Europa: Im Zweifel rechts

Marine Le Pen und der bulgarische Nationalist Volen Siderov (Foto: HomoByzantinus)
Marine Le Pen und der bulgarische Nationalist Volen Siderov (Foto: HomoByzantinus)

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Rechtspopulismus. So könnte man die derzeitige politische Entwicklung in großen Teilen des Kontinents zusammenfassen. Bemerkenswert ist, dass die neuen Rechten in diversen Staaten punkten und der neue Rechtspopulismus zunehmend von Frauen geprägt wird. SPD-Chef Gabriel will die populistischen Strategien derweil imitieren.

Von Patrick Gensing

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PEGIDA: Für Heimatschutz, Orban und den Widerstand

"Pegida" in Dresden: "Heimatschutz statt Islamisierung", Foto: Johannes Grunert
„Pegida“ in Dresden: Eine Mischung aus der „bürgerlichen Mitte“ und Neonazi-Protest, Foto: Johannes Grunert

Ihr neuer Star heißt Viktor Orban: Mit Sprechchören haben gestern Abend in Dresden PEGIDA-Anhänger den ungarischen Ministerpräsidenten für seinen „Heimatschutz“ gegen die „angreifenden“ Flüchtlinge gefeiert. Mindestens 7500 PEGIDA-Anhänger versammelten sich, um der Hetze gegen Flüchtlinge zu lauschen und deutsche Politiker als „Volksfahrräder“ zu beleidigen.

Von Patrick Gensing

Gemeint war natürlich „Volksverräter“, doch in der Sächsischen Hauptstadt klingt das eben etwas anders. Die Sprechchöre setzten beispielsweise ein, als Rednerin Tatjana Festerling den Namen von Bundesaußenminister Steinmeier erwähnte.

Als sie hingegen darüber berichtete, wie ungarische Polizisten und Soldaten heldenhaft eine „Verteidigungslinie“ gegen Flüchtlinge aufgebaut hätten, skandierten viele Teilnehmer den Namen des Weiterlesen

Welcome to the real world, Europe!

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Photo Credit: DFID – UK Department for International Development via Compfight cc

Die geflüchteten Menschen in Europa sind unter anderem das Ergebnis der fehlenden außenpolitischen Linie der EU. Krieg in Syrien? Arabischer Frühling? Die Europäer halten sich weitestgehend raus. Doch die Festung Europa wird löchrig, verzweifelte Menschen lassen sich durch Seegang und Stacheldraht nicht mehr aufhalten. Sie sind die Boten von schlechten Nachrichten.

Von Patrick Gensing

Es seien vor allem junge Männer, die die lebensgefährliche Reise über das Mittelmeer riskieren – das war in den vergangenen Monaten oft zu lesen. Nun scheinen sich auch noch weit mehr Familien auf den Weg nach Westeuropa zu machen.

Warum? Weil Weiterlesen

„Jüdisch sein zu müssen, ohne es wirklich sein zu können“

Peter Pogany-Wnendt wurde 1954 in einer ungarisch-jüdischen Familie geboren. Doch schon 1956 zog die Familie nach Chile, wie viele andere ungarische Juden auch. Doch bereits 1970 kehrte er in das „Land der Täter“ zurück, wo er bis heute als Psychotherapeut arbeitet. Ein Interview mit dem Kölner Psychotherapeuten über jüdische Identitäten.

Das Interview führte Roland Kaufhold

Herr Pogany-Wnendt, Sie wurden 1954 als Kind jüdischer Überlebender in Ungarn geboren, mussten das Land jedoch bereits 1956 nach dem Ungarnaufstand verlassen. Dennoch sprechen Sie bis heute ungarisch. Was verbindet sie heute mit Ungarn?

Wenn ich die aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklung in Ungarn sehe, dann ist mir Ungarn auf schmerzlicher Weise fremd geworden. Wie soll ich mich mit einem Land verbunden fühlen, in dem solcher ein unfassbarer Antisemitismus und Antiziganismus herrscht?

1956 sind Sie mit Ihren Eltern nach Chile gegangen – Zufluchtsstätte vieler Juden, aber auch vieler Nazis. Dort haben Sie 15 Jahre gelebt. Welche Erinnerungen haben Sie an Chile?

Die ersten Jahre in Chile waren für meine Eltern sehr schwer. Wir lebten in einem fremden Land unter bescheidenen finanziellen Verhältnissen. Aber es gab Menschen, nicht nur aus der eigenen Familie, die uns halfen. Chile ist ein wunderbares Land, mit freundlichen Menschen. Leider auch ein Land, in dem eine große Kluft zwischen Arm und Reich herrschte. Soweit meine Erinnerung reicht, lernte ich nur die Seite des Wohlstands kennen. Die andere blieb mir verborgen. Sie spielte sich jenseits meines täglichen Horizonts ab.

Haben Sie als Jugendlicher viel in jüdischen Kreisen verkehrt? War Chile für Ihre Eltern eine Möglichkeit, Distanz zu den Verfolgungserfahrungen zu gewinnen, eine neue Identität aufzubauen?

Ich wurde nicht jüdisch erzogen. Aber es ließ sich nicht vermeiden, dass wir in jüdischen Kreisen verkehrten, weil wir dort eine große Familie hatten und es dort viele ungarische Juden gab. In meiner Pubertät war ich in einer jüdischen zionistischen Organisation aktiv tätig.

Ich glaube nicht, dass meine Eltern in Chile Distanz von ihren Verfolgungserfahrungen gewinnen konnten. Sie trugen sie in sich. Sie beherrschten, wenn auch ungewollt und oft nur unterschwellig, unseren Alltag.

1970 sind Sie nach Deutschland gegangen. Was wussten Sie von Deutschland?

Deutschland war für mich von Kindheit an das „Land der Täter“ und die Deutschen der „Inbegriff des Bösen“. Deutschland, das waren „die Nazis“. An Deutschland zu denken machte mir als Kind Angst, obwohl ich faktisch nichts über Deutschland wusste.

Wie standen Ihre Eltern zu Ihrem Entschluss, in das ehemalige „Land der Täter“ zurück zu kehren?

Den Entschluss nach Deutschland zu kommen haben meine Eltern getroffen. Ich war erst 16 Jahre alt. Nach der Erfahrung mit der kommunistischen Diktatur in Ungarn befürchteten sie, dass  sich mit Allende erneut eine kommunistische Diktatur entwickeln könnte. Das wollten sie nicht wieder erleben.

Sie haben in  Münster Medizin studiert, anschließend eine psychotherapeutische Ausbildung gemacht. Hat Ihre jüdische Familienbiografie Sie in Ihrer Wahrnehmung von Deutschland, in Ihrer beruflichen Sozialisation geprägt?

Mein Jüdischsein hat mein Leben in Deutschland ganz entscheidend geprägt. Meine Eltern haben verheimlicht, dass wir Juden sind, so dass ich „versteckt“ leben musste. Erst 1985, als ich heiratete, beschloss ich offen damit umzugehen. In der psychoanalytischen Ausbildung, insbesondere in meiner Lehranalyse spielte meine jüdische Zugehörigkeit und die Tatsache, dass meine Eltern Überlebende des Holocaust waren, kaum eine Rolle. Aus diesem Grunde wurde ich Mitbegründer von PAKH. Ich fühlte mich mit dem Problem sehr alleine und suchte Menschen, die bereit waren, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Sie haben kürzlich einen großen Beitrag über „Jüdische Identität“ veröffentlicht, erstmals. Wie würden Sie Ihre jüdische Identität skizzieren?  Wie lebt es sich in Deutschland?

Ich sehe mein Jüdischsein weniger als Teil meiner Identität, sondern vielmehr als eine Zugehörigkeit. Ich bin an das Judentum hauptsächlich über die Tatsache, dass meine Eltern Holocaust-Überlebende waren, gebunden. Mein Verhältnis zu meinem Jüdischsein beschreibt der Titel meines Beitrages ziemlich genau: „Jüdisch sein zu müssen, ohne es wirklich sein zu können.“

Ich fühle mich in Deutschland, auch als Jude, wohl. Es gibt auch hier Antisemitismus gegen den man wachsam sein muss. Aber in welchem anderen Land gehen 15.000 Menschen auf die Straße, um den Aufmarsch von einigen Hundert Neonazis zu blockieren, wie beispielsweise vor einigen Jahren in Köln?

1995 haben Sie gemeinsam mit einigen Freunden und Kollegen den Arbeitskreis für intergenerationelle Folgen des Holocaust, ehem. PAKH gegründet.  Solche Gruppen, in denen „Deutsche“ und „Juden“ regelmäßig aufeinander treffen, sich über ihre Lebensgeschichten austauschen, haben häufig nur ein kurzes Leben gehabt. Ihre Gruppierung existiert bis heute. Was sind ihre zentralen Erfahrungen?

Im PAKH habe ich gelernt die transgenerationellen Auswirkungen des Holocaust auf meine Entwicklung besser zu erfassen und zu verstehen. Heute fühle ich mich besser in der Lage mich vom Leid meiner Eltern abzugrenzen. Als Kind habe ich ihn zu meinem Leid gemacht. Dadurch kann ich meine selbstbestimmte Identität besser zum Zuge kommen lassen.

Ich habe in PAKH auch gelernt zu verstehen, welche schwere Last die Kinder der Täter und Mittäter tragen. PAKH ist vor allem eine Dialog-Gruppe.

Sie arbeiten in Köln als  ärztlicher Psychotherapeut. Sie haben viele Patienten aus anderen Ländern. Profitieren Sie – und Ihre Patienten – von Ihren vielfältigen kulturellen Erfahrungen?  Wissen Ihre Patienten von Ihrer jüdischen Familienbiografie?

Ich behandele viele Patienten aus anderen Kulturkreisen, die ihre Heimat freiwillig oder gezwungenermaßen verlassen haben. Ich weiß, was es bedeutet, die eigene Heimat, die Freunde, die Familie, usw. zu verlassen. Ich kann in manchen Fällen, z.B. bei Patienten, die aus Südamerika kommen, ihre Erfahrungen unmittelbar auf dem kulturellen Hintergrund verstehen. Manche Therapien mache ich sogar in Spanisch.

Es gibt Patienten, die über Internet erfahren, dass ich Jude bin. Bei anderen wird es während der Therapie zum Thema.

Kürzlich waren Sie gemeinsam mit Mitgliedern des PAKH in Israel. Wie haben Sie Israel empfunden?

Ich war in Israel 1985. Seitdem hat es sich auf atemberaubender Weise entwickelt. Ich habe eine gewisse Bewunderung gespürt, aber mir kamen auch Bedenken. Es hat etwas Irreales am Strand von Tel-Aviv das pulsierende, scheinbar unbeschwerte Leben zu sehen, sich aber dabei ins Bewusstsein zu rufen, dass es ein Land ist, das in ständiger Bedrohung und im Krieg lebt. Das ist schwer auszuhalten. Ich hatte den Eindruck, dass die meisten Menschen sich nach Frieden sehnen. Desto frustrierender ist es, mitzubekommen, dass sie gleichzeitig wenig Hoffnung auf eine schnelle Lösung haben. Das hat mich traurig gestimmt.

 

Peter Pogany-Wnendt hat kürzlich eine umfangreiche, autobiografisch geprägte Studie vorgelegt: Jüdisch sein zu müssen, ohne es wirklich sein zu können – Ein Identitätsdilemma im Lichte des Holocaust. In: Roland Kaufhold & Bernd Nitzschke (Hg.) (2012): Jüdische Identitäten in Deutschland nach dem Holocaust, in: Psychoanalyse, Texte zur Sozialforschung, Heft 1, 2012,  150 S., 12.80 Euro.

 

Am 4.7. stellt Peter Pogany-Wnendt gemeinsam mit Kollegen im Kölner EL-DE Haus das Buch vor:

Podiumsdiskussion

Jüdische Identitäten in Deutschland nach dem Holocaust. Kölner jüdische Autoren im Gespräch. Buchvorstellung

Donnerstag, den 4. Juli 2013, 19.30 Uhr

Ort: Köln, EL-DE-Haus Köln, Appellhofplatz 23-25, 50667 Köln

Eintritt: 4,50 Euro, erm. 2 Euro

Die Referenten sind in Israel, Ungarn, Rumänien und Shanghai geboren und z.T. aufgewachsen. Ihr Schicksal brachte sie nach Köln. Der Kölner Psychotherapeut Peter Pogany- Wnendt  wurde 1954 in Budapest geboren, flüchtete mit seinen Eltern nach Chile und kam 1970 nach Deutschland. Er beschäftigt sich seit 15 Jahren, ausgehend von seiner eigenen Familienbiographie, mit den  transgenerationellen Folgen des Holocaust.

Der bekannte Kölner Schriftsteller und Journalist Peter Finkelgruen wurde 1942 in Shanghai geboren, wuchs in Prag und Israel auf und kam 17-jährig nach Deutschland. Der Psychologe und Philosoph  Uri Kuchinsky, Geschäftsführer des Instituts für Psychoanalyse und Psychotherapie Düsseldorf, stammt aus einer überlebenden Kölner jüdischen Familie. Er wurde 1954 in Tel Aviv geboren und kehrte achtjährig nach Köln zurück. Der Kölner Arzt und Schriftsteller Peter Rosenthal wurde 1960 in Rumänien geboren und emigrierte 13-jährig mit seinen Eltern nach Köln. Moderiert wird die Veranstaltung vom Journalisten Lorenz S. Beckhardt .

http://www.museenkoeln.de/ns-dok/default.asp?s=848&tid=344&kontrast=&schrift=

Ein bewegtes Leben – Josef Shakeds Lebenserinnerungen

Josef Shaked, 1929 in Ungarn geboren, dann noch rechtzeitig mit seinen Eltern in das damalige Palästina emigriert, lebt seit knapp 60 Jahren in Österreich. Er blickt auf ein spannendes, höchst außergewöhnliches Leben zurück.

Von Roland Kaufhold

„Gegen Mitte der 50er Jahre schützte mich wohl ein gewisses jugendliches Selbstbewusstsein vor allzu quälenden Zweifeln. Aber hin und wieder kamen mir doch Bedenken, ob ich am richtigen Ort gelandet war.“

Josef Shaked über seine Übersiedlung nach Wien

Versammelt hat Josef Shaked seine Lebenserfahrungen nun in einem Lehrbuch über Gruppenpsychotherapie – also über das Fach, welches er als Psychoanalytiker und undogmatischer Freud-Schüler entwickelt hat. Und doch ist sein Buch bei Weitem mehr als ein Fachbuch: Es ist auch eine autobiografische Zeitreise, eingebettet in die Geschichte der Psychoanalyse. Ein außergewöhnliches Leben. Ein Leben als Jude, der sich immer wieder selbstreflexiv auf seine jüdische Abstammung bezieht. Ein außergewöhnliches Werk. Ein Stück Zeitgeschichte.

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Versammelt sind hierin Bruchstücke, die nur schwer miteinander zu verbinden sind – für seine Umwelt. Josef Shaked hat sie seelisch zusammengeführt. Was blieb ihm anderes übrig? Vergleichbar ist sein mit „Ein Leben im Zeichen der Psychoanalyse“ betiteltes Spätwerk am ehesten mit dem Essayband „Ein Leben mit der Psychoanalyse“  seines langjährigen Freundes Ernst Federns.

Josef Shaked wuchs in Ungarn auf, seine Eltern emigrierten Anfang der 30er Jahre als überzeugte Zionisten nach Palästina, entgingen so der Shoah. Die Familie hieß ursprünglich Scharf, sie nahm im jungen jüdischen Staat als zionistische Familie den Namen Shaked an. Sie lebten in einem arabischen Viertel der multikulturellen Stadt Haifa, im Norden Israels gelegen. Sein Vater, ein gelernter Steuerberater, beteiligte sich als Zionist am Aufbau Israels – seiner neuen biografischen Heimat. Er arbeitete auf dem Bau, obwohl er körperlich hierzu nur wenig geeignet schien. Und er sprach nur noch hebräisch. Mit seiner Muttersprache wollten sein Vater nichts mehr zu tun haben.

Screenshot aus dem Film "Naher Osten - Hoffnung und Trauma der Jugend" (Middle East - Trauma and Hopes of the Young).
Screenshot aus dem Film „Naher Osten – Hoffnung und Trauma der Jugend“ (Middle East – Trauma and Hopes of the Young).

Der junge Josef Shaked war identifiziert mit dem „linken Zionismus“, den u.a. der linke Psychoanalytiker und Zionist Siegfried Bernfeld[1] repräsentierte. Er las die Schriften Freuds wie auch Marx. Josef Shaked kämpfte im Unabhängigkeitskampf Israels als Soldat, seine Identität blieb mit dem jüdischen Staat verknüpft, welchen er doch bald verlassen sollte.

Shaked wollte Psychoanalytiker werden, wusste jedoch nicht wie. Und er war weitgehend mittellos. 1951 ging er Dank eines Stipendiums zum Medizinstudium nach New York, dem damaligen Zentrum emigrierter Wiener Psychoanalytiker. Sein Schwerpunkt war die Biochemie: „Dieses Studium absolvierte ich zwar in viereinhalb Jahren, freilich ohne besondere Interessen oder gar Engagement.“ (S. 14) Nebenbei arbeitete er als Nachhilfelehrer und Übersetzer, als Kellner und als Schichtarbeiter. Hierbei machte er zahlreiche soziale Erfahrungen, die sein Interesse am Verständnis des Menschen weckten. In den USA freundete er sich mit dem 15 Jahre älteren Ernst Federn an, der sieben Jahren Konzentrationslager überlebt hatte und sich, wie Shaked selbst, anfangs als Linker, als „Trotzkist“ verstand. Für solche Ideen war in ihrem neuen, seinerzeit von der McCarthy Ära geprägtem Heimatland USA kein Platz. Beide sollten die USA wieder verlassen. Dies unterschied sie von der Mehrzahl ihrer in die USA geflohenen jüdischen Kollegen und Freunden.

Im autobiographischen Rückblick beschreibt Josef Shaked seine vier Jahre in den USA so: „Ich fühlte mich dann bald in eher linken Kreisen heimisch, das Jüdische spielte keine wesentliche Rolle. (…) Dass sich der Freundeskreis aus Schwarzen, aus Trotzkisten und anderen Oppositionellen zusammensetzte mag wohl eine Art Protest gegen das Establishment gewesen sein, der in Israel begann und sich in Amerika nun verstärkte; vielleicht war es auch eine Rebellion gegen den Vater, denn schließlich verließ ich ja Israel.“ (S. 15) Die Erfahrungen im multikulturellen, weltoffenen New York prägten seine Identitätssuche.

Nach Abschluss seines Biochemiestudiums betrieb er noch ein Semester jüdische Studien, „vielleicht ein Versuch, in dieser Zeit des persönlichen Zweifels und der grundlegenden Skepsis an allem mich nochmals mit meinen Ursprüngen auseinanderzusetzen.“ (S. 16)

Josef Shaked suchte eine neue seelische Heimat, eine private und berufliche Identität. Er fasste einen höchst außergewöhnlichen Beschluss, den im jungen jüdischen Staat wohl kaum jemand nachzuvollziehen vermochte: Er wollte nach Europa, „zurück zu Freud“. Deutschland kam nicht in Frage, trug sein israelischer Pass doch (wie alle israelischen Pässe) den Stempel „Alle Länder der Welt außer Deutschland.“ 1955 beschloss der 26-jährige, zum Studium in das Freudsche Wien zu gehen, um dort die Psychoanalyse zu erlernen. Er wollte etwas zurück bringen, von dem doch nichts mehr existierte: Nahezu alle jüdischen Psychoanalytiker hatten in der Nazizeit Wien verlassen, die Mehrzahl von ihnen emigrierte in die USA, einige wurden ermordet, nur drei Psychoanalytiker waren in Wien geblieben. Der 82-jährige Psychoanalytiker und Emigrant Josef Shaked sinnt über seine Motive für diese höchst ungewöhnliche Wahl nach:
In Wien, „so dachte ich, würde sich mein Lebenstraum verwirklichen lassen. Dieser Traum hatte sich in mir schon als 15-jährigem festgesetzt, als ich während meiner Mittelschulzeit in Israel auf die Schriften Sigmund Freuds stieß und in der Folge nicht mehr von der Idee lassen konnte, selbst Psychoanalytiker zu werden. Im Nachhinein erscheint mir diese frühe Weichenstellung als eine Art Pubertätsreaktion, als ein Protest gegen die traditionelle Erziehung und wohl auch gegen mein religiöses Elternhaus. In der Klasse war ich damit ein Außenseiter,  keiner meiner Freunde oder Mitschüler ließ sich zu einem solchen intellektuellen Abenteuer überreden.“ (S. 13)

Shaked studierte Medizin in Wien, musste vor allem jedoch noch einmal Deutsch lernen, dessen er „kaum mächtig“ war, so dass er sich die Sprache „im Selbststudium erst mühsam aneignen musste.“ (S. 17) Zur Finanzierung seines Studium unterrichtete er privat Englisch und an mehreren Schulen Hebräisch und jüdische Religion; „schließlich fand ich mich in der Funktion als Schulinspektor der Kulturgemeinde, mit der ich ansonsten wenig zu tun hatte, wieder und hatte mehrere Lehrer unter mir. Alles in allem führten diese Umstände dazu, dass sich das Studium doch sehr in die Länge zog.“ (S. 17)

Anfang der 60er Jahre machte er bei Igor Caruso eine Psychoanalyse. Ein lang gehegter Traum erfüllte sich. Und doch beschlichen ihn Zweifel an der Qualität dieser Ausbildung. Caruso, der aus einem adeligen, katholischen  Elternhaus stammte, war eine charismatische Persönlichkeit. In den 60er und 70er Jahren profilierte er sich in Österreich als ein „progressiver“ Hochschullehrer und Psychoanalytiker, der Impulse der Frankfurter Schule und der (in Österreich winzigen) Studentenbewegung aufzugreifen bzw. eine eigene therapeutische „Schule“ aufzubauen schien. Vor wenigen Jahren, ab 2008, wurden die Idealisierungen, die Caruso lange von „linken“ Psychotherapeuten und Sozialwissenschaftlern entgegen gebracht worden sind, durch Entdeckungen über seine Verstrickungen als medizinischer Gutachter im nationalsozialistische Euthanasieprogramm schwer erschüttert (vgl. Publikationen von Vogt, Parth, List, Reiter, Göllner, Benetka und Rudolph).[2] Josef Shaked zeichnet seine eigene berufliche Sozialisation unter Caruso ausführlich nach, wie auch seine tiefe Erschütterung über diese Entdeckungen über die „andere Seite“ seines langjährigen, 15 Jahre älteren Kollegen. Er hebt hervor: „Dabei ist mir mein eigenes Nicht-wissen-Wollen in dieser Sache umso unbegreiflicher, als ein anhaltend hohes Interesse an Geschichte und Verbrechen der NS-Zeit schon wegen meiner jüdischen Herkunft für mich ebenso eine Selbstverständlichkeit war wie ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Erwachsenen, die im Dritten Reich lebten.“ (S. 67) Und: „Die ganze Angelegenheit erfüllt mich mit großer Betroffenheit, um nicht zu sagen mit Fassungslosigkeit.“ (S. 68)

Screenshot aus dem Film "Naher Osten - Hoffnung und Trauma der Jugend" (Middle East - Trauma and Hopes of the Young).
Screenshot aus dem Film „Naher Osten – Hoffnung und Trauma der Jugend“ (Middle East – Trauma and Hopes of the Young).

Den Schwerpunkt dieses umfassenden Werkes bilden jedoch seine klinischen und theoretischen Studien. Josef Shaked zeichnet die  Entstehung und Entwicklung der „Internationalen Arbeitsgemeinschaft für Gruppenanalyse“ nach, diskutiert verschiedene theoretische Schulen, insbesondere die Ich-Psychologie, und rekapituliert die vielfältigen, zeithistorisch eingebetteten Angriffe gegen Freuds Werk.

Sein theoretisches Hauptinteresse bilden jedoch seine Erfahrungen mit analytischen Großgruppen, deren theoretischen Modelle er maßgeblich geprägt hat. Einige Kapitel seien genannt: „Setting und typische Merkmale von Großgruppen“, „Zur Verflechtung von Politischem und Psychischem“, „Zum Problem der Gruppenleitung“ sowie „Interkulturelle Großgruppen“.

Josef Shaked, der mit der 68er -Protestbewegung sympathisiert hatte, machte immer wieder heftigste Erfahrungen mit Angriffen gegen seine Person, was vor allem in seiner jüdischen Identität begründet war. Die Projektionen und Attacken gingen gleichermaßen von „linken“ wie von „rechten“ politischen Kräften aus. Immer wieder wurde er als ein „jüdischer Rächer“ phantasiert; in Großgruppentherapien kam es zu Phantasien von körperlichen Übergriffen. Andererseits wurde er positiv als ein vergebender jüdischer Vater projiziert. Immer wieder musste er die schmerzhafte Erfahrung machen, dass er als Jude selbst nicht akzeptiert wurde. Er blieb das Phantasma seiner Umwelt. Sein seelischer Ort blieb randständig, fern ab von der „kompakten Majorität“ (Sigmund Freud).

Josef Shaked beteiligte sich an zahlreichen Forschungsvorhaben über Antisemitismus und über Fortwirkungen des Nationalsozialismus, ein Engagement, das bis heute fortwirkt. Gegen Ende seines Buches bemerkt er: „Im Wien der Nachkriegszeit bot sich mir reichlich Gelegenheit, den traditionellen und wieder erwachten katholischen Antisemitismus, gepaart mit Restbeständen der nationalsozialistischen Ideologie aus der Nähe zu erleben und zu studieren, ohne mich persönlich betroffen zu fühlen.“ (S. 390)

Wenn auch Wien seit mehr als fünf Jahrzehnten sein Zuhause ist so bleibt Israel doch seine emotionale Heimat. Der Antisemitismus der Wiener habe ihn nie persönlich gekränkt, hat er mehrfach betont, weil er ja als Fremder, aus einer anderen Welt, nach Wien gekommen sei. Seinen israelischen Pass hat er stets behalten, neben seinem Österreichischen. Die Wiener hätten ja immer dafür gesorgt, dass man sich dort nicht daheim fühle.[3] Seine Utopien, die ihn als jungen Mann prägten, ist er verlustig gegangen. Aber diese skeptische Grundhaltung teilt er mit Freud.

Öffentliche Aufmerksamkeit, dies bleibt noch nachzutragen, haben in den letzten Jahren die von ihm, seiner Ehefrau Susanne sowie der Wiener, ebenfalls aus Israel stammenden Psychotherapeutin Evelyn Böhmer-Laufer seit zehn Jahren regelmäßig durchgeführten Peace Camps mit österreichischen, israelischen, palästinensischen und ungarischen Jugendlichen gefunden.[4] Nachdrücklich haben sich in mir die Szenen eines Dokumentarfilmes über ihr Projekt der Peace Camps festgesetzt, in denen der betagte, zierliche Mann zwischen diesen auf dem Fußboden sitzenden Jugendlichen steht und wohl über sich selbst spricht. Es sind friedenspolitische Bemühungen eines Unentwegten, eines skeptischen Menschenfreundes, die sein gesamtes Leben widerspiegeln.

Josef Shaked: Ein Leben im Zeichen der Psychoanalyse. Gießen 2012 (Psychosozial Verlag),456 S., 39,90 Euro.



[1] Siehe auch: Roland Kaufhold (2012): Jugendbewegt. Der Zionist, Reformpädagoge und Psychoanalytiker Siegfried Bernfeld, Jüdische Allgemeine, 30.08.2012:

http://www.juedische-allgemeine.de/article/view/id/13876/highlight/kaufhold

[2] Bettina Reiter (2008): Es waren doch nur Gutachten, Die Presse.com, 5.9.2008: http://diepresse.com/home/spectrum/zeichenderzeit/411984/Es-waren-doch-nur-Gutachten

[3] Verena Mayer (2006): Die Gesetze der Seele. In den Fußstapfen des großen Meisters: Der Psychoanalytiker Josef Shaked, das Freud-Jahr und die Abgründe der Stadt Wien. Der Tagesspiegel, 24.4.2006. http://www.tagesspiegel.de/zeitung/die-gesetze-der-seele/704388.html

Das Akademische Karussell: Wo liegt eigentlich Ungarn?

Im Akademischen Karussell werden akademische Entwicklungen einer kritischen Prüfung unterzogen. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Anlässlich der Verfassungsänderung in Ungarn verweisen wir noch einmal auf die Leerstellen wissenschaftlicher Analysen mit Blick auf die Entwicklung des Landes  zur Autokratie. Diesen Artikel hatte Publikative.org im Dezember 2012 veröffentlicht.

Von Samuel Salzborn*

Es ist in der wissenschaftlichen Diskussion unlauter, über das zu streiten, was nicht ist – denn nicht umsonst ist die Freiheit der Wissenschaft ein hohes Gut und nicht umsonst sollte sich wissenschaftliche Forschung nicht vom Primat der Tagespolitik abhängig machen, also – sofern dies möglich ist – das eigene Erkenntnisinteresse nicht durch tagesaktuelle Entwicklungen dominieren lassen. Dennoch: angesichts der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen wundert es, wie wenig Aufmerksamkeit die sozialwissenschaftliche Europaforschung den rasanten Transformationen der politischen Ordnung in Ungarn schenkt.

Denn kann man für die Medien noch eine gewisse Regelmäßigkeit in der Berichterstattung über die antidemokratischen und entdemokratisierenden Entwicklungen seit dem Amtsantritt der Regierung Orbán konstatieren, scheint es im akademischen Betreib fast so, als wäre Ungarn mehr oder weniger vom Radar der Europaforschung verschwunden. Nun liegt es im Gegenstand der Sache, dass gerade politikwissenschaftliche Europaforschung ihre Stärken vor allem im prozessanalytischen und institutionenvergleichenden Bereich hat, allerdings nährt der schon bei einer oberflächlichen Analyse der ungarischen Entwicklungen aufkommende Verdacht, dass sich Ungarn auf dem Weg in ein autoritäres System befindet, gerade auch die Notwendigkeit für die Europaforschung, kenntlich zu machen, dass das ungarische Regime in seiner gegenwärtigen Verfasstheit herzlich wenig mit einer Demokratie zu tun hat – und dass es dringend an der Tagesordnung wäre, über ernsthafte Sanktionen der Europäischen Union gegen Ungarn nicht nur nachzudenken, sondern diese auch umzusetzen. Denn die ungarische Entwicklung ist ohne Zweifel eine autoritäre, mit der sich das Regime antidemokratisch positioniert und Kurs nimmt auf totalitäre Kontrollmechanismen, die beginnen, auf alle Formen von bürgerlicher Freiheit und demokratische Mitbestimmung überzugreifen.

Völkischer Nationenbegriff

Einige Schlaglichter der Entwicklungen der letzten Monate: den Auftakt hat gewissermaßen das auf Generalklauseln basierende und die Medienfreiheit drastisch einschränkende neue Mediengesetz gemacht, gefolgt von der Streichung des Zusatzes „Republik“ aus der offiziellen Staatsbezeichnung. Gerade aber die neue Verfassung zeigt überdeutlich, wohin die Reise geht: durch ihre Bezugnahme auf einen völkischen Nationenbegriff, der die Minderheiten in Ungarn aus dem Nationenverständnis exkludiert, die Glorifizierung von Familie, Gemeinschaft, Ehre und Arbeit, die faktischen Einschränkung der Möglichkeit von Schwangerschaftsabbrüchen, die Einschränkung der Kompetenzen der Judikative auf Verfassungsebene, die Ikonisierung der Nationalgeschichte und die exorbitante Rückholung von Mythos und Gottbezug in Verfassungsrang.

Die Stoßrichtung dieser juristischen Neuordnung ist der Kampf gegen das (liberale) Individuum und der Kampf für das (völkische) Kollektiv: Es geht hier nicht um den einzelnen Menschen als Subjekt, sondern ausschließlich um den Menschen als – halluzinierten – Teil von einer ganz bestimmten kulturellen Gemeinschaft. Die Vorstellung einer kulturellen Gemeinschaft unterscheidet sich von der einer pluralistischen Gesellschaft gerade dadurch, dass sie als homogen und letztlich unveränderlich unterstellt wird, wobei das Individuum nichts, das Kollektiv aber alles zählt. Freiheiten werden auf diese Weise suspendiert, der Mensch in ein ethnopolitisches Kollektivgefängnis gesperrt. Die Gefahr besteht in der Schaffung von ethnischen Großraumgettos. Das heißt, dass Menschen, denen eine starre, nicht änderbare ethnische Identität zugeschrieben wird oder die sich selbst eine solche Identität zuschreiben, die Interaktion mit anderen Menschen genommen wird.

Ethnische Identität als kollektiver Zwang

Im Prinzip handelt es sich um eine Konstellation, die man mit einem Zoo vergleichen könnte: Der Mensch soll dann plötzlich nicht mehr ein gesellschaftliches Wesen sein, das mit anderen interagiert, auf Austausch orientiert ist, den Dialog, aber auch den Konflikt sucht und so im demokratischen Sinn partizipieren möchte. Er wird zu einem Lebewesen gemacht, das von anderen isoliert, abgrenzt und in scheinbar homogenen Einheiten leben soll. Damit wird er jedoch von allen Formen der Partizipation und Mitbestimmung strukturell ausgeschlossen. Ethnische Identität wird so vom individuellen Angebot zum kollektiven Zwang.

Kontextualisiert man diese verfassungsrechtlichen Modifikationen mit der zunehmenden Ethnisierung der ungarischen Innenpolitik und dem völkischen Umgang mit den so genannten Auslandsungarn, dann zeigen sich hier in der Tat wesentliche Konturen eines autoritären Regimes, das sich nachhaltig in Richtung einer Diktatur entwickelt. Denn die – schon länger – bestehende völkisch-irredentistisch implementierte Vorstellung von „Auslandsungarn“, die auf neuerlicher Gesetzesgrundlage auch mit einem Staatsangehörigkeitsanspruch ausgestattet werden, ist die Kehrseite einer nachhaltigen antisemitischen und antiziganistischen Praxis in Politik, Medien und Gesellschaft Ungarns, die mit einer Diskriminierung von politischen und literarischen Regimegegnern einhergeht.

Wer dem Glauben an eine ethnische Gemeinschaft anhängt, die jenseits von Staatsgrenzen existiere und in ihrer politischen Relevanz als Schicksalsgemeinschaft höher rangiere, als eine auf politischem Willen basierende Gesellschaft, vollzieht damit den entscheidenden Schritt hin zu einer antidemokratischen Ordnung. Denn der demokratische Charakter eines politischen Systems basiert ja nicht, wie die naive Vorstellung vieler Antidemokraten suggeriert, schlichtweg nur darin, dass Wahlen abgehalten werden, sondern orientiert vielmehr auf die Frage der Modi, nach denen der demos konstituiert und mit denen die Herrschaft ausgeübt wird. Nur unter Einbezug genau dieser beiden Momente ist die Frage nach der Legitimitätsqualität von Wahlen beantwortbar; andernfalls bleiben sie bloße Technik, die jedes politische Regime ausüben kann.

Insofern wäre wissenschaftlich deutlich intensiver zu problematisieren, inwiefern sich in Ungarn ein autokratisches Regime mit totalitären Tendenzen zu etablieren beginnt, das gleichermaßen antidemokratische wie entdemokratisierende Aspekte miteinander verbindet und einen völkischen Regimetyp schaffen will, der die Freiheits- und Partizipationsrechte des bürgerlichen Nationalstaates aufhebt. Insofern scheint auch das gegenwärtige akademische Schweigen, von dem es ohne Frage auch Ausnahmen wie den prominenten Aufruf der Philosophen Jürgen Habermas und Julian Nida-Rümelin gibt, in Sachen Ungarn doch etwas laut – auch, wenn man berücksichtigt, dass in der amerikanischen Debatte unter dem Label des „Illiberal Turn“ diese Fragen schon seit einiger Zeit deutlich intensiver diskutiert werden.

Dieser Text ist mittlerweile auch auf einem Blog von Oppositionellen in Ungarn erschienen: Galamus.

Samuel Salzborn

Samuel Salzborn

 

 

*Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen – und schreibt die Kolumne „Das Akademische Karussell“ für Publikative.org.

Alle Kolumnen von Samuel Salzborn bei Publikative.org.

RechtsRock boomt in Sachsen

In Sachsen finden im Bundesvergleich mit Abstand die meisten extrem rechten Konzerte statt, allein im vergangenen Jahr spielte sich fast ein Viertel davon in einem Gasthof im nordsächsischen Staupitz ab. Die Ortschaft unweit der Stadt Torgau ist in den letzten Jahren zu einem der landesweit wichtigsten Orte für extrem rechte Konzerte geworden. Mit „Moshpit“ und „Painful Awakening“ standen dort am Samstagabend gleich zwei der bekanntesten Bands aus dem extrem rechten Hatecore-Spektrum auf dem Programm.

von Kai Budler

Konzertplakat Staupitz

„We play NS-Hardcore“ und „We live the NS-Hardcore“: In einem Interview der US-amerikanischen Frauenorganisation „Women für Aryan Unity“ hatte die Formation „Moshpit“ aus dem thürinigischen Altenburg bereits 2004 deutlich gezeigt, wo sie sich verortet. Mit der Verwendung traditioneller Hardcore-Elemente gibt sich die Band uneindeutig und ist nicht gleich der Szene zuzuordnen, auch wenn sie sich bei verschiedenen NPD-Events und Veranstaltungen der „Freien Kräfte“ wie dem „Fest der Völker“ 2008 als Teil der extrem rechten Subkultur präsentiert. Auch die seit 2007 in Erscheinung getretene Band „Painful Awakening“ aus Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern hat Erfahrung mit Auftritten vor einem größeren Publikum. Nachdem die Band 2009 bereits beim „Winterfest der nationalen Bewegung Sachsen Anhalt“ gespielt hatte, machte sie sich  mit ihrer Teilnahme am „Day of Honour“ in Budapest einen Namen. Dabei handelte es sich um ein Aktionswochenende zu Ehren von Wehrmacht und Waffen-SS, das vom „Blood&Honour“-Netzwerk organisiert wurde. Kein Wunder also, dass das Konzert in Staupitz auch auf der Seite der englischen „Blood&Honour“-Sektion angekündigt wurde, immerhin war aus ihrem Netzwerk bereits im März dieses Jahres eine ungarische Band in Staupitz aufgetreten. Nun stand dort „Backstab“ aus Budapest auf der Bühne. Komplettiert wurde der konspirativ organisierte Auftritt von drei weiteren rechtsextremen Bands. Unterstützung fand die Veranstaltung bundesweit. Neben dem einschlägigen Musik- und Szene-Versand Rebel-Records aus dem brandenburgischen Cottbus, der das Konzert unterstützte, bewarben auch Thüringer Neonazis wie die „Aktionsgruppe Nordhausen“ die Veranstaltung. Wie viele Besucher sich tatsächlich beim Konzert in Staupitz einfanden, konnte ein Polizeisprecher auf Anfrage nicht erklären. Er sprach lediglich von sechzig Kraftfahrzeugen.

Staupitz als sächsisches Zentrum für Neonazi-Konzerte

Seitdem der extrem rechten Szene in Sachsen ein Veranstaltungsort entzogen wurde, hat sich Staupitz zum Zentrum für Neonazikonzerte entwickelt. Ein Teil der dortigen Konzerte geht auf die Initiative von NPD und Strukturen ihrer Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ zurück. Auch die vermeintlich unpolitische Hooligan Formation „Kategorie C“ stand in diesem Jahr auf der Bühne in Staupitz. Das Quartett hatte bereits 2006 bei einer NPD-Veranstaltung für den ehemaligen Sänger der RechtsRock-Band „Landser“, Michael Regener, gespielt. Nach ihrem Auftritt in Nordsachsen habe sie sich darüber gefreut, „dass dieser ‚ausnahmsweise ohne Behördenstress‘ erfolgen konnte, da man ‚ja alles vorher vor Gericht geklärt‘ habe“, heißt es in der Broschüre „Nordsächsische Zustände. Ein Schattenbericht über Neonazismus in Nordsachsen“. Sie wurde von der „Projektgruppe Chronik Nordsachsen“ erstellt, die darin konstatiert: „So werden die Konzerte beim zuständigen Ordnungsamt angemeldet und auch eine Liste der zu spielenden Titel vorgelegt. (…) Umgekehrt scheint es den involvierten Ämtern ganz recht zu sein, dass die Konzerte an einem Ort stattfinden, den sie mehr oder weniger im Blick haben“. Schon längst ist in Staupitz eine überregionale Hochburg für Neonazi-Konzerte mit vielen Stilrichtungen gewachsen, in der offenbar ungestört die Begleitmusik zu Mord und Totschlag erschallt.

Siehe auch: Flop für DeutschlandNPD floppt mit “Thüringentag”Rechter Lifestyle blüht im Osten“Blut muss fließen” – Undercover unter NazisHeise will Rechtsrockfestival etablierenAls Nazi-Skin bei “Noie Werte” und “Race War”

Ungarn: Lob von ganz rechts und Anschlagsgerüchte

Ungarn steht am Rande des Abgrunds, jedoch scheint sich kaum jemand daran zu stören. Das Land benötigt dringend finanzielle Unterstützung seitens der EU, hat sich aber mit seiner drastisch nationalistischen Politik weit von Europa entfernt. Dafür lobt beispielsweise die Junge Freiheit den ungarischen Kurs.

Von Volker Weiß

Viktor Orban im Parlament
Viktor Orban im Parlament

Eine Rechtskoalition aus FIDESZ und Christdemokraten (KDNP) stellt die Regierung unter Viktor Orbán. Diese setzt neben dem Umbau des Staates zu ihren Gunsten lieber auf die Rhetorik gegen „überstaatliche Mächte“ und eine angebliche „internationale Verschwörung“ gegen das ungarische Volk. Mit Jobbik gibt es zudem eine faschistische Bewegung im Parlament, deren Wähleranteil bei über 16% liegt, Tendenz steigend.

Zwar wird auch Widerstand organisiert, dieser aber von den linientreuen Medien des Landes totschwiegen. Als Anfang Januar ca. 100.000 Menschen gegen die neue Verfassung demonstrierten, mit der unter anderem der Begriff der „Republik“ aus dem Landesnamen gestrichen wird, fand dieses Großereignis medial schlicht nicht statt.

Nicht nur in Budapest stehen die Zeichen auf Protest, so brachten die Gesetztes- und Verfassungsänderungen zulasten der Demokratie, Pressefreiheit und Bürgerrechte, wie auch die chauvinistische Politik der Rechtsregierung Ungarn international scharfe Kritik ein. Doch gewinnt, wer alte Freunde verliert, häufig dafür neue. Und so steht Ungarn rechtsaußen hoch im Kurs, seine europäischen Kameraden sammeln sich zur Verteidigung. In der „Jungen Freiheit“ schreibt der FPÖ-Europaparlamentarier Andreas Mölzer von einer „Hetzjagd gegen Budapest“ (JF 3/12). Besonders haben es dem Kärntner neben dem neuen Verfassungswerk des Landes die „Betonung der nationalen Identität der Magyaren sowie die Erinnerung an das Friedensdiktat von Trianon von 1920“ angetan. Die Parallelen mit den eigenen Politikvorstellungen des deutschnationalen Österreichers, der bereits unter Jörg Haider den äußerst rechten Flügel der FPÖ repräsentierte, sind augenfällig.

Ungarns autistischer Nationalismus führt das Land von Europa weg. Vice versa eint die europäische Kritik an dem Kollisionskurs die Antieuropäer und führt andere Nationalisten zusammen. Schon Mölzers Beitrag in der „Jungen Freiheit“ ist dafür ein Beispiel. Als er 2007 zwecks Gründung einer nationalistischen Europa-Fraktion „Identität, Tradition, Sicherheit“ (ITS) mit der NPD verhandelte, kündigte ihm die JF unter viel Getöse die langjährige enge Zusammenarbeit auf. Es dauerte jedoch nicht lange und die „Junge Freiheit“ holte Mölzer wieder stillschweigend ins Boot, zunächst als Interviewpartner, dann als Autor. Ob also Mölzers FPÖ, die NPD oder die Junge Freiheit, sie alle haben ein besonderes Interesse an der ungarischen Restauration.

Mölzer war an dem 2009 ins Leben gerufenen Zusammenschluss der „Europäischen Nationalen Bewegungen“ (ENB), der Nachfolgeorganisation von ITS, beteiligt, dem mehrere extrem rechte europäische Parteien angehören. Der Gründungsakt der ENB wurde nicht zufällig in Budapest vollzogen, denn in Ungarn witterte man Morgenluft. Der „Jungen Freiheit“ gelten wiederum die schrittweise Errichtung eines autoritären Staates unter Viktor Orbán ebenso als Vorbild wie die ungarische Geschichts- und Minderheitenpolitik. Dass sich Ungarn mit der EU überworfen hat, bestärkt die rechten Europagegner noch mehr vom Modellcharakter des Landes für ihr eigenes Begehren einer „Nationalen“ oder „Konservativen Revolution“.

Vor allem aber begeistert es jene, die hierzulande stets im Trüben fischen, dass der ungarische Isolationismus eine Massenbasis hat: Von 400.000 Menschen schreibt der deutsch-ungarische Journalist und Orbán-Fan Jan Mainka in der „Jungen Freiheit“, die kürzlich zur Unterstützung der Regierung auf die Straße gingen. Anlass der Großdemonstration war die Eröffnung des Vertragsverletzungsverfahrens der EU gegen Ungarn.

Paramilitärs und Geraune über Anschlagsvorbereitungen

Dabei ist Ungarn derzeit wenig vorzeigbar. Neben der drohenden Staatspleite, dem drastischen Rückbau der ungarischen Zivilgesellschaft und demokratischer Rechte wird das Land auch von Übergriffen gegen die Minderheit der Roma erschüttert. Bei diesen Attacken spielen nicht selten paramilitärische Organisationen eine tragende Rolle, von denen es in Ungarn mittlerweile mehrere gibt. Die bekannteste, bei weitem aber nicht radikalste, ist die „Ungarische Garde“ von Jobbik. Obwohl eigentlich mittlerweile verboten, ist die Gruppe dennoch aktiv. Dazu gibt es eine Reihe kleinerer Milizen.

Über die Aktivitäten solcher Gruppen berichtet der gut informierte deutsch-ungarische Watchblog „Pusztaranger“. Hier werden kritische Blogs aus Ungarn sowie Nachrichten ins Deutsche übersetzt, die den Weg über die Grenze sonst nicht schaffen: Berichten über antisemitische Ausfälle ungarischer Politiker, Übergriffe auf Roma oder etwa Verbrennungen von Imre Kertész nobelpreisgekrönten „Roman eines Schicksallosen“. Gerade diese Meldungen zeigen die fließenden Übergänge zwischen den verschiedenen Rechtsfraktionen. Auf der Website finden sich auch Bilder von paramilitärischen Trainingslagern, etwa der MNA (Magyar Nemzeti Arcvona, Ungarische Nationale Front). „Pusztaranger“ dokumentiert, wie Mitglieder der offensichtlich gut ausgestattete Neonazi-Truppe mit Maschinenpistolen und Sturmgewehren posieren, den Häuserkampf und Orientierung im Gelände üben. Die Milizen geben sich keine große Mühe, das eigene Treiben irgendwie konspirativ zu halten. Die meisten der Bilder stammen vom MNA-eigenen Öffentlichkeitsportal Jovonk.info. Als Entgegenkommen für die deutschen „Kameraden“ gibt es die begleitenden Texte auch auf Deutsch.

Nach Angaben des Athena-Instituts, einer unabhängigen Einrichtung zur Verteidigung der ungarischen Zivilgesellschaft, orientieren sich die MNA und ähnliche Gruppen an Ferenc Szálasi, dem letzten ungarischen Kollaborateur mit NS-Deutschland. Ihr militanter Antisemitismus ist daher ebenso wenig verwunderlich wie ihr Hass auf Roma, Linke und Liberale. Das Institut zitierte jüngst auch einen besorgniserregenden Report aus den USA über steigende Zahlen von Waffenkäufen der ungarischen Milizen in den Vereinigten Staaten. Zudem seien verstärkte Propaganda und Rekrutierungsaktivitäten zu verzeichnen.

In diesem Milieu scheint der Aktionismus mittlerweile terroristische Dimensionen erreicht zu haben. So werden die Morde an mindestens sechs Roma mit paramilitärischen Organisationen der Rechten in Verbindung gebracht. Im Kommentarbereich von „Pusztaranger“ finden sich neben Beschimpfungen und Bedrohungen gegen den Blogger auch Andeutungen über bevorstehende Anschläge. Wie ernst diese zu nehmen sind, ist jedoch unklar. Die verschiedenen Gruppen der extremen Rechten stellen aber so oder so eine Bedrohung für ihre Gegner dar, erklärt der Betreiber auf Nachfrage: „In der nächsten Zeit ist zunehmend mit rechtsextremer Präsenz bei den Veranstaltungen der demokratischen Opposition im öffentlichen Raum zu rechnen.“ Entsprechende Ankündigungen, so „Pusztaranger“, hat auch Jobbik-Chef Gábor Vona erst kürzlich bei einer Demonstration in Budapest gemacht. Er sagte, man dürfe „die Straße nicht den liberalen Horden überlassen (…), bei den Demonstrationen (der Sozialisten) werden wir in Zukunft auch sein.“

Die rechtsextreme Seite Jovonk
Die rechtsextreme Seite Jovonk

Auch das Neonaziportal Jovonk.info ruft dazu auf, die Teilnehmer der Demonstration des „Bundes der Ungarischen Antifaschisten und Widerstandskämpfer“ („Neo-Zionbolschewisten“, „Juden“) am 1. Februar „genau zu beobachten“, eine Gegenkundgebung ist schon angekündigt. Das alles zeigt: die Orbán-Regierung repräsentiert noch lange nicht den äußersten rechten Rand des Landes. Auf dem Boden der von ihr betriebenen „Magyariserungspolitik“ gedeihen noch ganz andere Gruppen. Sie stehen längst bereit, Orbáns kalten Staatsstreich zu beerben und nach erfolgter Zerschlagung der ungarischen Republik die Gesellschaft weiter zu radikalisieren. Die einzige Abwehr des ungarischen Staates gegen diese Bedrohung besteht derzeit darin, sie zu ignorieren. Diese Strategie dürfte wohl zum Scheitern verurteilt sein.

Siehe auch: Bundesregierung nimmt Orban in Schutz, Offener Brief an die EU: “Ungarn politisch in Gefahr!”, Rechtsextreme Jobbik siegt bei Bürgermeisterwahl