Das Akademische Karussell: Die Einsamkeit Israels

Sorgt bei vielen Deutschen für Schnappatmung: Israel

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um Israel, Antisemitismus und den Iran.

Von Samuel Salzborn*

Stephan Grigat hat ein nachdenklich stimmendes Buch geschrieben: „Die Einsamkeit Israels“. Darin geht es, in zahlreichen kürzeren Einzelbeiträgen, um Zionismus und die Geschichte Israels, um Antisemitismus von links und von rechts und um die iranische Bedrohung Israels. Eigentlich geht es aber um die Mischung aus Verzweiflung und Zorn, die die gegenwärtige Haltung vieler Intellektueller aus Politik, Kultur und Wissenschaft auslöst, wenn man diese in antizionistischer Rhetorik antisemitische Stereotype formulieren hört. Stereotype, die mit Israel, seiner Geschichte und vor allem seiner Situierung als nach wie vor einziger Demokratie im Nahen Osten, die sich seit Staatsgründung aufgrund der militärischen und terroristischen Bedrohung notgedrungen im Ausnahmezustand befindet, wenig bis nichts zu tun haben.

Kaum jemand von denen, die sich Israel als Projektionsfläche für ihre antisemitischen Ressentiments suchen, hat sich ernsthaft mit der Geschichte und Politik des Staates befasst, der nicht nur in seiner formalen Strukturierung als Demokratie ein hohes Maß an Ähnlichkeit mit den westlich-republikanischen Modellen aufweist und dabei – etwa mit Blick auf den nach wie vor nicht abgeschlossenen Verfassungsgebungsprozess, bei dem in seiner pluralen Streitbarkeit durch die Implementierung von mehreren Grundgesetzen (den basic laws) in einen zukünftigen Gesamtkorpus möglichst viele Interessen integriert werden sollen – sogar ein höheres Maß an partizipatorischen Elementen integriert, als jene; sondern auch die israelische Gesellschaft ist in einem Maß streitbar, wie dies gerade für Deutschland unvorstellbar ist, noch zumal mit Blick auf die Selbstkritikfähigkeit, wie sie in der israelischen Postzionismusdebatte zum Ausdruck kam.
Dass von palästinensischer Seite eine ähnliche Diskussion geführt würde, zum Beispiel über die mythologische Verklärung der „Nakba“ oder das irrationale Aufrechterhalten eines angeblichen Flüchtlingsstatus über mehrere Generationen, scheint eine Hoffnung, die so unvorstellbar ist, dass sie gar nicht erst formuliert wird.

Der „Jude unter den Staaten“

Israels Weg „von Krieg zu Krieg“, den Grigat beschreibt, mündet aufgrund der antisemitischen Ziele, die Terrororganisationen wie die Hamas konstitutiv verfolgen, immer wieder in einer Situation, in der die Legitimationswahrnehmung international umgedreht wird: wird Israel zwar von den Antisemiten zum „Juden unter den Staaten“ gemacht und fortwährend von islamistischen Terroristen angegriffen, wird der Akt der Selbstverteidigung medial – zumindest in der deutschen Öffentlichkeit – schnell zur Aggression umgedeutet.

Dass eine Demokratie gar keine anderen Wahl hat, als sich gegen Terrorismus zu verteidigen, noch zumal wenn die agierenden Terrororganisationen offen die antisemitische Vernichtung als ihr zentrales Ziel erklärt haben, fällt in der beschleunigten Berichterstattung deutscher Medien oft unter den Tisch – was noch schwerer wiegt, wenn man mit Grigat reflektiert, dass der von westlichen Intellektuellen vorschnell ausgerufene „Arabische Frühling“ schon längst zu einem „islamistischen Herbst“ geworden ist.

Und hier droht Israel, mehr noch als durch die verbalen Delegitimierungsversuche, die Grigat am Beispiel von Jakob Augstein und Judith Butler stellvertretend für linken Antisemitismus und mit Blick auf die ungarische Jobbik-Bewegung und die NPD exemplarisch für rechten Antisemitismus beschreibt, durchaus substanzielle Gefahr, die die internationale „Einsamkeit Israels“ so erschreckend macht: vom Iran. Die Bedrohung Israels durch den Iran und die Fehler westlicher Appeasement-Politik werden von Grigat, der einer der wenigen deutschsprachigen Iran-Experten ist, in drei Beiträgen in dem Band skizziert.

Legitime Israel-Kritik? Rechte "Antizionisten" in Aktion (Foto Marek Peters)
Legitime Israel-Kritik? Rechte „Antizionisten“ in Aktion (Foto Marek Peters)

Viele der Texte von Grigat sind vorher an anderer Stelle erschienen. Es ist gut, dass sie jetzt noch einmal in einem Band zusammengetragen sind – zum einen, weil mittelfristig Artikel und Aufsätze immer schwieriger zu beschaffen sind, als Bücher, zum anderen, weil sich auch zeigt, dass der analytische Wert gerade der in Wochenzeitungen und Magazinen veröffentlichten Beiträge deutlich über die normale Halbwertzeit von Beiträgen dieses Formats hinausweist und sie langfristig für die Analyse von Antisemitismus wichtig bleiben – insbesondere des gegen Israel gerichteten Antisemitismus und gerade auch in seiner substanziellen und auf Vernichtung zielenden Bedrohung, wie sie durch den Iran manifestiert wird. Was bleibt nach der Lektüre ist die Hoffnung, dass doch noch einmal der Funke der Aufklärung einen großen Teil der intellektuellen Debatte in Deutschland ergreifen mag, der zu einer Umkehr mit Blick auf Israel führt. Eine einsame Hoffnung, fraglos. Denn dafür bedürfte es wohl zunächst einer Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit, eine Fähigkeit zur radikalen Selbstkritik, deren Abstinenz durchaus eine Verbindung zur Projektionsfläche darstellt, die die Palästinenser für viele Antisemiten bieten.

Stephan Grigat: Die Einsamkeit Israels. Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung, Hamburg: KVV konkret 2014, 181 Seiten.

* Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Von ihm ist in diesem Jahr erschienen:

Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze
Nomos/UTB: Baden-Baden 2014, 149 Seiten

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Auf Publikative.org schreibt Salzborn die Kolumne „Das Akademische Karussell“

 

Das Akademische Karussell: Nationalsozialismus und totale Herrschaft

IF

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um den Politikwissenschaftler Gert Schäfer und seine Arbeiten zu Nationalsozialismus und totaler Herrschaft.

Von Samuel Salzborn*

IF

Ohne Gert Schäfer wäre die deutschsprachige Diskussion über den Nationalsozialismus ohne Frage völlig anders gelaufen und hätte höchstwahrscheinlich zentrale Aspekte der Analyse totaler Herrschaft erst mit noch deutlicherem Verzug zur englischsprachigen Debatte reflektiert. Denn Schäfer war es, der eines der zentralen Werke über den Nationalsozialismus, das noch während der NS-Herrschaft erschienen war und sich intensiv der politiktheoretischen und damit konzeptionellen Analyse widmete, in den späten 1970er Jahren durch Übersetzung und kommentierte Herausgabe für die deutsche Diskussion zugänglich machen. Die Rede ist von dem Werk „Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus 1933–1944“ von Franz L. Neumann, das in Verbindung mit Ernst Fraenkels „Dual State“ bis heute in seiner analytischen Schärfe und Präzision zu den umsichtigsten Analysen der Herrschaftsstruktur des Nationalsozialismus gehört – trotz einiger Revisionen, die gerade mit Blick auf die von Neumann vorgenommene zu starke Betonung der Bedeutung der Ökonomie und seine weitgehende Ausblendung des Antisemitismus nötig waren. Dass der Nationalsozialismus kein Staat, sondern Neumann folgend ein totaler Unstaat war, der zentrale Aspekte moderner Vergesellschaftung in ihrer ambivalenten Integration von Freiheit und Souveränität zerstört hat, ist nicht nur für ein Verständnis des Nationalsozialismus zentral, sondern auch für die gesamte Staatstheoriediskussion.

Schäfer, der den „Behemoth“ in einer Zeit in die deutsche Debatte einbrachte, als diese noch von plump-ökonomisierenden Ableitungsdebatten oder der kollektiven Selbstentlastung dienenden Personalisierungsvorstellungen geprägt war, hat als Politikwissenschaftler in Frankfurt und Hannover mit den Schwerpunkten Politische Theorie und Gesellschaftstheorie sowie Analyse Politischer Systeme gelehrt und war nicht nur von der Kritischen Theorie, sondern auch stark von Hannah Arendt geprägt. Hat er zur NS-Forschung durch die deutsche Herausgabe des „Behemoth“ einen wesentlichen Beitrag geleistet, so war er in der politikwissenschaftlichen Debatte seither weniger präsent – wohl zum einen, weil er seinen Veröffentlichungen lange Reflexionsprozesse voranstellte, zum anderen, weil manche seiner Arbeiten an eher entlegenen Orten publiziert wurden. Sein mit Carl Nedelmann herausgegebenes Buch „Der CDU-Staat“ (1967) war dabei allerdings ein wesentlicher Motor zum Verständnis der autoritären Strukturen des Politischen Systems der Bundesrepublik bis in die späten 1960er Jahre hinein. Dass er überdies in den 1990er Jahren an seinem Interesse an der Analyse sozialistischer Theoriebildung festhielt, mag seine Unterschätzung in der jüngeren Politikwissenschaft erklären, wenn auch nicht begründen.

Peter Schyga kommt nun das große Verdienst zu, aus dem Nachlass von Gert Schäfer einige unveröffentlichte Arbeiten in einem Band unter dem Titel „Gewalt und Politik. Studien zu Nationalsozialismus und totaler Herrschaft“ herausgegeben zu haben. Neben einem Aufsatz zu Trotzki und einem zu Arendt sowie einem einleitenden Beitrag über „Das Ende von Weimar“ und einem schließenden über „Die Zerstörung der Aufklärung“ bildet ein Vorlesungszyklus über „Formen politischer Herrschaft“ das Herzstück dieser Edition. Der Band, der auf Textfragmenten in unterschiedlichen Graden der Verschriftlichung von Schäfer basiert – von komplett ausformulierten Texten bis hin zu losen Gedankengängen und Stichworten – wurde von Schyga in eine einheitliche Textstruktur gebracht, wobei viele der Auslassungen überzeugend begründet sind, in manchen Fällen wären aber gerade weggelassene, längere Zitate von Dritten ob der Lesbarkeit besser in den Text integriert worden. Insgesamt ist aber gerade im Hauptteil die Vorlesung über „Formen politischer Herrschaft“, in deren ersten Teil es im Sommersemester 1981 um „Bonapartismus, Faschismus/Nationalsozialismus, Autoritärer Staat“ und in deren zweiten Teil es im Wintersemester 1981/82 um „Autoritarismus und Totalitarismus im 20. Jahrhundert“ ging, gut editiert und zeigt die analytischen Gedankengänge von Schäfer, gerade an den Schnittstellen von Politischer Theorie- und Politischer Systemanalyse, in hervorragender Weise. Heute, da die Debatte in der Demokratie- und Autokratieforschung auf die empirische Analyse politischer Herrschaftssysteme fokussiert, kann man von Schäfer in Erinnerung gerufen bekommen, wie gewinnbringend eine theoretisch reflektierte Perspektive auf Fragen von Demokratie, Autokratie und Totalitarismus sein kann.

Schäfer spricht in seinen Vorlesungen über Schlüsselthemen der Politik- und Ideengeschichte und bindet sie an die Entstehung und Genese konkreter politischer Herrschaftssysteme, insbesondere den Nationalsozialismus. Stark im Zentrum stehen – natürlich – Carl Schmitt und Franz L. Neumann (unter anderem auch mit einem spannenden Versuch, Neumanns letzte Schrift „Angst und Politik“ noch einmal, wohl durchaus in Neumanns Sinne, für die Herrschaftsanalyse mit Blick auf das Moment der vergemeinschaftenden, nicht-rationalen Identifizierung fruchtbar zu machen), es werden Themenfelder wie Nationalismus, (Rasse-)Imperialismus, politische Ökonomie, Cäsarismus – Bonapartismus – Faschismus, Massen und Massenbewegungen, Gehorsam und Gewalt, Herrschaft, Freiheit und Eigentum, Autoritarismus und Totalitarismus, politische Gewalt, Recht und Gesetz, Rechts- und Polizeistaat diskutiert.

Gert Schäfer ist im Jahr 2012 gestorben. In den Jahren vor seinem Tod wollte er eigentlich noch einen Beitrag zur Analyse von Neumanns „Behemoth“ und der Entwicklung der Debatte über das Buch zu einem Sammelband über Neumann beisteuern, den der Verfasser dieses Beitrags herausgegeben hat. Dazu ist es aufgrund seiner schweren Erkrankung nicht mehr gekommen. Dem jetzigen Band kommt gleichwohl das Verdienst zu, zentrale Überlegungen von Schäfer zu Neumann und darüber hinaus zu autoritärer und totaler Herrschaft zu bewahren und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es wäre zu hoffen, dass diese intellektuelle Bewahrung Schäfers Rezeption in der Politikwissenschaft intensiviert.

Peter Schyga (Hg.): Gewalt und Politik. Studien zu Nationalsozialismus und totaler Herrschaft. Edition Gert Schäfer, Nomos: Baden-Baden 2014, 446 Seiten.

* Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Von ihm ist in diesem Jahr erschienen:

Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze
Nomos/UTB: Baden-Baden 2014, 149 Seiten

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Auf Publikative.org schreibt Salzborn die Kolumne „Das Akademische Karussell“

Das Akademische Karussell: Kritische Theorie 2.0

Antilopengang

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um das Debütalbum der „Antilopen Gang“.

 Von Samuel Salzborn*

 Über viele Jahre hinweg war der deutschsprachige Rap geprägt von Gangsta- und Ghettoattitüden, die gerade deshalb so trivial waren, weil sie in Style verpackten, was inhaltsleer und in grandioser narzisstischer Selbstüberhöhung, verbunden mit Sexismus, Homophobie und oft auch Antisemitismus, die eigene Marginalität, statt sie zu reflektieren, schlichtweg leugnete und das Gefühl entstehen ließ, die Provinz an der Spree sei die Metropole am Hudson River. Die wesentlichen Züge dieser postmodernen Rap-Rebellion, in der statt die tatsächliche gesellschaftliche Wirklichkeit zu reflektieren, schlicht die eigenen Phantasien für diese gehalten und in Reime verpackt wurden, haben bereits vor einiger Zeit „Anarchist Academy“ im ursprünglichen Line-Up in dem Track „Die total verrückten Crazyboys schlagen zurück“ hinreichend zusammengefasst.

Nun aber scheint ein neuer Stern am Himmel der musikalischen Gesellschaftskritik zu erleuchten, der gerade deshalb so authentischer Rap ist, weil er es nicht ist – und damit an die vor allem amerikanische Entstehungsgeschichte des Rap, aber auch an die Crossover-Projekte von Rap- und Metal-Acts in den 1990er Jahren anschließt, in denen Stilelemente des Rap aufgrund eines grundlegenden Anspruchs als Artikulationsform von Gesellschaftskritik nicht mythologisiert, sondern interaktiv collagiert wurden.

Die musikalischen Einflüsse auf dem Debütalbum „Aversion“ der „Antilopen Gang“ sind so vielfältig und gerade deshalb authentisch als Rap, weil sie die musikalische Dynamik bewahren, in der Rap eben immer auch Sampling anderer Musikstile bedeutet, was paradigmatisch in der Line „Deutschrap muss sterben, damit wir leben können“ zum Ausdruck kommt, die als variiertes „Slime“-Zitat sofort jedem auffällt, der nur rudimentär mit der Geschichte des Punk vertraut ist – und damit zugleich den Bogen spannt zum historischen Kontext, der seinerseits wiederum ein deutsch-völkisches Zitat auf einem Hamburger Kriegerdenkmal umkehrte.

Über „Aversion“ ist viel gesagt und geschrieben worden, insbesondere der Track „Beate Zschäpe hört U2“ war und ist in aller Munde, nicht erst, seitdem ein ehemaliger RBB-Radiomoderator – wie bereits erwartet – mit seinem Versuch der juristischen Abmahnung der Band gescheitert ist . Der Track ist wie lange kein Musikstück mehr auf der Höhe der gesellschaftstheoretischen Debatte und fasst die Wirklichkeit des Antisemitismus in Deutschland besser zusammen, als viele der bisher vorgelegten wissenschaftlichen oder publizistischen Analysen – weil er gleichermaßen Banalität und Brutalität einfängt, den Schmerz ebenso fühlbar macht, wie den Wahn.

Und in der Visualisierung im Videoclip wird eine Wahrheit noch angedeutet, die bis heute – soweit ich sehe – noch niemand intensiver reflektiert hat: der Zusammenhang von dem Gewinn einer Fußballweltmeisterschaft durch das DFB-Team und die Eskalation rassistischer und antisemitischer Gewalt, wie er gleichermaßen nach dem WM-Titelgewinn 1990 (im Hintergrund des Videos läuft im Fernseher des Wohnzimmers das Strafstoßtor von Andreas Brehme aus dem Finalspiel) wie 2014 zu beobachten war und ist. Die „Antilopen Gang“ formuliert insofern also ganz am Rande auch eine Forschungsagenda, die es zu bearbeiten gelten würde, nämlich die Frage, ob es zu solchen rassistischen und antisemitischen Bahnbrechungen im völkischen Gemeinschaftsgefühl der Deutschen nicht nur nach 1990 und 2014 kam und die fußballerischen Erfolge also nicht nur in diesen beiden Fällen völkische Eskalationen motiviert haben, sondern auch 1954 und 1974? Ein spannendes Projekt, für das sich sicher keine Geldgeber finden werden.

Aber „Aversion“ ist noch mehr, vielleicht so etwas wie die musikalische Formulierung von Kritischer Theorie für das Jahr 2015: das Album wird nicht nur getragen von einem unglaublich weitreichenden Reflexionsniveau politischer und gesellschaftlicher Prozesse (der Track „Ikearegal“ zeichnet ein präzises Panorama der sich selbstkritisch generierenden, selbstverliebten, arroganten gesellschaftlichen Mitte, die „jeden dummen Vorschlag einfach supermegastark“ findet und die letztlich an ihrer zwanghaften Selbstdisziplinierung zwischen Veganismus und Vorzeigebetroffenheit, Pünktlichkeit und Ordnung, Hipsterkultur und Spießigkeit, „Süddeutscher Zeitung“ und Disco-Clique erstickt), einer nachhaltigen Fähigkeit zur Selbstkritik (in „Enkeltrick“ chargiert die rezipierbare Rolle des lyrischen Ich zwischen sympatisierungs- und verachtungswürdig, in „Verliebt“ wird die – geschlechtsneutral erzählte – Selbst- und Fremdwahrnehmung so subtil gewechselt, dass man beim ersten Hören selbst die Wahrnehmung verliert, ob man denn nun in den aktiven oder in den passiven Part, also in die Rolle der reflektierten oder der unreflektierten Person versetzt wird), einem ebenso klaren Wissen um Notwendigkeit und Kraft der Negation, die wohl den Kern der klassischen Kritischen Theorie ausmacht (allerdings vielleicht etwas zu unmittelbar vorgetragen in „Anti Alles Aktion“), aber auch der leisen und traurigen Erzählung vom schmerzenden Verlust eines offenbar großen Freundes (NMZS), mehrfach angedeutet, am deutlichsten aber in den „Trümmermännern“ ausbuchstabiert.

Kritik, Selbstkritik, Negation und Empathie – gerade in dem über weite Strecken durchgehaltenen Sujet liegt die Option, die Hoffnung auf eine Erneuerung Kritischer Theorie in der Musik im Zeitalter ihrer „technischen Reproduzierbarkeit“ (Walter Benjamin) nicht aufgeben zu müssen. Bemerkenswert hierbei ist auch, dass die „Antilopen Gang“ die Ambivalenzen bürgerlicher Vergesellschaftung auch gerade in sich selbst emanzipativ etikettierenden Bewegungen reflektiert, etwa wenn in „Beate Zschäpe hört U2“ das reaktionäre Implikat von „Volksentscheiden auf Bundesebene“ thematisiert wird, mit Blick auf Occupy- und Stuttgart21-Proteste in „Anti Alles Aktion“ der Gedanke aufgegriffen wird, dass in diesen Protesten so viel reaktionäres und totalitäres Potenzial liegt, dass es fortschrittlicher sein kann, gegen sie zu sein oder wenn in „Beton“ die dogmatischen Zementierungen der Öko-Bewegung einer Radikalkritik unterzogen werden, die das steinerne Herz so mancher Ökofundamentalisten ebenso erweichen müsste, wie allerdings auch das ihrer diametralen, technikfetischisierenden Gegner: „Unter dem Asphalt liegt nur nutzloses Brachland“, heißt es thematisch passend in historischer Anspielung in „Der goldene Presslufthammer“.

Und dann ist da noch der Track „Outlaws“ – neben „Ikearegal“ der mit Abstand beste Track auf dem Album: Ein Song, der verdeutlicht, wie die Schwachen der Gesellschaft sich durch Stigmatisierung und Ausgrenzung in einer autoritären Reaktion neue Schwache schaffen und damit ihre Pseudoetabliertheit zu etablieren versuchen. In der „Welt, in der du lebst, ist jeder jedem egal / Das Zentrum der Gesellschaft ist wie ein Ikearegal“ heißt es im gleichnamigen Track, der die gesellschaftsanalytische Folie für die Konsequenz liefert, die in „Outlaws“ formuliert wird: „… im Zweifel bleib ich lieber allein / Wenn sich die Mehrheit faschisiert, musst du Minderheit sein“.

Antilopen Gang: Aversion, JKP 2014.

* Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Von ihm ist in diesem Jahr erschienen:

Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze
Nomos/UTB: Baden-Baden 2014, 149 Seiten

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Auf Publikative.org schreibt Salzborn die Kolumne „Das Akademische Karussell“

Das Akademische Karussell: „Political Extremism“

Political Extremism von Cas Mudde

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um ein neues Großwerk mit dem Titel „Political Extremism“.

Von Samuel Salzborn

Anders als in Deutschland haben Bücher, in denen Schlüsseltexte eines Themengebietes versammelt werden, in Amerika und England eine große Bedeutung. In solchen Textbooks werden kürzere Texte, Aufsätze oder Buchkapitel, zusammengetragen und sie erleichtern so den Zugang zu einem Gegenstand, den man sich behelfsweise im bundesdeutschen Wissenschaftssystem mehr oder weniger erfolgreich mit dem Versuch der kopierten Reader zu erschließen versucht hatte.

Political Extremism von Cas Mudde
Political Extremism von Cas Mudde

Warum es das Modell der Textbooks bis heute nicht wirklich in das bundesdeutsche System der Sozialwissenschaften geschafft hat, ist gerade vor dem Hintergrund verwunderlich, dass durch solche Textbooks nicht nur das Wissen eines Fachgebietes, sondern auch seine Kontroversen versammelt werden können und dabei auch den Aufsätzen, die sonst nicht selten in abgelegenen Fachzeitschriften versenkt und nur von einer verschworenen Kleinstgruppe gelesen werden, eine Aufwertung in Buchstatus zu Teil werden kann, wenn sie sich als längerfristig substanziell und wesentlicher Beitrag zur Forschung erwiesen haben.

Dies muss man berücksichtigen, wenn man sich mit dem voluminösen und über weite Strecken sehr empfehlenswerten Riesenwerk befasst, das Cas Mudde kürzlich unter dem Titel „Political Extremism“ in der „Sage Library of Political Science“ herausgegeben hat. Die vier Bände (Bd. 1: „Concepts, Theories and Responses“; Bd. 2: „Historical Extremism“; Bd. 3: „Right-Wing Extremism“; Bd. 4: „Left-Wing Extremism“) umfassen insgesamt rund 1.500 Seiten und dokumentieren in der Tat eine Reihe von wichtigen Aufsätzen aus dem Feld – das in einem englischsprachigen Band die deutsche Debatte nur rudimentär Eingang findet, die in ihrer theoretischen Dimension durchaus etwas ambitionierter ist, fällt als Problem auf den Gegenstand selbst zurück, weil viele der deutschsprachigen Schlüsseltexte nie übersetzt worden sind.

Der Band ist in seiner Komposition sehr heterogen, was schon am Vorwort auffällt, in dem Mudde – den deutschen Leser(inne)n vor allem durch seine Arbeiten zum Rechtspopulismus bekannt, zuletzt unter anderem sein Buch „Populist Radical Right Parties in Europe“ (2007) – sich bei Roger Eatwell und Uwe Backes bedankt und beiden das Werk widmet, stehen doch beide für sehr konträre Ansätze der Forschungen zum Gegenstand. Wer insofern in dem Band eine klare Linie der eindeutigen Abgrenzung von der (in der deutschen Rechtsextremismusforschung marginalisierten, aber für Teile der behördlichen Arbeit nach wie vor angewandten) Extremismusdoktrin zugunsten eines gesellschaftskritischen oder historisch-dynamischen Ansatzes sucht, wird ebenso enttäuscht, wie jemand, der auf ein Kompendium einfacher Rechts-Links-Analogien hofft. Der Band versammelt Texte aus beiden Ansatzbereichen, wobei die offensive Problematisierung der sich wechselseitig ausschließenden Zugänge hilfreich für die Lektüre gewesen wäre.

Mudde kompiliert eine gute Mischung aus klassischen Beiträgen (z.B. von G. Bingham Powell Jr., Hannah Arendt, Juan J. Linz, Carl Joachim Friedrich/Zbigniew Brzezinski oder Seymour Martin Lipset – warum allerdings Franz L. Neumann, Ernst Fraenkel oder Karl Loewenstein fehlen, bleibt rätselhaft) und aktuelleren wichtigen und viel diskutierten Ansätzen (z.B. von Zeev Sternhell/Mario Sznayder/Maia Asheri, Roger Griffin, Klaus von Beyme, Marlène Laruelle, Kai Arzheimer, Piero Ignazi, Jens Rydgren oder Michael Minkenberg), gibt allerdings – was wohl dem eigenen Forschungsparadigma des Herausgebers geschuldet ist – den populistischen Entwicklungen ein deutlich zu großes Gewicht in der Dokumentation (spannend wäre hier auch, neben Ansätzen, die sich des Populismuskonzepts bedienen, ein Beitrag über die Kritik an den konzeptionellen Schwächen des Populismuskonzepts gewesen). Die systematische Unterteilung der Kapitel überzeugt und auch die daraus entstehende Konzeptualisierung einer interdisziplinären Debattenkultur ist hilfreich bei der Lektüre und Einordnung. Wie so oft bei politikwissenschaftlichen Zusammenstellungen gibt es ein leichtes Übergewicht von Beiträgen der letzten Jahrzehnte, was die historische Perspektive etwas unterbelichtet und überdies gefragt werden muss, ob Texte jüngeren Datums auch beispielsweise noch in zehn oder zwanzig Jahren die gleiche intellektuelle Tiefe aufweisen wie Beiträge, bei denen man die Qualität mit hinreichend zeitlichem Abstand einigermaßen solide einordnen kann. An einem Beispiel: Ob die populistische Strategie im Rechtsextremismus überschätzt wird, wie der Autor dieser Buchvorstellung sagen würde oder ob man sie lange Zeit unterschätzt hat, wie die Anhänger des Populismusparadigmas sagen würden, wird man erst in gut zwanzig Jahren mit Gewissheit sagen können.

Wirft man den Blick auf das Detail, dann fallen einige Aspekte auf, die für eine Zweitauflage berücksichtigt werden könnten: Zunächst leuchtet grundsätzlich nicht ein, warum bei dem sehr weit gefassten Begriff des „Political Extremism“ – der nicht identisch mit dem deutschen Extremismusbegriff verstanden werden darf, weil er im englischen Sprachraum maßgeblich von Seymour Martin Lipset (der Text ist auch im Band dokumentiert) ursprünglich als ein Konzept entwickelt wurde, das drei Extremismen kennt (einen rechten, einen linken und einen der Mitte) und in dem betont wird, dass die Grenzen zwischen den moderaten und den extremen Strömungen generell fließend sind und weltanschaulich nicht, wie im behördlichen Verständnis in Deutschland, in einer (realen und fiktiven) Nähe zur geltenden Verfassungsordnung bestimmt werden, sondern aus der Ablehnung von politischem und gesellschaftlichem Pluralismus – nicht der Islamismus (sinnvollerweise als eigenständiger Bd. 5) aufgenommen wurde, der gerade in der internationalen Debatte stark als politischer bzw. politisierter Extremismus, resp. Totalitarismus gedeutet wird.

Ebenfalls überrascht, dass man systematische Beiträge über Antisemitismus und Antiamerikanismus als weltanschauliche Bindeideologien aller antidemokratischen und antipluralistischen Bewegungen vergeblich sucht. Dass stattdessen im Bereich aktueller linksextremer Bewegungen „Occupy“ sehr viel Raum und der Antiglobalisierungsbewegung überhaupt Raum eingeräumt wird, verwundert umgekehrt und legt den Verdacht nahe, dass über die systematischen Referenzsysteme für eine Neuauflage noch einmal nachgedacht werden sollte. Denn die Antiglobalisierungsbewegung, die man weder für sinnvoll, noch für fortschrittlich halten muss, scheint mit dem Label des „Extremismus“ doch prinzipiell falsch bedacht und „Occupy“ war und ist letztlich so marginal, dass andere soziale Bewegungen stärker in den Blick genommen werden sollten (z.B. der Linksterrorismus, dessen Bewegungsbezüge international seit den 1960er Jahren wahrnehmbar sind, auch in seinen fortgesetzten Bezüge zu islamischen Terrororganisationen). Und mit Blick auf den historischen Band (Bd. 2) und die dortige Abteilung zum Sozialismus bzw. Kommunismus bleibt unklar, warum in dem mit „Communism“ betitelten Kapitel der Anarchismus gänzlich ausgeblendet wird, der fraglos durch seine generelle Staatsfeindlichkeit eine hohe Affinität zum „political extremism“ hat(te) und wenn man dieses Spektrum schon vernachlässigt, warum das Kapitel dann nicht „Stalinism“ heißt (denn es handelt faktisch fast ausnahmslos vom Stalinismus)?

Diese Nörgelei am Detail soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Band von Mudde gerade für Leser/innen in Deutschland ein echter Gewinn ist, weil nicht nur zentrale deutsche Texte nicht ins Englische übersetzt sind, sondern umgekehrt ein Großteil der englischsprachigen Debatte in der deutschen Forschung in ihren Verästelungen nur unzureichend wahrgenommen wurde und wird und ihre Zusammenstellung in einem Textbook nun den Zugang erheblich vereinfacht und verbessert.

Cas Mudde (Ed.): Political Extremism. Four-Volume Set, Sage: London u.a. 2014, 1.576 Seiten.

Samuel Salzborn (Foto: Marta Krajinović)
Samuel Salzborn (Foto: Marta Krajinović)

* Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Von ihm ist in diesem Jahr erschienen:

Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze
Nomos/UTB: Baden-Baden 2014, 149 Seiten

Weitere Informationen finden Sie hier http://www.salzborn.de/re_de.html

Auf Publikative.org schreibt Salzborn die Kolumne „Das Akademische Karussell“ http://www.publikative.org/category/das-akademische-karussell/

Das Akademische Karussell: Ambivalenzen des Privaten

Samuel Salzborn (Foto: Marta Krajinović)

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit.

Von Samuel Salzborn

Die Philosophie der Aufklärung hat dem Menschen nicht mehr, aber auch nicht weniger versprochen, als vom passiven Objekt von Geschichte zum aktiven Subjekt der Politik zu werden. Befreit aus seinen vormodernen Zwängen, deren Herrschaftsmacht vor allem darin bestand, dass sie sich als solche nicht rechtfertigen mussten, also ihr objektives Potenzial daraus resultierte, subjektiv keinem Legitimationserfordernis ausgesetzt zu sein, da ihr Postulat der Göttlichkeit bzw. der Natürlichkeit sich als solches sakrosankt gesetzt hat, sollte sich der Mensch seiner Subjekthaftigkeit bewusst werden, sich erkennen als „frei geboren“ (Jean-Jacques Rousseau), zum Lernen befähigt und sich emanzipieren aus seiner „selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Immanuel Kant). Als bürgerliche Philosophie und als liberale Theorie verpflichtete der Gedanke der Aufklärung das Individuum zur Freiheit, ohne sie ihm gleichsam garantieren zu können – oder auch nur zu wollen.

Die Freiheit von Zwang war im liberalen Versprechen nicht nur zugleich eine Freiheit von Sicherheit, sie war auch doppelt ambivalent: in ihrer Dialektik aus Öffentlichkeit und Privatheit, wie in ihrer Widersprüchlichkeit von Recht und Ökonomie. Garantierte letztere die Gleichheit als rechtliches Postulat, das ökonomische Ungleichheit nicht nur sichern, sondern situieren sollte und damit Freiheit zwar hypothetisch als Gleichheit realisierte, faktisch aber in ihrem universalen Anspruch segmentierte und sozial differenzierte, konstituierte erstere überhaupt erst den Kern der bürgerlichen Herrschaftsordnung in der Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit, die zugleich Freiheitsversprechen wie Freiheitssuspendierung inkorporierte. War die Öffentlichkeit der Ort, an dem der „Vertrag zwischen freien und gleichen Brüdern“ (Carole Pateman) eine Rechtsordnung in der Sphäre des Politischen ausdifferenzierte, die normative Denker wie Jürgen Habermas zu der utopischen Hoffnung auf eine kommunikative Vernunft veranlasste, in der die Ambivalenz der Aufklärung halbiert und einseitig in einen naiven Fortschrittsoptimismus aufgelöst wurde, der formale Herrschaftsverhältnisse nun sogar wieder unter der Hand zu informellen, weil nun moralisch zu sanktionierenden umwandelte, generierte sie Privatheit als geschlechtsspezifischen Ort der Reproduktion und damit Voraussetzung von arbeitsteiliger Produktion überhaupt erst. Die öffentliche Freiheit war nur ob der privaten Unfreiheit der weiblichen Mehrheit der Gesellschaft zu haben, das Postulat der Freiheit im Privaten enthielt strukturell immer die Notwendigkeit der Reproduktion der Produktionsverhältnisse auf der Basis eines falschen, weil doppelt halbierten Freiheitsversprechens. Insofern Öffentlichkeit der Ort des Politischen wurde, wurde Privatheit der Ort der vergeschlechtlichten Reproduktion des Öffentlichen.

Tyrannei der totalen Transparenz

Ob es jemals diese eine Öffentlichkeit wirklich gegeben hat, der sich Liberalismus wie Kommunitarismus gleichermaßen, wenn auch mit konträrer normativer Intention, verpflichtet fühlen, sei dahingestellt, da die individuelle Wahrnehmung dessen, was öffentlich Gegenstand von Konflikt und Konsens ist, notwendig differiert und Teilöffentlichkeiten zum Surrogat einer gesellschaftlichen Gesamtöffentlichkeit werden, die bis hinein in die Phantasie einer Weltöffentlichkeit fortwirkt. Mit dem Wandel der technisch-informationellen Grundlagen wurde dieser Phantasie aber ein Möglichkeitsraum geschaffen, in dem hypothetisch realisierbar wurde, was faktisch Ideologie bleibt: eine integrierte kosmopolitische Öffentlichkeit, in der nun die halbierten Freiheitsversprechen des Liberalismus, ganz ohne Änderung der materiellen Produktions- und Reproduktionsverhältnisse, allein auf der Basis von Kommunikation überwindbar werden sollen. Ignoriert man die Naivität dieser Annahme, liegt in ihr primär die Gefahr, die Totalisierung des Öffentlichen – bei Preisgabe des noch so kleinen Ortes einer privaten Verweigerung gegenüber der Tyrannei der totalen Transparenz – weiter zu radikalisieren, statt zu konterkarieren.

Das Paradoxe ist, dass sich die Furcht der gegenwärtigen Debatten über Öffentlichkeit auf das Moment staatlicher Überwachung fokussiert, also in seiner Kritik genau an dem einzigen Ort ansetzt, der überhaupt das bescheidene Versprechen der Freiheit zu garantieren in der Lage wäre: Ohne Staat keine Freiheit – das hat schon Franz L. Neumann gesehen, als er betonte, dass in der Idee des Staates die Verbindung von Souveränität und Freiheit aufgehoben ist und Souveränität überhaupt nur bei der Garantie von Freiheit legitim sein kann, also jede Form der Suspendierung von Freiheit in der modernen Gesellschaft zugleich auch eine Suspendierung der Souveränität und damit des Staatlichen sein muss. Denn exekutiert sich der bürgerliche Staat zur reinen Herrschaftsausübungsagentur, dann wird er zum Unstaat, gibt er die Freiheit – jenseits aller Dialektik – auf, hört er auch auf, Staat zu sein. Die Ambivalenz von Freiheit, so brüchig sie auch ist, kippte ohne den Staat in ihre vollständige Negation. Mit dem Staat bleibt zumindest die Hoffnung, ohne den Staat wäre auch sie verwirkt.

Dass die Kritik an der Ausspähung des Privaten nun ausgerechnet den Staat ins Zentrum rückt, entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn man sich vor Augen hält, dass dem eigentlich willkürlichen, weil anarchistischen Akteur, dem Markt, bereitwillig jede auch noch so private Intimität anvertraut wird. Soziale Online-Netzwerke sind voll von dem Gut, das unlegitimierten und unkontrollierten Marktakteuren freiwillig anvertraut wird, während die Furcht vor in Rechtsformen des Politischen manifestierten, zumindest formalrationalen Datenzugriffen durch den Staat verschwörungsmythische Formen annimmt. Und dabei zugleich auf einen Kern antimoderner Vergesellschaftung verweist, die ihre Spezifik in einer Rebellion findet, die sich nicht etwa gegen den eigenen Staat oder die eigene Gesellschaft richtet, sondern gegen die symbolische Universalisierung des Versprechens von Freiheit: gegen Amerika. Die Vereinigen Staaten der Unterminierung ihrer eigenen Ideale zu bezichtigen, ist zwar nicht falsch, aber eben positivistisch, da es für wahr nimmt, was nur als wirklich scheint – die Angst vor staatlicher Überwachung wie den Schutz vor selbiger kann immer nur der Souverän bieten, dem man selbst die Ausübung des „Monopols legitimer physischer Gewaltsamkeit“ (Max Weber) übertragen und im Gegenzug dafür ein mehr oder weniger großes Maß an Freiheitsrechten eingetauscht und versprochen bekommen hat.

Konkreter Akteur zur Projektionsfläche für eine abstrakte Angst

Wird der Kampf um die Privatheit aber als antiamerikanischer Kampf geführt, kann er sich der strukturellen Problematik nicht entziehen, einen konkreten Akteur zur Projektionsfläche für eine abstrakte Angst zu suchen, die aufgrund ihrer Verwobenheit mit den Agenturen der Moderne eben nur adäquat konkretisierbar wäre, würde sie nicht externalisiert. So wird Amerika zum gruseligen, aber fernen, zum gefürchtete, aber trotzdem technisch bewunderten Adepten der Moderne, den man dafür hasst, dass ihm nachgesagt wird das zu tun, was der modernen, bürgerlichen Gesellschaft als solcher inhärent ist: die Halbierung und Segmentierung von privater Freiheit.

In der Projektion dieser Angst und dieses Mangels, in seiner Konkretisierung erfährt der wütende Affekt nicht nur eine Zielgebung, er bleibt zugleich auch gesellschaftlich harmlos, wie er gemeinschaftlich sinnstiftend wird – und damit aber gerade bedrohlich: Harmlos, weil er sich nicht an den eigenen Souverän richtet, der mindestens versagt hat, möglicherweise aber selbst genau das tut, was man den USA vorwirft, nämlich private Daten auszuspähen; sinnstiftend, weil die Gemeinschaft der Amerika-Hasser, die in Deutschland immer im Bunde war mit der völkischen Gemeinschaft der Antisemiten, zugleich keinen wirklichen Widerspruch zu erwarten hat und insofern die kalte, widersprüchliche und ambivalente Gesellschaft in eine anheimelnde, homogene und Widerspruchsfreiheit versprechende Gemeinschaft transformieren kann. Eine Gemeinschaft, deren Angehörige sich freiwillig auf dem Markt verschenken (womit sie noch hinter die Logik des Tausches zurückfallen) und ihre eigene Verantwortung damit externalisieren, denn die Schuldigkeit an der eigenen Imperfektheit muss nun nicht mehr in der eigenen Unfähigkeit und der eigenen Täuschung über das Idyll des Privaten vermutet werden, das im Marxschen Sinne Komponente des entfremdeten Warenfetisches ist, sondern Schuld kann nun externalisiert und projiziert werden – und führt dabei zu einer antimodernen Revolte im Geiste, der immer auch das Potenzial der Barbarei innewohnt, solange sie nicht, so paradox und zugleich traurig es auch ist, von eben genau diesem eigenen Souverän, an den die Kritik eigentlich adressiert werden müsste, gegen sich selbst im Zaum gehalten wird.

Der Beitrag basiert auf einer Umfrage der „Zeitschrift für kritische Theorie“ http://www2.leuphana.de/zkt/ (zu Klampen Verlag). In dem soeben erschienenen Heft 38/39 der „Zeitschrift für kritische Theorie“ wurden neben den Überlegungen von Samuel Salzborn zum Thema „Öffentlich? Privat?“ auch Stellungnahmen von Frigga Haug, Tatjana Freytag und Janne Mende veröffentlicht.

Das Akademische Karussell: Kanzler der Hausmannskost

Helmut Kohl im Jahr 1978 (Foto: Bundesarchiv / Engelbert Reineke)

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um Helmut Kohl – den Kanzler der provinziellen Hausmannskost. 

Von Samuel Salzborn*

Es ist schon einige Jahre her, da betitelte Hermann L. Gremliza eine seiner Kolumnen mit dem wundervollen Satz „Der Weltgeist, der Kohl heißt“ – der den intellektuellen Tiefflug eines langen Jahrzehnts zusammenfasste, das fraglos geprägt war von zahlreichen rechtskonservativen Wenden, aber eben gerade nicht von intellektuellem Tiefgang oder einer Emanzipation zum Denken. Nach der Lektüre des aktuellen Spiegel (Volltext nur im Print, Zusammenfassung hier) kann man das Kapitel Kohl nun wohl endgültig schließen – von Kohl bleibt historisch langsam aber sicher nur noch ein Trümmerhaufen, selbst der Weltgeist scheint inzwischen ratlos.

Kohl bei der Öffnung des Brandenburger Tores, Dezember 1989
Kohl bei der Öffnung des Brandenburger Tores, Dezember 1989

Denn entgegen der in den letzten Tagen dominierenden Lesart, bei der man sich über diesen oder jenen Satz von Kohl, den er über Parteifreunde oder politische Gegner gesagt hat, belustigt oder geärgert hat, erfährt man in der Story im Spiegel eigentlich rein gar nichts über diejenigen, über die Kohl herzieht (weswegen es auch nicht lohnt, seine Invektiven im Wortlaut zu zitieren), sondern in seinem Sprechen über andere eigentlich nur etwas über Kohl selbst. Denn aus der Collage der Zitate ergibt sich ein Panorama, das letztlich zum Psychogramm eines Mannes wird, der an sich selbst gescheitert ist.

Sicher, man erfährt in der Erzählung, die der Spiegel über die umfangreichen Tonbandaufnahmen, die Kohls ehemaliger Hausbiograf bei Gesprächen mit ihm angefertigt hat, offiziell nicht weiter verwenden durfte, sie nun aber doch zur Grundlage für ein Buch gemacht hat, hier und da einige Details, die historisch für diejenigen von Interesse sind, die sich mit der Geschichte der deutschen Einheit befassen. In erster Linie erfährt man aber, dass Kohl offensichtlich genau der Kleingeist war und ist, für den ihn seine Kritiker immer gehalten haben. Der Spiegel versucht diese Logik noch charmant zu umschiffen, wenn er andeutet, Kohl habe sich in den 1970er Jahren die gegen ihn gerichtete Kritik der kleingeistigen Spießigkeit quasi trotzig zu eigen gemacht und legt dabei die Interpretation nahe, als wäre die plumpe Inszenierung, in der man Kohl immer wahrgenommen hat, wirklich eine solche in bewusster Absicht gewesen. Liest man aber jetzt die Aussagen, die Kohl vor allem über seine Parteifreunde formuliert hat und – zumindest mehr oder weniger – ursprünglich auch in seiner Biografie verarbeitet wissen wollte, dann stellt man unweigerlich fest: die Inszenierung war keine.

Demokratische Normen vs Bimbes-Kumpanei

Mit tiefer Inbrunst wettert Kohl vor allem gegen diejenigen in seiner Partei, die sich selbst als Intellektuelle dargestellt haben, gegen diejenigen, die sich gegen Korruption und Bestechlichkeit gewehrt haben, gegen diejenigen, die es offensichtlich aufgrund ihres politischen Geschicks (und nicht ihres Geschicks im Umgang mit Besteck) nach ganz oben geschafft haben – auch wenn sie alberne Etikette und die Konventionen des kleinen Mannes nicht befolgten, der glaubt, er sei gar kein solcher, sondern ein großer, dessen Selbstvergewisserung aber nur durch die stoische Einhaltung von konventionellen Verhaltensregeln gelingt, deren Sinn er zwar nicht versteht, aber die er auf Gedeih und Verderb internalisiert hat. Kohl scheint, so lernt man aus dem Spiegel, offensichtlich Menschen nicht zu mögen, die den Intellekt schätzen, denen demokratische Normen mehr gelten als Bimbes-Kumpanei und die ihre Energie nicht in das Internalisieren von Spießbürgerkonventionen legen.

Helmut Kohl im Jahr 1978 (Foto: Bundesarchiv / Engelbert Reineke)
Helmut Kohl im Jahr 1978 (Foto: Bundesarchiv / Engelbert Reineke)

Kohl, dem so viel daran gelegen ist, als großer Staatsmann in die Annalen einzugehen und der so gern den Gang der Geschichtsschreibung über sich selbst mitbestimmen würde, scheint aufgrund seiner unzähligen Invektiven am Ende genau das zu sein, als was ihn viele immer karikiert haben: der Kanzler der provinziellen Hausmannskost. Die Bratwürste, die Rouladen und der Saumagen liegen auf keinem doppelten Boden, auf sie stolz zu sein symbolisiert nur die Peinlichkeit und Kleingeistigkeit von jemandem, der, wie der Spiegel schreibt, es „nie verwunden hat, als Tölpel aus der Pfalz dargestellt zu werden.“

Die Lücke zwischen karikiertem Schein und selbstverliebtem Sein wird mit jedem Satz, den man aus den aufgezeichneten Aussagen von Kohl über seine Gegner, Feinde und Kritiker liest, immer kleiner. Und dass Kohl die letzte Tür, die ihm noch offen stünde, um sich einen Platz jenseits der Karikatur in den Geschichtsbüchern zu sichern, offensichtlich zuschlägt und verharrt in seinem Provinzialismus, liest man im letzten Absatz des Spiegel, wenn Kohl zu Protokoll gibt, dass er sein Wissen, wer die anonymen Geldgeber an seine Partei waren, mit ins Grab nehme. Aber zumindest ist ja, wenn schon Brandt und Schmidt als Weltbürger-Kanzler in die Geschichte eingehen, wie Kohl bejammert, der Platz des Hausmannskost-Kanzlers kaum umkämpft.

*Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Von ihm ist soeben erschienen:

Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze
Nomos/UTB: Baden-Baden 2014, 149 Seiten

Weitere Informationen finden Sie hier.

Auf Publikative.org schreibt Salzborn die Kolumne “Das Akademische Karussell

Das Akademische Karussell: Vergesst die Trolle!

Don`t feed the trolls!

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um virtuelle und reale Trolle.

Von Samuel Salzborn

Unlängst hat die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ ein herrliches Porträt eines derjenigen Forentrolle veröffentlicht, die alle kennen, die professionell mit Medien zu tun haben – und die viele von denen, die Medien zur Information und Diskussion nutzen wollen, regelmäßig die Laune und damit den Tag vermiesen. Das bemerkenswerteste an dem FAZ-Porträt des Forentrolls, dessen Name sekundär ist, weil er nicht als Individuum interessant ist, sondern als Sozialtyp, war, dass man aus ihm sehr viel lernen kann über den Umgang mit den Forentrollen, die die Kommentarspalten der Tageszeitungen und Magazine vollmüllen und die soziale Netzwerke, zumindest zahlreiche der öffentlichen Profile von Medien, Parteien und prominenten Persönlichkeiten, unlesbar und letztlich unerträglich machen.

Ebenso lange, wie über die Nervigkeit der Forentrolle diskutiert wird, werden auch Maßnahmen zu deren Eindämmung erwogen – viele davon sind überzeugend und mittlerweile etabliert, sie reichen von der generellen Unmöglichkeit des Kommentierens, der zeitlichen Einschränkung von Kommentarfunktionen, der themenbezogenen Unterdrückung der Kommentarfunktion, der systematischen Moderation oder der Notwendigkeit der Registrierung zur Nutzung von Kommentarfunktionen. Gleichwohl ist der Ärger über die Forentrolle ungebrochen.

Wenn man nun das Porträt in der FAZ liest als ein Protokoll einer Psychopathologie, dann können daraus (mindestens) zwei Erkenntnisse resultieren, die auf einen Ausweg hinweisen: Erstens die, dass in Zeiten, in denen das Internet landläufig unbekannt weil inexistent war, Heldinnen und Helden in den Redaktionsstuben mit der großen Masse an Leser(innen)briefen das vollzogen haben, was man mit den meisten der Kommentare in öffentlichen Foren im Internet auch tun sollte – sie in einen virtuellen Mülleimer befördern; seinerzeit war dieser freilich noch ganz analog.

Die zweite Erkenntnis könnte sein, dass der Berufsstand der Psychotherapeut(inn)en, Psychoanalytiker/innen und Psychiater/innen dadurch, dass ihre Klientel nicht bei ihnen auf der Couch liegt, sondern ihre Pathologien online ausagiert, ernsthafte Gefährdungen der Berufsausübung erwarten müsste – allerdings beruhigt hier, dass die Nutzung einer psychotherapeutischen Einrichtung ja generell ein Selbsteingeständnis der Therapiebedürftigkeit voraussetzt, das bei den Forentrollen bekanntlich fehlt, sie insofern also dringend auf die Couch gehören, aber den Weg dorthin mangels Einsicht verweigern.

Bleibt die Frage: Was tun? Es wäre einen Gedanken Wert, die Kommentarspalten einmal als das zu sehen, was sie sind: Eine Spielwiese für eine kleine Gruppe von Menschen, die – man sieht das im sozialen Nahraum sehr präzise, wenn man an die jüngsten „Montagsdemonstrationen“ der Verschwörungsfantasten denkt, deren Publikum sich ja zu einem erheblichen Maß aus Forentrollen speiste, die mehr oder weniger erstmals den Weg an das Licht der politischen Halböffentlichkeit gewagt haben – sozial extrem isoliert, ausgestattet mit einem hohen Maß an Sozialpathologien, die über das Normalmaß an Neurosen, die alle Menschen mit sich herumtragen, deutlich hinausweist. Letztlich traurige, armselige Gestalten, politisch desorientiert und unfähig, den substanziellen Unterschied zwischen Fakten und Meinungen zu reflektieren, die nach sozialer Anerkennung streben.

Und diese bekommen sie in einem unbotmäßigen Maß: die Moderator(inn)en der Kommentarspalten – die freilich auch dankbar für die Forentrolle sein dürften, weil sie ohne jene, wenigstens teilweise, ihre Jobs gar nicht hätten, weil es derlei Tätigkeiten noch vor weniger als einem Jahrzehnt überhaupt nicht gab und insofern die Forentrolle durch ihre Existenz auch einigen gutausgebildeten Menschen Lohn und Brot verschaffen – verbringen ihren Tag mit einem schmalen Abwägen zwischen Delegierung der Texte an die Staatsanwaltschaft, die Psychiatrie oder ihrer Freischaltung.

Insofern also ein Vorschlag, ganz einfach und gerade deshalb auch so schwer: Vergesst die Trolle! Ihre Stimmen zu ignorieren, könnte eine der wesentlichen Gaben sein, um die politische und mediale Debatte wieder stärker zu versachlichen, automatische Deaktivierung von Kommentarfunktionen einige Stunden nach Veröffentlichung und ihre dauerhafte Löschung nach einer angemessenen Zeit von zwei oder drei Tagen vorausgesetzt. Denn (aber dieser Satz ist eigentlich nur für die Forentrolle, die sich bis hierhin verirrt haben): Wer wirklich ernsthaft ein tagesaktuelles Ereignis diskutieren will, sollte kein Problem mit der Einsicht haben, dass ein kurzweiliger Diskussionsbeitrag nach zwei oder drei Tagen wirklich unbedeutend geworden ist und es somit mitnichten Zensur ist, ihn zu löschen.

Oder würde irgendjemand in einer Kneipe auch vorschlagen, die abendliche Diskussion beim Bier zu protokollieren und dort für zehn Jahre an die Wand zu nageln? Und, mal ehrlich: Wer hat schon freiwillig früher die Leser(innen)briefseite in den Lokalzeitung gelesen? Eben. Genau deshalb sollte man den Forentrollen die Aufmerksamkeit schenken, die sie verdienen: keine.

P.S.: Achtung, in dem Text steckt auch Ironie. Wer sie findet, darf sie behalten. Wer nicht, muss wohl oder übel einen Kommentar schreiben. :-)

*Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Von ihm ist soeben erschienen:

Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze
Nomos/UTB: Baden-Baden 2014, 149 Seiten

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Auf Publikative.org schreibt Salzborn die Kolumne “Das Akademische Karussell

Das Akademische Karussell: Come as you are

Lieder--Lyric-Video

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um Paradoxien medialer Verfügbarkeit.

Von Samuel Salzborn*

Lebten wir nicht im Zeitalter von Internet-Suchmaschinen, denen es in ihren Algorithmen gelingt, subjektiver Faszination noch den letzten Funken Kreativität mit vorgegaukelter Rationalität zu rauben, die nur eine halbierte, weil rein ökonomische ist, ja vielleicht wäre Adel Tawil mit seinem Song „Lieder“ einer, dem es hätte gelingen können, eine Flaschenpost auf die Reise zu bringen. Eine Flaschenpost, von der Adorno geschrieben hat, dass sie vielleicht überhaupt nur noch wirklich in der Musik gelingen könne. Eine Flaschenpost der Hoffnung, die keinen Adressaten haben kann, die in der Verzweiflung trotzdem versandt wird, weil sie eines Tages jemand finden mag, damit nicht alles vergebens wäre.


Tawils Song skizziert eine Lebensgeschichte, sehr persönlich, aber doch nur wenig privat, weil die Etappen, die das lyrische Ich durchlebt, zwar besonders sind in ihrer konkreten Verbindung, aber doch einen allgemeinen Charakter haben, weil die Lieder, von den Tawil erzählt, Lieder sind, die alle kennen, kennen können, die ihre Lebensjahre mit ihm teilen. Es ist egal, ob man diese Lieder mag oder nicht, sie skizzieren einen Weg der Auseinandersetzung und Reflexion mit deutscher und internationaler Geschichte, der nicht zufällig bei Rage Against the Machine (dem Cover mit dem brennenden Mönch von der ersten Single „Killing in the Name“) und Nirvana (Kurt Cobains Aufforderung, so zu kommen, wie man sei) kulminiert: an einem Punkt, an dem eine politische und impulsive Jugend, die auf dem Weg war, eine Bewegung werden zu können, nicht, weil sie die Analysen, sondern weil sie ihre Lieder, Lieder der Verweigerung, teilte, zusammenbrach. Die Hoffnung auf gesellschaftliche Veränderung, die Rage Against the Machine Anfang der 1990er Jahre den damals Mittzwanzigern einbrannte, zerbrach mit Kurt Cobain, die – trotz aller romantisch-melancholischen Nirvana-Verklärung – freiheitsversprechende Option, zu kommen, wie man ist, hat Cobain bekanntlich aus Verzweiflung selbst exekutiert.

Hoffnung und Verzweiflung sind ganz nah beieinander bei Tawil, beim Verzicht auf Suchmaschinen und ihre Dechiffrierung einer beeindruckenden Idee durch die Aufdeckung plumper Wahrheiten, nämlich der, welche Lieder Tawil denn nun collagiert hat, bietet diese Ambivalenz tatsächlich etwas von der Hoffnung einer Flaschenpost, die zwar im gesellschaftlichen Kontext trivial eingekorkt wurde, aber je eigene Spielräume, Erinnerung und Hoffnungen zulässt – und damit dem Subjekt nicht Gewalt zumutet, sondern etwas von der Last nimmt. Woran die Lieder, die Tawil besingt, verstummt sind, sagt er nicht, es bleibt beim Rezipienten, diese Frage selbst zu stellen – Tawil gibt, nach dem Niedergang, der schon mit Cypress Hills „Insane in the Brain“ klar auch zur individuellen Verzweiflung und Flucht ins Vernebelnde wurde, aber doch einen Weg von der individuellen Flucht in die gesellschaftliche Kritik fand, in einer musikalischen Wegrichtung den Ausweg, der aber nur sein persönlicher war, kein gesellschaftlicher (und an dem das Lied auch zugleich kippt von einer metaphorischen Offenheit in eine sehr personalisierte und zu aufdringliche, weil privatisierte Wegweisung).

Dass Tawil in der Passage, in der er sich auf dem Weg in die 1990er Jahre befindet, auch bei Advanced Chemistry Station macht, die mit ihrem rassismuskritischen Stück deshalb so markant gewesen sind, weil es die gesamte Paradoxie und letztlich Widerwärtigkeit rechtsextremer Bevölkerungssegregationsphantasien zeigte und es dabei trotzdem geschafft hat, erzählend zu bleiben und nicht erklärend zu werden, muss eine Referenz aus der Vergangenheit für die Gegenwart sein – und so gelesen werden. Ob diese Flaschenpost als allegorische Erzählung dereinst noch gefunden werden wird, wird die Zukunft zeigen – nicht in dem Sinne, dass man sie einfach nur verstehen müsste, sondern in dem, dass Musik immer Gesellschaft ist und das Stück von Tawil, ganz gleich, wie man es subjektiv musikalisch bewerten mag, ein Versprechen auf eine bessere enthält. Zunächst aber frisst die googlende Kulturindustrie erst einmal auch diese Flaschenpost und erstickt sie in der Banalität der nach hortender Vollständigkeit in der Antwort lechzenden Frage: Welche Lieder werden denn zitiert?

*Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Von ihm ist soeben erschienen: 

Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze 
Nomos/UTB: Baden-Baden 2014, 149 Seiten

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Auf Publikative.org schreibt Salzborn die Kolumne “Das Akademische Karussell