Europa: Im Zweifel rechts

Marine Le Pen und der bulgarische Nationalist Volen Siderov (Foto: HomoByzantinus)
Marine Le Pen und der bulgarische Nationalist Volen Siderov (Foto: HomoByzantinus)

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Rechtspopulismus. So könnte man die derzeitige politische Entwicklung in großen Teilen des Kontinents zusammenfassen. Bemerkenswert ist, dass die neuen Rechten in diversen Staaten punkten und der neue Rechtspopulismus zunehmend von Frauen geprägt wird. SPD-Chef Gabriel will die populistischen Strategien derweil imitieren.

Von Patrick Gensing

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Das neue Utøya erwacht zu Leben

Das neue Utöya

Fast vier Jahre ist es her, dass der Rechtsterrorist Anders Breivik auf der norwegischen Insel Utøya 69 Menschen ermordete. Nun erwacht die Insel zu neuem Leben: In wenigen Tagen findet das erste Sommerlager seit dem Anschlag auf der Insel statt – mit einem Rekord, was die Teilnehmerzahl angeht. 

Von Patrick Gensing

„Lasst uns die Toten ehren – und uns über das Leben freuen!“ Mit diesen Worten versuchte der damalige Ministerpräsident Norwegens, Jens Stoltenberg, am ersten Jahrestag des Doppelanschlags vom 22. Juli 2011 den Blick wieder behutsam in die Zukunft zu richten.

Zum zweiten Jahrestag wurde die Insel für drei Tage für Angehörige der Opfer und Überlebende geöffnet, um ihrer geliebten Menschen zu gedenken, um das Erlebte zu verarbeiten.

Mittlerweile sind fast vier Jahre vergangen. Und in diesem Sommer findet das traditionelle Sommerferienlager der AUF, der Jugendorganisation der Arbeiterpartei, wieder auf Utøya statt. 800 bis 1000 Jugendliche werden dort laut norwegischen Medienberichten erwartet. Ein Rekord. Dies zeige, dass der Terror die Arbeit der AUF nicht stoppen könne, betont der 17-jährige Felix Volpe im norwegischen Rundfunk.

Seite für das "neue Utöya" http://www.utoya.no/
Seite für das „neue Utöya“ http://www.utoya.no/

Breivik wollte den Nachwuchs der Arbeiterpartei als Träger der Idee des Multikulturalismus auslöschen, doch nach dem Doppelanschlag traten Hunderte Jugendliche der Arbeiterjugend bei, die Zahl der Mitglieder wuchs deutlich.

Auf dem „Neuen Utøya“ stehen mittlerweile einige Neubauten, eine Gedenkstätte soll an die Opfer erinnern. Vier Jahre nach dem rechtsextremen Anschlag erwacht Utøya wieder zu neuem Leben.

Gefangener bedroht Breivik

Anders Breivik sitzt unterdessen in einem Hochsicherheitstrakt im norwegischen Provinz Telemark seine Haftstrafe ab. Wie norwegische Medien berichteten, wurde er nun von einem anderen Gefangenen bedroht: Ein Mann drang bis zu einer Tür zu Breiviks Zelle vor, hämmerte dagegen und drohte, den Terroristen umzubringen. Wie es zu dieser Sicherheitslücke kommen konnte, ist bislang unklar.

Lachen, quälen, männlich sein

Der Attentäter inszeniert sich als "Marxist Hunter".

“Hab dem meine Finger in die Nase gesteckt. Und gewürgt. War witzig.” – Auch in Hannover sind Flüchtlinge offenkundig misshandelt worden. Warum amüsieren sich Männer darüber, wenn sie aus einer Position der Macht Schwächere demütigen und quälen können?

Von Patrick Gensing

“Hab den weggeschlagen. Nen Afghanen. Mit Einreiseverbot. Hab dem meine Finger in die Nase gesteckt. Und gewürgt. War witzig. Und an den Fußfesseln durch die Wache geschliffen. Das war so schön.”

Mit diesen Worten soll ein Polizist laut NDR-Recherchen gegenüber einem Kollegen mit seinen “Heldentaten” geprahlt haben. Das 19-jährige Opfer war dem uniformierten Täter schutzlos ausgeliefert: Der Afghane war Bundespolizisten demnach wegen geringfügiger Verstöße aufgefallen. Unter anderem war er in einem Schnellimbiss im Hauptbahnhof ohne gültigen Pass angetroffen worden. Im Polizeigewahrsam hatte mindestens ein Polizist dann offenkundig freie Hand.

Besonders auffällig ist, wie der mutmaßliche Täter in der zitierten Whats-App-Nachricht seine Freude betont: Es sei “witzig” und “so schön” gewesen, das Opfer zu misshandeln. Zudem habe ein Bundespolizist in Anwesenheit von mehreren Kollegen einen anderen Beamten mit der Waffe bedroht und ihn zu sexuellen Handlungen aufgefordert. Wie ist so etwas zu erklären?

Von Macht und Männlichkeit

Der Polizist beschreibt die Misshandlungen bildlich, er brüstet sich damit – wenn auch nur gegenüber einem sehr begrenzten Empfängerkreis; aus naheliegenden Gründen, denn der Täter muss Sanktionen fürchten, sollten die Quälereien bekannt werden, so wie es jetzt geschehen ist. Sicherlich würde er sich gerne vor viel mehr – möglichst gleichgesinnten – Menschen mit den Misshandlungen rühmen. Und in wie vielen Fällen bleiben solche oder ähnliche Taten wohl  unbekannt?

Es gibt ähnliche Beispiele: Im September 2014 berichteten Medien über die Misshandlungen von Flüchtlingen in Burbach durch Wachpersonal. In einem Video war zu sehen, wie ein Wachmann einen Asylbewerber zwang, sich auf eine Matratze mit Erbrochenem zu legen. Außerdem entdeckten die Ermittler Handy-Fotos, auf denen Wachleute mit ihren Opfern posierten.

Das Lachen der Täter

Die Prahlerei mit brutalsten Gewalttaten ist ein Phänomen, mit dem sich Klaus Theweleit in seinem neuen Buch “Das Lachen der Täter: Breivik u.a.” beschäftigt. Er zeichnet ein Psychogramm der Tötungslust an den Beispielen von Anders Behring Breivik, dem NSU, Kämpfern des “Islamischen Staats”, Nazi-Schergen im Zweiten Weltkrieg, Hutus in Ruanda und an weiteren Tätern, die das Morden zelebrierten – und es offenbar genossen, dabei lachten.

Theweleit knüpft mit diesem stilistisch ziemlich eigenartigen Buch, dessen Gewaltbeschreibungen oft nur sehr schwer zu ertragen sind, an die “Männerphantasien” an. Ausführlich beschreibt er, wie von körperlicher Fragmentierung bedrohte junge Männer durch (sehr oft sexualisierte) Gewalt Unsicherheit und Selbsthass nach außen kehren. Theweleit beschreibt am Beispiel von Anders Breivik ausführlich das Wesen des soldatischen Mannes:

Der Körpertyp “soldatischer Mann”sei gekennzeichnet durch spezifische psychische Prozesse, die sich als massive Gewalteingriffe in die äußere Welt vollziehen. Diese Gewalteingriffe führten zu “einer momentanen körperlichen Erleichterung, die sich bevorzugt in exzessivem Gelächter Bahn bricht (S. 227).

Theweleit betont den Zusammenhang zwischen Adoleszenz und innerer Fragmentierung: Im Hinblick auf islamistische Konvertiten, die in den Dschihad ziehen, merkt er an, dass all diese doch ihre Pubertätsphasen durchliefen, mit denen eine Distanzierung vom eigenen Körper, der zur physischen Reife gelangt sei (S. 186). Daraus entstünden nicht selten auch Aggressionen gegen den eigenen Körper – was die relativ hohe Zahl von Selbsttötungen bei 13 bis 18-Jährigen erklärt.

“Verlierer” sind Viele

Der Autor weist den monokausalen Erklärungsansatz zurück, wonach beispielsweise die Attentäter von Paris einfach soziale “Verlierer” seien. Das seien viele, merkt Theweleit an – und verweist auf mögliche “psyhophysischen Turbulenzen spätpubertärer Adoleszenten”. Dieser Faktor werde bei der öffentlichen Debatte vollkommen vernachlässigt.

Der Autor meint, die Ideologie sei für den soldatischen von innerer Fragmentierung bedrohten jungen Mann letztlich zweitrangig: Die “Grundempfindung bei allen, nämlich dass die “störenden Fremdkörper” weg müssen”, sei zudem unabhängig von der tatsächlichen Existenzform der “Anderen” (S. 167) – was beispielsweise mit dem Antisemitismus oder auch der Muslimfeindlichkeit in Dresden korrespondiert.

Gemeinsam seien vielen Tätern ähnliche körperliche Affektzustände. Die jeweilige “Ideologie”, die sie zur Mord-Begründung anführten, teilten ja immer viele auf der Welt, betont Theweleit – dennoch würden sie nicht notwendig selber als Mörder “tätig”.

Breivik – der Freikorpsmann

Anders Berivik wurde als Mörder tätig. Er sah sich selbst – obwohl er ein Einzeltäter war – als Teil einer internationalen Armee, eines Ritterordens. Auch seine Briefe an Beate Zschäpe dokumentieren, wie zwanghaft er versucht, die Vorstellung einer internationalen rechtsterroristischen Bewegung, der er dienen kann, zu bewahren. Theweleit verweist darauf, dass weite Teile von Breiviks Copy-and-paste-Manifest den Äußerungen jener deutschen Freikorpsleute ähnelten, die er in den “Männerphantasien” unter der Bezeichnung soldatischer Mann untersucht habe. (S. 104).

Breivik inszenierte sich im Netz als Soldat.

Breivik inszenierte sich im Netz als Soldat.

Der soldatische Mann (zugespitzt “der Faschist”) sei das, was er sich unter einem richtigen Mann vorstelle: Er gucke nicht zu, sondern sei aktiv. “Er richtet die Welt zu; so wie sie nach seinen Vorstellungen zugerichtet gehört.” (S. 106). Dies seien Vorstellungen, die direkt aus seiner Körperlichkeit kämen, meint Theweleit. (S. 107). Der Autor schreibt in diesem Kontext von ideologischen Blöcken, die zu vernichtenden Handlungen aufrufen. Diese seien prinzipiell austauschbar. Nicht austauschbar sei hingegen der anti-weibliche Komplex – den Breivik beispielsweise unter dem Stichwort “kulturmarxistischen Feminismus” zusammenfasst – von dem er sich ganz persönlich bedroht fühlt.

Damit verbinde Breivik ideologisch viel mit seinem Feindbild “konservativer Muslim”, meint Theweleit: Der Norweger sei strukturell patriarchalischer Muslim wie auch norwegisch-christlicher Antisemit wie auch germanisch-sektiererischer SS-Mann (S. 108).

Ähnlichkeiten beachten

Theweleit zitiert in seinem Buch ausführlich aus Zeitungsartikeln und Essays; im Zusammenhang mit jungen Dschihadisten kommt der BerlinerPsychologe Ahmad Mansour zu Wort, der eine wichtige Feststellung traf:

Ihre Gefährlichkeit verdanken die radikalen Strömungen nicht so sehr der Differenz zum “normalen” Islam als vielmehr der Ähnlichkeit. Bereits muslimischen Kindern wird von “unreinen Frauen” und “sündhaften Ungläubigen” erzählt, den Jugendlichen sind dann solche Begriffe vollkommen vertraut. Sie werden meist in einem Klima von Kontrolle, Angst und Strafe erzogen. Ihr “Respekt” soll dem Clan, dem Kollektiv und den Autoritäten gelten. Fundamentalisten verstehen sich als purifizierende Verstärker solchen Denkens. Darin liegt ein Grund für die Anfälligkeit von Jugendlichen für die Argumentation der radikalen Islamisten. Wenn ich als Jugendlicher diese Radikalität annehme und praktiziere, zeige ich, in einem Gestus der pubertären Überlegenheit, der eigenen Gruppe, dass ich “der bessere Muslim” bin – ich überführe die eigene Gruppe der Heuchelei. So lässt sich indirekt Aggression gegen die Eltern, die Familie ausagieren, ohne dass man den mutigen Schritt tun müsste, deren antiquierte Denkweisen kritisch zu sehen.

Ähnliches lässt sich bei deutschen Faschisten – egal welcher Couleur feststellen: Ihre Feindbilder teilen sie mit beträchtlichen Teilen der Mehrheitsgesellschaft; sie unterscheiden sich hingegen vor allem durch ihre Radikalität vom biodeutschen Mainstream, der seinen Nachwuchs nicht auf Schulen schicken möchte, auf denen zu viele “Kinder mit Migrationshintergrund” gingen – womit die Kinder gemeint sind, die von Nazis offen als “Kanacken” bezeichnet werden.

Der soldatische Mann erträgt keine Vielfalt, sein von “Schmutz und Fragmentierungsängsten bedrohter Körper” halte äußeres “Gewimmel” nicht aus, meint Theweleit (S. 169). Er werde gewalttätig, es seien Akte der eigenen zwanghaften körperlichen Stabilisierung.

“Quäl- und Spaßfaktor”

Sind solche Fälle wie in Burbach oder nun in Hannover also Zufall? Theweleit thematisiert auch die Vorgänge in Burbach – und zitiert ausführlich aus der taz und der SZ. Die taz plädierte dafür, dass der Staat Sicherheitsleistungen nicht outsourcen dürfe, das Gewaltmonopol liege “aus guten Gründen beim Rechtsstaat, nicht bei einem tätowierten Knüppelkommando”. Wobei, so merkt Theweleit an, es nicht sicher sei, dass der “Quäl- und Spaßfaktor” bei regulär ausgebildeten, besseren Wachleuten wirklich geringer ausfiele (S. 76).

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Theweleit wendet sich entschieden dagegen, die Killer nicht als ganz normale Männer anzusehen. “Das Morden und Massenmorden gehört zum ‘ganz normalen’ Mann-Typs dazu – immer dort, wo die Schleusen geöffnet sind.” Dieser Männer-Typ sei zu einem großen Teil deckungsgleich mit den ganz normalen Arschlöchern, die man im Alltag beobachten könne (S. 225). Es gebe Typen, die sich am Killen beteiligten – und wenn es erlaubt oder vorgeschrieben sei “mit besonderem Vergnügen” (S. 226).

Zu Objekten degradiert

Bei Flüchtlingen wurden die oben erwähnten Schleusen ein Stück weit geöffnet, aber ganz anders, als es in den elendigen “Das Boot ist voll”-Bildern transportiert wird: Vielmehr werden diese Menschen entrechtet und öffentlich bestenfalls als bemitleidenswerte Opfer und schlechtestenfalls als “Sozialschmarotzer” abgestempelt. Sie haben kaum Möglichkeiten, als Individuen zu agieren, können maximal als Gruppe reagieren. Kämpfen sie für ihre Rechte, kocht der Volkszorn nur umso höher.

Dass sich ein mutmaßlich soldatischer Mann, wie er im Sicherheitsdienst – ob nun privat oder öffentlich – durchaus anzutreffen sein dürfte, genau diese Opfer sucht, ist sicherlich alles andere als ein Zufall. Dass er nicht zum Killer geworden ist, liegt lediglich daran, dass die Schleusen nicht ganz geöffnet sind.

Klaus Theweleit, “Das Lachen der Täter, Breivik u.a.”, Residenz Verlag 2015, erschienen in der Reihe “Unruhe bewahren”. 

„Unternehmen Weserübung“ – Der Überfall auf Skandinavien

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Nordnorwegen: deutsche Kriegsschiffe in Narvik (Bundesarchiv, Ehlert, Max / CC-BY-SA)
Nordnorwegen: deutsche Kriegsschiffe in Narvik (Bundesarchiv, Ehlert, Max / CC-BY-SA)

Vor 75 Jahren hat die deutsche Wehrmacht Dänemark und Norwegen überfallen. Am 9. April 1940 begann das „Unternehmen Weserübung„. In den folgenden Jahren der Besatzung wählten Norweger und Dänen recht unterschiedliche Strategien. Mit der NS-Herrschaft in Skandinavien beschäftigen sich auch zahlreiche Bücher – drei werden hier vorgestellt.

Von Patrick Gensing

Norwegen und Dänemark waren nicht am 2. Weltkrieg beteiligt, sondern neutral. Dänemark musste wegen der gemeinsamen Grenze mit dem hochgerüsteten und aggressiven Deutschen Reich mit einer sofortigen Invasion rechnen, falls sich das kleine Königreich den Alliierten angeschlossen hätte.

Norwegen verfolgte ohnehin einen streng pazifistischen Kurs und hoffte, an der nördlichen Peripherie Europas vom Krieg unbehelligt zu bleiben. Allerdings wuchs im Laufe des Krieges die strategische Bedeutung Skandinaviens – vor allem der Westküste.

Deutscher Panzerkampfwagen I in Apenrade, Dänemark, 9. April 1940
Deutscher Panzerkampfwagen I in Apenrade, Dänemark, 9. April 1940

Während Dänemarks Regierung nach dem Einmarsch der Deutschen im Amt bleiben konnte und versuchte, die demokratischen staatlichen Strukturen gegen die Deutschen für eine Zeit nach der Befreiung zu retten, setzten die Deutschen in Norwegen eine Marionettenregierung unter dem norwegischen Nazi Vidkun Quisling ein. Sein Name steht bis heute in mehreren Sprachen als Synonym für einen Kollaborateur oder Verräter.

In Norwegen kämpfte eine Untergrundarmee, Milorg – militärische Organisation, gegen die Besatzer und brachte den Deutschen in dem unwegsamen Regionen Norwegens einige empfindliche Niederlagen bei. Noch heute finden sich auf den Fjorden alte Fahrzeuge der Wehrmacht, die von Milorg in Sabotageaktionen zerstört wurden. Dadurch mussten die Nazis weit mehr Truppen in Norwegen stationieren, als sie geplant hatten. Diese Einheiten fehlten beim Kampf gegen die Alliierten. Gleichzeitig wurde Milorg nach dem Krieg auch kritisiert, weil ihre Aktionen zu wenig Rücksicht auf die Zivilbevölkerung genommen hätten.

Livestream des norwegischen Rundfunks zu den Gedenkfeiern am 9. April

In Dänemark ließen die Deutschen die gewählte Regierung zunächst weitestgehend agieren – was ihnen den Vorteil brachte, dass weniger Personal für neue Strukturen nach Dänemark beordert werden musste. Ohnehin galten die Dänen und Norweger der Nazi-Rassenideologie zufolge als nordische „Rasse“, so dass auch bald Lebensborn-Programme in Skandinavien aufgezogen wurden. Ein Vernichtungskrieg war hier nicht vorgesehen.

Zu der Besatzungszeit in Norwegen und Dänemark liegen diverse Bücher vor, von denen ich drei hier vorstellen möchte, auch wenn zwei davon bislang leider nicht auf Deutsch vorliegen.

Europas nördlichster Minjan

Mehr als 300 Kilometer nördlich des Polarkreises liegt die norwegische Stadt Tromsö. Von Ende November bis Mitte Januar bekommen die knapp 80.000 Einwohner die Sonne nicht zu Gesicht. Dafür können sich die Kinder das halbe Jahr über Schnee freuen.

Tromsö ist bekannt für seine Universität, Fisch und alles, was mit Polarexpeditionen zu tun hat. So erinnert eine Statue an den norwegischen Nationalhelden Roald Amundsen. Nur 30 Meter entfernt steht ein weit weniger bekanntes Monument, das 1995 eingeweiht wurde. Darauf sind die Namen von 17 Männern, Frauen und Kindern zu lesen – sowie die Inschrift »Zur Erinnerung an die Juden aus Tromsö, die in den deutschen Konzentrationslagern ermordet wurden. In tiefer Ehrerbietung errichtet von ihren Landsleuten. Wir dürfen nie vergessen!«

Die Inschrift ist in doppelter Hinsicht bemerkenswert. So war es weitestgehend unbekannt, dass im fernen Nordnorwegen überhaupt jüdische Gemeinden existiert hatten. Weiterhin ist der Hinweis darauf, dass es sich bei den ermordeten Juden um Landsleute handelte, mehr als eine wohlfeile Formulierung aus einer Sonntagsrede.

Einwanderer

Die Geschichte der kleinen jüdischen Gemeinde in Tromsö beginnt im russischen Zarenreich sowie in Ost-Europa, wo zum Ende des 19. Jahrhunderts der Antisemitismus tobte. Viele Juden flohen gen Westen, emigrierten in die USA. Einige schlugen den Weg nach Norden ein, denn auf der Suche nach einem friedlichen und abgelegenen Ort lag nichts näher als das ferne Nordnorwegen.

Zentrum und Hafen von Tromsø (Urheber: Tohma)
Zentrum und Hafen von Tromsø (Foto: Tohma)

In seinem Buch Als die Stadt still wurde (Norwegisch: Da byen ble stille) erzählt Henrik Broberg die Geschichte dieser Juden, die es nach Nordnorwegen verschlug. Der Autor hat zahlreiche Details, Dokumente sowie eindrucksvolle Bilder aus privaten Alben zusammengetragen und kann so anschaulich darlegen, wie das Leben der Gemeinde zwischen 1910 und 1945 an der nördlichen Peripherie Europas aussah.

Die Juden in Tromsö wurden schnell zu einem festen Bestandteil der Stadt. Sie waren in den örtlichen Sportvereinen organisiert, bauten kleine Firmen auf, betrieben Handel und engagierten sich sozial. Der Autor erzählt, wie eingewanderte Juden nach einigen Jahren die norwegische Staatsbürgerschaft beantragten – und auch erhielten. Das Königreich im Norden war selbst erst seit dem 17. Mai 1905 unabhängig, und die junge Nation war von neuen humanistischen Ideen geprägt.

Damit war allerdings spätestens Schluss, als 1940 die Wehrmacht Norwegen überfiel. Deutschland setzte eine norwegische Marionettenregierung unter dem norwegischen Nazi Quisling ein. Bis heute steht sein Name in mehreren Sprachen als Synonym für Verräter. Unter der Nazi-Herrschaft begann sofort die Entrechtung der jüdischen Bevölkerung. Broberg legt eindrucksvoll dar, wie auch Norweger von der Deportation der Juden in die Vernichtungslager profitierten, indem sie konfiszierte Möbel und andere Wertgegenstände ohne Skrupel für einen Spottpreis erwarben.

Besatzer

Besonders die vielen Fotos hinterlassen beim Leser Eindruck und schaffen eine fast emotionale Bindung zu den Protagonisten, was bei einem Sachbuch eine ungewöhnliche Leistung darstellt. Diese Vertrautheit sorgt dafür, dass der Schrecken, den die deutschen Besatzer und ihre norwegischen Handlanger verbreiteten, für den Leser zumindest ansatzweise vorstellbar wird.

So zitiert Broberg aus einem Dokument, das an das Tagebuch der Anne Frank erinnert: Am 5. Juli 1940 wurde in Tromsö Ruth Salkosky geboren. Ihre Geschichte wird anhand eines Fotoalbums erzählt, in dem ihre Eltern etliche Ereignisse notierten. Beispielsweise schrieb ihre Mutter Rebekka am 27. März 1942: »Papa und viele andere Juden wurden heute in Richtung Süden geschickt. Ruth wird nun gebadet und soll dann in ihrem Bettchen schlafen. Sie ist der einzige Trost, den ihre Mutter in diesen Tagen noch hat.«

Vom Nordpolarkreis nach Auschwitz

Das Fotoalbum erlaubt einen tiefen Einblick in die Nöte und Sorgen der Familie Salkosky – und es zeigt, wie die Familie trotz aller Widrigkeiten versuchte, der kleinen Tochter eine möglichst normale Kindheit zu bieten. So schrieb Mutter Rebekka am 5. August 1941: »Anne Liese Caplan ist ein Jahr alt geworden – und wir waren dort auf dem Geburtstagsfest. Ruth bekam dort ihren ersten Kuss von Herrn Harry Caplan, zwei Jahre alt. Der Anblick der beiden war unbezahlbar.« Das Album überlebte den Krieg, obwohl die Polizei es beschlagnahmte, als Ruth und ihre Eltern verhaftet und nach Auschwitz deportiert wurden.

Henrik Broberg hat die Geschichte der kleinen Ruth und weiterer Juden aus Tromsö nun wieder zu Leben erweckt. Das macht ihr Leid nicht ungeschehen, doch sein Verdienst ist es, dass sie nicht einfach vergessen werden. Das Buch Da byen ble stille hätte es verdient, auch in Deutschland veröffentlicht zu werden, da es einen wenig bekannten Teil der jüdischen Geschichte erzählt.

Glorreiches Dänemark: Die Ausnahme

Während sich also auch in Norwegen Bürger nach Enteignungen von jüdischen Mitbürgern bereicherten, kann Dänemark auf eine geradezu vorbildliche Geschichte beim zivilen Widerstand gegen die Nazi-Schergen und deren Vernichtungspläne verweisen.

Der Journalist und Historiker Bo Lidegaard hat mit seinem Buch „Die Ausnahme – Oktober 1943: Wie die dänischen Juden mithilfe ihrer Mitbürger der Vernichtung entkamen“ ein bemerkenswertes Buch vorgelegt, in dem er nicht nur detailliert die Tage vor der Flucht von 7000 jüdischen Dänen nach Schweden rekonstruiert, sondern auch ein genaues und nachvollziehbares Bild der dänischen Gesellschaft zeichnet.

Dabei wird deutlich, wie sehr sich die dänische Gesellschaft von großen Teilen der Gesellschaft in Deutschland unterschied – und wohl noch immer unterscheidet: Republikanische Werte wurden nicht einfach zum eigenen Vorteil über Bord geworfen – oder ohnehin bekämpft, vielmehr definierten die Dänen ihre eigene Identität weniger über das Dänisch-sein an sich – sondern als zutiefst republianisch. Der dänische Patriotismus wurde pro-demokratisch geprägt und war um Ausgleich bemüht – der deutsche Nationalismus kam hingegen zutiefst antidemokratisch und expansiv daher. Zu der dänischen Identität gehörte auch, Risiken für eine Radikalisierung möglichst präventiv zu bekämpfen, so beispielsweise durch eine gerechte Sozialpolitik – zudem wurden antidemokratische Kräfte nicht auch noch politisch umworben, sondern stigmatisiert.

Flucht nach Schweden im Jahr 1943: Überfahrt von Falster nach Ystad, Schweden (Hochgeladen von File Upload Bot (Magnus Manske))
Flucht nach Schweden im Jahr 1943: Überfahrt von Falster nach Ystad, Schweden (Hochgeladen von File Upload Bot (Magnus Manske))

Viele dänische Juden wollten den Gerüchten nicht glauben, als sich Ende September 1943 die Anzeichen verdichteten, wonach die Deutschen eine „Judenaktion“ vorbereiteten. Doch da die demokratischen Institutionen erhalten werden konnten, verbreiteten sich gesicherte Informationen von der Regierung aus schnell im ganzen Land bis in die jütländische Provinz – via Arbeiterpartei, Kirchen und jüdischen Gemeinden: Die Deportation der jüdischen Bürger Dänemarks stand unmittelbar bevor.

Blumen gießen statt Wohnungen übernehmen

Lidegaard zeigt in seinem Buch, wie selbstverständlich sich die Juden des Königreichs Nachbarn anvertrauten, als es um mögliche Fluchtwege oder Verstecke ging. Denunziantentum war offenkundig geradezu undenkbar. Die Nachbarn rissen sich auch nicht die Möbel und Häuser der geflohenen jüdischen Nachbarn unter den Nagel, sondern kümmerten sich um deren Hab und Gut – gossen sogar bisweilen ihre Blumen.

Der "Danmarks Plass" in Jerusalem.
Der „Danmarks Plass“ in Jerusalem.

Im jenem Oktober flohen 7742 Personen in Jachten und Fischerbooten über den Öresund nach Schweden, dänische Juden, nach Dänemark geflohene deutsche Juden, Staatenlose und ihre Angehörigen. 472 Juden wurden von der Gestapo und ihren Helfern gefunden und ins KZ Theresienstadt verschleppt, 423 von ihnen überlebten und kamen im April 1945 nach Schweden. Mindestens 401 Personen haben ihr Leben aufgrund der deutschen Judenverfolgung verloren.

Lidegaard erzählt nicht nur eine dramatische Geschichte, sondern das Buch spendet auch Mut und beinhaltet politische Ideen, die bis heute brandaktuell sind: Politik kann nämlich durchaus ein gesellschaftliches Klima schaffen, „in dem demokratische und humanistische Werte zu einer ganz selbstverständlichen Handlungsanweisung für die Zivilgesellschaft werden„. Man muss es aber auch wollen.

Eine Schule der Gewalt

Trotz des Loblieds auf die dänische Gesellschaft unter der NS-Besatzung: Es gab selbstverständlich auch Dänen, die sich den neuen Machthabern anschlossen, mit ihnen kollaborierten. Mit diesem weniger ruhmreichen Kapitel der dänischen Geschichte beschäftigen sich Dennis Larsen und Therkel Stræde. In ihrem Buch „En skole i vold“ (Eine Schule der Gewalt) dokumentieren die Historiker von der Universität Süddänemark in Odense den Anteil von Dänen an den unfassbar grausamen Verbrechen der Nazis gegen Zwangsarbeiter, Zivilbevölkerung und Juden.

Mitglieder des Freikorps Dänemark (Quelle: Bundesarchiv, Bild 101III-Weill-096-27 / Weill / CC-BY-SA)
Mitglieder des Freikorps Dänemark (Quelle: Bundesarchiv, Bild 101III-Weill-096-27 / Weill / CC-BY-SA)

Es handelte sich dabei um 800 bis 1000 Dänen, die sich 1942/43 zum Freikorps Dänemark gemeldet hatten. Sie verbrachten ihre Ausbildungszeit im „Waldlager“, einer Militärbasis der SS in Bobruisk, Weißrussland. Hier wurden die jungen Dänen gedrillt – und jüdische Zwangsarbeiter zu Tode geschunden.

Die dänische Einheit beteiligte sich an dem Massenmord sowie dem Kampf gegen angebliche oder tatsächliche Partisanen. Die Verfasser des Buchs „En skole i vold“ setzen dabei den dänischen Anteil an den Verbrechen in den Gesamtkontext des Vernichtungskriegs an der Ostfront und der NS-Herrenmenschenideologie.

Die dänische Tageszeitung Berlingske würdigte das Buch als „ungeheuer wichtig“. Es zeige die verdrängte Grausamkeit von Dänen, die mit den Nazis kollaboriert hatten.

Gleichzeitig sei streng genommen aber nicht eindeutig belegt, betont Af Palle Andersen von der „Historisk Samling fra Besættelsestide„, wie die dänischen SS-Männer konkret agiert hätten. Allerdings seien sie in die „Gewaltkultur“ der SS eingebettet gewesen, daher liege der Schluss nahe, dass sie auch an schweren Gewalttaten beteiligt waren.

Letztendlich erzähle das Buch aber mehr über das deutsche Besatzungsregime im Osten allgemein und in Bobruisk im Speziellen. Hier glänze das Werk durch eine überragende Darstellung und einen großen Reichtum an Details.

Videos zum Thema:

Dänischer Rundfunk aus der Serie „24 timer vi aldig glemme“ (24 Stunden, die wir niemals vergessen): Der 9. April, der Tag als die Deutschen kamen“

Norwegischer Rundfunk mit Originalmaterial aus dem Jahr 1940: Die Deutschen kommen:

Weitere Informationen:

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Muslimischer Friedensring um die Synagoge von Oslo

Facebook-Seite der Aktion "Fredens Ring" in Oslo

In Oslo wollen am Wochenende Hunderte Muslime einen Friedensring um die örtliche Synagoge bilden – und sich so von der Hetze gegen Juden distanzieren. Die Aktion stößt international auf ein großes Echo.

Von Patrick Gensing

„Wir denken, dass es nach den Terrorattacken in Kopenhagen der richtige Zeitpunkt für uns Muslime ist, um sich von der Hetze gegen Juden zu distanzieren“, sagt Hajrad Arshad im norwegischen Rundfunk. Die 17-Jährige und weitere Muslime aus Norwegen rufen via Facebook dazu auf, am kommenden Samstag die Synagoge in Oslo symbolisch zu beschützen.

Facebook-Seite der Aktion "Fredens Ring" in Oslo
Facebook-Seite der Aktion „Fredens Ring“ in Oslo

Auf Facebook schreiben die Organisatoren der Aktion, der Islam sei dazu da, „unsere Brüder und Schwester zu beschützen – unabhängig davon, welcher Religion sie angehören“. Der Islam sei dazu da, um sich gegenseitig zu verteidigen. Die norwegischen Muslime wollen daher deutlich Abstand nehmen von allen Arten des Judenhasses und zeigen, dass sie die jüdische Gemeinde unterstütze. Daher wolle man einen menschlichen Ring bilden.

Die jüdische Gemeinde begrüßte die Idee, hatte aber betont, es müssten mindestens 30 Teilnehmer geben, weil die Aktion sonst kontraproduktiv wirken könnte.

Internationales Echo

Doch der Aufruf sorgt für ein beachtliches Echo: Auf Facebook haben mittlerweile mehr als 1000 Menschen ihre Teilnahme angekündigt. Zudem wird international über die Aktion berichtet, beispielsweise in den USA oder in Israel. Auf Facebook zeigten sich Menschen aus verschiedenen Staaten begeistert über die Idee. Einer schrieb beispielsweise: „As a Persian Jew from USA I really appreciate the gesture. We all want peace and respect and thank you for this form of solidarity.“

Dass eine solche Aktion aber nicht ausschließlich positive Reaktionen nach sich zieht, ist eigentlich klar. Auf der Facebook-Seite des „Fredens Ring“ wird auch heftig gestritten.


Siehe auch: Antisemitismus als Lackmustest der Demokratie, Was tun gegen den islamistischen Terror?

 

Antisemitismus als Lackmustest der Demokratie

"Plutokratie der Zionisten" - antisemitische Parolen vor dem Kanzleramt in Berlin im Jahr 2014 (Foto: Oliver Feldhaus)

Der Bleistift – das Symbol gegen den Terror von Paris. Nun gehört er auch Kopenhagen. Zwei Menschen wurden Opfer eines Wahns, der die Freiheit der Meinung genauso hasst wie die Juden. Ein Literaturcafé und eine Synagoge – das passt zusammen. Sie sind die realen und symbolischen Tatorte eines Vernichtungswillen gegen die offene Gesellschaft, die von den Mördern mit allem Jüdischen gleichgesetzt wird.

Von Anetta Kahane, Amadeu Antonio Stiftung

Mit Offenheit meinen die Täter nicht das Interessante, Widersprüchliche, Vielfältige und Lebendige der demokratischen Gesellschaften. Offen ist ihnen kein gutes Wort. Sie sehen in der Freiheit nur Düsternis und Verschwörung, Unmoral und Anmaßung. Die ideologisierte, negative Beschreibung der westlichen Demokratien ist fast immer identisch mit den alten und groben antisemitischen Klischees. Deshalb töteten die Terroristen von Paris in der Redaktion von Charlie Hebdo UND im jüdischen Supermarkt. Deshalb ist es jetzt in Kopenhagen die Veranstaltung zur Meinungsfreiheit UND die Synagoge.

"Plutokratie der Zionisten" - antisemitische Parolen vor dem Kanzleramt in Berlin im Jahr 2014 (Foto: Oliver Feldhaus)
„Plutokratie der Zionisten“ – antisemitische Parolen vor dem Kanzleramt in Berlin im Jahr 2014 (Foto: Oliver Feldhaus)

Wenn Europa nicht versteht, wie sehr der Antisemitismus mit der Feindschaft gegen die offene Gesellschaft zusammenhängt, wird es seine Offenheit nur schwer verteidigen können. Der Antisemitismus kehrt zu seinen Wurzeln zurück, er braucht längst nicht mehr den Umweg über Israelhass. Er ist die gemeinsame Ideologie von Islamisten, Antiimperialisten gegen Amerika (Russland ist zwar Imperium, darf es für diese Leute aber ungehindert sein), Verschwörungsideologen aller Art, Aluhüten und Pegidisten, Neonazis und durchknallten Technikfeinden.

Dabei liegen sie auf der Hand: Vor 75 Jahren, am 13. Februar 1940 wurden alle Juden aus Pommern deportiert und von Stettin aus in die Vernichtung geschickt. Diese Aktion galt als Versuchsballon. Die deutschen Nazis, Kollaborateure und Profiteure wollten testen, ob sie mit Widerstand zu rechnen haben oder so weitermachen können. Wir kennen das Ergebnis. Fünf Jahre später bombardierten die Alliierten Dresden und bis heute ist es vielen Dresdnern nicht beizubringen, dass das eine mit dem anderen zu tun hatte.

Antisemitismus findet seine jüdischen Opfer. Die mag man mitunter zynisch ignorieren, weil sie bei den paar Juden, die übriggeblieben sind, kaum ins Gewicht fallen. Gewiss gibt es ein Vielfaches an Opfern von Rassismus, weswegen Rassismus zu Recht als großes Problem gesehen wird. Damit aber Antisemitismus zu relativieren, weil mangels Masse nur ab und zu Juden bespuckt, beschimpft, geschlagen oder erschossen werden, ist kurzsichtig. Denn heute steht er für eine Haltung gegen jede universalistische Liberalität und gegen den Kampf für Menschenrechte. Antisemitismus ist für sich ein Übel, doch darüber hinaus bleibt er der Lackmustest für das Gift in der Gesellschaft.

Vor einigen Wochen konnten wir mit einem Bleistift kundtun, was wir vom Morden gegen die Freiheit halten. Das hat leider nicht lange vorgehalten. Vielleicht sollten wir jetzt den Bleistift beiseitelegen und uns darüber verständigen, ob wir in einer demokratischen Gesellschaft leben wollen oder in einer autoritären. Denn das sind ist die Alternativen, wenn die Herausforderungen und Gefahren nicht gesehen werden, die der Antisemitismus mit sich bringt. Ihn zu verniedlichen macht nichts besser – egal, wer der oder die Täter von Kopenhagen waren.

Siehe auch: Was tun gegen den islamistischen Terror?

Was tun gegen den islamistischen Terror?

"Israel-Kritik" als Pop
"Israel-Kritik" als Pop
„Israel-Kritik“ als Pop

Der islamistische Terror hat im neuen Gewand die großen Städte Europas erreicht. Keine großen Bombenanschläge, sondern Angriffe mit Schusswaffen: Nach den Anschlägen von Paris und Kopenhagen wird über geeignete Maßnahmen diskutiert. Die Herausforderung besteht darin, vermeintlich gegensätzliche Strategien miteinander zu verbinden – und über Antisemitismus aufzuklären.

Von Patrick Gensing

Während nach den komplexen Anschlägen von New York, Madrid und London mit Tausenden Todesopfern vor allem auf erweiterte staatliche Überwachungs- und Sicherheitskonzepte gesetzt wurde, mit dem „War on terror“ sowie den Drohnen-Angriffen neue Generationen von Terroristen herangezogen worden sind, liegt der Fokus in den jüngsten Debatten offenbar anders. Denn die Konzepte zum „War on terror“ dürften als teilweise gescheitert in die Geschichtsbücher eingehen. Zwar wurden sicherlich Anschläge vereitelt, Strukturen zerstört – dennoch hat der islamistische Terrorismus weltweit eine Schlagkraft entwickelt, wie sie vor zehn Jahren undenkbar war.

Zudem unterscheiden sich die jüngsten Anschläge von Islamisten von 9/11 und anderen Taten deutlich: Wir haben es heute mit radikalisierten Kleingruppen zu tun, Homegrown Terrorists, die mit relativ wenig Aufwand ihre Taten geplant und durchgeführt haben. Eine DIY-Al-Kaida: Einige handliche Schusswaffen statt riesiger Sprengsätze, ein geklauter Fluchtwagen statt ganzer Flugzeuge – die Attentäter können so unterhalb der Wahrnehmungsgrenze der Sicherheitsbehörden agieren. Die Grenze zwischen Eskapismus und Terrorismus scheint sich geradezu aufzulösen, der Weg zum politischen Terrorismus kurz. Dies korrespondiert mit den Konzepten von palästinensischen Kämpfern, die auf die „Auto-Intifada“ setzen – oder schlicht mit Messern und anderen Stichwaffen losschlagen, um Terror im Alltag zu verbreiten.

Expertin aus Berlin im Weißen Haus

US-Vize Joe Biden hat bei einer Konferenz im Weißen Haus zur Radikalisierung von islamistischen Attentätern, die im Westen aufgewachsen sind, die richtigen Worte gefunden: Eine bessere Integration von Migranten ist die beste Prävention gegen Radikalisierung, die westlichen Gesellschaften müssten das bessere Angebot machen, den jungen Menschen Chancen eröffnen und ihnen Perspektiven bieten. Die USA seien für diese Aufgabe besser aufgestellt, so Biden, da die USA in ihrer Geschichte bereits kulturelle Integration immer wieder erfolgreich vollbracht hat. De facto ist es die Basis der USA – was man über Europa nicht unbedingt sagen kann. Zwar basiert auch Europas Kultur auf Wanderbewegungen und Migration, doch sind die Widerstände gegen eine multikulturelle, kosmopolitische Gesellschaft in vielen Staaten weit stärker als in den USA.

„Eines der besten Gegengifte gegen die hasserfüllte Ideologie, die Menschen radikalisieren und für den gewalttätigen Extremismus rekrutieren will, ist das Beispiel toleranter und vielfältiger Gesellschaften, die Beiträge aller Menschen jeden Glaubens willkommen heißt“, sagte Obama. Und bemerkenswert ist auch, dass die US-Regierung Experten aus Deutschland zu ihrem Gipfel gegen die Radikalisierung eingeladen haben, beispielsweise die geschätzte Claudia Dantschke aus Berlin, die auf Publikative über Salafisten geschrieben hatte.

In Deutschland ruft CSU-Chef Seehofer derweil auf dem Politischen Aschermittwoch lieber die Leitkultur aus und definiert Integration als pure Assimilation.

Mit Bildung gegen den IS?

Doch ausschließlich mit mehr Integration und mehr Geld für Bildung kann der islamistische Terror nicht besiegt werden. Denn dieser hat eine internationale Komponente: Der Islamische Staat und auch Boko Haram demonstrieren mit immer neuen, unfassbar brutalen Gewalttaten und Hinrichtungen, welche eliminatorische Kraft die islamistische Ideologie den fanatischen Kriegern gibt. Zudem reisen junge Leute aus Europa nach Syrien, in den Irak und in andere Staaten, um sich an diesem Kampf gegen die Moderne, gegen Menschenrechte und Würde zu beteiligen.

Viele kehren nach Europa zurück, traumatisiert, brutalisiert, enthemmt. Diese Leute können nicht einfach durch bessere Bildung oder Integrationsangebote beruhigt werden, dafür sind ihr Hass und ihre Gewalttätigkeit viel zu gefährlich. Hier müssen neben den oben skizzierten progressiven Maßnahmen auch klassische Sicherheitskonzepte greifen.

Israel als „rotes Tuch“?

Und dann fehlt noch etwas: Das Verständnis von Ideologie. Entweder wird dieses Element einfach ausgeblendet oder bestritten: Der Attentäter habe „als palästinensisches Flüchtlingskind“ das Thema Israel eben als ein „rotes Tuch“ gesehen, hieß es beispielsweise zu Kopenhagen. Doch genau das macht doch den modernen Antisemitismus aus: Jüdische Dänen werden verantwortlich gemacht für die Geschehnisse in Nahost. Es wäre so ähnlich, als würde man sagen, der NSU sei nicht rassistisch gewesen, er habe nur wegen der „Überfremdung“ in den westdeutschen Städten rot (bzw. braun) gesehen…

Die Entsorgung des Antisemitismus treibt erstaunliche Blüten. Ein Angriff auf eine Synagoge in Wuppertal sei nicht antisemitisch motiviert gewesen, meinte ein Gericht – exakt wie bei Angriffen auf Flüchtlinge gerne ein rassistisches Motiv geleugnet wird. Auch der Fall Elsässer gegen Ditfurth zeigt, welch absurden Vorstellungen von Antisemitismus in Deutschland an der Tagesordnung sind. Als im Sommer „Tod den Juden“ und ähnliche Parolen auf „Gaza“-Demos geschmettert wurden, war das Erstaunen groß – und die Konsequenzen klein. Bei einer Kundgebung zur Solidarität mit Juden in Berlin, unterstützt von großen Medien und allen Fraktionen des Bundestags, verloren sich wenige Tausend Menschen.

Auch in Dänemark hatte es bereits Angriffe auf Juden gegeben – alles unter dem Label der „Israel-Kritik“. Und das sogar bereits im Jahr 1985, als Palästinenser die Große Synagoge in Kopenhagen angreifen wollten. Der antisemitische Terror hat eine lange Tradition, wird aber jetzt erst wieder von der großen Öffentlichkeit entdeckt.

Obama - gesteuert von Israel... (Foto Sacha Stawski)
Obama – gesteuert von Israel… (Foto Sacha Stawski)

Antisemitismus beginnt für viele offenbar dann, wenn die Schornsteine rauchen – dabei handelt es sich um ein Ressentiments, das sich bereits in Haltungen und Erklärungsmustern massenhaft findet. Ein Ressentiments, das sich genau wie der Rassismus wandelt und modernisiert. Es liegt eine umfangreiche internationale wissenschaftliche Forschung dazu vor, die in Deutschland aber kaum wahrgenommen wird. Nicht antisemitische Einstellungen oder Aussagen werden skandalisiert, sondern die Kritik daran – so wie in den Fällen Augstein und Grass.

Doch das Unwissen bzw. offensive Leugnen von Ressentiments als Motiv verleiht den Taten eine vermeintliche Legitimation: Wenn Angreifer auf Synagogen und Juden – ob in Paris, Wuppertal oder Kopenhagen – doch nur aus Ohnmacht angesichts der israelischen Politik handeln würden, werden ihre Taten bereits ein Stück weit gerechtfertigt. Wieder der Vergleich zum Rechtsterrorismus: Würden Experten den militanten „Heimatschutz“ von Uwe, Uwe und Beate so verharmlosen, die Welle der Empörung wäre groß.

Where are they now?

Womit wir bei der so genannten Zivilgesellschaft wären, die sich seit Jahren gegen Neonazis und Rassismus engagiert. Das finde ich sehr gut. Und die Arbeit ist auch erfolgreich, Neonazis wurden in vielen Regionen zurückgedrängt, Gedenkkultur hinterfragt, alternative Jugendkulturen gefördert. Ein Fortschritt. Leider fehlen viele dieser Akteure, wenn es um Demonstrationen gegen den islamistischen Terror geht. Die Kundgebungen nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo waren vor allem von bürgerlichen Organisationen getragen.

Warum ist das so? Vielleicht, weil die ethnische und soziale Stigmatisierung von Menschen mit Migrationshintergrund als ein Grund für den Weg zum Terrorismus gilt? „Niemand wird als Dschihadist geboren, er wird dazu gemacht“, betonte der Journalist Yassin Musharbash im Deutschlandfunk. Das klinge zwar wie eine Binsenweisheit, doch tatsächlich „liegt hier ein Lösungsansatz verborgen, der in der Terrorbekämpfung viel zu kurz kommt.“ Genau so ist es: Eine intelligente Terrorbekämpfung setzt nicht nur auf Repression, sondern auch auf Prävention.

Sind die Attentäter von Paris und andere Terroristen also logische Produkte von Armut, Ausgrenzung und Rassismus? So einfach ist es auch nicht, denn dann müsste es Hunderttausende Menschen geben, die zu den Waffen greifen, was glücklicherweise nicht der Fall ist.

Es gebe aber entsprechende soziale Bedingungen, die in der Tat die Entstehung solcher Tragödien begünstigten, betont der Soziologe Dietmar Loch. Im Gespräch mit tagesschau.de sagt der Professor der Universität Lille, dass soziale Ausgrenzung und rassistische sowie sozialräumliche Diskriminierung vor allem gegenüber den in den französischen Vorstädten lebenden Jugendlichen mit postkolonialem Hintergrund seit Jahrzehnten präsent und bekannt seien.

Die Frustration über die eigene Situation sei der Nährboden, so Loch. Gleichzeitig müsse es dazu aber ein entsprechendes ideologisches Angebot geben – wie beispielsweise im heutigen internationalen Kontext den Islamismus. Auf individueller Ebene seien es schließlich persönliche Erfahrungen dieser jungen Menschen, die zu Brüchen in der Biografie führen. Solche Brüche liefen zumeist nach folgendem Muster ab: Abgleiten in die Delinquenz, Aufenthalt im Gefängnis, dortige Radikalisierung durch Mitinsassen. Allerdings würden nur die allerwenigsten Jugendlichen diesen Weg der Radikalisierung einschlagen, auf dem sie dann für ihr individuelles Handeln zum allein verantwortlichen Täter werden.

Terroristen sind keine Opfer

Attentäter, die eine Bar-Mitzwa-Feier angreifen, um möglichst viele Menschen zu ermorden, die in einem Supermarkt Kunden töten, sind keine Opfer, sondern Täter. Gleichzeitig müssen aber alle Anstrengungen unternommen werden, damit nicht weitere Menschen zu solchen Tätern werden. Dazu ist ein Zusammenspiel von verschiedenen Maßnahmen notwendig: mehr Integration und Respekt, dazu sinnvolle und angemessene Arbeit der Sicherheitsbehörden – und ein klares Verständnis der Ideologie der Täter.

Um ein solches Maßnahmenpaket schnüren zu können, müssten Politiker zu echten Kompromissen bereit sein, weil verschiedene eher linksliberale und konservative Konzepte verbunden werden müssen. Ob die Bundesregierung dazu in der Lage sein wird, muss leider bezweifelt werden. Echte Priorität genießt das Thema offenbar nicht, im Innenministerium dominieren zudem die Hinweise auf die Sicherheitsmaßnahmen – und der Umgang mit der Antisemitismus-Forschung lässt auch nichts Gutes erahnen.

Eine notwendige Kritik am herrschenden Leistungsbegriff

IF

Undine Zimmer, Jahrgang 1979, erzählt in ihrem Buch “Nicht von schlechten Eltern. Meine Hartz-IV-Familie“ ihre Lebensgeschichte und die ihrer Eltern. Zimmer vermittelt einen intensiven Eindruck davon, wie es sich anfühlt, in einem reichen Land wie Deutschland am Existenzminimum leben zu müssen. Durch die drei Biographien wird wieder einmal deutlich: Der Leistungsbegriff ist ein wohlfeiles Instrument zur Rechtfertigung sozialer Ungleichheit.

Von Stefan Kubon

Wenige Monate nachdem Zimmer in West-Berlin geboren wird, erkennen ihre Eltern, dass sie nicht länger zusammenleben können. Es kommt zur Trennung. Bis zu ihrem 16. Lebensjahr wächst Zimmer fast ausschließlich bei ihrer Mutter auf. Während dieser Zeit unternimmt die Mutter, geboren 1951, immer wieder den Versuch, in ihrem Beruf als Krankenschwester zu arbeiten – doch der Einstieg in den Arbeitsmarkt misslingt, denn es gibt keine Teilzeitstellen. Mutter und Kind bleiben auf Sozialhilfe angewiesen. Aus nachvollziehbaren Gründen empfindet die Mutter ihre Lage als bedrückend, phasenweise hat sie mit leichteren Depressionen zu kämpfen. Später kommen körperliche Beschwerden hinzu. Trotz dieser Schwierigkeiten schafft sie es, sich stets liebevoll um ihr Kind zu kümmern.

zimmerAb 1997 vermittelt das Sozialamt die Mutter in gemeinnützige Arbeit. Allerdings ist die Mutter aufgrund ihrer gesundheitlichen Probleme nicht in der Lage, Vollzeit zu arbeiten. Ihre Arbeitgeber sehen in ihr eine arbeitsscheue Simulantin. Sie muss darum kämpfen, als nur bedingt arbeitsfähig eingestuft zu werden. Obwohl ihr schließlich durch mehrere ärztliche Gutachten bescheinigt wird, dass sie nur wenige Stunden am Tag arbeiten kann, vermitteln die Arbeitgeber ihr weiterhin den Eindruck, sie sei eine Drückebergerin.

Ihren Vater, Jahrgang 1943, sieht Zimmer in ihrer Kindheit nur sporadisch. Oft kommt er zu spät oder gar nicht, wenn eine gemeinsame Aktion geplant ist. Sein geringes Einkommen verdient der Vater zumeist als Taxifahrer. Die Phasen seines Lebens, in denen er arbeitslos ist, sind relativ kurz. Sein Leben wird dadurch erschwert, dass er gelegentlich unter Angstzuständen leidet. Als junger Mann, als er noch in der DDR lebte, war er deswegen auch einmal in einer Nervenklinik. Nachdem sein Ausreiseantrag bewilligt wurde, siedelte er 1975 nach West-Berlin über. Er ist ein offiziell anerkanntes Stasi-Opfer. Wegen eines Fluchtversuchs war er von 1967 bis 1969 im Gefängnis.

Geldknappheit als Stressfaktor

Wenn Zimmer von ihrer Kindheit erzählt, bekommt man einen intensiven Eindruck davon, wie stressig es sein muss, sich ständig Gedanken darüber machen zu müssen, wie man das wenige zur Verfügung stehende Geld bestmöglich verwendet. Das Ringen um die richtige Kaufentscheidung wird zu einem angstbesetzten Vorgang. Findet ein Fehlkauf statt, wird er längerfristig als persönliches Versagen empfunden, denn er lässt sich nicht kurzfristig durch einen erneuten Einkauf kompensieren.

Trotz der schwierigen finanziellen Situation: Dank ihrer Mutter findet Zimmer einen Zugang zur Welt der Literatur und der klassischen Musik. Sie entwickelt sich zu einer regelrechten Leseratte. Ihre Liebe zur klassischen Musik vertieft sie auf zweierlei Arten: Sie nimmt Ballettstunden und lernt Klarinette spielen. Doch mit ihren Leistungen ist Zimmer nicht wirklich zufrieden: Angesichts der schwerwiegenden monetären Opfer hat sie das Gefühl, dass sich ihre Kunstfertigkeiten viel besser entwickeln müssten.

Zimmer geht nur ungern zur Schule. Dies ist ein Ort, an dem sie sich besonders unsicher und gehemmt fühlt. Verwunderlich ist dies nicht, denn insbesondere das deutsche Schulsystem ist ein Selektionsapparat, der mittels vermeintlich objektiver Leistungskontrollen die bestehende soziale Hackordnung im Sinne der Mächtigen sichert. Tatsächlich ist das Schulsystem in Deutschland wie geschaffen dafür, Minderwertigkeitskomplexe unterprivilegierter Menschen zu verstärken.

Beschämende Armutserfahrung

An Freizeitaktivitäten, die Geld kosten, kann sich Zimmer oftmals nur beteiligen, weil sie von ihren Freundinnen oder deren Eltern eingeladen wird. Für diese Freundschaftsbekundungen ist sie dankbar, gleichzeitig empfindet sie es aber als demütigend, auf die Hilfe und Großzügigkeit anderer Menschen angewiesen zu sein. Sie schämt sich dafür, nichts zurückgeben zu können.

Als Teenager hat Zimmer Kontakt zu einer Freikirche. Da diese auch in Skandinavien aktiv ist, tut sich für die Jugendliche die Möglichkeit auf, für einige Zeit in Schweden zu leben und zur Schule zu gehen. Zimmer zögert nicht: Sie nutzt die Chance, ihrem Leben in Berlin, das sie vor allem als Zumutung empfindet, zu entfliehen. Obgleich die Eltern die Freikirche eher kritisch sehen, akzeptieren sie Zimmers Entschluss, im Alter von 16 Jahren nach Schweden überzusiedeln.

Zunächst geht Zimmer in Schweden auf eine Privatschule der Freikirche. Dann entsteht ein Streit in der Gemeinde, liberale und konservative Kräfte ringen um die Vorherrschaft. Es kommt zur Spaltung. Zimmer muss die Schule und das Wohnheim verlassen. Von nun an wohnt sie bei der Familie ihrer Betreuerin, die zur liberalen Abspaltung gehört.

Die Vorzüge des schwedischen Schulsystems

Dank ihrer Betreuerin kann Zimmer eine staatliche Schule besuchen. Sie lernt die Vorzüge des schwedischen Schulsystems kennen. Zimmer macht die Erfahrung, dass es dort für jedes Problem Ansprechpartner gibt, die zu helfen wissen. Erstmals in ihrem Leben geht sie gerne zur Schule, das Lernen macht ihr Spaß. Nachdem sie das Abitur gemacht hat, kehrt sie nach Berlin zurück.

Zimmer studiert Skandinavistik, Neuere Deutsche Literatur und Publizistik. Obwohl sie den Bafög-Höchstsatz erhält, muss sie neben dem Studium viel arbeiten, um ihr Leben finanzieren zu können. Ihr Studium wird zum Kraftakt. Sie hat große Angst davor, ihren Abschluss womöglich nicht in kürzester Zeit und mit Bestnote zu schaffen. Bei einem Auslandssemester erhält sie Einblicke in das schwedische Hochschulsystem. Dort sind die Studenten in finanzieller Hinsicht deutlich besser abgesichert als in Deutschland.

Zerrissen zwischen der Erwerbsarbeit und dem Lernen für die Uni erlebt Zimmer insbesondere ihre Zeit der Abschlussprüfung als Qual. In dieser Zeit ist sie manchmal so erschöpft, dass sie den Tag im Bett verbringen muss. Trotz ihrer schwierigen finanziellen Lage gelingt ihr in relativ kurzer Zeit ein recht guter Magisterabschluss.

Keine guten Aussichten – trotz guter Leistung

Obwohl sie einen guten Abschluss, viele (unbezahlte) Praktika und etliche Zusatzqualifikationen (insbesondere Fremdsprachen) vorzuweisen hat, hat sie nach dem Studium keine Aussicht auf eine Arbeitsstelle, die ihrer Qualifikation entspricht. Um sich finanziell über Wasser zu halten, jobbt sie in einem Café. Dort hat sie schon während ihres Studiums gearbeitet. Das vorläufige Ergebnis ihres Studiums ist nicht zuletzt ein riesiger Schuldenberg.

Logo der Bundesagentur für Arbeit (BA)
Logo der Bundesagentur für Arbeit (BA)

Von der Bundesagentur für Arbeit erwartet Zimmer keine Hilfe. Allzu oft musste sie erleben, wie schlecht ihre Eltern oder Freunde von der Bundesagentur behandelt wurden. Zu Recht stellt Zimmer Folgendes fest: Die Jobcenter der Bundesagentur sind keine wirklich demokratischen Institutionen. In den Jobcentern werden benachteiligte Menschen zu Bittstellern degradiert. Sie sind der Willkür sogenannter “Fallmanager“ ausgeliefert. Es werden regelmäßig Grundrechte von Hartz-IV-Betroffenen verletzt.

Einladung zur Manipulation

Das Buch verdeutlicht, wie falsch die Diskussion zumeist verläuft, wenn in Deutschland über Chancengleichheit und Leistungsgerechtigkeit geredet wird. Tatsächlich gibt es hierzulande weder das eine noch das andere. Die Crux dabei: Privilegien werden in unserer Gesellschaft vor allem mithilfe des Leistungsbegriffs legitimiert. Zudem ist es kritikwürdig, wie dieser Legitimitätsprozess eigentlich funktioniert: Wer über die Macht verfügt, verbindlich festzulegen, was “Leistung“ ist, bestimmt auch, wer Privilegien genießt – und wer nicht. Folglich werden in Deutschland insbesondere die Mächtigen, Reichen und Privilegierten als “Leistungsträger“ wahrgenommen.

Weil der Inhalt des Leistungsbegriffs im Grunde kaum objektiv bestimmbar ist, wird dieser Begriff besonders gerne dazu verwendet, Menschen zu entrechten. Der höchst diffuse Charakter des Leistungsbegriffs wird beispielsweise greifbar, wenn man sich folgende Sachverhalte vergegenwärtigt: Was für manche Menschen eine Herkulesaufgabe ist, ist für andere eine leichte Übung. Und womöglich hat Zimmers Mutter in ihrem Leben eine größere “Leistung“ vollbracht als jemand, der aus einem reichen Elternhaus stammt, eine Privatschule besucht, gesund ist – und dann Karriere macht.

Menschenrechte wichtiger als Leistungsdebatten

Wichtiger als Leistungsdebatten sind Initiativen, die sich dafür einsetzen, dass in Deutschland endlich die Menschenrechte wirklich konsequent beachtet werden. Zimmers lesenswertes Buch ruft in Erinnerung, dass diese Rechte in unserer Gesellschaft regelmäßig verletzt werden. Insbesondere verdeutlichen alle drei Biographien, dass in Deutschland kein gleichberechtigter Zugang zum Bildungssystem besteht.

Link: Mehr zu Undine Zimmer

Zimmer hat ein nachdenkliches und zugleich emotional sehr berührendes Buch geschrieben. Man kann nur vermuten, dass es sie einige Kraft gekostet hat, so offen über ihre Ängste und Verletzungen zu berichten. Welche “Leistung“ es wirklich war, dieses Buch zu schreiben, kann wohl am ehesten sie selbst beurteilen.

Undine Zimmer: Nicht von schlechten Eltern. Meine Hartz-IV-Familie, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013, 256 Seiten, 18,99 Euro.

Siehe auch: Hartz IV – eine Gefahr für die DemokratieHartz-IV-”Drückeberger” immer raffinierter?!Die konformistische RebellionDie Welt zu Gast bei Philipp, Hans-Peter und DirkAmazon und Fury in the Slaughterhouse: Alles Kapitalismus oder was? , Asoziale an die Macht!?