Thematisch limitiert – Ein Jahr AfD im Sächsischen Landtag

Startseite der Homepage der AfD-Fraktion im Sächsischen Landtag (Quelle: Screenshot)
Startseite der Homepage der AfD-Fraktion im Sächsischen Landtag (Quelle: Screenshot)

Seit einem Jahr ist die AfD im Sächsischen Landtag vertreten. Eine Auswertung der parlamentarischen Initiativen der AfD zeigt, dass sie deutlich weniger aktiv ist als andere Fraktionen und ihre parlamentarische Arbeit erhebliche qualitative Mängel aufweist.

Von Miro Jennerjahn

Mittlerweile ist ein Jahr vergangen, seit sich der 6. Sächsische Landtag am 29.09.2014 konstituiert hat. Bereits vor einem halben Jahr habe ich Bilanz über das Wirken der AfD im Sächsischen Landtag in den ersten sechs Monaten gezogen. In dieser kam ich zu dem Ergebnis, dass die AfD in ihren ersten Monaten ihres parlamentarischen Wirkens nicht sonderlich aktiv gewesen ist.

Nun, sechs Monate später, möchte ich erneut die parlamentarische Arbeit der AfD in den Blick nehmen. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob sich die parlamentarische Arbeit der AfD intensiviert hat. Dafür Weiterlesen

PEGIDA: Für Heimatschutz, Orban und den Widerstand

"Pegida" in Dresden: "Heimatschutz statt Islamisierung", Foto: Johannes Grunert
„Pegida“ in Dresden: Eine Mischung aus der „bürgerlichen Mitte“ und Neonazi-Protest, Foto: Johannes Grunert

Ihr neuer Star heißt Viktor Orban: Mit Sprechchören haben gestern Abend in Dresden PEGIDA-Anhänger den ungarischen Ministerpräsidenten für seinen „Heimatschutz“ gegen die „angreifenden“ Flüchtlinge gefeiert. Mindestens 7500 PEGIDA-Anhänger versammelten sich, um der Hetze gegen Flüchtlinge zu lauschen und deutsche Politiker als „Volksfahrräder“ zu beleidigen.

Von Patrick Gensing

Gemeint war natürlich „Volksverräter“, doch in der Sächsischen Hauptstadt klingt das eben etwas anders. Die Sprechchöre setzten beispielsweise ein, als Rednerin Tatjana Festerling den Namen von Bundesaußenminister Steinmeier erwähnte.

Als sie hingegen darüber berichtete, wie ungarische Polizisten und Soldaten heldenhaft eine „Verteidigungslinie“ gegen Flüchtlinge aufgebaut hätten, skandierten viele Teilnehmer den Namen des Weiterlesen

Rassistische Krawalle: Weder spontan, noch unorganisiert

Heidenau 1 head

Fast jede Woche brennen Asylunterkünfte, es gibt gewalttätige Ausschreitungen gegen Flüchtlinge und zahlreiche Übergriffe: All dies ist weder spontan noch unorganisiert…

Von Samuel Salzborn*

Der bundesdeutsche Alltag ist seit Wochen geprägt von rassistischen Anschlägen auf Flüchtlinge und ihre (geplanten) Unterkünfte. Inszenieren sich die Täterinnen und Täter oft selbst als besorgte Bürger/innen, zeigt sich in der Auseinandersetzung mit dem Thema einerseits, dass das Weltbild derjenigen, die sich gegen die Aufnahme von Flüchtlingen mit Worten oder mit Gewalt stark machen, zentrale Elemente rechtsextremen Denkens umfasst und vielfach auch mit Schlüsselbegriffen und Schlagworten aus der rechtsextremen Rhetorik aufwartet. Zugleich zeigt sich andererseits anhand des organisierten Vorgehens sowohl bei Demonstrationen wie ähnlichen Protestaktionen, aber auch bei Übergriffen und Anschlägen, dass auf die Erfahrungen rechtsextremen Organisationen zurückgegriffen wird, wenn diese nicht sogar selbst als Aufstacheler und/oder Organisatoren involviert sind. Der rassistische Protest gegen Flüchtlinge ist somit weder spontan, noch unorganisiert – und er ist Ausdruck eines rechtsextremen Weltbildes, bei dem sicher nicht alle, die gegen die Flüchtlinge demonstrieren, über ein geschlossen rechtsextremes Weltbild verfügen, aber niemand demonstriert gegen Flüchtlinge, wenn nicht mindestens einzelne Facetten dieses Weltbildes vorliegen.

Die Polizei hatte die Situation nicht unter Kontrolle, Foto: PM Cheung
Die Polizei hatte die Situation nicht unter Kontrolle, Foto: PM Cheung

Der rechtsextremen Szene ist dabei jüngst in Deutschland erfolgreich gelungen, ihre Anliegen vermehrt in die Öffentlichkeit zu tragen und auch in erheblichem Maß durch Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, wie auch auf jüdische Einrichtungen, das Klima der Angst und Bedrohung zu verschärfen. Andererseits ist die subjektive Wahrnehmung vieler Menschen in der Bundesrepublik geprägt von Ängsten – sozialen, ökonomischen, politischen – die zwar selten rationaler Prägung sind, aber damit gleichwohl präsent und als Agitationsfolie für den Rechtsextremismus nutzbar. Denn die Bundesrepublik zählt zwar nach wie vor zu den weltweit führenden Industrienationen und ist im internationalen wie europäischen Vergleich weder zentrales Ziel des islamistischen und antisemitischen Terrorismus, noch der massiv durch ihn verstärkten weltweiten Flucht- und Migrationsbewegungen, aber trotzdem fungieren diese Themenfelder als agitatorische Gelegenheitsstrukturen für den Rechtsextremismus.

Dass eine Phase der Beschleunigung immer eine schwere Zeit für Demokratinnen und Demokraten ist, kann man spätestens seit und wegen Carl Schmitt wissen, der als wesentlicher Denker der Konservativen Revolution und Vordenker des Nationalsozialismus auch zu einem der maßgeblichen Idole im (vor allem: intellektuellen) Rechtsextremismus geworden ist: schon Schmitt pries den Modus der Beschleunigung als wesentliche Methode zur Bekämpfung von Parlamentarismus und Demokratie, sind doch Zeiten der Beschleunigung eben Zeiten, in denen weniger nachgedacht, abgewogen und reflektiert wird, in denen es weniger um Verstand und mehr um Affekte geht, in denen der Eskalationsgrad von Konflikten strukturell höher ist, gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen weniger dialogorientiert geführt werden, sondern von scheinbaren Sachzwängen oder ebenso scheinbar natürlichen (und damit als unwidersprechbar unterstellten) Gesetzmäßigkeiten dominiert werden. Phasen der Beschleunigung sind Phasen der Gegenaufklärung.

Der Mob in Heidenau, Foto: Johannes Grunert
Der Mob in Heidenau, Foto: Johannes Grunert

Zugleich engagieren sich aber – im Unterschied zu den rassistischen Anschlägen Anfang der 1990er Jahre – gegenwärtig immer mehr Menschen gegen Rassismus und für die Demokratie, auf vielfältige Weise. Und auch das mediale Klima ist, trotz aller Probleme, viel stärker als noch vor 25 Jahren sensibilisiert gegen Rassismus und Rechtsextremismus. Bei allem Engagement der Zivilgesellschaft darf aber auch nicht übersehen werden: dringend gefordert sind auch Polizei und Justiz, um den bestehenden rechtlichen Rahmen gegen den rassistischen Mob mit aller Härte auszuschöpfen – wer die Sprache der Gewalt spricht, sei es verbal oder in körperlichen Taten, dem ist nicht mit guten Worten beizukommen, sondern nur mit einer starken, wehrhaften Demokratie, in der polizeiliche Möglichkeiten vollumfänglich genutzt und bei juristischer Strafmaßermittlung die Schwere und Vorsätzlichkeit der Taten vollumfänglich berücksichtig wird. Und hier liegt eine der zentralen Diskrepanzen im bundesdeutschen Föderalismus: Während es aufgrund des vorhandenen politischen Willens und des polizeilichen Engagements in Niedersachsen gelingt, Tatverdächtige eines rassistischen Mordanschlagversuchs nach einem Tag Ermittlungsarbeit zu verhaften, hat man in Sachsen den Eindruck, dass weder Politik noch Polizei auch nur ein minimales Interesse an der ernsthaften Bekämpfung von Rassismus und Rechtsextremismus haben.


*Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften an der Georg-August-Universität Göttingen. Sein Buch „Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze“ ist soeben in aktualisierter und erweiterter Auflage bei Nomos/UTB erschienen.

Heidenau: Der Abgrund hinter der Idylle

[SCM]actwin,48,48,48,48;http://Chrome Legacy Window Die Demonstration gestern, in Heidenau,... - Heidenau-Hört zu - Google Chrome chrome 23.08.2015 , 19:26:38
"Besorgte" Bürger in Heidenau als Opfer der Polizei - Screenshot YouTube
„Besorgte“ Bürger in Heidenau als Opfer der Polizei – Screenshot YouTube

Freital, Meißen, Heidenau – das klingt nach deutscher Idylle: Scheinbar liebenswerte Städtchen, in denen die kleine Welt noch in bester Ordnung glänzt und die Nachbarn gemeinsam anpacken. Beispielsweise mit dem netten Nazi von nebenan gegen Flüchtlinge, die in einem leerstehenden Baumarkt untergebracht werden sollen. Der zivilisatorische Abgrund reißt in der Provinz auf.

Von Patrick Gensing

Deutschland ist ein vielfältiges Land, heißt es. In der Tat. Während vor allem in den großen Städten Tausende Bürger den Menschen aus Bürgerkriegsländern tatkräftig helfen, schließen sich anderswo „besorgte“ Bürger bedenkenlos dem braunen Mob an. Parolen, die einst für demokratische Forderungen gestanden haben sollen, werden umstandslos reaktionär aufgeladen: Wir sind das Volk! – das klingt heute nach Ausgrenzung und der tumben Herrschaft der Straße – nicht nach universellen Menschenrechten und demokratischer Mitbestimmung.

Rassismus und Rechtsextremismus brechen dort aus, wo diese Phänomene auf wenig bis gar keine Gegenwehr stoßen. Wo verharmlost und weggeschaut wird, statt offen zu widersprechen. Wo das Image wichtiger ist als der Schutz von Grundrechten. Und all das ist vor allem in Sachsen der Fall, dort, wo über Jahre der größte Neonazi-Aufmarsch Europas stattfand; wo NPD und nun die AfD Rekordergebnisse erzielten; dort, wo Rechtsterroristen ungestört in einem „Untergrund“ gelebt hatten, der gar keiner war – und wo Richter so lasche Urteile gegen militante Neonazi-Banden fällten, dass sie von höheren Instanzen kassiert wurden.

Rechtsextremismus ist das Gegenteil von streitbarer und lauter Demokratie. Wo die Demokratie schwach ausgeprägt bleibt, macht sich der Rechtsextremismus breit. Rassisten sind zumeist feige, sie machen den Mund lediglich auf, wenn sie auf Zustimmung hoffen können. Freital, Meißen und Heidenau – die Vorfälle in diesen Städten sind keine Schande für Sachsen und Deutschland, sondern die Konsequenz daraus, dass die Demokratie in Teilen des Landes nur institutionell existiert, mehr als notwendiges Übel akzeptiert denn mit Leidenschaft gelebt wird. Universelle Grundrechte sind hier lediglich demokratische Folklore und kaum das Papier wert, auf dem sie verbrieft werden.

Barrikaden, Brandanschläge, Bürgerinititativen: Die rassistischen Gewalttäter schlagen dann zu, wenn sie sich durch gesellschaftliche Debatten ermutigt fühlen; sie gehen dort zum Angriff über, wo sie auf Unterstützung und Sympathie hoffen. Es handelt sich nicht um Auswärtige und Zugereiste – es sind die Kinder der Region, die ihre Ressentiments von der Pike auf in Elternhäusern, Sportvereinen, Schule und anderen gesellschaftlichen Institutionen erlernt haben.

Demokratische Grundregeln, Humanismus und kritisches Bewusstsein standen offenkundig nicht auf dem Lehrplan. Doch um die neuen Lehrpläne muss man sich später kümmern, nun geht es erst einmal darum, Flüchtlinge vor dem rassistischen Mob zu schützen: Wehrhafte Demokratie, bis hierhin und nicht weiter. Das Ansehen Deutschlands im Ausland ist dabei übrigens vollkommen nebensächlich – ganz im Gegenteil: Die Welt soll unbedingt wissen, was sich hinter der deutschen Idylle verbirgt.

#Heidenau – Die zweite Nacht

HEidenau NAcht 2 Head

Am Samstag tobte den zweiten Tag in Folge der deutsche Mob im sächsischen Heidenau. Freitag Abend randalierten im Anschluss an eine NPD-Kundgebung hunderte Rassisten vor einer neu eingerichteten Flüchtlingsunterkunft. Am Samstag wiederholten sich die Ereignisse im kleineren Rahmen. Samstag zogen allerdings auch erstmals Nazi-Gegner nach Heidenau. Ein Bericht vom Samstag aus der sächsischen Schweiz.

von Sebastian Weiermann, zuerst veröffentlicht bei den Ruhrbaronen

Samstag Nachmittag in Dresden: Etwa 200 Antifaschisten treffen sich, sie wollen dem Mob in Heidenau entgegentreten. Nach kurzer Zugfahrt formieren sie sich zu einer Demonstration durch Heidenau. Wüsste man nicht von den Ereignissen des Vorabends, könnte man von einer ganz normalen Antifa-Aktion ausgehen. Ohne Störungen ziehen die Nazi-Gegner in die Nähe der Flüchtlingsunterkunft. Über Stunden stehen die Antirassisten auf einem Parkplatz gegenüber der Unterkunft. Am Nachmittag bleibt es ruhig, bis auf einzelne Bewohner Heidenaus, die den Nazi-Gegnern erklären wollen, dass am Vorabend die Polizei provoziert habe und man sich doch nur gewehrt habe. Die Nazi-Gegner reagieren besonnen, die rassistischen Bürger werden mit ruhigen Worten vom Platz geschickt. Flüchtlinge aus der neuen Unterkunft in der sächsischen Stadt besuchen die antirassistische Kundgebung und unterhalten sich dort über Stunden mit den Nazi-Gegnern.

Rund 200 Antifaschisten waren in Heidenau, Foto: PM Cheung
Rund 200 Antifaschisten waren in Heidenau, Foto: PM Cheung

Doch im Laufe des frühen Abends spitzt sich die Situation zu. Teilweise bewaffnete Gruppen von Neonazis lauern Antifaschisten auf. Nur durch großes Glück kommt es nicht zu schweren Verletzungen. Insgesamt bleibt es bei Platzwunden und Sachschäden an den Fahrzeugen von Nazi-Gegnern.

Die Polizei hatte die Situation nicht unter Kontrolle, Foto: PM Cheung
Die Polizei hatte die Situation nicht unter Kontrolle, Foto: PM Cheung

Von Stunde zu Stunde versammeln sich mehr Rechte auf einer Wiese in der Nähe der Nazi-Gegner und der Flüchtlingsunterkunft. Die Rechten trinken Bier, die Polizei lässt es zu, dass Rechte sich frei in Heidenau bewegen können. Sie ist mit weniger als 150 Beamten im Einsatz. Dies sollte sich am Abend noch rächen.

Neonazis und Rassisten verwüsteten die Straße, Foto: PM Cheung
Neonazis und Rassisten verwüsteten die Straße, Foto: PM Cheung

Samstag Nacht 23 Uhr: Der rechte Mob war auf über 200 Menschen angewachsen. Beobachter glaubten schon der Abend wurde ruhig verlaufen, dann eskalierte die Situation. Von einer Sekunde auf die andere rannten die Rechten auf die Straße, rissen Bauzäune aus ihren Verankerungen und schmissen diese auf die Straße. Ein vermummter Neonazi besprühte Polizeikräfte mit einem Feuerlöscher, Böller und Flaschen wurden geworfen. Die eingesetzten Polizisten rannten panisch weg. Es dauerte mehrere Minuten bis sich die Polizeikräfte neu formiert hatten und die Rassisten aufhalten konnten. Ein Angriff der Rechten auf Flüchtlingsunterkunft und Antira-Kundgebung wurde nur um Haaresbreite abgewehrt. Andere Kleingruppen der Rechten versuchten wiederholt, die Nazi-Gegner anzugreifen. Der sächsischen Polizei gelang es in Heidenau die Rechten auf Abstand zur Unterkunft zu halten, Festnahmen bei den gewalttätigen Neonazis, die Polizeibeamte verletzten, wurden allerdings nicht getätigt.

Gegen Mitternacht reisten die Nazi-Gegner aus Heidenau ab. Umgeben von Polizeikräften, die ständig die Linken abfilmten, zogen die Antirassisten aus der Stadt in der sächsischen Schweiz ab. Am Rande der Demonstration warfen Rechte Böller auf die Nazi-Gegner. Am Heidenauer Bahnhof flogen Steine auf die Antirassisten.

22.08.2015 - Heidenau (Sachsen) - Zweite Krawallnacht in Heidenau - Solidaritätsveranstaltung für Flüchtlinge!

Dresdener Antifaschisten bezeichneten die Situation in Heidenau als schlimmer, als in Freital und an der „Zeltstadt“ in der sächsischen Landeshauptstadt. Ein Mob aus organisierten Nazis, rechten Hooligans und Bürgern kommt in Heidenau in den letzten Tagen regelmäßig zusammen. Heidenau hat Potential für pogromartige Ausschreitungen, Polizei und Politik in Sachsen scheinen nicht die Absicht zu haben dies zu verhindern.

Am heutigen Abend werden Nazi-Gegner einen neuen Anlauf starten, um sich dem Mob entgegen zu stellen. Die Antifaschisten hoffen auf mehr Unterstützung als am Samstag.

Auch heute werden wir via Twitter aus Heidenau berichten.

#Heidenau – Ein Erlebnisbericht…

Heidenau 3 head

In Heidenau, südöstlich von Dresden, ist es gestern zu schweren Ausschreitungen von Neonazis gegen die Polizei gekommen. Die Rassisten hatten versucht, die Ankunft von Geflüchteten zu verhindern.

Von Johannes Grunert

Besorgte Bürger mit Reichsfarben, Foto: Johannes Grunert
Besorgte Bürger mit Reichsfarben, Foto: Johannes Grunert

Ein ehemaliger Baumarkt in Heidenau, einem Ort im Dresdner Speckgürtel, soll kurzfristig 250 Geflüchteten als Notunterkunft dienen. Dass viele Rassisten aus dem Pegida-Einzugsgebiet das verhindern wollten, hatten sie bereits bei einer Kundgebung am Vortag angekündigt. Die Polizei war darauf nicht ausreichend vorbereitet. Die Kundgebung am Donnerstag war bereits die zweite ihrer Art, am Freitag versammelten sich Heidenauer Anwohner gemeinsam mit Neonazis und Rassisten aus der Region unter Führung von NPD-Kadern wieder. Trotz der Vorahnung, dass der Tag nicht friedlich zu Ende gehen sollte, war die Polizei den über 1000 Demonstranten mit 136 Beamten zahlenmäßig deutlich unterlegen. Auch die vorherigen Ankündigungen, man wolle mit Blockaden die Ankunft der Flüchtlinge verhindern, hatten offenbar keinen Einfluss auf die eingesetzte Zahl an Polizisten.

Der Demonstrationszug machte zunächst zu einer Zwischenkundgebung vor dem Haus des Heidenauer Bürgermeisters Jürgen Opitz halt, wo die NPD-Stadträte von Heidenau und Dresden, Rico Rentzsch und Hartmut Krien, ihre Reden hielten. Opitz wurde aufgefordert, sich am Fenster zu zeigen, mehrere Beleidigungen fielen. Ein Demonstrant rief unterdessen dazu auf, eine Bürgerwehr zu gründen. Wie sich später zeigen sollte, kam die Eigendynamik der rassistischen Proteste an dem Tag jeder Gewalt von organisierten Bürgerwehren zuvor. Die Stimmung war schon während des Protestzuges aufgeheizt. Als sich ein kleiner migrantischer Junge an einem Fenster zeigte, wurde er sofort von mehreren Demonstranten als „Kanake“ beschimpft.

Rassistischer Aufmarsch und Ausschreitungen am 21.08.2015 in Heidenau

Spätestens, als der Aufmarsch wieder an seinem Ausgangspunkt angelangt war, wurde klar, dass die Ankündigung vom Vortag kein Lippenbekenntnis bleiben sollte. Nur ein kleiner Teil der Demonstranten versammelte sich zur Abschlusskundgebung, während das Gros der Teilnehmer sich sofort in Richtung des geplanten Heims aufmachte. Eine aufgestellte Polizeisperre war für die größtenteils ortskundigen Rassisten kein Hindernis. Als sich mehrere Hundert Demo-Teilnehmer vor der Notunterkunft versammelten, wurde die Stimmung schnell aggressiver. Nachdem etwa 30 Personen die vielbefahrene S172 vor der Unterkunft mit einer Sitzblockade versperrten, wurden die ersten Böller und Flaschen in Richtung Polizei und Presse geworfen. Die Polizeitaktik des Wegschauens sollte sich dabei bis in den späten Abend fortsetzen. Die zunehmend betrunkenen Neonazis warfen immer mehr Böller, Flaschen und teilweise auch Steine. Nachdem die Polizei eine Wagenkette vor die Unterkunft gezogen hatte, errichteten die Rassisten dahinter Barrikaden aus Baustellenabsperrungen. Später verlagerte sich das Geschehen dann auf die nunmehr einzige freie Route für die Ankunft der Geflüchteten. Weitere Sitzblockaden konnte die Polizei zunächst noch unterbinden, die Neonazis betraten die Straße dennoch immer wieder. Um 23 Uhr eskalierte die Situation dann vollends: Nachdem zahlreiche Neonazis anfingen, Barrikaden zu errichten und Wurfgeschosse Richtung Heim zu schleudern, griff die Polizei ein. Neonazis wurden mit Schlagstöcken zurück getrieben, was den Mob weiter aufstachelte. Minutenlang lieferten sich die Rassisten eine Straßenschlacht mit der Polizei, es hagelte Flaschen, Steine und Böller. Hell abbrennende Pyrotechnik landete in den Reihen der Beamten, 31 von ihnen wurden verletzt. Die Reaktion der Polizei zeigte vorübergehend Wirkung: Sie feuerten erst Leuchtraketen ab, um den dunklen Parkplatz einsehbar zu machen, darauf folgen mindestens zehn Tränengasgranaten, die über dem Mob explodieren. Eine pinkfarbene Wolke legt sich auf die aufgebrachte Menge, mindestens 200 Menschen wurden mit einem Mal außer Gefecht gesetzt. Ein paar Neonazis wurden festgenommen, die Polizei beschlagnahmt zahlreiche Feuerwerkskörper. Der Großteil der Menge sammelte sich aber wieder vor dem gegenüberliegenden Real-Markt, einige verletzte Neonazis wurden direkt vor die Notunterkunft gebracht, um verarztet zu werden. Unterdessen war für alle unklar, ob die Geflüchteten noch kommen sollten und so wartete der Mob weiter. Als dann tatsächlich gegen 0:30 Uhr ein Bus in Sichtweite kam, fuhr dieser schließlich mit hoher Geschwindigkeit – eskortiert von der Polizei – an der schreienden Menge vorbei, die Vorhänge im Bus waren zugezogen. Ein Polizist hatte vorher über Funk gefragt: „Wie viele Leute brauchen wir, um den Bus halbwegs heil hier durchzukriegen?“.

Mit Sitzblockaden gegen Menschenrecht, Foto: Johannes Grunert
Mit Sitzblockaden gegen Menschenrecht, Foto: Johannes Grunert

Flüchtlingen diese Tortur zu ersparen, wäre für die Polizei ein Leichtes gewesen. Wie es bei vielen anderen Demonstrationen, bei denen es zu Gewalt kommt, Gang und Gäbe ist, hätte die Polizei Durchsagen machen können. Wären die Rassisten nicht abgezogen, wäre es möglich gewesen, Kräfte nachzufordern, den Mob in sicherem Abstand einzukesseln und Platzverweise zu erteilen. Es bleibt die Frage, warum das nicht geschehen ist. Sächsischen Regierungskreise glänzen bislang durch Schweigen, lediglich ein Sprecher äußerte sich im Laufe des Samstags und verkündete „Null Toleranz gegen Fremdenfeindlichkeit“. Am heutigen Samstag haben sich die Rassisten erneut angekündigt, etwa 200 Antifaschisten sind in die Stadt gekommen und demonstrieren. Dauert die Unentschlossenheit der Polizei an, werden sie den Mob nicht von seinem Vorhaben abhalten können.