Von der Wiege bis zur Bahre – braune Parallelwelt im Nordosten

fn mecklenburg

Während in anderen Regionen NPD, JN und militante Neonazi-Szene eher auf dem Rückzug sind, bleibt Mecklenburg-Vorpommern eine Hochburg der braunen Bewegung – weitestgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Anfang 2015 bieten die Neonazis im Nordosten ein volles Programm: Vom Neujahrsempfang, über eine  JN-CD für Lehrer bis hin zum „Tollense-Marsch“.

Von Andrea Röpke, blick nach rechts

„Mutige Kameraden“ trafen sich  zum zwölften Mal im Februar unter der Führung von David Petereit zum 40 Kilometer-Marsch, „um die eigenen Grenzen auszuloten“, wie es in einer internen Einladung mal hieß. In diesem Jahr beteiligten sich an der Wanderung um den Tollense-See bei Neubrandenburg allerdings weitaus weniger Personen als im Vorjahr. Beobachter sprechen von etwa zwei Dutzend Marschierern, 2014 waren es laut Polizei noch 72. Unter den wenigen, die den NPD-Abgeordneten Petereit durch die Kälte begleiteten, befanden sich neben dem Greifswalder „Anti-Antifa“ Marcus Gutsche, dem ehemaligen NPD-Kandidaten Stefan Zahradnik aus Bad Doberan oder dem Ex-Anhänger der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ (HDJ), Friedrich Tinz, auch zwei Bremer Neonazis. Henrik Ostendorf, der als führend beim NS-Büchlein „Ein Fähnlein“ gilt und sich an der Organisation der „HoGeSa“-Demonstrationen in Köln und Hannover beteiligte, war ebenso wie der ehemalige Verdener NPD-Aktivist Daniel Fürstenberg, jetzt Hooligan in Bremen, dabei.

Längst werden Privates und Politisches in der Szene vermischt. So fand  Anfang Juni 2014 erneut eine große Hochzeitsfeier in dem von Neonazis dominierten Dörfchen Jamel bei Wismar statt. Bereits Sven Krüger hatte mit großem politischem Gefolge auf dem Dorfplatz gefeiert. Unter den etwa 150 Gästen des Frischvermählten von der „Kameradschaft Wismar“ soll auch der bekannte „Hammerskin“ Thomas Gerlach aus Altenburg in Thüringen gewesen sein. Der steht im Verdacht, dem NSU-Netzwerk angehört zu haben. Am selben Tag im Juni nahmen 25 Rechte an der Beisetzung eines Kameraden in Sietow teil –  ganz nach dem Motto „von der Wiege bis zur Bahre“ wird in Mecklenburg-Vorpommern scheinbar vieles gemeinsam begangen.

Ähnlich wird es wohl auch 2015 ablaufen. Am 9. Januar  feierten etwa 90 Neonazis aus der gesamten Region ungestört mit auswärtigen Besuchern im „Thinghaus“ in Grevesmühlen. Zwei Wochen später führte die NPD ihren Neujahrsempfang und den Landesparteitag in der szeneeigenen Immobilie in Anklam durch. Anwesend waren neben dem neuen Bundesvorsitzenden Frank Franz aus dem Saarland auch die verbliebene sächsische Parteispitze um Holger Szymanski, Arne Schimmer und Jens Baur sowie der parteieigene Witzemacher Thomas Salomon aus Brandenburg.

Mindestens zwei „Wahlkampf“-Zeltlager für junge Kameraden

Die Jugendorganisation der NPD hat inzwischen ihren Sitz von Riesa bei Dresden nach Westmecklenburg verlegt. Unter der neuen Führung des Hardliners Sebastian Richter aus Groß Krams soll die „Symbiose“ zwischen Jungen Nationaldemokraten (JN) und NPD gefestigt werden. Denn die habe, so Richter, unter dem ehemaligen NPD-Chef Holger Apfel „extrem gelitten“. Die JN kündigten beim Parteitag in Anklam an, „bedingungslos ein Leitbild“ zu verfolgen, „welches sich an Geschichte, Abstammung und Schicksal unseres Volkes“ ausrichte. Doch auch für die nötige Tarnung ist gesorgt, so warnte Richter in seiner Rede, man müsse natürlich „nach außen moderat und zeitgemäß agieren“.

Bis zur Landtagswahl in dem nordöstlichen Bundesland im Herbst 2016 planen die JN, mindestens zwei „Wahlkampf“-Zeltlager“ für junge Kameraden aus dem gesamten Bundesgebiet durchzuführen. Dort solle „knallharter politischer Aktivismus“ betrieben werden.

Vorerst geben die JN unter Richter an, hunderte von Schulen im Bundesgebiet mit der CD „Auf dem Stundenplan. Ersatzmaterial für den Geschichtsunterricht“ versorgt zu haben. Lehrern, denen, so Richter, nur „blödsinnige Bücher“ über die Bombardierung Dresdens 1945 zur Verfügung stehen würden, sollen per Tonträger von den JN einschlägiges Material erhalten.

Humor und Hoffnung: Glaubt Feine Sahne Fischfilet!

Aufstand gegen Monchi und Zeilen, die Mut machen: „Es wird schon alles gut, auch wenn es manchmal schwer fällt, nicht völlig durchzudrehen.“ FSF macht mal wieder so vieles richtig. Schön, dass es diese Band gibt.

 

Siehe auch: Foto von Feine Sahne Fischfilet: Schwere Schlappe für VerfassungsschutzDarf der Verfassungsschutz Fotos klauen?Verfassungsschutzbericht 2011 ist rechtswidrigPunk & PR: Fischfilets meet VerfassungsschutzKomplett im Visier des Verfassungsschutzes

Als Flüchtling in Mecklenburg: „Ebola, Ebola!“

"Güstrow wehrt sich gegen Asylmissbrauch" - mit einem Fackelmarsch, Artikeln aus der "Jungen Freiheit" und rassistischer Hetze auf Facebook, die mit den Ängsten von Eltern spielt.

Die Übergriffe von Wachleuten auf Flüchtlinge hat in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen gesorgt. Doch Probleme bei Unterkunft und Versorgung seien gar nicht das Schlimmste, sagen Flüchtlinge, die in Mecklenburg-Vorpommern untergebracht sind. Schlimmer sei der Rassismus, der ihnen entgegenschlägt. Ein Mann berichtet beispielsweise, er werde auf der Straße mit „Ebola, Ebola!“-Rufen beleidigt.

Am vergangenen Samstag, den 18.Oktober 2014 berichteten Flüchtlinge über ihre Lebenswirklichkeit in Mecklenburg-Vorpommern im Rahmen einer Pressetour entlang der Stationen Anklam, Güstrow und Ludwigslust. Die Flüchtlinge stellten in dem Zusammenhang einen Forderungskatalog vor.

An allen Stationen betonten die Geflüchteten, dass sie dankbar für die Unterkunft und Versorgung durch den Staat sind. Ihr Hauptproblem ist der Rassismus, der ihnen im Alltag vor Ort entgegenschlägt. Ein in Güstrow untergebrachter Schwarzer Flüchtling erzählte: „Die Menschen wollen die Münzen nicht anfassen, mit denen ich bezahle. Auf der Straße rufen sie ‚Ebola, Ebola‘ und wenn ich das Haus verlasse, beschimpfen sie mich.“

Fackelmarsch in Güstrow gegen die Unterbringung von Flüchtlingen

In Ludwigslust erzählte eine Geflüchtete, dass sie sich vor allem eine Verbesserung der Unterkunft wünscht: „Wir haben hier nur Gemeinschaftsduschen ohne Vorhänge. Zum Duschen müssen wir über den Hof, auch im Winter.“Auch Imam-Jonas Dogesch von der Initiative Migranet MV beklagt die Zustände in den Unterkünften als „unerträglich“.

„Viele Flüchtlinge sind durch Flucht und Krieg traumatisiert“, erklärte Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig anlässlich der mobilen Pressekonferenz. Umso wichtiger seien Projekte wie die der Amadeu Antonio Stiftung, die sich für eine Willkommenskultur vor Ort einsetzen. „Willkommenskultur, das fängt schon bei den kleinen Dingen an: zum Beispiel, Informationen in verschiedenen Sprachen zur Verfügung zu stellen oder einfach, die Flüchtlinge selbst zu Wort kommen zu lassen. Willkommenskultur bedeutet aber auch, entschieden gegen rassistische und menschenverachtende Hetze – zum Beispiel in der Diskussion um neue Flüchtlingsunterkünfte – vorzugehen“, so Schwesig weiter.

"Güstrow wehrt sich gegen Asylmissbrauch" - mit einem Fackelmarsch, Artikeln aus der "Jungen Freiheit" und rassistischer Hetze auf Facebook, die mit den Ängsten von Eltern spielt.
„Güstrow wehrt sich gegen Asylmissbrauch“ – mit einem Fackelmarsch, Artikeln aus der „Jungen Freiheit“ und rassistischer Hetze auf Facebook, die mit den Ängsten von Eltern spielt.

Die Stimmung gegenüber Flüchtlingen ist durch Vorurteile und Rassismus geprägt, besonders im ländlichen Raum. Darauf aufbauend versuchen Rechtsextreme, auch Personen außerhalb der rechten Szene anzusprechen. Seit 2012 treten Rechtsextreme verstärkt in Bürgerinitiativen oder auf Wahllisten als besorgte Bürger jenseits rechter Parteipolitik auf. Besonders auffällig ist die aktive Rolle von Frauen bei den flüchtlingsfeindlichen Aktivitäten. Parallel zur mobilen Pressekonferenz fand in Güstrow ein Fackelmarsch statt. Angemeldet von einer rechtsextremen Aktivistin der Initiative „Güstrow gegen Asylmissbrauch“ hatte dieser sich den Slogan „Für die Zukunft unserer Kinder“ auf die Fahnen geschrieben. „Besonders rechtsextreme Aktivistinnen machen sich die Rolle als besorgte Mutter oder schutzlose Frau zu Nutze, um rassistische Stereotype zu bedienen“, erklärt Stella Hindemith, Leiterin des Projekts Lola für Ludwigslust.

„Die Unterbringung von Flüchtlingen braucht humanitäre Mindeststandards, besonders im ländlichen Raum. Wir beobachten stattdessen ein Wegschieben von Verantwortung. Bund und Länder müssen den Kommunen die notwendigen Mittel für eine sichere und menschenwürdige Unterbringung der Asylsuchenden zur Verfügung stellen. Und auch die Willkommensinitiativen brauchen eine stärkere Unterstützung“, erklärt Hindemith weiter.

Stimmen aus Güstrow bei Facebook
Stimmen aus Güstrow bei Facebook

Der vorgestellte Forderungskatalog ist die Antwort von Flüchtlingen und Zivilgesellschaft auf die Isolation, prekären Lebensbedingungen in Flüchtlingsheimen, den Alltagsrassismus und Gewalt durch Nazis, denen Flüchtlinge insbesondere im ländlichen Raum ausgesetzt sind.

Hier der Forderungskatalog.

NPD will AfD Sitz im Landtag abnehmen

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Die AfD streitet sich über ihren Brandenburger Landtagsabgeordneten Jan-Ulrich Weiß. Der hatte auf Facebook antisemitisch gehetzt. Von dem Skandal will nun die NPD profitieren.

Von Patrick Gensing

Nach einer Prüfung verzichtet die AfD in Brandenburg nun doch auf einen juristischen Schachzug, mit dem sie den Einzug ihres Kandidaten Jan-Ulrich Weiß in den Landtag hätte verhindern können. AfD-Pressesprecher Frye sagte dem rbb, man habe entsprechende Überlegungen am Montag doch verworfen. Es bleibe bei allen getroffenen Entscheidungen.

Demnach wird Stefan Hein sein AfD-Mandat nicht annehmen. Jan-Ulrich Weiß ist der erste Nachrücker auf der Liste. Der 39-jährige Templiner hatte auf Facebook antisemitische Inhalte veröffentlicht. Die AfD hatte ihm daraufhin die Aufnahme in die Fraktion verweigert. Außerdem hat die AfD einen Parteiausschluss von Weiß angekündigt.

„Politische Arbeit in der NPD fortsetzen“

Davon will nun die NPD profitieren. Mir liegt ein Schreiben der NPD-Brandenburg an Weiß vor, in dem es heißt, die Wähler seien „mit rechten Forderungen geworben“ worden – und „nun distanziert man sich offenbar von rechten Politikern“. Die NPD schlägt Weiß vor, man könne sich „in den kommenden Tagen einmal zusammensetzen, um zu erörtern, ob es nicht sinnvoll wäre, dass Sie möglicherweise in der NPD ihre politische Arbeit fortsetzen?“

Die Initiative für dieses Schreiben kam offenbar unter anderem von Pressesprecher Frank Franz, der als ein Kandidat für den Parteivorsitz gilt und der Partei eine eher rechtspopulistische Rhetorik verpassen möchte.

AfD und NPD gegen Kirchenasyl

Dass es thematische und inhaltliche Überschneidungen zwischen NPD und AfD gibt, ist offensichtlich. In der vergangenen Woche sorgten drei Kreistagsmitglieder der AfD in Pasewalk für überregionale Aufmerksamkeit, weil sie für mehrere NPD-Anträge stimmten. Außerdem verteidigten sie eine NPD-Beschlussvorlage, mit der die Wolgaster Kirchengemeinde St.Petri zur Unterlassung des Kirchenasyls aufgefordert werden sollte.

Das Fleischvorstadtblog berichtete, bei „Facebook lösten die Berichte von Ostsee-Zeitung und Nordkurier gespaltene Reaktionen aus. Für viele Nutzerinnen war das Abstimmungsverhalten der AfD “keine Überraschung”. Vielmehr sei die Maske gefallen, der Damm gebrochen und die Vaterschaft des braunlackierten Geistes durch die Unterstützung des NPD-Antrags endlich geklärt. Lauter und in ihrer Polemik noch sehr viel drastischer fielen die Kommentare vieler AfD-Befürworter aus, die sich diebisch darüber freuten, dass die “Demokratie-Verweser” von den drei Kreistagsabgeordneten vorgeführt wurden.

Schnell griff ein bestimmter sprachlicher Duktus um sich. Formulierungen, die bei zahlreichen bekennenden AfD-Wählern an vielen Orten des Internets beobachtbar sind, vergifteten alsbald die Diskussionen auf den Social-Media-Seiten der regionalen Zeitungen. Aus den etablierten demokratischen Parteien werden dann zum Beispiel “marionettenhafte Handheber”, “Dünkelgruppen” oder “Vasallen”. Für die dabei häufig als “Blockparteien” Bezeichneten hat sich in solchen Kommentaren inzwischen eine wenig griffige Abkürzung etabliert: “CDSUSPDGRÜNELINKE”. Jede nichtlobhudelige Berichterstattung über die AfD wird als “Hetze” etabliert. Politiker (“Systemlinge”) wie Journalisten (“Schreiberlinge”) sind in der Wahrnehmung dieser Kommentierenden zumeist mit großen Nazi-Keulen bewaffnet und stellen jeden in die rechte Ecke, der die “Wahrheit” ausspricht oder Dinge, die vorgeblich auch einfach mal gesagt werden müssten.“

Alles Einzelfälle?

Angesichts der AfD-Anhängerschaft und entsprechendem Personal in der Partei dürfte der Fall Weiß in Brandenburg nicht der letzte Skandal gewesen sein – und die AfD muss sich weiter von denen distanzieren, die sie mit ihrer Rhetorik eben anspricht. Es handelt sich auch nicht um eine Serie von Einzelfällen, sondern Leute wie Weiß fallen in der AfD nur auf, wenn sie über das Ziel hinausschießen und öffentlich hetzen. Zuvor fiel Weiß in der Partei ja offenkundig nicht negativ auf, sondern ergatterte sogar einen der begehrten Listenplätze bei der Landtagswahl.

Wo Schüler sich mit Säbeln schlagen

Gothia politisch unkorrekt

Rechte Umtriebe in akademischen Burschenschaften sind seit mehreren Jahren ein Thema. In Berlin will sich am kommenden Wochenende nun der burschenschaftliche Nachwuchs des Allgemeinen Pennälerrings zum jährlichen, bundesweiten „Pennälertag“ mit Säbelmensur, Convent, Festkommers und Grillen bei der Berliner Burschenschaft Gothia treffen. Das letzte Jahrestreffen des extrem rechten APR in Hamburg, laut eigenen Angaben von 9 Mitgliedsbünden und über 40 Teilnehmern besucht, hatte breiten Protest hervorgerufen.

von Felix Krebs

APR-Bünde Seenshot FBDem Allgemeinen Pennälerring (APR) gehören ein Dutzend Schülerburschenschaften, hauptsächlich aus Norddeutschland, an. Diese bezeichnen sich selbst als „national-freiheitliche und wehrhafte Pennalkorporationen“ und bekennen sich zum burschenschaftlichen Prinzip, wie es für die studentischen Verbindungen die DB vertritt. Ihren eigenen Nachwuchs „keilen“ (werben) die braunen Pennäler außer im rechten Spektrum natürlich an den Schulen, wo sie vertreten sind. „Der Keilbetrieb wird direkt in den Schulklassen umgesetzt, wobei hier leider ein schlechter Zeitgeist herrscht“, berichtete beispielsweise die Gymnasiale Burschenschaft Germania Kiel für das Jahr 2012. Aus dieser Pennalie kommt auch der aktuelle Sprecher des APR, Lennart Krakow. Ein Hans Dampf in allen Gassen, der zwischen Burschenschaften, Identitärer Bewegung und anderen rechten Gruppierungen Kontakte knüpft.

Gegründet wurde der APR 1990 ursprünglich von fünf Pennalien, darunter die Pennale Burschenverbindung Teutonia Hamburgia über die der Hamburger Verfassungsschutz in einem vertraulichem Bericht 1993 schrieb, es handele sich bei der Teutonia um eine „eindeutig rechtsextremistische Verbindung“, der „auch ausschließlich Rechtsextremisten angehören.“ Kein Wunder, die Hamburger Teutonen veranstalteten damals mit anderen Burschenschaftern und Neonazis Wehrsportübungen in Niedersachsen.

Geburtsanzeige Heise Chattia
Der Neonazi Thorsten Heise taucht nur unter Decknamen auf

Ein anderer APR-Bund, die Pennale Burschenschaft Chattia Friedberg zu Hamburg wird aktuell in den Berichten des Hamburger Geheimdienstes aufgeführt. In der jüngsten Vergangenheit fiel die Chattia durch Doppelmitgliedschaften mit der NPD auf. Gleich zwei Hamburger Chatten verloren wegen neonazistischer Aktivitäten ihren Job als Lehrer bzw. Filial-Leiter einer Bank: Der Banker, weil er 2008 einen braunen Bestseller namens „Blutzeugen“ über gefallene NS-Kämpfer in der Weimarer Republik veröffentlichte. Ein inzwischen aus der Szene ausgestiegener Chatte war 2010 für den Ordnerdienst der Hamburger NPD aktiv. Auch der Kameradschaftsführer und aktuelle Vize der thüringischen NPD, Thorsten Heise, taucht unter dem Tarnnamen „Ulex“ bei der Chattia auf. Er hatte nicht nur nachgewiesene Kontakte zu Beschuldigten im NSU-Prozess, sondern 2012 war auch eine Wanderung der Chattia zu ihrem Alten Herren Heise geplant.

Angesichts von antifaschistischen Protesten und geheimdienstlicher Beobachtung verwundern die Benutzung von Tarnnamen und konspiratives Verhalten nur wenig. Schließlich befinden sich unter den Alten Herren des APR oder ihrer Einzelbünde nicht nur Neonazis, sondern auch viele Akademiker mit honorigen Berufen, die um ihren Ruf fürchten. „Wir befähigen … junge Menschen zu Führungsaufgaben in der nationalen Arbeit und ihrem späteren Berufsleben“, beschreibt der APR seine elitären Ziele. Im Falle von Michael Büge (Erste Berliner Schülerverbindung Iuvenis Gothia) wurde ein APR-Bursche sogar zeitweilig Staatssekretär. Dass die Chattia mit Heise einen Alten Herren ohne Abitur in ihren Reihen hat, ist die Ausnahme, bei ihr dürfen sogar Frauen mitmachen. Die Aufkündigung des Maturitätsprinzips und die Mischung der Geschlechter sind allerdings im APR umstritten.

Völkische Ideologie

APR GeleitheftAls quasi programmatische Grundlage veröffentlichte der APR 2005 ein „Geleitheft der konservativen Jugend – Identitätssuche, Pflichterfüllung und Rebellion“. Die schwülstigen Texte strotzen nur so vom Bekenntnis zu Männerbund, Elite, Führertum und völkischem Nationalismus. „Jugend unseres Volkes!…Erhebe dich aus den Trümmern unserer Zeit, befreie dich von allem, was dich peinigt – breite deine Flügel über unser ew‘ges Vaterland und benetze sie mit deinem Schweiß und Blute … ignoriere die Schwätzer und achte deine Führer!“, heißt es dort im Epilog. Gepriesen wird auch das wohl bekannteste Lied des Jungvolks in der Hitler-Jugend (HJ) „Auf hebt unsre Fahnen“, in dem Werte besungen werden, welche als Vorbild für die Pennäler gelten sollen. Sogar aus Hitlers Rede 1935 vor 50.0000 HJ-Angehörigen wird, allerdings leicht abgeändert, zitiert. „Zäh wie Leder – schnell wie die Windhunde – hart wir Kruppstahl“, so müsse auch die heutige „konservative“ Jugend laut APR-Heft sein. Die Weltkriegsgeneration habe diese Unbedingtheit noch unter Beweis gestellt; und was auch heute noch gelte, „im Zweifelsfalle steht hier die Ehre höher als das Leben.“

In klassisch kulturpessimistischem Duktus mahnt man, die Pennäler seien verpflichtet, „den hohen geistigen und sittlichen Anforderungen des Deutschtums letztendlich treu zu bleiben – auf dass wir nicht in Kulturlosigkeit, Barbarei und Dekadenz traurig herabsinken!“. Wobei das „Deutschtum“ natürlich völkisch abgeleitet wird. Als letztendliches Ziel des APR gilt: „das Reich aller Deutschen und die abendländische Erneuerung“ –  Schöner könnte es die NPD kaum formulieren.

Mit Säbeln auf den nackten Oberkörper

Für Samstagmorgen ist vom APR eine blutige Säbelmensur nach der „Linzer Pauk- und Ehrenordnung von 1958“ (LPO) geplant. Bei den ritualisierten Körperverletzungen wird nicht wie bei den studentischen Verbindungen auf den Kopf geschlagen, sondern mit stumpfem Säbeln auf den nackten Oberkörper. Die entstehenden Riss- und Quetschwunden bleiben so anschließend unter der Kleidung verborgen, denn Schülermensuren waren früher verboten. In der LPO ist auch geregelt, wer überhaupt die Säbelduelle austragen darf: Schüler, „die das 14. Lebensjahr vollendet haben, sowie alle Personen, welchen der ‚Allgemeine Ehrenkodex’ die Waffenehre zuspricht,“ es „ gelten die Bestimmungen des Waidhofner Abkommens“. Mit den im österreichischem Waidhofen gefassten Prinzipien wurde von deutschnationalen und völkischen Verbindungen Ende des 19. Jahrhunderts beschlossen, „in Anbetracht der vielen Beweise, die auch der jüdische Student von seiner Ehrlosigkeit und Charakterlosigkeit gegeben, und da er überhaupt der Ehre nach unseren deutschen Begriffen völlig bar ist, fasst die heutige Versammlung deutscher wehrhafter Studentenverbindungen den Beschluß: Dem Juden auf keine Waffe mehr Genugtuung zu geben, da er deren unwürdig ist!“. Bei den Schülerburschenschaften ist der radikale Antisemitismus, den die meisten Verbindungen vom Wilhelminismus bis zum Ende des Nationalsozialismus propagierten, bis heute virulent. Der APR beansprucht weiterhin durch seine Erziehung, deren Teil die Mensur ist, militärische und charakterbildende Werte zu schaffen, weil der moderne, selbstgefällige Jugendliche der Massengesellschaft „abgestiegen (ist) vom Krieger und Arbeiter zum Sportler und Ästhet. Dies ist gleichbedeutend mit Charakterschwäche und Tugendlosigkeit“.

Pennale und akademische Burschenschaften

Die völkischen Schüler sind eng vernetzt mit der DB und hier besonders mit deren extrem rechten Kartell Burschenschaftliche Gemeinschaft (BG), das immer wieder durch geplante „Arier-Beschlüsse“ in die Schlagzeilen gerät. Da die finanzschwachen Schülerverbindungen meistens keine eigenen Häuser haben, stellen DB-Burschenschaften oft ihre Räume zur Verfügung. Diesmal stellt die Berliner Burschenschaft Gothia das Haus ihrer Nachwuchs-Pennalie Iuvenis Gothia, Wahlspruch „Deutsch, Frei und Stark“, für die Ausrichtung der APR-Tagung zur Verfügung.

Die akademischen Burschenschaften leisten auch finanzielle sowie ideelle Unterstützung und halten mit den Pennalien gemeinsame Veranstaltungen ab. Die akademischen Verbindungen wissen, dass sie sich hier einen verlässlichen rechten Nachwuchs heranbilden. So war in der Zeitung der DB, den Burschenschaftlichen Blättern 1/2004 zu lesen: „Eine Pennalie als ‚Vorfeldorganisation’ zur Ausbildung des couleurstudentischen Nachwuchses sichert vielen einen vollen Fuchsenstall“. Füchse nennt man die jungen Anwärter in Burschenschaften. Viele Alte Herren des APR sind dementsprechend Mitglieder in akademischen Burschenschaften und meistens sind es die am äußersten rechten Rand. Auch der notorische Norbert Weidner, dessen rechte burschenschaftliche Aktivitäten mittlerweile bundesweit bekannt sind, ist Alter Herr des APR-Bundes „Pennale Burschenschaft Hoffmann von Fallersleben“.

Umstrittener Veranstaltungsort

Gothia politisch unkorrektAuch die Burschenschaft Gothia, die ihr Haus in der Königstraße zur Verfügung stellt, ist seit Jahren umstritten. Sie wirbt mit dem Spruch „politisch unkorrekt seit 1877“ und gilt in der Verbindungsszene als „braune Wolfsschanze aus Zehlendorf“, in Anspielung auf Hitlers ehemaliges Hauptquartier.

In die Schlagzeilen geriet die Burschenschaft aber vor allem, weil ihrem Alten Herrn Michael Büge die Burschenehre seiner beiden Gothias wichtiger war, als die Staatsräson. Im Mai letzten Jahres wurde Büge deshalb als Staatsekretär in Berlin entlassen. Dass Fass zum Überlaufen brachte die Meldung, dass laut damaligem Semesterprogramm seiner Burschenschaft vor einigen Jahren eine „Kleine Deutsche Kunstausstellung“ mit Holzschnitten von belasteten NS-Künstlern zur Präsentation im Gothenhaus angekündigt wurde. Die Vernissage mit Sekt, Damenbegleitung und Einführung in die Werke von Dombrowski, Sluyterman und Warnecke wurde für Dezember 2006 beworben. Der Titel war eine direkte Anspielung auf die „Große Deutsche Kunstausstellung“, die Hitler 1937 eröffnete und die fortan bis 1944 jährlich in München unter seiner Schirmherrschaft stattfand.

Kleine Deutsche Kunstausstellung
Eine Kunstausstellung mit den Werken namenhafter NS-Künstler

Einen Monat zuvor war ins Burschenhaus der österreichische Neonazi Richard Melisch mit dem Thema „Der Verdrängungskampf um die letzten Ölreserven“ eingeladen worden. Einen Vortrag mit gleichem Titel hatte Melisch in der März-Ausgabe des NPD-Organs „Deutsche Stimme“ publiziert. In den neonazistischen Huttenbriefen erklärte er 2004 den Terror Bin Ladens zum „Freiheitskampf gegen die USA und den Zionistenstaat Israel“. Ebenfalls 2006 soll Melisch außerdem bei der Nazikameradschaft Märkischer Heimatschutz – Sektion Berlin referiert haben. 2005 wurde im Gothenhaus gar unter dem Titel „Verräter verfallen der Feme“ über die rechtsterroristische Organisation Consul berichtet, deren prominentestes Opfer Außenminister Walther Rathenau war.

Paulwitz Geis
Eine illustre Runde von Gästen referierte bereits bei der Gothia

Doch nicht nur Kunstwerke aus dem Dritten Reich und neonazistische Referenten wurden von der Gothia in ihren Semesterprogrammen schon beworben. Auch Michael Paulwitz, Stamm-Autor der neurechten Blattes Junge Freiheit, Erik Lehnert Geschäftsführer des konservativ-revolutionären Instituts für Staatspolitik, aber auch Norbert Geis (damals MdB-CDU) oder Ex-Minister Jörg Schönbohm wurden beispielsweise in den letzten zehn Jahren als Referenten präsentiert. Die Türen des Burschenhauses in der Berliner Königstraße scheinen weit geöffnet zu sein für alle die irgendwie rechts sind. Vom neonazistischen Chattia-Pennäler über neurechte Ideologen bis hin zum konservativen Spitzenpolitiker – alle sind willkommen.

#1MaiNazifrei- Eine Zusammenfassung

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Fast 2.000 extrem Rechte marschierten am 1. Mai bundesweit auf. An allen Orten überragte der Gegenprotest die Zahl der Neonazis um ein Vielfaches. Teils kam es zu erheblichen Einschränkungen der extrem rechten Demonstrationen. 

Ein Gemeinschaftsprojekt von Presseservice-Rathenow, Publikative.org, Ruhrbarone, Zeit-Online-Störungsmelder, Johannes Grunert, Sören Kohlhuber und Timo Müller

Plauen: Die größte Neonazi-Demo bundesweit

Rund 700 Neonazis marschierten am 1. Mai durch das sächsische Plauen. Damit fand im Vogtland die größte neonazistische Demonstration am 1. Mai in Deutschland statt. Mobilisiert hatten vor allem das neonazistische und militante „Freie Netz Süd“ und die extrem rechte Kleinstpartei-Neugründung „Der III. Weg“. Die Organisation des Aufmarsches wurde von den FNS- Führungsaktivisten Matthias Fischer (Fürth), Norman Kempken (Nürnberg) und Tony Gentsch (Oberprex) übernommen. Dem Aufruf waren vor allem Neonazis aus Bayern, Sachsen, Thüringen und Hessen gefolgt. Aber auch aus Ungarn, Finnland und Tschechien waren extrem Rechte nach Sachsen gereist. Wie sich in Plauen erstmals zeigte, existiert mittlerweile ein Thüringer Ableger der militanten und neonazistischen „Weissen Wölfe Terrorcrew“. Direkt hinter deren Banner sammelten sich auch NPD Kommunal- und Landtagskandidaten aus Thüringen.
Laut offiziellen Angaben der Behörden waren in Plauen rund 2.000 Gegendemonstranten auf der Straße. Mehrfach versuchten Antifaschisten mit Blockaden und einer Barrikade die Aufmarschstrecke der Neonazis zu verkürzen, was teilweise auch gelang. Hier kam es teils zu äußerst hartem Vorgehen der Polizei gegen die Demonstranten. Insgesamt wurden rund 350 Personen bis zu fünf Stunden lang in einem Kessel aufgehalten. Alle Demonstraten wurden einzeln abgeführt und deren Personalien aufgenommen. In Plauen waren rund 800 Polizisten im Einsatz.

Die NPD verliert in NRW

Am 25. Mai findet in NRW nicht nur die Wahl zum Europaparlament statt, sondern auch Kommunalwahlen. Letzteres machte sich beim braunen 1. Mai im Ruhrgebiet bemerkbar: Eine Kundgebung der Partei Die Rechte am 30. April und eine Demonstration am 1. Mai fanden in Dortmund statt. Gleich drei „Lichterketten“ im Sonnenschein veranstaltete Pro NRW in Essen und Duisburg, wo auch die NPD am 1. Mai aufmarschierte.
Dabei wurde deutlich, dass die von dem NS-Altkader Christian Worch 2012 gegründete Partei Die Rechte dabei ist, in NRW innerhalb der extrem rechten Szene zur bestimmenden Kraft zu werden: Nach Polizeiangaben marschierten 490 Neonazis am 1. Mai durch Dortmund. Auch NPD Mitglieder waren unter den Demonstranten: Hans-Jochen Voß, der Vorsitzende der NPD-Unna-Hamm ist seit Jahren Stammgast auf Veranstaltungen der Dortmunder Neonazis, die im Streit mit der Dortmunder NPD liegen. Maria Fank von der Berliner NPD hielt auf der Wahlkampfdemonstration der Rechten sogar eine Rede. Im vergangenen Jahr konnte die NPD-Zentrale noch den Auftritt von Thomas „Steiner“ Wulff verhindern. So weit reicht die Macht von NPD-Chef Udo Pastörs offensichtlich nicht mehr, der zeitgleich in Duisburg neben dem NRW-Landeschef Claus Cremer Hauptredner einer NPD-Demonstration von gerade einmal 107 Teilnehmern war.
Die Rechte konnte extrem Rechte aus ganz Deutschland mobilisieren: Trupps aus Niedersachsen, Hessen und Thüringen waren nach Dortmund gekommen. Am Tag zuvor, als die Dortmunder Neonazis auf sich selbst gestellt waren, erreichten sie bei einer Kundgebung im Stadtteil Westerfilde gerade einmal 37 Teilnehmer.

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Pro NRW blamabel wie immer

Gewohnt blamabel verliefen die Auftritte von Pro NRW. Die Idee, mit Lichterketten am helllichten Tag gegen Sinti und Roma zu hetzen, zeugte vor allem von einer tiefen Unkenntnis über die Lichtverhältnisse in Deutschland während des Spätfrühlings. Die durch zahlreiche Prozesse und die Inhaftierung des Pro Köln Ratsmitgliedes Jörg Uckermann geschwächte Bürgerbewegung schaffte trotz der Möglichkeit mit gemieteten Busse anzureisen gerade einmal 80 Anhänger zur Fahrt nach Essen und Duisburg zu bewegen. Bei der Rückreise waren es dann nur noch 79: Ein Pro NRW Anhänger erlitt einen Herzinfarkt.
In allen drei Städten trafen die extrem Rechten auf Widerstand. Blockaden und Demonstrationen sorgten in Dortmund und Duisburg dafür, dass die Veranstaltungen von NPD und Die Rechte erst mit stundenlanger Verspätung stattfinden konnten – verhindert worden, wie in Dresden oder Berlin, sind sie jedoch nicht.
In Dortmund bedrohten Teilnehmer der Nazi-Demonstration protestierende Anwohner, ein Polizeibeamter wurde aus dem Demonstrationszug mit einer Cola-Flasche beworfen und am Kopf getroffen. Die Dortmunder Polizei verhielt sich dabei weitgehend passiv. Am Mittwoch wurde eine Veranstaltung der Partei Die Rechte von der Polizei abgebrochen, weil die volksverhetzende Parole „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus“ gerufen wurde. Am 1. Mai wurde das dann geduldet und nicht mehr geahndet.

Rostock: Gehen und Stehen

Auch für Rostock hatte das neonazistische Milieu im April, relativ spät im Vergleich zu den anderen, einen Aufzug angemeldet. Als Schirmherr der geplanten Veranstaltung trat der NPD-Landesverband Mecklenburg-Vorpommern in Person ihres stellvertretenden Vorsitzenden und Landtagsabgeordneten, David Petereit, auf. Er hatte zunächst eine Strecke in den Rostocker Ortsteilen Dierkow und Toitenwinkel favorisiert, war dann aber in den Stadtteil Groß Klein abgeschwenkt. Da dieser Teil Rostocks aber in unmittelbarer Nähe zum „Sonnenblumenhaus“ in Lichtenhagen liegt, dem Ort, an dem es im August 1992 zu pogromartige Ausschreitungen kam, formierte sich bereits im Vorfeld starker Protest. Es wurden mehrere Gegenveranstaltungen angemeldet, welche die Stadt jedoch komplett untersagte. Lediglich eine Demonstration der IG Metall-Jugend wurde im Nachhinein wieder gestattet. Treffpunkt für diese Veranstaltung war der S-Bahnhof Lichtenhagen, der später auch den Neonazis als Anlaufpunkt dienen sollte. Da sich aber dort zwischen 10.00 und 11.30 Uhr ungefähr 800 Antifaschisten einfanden und kein Interesse hatten, wieder zu gehen, zudem der S-Bahnverkehr durch Brandsabotage vorübergehend stillgelegt war, konnte der NPD-Aufmarsch dort nicht statt finden.
Die Neonazis, die sich derweil am Rostocker Hauptbahnhof eingefunden hatten, meldeten daraufhin wieder eine Veranstaltung in Dierkow an und wurden mit der Straßenbahn bis zur dortigen Endhaltestelle, dem Dierkower Kreuz, gefahren. Ungefähr 350 Veranstaltungsteilnehmer fanden sich hier ein, darunter auffällig viele Sympathisanten des neonazistischen Kameradschaftsmilieus. Angereist waren Neonazis aus Mecklenburg, Berlin, Brandenburg, Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein.

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An einem reibungsfreien Ablauf des Abmarsches war jedoch auch in Dierkow nicht zu denken. Bereits nach kurzem Aufmarschweg kam es zu einer kleineren Blockade, die jedoch nach einiger Zeit von der Polizei geräumt wurde. In der Dierkower Höhe griffen zudem mehrere Vermummte den Naziaufmarsch mit Steinen an.
Nach dem die Neonazis dann in die Rövershäger Chaussee abgebogen waren und den Dierkower Damm erreichten, kam die Demonstration erneut zum Stehen. Ungefähr 300 Gegendemonstranten hatten die Warnowbrücke blockiert und somit den Weitermarsch in die Innenstadt verhindert.
Die Neonazis führten nun ihre Kundgebung mit Redebeiträgen von Wolfgang Nahrath und Stefan Köster durch, die lautstark durch Protestierer am Rande gestört wurden. Anschließend löste David Petereit die Veranstaltung auf. Daraufhin versuchten die Neonazis Gegendemonstranten und Pressevertreter anzugreifen. Dabei wurden zwei Personen aus dem neonazistischen Spektrum kurzzeitig in Gewahrsam genommen. Die Abreise erfolgte dann über den Rostocker Hauptbahnhof.

Siehe auch: #1MaiNazifrei – die extrem rechten Veranstaltungen am 1. Mai, Die Nazis und der 1. Mai: Das Ende der Gewerkschaften, Die Nazis und der 1. Mai: Homogenität statt Egalität

#1MaiNazifrei – die extrem rechten Veranstaltungen am 1. Mai

Gegenproteste am 1. Mai 2013 in Berlin, Foto: Publikative.org

Die extrem rechten 1. Mai-Aufmärsche stehen auch in diesem Jahr wieder in zahlreichen Städten in Deutschland ins Haus – ein Überblick über den „braunen 1. Mai“ und die geplanten Gegenproteste. Auch in diesem Jahr werden zahlreiche JournalistInnen gemeinsam berichten; von Dortmund bis Berlin, von Rostock bis Plauen.

Von Stefan Laurin und Felix M. Steiner

Wie auch in den Jahren zuvor finden am 1. Mai 2014 zahlreiche extrem rechte Demonstrationen und Kundgebungen in ganz Deutschland statt. Neonazis werden also auch in diesem Jahr versuchen, ihre Propaganda am 1. Mai auf die Straße zu tragen, was im laufenden Wahlkampf vor allem für die Parteien von großer Bedeutung sein dürfte. Egal ob NPD, Pro NRW oder das „freie“ Kameradschaftsspektrum – der erste Mai bleibt weiterhin auch ein wichtiger Aktionstag der extremen Rechten.

Gegenproteste am 1. Mai 2013 in Berlin, Foto: Publikative.org
Gegenproteste am 1. Mai 2013 in Berlin, Foto: Publikative.org

Die NPD – Zwischen Bratwürstchen und Demonstration

Die NPD bei ihrem Aufmarsch am 1. Mai 2013 in Berlin, Foto: Publikative.org
Die NPD bei ihrem Aufmarsch am 1. Mai 2013 in Berlin, Foto: Publikative.org

Die NPD befindet sich in einem wichtigen Wahlkampfjahr und versucht derzeit wohl möglichst negative Berichterstattung zu vermeiden. Den 1. Mai nutzt die Partei für zahlreiche Veranstaltungen verschiedenster Art. Die zentrale 1. Mai-Veranstaltung der NPD findet in Rostock statt. Hier mobilisiert der NPD-Landesverband Mecklenburg-Vorpommern zur „nationalen 1.-Mai-Demonstration“. Anmelder ist der Landtagsabgeordnete David Petereit. Die NPD mobilisiert für 12.00 Uhr zum Beginn der Demonstration. Aber auch in Rostock sind bereits zahlreiche Gegenaktionen geplant. Für Empörung sorgt hier vor allem die zunächst vermutete Nähe der NPD-Demonstration zum Gedenkstein für Mehmet Turgut, der an eben jenem Ort 2004 ermordet worden ist. Wie verschiedene Bündnisse derzeit berichten, gab es eine Veränderung der angemeldeten NPD-Route. So wird die Partei wohl im Stadtteil Groß-Klein, der unter anderem an Lichtenhagen angrenzt, aufmarschieren. Die Genaue Aufmarschstrecke ist bisher nicht bekannt.

Drei weitere – eher kleine – Aufmärsche der NPD finden in Berlin, Duisburg und Kaiserslautern statt. In Berlin hat der NPD-Ortsverband Neukölln für den 1. Mai eine Demonstration mit 100 Teilnehmern angemeldet. Im Vergleich zum letzten Jahr also eine deutlich kleinere Veranstaltung. Die Demonstration der NPD beginnt am S-Bahnhof Neukölln an der Karl-Marx-Straße und sollte zunächst auch an einer Asylbewerberunterkunft entlang gehen. Dies wurde der extrem rechten Partei jedoch untersagt. Wann genau der Aufmarsch beginnt, ist bisher nicht bekannt. Mittlerweile mehren sich die Anzeichen, dass eventuell gar kein NPD-Aufmarsch statt finden könnte. Hier gilt es die nächsten Tage abzuwarten.

Update: In Berlin hat die NPD ihre anmeldeung zurückgezogen!

Für eine weitere Demonstration mobilisiert derzeit der NPD-Landesverband Rheinland-Pfalz unter dem Motto „Europa wählt rechts – die Pfalz wählt NPD“ nach Kaiserslautern. Angekündigt werden derzeit auch Kundgebungen vor „Asylunterkünften“. Der angekündigte Demonstrationsbeginn ist 12.00 Uhr. Bisher ist die genaue Strecke nicht bekannt. Zu Gegenaktivitäten ruft das Bündnis „Kaiserslautern gegen Rechts“ auf. Doch auch der Aufmarsch in Kaiserslautern dürfte sich eher im Bereich um die 100 Teilnehmer bewegen und wohl auf die Mobilisierung der regionalen Szene ausgerichtet sein.

Der neue NPD-Parteivorsitzende Udo Pastörs, Bild: Publikative.org
Der neue NPD-Parteivorsitzende Udo Pastörs, Bild: Publikative.org

Die Duisburger NPD kann für sich in Anspruch nehmen, dass von ihr eine der größten Erschütterungen der Nazi-Szene der vergangenen Monate ausging: Viele Monate lange war die ehemalige Porno-Darstellerin und Prostituierte Ina Groll das Aushängeschild der Duisburger Nazis, die bei der Bundestagswahl eine der besten Ergebnisse bundesweit einfuhr. Mittlerweile haben die Aktivitäten von Groll zum Sturz des NPD-Geschäftsführers Marx geführt und auch die Konkurrenz von Worchs Partei „Die Rechte“ erschüttert, in die Groll eintreten möchte, nachdem die NPD ihr die Mitgliedschaft verwehrt hat. Wie stark das Mobilisierungspotential der NPD in Duisburg sein wird, ist eine der spannenden Fragen des 1. Mais: NPD-Chef Udo Pastörs kommt nach Duisburg und liefert sich so ein Fernduell mit Worch, der nur ein paar Kilometer weiter östlich in Dortmund Die Rechte aufmarschieren lässt. Beginn der Veranstaltung ist 11.00 Uhr am Hauptbahnhof. Auch in Duisburg mobilisieren Initiativen gegen die extrem rechten Veranstaltungen.

Dass Demonstrationen bei der NPD mittlerweile für Wahlkampfzwecke an Bedeutung verloren haben, zeigt der NPD-Landesverband Thüringen. Hier lädt die extrem rechte Partei in Eisenach nicht zu einer Demonstration sondern zum „Anwohnerfest“ mit kostenlosen Würstchen und Bier für einen Euro. Neben den bekannten Veranstaltungen dürfte es bundesweit zahlreiche weitere – kleinere – Aktionen der Partei geben, die besonders auf den anstehenden Wahlkampf ausgerichtet sind.

Die Rechte und Pro NRW

Gleich drei Veranstaltungen plant Pro NRW am 1. Mai. Mit dem der Partei eigenen Hang zu unfreiwilliger Komik wurden für 14.00 und 16.00 Uhr in Essen und für 19.00 Uhr in Duisburg am hellichten Tag „Lichterketten“ angekündigt. In Essen wird die Partei ihre Anhänger mit PKW ankarren müssen. In Duisburg hingegen gab es im vergangenen Jahr spontane Zustimmung bei Teilen der Bevölkerung, die sich der Hetze von Pro NRW gegen Roma anschloss.

Christian Worch organisierte den Abmarsch der Neonazis mit. (F: Kai Budler)
Christian Worch bei einer Demo der Kameradschaftsszene Anfang Juni in Hamburg (F: Kai Budler)

Christina Worchs Parteigründung „Die Rechte“ wird am 1. Mai in Dortmund ihre zentrale Demonstration durchführen. Die Partei hat Siegfried „SS Siggi“ Borchardt, als Spitzenkandidaten für die Kommunalwahl aufgestellt und braucht dringend einen Erfolg: Bekommt sie weniger Zulauf als die NPD in Duisburg und kommt Borchardt nicht in den Rat, ist Worchs Projekt gescheitert. Aber auch für den Protest gegen die Nazis ist der 1. Mai wichtig: Erstmals haben sich die verschiedenen Gruppen der Nazi-Gegner in Dortmund zusammengeschlossen, um den Aufmarsch durch Blockaden zu verhindern. Sollte das gelingen, wäre auch das ein weiterer harter Schlag gegen die Nazi-Szene der Stadt, die sich vom Verbot der Kameradschaft „Nationaler Widerstand Dortmund“ 2012 bislang nicht erholt und in der Partei „Die Rechte“ Unterschlupf gefunden hat. Infos zu den Gegenprotesten gibts hier.

„Freie Szene“ – Von Bayern nach Sachsen

"Freies Netz Süd" 2013 in Kitzingen bei der Mobi-Tour, Foto: Johannes Hartl.
Freies Netz Süd“ 2013 in Kitzingen bei der Mobi-Tour, Foto: Johannes Hartl.

Wie schon in den letzten Jahren mobilisiert die „freie Neonaziszene“ rund um das „Freie Netz Süd“ zum zentralen Mai-Aufmarsch der Kameradschaftsszene. Doch in diesem Jahr findet die angekündigte Demonstration nicht wie üblich in Bayern statt sondern wurde ins sächsische Plauen verlegt. Dies dürfte wohl nicht zuletzt auch mit den einbrechenden Teilnehmerzahlen der letzten Jahre in Zusammenhang stehen. Unter dem Motto „Arbeitsplätze zuerst für Deutsche“ läuft die Mobilisierung wie üblich über eine eigene Homepage. Für diese zeichnet der Neonazi-Führungskader Norman Kempken aus Nürnberg verantwortlich. Gleichzeitig ist Kempken Anmelder der Neonazi-Demonstration in Plauen, wie der Bayrische Rundfunk berichtet. Der Aufmarsch dürfte mit der Verlagerung nach Plauen für die „freie Szene“ in Süd- und Ostdeutschland der zentrale Anlaufpunkt für den 1. Mai sein. Beobachter der Szene schätzen, dass 500-1.000 Neonazis nach Plauen reisen werden. Auch in Plauen laufen die Vorbereitungen zu den Gegenprotesten auf Hochtouren. Sowohl das antifaschistische Bündnis „Let´s take it back“ als auch „Vogtland nazifrei“ mobilisieren zu Gegenprotesten.

#1Mainazifrei – Berichterstattung

Wie bereits im letzten Jahr haben sich verschiedene Projekte und Einzelpersonen zusammengeschlossen, um von den verschiedenen Orten der Neonazi-Aufmärsche zu berichten. Unter anderem sind die Ruhrbarone, Publikative.org und der Zeit-Online-Störungsmelder an der gemeinsamen Berichterstattung beteiligt. Am 1. Mai selbst werden wir euch über verschiedene Twitter-Accounts mit Informationen versorgen. Dabei werden die Ruhrbarone (Twitter) ihren Schwerpunkt in Dortmund, Essen und Duisburg haben. Das Team des Störunsgmelder (Twitter) wird seinen Schwerpunkt in Plauen setzen und einen Überblick aus den verschiedenen Aufmarschorten wird es bei Publikative.org (Twitter) geben. Wir werden gemeinsam den Hashtag #1mainazifrei verwenden und diese durch lokale Hashtags ergänzen. Gemeinsam werden wir aus Rostock, Berlin, Plauen, Dortmund, Essen und Duisburg berichten. Am Folgetag wird es dann einen gemeinsamen Text mit Bildern aus allen Aufmarschorten geben, so dass ein guter Überblick auf den „braunen 1. Mai“ gewährleistet werden kann. Für die Live-Berichterstattung werden alle beteiligten Projekte sowohl ihre Twitter-Accounts als auch die dazugehörigen Facebook-Seiten nutzen.

NSU: Geheime Botschaft im Weißen Wolf?

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Die Neonazi-Postille Weißer Wolf sorgte für Aufsehen, da im Jahr 2002 darin ein Gruß an den NSU veröffentlicht worden war. Ein Jahr zuvor hatte das von kriminellen Neonazis unter staatlicher Aufsicht gegründete Fanzine zudem einen Artikel über „Ausländerviertel“ in Hamburg gebracht – just zu dem Zeitpunkt, als der NSU in der Hansestadt mordete. 

Von Patrick Gensing

Ausgabe 18 des Weißen Wolfs zeigt Adolf Hitler auf dem Titelbild: "Der Jugend gehört die Zukunft."
Ausgabe 18 des Weißen Wolfs zeigt ein Kinderbild von Adolf Hitler (1=A, 8=H) auf dem Titelbild.

Die Geschichte des Weißen Wolfs ist ein Skandal für sich. Das radikale Neonazi-Fanzine wurde 1996 in Brandenburg gegründet – in einer Justizvollzugsanstalt. Offenkundig konnten sich die kriminellen Neonazis auf die Infrastruktur im Knast stützen – Papier und Kopierer wurde den völkischen Fanatikern zur Verfügung gestellt – und so konnten sie ihren Rundbrief für Gefangene vervielfältigen.

Damit nicht genug: Der Weiße Wolf wurde maßgeblich von Carsten Szczepanski ins Leben gerufen. Szczepanski saß im Knast, weil er beteiligt war, als 1992 ein Asylbewerber auf brutalste Weise fast totgeprügelt wurde. Das Urteil: acht Jahre Haft. Der Geheimdienst warb den Schwerverbrecher 1994 als Partner an (Deckname „Piato“ oder auch „Piatto“ geschrieben). Dieser war zu diesem Zeitpunkt bereits eine Größe im internationalen Rechtsextremismus – mit besten Kontakten beispielsweise zum KKK in den USA. 

Terroristische Bestrebungen

Das Antifa-Infoblatt berichtet über Szczepanski: „[Ein] 1992 geführtes Ermittlungsverfahren der Bundesanwaltschaft gegen Szczepanski wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung in Form einer terroristischen Teil­organisation des KKK wur­de wegen nicht hinreichender Bestätigung eingestellt. Dabei wurden in diesem Zusammenhang in einer von ihm vormals angemieteten Wohnung vier Rohrbomben, chemische Substanzen und eine Zündvorrichtung sichergestellt.“

Nick Greger schreibt in seinem Buch unter anderem über Carsten Szczepanski
Nick Greger schreibt in seinem Buch unter anderem über Carsten Szczepanski

Schon damals war Szczepanski als Fanzine-Macher aktiv, in den Blättern wurde über den bewaffneten Kampf diskutiert – die Idee war, Zellen zu bilden, so wie es der NSU dann realisierte.

Der Rechtsextremist Nick Greger behauptete in seinem Buch „Verschenke Jahre – Eine Jugend im Nazi-Hass“ zudem über Carsten Szczepanski, dieser habe offenkundig einen Brandanschlag auf sein eigenes Auto vorgetäuscht, um seine Kameraden zu terroristischen Aktionen gegen Linke anzustacheln. Greger behauptet weiter, es habe daraufhin einen Deal gegeben, damit er nicht aussage, dass Szczepanski Anführer dieser quasi terroristischen Zelle gewesen sei. Greger vergisst allerdings zu erwähnen, dass auch er vorübergehend mit dem Geheimdienst kooperierte, wie nun enthüllt wurde.

Kurzum: Beim Weißen Wolf handelt es sich um ein Fanzine, das sich durch eine besondere Nähe zu Geheimdiensten ausgezeichnet hat. Dies gilt auch für Thomas R., ein Neonazi, der ebenfalls als V-Mann Geld verdiente, zum NSU-Unterstützernetzwerk gerechnet werden kann – und nun plötzlich im Alter von 39 Jahren verstorben ist – im Zeugenschutzprogramm. R. mischte auch beim KKK mit, hier gehen die Kontakte insbesondere nach Baden-Württemberg – bis in die Polizeieinheit von Michele Kiesewetter. R. war im NSU-Ermittlungsverfahren ein wichtiger Zeuge – und sollte nun erneut befragt werden, konkret ging es um eine Daten-CD mit der Aufschrift „NSU/NSDAP“.

Zudem soll auch Thomas R. Kontakte zum Weißen Wolf gehabt haben. Zu jenem Fanzine also, das einen Gruß und Dank an den NSU veröffentlichte. Das war im Jahr 2002.

Der Weisse Wolf dankt im Jahr 2002 dem NSU. (Reporduktion: apabiz)
Der Weisse Wolf dankt im Jahr 2002 dem NSU. (Reporduktion: apabiz)

Ein Jahr zuvor hatte der Weiße Wolf einen Artikel veröffentlicht, der sich mit „Ausländervierteln“ in Hamburg beschäftigte. Der Text wurde aus dem Hamburger Abendblatt geklaut – dort war er allerdings bereits 1999 abgedruckt worden. Warum der Weiße Wolf diesen Artikel nun herauskramte und veröffentlichte, erschließt sich nicht. Auch passt der Artikel keineswegs zum sonstigen Stil des Blatts.

Warum also veröffentlichte der Weiße Wolf im Jahr 2001 einen Artikel aus dem Hamburger Abendblatt? Just in diesem Jahr schlug der NSU in der Hansestadt zu, erschoss Süleyman Tasköprü in Altona; der Stadtteil wurde in dem Abendblatt-Artikel ebenfalls erwähnt.

Auszüge aus dem Artikel des Abendblatts aus dem Jahr 1999, der 2001 im Weißen Wolf erschien:

Es ist eine verschlossene Stadt in der Stadt, mitten in Hamburg. Sie hat keinen Namen und ist auf keiner Karte eingezeichnet und doch kann sie jeder sehen. Einige Straßenzüge liegen in St. Pauli, andere in Harburg, Altona oder Wilhemsburg. Die parallele Stadt hat eigene Restaurants und Cafés, Lebensmittelgeschäfte, Schneider, Ärzte, Anwälte, Banken, Werbeagenturen, Tankstellen, Bestattungsinstitute und Gotteshäuser. […] Einer von ihnen ist Ömer Sezener (19), geboren in Istanbul, seit zwölf Jahren in Deutschland. Genau wie in Istanbul frühstückt er auch in St. Georg mit Sucuk (Knoblauchwurst), Rührei und Fladenbrot. Den Tag über arbeitet er mit zwei Cousins im Obst- und Gemüseladen seines Onkels auf dem Steindamm. […] Sammeln sich im Schatten der verschlossenen Stadt die enttäuschten Hoffnungen für den offenen ethnischen Konflikt von morgen?

In dem Artikel werden also präzise Ziele beschrieben, die der NSU ins Visier genommen hat: Junge deutsch-türkische Männer im Kleingewerbe. Bemerkenswert ist aber auch der Wortlaut des Danks im Folgejahr: „Es hat Früchte getragen :-) Der Kampf geht weiter…“ Was hat Früchte getragen? Der Artikel, in dem Ziele definiert wurden?

„Denn neun sind nicht genug…“

Sicherlich ist der Artikel allein kein brauchbares Indiz für eine geheime Botschaft an das Unterstützernetzwerk – doch in dem bemerkenswerten Kontext des Weißen Wolfes erscheint die Sache schon etwas anders: Ein Fanzine, gegründet von potentiellen Rechtsterroristen, die auch noch V-Leute waren, und Kontakte ins NSU-Unterstützernetzwerk hatten – und die den bewaffneten Kampf diskutieren und mit Waffen hantieren. Dann folgt 2001 ein älterer Artikel aus dem „Hamburger Abendblatt“ über „Ausländerviertel“ in Hamburg, der überhaupt nicht zum Stil der sonstigen Beiträge im Weißen Wolf passt – und genau zu dieser Zeit schlägt der NSU in einem der erwähnten Viertel in der Hansestadt zu. Nun folgt eine Geldspende des NSU an den Weißen Wolf – und die Macher revanchieren sich 2002 mit einem Dank.

Peter Klose nannte sich bei Facebook Paul Panther - da war das Bekennervideo noch gar nicht bekannt. (Screenshot vom 13. November 2011)
Peter Klose nannte sich bei Facebook Paul Panther – da war das Bekennervideo noch gar nicht bekannt. (Screenshot vom 13. November 2011)

Zufall? Möglich. Doch auch das Lied „Döner-Killer“ von Gigi und die braunen Stadtmusikanten kann wie Propaganda an die Szene verstanden werden. Dazu kommen der Gruß an den NSU im Weißen Wolf sowie die Tatsache, dass sich der Ex-NPD-Abgeordnete (und V-Mann) Peter Klose kurz vor dem offiziellen Bekanntwerden des NSU-Terrors bei Facebook vorübergehend „Paul Panther“ nannte – all dies spricht eher dafür, dass es eine Szene-interne Kommunikation gegeben hat.

Weiterführende Informationen zum Thema:

Ministerium verharmloste rechte Propaganda aus dem Knast – Die Zeit über den Weißen Wolf

Nick Greger: Verschenkte Jahre – eine Jugend im Nazi-Hass

Spitzel im NSU-Umfeld – eine Übersicht des Antifa Infoblatts

Der Fall Carsten S. – Artikel bei NSU-watch

V-Mann „Piatto“ – Antifa Infoblatt mit zahreichen Details über Carsten S.

Um- statt aussteigen – Antifa Infoblatt über Nick Greger

Kontakt zum Autor: gensing(at)publikative.org