubzüge durch die deutschen Nachbarschaften starten (Feindbild: „Zigeuner“), munitioniert er – wohl auch schon in Richtung Wahlkampf denkend, schon einmal rhetorisch die Abwehrgeschütze.  Die Zuwanderung von Armutsflüchtlingen könne „zum Sprengsatz für die europäische Solidarität“ werden, so Friedrich gegenüber der „Rheinischen Post“. „Wenn die Menschen in Deutschland das Gefühl bekommen, dass ihre Solidarität und ihre Offenheit missbraucht und unsere Sozialkassen geplündert werden, dann wird es berechtigten Ärger geben.“ Um mögliche letzte Unklarheiten zu beseitigen, warnt Friedrich: Mit der vollständigen Freizügigkeit für die Bürger aus Rumänien und Bulgarien ab 2014 könne die Armutszuwanderung „eine neue Dimension bekommen“.

Übersetzt heißt das: Entweder, ihr kümmert euch darum, dass arme Menschen keine Freizügigkeit genießen, oder wir scheren uns nicht mehr um die „europäische Solidarität“, die ohnehin darin besteht, dass Berlin anderen Staaten eine knallharte Austeritätspolitik diktiert. Der dezente Hinweis auf die vermeintliche Gastfreundschaft, Solidarität und Offenheit der Deutschen, die man lieber nicht strapazieren sollte, kommt spätestens seit Rostock-Lichtenhagen und der rassistischen Gewaltwelle damals, sicherlich an. Friedrich fasst die deutsche Offenheit überraschend ehrlich zusammen: Es gebe für EU-Bürger nur das Recht, in Deutschland zu studieren, zu arbeiten und Steuern zu zahlen.

Und wer anderes will, beispielsweise eine doppelte Staatsbürgerschaft oder Gegenleistungen für seine Steuern, der wird den Zorn der gastfreundlichen Gastgeber zu spüren bekommen.

Armut wird altbewährt mit Grenzkontrollen entgegnet, ein europäisches Erfolgsmodell, das jährlich Tausende Flüchtlinge aus Afrika, die sich in die Obhut des Friedensnobelpreisträgers begeben wollen, kurzerhand zu Fischfutter im Mittelmeer macht – ganz ohne Umetikettierung. Wenn diese paramilitärische Abwehr nicht mehr funktioniert, weil die Freizügigkeit in der EU gilt, wird eben Druck auf die jeweilige Regierung aufgebaut.

Pferd für den Pöbel

Doch auch innerhalb „unserer Gemeinschaft“ herrschen graduelle – manche würden von Klassen sprechen –  Unterschiede, was das Recht auf menschenwürdiges Leben angeht. Während Besserverdienende immer neue familienpolitische Geldgeschenke bekommen, um sich fleißig zu vermehren, sollen die Abgehängten mit Pferdefleisch-Lasagne abgespeist werden.

Logo "Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln"
Logo „Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln“

Frei nach dem Motto „Iß deinen Teller leer, denn in Afrika hungern die Kinder“ unterstützt passenderweise Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) den Vorschlag eines CDU-Hinterbänklers, aussortierte Lebensmittel an Bedürftige zu geben. „Auch in Deutschland gibt es leider Menschen, bei denen es finanziell eng ist, selbst für Lebensmittel. Ich finde, da können wir hier in Deutschland nicht gute Nahrungsmittel einfach wegwerfen“, sagte Niebel der „Bild“ – übrigens passend zum 20. Geburtstag der „Tafeln“, die Lebensmittel sammeln und an Arme verteilen. Eine tolle Sache, diese Tafeln, heißt es vielerorts lobend. Und sicherlich ist erst einmal nichts verkehrt daran, die Not von Menschen kurzfristig zu lindern.

Das „Aktionsbündnis 20“ merkt aber treffend an, dass die 20-jährige Existenz von Tafeln in Deutschland sowie die zunehmende Verbreitung anderer existenzunterstützender Angebote (Kleiderkammern, Suppenküchen, Lebensmittelausgaben usw.) Ausdruck einer sich verfestigenden Armut in Deutschland seien. „Der große Zulauf zu den Tafeln ist ein deutliches Zeichen einer verfehlten Sozialpolitik“, kritisiert das Bündnis.

Linktipp: Jobcenter klagt wegen 15 Cent – und verliert

„Der Kuchen ist verteilt, die Krümel werden knapp!“, textete Kettcar in ihrem Song „Deiche“. Statt den immensen Wohlstand also gerechter zu verteilen, hat sich längst eine Armutswirtschaft etabliert, um die Reste des Reichtums sinnvoll zu verwerten.

Um möglicherweise aufkommende Wut der Abgehängten in „unserer Gemeinschaft“ zu kanalisieren, bietet die Koalition nun wieder die als Sündenbock an, denen es noch schlechter geht: die „Armutsflüchtlinge“ vom Balkan, die „unsere Sozialkassen plündern“ wollen. Ein altbekanntes Spiel, das schnell blutiger Ernst werden kann, wenn aus Schlagworten erneut Brandsätze werden.

„Die Problematik des sogenannten Brain-Drains“

Die, die es sich aber leisten können, schlagen das „großzügige“ Angebot, in Deutschland Steuern zahlen und um Aufenthaltsgenehmigungen betteln zu dürfen, lieber aus und suchen sich andere Länder, in denen sie eine Existenz aufbauen. Das ist auch schon Philipp Mißfelder aufgefallen – seine Erklärung dafür:

„Die Entscheidung, warum die Problematik des sogenannten Brain-Drains, also, dass Qualifizierte Deutschland verlassen, hängt doch nicht damit [gemeint ist die fehlende doppelte Staatsbürgerschaft] zusammen, sondern die Entscheidung hängt damit zusammen, dass vielleicht andere Standorte und andere Jobs attraktiver sind“.

Und warum sind „andere Standorte“ attraktiver? Unser Tipp: Weil die Welt, wenn sie nicht unbedingt muss, nicht zu Gast bei Leuten wie Philipp Mißfelder, Hans-Peter Friedrich und Dirk Niebel sein will.

Siehe auch: Amazon und Fury in the Slaughterhouse: Alles Kapitalismus oder was?, Berechnungen der Menschlichkeit, Deutschlands Redaktionen – reine Monokulturen, Keine Ansichtsache – Racial Profiling als institutionalisierter Rassismus, Spuckt den Menschen doch gleich ins Gesicht!, Menschen, keine Döner, “Wir haben kaum noch Vertrauen”Bade: “Tausendjährige deutsche Kultur ist eine völkische Fiktion”

Die FDP und der Sexismus gegen Männer

Dirk Niebel, FDP (Foto: Janwikifoto)


Wäre es nicht so typisch für den Umgang mit gesellschaftlichen Problemen, man hätte die Reaktionen der FDP im Fall Brüderle einfach ignorieren sollen. Als wahre Kämpfer wider des politisch-korrekten Totalitarismus gerierten sich die Liberalen. Nun, da die Debatte um den Sexismus und Rainer Brüderle medial am Abebben ist, geht Dirk Niebel zum Gegenangriff über: Er ruft zum Kampf gegen den Sexismus auf – Sexismus gegen Männer versteht sich.

Von Robert von Seeve

Dirk Niebel, FDP (Foto: Janwikifoto)
Dirk Niebel, FDP (Foto: Janwikifoto)

Der Mann ist Entwicklungsminister – und dementsprechend befragt die Zeitung „Die Welt“ Dirk Niebel auch einleitend zur Lage in Afrika, sprich: Ägypten. Viel Erhellendes hat er nicht beizutragen, sein Fazit des arabischen Frühlings in Kairo lautet, geblieben sei „ein Transformationsprozess, der Herausforderungen mit sich bringt. Manches ist verbesserungsfähig.“

Der Minister betonte, in Ägypten sollten, so wie in Deutschland, kleine und mittlere Unternehmen gestärkt werden – wohl auch, um die Kooperationen zu verbessern. Dass Niebel die Entwicklungspolitik stärker an deutschen Wirtschaftsinteressen ausrichten wolle, hatte er bereits freimütig im Jahr 2009 erklärt. „Es darf der deutschen Wirtschaft nutzen, wenn wir Entwicklungszusammenarbeit betreiben“, zitierte ihn die „Süddeutsche Zeitung“. Niebel wolle deutsche Hilfe zwar nicht direkt an Aufträge koppeln, aber „die Tür zu öffnen für den deutschen Mittelstand das ist richtig, wichtig und darum auch meine Aufgabe.“

Und da stört es dann auch nicht mehr weiter, dass ein ägyptischer Präsident Juden als Nachkommen von „Schweinen und Affen“ bezeichnet hat. Und es stört dabei ebenfalls wenig, dass Staaten, die für die Deutschen wirtschaftlich uninteressant sind, weil sie eben so arm sind, einfach ignoriert werden. Man soll es mit den oft beschworenen „Werten“ ja auch nicht übertreiben…

Vor allem, weil die Familie Niebel nur zu genau weiß, was politische Korrektheit anrichten kann! Da wären beispielsweise Niebels Kinder, die unter einem „Promi-Malus“ leiden – und dies „erst recht, wenn der Vater in der FDP ist und viele Lehrer rot-grün angehaucht sind“. Das sei „nicht immer einfach“, so Niebel, aber „meine Söhne haben gelernt sich durchzusetzen“.

Echte Leistungsträger werden wohl nur diejenigen, die durch das rot-grün angehauchte Fegefeuer müssen. Davon profitieren dann auch die rot-grünen Gammler und Bedenkenträger, folgt man Niebel, denn die FDP sei die Partei der sozialen Gerechtigkeit. Liberale Politik sei „im Kern die gerechteste Politik, weil sie den Menschen die Chance gibt, ihr Leben selbst zu gestalten“ – wenn sie dazu in der Lage sind und das nötige Kleingeld haben, möchte man hinzufügen. Aber: Der Markt wird es schon richten!

Erfolg bei Frauen durch kluge Familienpolitik

Leider hat es der Markt noch nicht gerichtet, dass sich mehr Frauen bei der FDP engagieren, gerade einmal 20 Prozent beträgt der weibliche Anteil des FDP-Personals. Woran es liegen könnte, verrät Niebel unfreiwillig:

Entscheidend ist, dass unsere Inhalte deutlicher die Lebenswirklichkeit von Frauen widerspiegeln. […] In der Wirtschafts-, Finanz- und Außenpolitik wird uns eine ausgesprochene Kompetenz zugewiesen. Aber unsere kluge Familienpolitik ist in der Vergangenheit zu wenig nach außen transportiert worden.

Wirtschafts-, Finanz- und Außenpolitik = Männersache, kluge Familienpolitik, die nur besser kommuniziert werden muss, damit die dusseligen Hühner das auch verstehen, soll dann aber „auch“ den Erfolg bei Frauen bringen. Dass eben genau dieses Weltbild von Niebel, Brüderle und Kubicki das Problem sein könnte, kommt den Liberalen, die Liberalismus als reines Leistungsdenken und Freiheit als das Recht des Stärkeren definieren, offenbar nicht in den Sinn.

Und so behauptet Niebel denn auch kurzerhand, es gebe gar keine Brüderle-Debatte, „sondern eine Debatte über guten Journalismus“. Gesellschaftliche Debatten sind nicht Niebels Sache, der Einzelne steht in der Pflicht und muss alles selbst klären: Es stehe die Frage im Raum, so Niebel, ob „jemand, der sich von irgendwas gestört fühlt, so etwas in einem persönlichen Gespräch ausräumen sollte oder ein Jahr wartet und dann eine parteipolitische Kampagne daraus machen will“. Andererseits, werter Herr Niebel, sollte Leistung sich nicht lohnen? Und ist nicht ein am rechten Zeitpunkt veröffentlichtes Porträt auch eine Leistung?

Das verschwiegene Problem

Aber man soll nicht ungerecht sein, denn Niebel räumt ein, dass die Debatte über das Verhältnis der Geschlechter in Deutschland – die es nun doch offenbar gibt, obwohl der Minister diese zuvor als nicht existent erklärt hatte – vernünftig und notwendig sei. Und, man höre und staune: „Es gibt viele Frauen, die belästigt werden.“ Was darf bei einem solchen Satz auf keinen Fall fehlen? Richtig: das „aber“. Here we go:

„Aber es gibt auch viele Männer, die belästigt werden. Darüber wird kaum gesprochen, und dieser Aspekt wird extrem verschämt behandelt. Dass Männer belästigt werden, passt ja nicht zum Mainstream.“

Niebel entwickelt hier eine Art Sexismus-Extremismus-Theorie, ein nicht zu leugnender gesellschaftlicher Befund wird stets mit einem „aber“ verknüpft, um zu relativieren oder auf andere vermeintliche Probleme abzulenken. Bei Kristina Schröder heißt es sinngemäß: Ja, es gibt mordende Neonazis, aber wir dürfen nicht die Verfassungsfeinde von Links aus den Augen verlieren. Bei Augstein & Co. klingt es ungefähr so: Ja, es gibt Antisemitismus, aber nicht bei mir und ich lass mir doch nicht meine Israel-Kritik von Juden verbieten. Und bei den Freunden des N*-Wortes in Kinderbüchern heißt es, Rassismus sei schlimm, aber den weißen Kinderchen könne man ja den Begriff erklären und wenn sich schwarze Kinderchen oder deren Eltern davon gestört fühlen, sollen sie sich a) nicht so anstellen und b) halt etwas anderes lesen.

Leistungsdenken überall, außer bei der FDP

Angereichert werden solche Nonsense-Argumentationsketten dann noch mit einem Verweis auf die eigene vermeintlich rebellische Haltung und den gesellschaftlichen Mainstream, gegen den man sich stemme. Es ist die Rhetorik derer, die arm an Argumenten sind, die sich nur noch mit Verschwörungstheorien über den linken Meinungsterror zu helfen wissen, denn dass das Problem vielleicht bei ihnen selbst als Teil des Mainstreams liegen könnte, ist als mögliche Option in diesen Weltanschauungen nicht vorgesehen.


Wobei man Niebel in einer Sache recht geben muss: Das FDP-Bashing ist wenig originell und zum Volkssport geworden. Aber (!) vielleicht auch, weil sich die individuelle Leistung, die längst zum wichtigsten gesellschaftlichen Wert erhoben wurde, ausgerechnet bei der FDP eben nicht lohnt – oder welche Leistungen genau qualifizieren Rainer Brüderle eigentlich zum Spitzenkandidaten einer Regierungspartei? Oder auch Dirk Niebel zum Entwicklungsminister? Vielleicht ist es Niebels Weitsicht, mit der er das kommende Thema der Entwicklungspolitik, nämlich Sexismus gegen Männer, erkannt hat. Um auf dieses drängende Problem hinzuweisen, empfiehlt Publikative.org der FDP eine Twitter-Aktion zu initiieren – hashtag: #urschrei.

Siehe auch: Brüderle & Co.: Kein Kompliment, sondern eine Demütigung!Der “Focus” und die Frauenquote: F… und an die eigenen Privilegien denkenGaming: Den Endsieg erlebenDoppelmoral statt Doppelpass: Der Fall van der Vaart,  In einem fernen Land …Quo vadis Piraten?Zwischen Testosteron und Tradition – Menstruation ist MensurneidPutzgutschein über 350 Millionen EuroNicht die Verantwortung der Opfer: Kampagne gegen sexualisierte Gewalt

„Made in Papa + Maman“: Frankreichs Kämpfer gegen die Ehe für alle

Mit der „Mariage pour tous“, also der Öffnung der Ehe für Homosexuelle, erfüllt der französische Präsident Hollande eines seiner Wahlversprechen. Doch seitdem er den Gesetzesentwurf vorgelegt hat, hat sich ein breites, heterogenes Bündnis dagegen aufgestellt – mit einer verlogenen homophoben Argumentation.

Von Matthias Stelte*

Demonstration gegen gleichgeschlechtliche Ehen in Frankreich. (Foto: cbr_perso / Christophe BECKER / flickr.com / CC BY-NC 2.0)
Demonstration gegen gleichgeschlechtliche Ehen in Frankreich. (Foto: cbr_perso / Christophe BECKER / flickr.com / CC BY-NC 2.0)

Gestern haben in Frankreich landesweit erneut mehr als 80.000 Menschen dagegen demonstriert, die Ehe auch für Schwule und Lesben zu öffnen – inklusive des Rechts auf Adoption. Am 27. Januar hatten sich in Paris bis zu 400.000 Menschen versammelt, um für die „Mariage pour tous“ zu demonstrieren, dem Projekt des französischen Präsidenten Francois Hollande. So geht das seit einigen Wochen in Frankreich: Demonstrationen für und gegen die „Mariage pour tous“ finden im ganzen Land statt. Es ist momentan das beherrschende Thema der französischen Innenpolitik.


„Entschlossen gegen die Homoehe – ohne Homophobie“

Die Katholische Kirche und auch die konservative UMP, die Partei des ehemaligen Präsidenten Nicolas Sarkozy, riefen in der Vergangenheit zu Protesten gegen die Öffnung der Ehe auf – bis hierhin ist alles wenig überraschend. Doch das Bündnis gegen dieses Vorhaben ist viel breiter aufgestellt und arbeitet mit einer perfiden Argumentation. Denn angeblich geht es gar nicht darum, LGBT‘s zu diskreditieren, ihren Lebenswandel zu verdammen, sie gar bekehren zu wollen – nein, die Gegner schreiben sich das Thema Homophobie selbst groß auf ihre Fahnen. Unter dem Motto „Entschlossen gegen die Homoehe – ohne Homophobie“ führen sie ihren Kampf.

Dabei sind die  Gegner ein Sammelsurium unterschiedlichster Interessengruppen, die eines antreibt: Die Angst vor dem Untergang der Grande Nation. Und so tummeln sich neben den üblichen Verdächtigen auch zahlreiche Familien- und Kinderverbände unter den Gegnern: So zum Beispiel die in Frankreich bekannte Autorin und Society-Reporterin Frigide Barjot. Mit Xavier Bongibault hat die Allianz sogar einen schwulen Mann in ihren Reihen. Und auch aus der eigenen Partei gibt es Gegenwind für Hollande: Lionel Jospin, ehemaliger Premierminister spricht sich gegen die Öffnung der Ehe aus.

Selbst die Nazis müssen als Erklärung herhalten

In mehreren Interviews warf Bongibault dem Präsidenten und den französischen LGBT-Verbänden vor, mit der Öffnung der Ehe homophob zu handeln und begründet Bongibault diesen Vorwurf mit nichts Geringerem als einer Nazi-Analogie: Denn, so Bongibault, die Annahme, dass jedeR HomosexuelleR für die Homoeehe sei, weil sie oder er lesbisch oder schwul sei, sei die gleiche Ideologie, wie es „ein bekannter Deutscher 1933 formulierte, der gesagt hat, der Homosexuelle handele nur nach seinen Trieben, er könne nicht politisch-reflektiert handeln.“

Auf wen sich Bongibault bezieht, ist allerdings unklar. Denn Hitler selbst hat sich so gut wie gar nicht zum Thema Homosexualität geäußert. Es gibt eine berüchtigte Rede von Heinrich Himmler, in der er sagt, homosexuelle Männer würden den Staat durch Cliquenbildung untergraben, da sie ihre Cliquen nach Attraktivität und nicht nach Leistung bildeten. Diese Rede hielt Himmler 1937. Ob Bongibault Himmler oder jemand anders mit dem „bekannten Deutschen“ meint – es ist ein kruder Vergleich, der zudem ein Schlag ins Gesicht für die homosexuellen Opfer des Nationalsozialmus ist.

„Diskriminierung ist unerträglich, aber…!“

Doch was eint die Gegner im Kampf gegen die Homoehe – vom rechten politischen Rand, über diverse Familien- und Kinderschutzbünde bis hin zu Politikern der Sozialisten, der Partei Hollandes? Es ist eine französische Eigenheit, die dieses Bündnis möglich macht: Nämlich die tief in der französischen Republik verwurzelte Überzeugung, dass die Ehe ausschließlich einem Zweck dient, der Fortpflanzung von Mann und Frau, um das Überleben Frankreichs zu sichern. Die Angst vor dem Untergang und Bedeutungsverlust durch sinkende Einwohner treibt die französische Politik seit langem an. Charles de Gaulle schrieb in seinen Memoiren: „Die Erhöhung der Bevölkerungszahl ist zweifellos die wichtigste von allen Investitionen“. Diese Ansicht ist Konsens in allen Parteien und Bevölkerungsschichten in Frankreich.

Das ist also die Aufgabe der Ehe: für ausreichend französische Staatsbürger zu sorgen. Die Ehe ist die Grundlage der Nation, wie es im Code Civile festgeschrieben ist – sie dient in erster Linie der Reproduktion. Dieses Argument, die Berufung auf den Code Civile und die „natürliche Ordnung“ werden von den Gegnern einer Öffnung der Ehe herangezogen. So erklärte jüngste Jospin in einer Fernsehdebatte: Die Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung sei unerträglich, „aber vergessen wir nicht, dass die Menschheit in Mann und Frau angelegt ist“. Diese Aussage zeigt zudem deutlich, dass es Aufgabe von Heterosexuellen ist und auch bleiben soll, für Nachwuchs zu sorgen. Kinder von Homosexuellen? Das scheint eine mindestens genauso große Gefahr wie das Aussterben der Grande Nation.

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Die Öffnung der Ehe würde den Code Civile erschüttern, und systematisch die Wörter „Mutter, Vater, Ehemann und Ehefrau“ auf Kosten des geschlechtslosen Wortes „Eltern“ abschaffen, sagen die Gegner der „Mariage pour tous“. Ja, mehr noch: Wenn Schwule und Lesben heiraten und Kinder kriegen dürfen, schaffe dies eine neue anthropologische Ordnung auf Basis der sexuellen Orientierung.

In den Argumentationen werden auch immer wieder Studien bemüht, die angeblich belegen sollen, dass die Kinder in einer gleichgeschlechtliche Elternschaft verwirrt und verstört werden. So ist es kaum verwunderlich dass bei den Protesten Schilder zu sehen wie: „Made in Maman et Papa“, oder „1 Papa 1 Maman ça même La Verité“, „Papa, Maman, Kinder: DAS ist natürlich“. Das es sich beim Kampf gegen die Ehe für alle um eine Angelegenheit nationaler Tragweite handelt, verdeutlichen jungen Frauen, die auf den Demonstrationen als Marianne verkleidet mit blau-weiß-rote Schärpen auftreten.

Regenbogenfamilien sind eine Normalität

Dabei sind in Frankreich wie in Deutschland, Regenbogenfamilie längst eine vielfache Normalität. Es würde der Diskussion – beiderseits des Rheins – helfen, wenn man einmal diejenigen fragt, über die immer geredet wird. Das hat das Süddeutsche Magazin kürzlich gemacht und mit mehren Kindern aus Regenbogenfamilien gesprochen. Die Gegner der Homoehe fordern übrigens ein Referendum über das Gesetz. Dabei haben die Wählerinnen und Wähler im April und Mai schon längst darüber abgestimmt. Die Einführung der „Mariage pour tous“ stand im Wahlprogramm des sozialistischen Kandidaten und heutigen Präsidenten Hollande. Und: Jüngsten Umfragen zufolge sind 63 Prozent der Franzosen für die Einführung der Homoehe, allerdings befürworten nur 49 Prozent auch ein Adoptionsrecht. Das ist zwar noch nicht die Mehrheit, aber dieser Wert steigt im Vergleich mit vorherigen Umfragen nach oben.

*Matthias Stelte lebt in Hamburg und betreibt den Food- und Kochblog „kitchen proofed„.

Siehe auch: Der Konvent der identitären Bewegung„Wir geben die Farben zusammen“Pinkwashing – Israels “schwuler Propagandakrieg”Schwulenfeindliche Ärzte auf KatholikentagWie schwul ist Tofu, bitte?