„HoGeSa“: Die weibliche Hetze

Egal ob Rednerin oder als Paar, Frauen waren bei "HoGeSa" präsent, Foto: Felix M. Steiner

Von der Bewerberin um den NPD-Vorsitz bis zur christlichen Fundamentalistin: Bei den „Hooligans gegen Salafisten“  spielen auch die „Ladies“ eine wichtige Rolle.

von Andrea Röpke, zuerst veröffentlicht bei blick nach rechts

Sigrid Schüssler und Karl Richter bei "HoGeSa" in Hannover, Foto: Felix M. Steiner
Sigrid Schüssler und Karl Richter bei „HoGeSa“ in Hannover, Foto: Felix M. Steiner

Kürzlich hatte sie sich im Internet noch mit Strapsen und Peitsche präsentiert und für ordentlich Empörung im nationalen Lager gesorgt. Die bayrische NPD-Frau Sigrid Schüssler inszeniert sich seit einiger Zeit als braune „Skandalnudel“, fremdenfeindlich und obszön. Bei der „Hooligan gegen Salafisten“-Kundgebung in Hannover am Samstag gab sie unter den zahlreichen weiblichen Teilnehmerinnen eine der auffälligsten Erscheinungen ab.

Gekonnt postierte sich die rothaarige diplomierte Schauspielerin, in der Szene bekannt als „Hexe Ragna“, am Hinterausgang des Bahnhof, gerade so, dass die zahlreichen Kameras sie auch wahrnahmen.  Sie wartete alleine auf ihren Freund, den Münchner Neonazi und Stadtrat Karl Richter. Mit den anderen Teilnehmern der HoGeSa-Veranstaltung schien sie wenig gemein. Sichtlich genervt rückte die geschasste ehemalige Vorsitzende des „Rings Nationaler Frauen“ dann auch zur Seite, als zwei völlig überdrehte Hooligans einen primitiven Schaukampf mit Gebrüll vor ihr abhielten. Die beiden imitierten einen Fight, zeigten hochgereckte Fäuste und schrien: „Deutschland“. Angewidert drehte sich Frau Schüssler weg.

Andere Frauen dagegen halfen beim Einheizen. Sie trugen Shirts mit Aufschriften wie „Berserker“ oder „HoGeSa Bremen“, standen auf einer Empore oder wechselten sich mit den Megaphonen ab, um mit Parolen wie „Wir sind das Volk“  Sprechchöre in Gang zu bringen.

Die unauffällige Frau von nebenan

Etwa jeder zehnte bis fünfzehnte Teilnehmer von rund 3000 HoGeSa-Fans in Hannover war weiblich. Einige ältere und junge Frauen zogen sich begeistert Ordnerbinden wie bereits in Köln über und dirigierten die Menge mit. Anders als bei der Massenveranstaltung in Nordrhein-Westfalen wenige Wochen zuvor erschienen diese Frauen weniger dem Skinhead-Milieu und anderen Subkulturen zu entstammen. Sie vertraten eher das Erscheinungsbild der  unauffälligen Frau von nebenan.

Auch bei den Ordnern waren Frauen zahlreich vertreten, Foto: Felix M. Steiner
Auch bei den Ordnern waren Frauen zahlreich vertreten, Foto: Felix M. Steiner

Sogar im Umfeld der Organisatoren um Henrik und Hannes Ostendorf aus Bremen gab es Helferinnen wie die Ehefrau eines „Endstufe“-Crewmitglieds. Hannes Ostendorf, Sänger der Band „Kategorie C – Hungrige Wölfe“, der die Behörden in Hannover aus Sicherheitsgründen den Auftritt verweigerten, gilt nicht als Befürworter von Gleichberechtigung und Emanzipation. Mit Frauen sieht man den Hooligan-Anführer selten. In einem Bremer Gericht bezeichnete er eine fremde Frau schon mal als „Fotze“. Das Umfeld der Bremer Neonazi-Hooligantruppe „Standarte“ gilt als hundertprozentige Männerbastion. Das scheint längst nicht überall so. Im Dunstkreis der Dortmunder „Borussenfront“ von Siegfried Borchardt tummelten sich dagegen immer Frauen.

Das populistische Ziel, gegen „Salafisten“ als nationale Tatgemeinschaft aufstehen zu wollen, nutzten in Hannover auch Fans von „Pi News“ und Vertreter von „Die Freiheit“. Sie mischten sich als Redner unter Neonazis und rechte Hooligans. Vertreten waren neben Oldschool Skinheads, wütenden Hooligans, bürgerlichen Paaren aber auch NPD-Politiker wie Patrick Schröder, Macher von FSN-TV oder Neonazis wie Tobias Richter aus Ostfriesland. Einige der HoGeSa-Organisatoren aus Köln blieben der Veranstaltung in Hannover fern. Inzwischen gilt die Führung und ihr Umfeld als zerstritten.

Motto: „Die Familie hält zusammen“

Auf der Bühne kam neben dem Chef der muslimfeindlichen Partei „Die Freiheit“ Michael Stürzenberger aus Bayern auch der Leipziger Neonazi und Neu-Hooligan Nils Larisch zu Wort. Wie bereits in Köln durfte die NPD-Liedermacherin Karin Mundt aus Berlin auch in Hannover singen. Gemeinsam mit dem glatzköpfigen Liedermacher „Villain“ legte die Sängerin mit dem Künstlernamen „Wut aus Liebe“  Songs wie „Vereint Euch“ hin. Der musikalische Auftritt war wenig professionell. Das Duo mit Gitarre grölte „Vereint euch gegen Salafisten, wir stehen unseren Mann“ ins Mikrophon.

Das Motto der HoGeSa, „die Familie hält zusammen“ erinnert stark an die Parole „La Familia“ aus dem Rockermilieu. So suchten bei den Massenveranstaltungen auch Kuttenträger immer wieder politischen Anschluss. In Köln waren Vertreter des „MC Meridian“ vertreten, auch Supporter der „Hells Angels“.

Doch richtig Stimmung wollte auf dem großen umzäunten Platz in Hannover überhaupt nicht aufkommen. Anders als in Köln durften sich die Teilnehmer keinesfalls frei bewegen, mussten sich auch türkische Melodien und Antifa-Sprechchöre aus der Ferne anhören, ohne die Polizeisperren durchbrechen zu können. Das Sicherheitskonzept durch besonders starke Polizeipräsenz schien aufzugehen.

Rednerin von den „Ladies gegen Salafisten“

Egal ob Rednerin oder als Paar, Frauen waren bei "HoGeSa" präsent, Foto: Felix M. Steiner
Egal ob Rednerin oder als Paar, Frauen waren bei „HoGeSa“ präsent, Foto: Felix M. Steiner

Kurzzeitig wurden Ausbrüche von rechts versucht. Die Stimmung schien zu kippen. Rauch stieg auf, das Gebrüll der rechten Hooligans wurde lauter, sie rotteten sich eng zusammen. Eilig rückte der eigene Ordnungsdienst mit vielen weiblichen Kräften an, um die eigenen Leute vom Sturm über die Hamburger Gitter abzuhalten. Die Polizei setzte Pfefferspray ein, die Motoren der schweren Wasserwerfer-Fahrzeuge sprangen an und berittene Polizei kam näher. Die Reden auf der Bühne des LKWs verebbten immer mehr. Die Kundgebungsteilnehmer begannen sich sichtlich zu langweilen.

Auch der Rednerin Maria E. von den „LaGeSa“ – „Ladies gegen Salafisten“ gelang es nur kurz, für Aufmerksamkeit zu sorgen. Die Blondine aus Nordhrein-Westfalen gab an, aus Ostdeutschland zu stammen. Sie las vom Zettel ab und rief: In Deutschland läuft „etwas schief“, Christen und Juden würden verfolgt, Kirchen geschändet. Schon begann einer zu grölen, „der Jude“, der weitere Satz ging im Tumult unter. Brav lächelte die „Lady“ von oben in die Menge. Dann beanstandete sie eine angeblich unbegrenzte „Einwanderung in unser Sozialsystem“ und lobte das „Land der Dichter und Denker“. Kämpferisch verkündete die Ostdeutsche von „LaGeSa“: „wir lassen uns nicht mehr mundtot machen“.

Langsam begangen die geschäftstüchtigen Bremer Hooligan-Anführer den Verkaufsstand für „Kategorie C“-Merchandising abzubauen. Die Werbung in eigener Sache schien gut gelungen, der Kultband der Szene nutzt HoGeSa, von dem Hype könne sie stark profitieren. Der cholerische Ex-NPDler Henrik Ostendorf regte sich kurz lautstark über einen farbigen Mitdemonstranten auf, der eine Fahne schwenkte, dann verschwand der schwarze Van mit den Bremern vom Platz in Hannover.

Auch die ersten Demonstranten hatten das Gelände bereits vorzeitig verlassen. Sigrid Schüssler stand immer noch vorne vor der Bühne. Später schrieb sie bei Facebook: „Liebe Hooligans, die ihr aufsteht und zu HoGeSa werdet, hier steht sie, die Bewegung junger deutscher Männer und auch Frauen, die eine rote Linie ziehen und sagen: Schluss jetzt! Es reicht! Wir haben genug! Jetzt wehren wir uns! Und wer sich hier nicht an unsere Regeln hält, der fliegt raus!“

„Heidi “ wünscht „Gottes Segen“

Weitaus mehr Anklang als Schüssler fand eine andere Frau, über deren Motivation  in der HoGeSa-Szene allerdings wenig bekannt sein dürfte. Ihr Auftritt wird als Video inzwischen tausendfach verbreitet und sie als „Heidi, die mutige Deutsche“ angepriesen. Bei der blonden Frau, die sich eine Deutschland-Fahne um den Körper gehängt hatte und die Bühne in Hannover gar nicht wieder verlassen wollte, handelte es sich um die christliche Fundamentalistin Heidi Mund aus Frankfurt am Main. Sie schrie in die Menge, wie stolz sie auf die „deutschen Männer“ sei, „die endlich einen Arsch in der Hose“ hätten. Die Menge antwortete mit „ahu, ahu“-Gebrülle.

Mund rief weiter, sie sei gegen „Ausländer, die  uns zerstören wollen“. Mit erhobenem Zeigefinger mahnte die Frau: „Besauft euch nicht hier, sondern zuhause, macht das zuhause. (…) Also bitte Jungs, Selbstbeherrschung. Eure Muckis packt die dort aus, wo sie hingehören.“

Dass die Rednerin am Ende „Gottes Segen“ wünschte, ging im Applaus unter. Heidi Mund ist Pädagogin und organisierte gemeinsam mit ihrem Ehemann, einem Stadtverordneten der „Freien Wähler“ im Frankfurter Römer einen „Jesusmarsch“. Das Paar gehört zu den Organisatoren von „Himmel über Frankfurt“, einer Organisation, die nach eigenen Angaben den „Thron Gottes“ errichten möchte. Ihren religiösen Hintergrund wusste Heidi Mund  in Hannover weitestgehend zu verbergen.

Vor 25 Jahren: Schulfrei an „Führers Geburtstag“

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Hunderte Neonazis, die Schulen stürmen – faschistische Schlägertrupps, die Flüchtlingsheime niederbrennen und neonazistische Rollkommandos in „Ausländervierteln“: Vor dem 100. Geburtstag Adolf Hitlers am 20. April 1989 hatten sich Medien mit gespenstischen Szenarien überboten. Aus Sorge gab es an vielen Schulen für Migranten-Kinder schulfrei.

Von Patrick Gensing

Die Bundesrepublik Deutschland Ende der 1980er Jahre, kurz vor der Wende in der DDR: In Bremen holte die DVU 1987 einen Achtungserfolg mit 3,0 Prozent; 1989 triumphierten in West-Berlin die Republikaner, zogen mit 7,5 % der Stimmen ins Abgeordnetenhaus ein. In Fernsehspots hatte die Partei Bilder türkischer Migranten gezeigt und sie mit der Filmmusik aus dem Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ unterlegt und so für heftige Debatten gesorgt. Im Juni 1989 holen die Reps bei der Europawahl bundesweit mehr als zwei Millionen Stimmen – vor allem mit nationalistischen Parolen gegen die EU.

Viele Schüler blieben Zuhause

Rechtsextremismus und Neonazi-Gewalt waren in Westdeutschland ein akutes Problem, in den Kurven der Fußball-Bundesliga beispielsweise waren rassistische Gesänge eher der Normalfall denn die Ausnahme. Und so erschienen auch die wildesten Szenarien zum 100. Geburtstag von Adolf Hitler am 20. April 1989 zumindest vorstellbar. In West-Berlin boten Polizei und Antifa-Gruppen Telefonnummern an, um Neonazi-Aktionen dort melden zu können.

Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1989 über den "Führergeburtstag". (Screenshot)
Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1989 über den „Führergeburtstag“. (Screenshot)

In den Tagen zuvor war es nach Antifa-Angaben bereits zu Neonazi-Aktionen gekommen. Die taz berichtete damals, rund 20 uniformierte Männer seien gegen 1.30 Uhr am Schloss Charlottenburg beobachtet worden, wie sie mit einer Reichskriegsflagge marschierten. Zudem seien ausländische Schulkinder im Alter von acht und neun Jahren von Nazi-Skinheads bedroht worden: „Am 20. April solltet ihr lieber zu Hause bleiben. Sonst werdet ihr umgebracht!“ Lehrer reagierten auf die Bedrohung mit dem Angebot, schulfrei zu geben. Ähnlich war es in Hamburg und Bremen, selbst in Hamburger Stadtteilen wie Eimsbüttel waren die Neonazi-Drohungen Thema an den Schulen, wie Gespräche mit Zeitzeugen zeigen: Türkische Jungs sollten nur in Gruppen zur Schule gehen, Mädchen wurden von Lehrern begleitet.

In Hamburg hatten Lokalmedien in den Tagen vor dem 20. April 1989 über ein Flugblatt von Neonazis berichtet, das sich später als Bluff erweisen sollte. In einigen Stadtteilen blieben so gut wie alle Schüler mit ausländischen Eltern zu Hause. In einigen Schulen und auch Kindergärten herrschte gespentische Ruhe. In Wilhelmsburg ließen Geschäfteinhaber ihre Läden geschlossen. Zuvor hatten Gerüchte die Runde gemacht, wonach Hunderte Neonazis mit der England-Fähre in die Stadt einfallen würden, um Ausländer zu jagen. Angesichts der Zustände bei der Europameisterschaft 1988, als in Hamburg Hunderte Neonazis über die Reeperbahn gezogen waren und die damals besetzten Häuser in der Hafenstraße über Stunden angreifen konnten, erschienen die Warnung offenbar nicht komplett abwegig. Angriffe von Neonazis waren vor allem in den Randbezirken fast alltäglich.




Tatsächlich kam es rund um den 20. April 1989 dann aber nur vereinzelt zu Aktionen von Neonazis: Aus Berlin wurden Schlägereien zwischen antifaschistischen Jugendcliquen und Nazi-Skinheads vermeldet. In Neukölln wurde laut taz ein türkischer Friedhof verwüstet. Erheblicher Sachschaden entstand demnach durch Feuer in einer Neuköllner Grundschule: Rechtsextremisten hatten zwei Fenster eingeworfen und brennbare Flüssigkeit in zwei Klassenräume gegossen.

In Essen besetzten fünf Neonazis das Büro der Nachrichtenagentur dpa. In Eutin feierten Polizisten den 100. Geburtstag des „Führers“.  Die vier Beamten wurden später vom Dienst suspendiert und zu Bewährungs- bzw. Geldstrafen verurteilt. Die Polizisten hatten in einer Privatwohnung gefeiert, die mit Nazi-Symbolen dekoriert war. Die Polizisten selbst hatten Hakenkreuz-Armbinden angelegt.

Jahrelange Vorbereitung

Die Neonazi-Szene hatte sich jahrelang auf den 100. Geburtstags Hitlers vorbereitet. In Spanien soll bereits im Jahr 1984 ein Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten gegründet worden sein. Mehrere bekannte Neonazis aus Deutschland sollen dabei gewesen sein, unter anderem führende Kader aus Hamburg wie Michael Kühnen.

Michael Kühnen war der bekannteste Neonazis Deutschland, war aber in der Szene auch umstritten. (Screenshot YouTube)
Michael Kühnen war der bekannteste Neonazi in Deutschland, aber in der eigenen Szene auch umstritten. (Screenshot YouTube)

Auch mehrere Nazi-Parteien aus Europa waren involviert – aus Deutschland die später verbotene FAP – die erste Neonazi-Partei, die den Anschluss an jugendliche Subkulturen vollzog und somit Vorbildcharakter für den späteren Kurs der NPD hatte.

Das Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers (KAH) wird auf Betreiben Michael Kühnens als Nachfolgestruktur der 1983 verbotenen Aktionsfront Nationaler Sozialisten/ Nationale Aktivisten (ANS/NA) gegründet. Dieses bildet den inneren Kreis der Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front (GdNF). (Quelle: apabiz)

Der 100. Geburtstag Adolf Hitlers war somit ein Vorgeschmack auf das, was in den 1990er Jahren folgen sollte, als Neonazis im wiedervereinigten Deutschland tatsächlich Ausländer durch die Städte jagten oder gemeinsam mit Anwohnern Flüchtlingsunterkünfte belagerten und abfackelten. Dies war auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik noch nicht im größeren Stil möglich, da die Staatsmacht nicht komplett abwesend war – und weil es nennenswerten Widerstand aus anderen Subkulturen oder Gangs gab. Der Personenschützer Michel Ruge berichtet beispielsweise in seinem Buch „Bordsteinkönig – meine wilde Jugend auf St. Pauli“, wie sich deutsch-türkische Gangs aus der Innenstadt mit Nazi-Skinheads aus den Randbezirken regelmäßig Schlägereien lieferten – und so Viertel wie St. Pauli weitestgehend nazifrei hielten.

„Weil schon soviel passiert ist“

Doch die Neonazi-Gewalt war in vielen Regionen eine akute Gefahr. Ein Polizist aus Bremen erklärte 1989 gegenüber der taz, er kenne die Randale der Skins, seit er in dem Stadtteil Huching arbeite: „Wenn ich von den Drahtziehern ausgehe, ist das eine Handvoll. Mit Unterstützung aus Stuhr, Delmenhorst und Oldenburg kommen die auf 30 – 40 Leute. Mehr nicht.“ Die Skins gingen öfter auf „Türkenjagd“, Delikte wie Landfriedensbruch, Körperverletzung, unerlaubter Waffenbesitz bis hin zu einem Molotow-Cocktail seien an der Tagesordnung. Die Polizei habe Schlachten zwischen Skins und türkischen Jugendlichen verhindert. Der Revierleiter: „Das ist eine gezielte Angstmache. In anderen Stadtteilen wurde das auch versucht, aber nur in Huchting haben die Leute die Gerüchte geglaubt – weil hier schon früher soviel passiert ist.“

Tatsächlich finden sich sogar in Verfassungsschutzberichten der 1980er Jahren umfangreiche Hinweise auf rechtsterroristische Bestrebungen: Terrordrohungen in Briefen, die Libanon-Gruppe der Wehrsportgruppe Hoffmann sowie die „Deutschen Aktionsgruppen“.

Propaganda der neonazistischen Hamburger Liste Ausländerstopp.
Propaganda der neonazistischen Hamburger Liste Ausländerstopp. Quelle: Verfassungsschutzbericht 1982

Nach dem 20. April 1989 wurde dann die Frage gestellt, ob die Öffentlichkeit hysterisch auf die Nazi-Drohungen reagiert habe. Auch in der Antifa-Bewegung wurde dies diskutiert. Im Antifaschistischen Infoblatt hieß es dazu:

Die von den Neonazis angekündigten Aktivitäten, Feiern und Aufmärsche zum 20. April 1989 blieben aus. War die von der Antifa-Bewegung durchgeführte Mobilisierung reine Panikmache, wie ihr von verschiedenen Seiten vorgeworfen wurde? […] Zwei Tatsachen hatten uns dazu bewogen, uns besonders breit und gründlich auf dieses Datum vorzubereiten: 1. die Zunahme rassistischer und neonazistischer Übergriffe seit dem Erfolg der Republikaner bei den Abgeordnetenhauswahlen, 2. die lange Vorbereitung der Neonazis auf den „Führergeburtstag“ sowie Informationen über eventuell geplante Aktivitäten zu diesem Anlaß. In den letzten Wochen mußten viele AntifaschistInnen, SchülerInnen, Emigranten die Erfahrung machen, daß bei Überfällen von Neonaziskins anwesende Polizisten den Opfern nicht zur Hilfe kamen, wegguckten, vorbeifuhren und sich erst wieder blicken ließen, wenn die Täter das Weite gesucht hatten. Stießen die rechtsextremen Schlägertrupps auf Gegenwehr, wurden die Antifaschisten von Polizisten verprügelt, festgenommen oder erhielten Anzeigen.

Insbesondere wird die Situation von Jugendlichen thematisiert, die unter alltäglichen Ressentiments zu leiden hatten:

Am frühen Abend des 20. April demonstrieren spontan türkische und deutsche Schüler auf dem Ku-Damm. In den späteren Abendstunden fanden sich in SO-363 mehrere hundert, meist türkische Jugendliche, zusammen um durch Kreuzberg und Neukölln zu ziehen. Sie wollten zeigen, daß sie nicht aus Angst zu Hause bleiben, daß sie bereit sind, sich gegen die deutschen Rassisten zur Wehr zu setzen. Die Ereignisse der letzten Wochen an vielen Schulen, vor allem aber die Zerstörungen auf dem türkischen Friedhof durch Rechtsextremisten in der Nacht vorher, hatten den letzten Anstoß gegeben. In den Demonstrationszügen kam die Wut und der Hass derjenigen zum Ausdruck, die tagtäglich den Rassismus bei der Lehrstellensuche, auf den Ämtern der westberliner Bürokratie, im Verhalten der Polizei am eigenen Leibe erfahren müssen. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann diese tagtäglichen Erniedrigungen und Benachteiligungen, die Stimmungsmache der reaktionären Medien, sich in einer sozialen „Explosion“ entladen müssen. Es sind vor allem Kinder und Jugendlichen in der zweiten Generation der Emigranten, die gegen ihre gesellschaftliche Benachteiligung rebellieren.

Es ist exakt diese Generation, die bereits Ende der 1980er Jahre rassistische Gewalt erleben musste – beispielsweise in Schwandorf, wo ein Neonazi vier Menschen tötete – und die zehn Jahre später zur Zielscheibe des NSU wurde. Für diese Generation war eine latente Bedrohung durch Neonazis nichts neues, genausowenig wie Benachteiligung und Diskriminierung durch staatliche Stellen im Alltag. Hamburgs damaliger Innensenator Werner Hackmann sprach 1989 deutlich aus, warum die Verunsicherung bei vielen Migranten so enorm war: Ursache sei die latente Ausländerfeindlichkeit der Deutschen, zudem hätten Migranten nur geringes Vertrauen in die Sicherheitsbehörden. Und so nahmen mitunter Kiez-Milizen den Schutz der „eigenen“ Viertel in die Hand.

Feindbild Stadt

Die Neonazi-Bewegung entwickelte aber selbst in dem braunen Jahrzehnt, den 1990er Jahren, nicht die Schlagkraft, um die multikulturellen Städte vom Land aus nachhaltig anzugreifen, so wie es rechtsextreme Strategen geplant hatten. Stattdessen zog das mobile Mordkommando des NSU durch Deutschland, um durch Terror Unsicherheit und Schrecken zu verbreiten. Die Nachricht kam in der türkischen Community an.

Der „Führergeburtstag“ 1989 sollte – so hatten es die Neonazis geplant – zur Geburtsstunde einer einheitlichen europäischen nationalsozialistischen Bewegung werden. Dieses Ziel wurde verfehlt. Aber der 20. April 1989 wurde zum Testballon für neue Strategien – durch gezielte Provokationen sowie mediale Bluffs. Dazu gaben die Drohungen gegen ausländisch-stämmige Menschen einen Vorgeschmack auf den braunen Terror und die rassistischen Gewaltorgien der 1990er und 2000er Jahre.

Literatur zum Thema:

Andrea Röpke/Andreas Speit (Hrsg.): Braune Kameradschaften. Ch. Links Verlag, Berlin 2005

Thomas Grumke und Bernd Wagner (Hrsg.): Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers. In: Handbuch Rechtsradikalismus. Leske + Budrich, Opladen 2002

Michel Ruge: Bordsteinkönig – Meine wilde Jugend auf St. Pauli

Klaus Farin: Krieg in den Städten

Links:

apabiz: Profil: Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers (KAH)

Die Zeit: Wie konnte diese Angst entstehen?, Analyse nach dem 20. April 1989

Der Spiegel über den 20. April 1989, pdf

Publikative.org: Rechtsextremismus als soziale Bewegung: Feindbild Stadt, Patrick Gensing

Publikative.org: Terror-Trio? Rechtsextremismus als soziale Bewegung, Patrick Gensing

Neuköllner.net: Rechter Terror Ende der 1980er Jahre

blick nach rechts: Aktivitäten zum 125. Geburtstag Hitlers, Johannes Hartl

 Kontakt zum Autor: gensing(at)publikative(punkt)org

Hakenkreuz und Kutte

Das Netzwerk zwischen Neonazis, Hools und kriminellen Rockern ist in Bremen eng verwoben. Gemeinsam feiern sie die Hochzeit eines „Endstufe“-Mitglieds oder freuen sich über gelungene Charity in einer Bremer Jugendeinrichtung.

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Die Braut trug weiß, der Bräutigam Tattoos und Glatze. Vor dem Standesamt in der Bremer Hollerallee wienerte ein Chauffeur noch eilig den Lack seiner protzigen Stretchlimousine. Am Säulenportal des Gebäudes vertraten sich bullige Musiker von „Endstufe“ die Füße im Schnee. Der frischvermählte Jens Brandt, genannt „Brandy“, ist Mitglied der dienstältesten deutschen Rechtsrock-Band. 1981 gegründet, genießt die Gruppe inzwischen mit ihren rund 20 veröffentlichten, teils indizierten Tonträgern „Kultstatus“ vor allem bei rechten Old School-Anhängern.

Einige Jahre war es ruhig um die Band, Gerüchte von Drogenproblemen einzelner Mitglieder machten die Runde. Seit einiger Zeit geben sie wieder zahlreiche ihrer konspirativen Konzerte. Im August 2011 feierte „Endstufe“ mit rund 200 Neonazi-Fans das 30-jährige Bestehen in einem abgelegenen Proberaum in Groß Mackenstedt im Landkreis Diepholz. (bnr.de berichtete) Aus dem Altkreis Syke stammt Schlagzeuger Carsten Löhmann, der bei „Endstufe“ sowie bei der 2009 gegründeten Band „Bunker 16“ trommelt und ein Baugeschäft in der Nähe von Syke führt. Sein jüngerer „Bunker“-Kollege Tom Müller wohnt nur ein paar Dörfer weiter.

Der Landkreis Diepholz gilt als unauffällig, Proteste gegen braune Aktivitäten sind rar. Nach den Veröffentlichungen von bnr.de zum Geheim-Gig von „Endstufe“ 2011 wurde beiden Neonazi-Bands der Übungsraum gekündigt, inzwischen sollen sie in dem ehemaligen NS-Reichsmusterdorf Dötlingen nahe Oldenburg neue gut geschützte Räumlichkeiten gefunden haben.

Kontakte zum „Blood&Honour“-Netz

Blood & Honour ist ein internationales Neonazi-Netzwerk.
Blood & Honour ist ein internationales Neonazi-Netzwerk.

Ende der 90er Jahre verfügten Jens Brandt als Betreiber des Labels „Hanse Records“ und dessen Band über beste Kontakte zum militanten „Blood&Honour“-Netzwerk. Im B&H-Magazin der „Division Deutschland“, der „Stimme der Bewegung“, tauchte die Firma auf. Auch Steffen R. soll für sie gearbeitet haben. Aus NSU-Aktenmaterial geht hervor, dass „Hanse-Records“ in abgehörten Telefonaten eines mutmaßlichen sächsischen Terror-Helfers Thema war. Jan W., „Blood&Honour“-Chef aus Chemnitz suchte demnach 1998 den Kontakt zu den Bremern. R. betreibt heute ein internationales Hostel in der City. In seiner Freizeit spielt er in Tarnklamotten mit Softairwaffen Krieg.

Beate Zschäpe floh im November 2011 nach dem Tod ihrer engsten Mitstreiter Mundlos und Böhnhard in den Norden. In Bremen machte sie nach kurzem nächtlichen Aufenthalt kehrt. Was sie dort wollte, ist bis heute unklar, vielleicht suchte die angeklagte mutmaßliche Rechtsterroristin nur eine Unterkunft oder Hilfe bei zuverlässigen Kameraden.

Nach dem Verbot von „Blood&Honour“ im Jahr 2000 stellte auch „Hanse-Records“ seinen Betrieb ein. Szene-Figur „Brandy“ blieb dem White Noise treu. Steffen R. dagegen wechselte wie viele andere aus der Szene ins Rockermilieu. Zuvor soll er nach Recherchen der Bremer Antifa politisch recht umtriebig gewesen sein. Demnach zählte R. zum regionalen Chapter der „Hammerskin Nation“ und gründete 1985 die Ortsgruppe der später verbotenen „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“ (FAP) mit. In Bremen war der smarte Irland-Fan als Bindeglied der radikalen rechten Mischszene jedoch kaum bekannt. Dabei hält er (auch) als Rocker den Kontakt zur Szene bis heute.

„Endstufe“-Logo mit brauner Torte

Im Clubhaus des „MC Wild Vikings“ in Bremen-Findorff, zu dem R. sich lange bekannte, feierte Jens Brandt mit seiner Ehefrau inmitten einer einschlägigen Schar von Gästen am vergangenen Freitag seine Hochzeit. Eine braune Torte zierte das „Endstufe“-Logo. Pünktlich um sieben Uhr fuhr ein Taxi nach dem anderen vor dem weißen Gebäude mit den teils vergitterten Fenstern vor. Das Gelände liegt zwischen Wohnhäusern, dahinter breitet sich ein Schrebergarten-Gelände aus.

Besucher des Neonazi-Konzerts am 21. August 2010 in Eschede (Foto: monitorex)
Besucher eines Neonazi-Konzerts im Jahr 2010 in Eschede (Foto: monitorex)

Niemand scheint sich im gutbürgerlichen Stadtteil Findorff an dem Clubhaus zu stören. Dabei ist die Parole „BTBW MC Bremen“ über der Eingangstür eindeutig: „Born to be Wild MC Bremen“. Diese Lederwesten-Truppe bekennt sich offen zu den „One-Percentern“ und damit zur gewaltbereiten, kriminellen Outlaws-Szene. Auch das Landeskriminalamt in Mecklenburg-Vorpommern führt die „BTBW“ in einer Sparte mit „Hells Angels“, „Gremium“ und „Bandidos“. In einem Video bezeichnen sich deren Mitglieder als „Bruderschaft“, die nach der Prämisse leben, „wahre Freundschaft“ gebe es nur unter Männern. Tatsächlich hat dieses Milieu grundsätzlich weniger mit dem Rocker-Mythos als mit Drogen, Waffen, Prostitution, Frauenhandel, Glücksspiel und Schutzgeld-Erpressung zu tun. Steffen R. selber gibt im Internet inzwischen an, Vollmitglied des „MC Blazes“ zu sein. Als deren Logo ist neben dem Totenkopf auch schon mal ein Reichsadler mit Kranz und den Worten „Treue – Ehre“ zu sehen.

Neonazi-Hool der „Standarte“ als Gast

Die letzten Gäste erreichen derweil in völliger Dunkelheit das Clubhaus. Es ist kaum ausgeleuchtet von außen. Eine Neonazistin aus Verden hilft einem glatzköpfigen Hochzeitsgast im Rollstuhl durch den Schnee. Es ist still, kein Lärm dringt aus dem Gebäude nach außen.

Ein weiterer auffälliger Rotlicht-Rocker ist Gast bei der „Endstufe“-Party: Stefan Ahrlich. Für den Zweimetermann, der sich bis zum Verbot der „Hells Angels“ in Bremen 2013 gern mit ihnen zeigte und außerdem zu den Neonazi-Hools der „Standarte“ zählt, arbeitete der ehemalige NPD-Kreisvorsitzende Matthias Schulz aus Verden als Chauffeur. Photos zeigen den fülligen Neonazi in schwarzer Uniform mit Sonnenbrille wie er stolz die Tür einer weißen Stretchlimousine offen hält. Ahrlich, der mit Bordellen und Tattooläden im Raum Delmenhorst zu tun haben soll, wirbt offen für seinen Fahrzeug-Service. Bei Facebook inszeniert sich Ahrlich, unterstreicht seine Schwäche für Hooligans mit einem Photo. Es zeigt eine aufgebrachte Gruppe muskulöser Männer, oberkörperfrei und mit hoch gereckten Fäusten, er hat das Motto hinzugefügt: „Heute geht’s rund“. Aus seiner politischen Einstellung macht er ebenso wie zahlreiche andere Anhänger der Bremer Rocker-Szene keinen Hehl.

Kleine Kinder posen neben Kampfhunden

Längst verquicken sich in Bremen und Umgebung rechte Ideologie und Rotlicht-Geschäfte. Immer mehr Neonazis finden ihr berufliches Auskommen in Sicherheitsfirmen, Fitness- oder Tattoostudios und zahlreichen Tarn-Firmen wie Dachdecker-Geschäfte oder Sonnenstudios, die Polizeiangaben zufolge der Geldwäsche dienen können.

Ein Großteil der braunen Bremer Szene bewegt sich offen an der Peripherie zur organisierten Kriminalität. Die Allianz zwischen Hakenkreuz und Kutte bringt im Internet Nicknames wie „Mengele“ oder „Quex“ hervor oder Anhänger zeigen ihre Rennautos, den eigenen Bungalow, „sexy“ Frauen und Tattoos. Kleine Kinder posen neben Kampfhunden. Zum Freimarkt im vergangenen Herbst empfing eine Bremer Abordnung den Präsidenten des inzwischen verbotenen „MC Schwarze Schar“ aus Wismar, der für seinen Neonazi-Hintergrund bekannt ist. Die Mischszene schließt Freundschaften zu Werder-Stars, B-Prominenten oder einem auf Schönheitsoperationen spezialisierten Zahnarzt, der immer wieder im Fernsehen zu sehen ist, mit ein.

Bis zu seinem Verbot in Bremen galt das Charter „Westside“ der „Hell Angels“ als Bindeglied. Seit 2013 sind die Kutten aus dem Straßenbild verschwunden, das Clubhaus in der City wurde geräumt. Die Führungsmitglieder Michael W. und Marcel S. zeigen sich seitdem in unauffälligerer Kleidung. Kontakte zu einem neuen Club sollen anscheinend nicht sichtbar werden. Doch längst zeigen sich „Hells Angels“-nahe Verbindungen zum „MC Legion“ auf. Der Mann fürs Grobe scheint auch hier: Stefan Ahrlich.

Clubhaus des „MC Legion“ in Brinkum

Im April 2013 kamen die ersten Gerüchte auf, die „Hells Angels“ aus der Hansestadt seien nur wenige Kilometer über die Landesgrenze hinweg in den niedersächsischen Landkreis Diepholz ausgewichen. Dort wo sich bereits einige rechte Bekannte tummeln, ist das Land Bremen nicht mehr zuständig.

Angeblich harmlose „Motorradfreunde“ renovierten in Brinkum ein Steak-Restaurant, doch auf der Rückseite des Gebäudes entstand das Clubhaus des „MC Legion“. Anwohner befürchteten einen Zuzug der „Hells Angels“. Doch die regionale „Kreiszeitung“ gab eilig Entwarnung: Die Sorgen einiger Bürger seien „unberechtigt“, die neuen Mieter seien „harmlose Menschen“ und das Clubhaus sei für Harley Davidson- Fans gedacht.

Bei der Eröffnung im August zeigte sich jedoch ein anderes Bild: Stefan Ahrlich im Shirt des „MC Legion“ begrüßte die ankommenden Gäste. Auffällig viel Polizei steht seitdem bei jedem Tag der offenen Tür vor dem Haus. Einer der „Hells Angels“-nahen Tätowierer feierte im Clubhaus von „Legion“ kürzlich mit Kameraden seinen Geburtstag, der Mann wird auch der Neonazi-Hooligantruppe „Nordsturm Brema“ zugerechnet.

„Legionäre“ verkleiden sich als Nikoläuse

Die Anhänger der MC-Neugründung „Legion“ engagieren sich im Internet – ebenso wie Neonazis aus der Region – für die Initiative „Wir sind Daniel“ und machen damit auch virtuell Stimmung gegen die mutmaßlichen Täter, die für den Tod des jungen Daniel S. aus der Nachbargemeinde Kirchweyhe verantwortlich sein sollen. Beliebte Bands bei den „Legionären“ scheinen „Kategorie C“, „Endstufe“ oder „Bunker 16“.

Nicht zuletzt wegen ihrer politischen Kontakte ins rechte Spektrum legen die Bremer Rocker aus den Reihen von „Hells Angels“, „Legion“ oder „Wild Vikings“ anscheinend Wert auf bürgerliche Tarnung und soziales Engagement. So verkleideten sich zwei „Legionäre“ am 6. Dezember vergangenen Jahres als Nikoläuse und fuhren gemeinsam mit weiteren „Brüdern“ für eine Charity-Aktion zum Jugendhaus im Bremer Stadtteil Hemelingen, um Präsente zu verteilen. Mit dabei war auch Florian Z., früher „Supporter“ der „Hells Angels“, Tätowierer und rechter Hooligan. Bei der Wohltätigkeitsaktion mit zahlreichen Jugendlichen trug Z. sein neues Label: „MC Legion“.

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Siehe auch: Neonazis in KuttenRocker-Prozess: Ex-NPD-Landeschef verurteiltNeonazi kauft Immobilie – mit Rocker-Geld?Steigende Affinität zur Hooligan- und RockerszeneNPD goes RockergangUnpolitisch? Der “Barking Dogs”-Fanclub “Road-Crew 24″

Akademisches Karussell: Die Verstörung ertragen

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute dokumentieren wir die Ansprache, die bei der Veranstaltung der Fraktionen der Bremischen Bürgerschaft anlässlich des 75. Jahrestages der Pogromnacht am Platz vor dem Mahnmal in Bremen gehalten wurde.

Von Samuel Salzborn*

Der Anlass unserer Zusammenkunft ist verstörend. Viele Gefühle mischen sich in der Erinnerung an die Verstorbenen und Ermordeten, an die Opfer des Nationalsozialismus: Trauer und Wut, Verzweiflung und Schmerz, Angst und Einsamkeit. Was unsere Gefühle von denen unterscheidet, die wir so oder ähnlich auch aus anderen Situationen kennen, ist die Verstörung, die tiefe, leere Verstörung. Eine Verstörung, die der „Zivilisationsbruch“ (Dan Diner) des Nationalsozialismus ausgelöst hat durch seine kalte, leere, zugleich kitschige, brutale und barbarische Wirklichkeit der antisemitischen Vernichtung.

Einer Vernichtung, die nicht erst in den Konzentrationslagern oder im Vernichtungskrieg von Wehrmacht und SS anfing, sondern die sich bereits mit dem Aufkommen der NS-Bewegung in den 1920er Jahren und mit der von der politischen Mitte goutierten Machtübernahme Hitlers abzeichnete und mit der ersten politischen Maßnahme des NS-Regimes begann, von der man am 9. November 1938 schon lange wissen konnte, ja wissen musste, wie zeitgenössische Studien wie die von Ernst Fraenkel oder Tagebuchaufzeichnungen wie die von Victor Klemperer belegen. Ja: gewusst hat – aber im Rückblick nicht mehr gewusst zu haben ertragen kann.

Die Verstörung ist eine, die als leise Spur die Geschichte der Bundesrepublik durchzieht, vielen Debatten unterliegt, auch wenn diese vordergründig ganz andere Themen zu haben scheinen – politische, soziale, ökonomische, aber auch kulturelle. Und: die Verstörung ist allgegenwärtig; gerade dann, wenn sie am meisten geleugnet, verdrängt, verneint wird, ist sie am präsentesten.

Der Soziologie Theodor W. Adorno hat einmal gesagt, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch. Ich finde, er hat bis heute recht damit, weil das Schöngeistige, dem so manch ein Literat in diesem Land sich vorgibt, verschrieben zu haben, gerade heute immer wieder ins Barbarische umschlägt. Nicht, weil das immer so sein müsste. Nein, sondern weil gerade diejenigen, die so laut riefen, man lasse sich nicht verbieten, ein Gedicht zu schreiben, heute ihre Federn nutzen, um ein Ressentiment wieder prominent in die Öffentlichkeit zu setzen, das nie aus der Welt war: Der Antisemitismus in Deutschland hat ein erschreckendes Ausmaß angenommen – im Hier und Jetzt.

Er wird heute wieder skandiert, nicht nur vom rechten Rand, sondern aus den Feuilletons großer Tageszeitungen, den Online-Plattformen von Nachrichtenmagazinen, ja auch und besonders von ihnen: den Literaten, die mit dem schamlosen Verweis, all dies, was sie produzierten, sei doch nur Kunst, die Freiheit für sich reklamieren, die sie den Menschen mit ihren Worten nehmen. Der verbale Angriff einiger Feuilleton-Schreiber/innen und der vordersten Front des deutschen Literaturbetriebs auf Jüdinnen und Juden hat längst begonnen. Nicht nur, was schon entsetzlich genug wäre, auf Jüdinnen und Juden in Israel – der Angriff gilt allen, die sich ihrem Paradigma der Schuldabwehr verweigern, er gilt allen Jüdinnen und Juden, auch in Deutschland.

Deshalb tut unsere Gesellschaft den Opfern auch ein weiteres Mal Gewalt an. Eine Gewalt der Erinnerungsverweigerung, eine Gewalt des Vergessens. Die neuen Antisemiten ertragen die Verstörung nicht, sie ertragen nicht, dass sich für sie nichts Positives, nichts Konstruktives aus Auschwitz ergibt, sondern dass sie das Erbe der Barbarei nur verarbeiten könnten, wenn sie zunächst einmal bereit wären, es zu ertragen. Das Sinnbild des Umgangs mit der Vergangenheit sind aber diejenigen, die rufen, ihr Opa sei doch kein Nazi gewesen – und diejenigen, die noch heute als honorige Nobelpreisträger gelten, obgleich sie als Waffen-SS-Mitglieder einer der brutalsten Gruppe des antisemitischen Weltanschauungskrieges angehörten.

Der ungarische Dichter Ödön von Horváth hat, auf eine Streichholzschachtel im Pariser Exil 1938 gekritzelt, bevor er dort vom herabfallenden Ast eines Baumes erschlagen worden ist, einen Gedanken hinterlassen, der zeigt, dass der deutsche Weg zu denken, nicht der einzige Weg sein muss, zu dichten. Horváth schrieb:

„Und die Leute werden sagen
In fernen blauen Tagen
Wird es einmal recht
Was falsch ist und was echt
Was falsch ist, wird verkommen
Obwohl es heut regiert.
Was echt ist, das soll kommen –
Obwohl es heut krepiert.“

Horváth war verzweifelt, zutiefst deprimiert, von der Verstörung des Nationalsozialismus zerrissen, ohne Hoffnung – und doch mit einem Schimmer daran, es werde eines Tages einmal wieder anders sein. Anders sein müssen. Aus dem Wissen heraus, dass die Anderen nicht recht haben, dass sie die Gewalt, die brutale und barbarische Gewalt ausüben, aber dass diese nicht von Dauer sein wird, weil sie falsch ist.

Kann man diese Verstörung, die aus Horváths Zeilen spricht und die für die, die den Nationalsozialismus nicht erleben und erleiden mussten, den Schmerz und das Leid in unerträglicher, und doch so literarisch leichter Weise erspürbar macht, eigentlich überhaupt ertragen? Kann man diesen Schmerz überhaupt aushalten? Erlauben Sie mir den Einwand: diese Fragen sind falsch gestellt. Es ist nicht an uns, unsere ungleich einfachere und immer letztlich doch erträgliche Hypothek der Erinnerung denen noch mit Schuldvorwürfen zu beladen, die die Barbarei erlebt – und vielfach nicht überlebt haben.

Erst dann, wenn man den Bann des Vergangenen durch „helles Bewusstsein“ breche, wie Adorno sagte, erst dann werde es möglich, dass Vergangene im Ernst zu verarbeiten. Nur: wir tappen bis heute im Dunkel. Im tiefsten Dunkel. Die allgegenwärtige Versicherung, man habe ja aus der Vergangenheit gelernt, beteuert nur eines: eben dies nicht getan zu haben. Nicht die Nachgeborenen können in selbstherrlicher Zufriedenheit stets aufs Neue beteuern, dass sie gelernt hätten und es deshalb nun einmal gut sein müsse. Diese unerträgliche Floskel schreit danach, die jeweils eigene Täterschaft, in der eigenen Familie, im eigenen Umfeld, ja auch in der eigenen Nation endlich einmal ehrlich zu befragen und zu ertragen, was dabei heraus kommen möge.

Das infantil-trotzige „Opa war kein Nazi“ (so das titelgebende Zitat eines berühmten Buches von Harald Welzer u.a.) ist eine Lüge – und das wissen die Kinder und Enkel, die es aussprechen auch, sie ahnen es unbewusst, sie fürchten die Antwort, weil sie ahnen, sie nicht ertragen zu können, die Verstörung der Wahrheit nicht aushalten zu können. Aber nur, wenn sie es wagen, nur dann gibt es die Chance, nicht die Verstörung zu beenden, aber sie tragbar zu machen. Denn während der Waffen-SS-Dichter nicht frei ist von Schuld, sind es die Kinder und Enkel schon – aber sie müssen die nahe, die unmittelbare Verstörung ertragen, dass es ihr Vater, ihr Opa, ihre Mutter, ihre Oma nicht sind.

Jetzt werden sie vielleicht denken: Was heißt denn hier Schuld? Möglicherweise ist es ja nicht die Schuld, selbst handreiflich an Verbrechen beteiligt gewesen zu sein – aber es ist, gerade an einem 9. November, die Schuld, weggesehen zu haben, die Schuld, die offensichtlichen Lügen der Nazis geglaubt zu haben, die Schuld, die Straßenseite gewechselt zu haben, wenn einem ein Jude entgegenkam, die Schuld, nicht in jüdischen Geschäften gekauft zu haben, die Schuld, Raubgut und enteignete Waren gekauft zu haben, die Schuld, von Raub und Plünderung der deutschen Soldaten profitiert zu haben, die Schuld, den so genannten Feindsender nicht gehört zu haben, die Schuld, von Hitler fasziniert gewesen zu sein, die Schuld, geglaubt zu haben, die Juden seien der Ursprung der eigenen Unzulänglichkeiten, die Schuld, die Nazis gewählt zu haben, die Schuld, in einer der unzähligen Situationen des Alltags geschwiegen zu haben. Die Schuld, die wir an der aus Inszenierung und Mob amalgamierten Geschichte des 9. November überall sehen, auch hier in Bremen.

Wer jetzt denkt, er möge doch aufhören mit der Aufzählung, der zeigt, wie richtig sie ist und, mehr noch: dass es die viel beschworene Aufarbeitung der Vergangenheit in der Mitte der deutschen Gesellschaft bis heute nicht wirklich gegeben hat. Hätte es sie gegeben, dann wäre das Schweigen nicht so unerträglich laut, wenn einer wie Augstein, einer wie Grass oder einer Walser sich wieder einmal als Tabubrecher aufschwingt, aber doch nur schnöden Antisemitismus von sich gibt.

Der Antisemitismus, der sich heute oft in einem Umweg nicht zuerst gegen die Juden in Deutschland richtet, sondern gegen Israel, ist der schmerzenste Ausdruck der Unwilligkeit und der Unfähigkeit, die eigene Vergangenheit als eine Vergangenheit der unerträglichen Verstörung aufzuarbeiten. Wenn heute wieder, wie hier in Bremen, vor Geschäften der antisemitische Boykott gefordert wird, verlogen kaschiert als Boykott israelischer Waren, dann ist es ganz nah: das Novemberpogrom des Nationalsozialismus. Nicht, dass ich sagen wollte, die Handvoll Verrückter, die einen solchen Boykott fordert und die mit den an NS-Schilder erinnernden Plakaten vor Geschäften hier in Bremen steht, hätten eine ernst zu nehmende Macht oder gar Einfluss.

Aber entbindet das davor, diese Form der Erinnerungsbarbarei ertragen zu müssen? Erlaubt es, sich vor ihnen weg zu ducken? Eine Demokratie ist nur so stark, wie es ihr gelingt, ihre Feinde auch zu bekämpfen – der Nationalsozialismus war auch eine kleine Bewegung, zunächst eine von den etablierten Kreisen belächelte Handvoll Verrückter, ohne Macht und Einfluss. Wo die Weimarer Demokratie noch versagte, hat die Bundesrepublik Möglichkeiten, haben Sie und wir alle Möglichkeiten, den ganz offenen, alltäglichen Antisemitismus, der die Maßnahmen, die zum 9. November führten, plagiiert, zu bekämpfen. Es geht hier nicht um ein trotziges „Wehret den Anfängen!“ – denn es hat nie aufgehört. Es geht um ein: „Fangt endlich an, wirklich dagegen zu sein!“ – und zu ertragen, dass zu diesem Dagegensein auch gehört, schmerzhafte eigene Erinnerungen ertragen zu müssen.

Man muss auch die eigene Verstörung ertragen lernen, um angemessen und adäquat neue Verstörungen wahrnehmen zu können. Wer nur um sich selbst kreist, ohne das Epizentrum seines Problems sehen zu wollen, wird immer weiter kreisen. Das Problem heißt, gestern wie heute, Antisemitismus. Und man kann aus dem Gestern nichts lernen, man kann es nur zulassen und ertragen, zulassen, wie den Gang in den eigenen dunklen Keller, in den zu gehen man sich fürchtet – wie in der Psychoanalyse das Verhältnis zum Unbewussten und Verdrängten veranschaulicht wird. Ohne den Keller steht das Haus nicht – ohne die Verstörung ist auch die Gegenwart nicht zu haben, wer nicht erinnert, wer nicht trauert, wer das Leid nicht auszuhalten bereit ist, wird es immer weiter ertragen müssen. Und, was noch schlimmer ist: er wird sich zum Mitwisser des gegenwärtigen Antisemitismus machen, vor dessen historischem Schuldeingeständnis er immerzu fortläuft.

In fernen blauen Tagen, sagt Horváth, wird es einmal recht, das, was echt ist. Die Hoffnung des Verzweifelten ist die Hoffnung des Unbenannten, die abstrakte Hoffnung auf ein Ende der Barbarei. Horváth hat es nicht erlebt, dieses Ende. Er hat ihn aber benannt, den Ort des Unmöglichen, in dem nur klar ist, was er nicht ist. Er ist ein Ort ohne Verstörung. Aber ohne Demut, ohne Schuldeingeständnis, ohne den Schmerz der Erinnerung wird er nicht zu haben sein, bleibt er negativ – aber zumindest ohne Konkretisierung auch gerade jenen verschlossen, die sich des echten Schmerzes verweigern.

Ein Gedenken wie das heutige wird oft verbunden mit positiven Appellen. Es kann ein Anfang sein, dies zu unterlassen – und bei der Verstörung zu verweilen, im Gedenken an die Menschen, die nicht die Verstörung, sondern die Barbarei erleiden mussten, an ihr zugrunde gegangen sind. Einmal kein: „Ja, aber“.

Samuel Salzborn

*Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen und Autor des Buches „Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne“ (Campus 2010).

Alle Beiträge aus der Kolumne „Das akademische Karussel

Aussage gegen Aussage: Fußballfans unterwegs

Am vergangenen Freitagabend haben etwa 400 Hannoveraner Fans das Auswärtsspiel ihres Vereins in Bremen verpasst. Sie verbrachten einige Stunden kurz vor den Toren der Stadt auf dem Bahnhof Achim. Wie es dazu kam, was dort geschah und wie es weiterging – dazu gibt es unterschiedliche Schilderungen.

Von Nicole Selmer

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Hannover 96 spielte am Abend bei Werder Bremen – ein klassischer Fall für die günstige und massenhafte Fananreise per Niedersachsenticket durchs Bundesland. Hunderte Hannoveraner Fans machten sich in vollen Regionalzügen auf den Weg. Der polizeiliche Einsatzplan sah vor, die Reisenden im Regionalexpress 4424 (Abfahrt Hannover 16:21) in Bremen in Busse und dann zum Stadion zu geleiten – um einen Zusammenstoß mit Bremer Fans zu verhindern und die große Gruppe rund um die Ultras Hannover im Blick zu behalten.

Diese Maßnahme der Polizei gehört ebenso zum Spiel rund um den Fußball wie mögliche Gegenmaßnahmen der Fans, sich einen selbstorganisierten Weg zum Stadion zu sichern – zum Beispiel indem man unterwegs schon aussteigt und einen anderen Zug nimmt, der, wie in diesem Fall, in Bremen-Sebaldsbrück hält. Von dort ist das Weserstadion aus der anderen, also dem Bremer Hauptbahnhof entgegengesetzten, Richtung zu erreichen. Bis etwa zu diesem Sachverhalt – 300 bis 400 Hannoveraner steigen unterwegs, am Bahnhof Achim (Ankunft 17:56) aus – sind sich die Darstellungen der Polizei und der Fans bzw. der Fanhilfe Hannover einig. Dann jedoch beginnen die Unklarheiten.

Von Achim bis Bremen-Sebaldsbrück sind es mit dem Regionalzug sieben Minuten, eine Verbindung gibt es normalerweise jede halbe Stunde – am Freitagabend allerdings nicht. Die Bundespolizeiinspektion Bremen schreibt dazu: „Diese Möglichkeit des Aussteigens in Sebaldsbrück gab es nicht und wäre von der Polizei unterbunden worden.“ Die Fans stellen fest: „Aus bisher ungeklärten Gründen fuhr der Anschlusszug wider Erwarten nicht in den Bahnhof Achim ein.“ Das geplante Umsteigen der Fangruppe liest sich im Polizeibericht folgendermaßen: „Man wollte versuchen, den nächsten Zug nach Bremen zu stoppen.“

Auf Gleise uriniert – Kein Zugang zur Toilette

Die Polizei war also offensichtlich nicht gewillt, die Fans nach Bremen fahren zu lassen. Unklar in der Darstellung bleibt allerdings, ob dies schon direkt nach deren Ausstieg in Achim beschlossen ist oder erst nach den von der Polizei geschilderten Vorfällen auf dem Bahnhof. Statt nach Bremen geht es am Ende zurück nach Hannover, und zwar kurz nach Anpfiff des Spiels im Weserstadion: „Gegen 20:40 Uhr wurden die Ultras mit einem Regionalexpress aus Bremen zurück nach Hannover begleitet.“ Über das, was dazwischen auf dem Bahnhof Achim geschieht, gehen die Darstellungen auseinander:

„Auf dem Bahnsteig in Achim zündeten die zurückgebliebenen Fans ebenfalls bengalische Feuer und Böller. Es kam zu Rangeleien mit der Polizei. Zahlreiche Fans urinierten auf die Gleise oder überschritten die Strecke. Lebensgefährlich bei durchfahrenden Zügen von 160 km/h. Man wollte versuchen, den nächsten Zug nach Bremen zu stoppen. Aus Sicherheitsgründen musste der Bahnhof voll gesperrt werden.“

„Aus den Reihen der Fans wurden auf dem Bahnsteig zwei Knallkörper gezündet. Die Fans wirkten daraufhin per Megaphon auf ihre Mitreisenden ein, dieses gefährliche Verhalten zu unterlassen. Darüber hinaus verhielten sich die Fans trotz der ungeklärten Situation absolut friedlich. Ein Seitengleis wurde lediglich von einzelnen Fans zum Verrichten der Notdurft überquert, da Beamte der Polizei einen Zugang zu einer Toilette während des kompletten Aufenthalts in Achim verhindert hatten.“

Schikane oder Sicherheitsmaßnahme

Die Polizei leitet aus dem von ihr geschilderten Verhalten weitere Maßnahmen ab – ein Betretungsverbot für Bremen und den erzwungenen Rückweg nach Hannover: „In diesem Zusammenhang bestand Schulterschluss mit der Bundespolizei, dass Fans nicht den Spielort erreichen, wenn sie unterwegs Straftaten begehen.“ Unklar bleibt hier jedoch, ob nicht bereits das Aussteigen in Achim und der damit verbundene Plan, die Polizeileitung zu umlaufen, als widerständig genug betrachtet wurde, um eine Weiterreise zu verhindern.

Der Ablauf der Rückfahrt nach Hannover liest sich in den beiden Berichten gleichfalls sehr unterschiedlich:

„Die Abfahrt verhinderten Fans mehrfach durch Ziehen der Notbremse und Blockieren der Türen. Kurzzeitig kam es zum Schlagstockeinsatz.“

„Beim Einsteigen in den bereitgestellten Regionalexpress kam es zu vereinzelten Rangeleien mit der Polizei, unter anderem da zu Beginn nicht alle Wagen freigegeben wurden weshalb es zu einer Überfüllung einzelner Wagen kam und ein weiteres Einsteigen nicht möglich war. Unter massiver Anwendung körperlicher Zwangsmaßnahmen verbrachten die Einsatzkräfte die Fans in den Zug.“

Gleiches gilt für die Personalienfeststellung, die dann in Hannover erfolgte:

„Die Maßnahme wurde bereits im Zug durchgesagt. Minderjährige wurden aufgerufen, sich zu melden, um schneller entlassen zu werden.“

„Diese Maßnahmen zogen sich bis in die frühen Morgenstunden des Sonnabends hin. Während der gesamten acht Stunden, die Fans befanden sich nun schon seit 18 Uhr in Gewahrsam der Polizei, bestand keine Möglichkeit sich mit Getränken oder Essen zu versorgen.“

Deutungshoheit

Eine erste Pressemitteilung der Bundespolizeiinspektion Bremen wurde am Freitagabend um 22:15 Uhr veröffentlicht, eine etwas ausführlichere am Samstag um 13:10 Uhr. Die Pressemitteilung der Fanhilfe erschien am Sonntag. Diese zeitliche Abfolge bestimmte auch die überwiegende Berichterstattung, die der Polizeimeldung folgte: „ Hannover-Fans randalieren auf Achimer Bahnhof“ oder „Fußballfans aus Hannover legen Bahnhof lahm“  Die Hannoversche Allgemeine zitierte den 96-Vereinspräsidenten Martin Kind mit den Worten: „Wir müssen überlegen, ob wir in der neuen Saison noch Karten an die Ultras verkaufen.“

 Am Sonntag jedoch griff die Hannoveraner Neue Presse die Stellungnahme der Fanhilfe auf und dokumentierte unter der Überschrift „Hannover 96: Fans kritisieren Polizeieinsatz in Bremen“ weitere Berichte von mitgereisten Fans. „Zahlreiche Zuschriften“ hätten die Redaktion dazu erreicht, heißt es, die Auswahl zumindest bestätigt die Darstellung der Fanhilfe.

Über die – hier nicht entscheidbaren – tatsächlichen Vorfälle hinaus zeigen die nebeneinandergestellten Schilderungen der Ereignisse, wie sehr das Auslassen und Hinzufügen von Informationen die Sicht der Dinge beeinflusst: Gab es Zugang zu Toiletten oder nicht? Wie reagierten die übrigen Fans auf gezündete Böller? Gab es Sachbeschädigungen, wurde die Notbremse gezogen? Ein zentraler Punkt ist die polizeiliche Bewertung des Versuchs der Fans, sich der Kontrolle und Wegleitung zu entziehen: Ist das ritualisierter Teil der Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Fans und der Versuch insbesondere der Ultragruppen, sich freie Räume und freie Wege zu erhalten? Oder ist durch ein solches Verhalten „die Sicherheit des Stadtgebietes“ gefährdet und bleibt der Polizei damit nichts anderes übrig, als die Fans nicht selbstständig zum Stadion, sondern unter Begleitung von drei Hundertschaften zurück zu ihrem Ausgangsort zu bringen?

Auch der Polizei, das lässt sich der Pressemitteilung entnehmen, ist die Idee eines „Räuber und Gendarm“-Spiels nicht völlig fremd, und sie weiß auch, wie es ausgegangen ist: „Eindeutige Verlierer waren am Ende die Randalierer. Sie sahen das Spiel nicht und standen stundenlang auf Bahnsteigen.“

Siehe auch: Schlagstöcke zu Bratwürsten: TV-Sender gegen GewaltGanzkörperkontrollen – Wir können, wenn wir wollenFußballfans und Medien: Ein schwieriges Verhältnis

Die Linke und das „Verbrechen im Namen des Holocaust“

Antisemitismus bei der Linkspartei zu vermuten ist auf den ersten Blick so, als würde man der NPD Menschenfreundlichkeit unterstellen. Es klingt paradox, sieht man aber näher hin, so ist eine antisemitische Grundhaltung bei manchen Mitgliedern der Partei DIE LINKE gar nicht so abwegig.

Von Tobias Raff

"Israel-Kritik" an der Kölner Klagemauer
„Israel-Kritik“ an der Kölner Klagemauer

Die Diskussion, ob es bei “den Linken” Antisemitismus gibt, schwelt schon lange. Ein kristallklares Beispiel dafür ist zum Beispiel der Duisburger Kommunal-Politiker Hermann Dierkes, der kaum eine Gelegenheit ungenutzt lässt, um zum Boykott israelischer Waren aufzurufen. Dierkes, der auch schon mal Oberbürgermeister-Kandidat für DIE LINKE in Duisburg war, hält das alles für eine infame Rufmord-Kampagne und verbittet sich jegliche Titulierungen als Antisemit, hält jedoch weiter an seiner Meinung fest und unterstellte der Kanzlerin Angela Merkel in einem offenen Schreiben gar eine Mitschuld “an neuen Verbrechen im Namen des Holocaust”, weil sie die Aktionen der israelischen Armee gegen die Hamas nicht verurteile.

Das muss man erst einmal verdauen. Der Vergleich der israelischen Politik mit dem Holocaust ist seit geraumer Zeit schon ein Merkmal antisemitischer Strömungen, der einzig und allein dazu dient den Holocaust zu relativieren, was dadurch dessen Opfer verhöhnt und vor allem die Nachkommen der Opfer zu angeblichen Tätern gleichen Ranges macht. Dierkes lehnt jedoch jegliche “rassistische oder antisemitische Prägung” seiner Haltung ab:

Auf welchen Nährboden solche Haltungen in unserem Land treffen, zeigt das Beispiel Dierkes, gegen den immerhin ein Parteiausschlussverfahren lief, welches jetzt aber vor der Bundesschiedskommission seiner Partei DIE LINKE scheiterte. Mit vier zu vier Stimmen, einem trotz Patt-Situation deutlichen Votum also zugunsten Dierkes, darf er weiterhin Mitglied bleiben. Eine schriftliche Begründung der Kommission gibt es derzeit nicht, jedoch zumindest eine erste Stellungnahme, in der das Schiedsgericht auf die Unterscheidung zwischen “legitimer, von der Meinungsfreiheit gedeckter, Kritik an der Politik Israels und nicht tolerierbaren klar antisemitischen Äußerungen” hinweist. Sicher ist: die Entscheidung der Bundesschiedskommission ist faktisch und rechtlich wohl sogar richtig. Das heißt aber nicht, dass sie auch ethisch richtig ist.

Der Antragssteller des Parteiausschlussverfahrens Mark Seibert, ebenfalls Parteimitglied in Berlin, ist verständlicherweise tief enttäuscht. Wahrscheinlich ahnt er bereits, welchen Auftrieb das Dierkes und anderen, ähnlich denkenden Mitgliedern in- und außerhalb der Partei gibt. Das Simon Wiesenthal Center zählte Dierkes in 2011 übrigens zu den “zehn wichtigsten Antisemiten der Welt”. (die Liste trifft keine Aussage darüber, was jemand möglicherweise ist, sondern bewertet gemachte Äußerungen) zählte Dierkes‘ Äußerungen 2011 übrigens zu den „Top Ten“ der antisemitischen und/oder anti-israelischen Beschimpfungen.

Anmerkung Publikative.org: Dass Dierkes kein Einzelfall ist, zeigt derweil der Landesverband Bremen der Linken. Dort wurde eine Buchbesprechung veröffentlicht, in der es hieß: „Seine Analyse ist aber auch streitbar und beherzt, weil damit das Licht auf ein anderes Herrenmenschentum geworfen wird, welches ohne arisches Vorzeichen gleichfalls die Menschen- und Lebensrechte anderer negiert. Der militante Judaismus der zionistischen Bewegung trägt jedenfalls Herrenmenschenzüge, die – ohne sie denen der Nationalsozialisten gleichsetzen zu wollen – ebenfalls menschenverachtend und gefährlich sind.“ Mittlerweile wurde der Text gelöscht, hier der Cache.

Siehe auch: An all die Mahner, Kopfschuettler, Abwiegler, Augstein, Pirker und die “Cui bono?”-Frage, Die Kehrwoche, die nicht stattfand, Beschneidung der Vernunft, Michael Lüders und “die reichen New Yorker Juden”, SPD: Antisemitismuskeule, Gutmenschen, Schuldstolz

RechtsRock boomt in Sachsen

In Sachsen finden im Bundesvergleich mit Abstand die meisten extrem rechten Konzerte statt, allein im vergangenen Jahr spielte sich fast ein Viertel davon in einem Gasthof im nordsächsischen Staupitz ab. Die Ortschaft unweit der Stadt Torgau ist in den letzten Jahren zu einem der landesweit wichtigsten Orte für extrem rechte Konzerte geworden. Mit „Moshpit“ und „Painful Awakening“ standen dort am Samstagabend gleich zwei der bekanntesten Bands aus dem extrem rechten Hatecore-Spektrum auf dem Programm.

von Kai Budler

Konzertplakat Staupitz

„We play NS-Hardcore“ und „We live the NS-Hardcore“: In einem Interview der US-amerikanischen Frauenorganisation „Women für Aryan Unity“ hatte die Formation „Moshpit“ aus dem thürinigischen Altenburg bereits 2004 deutlich gezeigt, wo sie sich verortet. Mit der Verwendung traditioneller Hardcore-Elemente gibt sich die Band uneindeutig und ist nicht gleich der Szene zuzuordnen, auch wenn sie sich bei verschiedenen NPD-Events und Veranstaltungen der „Freien Kräfte“ wie dem „Fest der Völker“ 2008 als Teil der extrem rechten Subkultur präsentiert. Auch die seit 2007 in Erscheinung getretene Band „Painful Awakening“ aus Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern hat Erfahrung mit Auftritten vor einem größeren Publikum. Nachdem die Band 2009 bereits beim „Winterfest der nationalen Bewegung Sachsen Anhalt“ gespielt hatte, machte sie sich  mit ihrer Teilnahme am „Day of Honour“ in Budapest einen Namen. Dabei handelte es sich um ein Aktionswochenende zu Ehren von Wehrmacht und Waffen-SS, das vom „Blood&Honour“-Netzwerk organisiert wurde. Kein Wunder also, dass das Konzert in Staupitz auch auf der Seite der englischen „Blood&Honour“-Sektion angekündigt wurde, immerhin war aus ihrem Netzwerk bereits im März dieses Jahres eine ungarische Band in Staupitz aufgetreten. Nun stand dort „Backstab“ aus Budapest auf der Bühne. Komplettiert wurde der konspirativ organisierte Auftritt von drei weiteren rechtsextremen Bands. Unterstützung fand die Veranstaltung bundesweit. Neben dem einschlägigen Musik- und Szene-Versand Rebel-Records aus dem brandenburgischen Cottbus, der das Konzert unterstützte, bewarben auch Thüringer Neonazis wie die „Aktionsgruppe Nordhausen“ die Veranstaltung. Wie viele Besucher sich tatsächlich beim Konzert in Staupitz einfanden, konnte ein Polizeisprecher auf Anfrage nicht erklären. Er sprach lediglich von sechzig Kraftfahrzeugen.

Staupitz als sächsisches Zentrum für Neonazi-Konzerte

Seitdem der extrem rechten Szene in Sachsen ein Veranstaltungsort entzogen wurde, hat sich Staupitz zum Zentrum für Neonazikonzerte entwickelt. Ein Teil der dortigen Konzerte geht auf die Initiative von NPD und Strukturen ihrer Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ zurück. Auch die vermeintlich unpolitische Hooligan Formation „Kategorie C“ stand in diesem Jahr auf der Bühne in Staupitz. Das Quartett hatte bereits 2006 bei einer NPD-Veranstaltung für den ehemaligen Sänger der RechtsRock-Band „Landser“, Michael Regener, gespielt. Nach ihrem Auftritt in Nordsachsen habe sie sich darüber gefreut, „dass dieser ‚ausnahmsweise ohne Behördenstress‘ erfolgen konnte, da man ‚ja alles vorher vor Gericht geklärt‘ habe“, heißt es in der Broschüre „Nordsächsische Zustände. Ein Schattenbericht über Neonazismus in Nordsachsen“. Sie wurde von der „Projektgruppe Chronik Nordsachsen“ erstellt, die darin konstatiert: „So werden die Konzerte beim zuständigen Ordnungsamt angemeldet und auch eine Liste der zu spielenden Titel vorgelegt. (…) Umgekehrt scheint es den involvierten Ämtern ganz recht zu sein, dass die Konzerte an einem Ort stattfinden, den sie mehr oder weniger im Blick haben“. Schon längst ist in Staupitz eine überregionale Hochburg für Neonazi-Konzerte mit vielen Stilrichtungen gewachsen, in der offenbar ungestört die Begleitmusik zu Mord und Totschlag erschallt.

Siehe auch: Flop für DeutschlandNPD floppt mit “Thüringentag”Rechter Lifestyle blüht im Osten“Blut muss fließen” – Undercover unter NazisHeise will Rechtsrockfestival etablierenAls Nazi-Skin bei “Noie Werte” und “Race War”

Stimmenfang am Stadion

„Was tun gegen rechts?“ – Eine Frage, die Politiker lieber zur Diskussion stellen, als sie mit Taten zu beantworten. Das ist auf jeden Fall der Eindruck, den ein Blick auf die Bremer Lokalpolitik liefert, wo Innensenator Ulrich Mäurer einen Brandanschlag auf eine Einwandererfamilie nicht als politisch motivierte Tat erkennen möchte. Dafür veranstaltet die Bürgerschaftsfraktion eine Diskussionsrunde um über die Unterwanderung der Bremer Fanszene durch Neonazis zu diskutieren.

Ein Gastbeitrag von verbrochenes.net 

Die Redaktion des Blogs verbrochenes.net – zu Hause in Bremen und im Weserstadion – erklärt in einem Brief an Bettina Scharrelmann von der Bremer Bürgerschaftsfraktion der SPD, warum sie die Veranstaltung lieber absagen und sich zunächst mit den tatsächlichen Zuständen im Weserstadion und drumherum beschäftigen sollte.

Sehr geehrte Frau Scharrelmann,
vielen Dank für Ihre Einladung zu der von Ihnen „Veranstaltung gegen Rechts“ genannten Podiumsdiskussion am 10. Oktober im Lagerhaus. Wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass wir diese Veranstaltung nicht besuchen werden, im Gegenteil: Wir möchten Sie dazu auffordern, diese Veranstaltung abzusagen.

Wir fragen uns, wie ausgerechnet die SPD etwas gegen „Rechts“ tun will. Der Bremer Innensenator, ein Sozialdemokrat der alten Schule, hat kürzlich erklärt, es sei „keine politische Tat, wenn jemand alkoholisiert ,Sieg Heil’ ruft.“ Der rassistisch motivierte Brandanschlag in Woltmershausen ist laut Kamerad Mäurer „kein klassisches Delikt rechtsradikaler Täter“ gewesen. Die Frage ist nun, Frau Scharrelmann, über welches „Rechts“ Sie denn sprechen wollen, wenn Leute, die „Sieg heil!“ und „Ausländer raus!“ rufen und dann versuchen, mitten in Bremen ein Haus voller Menschen anzuzünden, offensichtlich nicht als rechts, nicht einmal als politisch gelten. Gibt es dann überhaupt noch Rechte in Deutschland? Nun sind Sie nicht Herr Mäurer, Frau Scharrelmann, aber das tut hier wenig zur Sache: Schließlich sind es die Fraktionen der SPD und der Grünen, die diesen Mann im Amt halten.

Und dabei ist die Verharmlosung rechter Möchtegern-Mörder auch in diesem Fall noch nicht alles. Bremer Polizei und Innensenator setzen die spätestens seit den NSU-Morden bekannte deutsche Tradition fort, Opfer rechter Gewalt nicht nur nicht zu schützen, sondern im Anschluss auch noch zu beleidigen. So wurde der Familie aus Woltmershausen empfohlen, doch einen Eimer Wasser als Schutz gegen einen weiteren Brandanschlag bereitzustellen – mehr wollte die Bremer Polizei für diese Menschen nicht tun. Herr Mäurer bezichtigt die Opfer in dieser Sache nun der Lüge – nachdem er den Brandanschlag zuvor auf die „schwierigen“ Verhältnisse in der Nachbarschaft zurückgeführt und die rassistische Tat damit als irgendwie begründet verharmlost hatte.

Nicht zum ersten Mal verteidigte Herr Mäurer das Vorgehen der Polizei, dass man ebenfalls nur als rassistisch bezeichnen kann: Statt die Täterinnen und Täter erst mal in der Zelle schmoren zu lassen, wie es bei einem versuchten Totschlag üblich ist, durften sie nach einer Blutprobe wieder gehen. Solange die grüne und die sozialdemokratische Fraktion diesen Mann und seine Polizei damit beauftragen, für die Sicherheit der Menschen in Bremen zu sorgen, sollten Sie zumindest den Anstand besitzen, auf die Ausrichtung von „Veranstaltungen gegen Rechts“ zu verzichten, Frau Scharrelmann.

Antifaschistische Fanszene

Proteste der Werder-Ultras gegen Neonazis (Foto: Racaille Verte)
Proteste der Werder-Ultras gegen Neonazis (Foto: Racaille Verte)

Nun haben Sie sich, und das ist politisch sicher ganz clever, ein anderes Thema als den rassistischen Anschlag in Pusdorf für Ihre Veranstaltung ausgesucht. Sie fragen jetzt: „Wie verhindern, dass Neonazis die Bremer Fanszene unterwandern?“ Wir würden gerne unterstellen, dass das gut gemeint ist, in erster Linie ist es allerdings blanker Unsinn: Die Bremer Fanszene besteht entgegen Ihrer offenkundigen Annahme nicht aus naiven Idioten, die von einer klandestinen „Unterwanderung“ durch perfide Nazi-Kader bedroht sind. Im Gegenteil, die Fanszene und insbesondere die Ultraszene tun seit Jahren, worüber Sie jetzt reden wollen.

Von einer Fanszene, die selbst Subjekt antifaschistischer Arbeit ist, ist im Einladungstext aber nichts zu lesen. Stattdessen wollen Sie diskutieren, „wie die Politik die Vereine bei ihrer Arbeit gegen Rassismus und Diskriminierung unterstützen kann“. Sehen wir mal ab davon, dass der maßgebliche Verein in dieser Stadt eine millionenschwere Firma ist und kein kleines, selbstorganisiertes Projekt mit dem Ziel, Sport zu treiben – auch sonst hat die Fragestellung mit der Realität nichts zu tun. Schon bevor der SV Werder nach dem Angriff auf antifaschistische Fans im Ostkurvensaal aufgewacht ist, haben zwei Ultragruppen mit dem angefangen, worüber Sie jetzt diskutieren lassen wollen – genau deswegen sind sie angegriffen worden. Und Ihr bescheuerter Justizapparat hat es auch nach Jahren nicht hingekriegt, die Neonazis für ihr Treiben angemessen zu belangen. Stattdessen liefen die stadtbekannten Neonazis wie die Könige durch das Bremer Amtsgericht und konnten ungehindert weitere Drohungen aussprechen. Sie wissen, dass ihnen vom sozialdemokratischen Establishment in Bremen keine Gefahr droht.

Das haben sich die Fans selbst aufgebaut

Das Gute ist: Im Stadion von Werder Bremen können Nazis sich schon lange nicht mehr erlauben, was sie sich im Amtsgericht von Mäurer, Picard und Co erlauben. Denn im Stadion ist couragierten Leuten genau das gelungen, worüber Sozialdemokraten jetzt großspurig diskutieren wollen: Während vor zehn Jahren rassistische und homophobe Gesänge bei jedem Spiel im Weserstadion zu hören waren, muss heute mit Gegenwind rechnen, wer sowas anstimmt. Das haben die Fans selbst gemacht, und dafür brauchten sie keine Podiumsdiskussionen im Lagerhaus bei Bier für 2,80 €.

Ihre Veranstaltung ist nichts anderes als blassrosa Stimmenfang. Es ist die blanke Heuchelei, sich jetzt, pünktlich nach Ende der Ostkurvensaal-Prozesse, an dieses Thema zu hängen. Und Sie entlarven sich und ihre Ignoranz dabei selbst: Es wurde „ein linkes Fanprojekt von Neonazis angegriffen und bedroht“? Nein, es wurde kein linkes Fanprojekt angegriffen, die antifaschistische Ultragruppe Racaille Verte wurde angegriffen und bedroht, in den Räumen des Fan-Projekt Bremen e.V.. Und dieser Überfall liegt bald sechs Jahre zurück, was Sie beredt verschweigen. Während wir ein gewisses Verständnis für Ihr politisches Geltungsbedürfnis haben, empfinden wir Ihr offensichtlich umfassendes Desinteresse an den tatsächlichen Umständen als Beleidigung für alle, die sich in den letzten Jahren im Zusammenhang mit Fußball gegen Nazis engagiert haben.

Wieder einmal: Keine Fanvertreter auf dem Podium

Ein weiteres Beispiel für Ihre Ignoranz ist, dass niemand aus der Fanszene aufs Podium geladen ist. Und nein, Thomas Hafke ist zwar vom Fan-Projekt, hat auch mit Fans zu tun, ist aber ein von Ihnen bezahlter Sozialarbeiter. Ronny Blaschke hat sicher einiges zum Thema zu berichten. Allein, wenn die Damen und Herren aus den Regierungsfraktionen auch nur das geringste Interesse daran hätten, hätten sie das schon vor einem knappen Jahr hören können, als Racaille Verte den guten Mann zu einer Lesung eingeladen hatte. Auch damals gab es eine Diskussion im Anschluss, wenn auch ohne als solche erkennbare SPD-Mitglieder und die Polizei. Das haben die Fans selbst gemacht, egalitär und bei Bier für nen Euro.

Wenn Sie und Ihre Partei, Frau Scharrelmann, nun tatsächlich Interesse daran haben sollten, „welche Hilfen die Opfer von rechter Gewalt und Diskriminierung brauchen“, haben wir einen Vorschlag: Sprechen Sie doch einfach mit ihnen statt über sie. Und wenn Sie etwas „gegen Rassismus und Diskriminierung“ tun wollen, dann suchen Sie sich doch einen neuen Innensenator oder eine neue Innensenatorin. Der oder die kann sich dann vielleicht auch ernsthaft mit den Problemen auseinandersetzen, die Vereine wie der KSV Vatan haben.

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