Das neue Utøya erwacht zu Leben

Das neue Utöya

Fast vier Jahre ist es her, dass der Rechtsterrorist Anders Breivik auf der norwegischen Insel Utøya 69 Menschen ermordete. Nun erwacht die Insel zu neuem Leben: In wenigen Tagen findet das erste Sommerlager seit dem Anschlag auf der Insel statt – mit einem Rekord, was die Teilnehmerzahl angeht. 

Von Patrick Gensing

„Lasst uns die Toten ehren – und uns über das Leben freuen!“ Mit diesen Worten versuchte der damalige Ministerpräsident Norwegens, Jens Stoltenberg, am ersten Jahrestag des Doppelanschlags vom 22. Juli 2011 den Blick wieder behutsam in die Zukunft zu richten.

Zum zweiten Jahrestag wurde die Insel für drei Tage für Angehörige der Opfer und Überlebende geöffnet, um ihrer geliebten Menschen zu gedenken, um das Erlebte zu verarbeiten.

Mittlerweile sind fast vier Jahre vergangen. Und in diesem Sommer findet das traditionelle Sommerferienlager der AUF, der Jugendorganisation der Arbeiterpartei, wieder auf Utøya statt. 800 bis 1000 Jugendliche werden dort laut norwegischen Medienberichten erwartet. Ein Rekord. Dies zeige, dass der Terror die Arbeit der AUF nicht stoppen könne, betont der 17-jährige Felix Volpe im norwegischen Rundfunk.

Seite für das "neue Utöya" http://www.utoya.no/
Seite für das „neue Utöya“ http://www.utoya.no/

Breivik wollte den Nachwuchs der Arbeiterpartei als Träger der Idee des Multikulturalismus auslöschen, doch nach dem Doppelanschlag traten Hunderte Jugendliche der Arbeiterjugend bei, die Zahl der Mitglieder wuchs deutlich.

Auf dem „Neuen Utøya“ stehen mittlerweile einige Neubauten, eine Gedenkstätte soll an die Opfer erinnern. Vier Jahre nach dem rechtsextremen Anschlag erwacht Utøya wieder zu neuem Leben.

Gefangener bedroht Breivik

Anders Breivik sitzt unterdessen in einem Hochsicherheitstrakt im norwegischen Provinz Telemark seine Haftstrafe ab. Wie norwegische Medien berichteten, wurde er nun von einem anderen Gefangenen bedroht: Ein Mann drang bis zu einer Tür zu Breiviks Zelle vor, hämmerte dagegen und drohte, den Terroristen umzubringen. Wie es zu dieser Sicherheitslücke kommen konnte, ist bislang unklar.

Lachen, quälen, männlich sein

Der Attentäter inszeniert sich als "Marxist Hunter".

“Hab dem meine Finger in die Nase gesteckt. Und gewürgt. War witzig.” – Auch in Hannover sind Flüchtlinge offenkundig misshandelt worden. Warum amüsieren sich Männer darüber, wenn sie aus einer Position der Macht Schwächere demütigen und quälen können?

Von Patrick Gensing

“Hab den weggeschlagen. Nen Afghanen. Mit Einreiseverbot. Hab dem meine Finger in die Nase gesteckt. Und gewürgt. War witzig. Und an den Fußfesseln durch die Wache geschliffen. Das war so schön.”

Mit diesen Worten soll ein Polizist laut NDR-Recherchen gegenüber einem Kollegen mit seinen “Heldentaten” geprahlt haben. Das 19-jährige Opfer war dem uniformierten Täter schutzlos ausgeliefert: Der Afghane war Bundespolizisten demnach wegen geringfügiger Verstöße aufgefallen. Unter anderem war er in einem Schnellimbiss im Hauptbahnhof ohne gültigen Pass angetroffen worden. Im Polizeigewahrsam hatte mindestens ein Polizist dann offenkundig freie Hand.

Besonders auffällig ist, wie der mutmaßliche Täter in der zitierten Whats-App-Nachricht seine Freude betont: Es sei “witzig” und “so schön” gewesen, das Opfer zu misshandeln. Zudem habe ein Bundespolizist in Anwesenheit von mehreren Kollegen einen anderen Beamten mit der Waffe bedroht und ihn zu sexuellen Handlungen aufgefordert. Wie ist so etwas zu erklären?

Von Macht und Männlichkeit

Der Polizist beschreibt die Misshandlungen bildlich, er brüstet sich damit – wenn auch nur gegenüber einem sehr begrenzten Empfängerkreis; aus naheliegenden Gründen, denn der Täter muss Sanktionen fürchten, sollten die Quälereien bekannt werden, so wie es jetzt geschehen ist. Sicherlich würde er sich gerne vor viel mehr – möglichst gleichgesinnten – Menschen mit den Misshandlungen rühmen. Und in wie vielen Fällen bleiben solche oder ähnliche Taten wohl  unbekannt?

Es gibt ähnliche Beispiele: Im September 2014 berichteten Medien über die Misshandlungen von Flüchtlingen in Burbach durch Wachpersonal. In einem Video war zu sehen, wie ein Wachmann einen Asylbewerber zwang, sich auf eine Matratze mit Erbrochenem zu legen. Außerdem entdeckten die Ermittler Handy-Fotos, auf denen Wachleute mit ihren Opfern posierten.

Das Lachen der Täter

Die Prahlerei mit brutalsten Gewalttaten ist ein Phänomen, mit dem sich Klaus Theweleit in seinem neuen Buch “Das Lachen der Täter: Breivik u.a.” beschäftigt. Er zeichnet ein Psychogramm der Tötungslust an den Beispielen von Anders Behring Breivik, dem NSU, Kämpfern des “Islamischen Staats”, Nazi-Schergen im Zweiten Weltkrieg, Hutus in Ruanda und an weiteren Tätern, die das Morden zelebrierten – und es offenbar genossen, dabei lachten.

Theweleit knüpft mit diesem stilistisch ziemlich eigenartigen Buch, dessen Gewaltbeschreibungen oft nur sehr schwer zu ertragen sind, an die “Männerphantasien” an. Ausführlich beschreibt er, wie von körperlicher Fragmentierung bedrohte junge Männer durch (sehr oft sexualisierte) Gewalt Unsicherheit und Selbsthass nach außen kehren. Theweleit beschreibt am Beispiel von Anders Breivik ausführlich das Wesen des soldatischen Mannes:

Der Körpertyp “soldatischer Mann”sei gekennzeichnet durch spezifische psychische Prozesse, die sich als massive Gewalteingriffe in die äußere Welt vollziehen. Diese Gewalteingriffe führten zu “einer momentanen körperlichen Erleichterung, die sich bevorzugt in exzessivem Gelächter Bahn bricht (S. 227).

Theweleit betont den Zusammenhang zwischen Adoleszenz und innerer Fragmentierung: Im Hinblick auf islamistische Konvertiten, die in den Dschihad ziehen, merkt er an, dass all diese doch ihre Pubertätsphasen durchliefen, mit denen eine Distanzierung vom eigenen Körper, der zur physischen Reife gelangt sei (S. 186). Daraus entstünden nicht selten auch Aggressionen gegen den eigenen Körper – was die relativ hohe Zahl von Selbsttötungen bei 13 bis 18-Jährigen erklärt.

“Verlierer” sind Viele

Der Autor weist den monokausalen Erklärungsansatz zurück, wonach beispielsweise die Attentäter von Paris einfach soziale “Verlierer” seien. Das seien viele, merkt Theweleit an – und verweist auf mögliche “psyhophysischen Turbulenzen spätpubertärer Adoleszenten”. Dieser Faktor werde bei der öffentlichen Debatte vollkommen vernachlässigt.

Der Autor meint, die Ideologie sei für den soldatischen von innerer Fragmentierung bedrohten jungen Mann letztlich zweitrangig: Die “Grundempfindung bei allen, nämlich dass die “störenden Fremdkörper” weg müssen”, sei zudem unabhängig von der tatsächlichen Existenzform der “Anderen” (S. 167) – was beispielsweise mit dem Antisemitismus oder auch der Muslimfeindlichkeit in Dresden korrespondiert.

Gemeinsam seien vielen Tätern ähnliche körperliche Affektzustände. Die jeweilige “Ideologie”, die sie zur Mord-Begründung anführten, teilten ja immer viele auf der Welt, betont Theweleit – dennoch würden sie nicht notwendig selber als Mörder “tätig”.

Breivik – der Freikorpsmann

Anders Berivik wurde als Mörder tätig. Er sah sich selbst – obwohl er ein Einzeltäter war – als Teil einer internationalen Armee, eines Ritterordens. Auch seine Briefe an Beate Zschäpe dokumentieren, wie zwanghaft er versucht, die Vorstellung einer internationalen rechtsterroristischen Bewegung, der er dienen kann, zu bewahren. Theweleit verweist darauf, dass weite Teile von Breiviks Copy-and-paste-Manifest den Äußerungen jener deutschen Freikorpsleute ähnelten, die er in den “Männerphantasien” unter der Bezeichnung soldatischer Mann untersucht habe. (S. 104).

Breivik inszenierte sich im Netz als Soldat.

Breivik inszenierte sich im Netz als Soldat.

Der soldatische Mann (zugespitzt “der Faschist”) sei das, was er sich unter einem richtigen Mann vorstelle: Er gucke nicht zu, sondern sei aktiv. “Er richtet die Welt zu; so wie sie nach seinen Vorstellungen zugerichtet gehört.” (S. 106). Dies seien Vorstellungen, die direkt aus seiner Körperlichkeit kämen, meint Theweleit. (S. 107). Der Autor schreibt in diesem Kontext von ideologischen Blöcken, die zu vernichtenden Handlungen aufrufen. Diese seien prinzipiell austauschbar. Nicht austauschbar sei hingegen der anti-weibliche Komplex – den Breivik beispielsweise unter dem Stichwort “kulturmarxistischen Feminismus” zusammenfasst – von dem er sich ganz persönlich bedroht fühlt.

Damit verbinde Breivik ideologisch viel mit seinem Feindbild “konservativer Muslim”, meint Theweleit: Der Norweger sei strukturell patriarchalischer Muslim wie auch norwegisch-christlicher Antisemit wie auch germanisch-sektiererischer SS-Mann (S. 108).

Ähnlichkeiten beachten

Theweleit zitiert in seinem Buch ausführlich aus Zeitungsartikeln und Essays; im Zusammenhang mit jungen Dschihadisten kommt der BerlinerPsychologe Ahmad Mansour zu Wort, der eine wichtige Feststellung traf:

Ihre Gefährlichkeit verdanken die radikalen Strömungen nicht so sehr der Differenz zum “normalen” Islam als vielmehr der Ähnlichkeit. Bereits muslimischen Kindern wird von “unreinen Frauen” und “sündhaften Ungläubigen” erzählt, den Jugendlichen sind dann solche Begriffe vollkommen vertraut. Sie werden meist in einem Klima von Kontrolle, Angst und Strafe erzogen. Ihr “Respekt” soll dem Clan, dem Kollektiv und den Autoritäten gelten. Fundamentalisten verstehen sich als purifizierende Verstärker solchen Denkens. Darin liegt ein Grund für die Anfälligkeit von Jugendlichen für die Argumentation der radikalen Islamisten. Wenn ich als Jugendlicher diese Radikalität annehme und praktiziere, zeige ich, in einem Gestus der pubertären Überlegenheit, der eigenen Gruppe, dass ich “der bessere Muslim” bin – ich überführe die eigene Gruppe der Heuchelei. So lässt sich indirekt Aggression gegen die Eltern, die Familie ausagieren, ohne dass man den mutigen Schritt tun müsste, deren antiquierte Denkweisen kritisch zu sehen.

Ähnliches lässt sich bei deutschen Faschisten – egal welcher Couleur feststellen: Ihre Feindbilder teilen sie mit beträchtlichen Teilen der Mehrheitsgesellschaft; sie unterscheiden sich hingegen vor allem durch ihre Radikalität vom biodeutschen Mainstream, der seinen Nachwuchs nicht auf Schulen schicken möchte, auf denen zu viele “Kinder mit Migrationshintergrund” gingen – womit die Kinder gemeint sind, die von Nazis offen als “Kanacken” bezeichnet werden.

Der soldatische Mann erträgt keine Vielfalt, sein von “Schmutz und Fragmentierungsängsten bedrohter Körper” halte äußeres “Gewimmel” nicht aus, meint Theweleit (S. 169). Er werde gewalttätig, es seien Akte der eigenen zwanghaften körperlichen Stabilisierung.

“Quäl- und Spaßfaktor”

Sind solche Fälle wie in Burbach oder nun in Hannover also Zufall? Theweleit thematisiert auch die Vorgänge in Burbach – und zitiert ausführlich aus der taz und der SZ. Die taz plädierte dafür, dass der Staat Sicherheitsleistungen nicht outsourcen dürfe, das Gewaltmonopol liege “aus guten Gründen beim Rechtsstaat, nicht bei einem tätowierten Knüppelkommando”. Wobei, so merkt Theweleit an, es nicht sicher sei, dass der “Quäl- und Spaßfaktor” bei regulär ausgebildeten, besseren Wachleuten wirklich geringer ausfiele (S. 76).

cover_1713

Theweleit wendet sich entschieden dagegen, die Killer nicht als ganz normale Männer anzusehen. “Das Morden und Massenmorden gehört zum ‘ganz normalen’ Mann-Typs dazu – immer dort, wo die Schleusen geöffnet sind.” Dieser Männer-Typ sei zu einem großen Teil deckungsgleich mit den ganz normalen Arschlöchern, die man im Alltag beobachten könne (S. 225). Es gebe Typen, die sich am Killen beteiligten – und wenn es erlaubt oder vorgeschrieben sei “mit besonderem Vergnügen” (S. 226).

Zu Objekten degradiert

Bei Flüchtlingen wurden die oben erwähnten Schleusen ein Stück weit geöffnet, aber ganz anders, als es in den elendigen “Das Boot ist voll”-Bildern transportiert wird: Vielmehr werden diese Menschen entrechtet und öffentlich bestenfalls als bemitleidenswerte Opfer und schlechtestenfalls als “Sozialschmarotzer” abgestempelt. Sie haben kaum Möglichkeiten, als Individuen zu agieren, können maximal als Gruppe reagieren. Kämpfen sie für ihre Rechte, kocht der Volkszorn nur umso höher.

Dass sich ein mutmaßlich soldatischer Mann, wie er im Sicherheitsdienst – ob nun privat oder öffentlich – durchaus anzutreffen sein dürfte, genau diese Opfer sucht, ist sicherlich alles andere als ein Zufall. Dass er nicht zum Killer geworden ist, liegt lediglich daran, dass die Schleusen nicht ganz geöffnet sind.

Klaus Theweleit, “Das Lachen der Täter, Breivik u.a.”, Residenz Verlag 2015, erschienen in der Reihe “Unruhe bewahren”. 

Oslo: Rechtsextremer droht mit Anschlag auf Storting


In Norwegen hat offenbar ein Mitglied der rechtsextremen Norwegian Defense League mit einem Bombenanschlag auf das Storting, das nationale Parlament, gedroht. Zwar geht die Polizei mittlerweile von einer unkonkreten Drohung aus, doch die Frage bleibt: Welche Gefahr geht von rassistischen Islamkritikern aus? 

Von Patrick Gensing

Die NDL orientiert sich an dem Vorbild der EDL.
Die NDL orientiert sich an dem Vorbild der EDL.

Mehrere norwegische Medien berichteten am Mittwoch, der Verdächtige gehöre zu der rechtsextremen und islamfeindlichen Norwegian Defense League. Das Konzept der Defense Leagues gibt es auch in anderen europäischen Ländern, so beispielsweise in England (EDF) sowie in Deutschland (German Defense League), wo mutmaßliche GDF-Mitglieder im Netz den Aufbau einer paramilitärischen Einheit propagieren.

Bei dem 27-jährigen Norweger fand die Polizei laut Medienberichten eine schusssichere Weste, eine Gaspistole sowie eine gepackte Reisetasche. Die Polizei wollte die Identität des Mannes aber noch nicht bestätigen.

In der Nacht auf Mittwoch waren das Parlamentsgebäude selbst und mehr als 40 Anwohner evakuiert worden. Zuvor war der Verdächtige mit einem Bus aus Hönefoss nach Sandvika bei Oslo unterwegs. Auf der Fahrt soll er im angetrunkenen Zustand über einen bevorstehenden Anschlag auf das Stortinget gesprochen haben. Von Sandvika aus soll der Verdächtige mit dem Taxi weiter nach Oslo gefahren sein. Ein Mitreisender alarmierte die Polizei, die auf Grund des rechtsextremen Terroranschlags im Jahr 2011 die Drohung ernst nahm. Mittlerweile hieß es aus Norwegen, die Polizei habe die Drohungen als wenig konkret bezeichnet.

Screenshot der Seite der GDL
Screenshot der Seite der GDL

Rechtspopulistische und rechtsextreme Organisationen machen in dem skandinavischen Land weiter Stimmung gegen Muslime. Dabei kommt es auch zu tätlichen Übergriffen. In der vergangenen Woche wurde ein 41-jähriger Mann verurteilt, weil er in Sarpsborg einer Muslimin einen Gesichtschleier vom Kopf reißen wollte. Zudem beleidigte er die Frau als „verdammte Muslimin, die zur Hölle“ fahren solle und zeigt den Hitler-Gruß. Die Polizei betonte, ähnliche Hassverbrechen würden zumeist nicht angezeigt, daher gehe man von einer enormen Dunkelziffer aus.

Blinder Fleck?

Obwohl Breivik das mörderische Potential der rassistischen Islamkritik demonstriert hat, wird die Gefahr möglicherweise deutlich unterschätzt bzw. kaum analysiert. In Deutschland konzentrieren sich Sicherheitsbehörden nach dem NSU-Desaster auf die NS-Szene (was schon ein Fortschritt ist) und übersehen dabei möglicherweise das „islamkritische“ Milieu, das teilweise noch nicht einmal als rechtsextrem eingestuft wird , da „keine klassische rechtsextreme

Argumentation“ vorliegt. Besonders absurd erscheint in diesem Zusammenhang die Einschätzung von Bundesregierung und Verfassungsschutz, die im September 2011, also nach Breiviks Doppelanschlag, allen Ernstes mitteilte, dass man islamfeindliche Blogs wie PI-News nicht als rechtsextremistisch einschätze.  Islamkritische bis hin zu muslimfeindliche Einstellungsmuster seien “Ausdruck von Ängsten vor Überfremdung”, begründete die Regierung ihre empathische Einschätzung. Der Begriff “Überfremdung” ist übrigens ein zentraler Kampfbegriff der extremen Rechten.

Weiter hieß es, die überwiegende Mehrheit der Einträge auf PI bediene sich keiner klassischen rechtsextremistischen Argumentationsmuster, sondern sei „im islamkritischen Spektrum anzusiedeln“. Dieser Lesart zufolge ist auch Breivik kein Rechtsextremist, da er nicht “klassisch rechtsextrem” argumentiert.

Warnung vor NSU-Nachahmern

Nachdem der deutsche Inlandsgeheimdienst jahrelang überhaupt keinen Rechtsterrorismus erkannt haben wollte, warnt der VS nun, dass nach der NSU-Terrorserie Nachahmungstaten “denkbar” seien. Dabei haben die Behörden aber offenbar eine wichtige Sache übersehen, nämlich das Potential aus dem “islamkritischen” Milieu.

Der NSU ist ein Echo aus der Vergangenheit, wie die Journalisten Staud und Radke treffend formulierten – die Gewaltaufrufe der “Islamkritiker” sind hingegen Gegenwart. Das heißt nicht, dass man sich nur noch auf die rassistischen Islamkritiker konzentrieren sollte, aber man darf sie auch nicht einfach ignorieren. Denn das gedankliche Irrenhaus der „Reconquista“ führt fast zwangsläufig zur Gewalt.


Siehe auch: Die Internationale der Rechtsterroristen, Zwischen Breivik-Schlagzeilen und Blindheit,  Grass – der Sarrazin für Israelkritiker?Zwischen Ideologie, Todesstrafe und WahnsinnGianluca Casseri – der “italienische Breivik”“Breivik ist kein einsamer Verrückter”

Die Internationale der Rechtsterroristen


NSU, Breivik, der Anschlag auf Sikhs in den USA – und nun der vereitelte Terrorangriff auf das polnische Parlament: Rechtsextreme töten und bomben weltweit – scheinbar unabhängig voneinander. Doch die Internationale der Rechtsterroristen ist in Ideologie und Motivation vereint. Wie viele „Homegrown Terrorists“ noch losschlagen, kann niemand sagen – auch die Sicherheitsbehörden nicht.

Von Patrick Gensing

Polnische Medien veröffentlichten Bilder von den Waffen, die bei Bruno K. gefunden wurden.

Der radikale Nationalist Bruno K., der einen Anschlag auf das Parlament in Polen geplant hatte, hatte laut dem polnischen Ministerpräsident Donald Tusk Verbindungen zum norwegischen Attentäter Anders Behring Breivik, der im vergangenen Jahr in Norwegen 77 Menschen getötet hatte. Das berichtet tagesschau.de. „Er hat seine Faszination für Breivik nicht verhehlt“, sagte Tusk demnach.

Das polnische Fernsehen berichtete den Angaben zufolge, der Verdächtige habe Breiviks Methoden kopieren wollen. Diese hatte im Juli 2011 einen Bombenanschlag auf das Osloer Regierungsviertel verübt und dann auf der Insel Utöya unter den Teilnehmern eines Ferienlagers der sozialdemokratischen Jugend ein Massaker angerichtet. Tatmotiv des vereitelten Anschlags in Warschau seien Fremdenhass, Antisemitismus und Nationalismus. Ministerpräsident Tusk sprach von einer neuen und dramatischen Erfahrung. „Bisher hatten wir in Polen keine Erfahrung mit solchen Vorfällen“, sagte er. Die Ermittler waren auf K. aufmerksam geworden, da er im Netz offenbar Anschläge angedeutet hatte, wie die Gazetta Wyborca berichte.

Rechtsrocker schlägt los

Erst im Sommer hatte der Neonazi Wade Michael Page in den USA sechs Menschen erschossen, offenbar weil er sie für Muslime hielt. Ungezählte Male hatte der Rechtsrocker solche Gewalttaten zuvor propagiert – öffentlich. Page war Mitglied in mehreren NS-Hatecorebands, bei Gruppen wie   „Definite Hate“ und „End Apathy“ – Musik von weißen Rassisten für weiße Rassisten.

„Its 2010 and here we are to get rid of them
the enemies of the white race
here we are to get rid of them
we have got to win
if we fail our children will pay
we wont let that happen
ill see you in the end“
(End Apathy)

Die bekannteste seiner Bands dürften die „Blue eyed devils“ (BED) gewesen sein, bei denen er laut NYT angeblich Mitglied war. Das „Netz gegen Nazis“ schreibt, in Deutschland seien die „Blue Eyed Devils“ anfangs durch die Werbearbeit des „Blood & Honour“-nahen Versands „Hatesounds“ aus Werder (Brandenburg) bekannt geworden. Im Dezember 2009 sollen die BED angeblich auch in Sachsen-Anhalt aufgetreten sein, nach nicht bestätigten Berichten auf Szene-Seiten mit Faustrecht und Sleipnir (deren „unpolitisches“ Liedgut an einer deutschen Schulen bei der Abschlussfeier gesungen wurde…).

Nigger lover! Race traitor! Walk in shame and hide your face
Nigger lover! Race traitor! For false pride you sold out your race

So now it’s a civil war, white against white

Cause you’re a scared little bitch, an empty threat
And in this game you lost your bet
In the search for respect, what did you find
Are all this drugs fucking up your mind?
Kissing nigger ass, how does it taste?
You lost your dignity and sold out your race

On your knees, my gun to your head
Worthless scum you know what lies ahead
With the pull of the trigger, now you’re dead!

(BED – Walk in shame)

Im Jahr 2006 wurden BED zum Ian-Stuart-Gedächtnisfestival gemeinsam mit den deutschen Bands Kraftschlag und Oidoxie angekündigt. Das Konzert wurde dem Plakat zufolge von dem kriminellen Neonazi Sebastian S. organisiert – S. verkaufte zu dieser Zeit dem Inlandsgeheimdienstes namens Verfassungsschutz in NRW Informationen. Ein weiteres Kapitel in der skandalträchtigen Geschichte der Kooperation zwischen Staat und Neonazis.

Definite Hate bei Lastfm
Definite Hate bei Lastfm
Werbung des Labels56 für Page`s Band "Definite Hate"
Werbung des Labels56 für Page`s Band „Definite Hate“

Platten sowie Merchandise der oben erwähnten Bands gehören auch bei gut sortierten Neonazi-Versandhändlern ins Programm. So bietet Wewelsburg Records Musik von Definite Hate an, unter anderem bei FrontRecords aus Sachsen werden die BED verkauft. Der Versandhandel wird nach Angaben des Blogs gamma maßgeblich von Neonazis aus dem „Aryanbrotherhood“-Umfeld beeinflusst. Gamma zeigt auch ein Bild, auf dem ein Front-Records-Macher bewaffnet  zu sehen sein soll – eine Horde Neonazis, die sich als Chapter Leipzig der „arischen Bruderschaft“ bezeichnet.

Auch die Spuren der NSU-Unterstützerszene führten in die Musikszene, NSU-Mitglieder wurden Ende der 90er Jahre „Blood & Honour“ zugerechnet, weitere Hinweise führen zu „Arischen Bruderschaften“ sowie Hammerskins – exakt die Netzwerke, zu denen auch Page sowie dessen Bands gezählt werden können.


Interview mit Wade Page

Die taz berichtet derweil über weitere Spuren vom NSU-Umfeld zum KuKluxKlan. Amerikanischen Medien zufolge hatte sich auch Page um eine Mitgliedschaft beim Klan bemüht, eine seiner Bands, Definate Hate, spielte bei Treffen der Rassisten-Ritter.

Die Mär vom edlen Ritter

Auch Anders Breivik inszenierte sich als vermeintlich edler Ritter, der auf dem Kreuzzug sei. Der Norweger bediente sich in seiner Argumentation allerdings bei der „islamkritischen“ Internet-Sekte, die ihren Rassismus als Religionskritik verkleidet.

Breivik präsentierte sich der Weltöffentlichkeit in einer Fantasieuniform.
Breivik präsentierte sich der Weltöffentlichkeit in einer Fantasieuniform.

Bei Breivik ist nicht von Blut und Boden die Rede, er  verpackt seinen Hass als Kulturkampf gegen den Islam, der angeblich die ganze Welt beherrschen will. Diese modernisierte Form des Rassismus war in den vergangenen Jahren zur wirkungsmächtigsten Waffe der extremen Rechten geworden, die Sarrazin-Debatte kann in Sachen Breitenwirkung als Dammbruch gewertet werden, ähnlich wie beim Antisemitismus die Grass- und Beschneidungsdebatten.

Der Hass auf Muslime hat mittlerweile die Züge eines Ressentiments entwickelt, selbst Migranten, die gar nichts mit dem Islam oder sogar Islamismus am Hut haben, werden zur Teil einer weltweiten Verschwörung erklärt; die säkularen Migranten oder gemäßigten Muslime hätten die Aufgabe, die europäische Öffentlichkeit in Sicherheit zu wiegen, so das Hirngespinst. Jedes Argument gegen diese Theorie wird so zum Argument dafür; ein typisches Merkmal für Verschwörungslegenden.

Offene Gewaltaufrufe

Breivik hat seine Tat bereits begangen, anderen Protagonisten aus dieser Szene kann man praktisch beim Prozess der Radikalisierung zuschauen. Internet-Pranger, offene Gewaltaufrufe, Mitglieder der German Defence League, die offen den Aufbau einer Miliz verkünden  – nach Breiviks Massenmord an sozialdemokratischen Jugendlichen, die er als Kollaborateure des Islams ausgemacht hatte, haben sich einige „Islamkritiker“ verbal etwas gemäßigt – andere verlieren sich immer weiter im Gedankenbunker der „Reconquista“.

Aufruf des Bloggers Michael Mannheimer zu einem gewaltsamen Aufstand.
Aufruf des Bloggers Michael Mannheimer zu einem gewaltsamen Aufstand.

Besonders absurd erscheint in diesem Zusammenhang die Einschätzung von Bundesregierung und Verfassungsschutz, die im September 2011, also nach Breiviks Doppelanschlag, allen Ernstes mitteilte, dass man islamfeindliche Blogs wie PI-News nicht als rechtsextremistisch einschätze.  Islamkritische bis hin zu muslimfeindliche Einstellungsmuster seien “Ausdruck von Ängsten vor Überfremdung”, begründete die Regierung diese Einschätzung. Der Begriff “Überfremdung” ist übrigens ein zentraler Kampfbegriff der extremen Rechten.

Weiter hieß es, die überwiegende Mehrheit der Einträge auf PI bediene sich keiner klassischen rechtsextremistischen Argumentationsmuster, sondern sei „im islamkritischen Spektrum anzusiedeln“. Dieser Lesart zufolge ist auch Breivik kein Rechtsextremist, da er nicht “klassisch rechtsextrem” argumentiert. 

Warnung vor NSU-Nachahmern

Nachdem der Inlandsgeheimdienst jahrelang überhaupt keinen Rechtsterrorismus erkannt haben wollte, warnt der VS nun, dass nach der NSU-Terrorserie Nachahmungstaten „denkbar“ seien. Dabei haben die Behörden aber eine wichtige Sache übersehen, nämlich das Potential aus dem „islamkritischen“ Milieu. Der NSU ist ein Echo aus der Vergangenheit, wie die Journalisten Staud und Radke treffend formulierten – die Gewaltaufrufe der „Islamkritiker“ sind hingegen die Gegenwart.

Das FBI betonte im Fall Page, man habe nicht damit rechnen können, dass der Neonazi eine solche Tat beginge. Auch der Verfassungsschutz muss nun einräumen, dass man im Prinzip kaum Möglichkeiten hat, potentielle Rechtsterroristen zu stoppen: „Der unvermittelte Angriff auf Menschen, die dem Feindbild der rechtsextremistischen Szene entsprechen [und das sind viele Millionen Menschen, PG], könnte von potentiellen Nachahmern als Strategie nach der vom NSU verwandten These „Taten statt Worte“ verstanden werden. […] Die „Wiederentdeckung“ von Konzepten der Vergangenheit (z.B. „leaderless resistance“) ist ebenso vorstellbar wie eine Beeinflussung durch Vorgehensweisen von Terroristen anderer Phänomenbereiche. Dort wie hier erhöht sich infolge der vielfältigen Möglichkeiten internetbasierter Kommunikation die Gefahr von Gewalttaten durch selbstradikalisierte Einzeltäter oder Kleinstgruppen.“

Leben im "Untergrund": Urlaubsfotos von Böhnhardt und Zschäpe im Jahr 2004
Leben im „Untergrund“: Urlaubsfotos von Böhnhardt und Zschäpe im Jahr 2004

Der Angriff von rechts

Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die biographischen Ähnlichkeiten bei Breivik, Bönhardt, Mundlos und Page – allesamt ledig, geboren innerhalb einer Dekade: Page 1971, Mundlos 1973, Böhnhardt 1977, Breivik 1979. Weiße, ledige Männer, die sich seit Jahren radikalisieren – wie viele solcher rassistischen Zeitbomben noch herumlaufen und wann diese hochgehen, darüber kann nur spekuliert werden. Ein Blick ins Internet auf Kommentarspalten oder Rechtsrock-Lieder reicht, um zu erahnen, welches Potential hier zumindest schlummert.

Ich bin ein Nationaler Sozialist
Ein geistiger Brandstifter, Antisemitist
Ein Staatsfeind, ein ewig Gestriger und toller Rassist
Ein Idealist, ein brauner Terrorist

(Sturm 18 – brauner Terrorist)

Wehret den Anfängen? Dieser Spruch kommt satte 25 Jahre zu spät, damals hätte man die Anfänge dieser internationalen Rassisten-Bewegung, den Rechtsrock, noch leicht zerschlagen können, doch die Ignoranz war grenzenlos.

Der nette Terrorist von nebenan

Das soziale Umfeld des amerikanischen Rassisten Page äußerte sich US-Medien zufolge vollkommen überrascht – und natürlich schockiert über die Tat. Page sei ein unauffälliger Typ gewesen. Ähnliches wurde über Breivik berichtet.

Auch die NSU-Terroristen werden von Nachbarn als nett und hilfsbereit beschrieben. Ganz fürchterlich normale Männer in den besten Jahren, keine langen Bärte, kein obskurer Besuch von schwarzhaarigen Fremden – die Rechtsterroristen sind Paradebeispiele für den Homegrown Terrorism – hausgemachter Terrorismus. In Polen war der angebliche Rechtsterrorist bislang wissenschaftlicher Mitarbeiter der landwirtschaftlichen Hochschule Krakau.

Angesichts der rechtsterroristischen Aktivitäten lässt sich  von einer ganzen Serie von Anschlägen sprechen, denn auch in Italien gab es bereits einen „Breivik“, der vor rund einem Jahr zwei Menschen erschoss, weil sie schwarz waren.

Eine größere Debatte über die Zusammenhänge der Taten ist bislang ausgeblieben. Hätten Islamisten in Europa und den USA innerhalb von zwei Jahren fast 100 Menschen ermordet und beinahe ein Parlament in die Luft gejagt, wäre dies wohl „etwas“ anders.

Alle Meldungen zum Rechtsterrorismus.

Der Kreuzzug als Dschihad

Die selbsterklärten Verteidiger der europäischen Kultur erweisen sich einmal mehr als deren größten Feinde. Sie wollen die gesellschaftliche Auseinandersetzung zu einem Freund-Feind-Schema erstarren lassen, um den großen Schlag vorzubereiten. Der Rechtsterrorist Breivik verstand sich als Vollstrecker dieser Weltsicht.

Von Volker Weiß*

Mit dem Osloer Urteil ist es amtlich: Die Tat des Anders Behring Breivik ist dem politischen Terrorismus entsprungen, nicht dem pathologischen Wahn. In der Urteilsfindung spielte die psychische Zurechnungsfähigkeit des Norwegers eine zentrale Rolle.

Das ist zu begrüßen, wenn es auch schwerfällt, den „Tempelritter“, der mit Autobombe und Massenerschießungen in den Heiligen Krieg zur Rettung des Abendlandes zog, nicht für wahnsinnig zu halten. Dessen zusammengestoppelten Ausführungen zu einer „konservativen Revolution“ boten reichlich wirres Zeug. Doch wäre es zu einfach, die Vorstellungen des Täters zu einem medizinischen Problem zu reduzieren. Aus heutiger Perspektive zeugen auch die Kriegsschriften manch aufrechter Patrioten des 19. und 20. Jahrhunderts von ausgesprochen pathologischen Gemütern. Vor allem, wenn die Religion ins Spiel kam, waren anständige Bürger großzügig darin, das Blut der Feinde zu vergießen. Der politische Wahn hat eben seine eigene Rationalität.

Breiviks Wahl der Mittel entsprach seiner politischen Botschaft: Der Kreuzzug als Dschihad. Wie so oft gab die Tat Auskunft über den Täter und sein Ressentiment. Während Breivik diejenigen, die vor den Umständen in Bagdad, Beirut oder Damaskus nach Europa geflohen sind, der Zerstörung der autochthonen Kultur bezichtigte, verwandelte er selbst die Innenstadt von Oslo und die Ferieninsel Utøya in ein Krisengebiet.

Richterin Wenche Elizabeth Arntzen wies in der Urteilsbegründung darauf hin, dass die Einschätzung der Tat als eine politische zugleich die Gesellschaft mit ihren eigenen faschistischen Potentialen konfrontiere. Da Breivik nicht einfach verrückt ist, steht er also für eine Ideologie. Diese ist nicht sonderlich komplex, aber eingängig. Inzwischen geistert die Erklärung einer „zweiten Zelle“ durch das Netz, die ihrem „Kommandeur“ nacheifern möchte. Ihre Authentizität ist äußerst fragwürdig, aber der Text beweist, wie leicht sich Breiviks Inhalte und Diktion kopieren lassen.

Auch der norwegische Blogger Peder Jensen, alias Fjordman, fand vor Gericht Erwähnung. Seine Schriften hielten maßgeblich Einzug in Breiviks Manifest. Fjordman hat auch Bewunderer in Deutschland. Bereits im letzten Jahr erschien in der Edition Antaios, einem an das Institut für Staatspolitik angegliederten Kleinverlag, eine kommentierte deutsche Übersetzung seiner Texte mit dem Titel „Europa verteidigen“. Die Herausgeber Martin Lichtmesz und Manfred Kleine-Hartlage, als Verfechter der „konservativen Revolution“ in Deutschland in einschlägigen Zirkeln zwischen den Zeitschriften „Junge Freiheit“, „Sezession“ und der Pro-Bewegung präsent, teilen seine politische Agenda. In ihrem Kommentar bemühen sie sich um eine Rettung des norwegischen Bloggers vor Breivik, seinem größten Fan.

Der Attentäter inszeniert sich als "Marxist Hunter".
Der Attentäter inszeniert sich als „Marxist Hunter“.

Dabei ist ihr Weltbild in den wesentlichen Punkten identisch: Die Reiter der Apokalypse Dekadenz – Einwanderung, Sozialstaat, Europäische Union und Geschlechtergleichstellung – galoppierten demnach allesamt im Schatten des „Kulturmarxismus“. Der liberale Wandel der westlichen Nachkriegsgesellschaften wird damit als Produkt einer Verschwörung gesehen, als deren Agenten die 68er und ihre theoretischen Stichwortgeber aus der Kritischen Theorie denunziert werden. Zur Abwehr dieser Verschwörung müsse die globale Nachkriegsordnung revidiert werden. Spätestens in dieser paranoiden Konstruktion schwinden die Grenzen zu einer Zeitdiagnostik, wie sie etwa auch in den Reihen der NPD verbreitet ist.

Fjordman zieht die Grenzen zwischen Freund und Feind unmissverständlich. Für ihn sind gerade „moderate Moslems“ keine verlässlichen Dialogpartner, sondern allenfalls Wölfe im Schafspelz. In dieser Sicht wird der Islam zur reinen Bedrohung Andersgläubiger, völlig abgekoppelt von den historischen und gesellschaftlichen Umständen. Dass andere Religionen ähnliches formulierten und sich im Laufe der Geschichte dennoch zu mäßigen wussten, wird in dieser Betrachtung getrost unterschlagen. So erscheint der Islam insgesamt als eine Art „ewiger Fundamentalismus“, der seinen Anhängern unabänderlich anhaftet. Folgerichtig unterläuft dem Blogger in der Darstellung des nahöstlichen Terrorismus ein  Schnitzer: PFLP-Gründer Georg Habasch war kein Moslem, sondern christlicher Palästinenser. Doch solche Differenzierungen stören nur die Agitation.

Fjordmans Ziel, und das seiner deutschen Unterstützer, ist es, die gesellschaftliche Auseinandersetzung zu einem Freund-Feind-Schema erstarren zu lassen, um den großen Schlag vorzubereiten. Breivik verstand sich als Vollstrecker dieser Weltsicht. Damit erweisen sich die selbsterklärten Verteidiger der europäischen Kultur einmal mehr als deren größten Feinde. Es ist zu befürchten, dass sie nicht allein bleiben. Die ökonomische und politische Krise hat schon die islamischen Gesellschaften in eine tiefe kulturelle Regression geführt, die Verfechter der „europäischen Unabhängigkeit“ eifern ihnen längst nach.

Siehe auch: Teil einer ideologischen SubkulturDie Internationale der Rechtsterroristen

*Volker Weiß ist Autor des Buchs Angriff der Eliten: Von Spengler bis Sarrazin

Teil einer ideologischen Subkultur

Der Rechtsterrorist Anders Breivik ist zu 21 Jahren Haft verurteilt worden – und wird auch danach wahrscheinlich nicht mehr frei kommen. Die Richter am Amtsgericht in Oslo urteilten, Breivik sei zurechnungsfähig, er habe aus ideologischen Motiven gemordet. Die „islamkritische“ Internet-Sekte hatte versucht, Breivik als Wahnsinnigen darzustellen, was von Experten und Richtern nun widerlegt wurde. Eine Zusammenfassung von Breiviks Ideologie, die zum Terror führte.

Von Patrick Gensing

In einem „Manifest“ hat Breivik seine Ideologie ausführlich dargelegt. Das Kompendium besteht aus drei Teilen, das erste Buch gibt einen subjektiven Überblick über die europäische Geschichte, der Schwerpunkt liegt hier in einer Beschreibung des Islams als gewalttätige Religion; die Texte kopierte Breivik überwiegend aus dem Internet.  Buch 2 bezeichnete Breivik als den ideologischen Teil, aber auch hier schrieb der Rechtsterrorist nur Auszüge selbst, bediente sich ebenfalls umfangreich im Netz. Buch 3, von Breivik selbst verfasst, beschreibt einen Bürgerkrieg um Europa und die Vorbereitungen auf die Terroranschläge vom 22. Juli 2011.

Rechtsextreme Ideologie

Breiviks Ideologie lässt sich eindeutig als rechtsextrem bezeichnen, eine Mischung aus Rassismus, Militarismus und Verschwörungslegenden. So meint der Rechtsterrorist, die Norweger wären seit den 1960er Jahren einer „ethnischen Dekonstruktion“ ausgesetzt – schuld sei die Arbeiterpartei, die das Land für Einwanderung geöffnet habe. Die norwegischen Ureinwohner würden aussterben, das skandinavische Land von muslimischen Migranten übernommen. Diesen Prozess fasst Breivik als Multikulturalismus zusammen, ein Projekt, das von europäischen Eliten, Politikern und Medien im Verborgenen betrieben werde. Eine wirkliche Meinungsfreiheit existiere nicht, meint Breivik.

Auch von einer Demokratie könne keine Rede sein, Breivik schrieb viel mehr von einer „kulturmarxistischen Diktatur“. Dagegen helfe nur ein bewaffneter Aufstand. Sein Doppelanschlag sollte eine „Hetzjagd“ auf Konservative und Nationalisten provozieren, die dadurch radikalisiert würden. Breivik betonte als Gegenbewegung zum Islam die christliche Religion und vermutete hier Verbündete. Er  bezeichnet sich selbst als Ultranationalist und Werkzeug der Revolution. Die Anschläge vom 22. Juli seien ein präventiver Angriff gewesen – zur Verteidigung des norwegischen Volks und der Kultur. Der Massenmörder bezog sich dabei auf die Menschenrechte – diese legitimierten angeblich die Verteidigung der eigenen Ethnie und Kultur.

Angebliche Konfrontation mit Migranten

Breivik hatte sich als Jugendlicher nach eigenen Angaben durch Konfrontationen mit Migranten in Oslo radikalisiert. Keiner seiner ehemaligen Freunde konnte diese Darstellung bestätigen, stellte das Gericht fest. Die Richter gingen daher davon aus, dass Breiviks rechtsextreme Einstellungen vor allem durch Kontakte im Netz verstärkt wurden. Das Gericht betonte, dass Breiviks Ausländerfeindlichkeit auch von anderen Menschen in Norwegen geteilt wird. Besonders die Anschläge am 11. September 2001 sowie der Karikaturenstreit in Dänemark hätten antimuslimische Strömungen verstärkt. Auch die Verschwörungslegenden über den Islam seien verbreitet – doch die wenigsten „Islamkritiker“ seien dafür, mit Terroranschlägen gegen die angebliche Islamisierung zu kämpfen, betonte die Richterin mit Bezug auf Fachleute.

Das Gericht behandelte in seiner Urteilsbegründung auch das Spielen von World of Warcraft. Breivik habe dieses Spiel über Monate täglich bis zu 16 Stunden gespielt. Dort habe er verschiedene Charaktere gesteuert, einer hieß „Conservatism“. Breivik war als Offizier in dem Spiel tätig und wurde von einem Mitspieler als sozial kompetent und ausgesprochen fähig beschrieben.

Der Attentäter inszeniert sich als "Marxist Hunter" - alles unpolitisch?
Der Attentäter inszeniert sich als „Marxist Hunter“ – alles unpolitisch?

Breivik legte bei seiner Tat und dem Prozess eine zynische Sachlichkeit an den Tag: Sein Handeln sei stets zielorientiert gewesen, berichteten Bekannte als Zeugen. Breivik zeigte bei seinen Taten eine totale emotionale Distanz und benutzte eine operationalisierte Sprache. Nur bei der Vorführung des Propagandavideos weinte er, Gefühle hat er also. Die Richter betonten, Breivik sei zurechnungsfähig. Es gebe eine Subkultur, die Breiviks Auffassungen teilten. Daher gebe es keine Basis für eine rein individuelle Wahnvorstellungen.

Breivik konnte nach der Urteilsbegründung noch ein Statement abgeben. Dabei entschuldigte er sich bei anderen militanten Faschisten, nicht noch mehr Menschen getötet zu haben. Er lege keine Berufung gegen das Urteil ein, da er das Gericht nicht anerkenne. Dass Breivik sich im Krieg wähnt, zeigt auch ein Blick auf die Todesursache viele seiner Opfer. Breivk schoss vielen sozialdemokratischen Jugendlichen auf Utöya erst in den Oberkörper – und anschließend in den Kopf. Breivik bezeichnete dies als „Sicherheitsschuss“.

FrP hetzt weiter

Derweil hetzt die Fortschritsspartei (FrP) in Norwegen weiter offen gegen Muslime. Frank Willy Djuvik, FrP-Politiker aus dem Teilstaat Sogn und Fjordane, schrieb laut NRK in seinem Blog, er hasse Muslime und den Islam. Andere FrP-Politiker forderten Ministerpräsident Stoltenberg zum Rücktritt auf, da er das Land geschwächt habe – und stellten den Sozialdemokraten mit Breivik auf eine Stufe. Stoltenberg habe zudem zu wenig gegen den Terror unternomen, kritisiert ein anderer Politiker der FrP – das ist übrigens die  Partei, in der Breivik einst Mitglied war.

Alle Meldungen zu Breivik.

Die Internationale der Rechtsterroristen

NSU, Breivik und nun der Anschlag auf Sikhs in den USA: Rechtsextreme töten weltweit – scheinbar unabhängig voneinander. Doch die Internationale der Rechtsterroristen ist in Ideologie und Motivation vereint. Wie viele „Homegrown Terrorists“ noch losschlagen, kann niemand sagen – auch die Sicherheitsbehörden nicht.

Von Patrick Gensing

Sechs Menschen hat der Neonazi Wade Michael Page in den USA erschossen, offenbar weil er sie für Muslime hielt. Ungezählte Male hatte der Rechtsrocker solche Gewalttaten zuvor propagiert – öffentlich. Page war Mitglied in mehreren NS-Hatecorebands, bei Gruppen wie   „Definite Hate“ und „End Apathy“ – Musik von weißen Rassisten für weiße Rassisten.

„Its 2010 and here we are to get rid of them
the enemies of the white race
here we are to get rid of them
we have got to win
if we fail our children will pay
we wont let that happen
ill see you in the end“
(End Apathy)

Die bekannteste seiner Bands dürften die „Blue eyed devils“ (BED) gewesen sein, bei denen er laut NYT angeblich Mitglied war. Das „Netz gegen Nazis“ schreibt, in Deutschland seien die „Blue Eyed Devils“ anfangs durch die Werbearbeit des „Blood & Honour“-nahen Versands „Hatesounds“ aus Werder (Brandenburg) bekannt geworden. Im Dezember 2009 sollen die BED angeblich auch in Sachsen-Anhalt aufgetreten sein, nach nicht bestätigten Berichten auf Szene-Seiten mit Faustrecht und Sleipnir (deren „unpolitisches“ Liedgut an einer deutschen Schulen bei der Abschlussfeier gesungen wurde…).

Nigger lover! Race traitor! Walk in shame and hide your face
Nigger lover! Race traitor! For false pride you sold out your race

So now it’s a civil war, white against white

Cause you’re a scared little bitch, an empty threat
And in this game you lost your bet
In the search for respect, what did you find
Are all this drugs fucking up your mind?
Kissing nigger ass, how does it taste?
You lost your dignity and sold out your race

On your knees, my gun to your head
Worthless scum you know what lies ahead
With the pull of the trigger, now you’re dead!

(BED – Walk in shame)

Im Jahr 2006 wurden BED zum Ian-Stuart-Gedächtnisfestival gemeinsam mit den deutschen Bands Kraftschlag und Oidoxie angekündigt. Das Konzert wurde dem Plakat zufolge von dem kriminellen Neonazi Sebastian S. organisiert – S. verkaufte zu dieser Zeit dem Inlandsgeheimdienstes namens Verfassungsschutz in NRW Informationen. Ein weiteres Kapitel in der skandalträchtigen Geschichte der Kooperation zwischen Staat und Neonazis.

Definite Hate bei Lastfm
Definite Hate bei Lastfm
Werbung des Labels56 für Page`s Band "Definite Hate"
Werbung des Labels56 für Page`s Band „Definite Hate“

Platten sowie Merchandise der oben erwähnten Bands gehören auch bei gut sortierten Neonazi-Versandhändlern ins Programm. So bietet Wewelsburg Records Musik von Definite Hate an, unter anderem bei FrontRecords aus Sachsen werden die BED verkauft. Der Versandhandel wird nach Angaben des Blogs gamma maßgeblich von Neonazis aus dem „Aryanbrotherhood“-Umfeld beeinflusst. Gamma zeigt auch ein Bild, auf dem ein Front-Records-Macher bewaffnet  zu sehen sein soll – eine Horde Neonazis, die sich als Chapter Leipzig der „arischen Bruderschaft“ bezeichnet.

Auch die Spuren der NSU-Unterstützerszene führten in die Musikszene, NSU-Mitglieder wurden Ende der 90er Jahre „Blood & Honour“ zugerechnet, weitere Hinweise führen zu „Arischen Bruderschaften“ sowie Hammerskins – exakt die Netzwerke, zu denen auch Page sowie dessen Bands gezählt werden können.


Interview mit Wade Page

Die taz berichtet derweil über weitere Spuren vom NSU-Umfeld zum KuKluxKlan. Amerikanischen Medien zufolge hatte sich auch Page um eine Mitgliedschaft beim Klan bemüht, eine seiner Bands, Definate Hate, spielte bei Treffen der Rassisten-Ritter.

Die Mär vom edlen Ritter

Auch Anders Breivik inszenierte sich als vermeintlich edler Ritter, der auf dem Kreuzzug sei. Der Norweger, gegen den am 24. August in Oslo das Urteil gesprochen werden soll, bediente sich in seiner Argumentation allerdings bei der „islamkritischen“ Internet-Sekte, die ihren Rassismus als Religionskritik verkleidet.

Breivik präsentierte sich der Weltöffentlichkeit in einer Fantasieuniform.
Breivik präsentierte sich der Weltöffentlichkeit in einer Fantasieuniform.

Bei Breivik ist nicht von Blut und Boden die Rede, er  verpackt seinen Hass als Kulturkampf gegen den Islam, der angeblich die ganze Welt beherrschen will. Diese modernisierte Form des Rassismus war in den vergangenen Jahren zur wirkungsmächtigsten Waffe der extremen Rechten geworden, die Sarrazin-Debatte kann in Sachen Breitenwirkung als Dammbruch gewertet werden, ähnlich wie beim Antisemitismus die Grass- und Beschneidungsdebatten.

Der Hass auf Muslime hat mittlerweile die Züge eines Ressentiments entwickelt, selbst Migranten, die gar nichts mit dem Islam oder sogar Islamismus am Hut haben, werden zur Teil einer weltweiten Verschwörung erklärt; die säkularen Migranten oder gemäßigten Muslime hätten die Aufgabe, die europäische Öffentlichkeit in Sicherheit zu wiegen, so das Hirngespinst. Jedes Argument gegen diese Theorie wird so zum Argument dafür; ein typisches Merkmal für Verschwörungslegenden.

Offene Gewaltaufrufe

Breivik hat seine Tat bereits begangen, anderen Protagonisten aus dieser Szene kann man praktisch beim Prozess der Radikalisierung zuschauen. Internet-Pranger, offene Gewaltaufrufe – nach Breiviks Massenmord an sozialdemokratischen Jugendlichen, die er als Kollaborateure des Islams ausgemacht hatte, haben sich einige „Islamkritiker“ verbal etwas gemäßigt – andere verlieren sich immer weiter im Gedankenbunker der „Reconquista“.

Aufruf des Bloggers Michael Mannheimer zu einem gewaltsamen Aufstand.
Aufruf des Bloggers Michael Mannheimer zu einem gewaltsamen Aufstand.

Besonders absurd erscheint in diesem Zusammenhang die Einschätzung von Bundesregierung und Verfassungsschutz, die im September 2011, also nach Breiviks Doppelanschlag, allen Ernstes mitteilte, dass man islamfeindliche Blogs wie PI-News nicht als rechtsextremistisch einschätze.  Islamkritische bis hin zu muslimfeindliche Einstellungsmuster seien “Ausdruck von Ängsten vor Überfremdung”, begründete die Regierung diese Einschätzung. Der Begriff “Überfremdung” ist übrigens ein zentraler Kampfbegriff der extremen Rechten.

Weiter hieß es, die überwiegende Mehrheit der Einträge auf PI bediene sich keiner klassischen rechtsextremistischen Argumentationsmuster, sondern sei „im islamkritischen Spektrum anzusiedeln“. Dieser Lesart zufolge ist auch Breivik kein Rechtsextremist, da er nicht “klassisch rechtsextrem” argumentiert. 

Warnung vor NSU-Nachahmern

Nachdem der Inlandsgeheimdienst jahrelang überhaupt keinen Rechtsterrorismus erkannt haben wollte, warnt der VS nun, dass nach der NSU-Terrorserie Nachahmungstaten „denkbar“ seien. Dabei haben die Behörden aber eine wichtige Sache übersehen, nämlich das Potential aus dem „islamkritischen“ Milieu. Der NSU ist ein Echo aus der Vergangenheit, wie die Journalisten Staud und Radke treffend formulierten – die Gewaltaufrufe der „Islamkritiker“ sind hingegen die Gegenwart.

Das FBI betonte im Fall Page, man habe nicht damit rechnen können, dass der Neonazi eine solche Tat beginge. Auch der Verfassungsschutz muss nun einräumen, dass man im Prinzip kaum Möglichkeiten hat, potentielle Rechtsterroristen zu stoppen: „Der unvermittelte Angriff auf Menschen, die dem Feindbild der rechtsextremistischen Szene entsprechen [und das sind viele Millionen Menschen, PG], könnte von potentiellen Nachahmern als Strategie nach der vom NSU verwandten These „Taten statt Worte“ verstanden werden. […] Die „Wiederentdeckung“ von Konzepten der Vergangenheit (z.B. „leaderless resistance“) ist ebenso vorstellbar wie eine Beeinflussung durch Vorgehensweisen von Terroristen anderer Phänomenbereiche. Dort wie hier erhöht sich infolge der vielfältigen Möglichkeiten internetbasierter Kommunikation die Gefahr von Gewalttaten durch selbstradikalisierte Einzeltäter oder Kleinstgruppen.“

Leben im "Untergrund": Urlaubsfotos von Böhnhardt und Zschäpe im Jahr 2004
Leben im „Untergrund“: Urlaubsfotos von Böhnhardt und Zschäpe im Jahr 2004

Der Angriff von rechts

Bemerkenswert sind in diesem Zusammenhang die biographischen Ähnlichkeiten bei Breivik, Bönhardt, Mundlos und Page – allesamt ledig, geboren innerhalb einer Dekade: Page 1971, Mundlos 1973, Böhnhardt 1977, Breivik 1979. Weiße, ledige Männer, die sich seit Jahren radikalisieren – wie viele solcher rassistischen Zeitbomben noch herumlaufen und wann diese hochgehen, darüber kann nur spekuliert werden. Ein Blick ins Internet auf Kommentarspalten oder Rechtsrock-Lieder reicht, um zu erahnen, welches Potential hier zumindest schlummert.

Ich bin ein Nationaler Sozialist
Ein geistiger Brandstifter, Antisemitist
Ein Staatsfeind, ein ewig Gestriger und toller Rassist
Ein Idealist, ein brauner Terrorist

(Sturm 18 – brauner Terrorist)

Wehret den Anfängen? Dieser Spruch kommt satte 25 Jahre zu spät, damals hätte man die Anfänge dieser internationalen Rassisten-Bewegung, den Rechtsrock, noch leicht zerschlagen können, doch die Ignoranz war grenzenlos.

Der nette Terrorist von nebenan

Das soziale Umfeld des amerikanischen Rassisten Page äußerte sich US-Medien zufolge vollkommen überrascht – und natürlich schockiert über die Tat. Page sei ein unauffälliger Typ gewesen. Ähnliches wurde über Breivik berichtet.

Auch die NSU-Terroristen werden von Nachbarn als nett und hilfsbereit beschrieben. Ganz fürchterlich normale Männer in den besten Jahren, keine langen Bärte, kein obskurer Besuch von schwarzhaarigen Fremden – die Rechtsterroristen sind Paradebeispiele für den Homegrown Terrorism – hausgemachter Terrorismus.


„Die Toten ehren – und sich über das Leben freuen!“

Ein Jahr nach dem Terrorangriff des Rechtsextremisten Anders Breivik hat Norwegen der 77 Opfer gedacht. „Wir lassen uns nicht verändern“, betonte Ministerpräsident Stoltenberg in seiner Rede im Regierungsviertel, wo am 22. Juli 2011 zunächst eine Autobombe  explodierte, bevor der rechtsextreme Attentäter auf Utöya sozialdemokratische Jugendliche erschoss.

Von Patrick Gensing

Breivik habe viele Leben genommen und unfassbares Leid angerichtet, so Stoltenberg. Die Bombe und die Schüsse sollten Norwegen verändern, doch das norwegische Volk antwortete damit, seine Werte zu verteidigen.

„Väter und Mütter haben in den vergangenen zwölf Monaten über ihre geliebten Söhne und Töchter geweint, als sie neben ihren leeren Betten saßen“, sagte Stoltenberg. Auch tausende andere Menschen, Geschwister, Großeltern, Freunde und Kollegen, hätten Verzweiflung gespürt. „Es war ein schweres Jahr“, betonte Stoltenberg.

Doch nun gelte es auch, in eine hellere Zukunft zu schauen. „Lasst uns die Toten ehren – und uns über das Leben freuen!“ Stoltenberg sprach von einer Generation „22. Juli“, welche Norwegens Zukunft sei. Das Verbrechen sei nun ein Teil der norwegischen Identität; die Lehre daraus sei, Hasspropaganda im Netz nicht mehr zu ignorieren. Zuvor habe es zuviel Gleichgültigkeit bei diesem Thema gegeben.

Norwegen trauert um die Opfer des rechtsextremen Doppelanschlags: Blumenmeer vor der Domkirche in Oslo (Foto: Rotes Kreuz Norwegen)
Norwegen trauert um die Opfer des rechtsextremen Doppelanschlags: Blumenmeer vor der Domkirche in Oslo (Foto: Rotes Kreuz Norwegen)

Den ganzen Tag über finden in Norwegen Gedenkveranstaltungen und Gottesdienste zur Erinnerung an die Opfer statt. Auf Utöya fanden sich die Angehörigen von 60 der 69 Opfer ein, um dort um die Toten zu trauern. Die meisten wollten dort alleine umhergehen sagte ein Helfer dem norwegischen Fernsehen NRK. Die Angehörigen hatten Kerzen, Bilder und Freunde oder Verwandte bei sich, um diesen schweren Weg zu gehen.

Das norwegische Fernsehen überträgt die Feierlichkeiten. Hier der Livestream.

Siehe auch: Zwischen Breivik-Schlagzeilen und BlindheitZwischen Ideologie, Todesstrafe und Wahnsinn