9. November: Pegida will „Schuldkomplex“ offiziell beenden

Erklären wir den deutschen Schuldkomplex doch offiziell für beendet, verkündete eine Pegida-Rednerin am 77. Jahrestag der Reichspogromnacht. In Berlin zog derweil ein Bärgida-Aufmarsch an einer Synagoge vorbei, während anderswo antisemitische Schmierereien auftauchten. Pegida & Co sind immerhin so ehrlich, Antisemitismus als kulturelles Erbe des Abendlandes vorzutragen.

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„Flüchtlingskrise“: Von Demut und Optimismus

Flüchtlinge willkommen!
Flüchtlinge willkommen!

Deutschland diskutiert über die Flüchtlingskrise, in Talkshows, im Feuilleton und sonst wo. Große Sorgen machen sich breit. Mit der Entscheidung Merkels die Grenzen zu öffnen habe der deutsche Staat seine Souveränität aufgegeben (woraufhin Patrick Bahners in der FAZ dankenswerterweise darauf hinwies, dass diese Entscheidung gerade ein Akt der Souveränität war); durch die Einreise zahlreicher muslimischer Flüchtlinge seien die westlichen Werte und die deutsche Kultur bedroht; jedenfalls müssten sich Flüchtlinge diese westlichen Werte schleunigst aneignen.

Von Joachim Häberlen

Verglichen mit dem Sommer, als sich Deutschland selbst für seine Willkommenskultur lobte, scheint die Stimmung gekippt zu sein. Weiterlesen

Antirassismus gegen Israel? Über den frustrierenden Gegensatz zwischen Rassismuskritik und Antisemitismuskritik

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Das Kreuzberger Festival gegen Rassismus bietet keinen Vortrag gegen Antisemitismus, aber gleich zwei gegen Israel. Damit reproduziert es einen für die deutsche Linke typischen Gegensatz zwischen Rassismus- und Antisemitismuskritik.

Von Floris Biskamp

Man kennt das: Es gibt in Deutschland keine Hetze mehr, sondern nur noch „Kritik“. Weiterlesen

Bärgida: Wenn der Nazi neben der Israel-Fahne marschiert

Wenn das der Führer wüsste: NPD-Kader Schmidtke (trägt das Banner "Asynbetrug...) und dahinter die Israel-Fahne (Foto: publikative.org)

Rassisten von Pro-Deutschland, Muslimenhasser der neurechten Identitären Bewegung, bekennende Nationalsozialisten der NPD, rechte Hools und „Jewgida“ – all diese Kleingruppen hat „Bärgida“ bei einer Demonstration am 8. Juni 2015 ein Dach geboten. Rund 110 Personen beteiligten sich an dem „Bärgida“-Aufmarsch durch den Berliner Ortsteil Moabit.

Von Redaktion publikative.org

Bereits vor dem Berliner Hauptbahnhof zeigte sich, wohin die Bärgida-Reise inhaltlich diesmal geht: Da standen die Hogesa-Muskelprotze – mit Ordnerbinde und dem wichtigsten Aktions-Accessoire, einer geöffneten Bierflasche.

Saufen für das Abendland. (Bärgida-Demo am 08. Juni 2015 in Berlin, Foto: publikative.org)
Saufen für das Abendland. (Bärgida-Demo am 08. Juni 2015 in Berlin, Foto: publikative.org)

Wenige Meter weiter war der Nationalsozialist und Berliner NPD-Landesvorsitzende Sebastian Schmidtke mit seinem Tross angetreten. Und gleich daneben bekam eine „Jewgida“-Aktivistin die schwarz-gelbe Fahne der rassistischen Identitären Bewegung in die Hand gedrückt. Den immer gleichen Reden zum Anfang hörten nur wenige der 110 Angetretenen zu. Lieber stand man gemütlich rum, unterhielt sich, soff oder knüpfte untereinander Kontakte.

Wenn das der Führer wüsste: NPD-Kader Schmidtke (trägt das Banner "Asynbetrug...) und dahinter die Israel-Fahne (Foto: publikative.org)
Wenn das der Führer wüsste: NPD-Kader Schmidtke (trägt das Banner „Asylbetrug…) und dahinter die Israel-Fahne (Foto: publikative.org)

Wie bereits in der Vorwoche lief der Aufmarsch durch den Berliner Ortsteil Moabit. Trotz negativer Erfahrungen von der letzten Demonstration, wo die Teilnehmenden von Anwohnern aus den Häusern heraus beschimpft wurden, zog man diesmal Kreuz und Quer durch die Wohnkieze. Hier und da schallte der Demonstration lauer Gegenprotest entgegen: „Say it loud, say it clear: Refugees are welcome here“ und „Nazis raus“. Der rechtsextreme Aufmarsch quittierte mit „Europa, Jugend, Reconquista“ und – oh wie Wunder – mit „Nazis raus“.

Am U-Bahnhof Turmstraße angekommen ging die erste Strophe des „Deutschlandliedes“, welche traditionell bei Bärgida zum Abschluss gesungen wird, im Pfeifkonzert herbeigeeilter Anwohner_innen und Antifaschist_innen unter. Da half es auch nicht, dass der ein Jewgida-Aktivist „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt“ kräftig mitschmetterte.

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Bärgida, der offizielle Ableger von Pegida
2015-06-08_Berlin_Baergida-Demo_21
NPD, Identitäre und viele weitere sind dabei.

Wer noch Zweifel hatte, was Bärgida – der offizielle Berliner Ableger von Pegida – für ein Bündnis darstellt, der sollte sich die gestrige Demo anschauen: Eine Mixtur aus Rassisten, Revisionisten, Nationalsozialisten, Homophoben, Muslimenhassern und rechten Hooligans.

Jan Leyk – Die intellektuelle Speerspitze der Großraumdisko

Jan Leyk bei Facebook, Screenshot
Jan Leyk bei Facebook, Screenshot
Jan Leyk bei Facebook, Screenshot

Jan Leyk ist das Produkt einer digitalen Gesellschaft, die die Bedeutung von Menschen an Facebook-Likes bemisst und in der stumpfsinnige menschenverachtende Pöbeleien zum guten Ton ihrer intellektuellen Speerspitzen gehören – alles im Namen des „sehr kleinen Mannes“.

 Von Felix M. Steiner

Kennen Sie Jan Leyk? Nein? Vielleicht ist das in diesem Fall auch eher eine positiv zu wertende Unkenntnis. Eine intensive journalistische Recherche, die dem Thema angemessen ist, führt natürlich zu Wikipedia. Und hier wird vieles klarer. Allerdings erst im letzten Satz in der Kategorie „Leben und Karriere“ des insgesamt sehr kurzen Wikipedia-Artikels. Hier heißt es: „Jan Leyk hat über eine Million Facebook-Fans.“ Belegt wird diese Behauptung dann mit einem Link zu einem Artikel der Bild-Zeitung. Sonst erfährt man über Leyk, der 1984 geboren ist, er sei „Laiendarsteller“, „Designer“ und „DJ“. Also in Prinzip das gleiche Berufsprofil, das die meisten Teilnehmer von „Big Brother“ oder dem „Dschungelcamp“ auch haben. Leyk war zumindest bei „Promi Big Brother“ und wenn man Wikipedia glauben darf, erreichte der einen Status des „Promi“ vor allem durch seine Rolle des „Carlos Hansen“ in der RTL-2-Serie „Berlin – Tag & Nacht“. Carlos wird übrigens von der digitalen Enzyklopädie als „Macho und Frauenheld“ beschrieben. Seine Rolle wurde Leyk damals los, als Video-Aufnahmen auftauchten, auf denen zu sehen war, wie er seiner damaligen Freundin gegenüber gewalttätig wurde. Und so begann der gebürtige Spanier dann auch sein zweites oder drittes oder viertes Standbein 2012 mit der Marke „HafenSänger“ mit so passenden T-Shirt-Aufschriften wie „Feier dich selbst“ oder Handyhüllen mit dem Slogan „Veni. Vidi. Vodka.“. Und wie es im aktualisierten Volksmund eben heißt: Wer nichts wird, wird „Designer“. Aber, um es zu wiederholen: Jan Leyk hat mehr als 1 Millionen Likes bei Facebook. Der Vergleich von Like-Zahlen und Verkaufszahlen seiner Musik-Platten zeigt aber zumindest auch – so ähnlich wie beim Pegida-Protest –, dass dann doch nicht jeder Internetfan auf die Straße bzw. in den Plattenladen geht. Und so führt Leyks Tour als DJ dann auch nicht unbedingt durch die größten Hallen der Republik, sondern eher nach Schweitenkirchen, Pulsnitz oder Meldorf. Über die Fanszene von „Berlin – Tag & Nacht“ oder den Besuchern von Leyks Konzerten hinaus wurde der „Internet-Star“ vor allem einem breiteren Publikum durch seine stumpfsinnigen und beleidigenden Facebook-Postings bekannt. Bevor Leyk das Urteil gegen Sebastian Edathy kommentierte, hat er zumindest einen ganzen Tag darüber nachgedacht, wie er selbst schreibt. Das Ergebnis seiner unermüdlichen intellektuellen Bemühungen waren dann Beschimpfungen wie: „Ich hoffe, dass dieser perverse Bastard an jedem Ort auf diesem Planeten bespuckt und mit Steinen beworfen wird…..!!!“. Das folgende Verständnis von Selbstjustiz kann wohl kaum noch verwundern: „Mir wird kotzübel bei diesen ganzen Gedanken…..und ich wundere mich keineswegs mehr, dass es betroffene Menschen gibt, die in solchen Fällen Selbstjustiz verrichten!!!!“. Beim Lesen dieser Zeilen kommt man nicht umhin, sich Leyks Golf III vorzustellen, an dessen Heckscheibe der große „Todesstrafe für Kinderschänder“-Aufkleber prangt. Doch das ist natürlich nicht der Stil des hippen „Laiendarstellers“. Vielmehr ist er die intellektuelle Speerspitze der Großraumdisko oder – um bei aktuellen Vergleichen zu bleiben – die Pegida der Tankstellenjugend. Diese scheint ihn dann auch für seine dumpfen Beiträge zu feiern. „Du spricht mir aus der Seele“ kommentiert dann einer der mehr als 1 Millionen Facebook-Fans und ein anderer pflichtet bei „Meine Worte!! Feiges dreckiges Pack!!!!“. In Inhalt und Interpunktion ist man sich also einig.

Doch Leyks Aufmerksamkeit verdiente nicht nur Sebastian Edathy, sondern vor kurzem auch die streikenden Lokführer und der Gewerkschafter Claus Weselsky. „Liebe GDL, Liebe Lokführer, Lieber Herr Hitl**…..ähhhhh Weselsky“, beginnt Leyk seinen Beitrag zum erneuten Streik der GDL. Danach ergibt sich die Qualität seines Beitrages wohl vor allem aus dem Versuch, möglichst viele Fäkalbegriffe und Beleidigungen in jeden Satz einzubauen. Beim „Sprachrohr des sehr kleinen Mannes“ (Neo Magazin Royale) klingt das dann so: „Habt ihr verpimmelten Vollspasstis so dermaßen viel Langeweile, dass ihr nichts Besseres zu tun habt, als eurer kurzbartschnäuzertragenden Osteunuche seinen egozentrischen Kurzgliedwanderweg zu pflastern???“. Und garniert wird das Ganze mit einer Aufforderung zum Selbstmord an alle Lokführer: „Setzt euch alle gleichzeitig in eine langen Zug wo jedermann Platz findet und fahrt einfach in irgendeine Richtung die gerade auf Grund von Brückenbau gesperrt ist!!!!“. Doch Jan Leyk hat eben mehr als 1 Millionen Fans bei Facebook und ein Beitrag mit derartigem Inhalt verdient in der digitalen Welt dann eben schon mal 27.325 Likes und wird 2.983 mal geteilt. Viele Fans likten oder teilten dies bestimmt mit einem Smartphone in der „HafenSänger“-Handy-Hülle mit der Aufschrift: „Deine Rede! Kurzer Sinn!“.

Antifaschismus von rechts

“Sturm auf den Reichstag” (Copyright: Oliver Feldhaus)

„Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: «Ich bin der Faschismus» Nein, er wird sagen: «Ich bin der Antifaschismus».“ Oder auch kürzer: „Der neue Faschismus wird sagen, er sei der Antifaschismus“ – diese Kalenderweisheit für Forentrolle ist bereits in dieser oder ähnlicher Formulierung Zehntausendfach im Netz wiederholt worden.

Von Patrick Gensing

Ob der angebliche Urheber Ignazio Silone diesen Satz tatsächlich so geäußert hat, lässt sich nicht wirklich zweifelsfrei belegen. Von Intention und Kontext wollen wir gar nicht erst anfangen. (1) Dennoch gehört diese „Wahrheit“ mittlerweile fest zu der Diskussionssimulation im Netz: Sie reiht sich ein und passt perfekt zu anderen „Fakten!“, mit denen eine bestimmte Realität mit einem absoluten Anspruch definiert werden soll.

“Die Drohungen sind real”

Zu den Merkmalen dieser Definitonsstrategien gehört es, anderen genau das vorzuwerfen, was man selbst tut: Das Einfordern von Objektivität beispielsweise – während man selbst gnadenlos selektiv Artikel, Informationsfetzen und Zitate heraussucht, die das eigene Weltbild scheinbar oder tatsächlich stützen. Ähnlich verhält es sich mit der Forderung nach „echter“ Meinungsvielfalt sowie „offener“ Diskussionskultur: In vielen Foren und Netzdiskussionen gehört es zum schlechten Ton, ständig über angebliche Zensur zu klagen und eine fehlende Ausgewogenheit zu kritisieren, gleichzeitig lassen die Meister der Wortergreifung keinerlei Widerspruch zu oder beleidigen Menschen mit anderen Meinungen geübt und wortreich.

Durch rabiate Sprache, subtilen wie offenen Drohungen werden Andersdenkende bestenfalls abgeschreckt und wahrscheinlich eingeschüchtert, auch wenn man sich das nicht eingestehen möchte. “Die Drohungen sind real”, brachte es Anne Wizorek auf den Punkt, “und die Ängste sind es auch”. (2)

Struktureller Faschismus

Sinn einer Diskussion ist es eigentlich, die Meinungen und Beiträge anderer TeilnehmerInnen wahrzunehmen und in die eigene Argumentation einzubauen, indem man auf die Gedanken eingeht und begründet, warum sie bedenkenswert, falsch oder schlicht Unsinn sind. In Zeiten von Sarrazin und “Das ist Fakt!”-Sagern ein fast schon naiv wirkender Zugang, oder? Klaus Theweleit bringt die fatale Entwicklung der rechten Diskussionskultur auf den Punkt, wenn er schreibt:

Die “Beweisrede”, die nichts anderes weiter sein will als eine Beweisrede des “Rechthabens” im eigenen Standpunkt und nichts weiter im Schilde führt als eben diese Rechtfertigung der eigenen Handlungen, ist gewalttätig. […] Wer eine Stunde lang redet, um eigene Standpunkte zu untermauern und seine Handlungen zu rechtfertigen, ist strukturell ein Faschist; unabhängig davon, was er “inhaltlich” sagt. (3)

Insbesondere im Netz hat sich eine willkürliche Definition von Meinungsfreiheit ausgebreitet, die keine klaren Grenzen kennt – außer die eigene Norm: Und so werden Beleidigungen und Diskriminierungen gegen unliebsame Minderheiten zu legitimen „Meinungen“ umgedeutet, die sie eben aber nicht sind.

Diese Phänomene und Prozesse waren nie und bleiben nicht auf das Netz beschränkt – weil keine Trennung von virtuellem und realen Leben existiert. Der öffentliche Raum im Reallife liegt allerdings oft brach – und im Netz tobt eine Schlacht darum, wer wo was noch sagen kann. Nicht, weil der „böse“ Staat überall zensieren würde, sondern weil faschistischer Hatespeech Minderheiten – seien es Feministinnen, Juden, Schwarze, Muslime, Homosexuelle, Sinti – die sich im neuen digitalen öffentlichen Leben äußern und vielleicht sogar Gehör verschaffen, wieder verdrängen und zum Schweigen bringen soll: durch Drohungen und Pöbeleien. Es geht um Defintionsmacht sowie Hegemonie. Und Ruhe.

Der “Sturm auf den Reichstag”

Die neurechten politischen Milieus, die sich im Netz gefunden und teilweise weiter radikalisiert haben, fordern aber auch zunehmend im „realen“ Leben die demokratische Öffentlichkeit heraus: Am 9. Mai war es eine Front aus Verschwörungsfreaks, klassischen Rechtsextremen und anderen politischen Irrlichtern, die zum „Sturm“ auf den Reichstag blasen wollten. Der Sturm fiel aus: Rund 350 Gestalten fanden sich vor dem Bundestagsgebäude ein; zuvor hatten Zehntausende Facebook-Profile ihr Kommen angekündigt.

"Sturm auf den Reichstag" (Copyright: Oliver Feldhaus)

“Sturm auf den Reichstag” (Copyright: Oliver Feldhaus)

Auch wenn der Sturm ein laues Lüftchen war: Die demokratische Gesellschaft wird sich weiter mit diesem Milieu beschäftigen müssen. Wir erleben derzeit eine Phase des Experimentierens; ob Mahnwachen, Hogesa, Endgame oder auch die zahlreichen -gidas: Die Freunde des strukturellen Faschismus zeigen einen beachtlichen Einfallsreichtum, was die Namen und Aktionsformen sowie Bündnisse angeht.

Und wie auch immer sich das Kind gerade nennt: die Feindbilder all dieser Grüppchen und Einzelkämpfer mit imaginärer Armee im Hintergrund gleichen sich: So wie auch für den selbst erklärten Tempelritter und dutzendfachen Mörder Anders Breivik steht der Feind im Westen (auch wenn der Feind gleichzeitig im Nahen Osten verortet wird); der norwegische Rechtsterrorist schrieb in seinem Copy-and-Paste-Manifest vom Kampf gegen die Elite aus Liberalen und Kulturmarxisten, die sich zum Komplizen der “Islamisierung” gemacht hätten, bzw. diese erst eingeleitet hätten.

Gemeint ist damit die multikulturelle oder multiethische Gesellschaft – vor allem in den Großstädten, gemeint sind „Gutmenschen“, die für die Rechte von Minderheiten eintreten und gemeint sind Liberale sowie Progressive, die eine kosmopolitische Zukunft anstreben.

“Ethnischer Protektionismus”

Mit diesen Feindbildern knüpfen Breivik, der NSU aber auch islamistische Fanatiker (wobei hier die völkische Komponente keine Rolle spielt, die Kategorisierung von Freund und Feind wird anders konstruiert) nahtlos an den historischen Faschismus an. Breivik versucht diese Einordnung auszuhebeln, indem er schreibt, er orientiere sich an Japan oder den asiatischen Tigerstaaten, die sich gegen Masseneinwanderung und für einen „ethnischen Protektionismus“ entschieden hätten – und dennoch wirtschaftlich höchst erfolgreich seien.

Andere Rechtsradikale verweisen auf das Modell von Viktor Orban in Ungarn oder eben Russlands Präsidenten Wladimir Putin. Und gerade das Bündnis mit Russland gegen den Westen ist zum geeigneten Taschenspielertrick geworden, um sich als Kämpfer gegen den “westlichen Imperialismus und Faschismus” zu gerieren. Anetta Kahane merkte zum 9. Mai treffend an: “Alle, die Putins Selbstherrlichkeit gegenüber den westlichen Demokratien bejubelten, seien zu Siegern geworden – „einschließlich der neuen Nazis“.” (4)

Von ehemaligen Elchen

Übrigens war der eingangs erwähnte Silone keineswegs ein dogmatischer Sozialist, er wurde beispielsweise mit dem Jerusalem-Preis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft ausgezeichnet. Für alle die, die ausschließlich Fakten verkünden, vermeintlich unpolitische Objektivität auf Basis des „gesunden Menschenverstands“ einfordern und sich auf den italienischen Antifaschisten berufen, bleibt das sicherlich nebensächlich. Aber es ist zentral: Wer für die universellen Menschenrechte eines jeden einzelnen Menschen eintritt, handelt antifaschistisch – nicht der, der besonders laut Linksfaschist, Feminazi oder SAntifa brüllt. So gesehen passt das angebliche Zitat Silones ironischerweise doch ganz gut, um politische Phänomene der Gegenwart zu beschreiben…

(1) Siehe auch: Wikipedia zu Silone
(
2) Anne Wizorek am 6. Mai 2015 auf der Republica in Berlin
(3) zitiert nach: Klaus Theweleit: “Das Lachen der Täter: Breivik u.a.”, S. 140
(4) Berliner Zeitung vom 10. Mai 2015

Eisenman und das Mahnmal: Von der Schwierigkeit, loszulassen

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Peter Eisenman in Berlin (Foto: Patrick Gensing)

Peter Eisenman in Berlin (Foto: Patrick Gensing)

Am 5. Mai 2015 hat der Architekt Peter Eisenman in Berlin über das Holocaust-Mahnmal referiert. Eisenman hatte verschiedene Entwürfe für das Projekt entwickelt; nach jahrelangen Diskussionen wurde das Konzept „Eisenman II“ realisiert. Zehn Jahre nach der Eröffnung sprach Eisenman über die Bedeutung des Mahnmals – und über die Schwierigkeit, loszulassen.

Von Patrick Gensing

Peter Eisenman gehört zu der Art von beeindruckenden Persönlichkeiten, die genau wissen, welchen Charme und Witz sie versprühen – und dabei aber charmant und witzig bleiben. Und so eröffnete der amerikanische Architekt seinen Vortrag im Max-Liebermann-Haus direkt neben dem Brandenburger Tor mit dem Hinweis, er müsse sich setzen: Er könne nicht eine Stunde stehen, das halte er nicht aus – vor allem, wenn er sich dabei selbst zuhören müsste.

Der 83-Jährige erinnerte an die Konflikte, die die Planung und den Bau des Mahnmals über Jahre begleitet hatten. Einen Termin mit dem damaligen Kanzler Kohl habe er bekommen, berichtet Eisenman – und mit rund zehn Minuten Gesprächszeit gerechnet; es wurden drei Stunden. Fußballfan Eisenman bot dem Kanzler eine Wette an: Sollte Deutschland die WM 1998 gewinnen, werde auch das Mahnmal gebaut. Unglücklicherweise, so Eisenman, sei Deutschland nicht Weltmeister geworden – und Kohl wurde auch nicht noch einmal Kanzler, sondern verlor die Wahl gegen Gerhard Schröder. Der Regierungswechsel brachte neue Unsicherheit über das Projekt, denn es war nicht klar, ob die neue Regierung die Entwürfe unterstütze.

Massive Ablehnung

Die Skepsis war groß in Deutschland: Auch sämtliche großen Zeitungen seien gegen das Projekt gewesen, erinnert sich der Architekt an diese Zeit – doch nach der Bundestagswahl änderte sich die politische Atmosphäre. „Es war faszinierend zu beobachten, wie sich die öffentliche Meinung drehte“, so Eisenman.

Für ihn sei es überwältigend, wenn er an die politischen Diskussionen und Konflikte zurückdenke – denn heute sei das Mahnmal unumstritten. „Es scheint ein politischer Erfolg zu sein. Das Mahnmal liegt direkt neben dem Brandenburger Tor – im Herzen der deutschen Hauptstadt.“ Die Lage sei „sehr wichtig.“

„So – why trying it?“

Aber wie baut man etwas, was den Holocaust erklären soll? Das sei gar nicht möglich, meint Eisenman. Das Mahnmal sollte auch nicht ganz speziell oder außergewöhnlich werden, sondern es sollte einfach anders sein. Eisenman wollte auf Nachfragen nicht darüber urteilen, ob es verwerflich sei, wenn Menschen nach einem Fußballspiel auf Stelen stehen und singen.

Er habe ein Problem damit, seine Bauwerke zu repräsentieren und zu erklären. „Was der Holocaust war, lässt sich in der unterirdischen Gedenkausstellung erfahren. Architektur kann das gar nicht leisten, also warum sollte man es versuchen?“ Das Mahnmal habe keine eindeutige Bedeutung und Botschaft, die andere Interpretationen ausschließe. Die Menschen sollten es selbst entdecken, sagt Eisenman, das Stelenfeld biete verschiedene Möglichkeiten und Interpretationen an.

Was soll mir das Holocaust-Mahnmal sagen? Peter Eisenman möchte, dass die Besucher selbst darüber nachdenken, statt eine Deutung geliefert zu bekommen. (Foto: Patrick Gensing)

Was soll mir das Holocaust-Mahnmal sagen? Peter Eisenman möchte, dass die Besucher selbst darüber nachdenken, statt eine Deutung geliefert zu bekommen. (Foto: Patrick Gensing)

So verwies Eisenman darauf, dass das Mahnmal als Ort der Stille die laute Gegenwart brechen könnte. Eine Gegenwart, in der es Informationen im Überfluss gebe. Die Bedeutung des Holocausts lasse sich nicht einfach durch das Anhäufen von Informationen erklären, betonte Eisenman. „Wir leben im Informationszeitalter, wir werden mit Informationen überschüttet. So funktioniert beispielsweise auch das Holocaust-Museum in Washington – die Besucher können sich kaum bewegen, ohne dass gleich die nächste Geschichte erzählt wird. Die Besucher schauen sich auch nicht selbst um, sondern sie tragen Kopfhörer, durch die ihnen gesagt wird, was sie sehen sollen.“ Konzepte, mit denen Eisenman brechen wollte.

„Damit habe ich nichts mehr zu tun“

Eisenman machte keinen Hehl daraus: Für ihn persönlich sei es sehr wichtig, in einer großen europäischen Hauptstadt, im Herzen dieser Hauptstadt, etwas Bedeutenes gebaut zu haben. Aber was ihm noch wichtiger sei, ist die Frage, was das Mahnmal für die Menschen bedeute. Kein anderes seiner Projekte habe so eine große Bedeutung – seien es Museen oder Fußballstadion: Die Menschen gingen eben dorthin – und wieder nach Hause. Aber von dem Mahnmal nehmen sie etwas mit. In diesem Sinne sei das Projekt wichtig, weil die Menschen es angenommen hätten und sich darauf einließen.

Abschließend gestand der Architekt ein, wie schwer er sich von dem Projekt lösen könne. „Doch das Mahnmal gehört nicht mir, es gehört der Stadt.“ Bei anderen Projekten sei es so: „Man baut ein Haus, jemand zieht dort ein, stellt geschmacklose Möbel hinein – und das war`s. Oder man baut ein Museum, es werden fürchterliche Installationen ausgestellt – und man sagt sich: Damit habe ich nichts zu tun.“

Es sei wie mit Kindern oder Studenten, man weiß, man muss irgendwann loslassen, erklärt Eisenman, damit sie atmen könnten und eigenständig würden. Das ganze Leben sei von diesem Loslassen geprägt. Doch das Projekt des Mahnmals loszulassen, sei der schwierigste Teil gewesen. Und so hoffe er, in zehn Jahren – dann weit über 90 Jahre alt – wieder in Berlin zu sein: „Vielleicht sitze ich dann in einem Rollstuhl“, sagt Eisenmann – und vielleicht habe er von seinem Projekt dann noch ein bisschen mehr losgelassen.