Europa: Im Zweifel rechts

Marine Le Pen und der bulgarische Nationalist Volen Siderov (Foto: HomoByzantinus)
Marine Le Pen und der bulgarische Nationalist Volen Siderov (Foto: HomoByzantinus)

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Rechtspopulismus. So könnte man die derzeitige politische Entwicklung in großen Teilen des Kontinents zusammenfassen. Bemerkenswert ist, dass die neuen Rechten in diversen Staaten punkten und der neue Rechtspopulismus zunehmend von Frauen geprägt wird. SPD-Chef Gabriel will die populistischen Strategien derweil imitieren.

Von Patrick Gensing

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Hetze gegen Juden im Fußball: „Mit Antisemitismus nichts zu tun“

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Von Frederik Schindler, Fußball gegen Nazis*

„Das hat nichts mit Antisemitismus zu tun“ – mit dieser Aussage wurde ein anonymer Fan des FC Luzern in der vergangenen Woche auf SPIEGEL ONLINE zu einem Vorfall in St. Gallen zitiert. Dort hatten ca. 300 Fans bei einem sogenannten Fanmarsch durch die Innenstadt einen als orthodoxen Juden verkleideten Mann durch die Straßen getrieben. Dieser trug einen Schal des FC St. Gallen um den Hals und stand symbolisch für die gegnerische Mannschaft und die gegnerischen Fans. Warum das kein Antisemitismus sein soll? „Die St. Galler Fans wurden schon immer als Juden bezeichnet“, so der anonyme Fan. Dies ist leider richtig. In einigen Schweizer Stadien lautet ein beliebter Fangesang „Und sie werden fallen, die Juden aus St. Gallen“. Das macht den Vorfall aber nicht weniger antisemitisch. Die Aktion lediglich als Einzelfall oder wie in einigen Medien geschehen als „Fasnachtsscherz“ zu bezeichnen, ist ebenfalls bagatellisierend – seit Jahrzehnten gibt es im Fußball und der dazugehörigen Fankultur antisemitische Vorkommnisse wie diesen.

Antisemitismus in der Amateurliga: TuS Makkabi Berlin

Besonders betroffen von Antisemitismus sind jüdische Vereine. Einer davon ist TuS Makkabi Berlin. Die 1. Herrenmannschaft spielt seit dem letzten Jahr in der ersten Staffel der Berliner Landesliga, zuvor ist er aus der sechsthöchsten Spielklasse im deutschen Männer-Ligasystem, der Berlin-Liga, abgestiegen. Das Frauenteam spielt in der 1. Staffel der Bezirksliga, die fünfthöchste Klasse im Frauen-Ligasystem. Der Verein wurde in der Zeit des Nationalsozialismus verboten und 1970 neu gegründet. Auch heute sind Angestellte des Vereins immer wieder antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt. Der letzte öffentlich breit thematisierte Vorfall ereignete sich 2012 im Spiel gegen den BSV Hürtürkel. Zunächst wurden während des Spiels mehrere Makkabi-Spieler von Hürtürkel-Spielern beleidigt: Einem wurde erklärt, er „stinkt schon wie ein Jude“, muslimische Makkabi-Spieler wurden als „Schande“ bezeichnet und ein Schwarzer Makkabi-Spieler wurde rassistisch beleidigt. Nach dem Spiel rief Hürtürkels Trainer angeblich „Amina koydum yahudi!“ – was ein türkischsprachiger Makkabi-Spieler in „Jetzt haben wir euch Juden gefickt!“ übersetzen konnte und den Vorfall so öffentlich machte. Dem Verein Hürtürkel der laut Jungle WorldVerbindungen zu den rassistisch-nationalistischen Grauen Wölfen pflegt, wurden 3 Punkte abgezogen, ein Spieler wurde für sechs Monate, der Trainer für elf Monate gesperrt. Obwohl die Mehrheit der muslimischen Gegner nicht antisemitisch, sondern offen und tolerant sei, werden immer wieder auch seine muslimischen Spieler angefeindet und unter Rechtfertigungsdruck gesetzt, sagt Sportdirektor Claudio Offenberg im Deutschlandfunk: „Mit Ausdrücken wie: Ihr sollt euch ja schämen, bei den Saujuden zu spielen.“

„Wenn Sie einen Funken Anstand haben müssen sie uns helfen“

Im Gespräch mit Fussball-gegen-Nazis.de betont Offenberg, dass gerade in den letzten Jahren eine höchst aggressive Vermischung mit Themen aus dem Nahostkonflikt stattfinde: „Die Tendenz geht gerade seit dem Jahr 2014 klar dahin, die Anfeindungen und Diffamierungen völlig rücksichtslos offen, wie auch öffentlich anzubringen.“ Auch mit Anfeindungen aus dem rechtsradikal-nationalistischen Spektrum hatte der Verein in der Vergangenheit immer wieder zu kämpfen. Ein besonders gravierender Fall ereignete sich kurz nach der Fußball-WM in Deutschland, im September 2006 im Berliner Ortsteil Glienicke. Ungefähr 15 neonazistische Fans der VSG Glienicke riefen dort während dem gesamten Spiel antisemitische Parolen wie „Wir bauen eine U-Bahn nach Auschwitz“, „Vergast die Juden“ oder „Synagogen müssen brennen“ – weder die Verantwortlichen des Vereins, noch der Schiedsrichter griff ein. Als Makkabi-Spieler Raffael Tepmann die pöbelnden und drohenden Fans zur Rede stellte, erhielt er die Gelbe Karte. Spieler Vernen Liebermann forderte vom Schiedsrichter: „Wenn Sie einen Funken Anstand haben für die Geschichte in diesem Land, dann müssen Sie uns jetzt helfen“ – und flog dafür mit Gelb-Rot vom Platz. Die Mannschaft verließ protestierend den Platz, das Spiel wurde abgebrochen. Makkabis Vorsitzender Tuvia Schlesinger sprach von dem „Schlimmsten, das einem jüdischen Verein seit der Hitler-Diktatur in Deutschland widerfahren ist“, während der Abteilungsleiter Fußball der VSG Glienicke den Vorfall relativierte und fragte, was man denn machen solle, wenn der Schiedsrichter nun mal nichts gehört habe. Eine harte Strafe bekam der Verein nicht. „So macht sich der Eindruck breit, dass man sich mehr oder weniger ungestraft auf deutschen Fußballplätzen antisemitisch verhalten darf“, sagte Schlesinger damals der Jüdischen Allgemeinen.

TuS Makkabi protestiert mit diesem Banner gegen die zahlreichen Anfeindungen ihres Vereins. (Quelle: Flickr.com/El Minuto)

Wenig Solidarität von anderen Vereinen

Und dann sind da noch die Bemerkungen aus anderen Vereinen oder in Verhandlungen mit neuen Spielern, die uralte antisemitische Stereotype äußern: „Sie äußern sich teils offen mit sowohl herabsetzenden Sprüchen, als auch durch augenzwinkernde Aussagen, wie über den angeblichen Reichtums des TuS Makkabi und seine vermeintlich schier unbegrenzten Beziehungen und Einflussmöglichkeiten. Daneben ist uns bewusst, dass deutlich rassistische und antisemitische Sprüche fallen, wenn wir nicht in Hörweite sind“, so Offenberg. Die öffentliche Aufmerksamkeit um die schlimmen Vorfälle in den Spielen gegen die VSG Glienicke und den BSV Hürtürkel habe glücklicherweise zu mehr Zurückhaltung geführt: „Man ist sich durchaus bewusst, dass ein Sanktionsrisiko droht und man seine eigenen kleineren, wie größeren Rassisten besser im Zaum halten sollte“, vermutet der Sportdirektor. Er beklagt dennoch die fehlende Solidarisierung anderer Berliner Teams.

Ein positives Gegengewicht ist der bekannteste migrantische Verein Deutschlands, Türkiyemspor Berlin. Dieser veranstaltete nach den Hürtürkel-Vorfällen gemeinsam mit Makkabi ein Freundschaftsspiel gegen Antisemitismus und Rassismus sowie eine Podiumsdiskussion zum Thema. Leider ein Einzelfall – von anderen Teams aus der Liga ist rund um diskriminierende Vorfälle keine Unterstützung erkennbar. Offenberg: „Die Gründe sind Gleichgültigkeit, Ignoranz gegenüber der gesamten Problemlage und auch die weit verbreitete Meinung, man solle nicht jammern, da der Ton im Fußball eben rauer sei.“ Am Ende wird den jüdischen Vereinen „Opfergetue“ vorgeworfen und selbst die Schuld zugeschrieben, da sie das Thema wiederholt problematisierten.

„Es gibt immer noch viele Vereine, die jeglicher Selbstkritik gegenüber verschlossen sind“, sagt Florian Schubert, der an der TU Berlin zu Antisemitismus von Fußballfans promoviert im Gespräch mit Fussball-gegen-Nazis.de. Er spricht das antisemitische Motiv der Täter-Opfer-Umkehr an: „Auch in den Verbänden gibt es zu weilen die Position: ‚Gäbe es die Makkabi-Vereine nicht, dann hätten wir auch das Problem nicht.‘ Dazu kommt, dass viele Antisemitismus nicht wahrhaben wollen und dafür nicht sensibilisiert sind. So werden antisemitische Vorfälle dann auch gar nicht wahrgenommen.“

Im Berliner Fußballverband hat sich allerdings einiges  getan: „Da werden ordentliche Konsequenzen gezogen, besonders vorangetrieben durch den Vizepräsidenten Gerd Liesegang, der sich gegen Rassismus und Antisemitismus engagiert“, lobt Offenberg. Und vor kurzem bekam Makkabi prominente Unterstützung vom Hertha BSC. Unter dem Motto „Wir zeigen Gesicht und stellen uns dem Judenhass entschlossen entgegen“ wurde eingemeinsamer Videospot produziert, an dem sich das Hertha-Team gerne beteiligte. Dort habe man schon länger mit Sorge verfolgt, „mit welchen Schwierigkeiten und unerträglichen Stellungnahmen der Verein in seiner Spielklasse konfrontiert ist“, sagte Herthas Pressesprecher der Jüdischen Allgemeinen. Im Video wird das Makkabi-Team symbolisch von der Bundesligamannschaft umstellt und geschützt.

Initiative „!Nie wieder“: Choreografien und Veranstaltungen rund um den Holocaust-Gedenktag

Um auf das Thema Antisemitismus im Fußball aufmerksam zu machen und um eine aktive Erinnerung und Verurteilung der Verbrechen der Deutschen im Nationalsozialismus zu etablieren, veranstaltet die Initiative „!Nie wieder – Erinnerungstag im deutschen Fußball“ bereits seit 2004 Aktionen rund um den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar. Das Bündnis tagte zuletzt am 25. Februar 2015 in Frankfurt am Main. Über 30 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter Aktive aus verschiedenen Fanprojekten und -initiativen, der Präsident von Makkabi Deutschland, der Projektmanager der Bundesliga-Stiftung, der Geschäftsführer der DFB-Kulturstiftung, Vereinsarchivare aus München und Frankfurt, der Corporate Social Responsibility-Verantwortliche der Fortuna Düsseldorf und die EhrenpreisträgerInnen des Julius Hirsch Preises Angelika Ribler (Sportmediatorin und Referentin der Sportjugend Hessen) sowie Ronny Blaschke (Sportjournalist) planten die  nächsten Veranstaltungen und Aktionen und stellten die Projekte aus diesem Jahr vor. Die Ultràgruppe Schickeria Münchenwar in den letzten Jahren besonders aktiv an den Erinnerungstagen beteiligt, sie erinnert seit Jahren mit Choreografien an jüdische oder andere vom Nationalsozialismus verfolgte Vereinsmitglieder und Fußballer. So wurden 2011 in Bremen mehrere Spruchbänder und eine Zaunfahne mit dem Konterfei von Otto Beer gezeigt. Er war Jugendleiter des FC Bayern und wurde 1941 im Konzentrationslager Kauen ermordet. 2013 wurde dem jüdischen und vom Nationalsozialismus verfolgten Meistertrainer von 1932 Richard Dombi gedacht und im letzten Jahr wurde schließlich eine beeindruckende Choreografie über die gesamte Südkurve in Erinnerung an den ehemaligen Präsidenten Kurt Landauer präsentiert, der aufgrund des antisemitischen Verfolgungswahns der Deutschen im Konzentrationslager Dachau interniert war und nach seiner Entlassung in die Schweiz flüchten konnte. Landauer wurde bereits 2009 mit einer großen Choreo und dem Schriftzug „Der FC Bayern war sein Leben – Nichts und niemand konnte das ändern“ geehrt, zu dem findet seit 2005 jährlich im Sommer ein antirassistisches Turnier um den Kurt-Landauer-Pokal statt. In diesem Jahr wurde beim Auswärtsspiel in Wolfsburg eine Choreografie in Gedenken an den sozialdemokratischen Widerstandskämpfer und Clubfunktionär Wilhelm Buisson gedacht, zudem informierte die Gruppe im Südkurvenbladdl ausführlich über die Biographie des FC Bayern-Mitglieds.

„Der FC Bayern und ich gehören nun einmal zusammen“. Kurt Landauer Choreografie 2014. (Quelle: Schickeria München)

Eine aktive Beschäftigung mit der Vereinsgeschichte während des Nationalsozialismus oder mit aktuellen antisemitischen Tendenzen in der Fankultur muss meist von organisierten Fans eingefordert werden, selten werden Vereine selbst aktiv. So wurde der Vorschlag von „!Nie wieder“, dass die Teams des VfL Wolfsburg und des FC Bayern München kurz nach dem 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung beim Einlaufen T-Shirts mit einer entsprechenden Botschaft tragen, ohne Begründung abgelehnt. Es ist nur zu vermuten, dass hier die Sponsorengelder mal wieder wichtiger waren, als gesellschaftspolitisches Engagement. „Es wäre schon sehr hilfreich, wenn sich Verbände und Vereine deutlicher mit Antisemitismus auseinandersetzen würden und anerkennen würden, dass es ihn auch beim Fußball gibt“, fordert Doktorand Florian Schubert. Es bleibt also noch viel zu tun.

Mehr im Netz:

„Haut’s die Juden eini’!“- Antisemitismus im österreichischen Fußball (Fussball-gegen-nazis.de)

Antisemitismus im Fußball – Feature von Ronny Blaschke (Deutschlandradio Kultur)

Fußball unter dem Hakenkreuz (WDR Online)

Internetseite der Initiative „!Nie Wieder – Erinnerungstag im deutschen Fußball

Facebook-Seite der Faninitiative „Fußballfans gegen Antisemitismus

*Fussball-gegen-Nazis.de ist ein Projekt der Amadeu-Antonio-Stiftung und bietet eine kontinuierliche Berichterstattung über Neonazismus, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus und Homophobie im Fußball. Die Plattform richtet sich an alle Interessierten aus Fangruppen, Vereinen und Verbänden, die sich über (Anti-)Diskriminierung im Bereich Fußball informieren möchten.

Fußball, Freundschaft, Fackelmärsche

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Am 28. März kurz vor sechs Uhr morgens haben  mehr als ein Dutzend bewaffnete und vermummte Polizisten ein Vereinsheim in der Markersdorfer Straße in Chemnitz gestürmt. Zeitgleich fanden Razzien in 15 Wohnungen statt, um das vom sächsischen Innenministerium erlassene Vereinsverbot gegen die Nationalen Sozialisten Chemnitz durchzusetzen. Die Kontakte der Neonazis reichen offenbar bis in die Schweiz.

Von Björn Resener

Bei den Durchsuchungen wurden zahlreiche Beweismittel sichergestellt. Festgenommen wurde niemand, aber die ermittelnden Beamten kündigten Verfahren wegen Propagandadelikten, Landfriedensbruch und Verstößen gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz an. Noch am selben Tag präsentierten sie Journalisten unzählige Plakate, Tonträger und weiteres Propagandamaterial, aber auch illegale Waffen und die Zaunfahne einer Ultra-Gruppe des Chemnitzer FC.

 Aufkleber der "NS-Boys" aus Chemnitz am Zürcher Bahnhof Enge
Aufkleber der „NS-Boys“ aus Chemnitz am Zürcher Bahnhof Enge

Konkret geht es dabei um ein Banner von New Society Chemnitz, einer ausdrücklich politisch motivierten Fangruppierung, die auf ihrer Website behauptet Widerstand gegen die angeblich „linksextreme Beeinflussung von Fanszenen, Polizeigewalt und (…) Kommerzialisierung des Fußballsports“ leisten zu wollen. Der Fund ist ein Indiz dafür, dass es personelle Überschneidungen zwischen den Nationalen Sozialisten Chemnitz und New Society gibt. Immerhin gelten Zaunfahnen in der Ultra-Szene als Heiligtümer, die keinesfalls aus der Hand gegeben werden dürfen.

Reisefreudige Rechte

Es liegt nahe, dass die szeneintern „NS-Boys“ genannte Fangruppe den Neonazis zur Rekrutierung und Ideologisierung junger Fußballfans dient. So wurde der Ausflug zu einem Spiel nach Dortmund im Dezember 2012 mit einem Besuch in der Wewelsburg verbunden, die während des Nationalsozialismus zur SS-Kultstätte umgebaut worden war.

Chemnitz-Block beim Auswärtsspiel bei St. Pauli im April 2006.
Chemnitz-Block beim Auswärtsspiel bei St. Pauli im April 2006.

Bei einem selbstorganisierten Fußballturnier spielten die Ultras vor einem Solidaritäts-Transparent für Josué Estébanez de la Hija, der im November 2007 den Antifaschisten Carlos Palomino in der U-Bahn von Madrid ermordet hatte. Und ihr Trikotsponsor bei solchen Anlässen war stets „PC-Records“, ein bekannter Rechtsrock-Versand.

Natürlich besuchen die „NS-Boys“ auch gemeinsam Heim- und Auswärtsspiele ihres Clubs, oder der Vereine von befreundeten Ultra-Gruppen. Besonders enge Kontakte gibt es zu den WK13 Boys bzw. Inferno Cottbus und zu den Blue White Bulldogs vom Grasshopper Club Zürich (GCZ).  Die Schweizer wurden noch im letzten Jahr zum Champions League Qualifikations Spiel nach Lyon begleitet. Doch die Chemnitzer unterstützten ihre Züricher Freunde auch schon bei Auswärtsspielen in Basel, Aargau und Salzburg sowie beim Derby gegen den FC Zürich.

Gemeinsam gegen Linke

Im Gegenzug begleiteten einige Blue White Bulldogs ihre Chemnitzer Freunde etwa am 3. März 2012 zum Spiel gegen Babelsberg 03, einen Verein, der für seine links-alternative Fanszene bekannt ist. Auf der Website von New Society prahlten die Chemnitzer kurz darauf mit einem erfolgreichen Angriff auf vermeintliche Gegner, bei dem auch Fanutensilien geraubt wurden und bedankten sich für die Unterstützung aus Zürich und Cottbus.

Übrigens sorgten auch die Cottbusser Ultras im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen die rechte Szene ihrer Stadt für Aufsehen. Als im Juni 2012 die „Widerstandsbewegung in Südbrandenburg“ vom Innenministerium in Potsdam verboten wurde, gab es bei William P., dem Vorsänger von Inferno Cottbus, eine Hausdurchsuchung. Die Neonazi-Gruppe, zu der die Behörden den Cottbusser Ultra-Capo rechnen, ist die Erfinderin der sogenannten „Unsterblichen“ Flashmobs. Bei dieser Aktionsform formierten sich bis zu 300 Neonazis mit Fackeln und weißen Masken zu unbewilligten Demonstrationszügen und lösten sie nach wenigen Minuten wieder auf. Die Aufmärsche wurden mit professionell gemachten Videos dokumentiert und auf neonazistischen Websites und Social Media Plattformen verbreitet.

Alles reiner Zufall?

Die bisher letzten beiden Aktionen dieser Art gab es wiederum in der Schweiz. Ausgerechnet im Kanton Zürich marschierten am 13. Februar 2012 Dutzende mit weißen Masken und Fackeln ausgerüstete Neonazis durch die Straßen von Hombrechtikon. Am 15. Februar diesen Jahres wiederholte sich die Szenerie in Solothurn. Auch hier wurde die Aktion gefilmt und online verbreitet.

Deutsche Neonazis jubelten daraufhin im Internet: „Unsterbliche marschieren durch Judengasse“. Wer die Fackelmärsche organisiert hatte, ist bislang nicht bekannt. Aber die Razzien in Cottbus und Chemnitz haben gezeigt, dass „Unsterbliche“ aus Deutschland seit einiger Zeit Kontakte nach Zürich pflegen.

Syrien: Linken-Bashing hilft nicht weiter

Linken-Bashing ist keine angemessene Antwort auf die Ratlosigkeit angesichts der Debatte um Konsequenzen des Giftgas-Einsatzes in Syrien. Eine Replik auf den Beitrag „Cowboy im Schlachthaus“ von Patrick Gensing und Andrej Reisin.

Von Lorenz Gösta Beutin*

Cowboy im Schlachthaus“, so lautet der Titel eines auf Publikative.org veröffentlichten Artikels. Wahrscheinlich hätte ich die verkürzte Argumentation, die die beiden Autoren bieten, einfach ignoriert, wären da nicht zwei Dinge.

Zum einen treibt mich diese Debatte selbst um, zum anderen ist der Artikel in einem Blog erschienen, dessen Autorinnen und Autoren sonst viele nützliche, erhellende Dinge zu berichten wissen. Was die beiden Autoren abliefern, sei es auch aus einer berechtigten Empörung über so manche Verengung in der Debatte, halte ich für falsch. In ihrem Text benutzen sie drei Strategien, um nachzuweisen, dass die Argumentationen von links bis rechts sich gleichen:

1. Die einzelne Argumentation für das Ganze stehen zu lassen und Differenzierungen zu vermeiden,

2. links und rechts gleichzusetzen und schließlich

3. auch eigentlich stichhaltige Argumente ins Absurde zu ziehen, indem sie mit Argumentationen abgeglichen werden, die von Gewährsmännern stammen, die auch sonst selten etwas Zurechnungsfähiges abzuliefern wissen bzw. sich selbst auf rechte Vordenker stützen.

Warum eine Einzelmeinung für das Ganze herhalten muss

Die „europäische Linke“ habe das Thema „Syrien“ „bislang weitestgehend ignoriert“, erst durch den drohenden Militärschlag sei es für sie interessant geworden, so die Einstiegsthese. „[W]ährend in Syrien Bomben fallen“ würden sich europäische Linke „lieber weiter für Boykottaktionen gegen Israel“ einsetzen. Es gäbe für und wider einen Militärschlag bedenkenswerte Argumente, doch „der Großteil der deutschen Linken“ stelle sich gegen jede militärische Intervention, ohne die Argumente dafür überhaupt zur Kenntnis zu nehmen.

"DIE LINKE setzt auf Diplomatie" (Screenshot: Erklärung der Linken zu Syrien)
„DIE LINKE setzt auf Diplomatie“ (Screenshot: Erklärung der Linken zu Syrien)

Als Beleg wird auf eine Pressemitteilung Christine Buchholz’ verwiesen, in der sie sich gegen eine deutsche Beteiligung an einem Angriff auf Syrien ausspricht. Ihr gehe es allein um den „Teufel USA“ – ein Begriff, der von den Autoren eingeführt, jedoch nicht von Buchholz selbst genutzt wird! Absurd finden die Autoren auch die Warnung, dass ein Angriff der USA einen „Flächenbrand“ auslösen könne. Vor so einem Szenario warnen jedoch nicht nur Friedensbewegte, selbst in den Diskussionen um die Entscheidung des US-Kongresses spielt dies eine wichtige Rolle.

Mögen sie die antiimperialistische Diktion von Christine Buchholz nicht teilen, einen Blick hätten die Autoren doch auf die Homepage der Abgeordneten werfen können: Dann hätten sie festgestellt, dass sich die Abgeordnete durchaus mit der Situation in der Region auseinandersetzt, und das seit geraumer Zeit. Auch wäre es möglich gewesen, sich die Positionen, Initiativen und Anträge der Bundestagsfraktion der LINKEN anzuschauen – sie sind frei im Netz zugänglich: Angefangen bei den mahnenden, abwägenden Worten des ehemaligen Waffeninspekteurs der Vereinten Nationen, Jan van Aken, über Interviews mit der demokratischen syrischen Opposition bis hin zu Anträgen im Bundestag: Etwa den „für einen wirksamen Schutz und die Aufnahme syrischer Flüchtlinge in der Europäischen Union und in Deutschland“ aus dem September 2012 oder vom März 2013 der Antrag „Keine Waffenlieferungen nach Syrien“ (gerichtet im Übrigen an alle Konfliktparteien, nicht nur an die USA!).

Die Argumente der LINKEN und der NPD sind identisch – oder doch nicht?

Die Behauptung, „dass die NPD beinahe identisch argumentiert“, mag nur sehen, wer selektiv allein gleichen Wortlaut wahrnimmt, Unterschiede aber ausblendet. Die NPD setzt sich eben nicht für die verstärkte Aufnahme syrischer Flüchtlinge ein. Im Gegenteil ist diese Argumentation ähnlich stichhaltig wie eine, die gegen soziale Gerechtigkeit argumentieren wollte, weil auch die NPD sich dieses Themas angenommen hat! Dass die NPD versucht mit solchen Strategien Propaganda zu machen, dürfte zumindest Patrick Gensing als Experte in Sachen NPD wissen.

Ach ja, das Argument mit den Boykottaktionen gegen Israel: Abgesehen davon, dass die Rede von DER „europäischen Linken“ eine Chimäre ist, es auch dort unterschiedliche Positionen gibt: Zumindest in der Partei DIE LINKE lehnt eine Mehrheit ebenso wie führende PolitikerInnen solche dummen Bestrebungen ab.

JW = JF – und die „Freunde Syriens“ kämpfen wirklich für Menschenrechte

Was mit der Gleichsetzung der Argumentation von Christine Buchholz mit der NPD begann, setzt sich im Abschnitt „JW und JF im Gleichschritt“ fort. Auch hier hält wieder einer für alle anderen her: Werner Pirker. Pirker lobe die russische Syrien-Politik, der Bundesregierung halte er vor, dass sie „syrische Kollaborateure“ ausbildete.

Dass nun die „junge Welt“ zu wenig die Unterstützung Syriens durch russische Waffenlieferungen anprangert, aber richtigerweise auf die Völkerrechtswidrigkeit eines Militärschlags gegen Syrien sowie auf die fatale Politik der „Freunde Syriens“ verweist, macht sie noch lange nicht zur Gesinnungsgenossin eines zentralen Organs der radikalen Rechten. Auch hier wäre etwas Differenzierung erfreulich.

Unabhängig davon, ob man Pirkers Position für Richtig hält, ist es kein Geheimnis, dass den „Freunden Syriens“ (so die offizielle Selbstbezeichnung), zu denen auch Deutschland zählt, wenig an einem demokratischen Syrien gelegen ist. Nicht anders ist es zu erklären, dass die Mehrzahl der dort vertretenen Staaten, darunter auch die „Musterdemokratien“ Saudi-Arabien und Katar, die sogenannten Rebellen und somit auch die Gruppierung unterstützt, die Massaker an Andersgläubigen, an Kurden und koptischen Christen anrichtet. Wohin solch einseitige Aufrüstung führen kann, hat sich nicht zuletzt am Beispiel Afghanistans gezeigt.

Am Rande sei erwähnt, dass auch Dschihadisten aus Deutschland nach Syrien reisen, um dort die „Rebellen“ zu unterstützen und zu morden.

It’s the economy, stupid – isn’t it?

Die Autoren versuchen an verschiedenen Stellen die These zu delegitimieren, es seien bei dem Konflikt auch geostrategische Interessen im Spiel. Dafür herhalten muss u .a. ein Artikel des Historikers Hans-Christof Kraus aus der FAZ. Diesen Beitrag kann mensch getrost, wie es die Publikative-Autoren tun, dem „neurechten Revisionismus“ zuordnen.

Carl Schmitt als Student im Jahre 1912
Keine Argumentationshilfe: Carl Schmitt (1912 als Student)

Kraus versucht darin, ein Interventionsverbot in der Region aus der erstmals 1939 erschienen Schrift „Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte. Ein Beitrag zum Reichsbegriff für Völkerrecht“ des „Furchtbaren Juristen“ Carl Schmitt abzuleiten. Schmitt, der die rassistischen „Nürnberger Gesetze“ als „Verfassung der Freiheit“ begrüßte, argumentiert, das jeweilige „Reich“ (nicht der jeweilige Staat!), das „volksmäßig“ einen Großraum dominiere, solle vor den Interventionen anderer „Reiche“ geschützt sein. 1939 eine Argumentation, um den Angriffskrieg zu rechtfertigen, heute nicht brauchbar, um irgendetwas zu erklären.

Die These von Kraus, es ginge beim Syrien-Konflikt auch um Fragen der Energieversorgung, wird abgekanzelt: Die USA machten sich nach und nach unabhängig von ausländischem Öl, „weil man dort weniger Angst vor Fracking hat als der deutsche Michel in Passau“. Das mag richtig sein. Dennoch ist es so, dass auch die USA Gelder nach Syrien pumpen. Und es geht um den Einfluss in der Region, die durchaus einiges an Ressourcen zu bieten hat.

Der Einfluss des Iran, des wichtigsten Verbündeten Syriens, soll eingedämmt werden. Nicht zuletzt steht auch der Einfluss Russlands in der Region auf dem Spiel, denn deren einzige verbliebene Militärbasis mit Zugang zum Mittelmeer liegt in der syrischen Stadt Tartus. Der Syrien-Konflikt ist also auch ein Stellvertreterkrieg, der von allen Seiten aus Interessen geführt wird, die nicht innerhalb Syriens begründet sind.

Zu glauben, es ginge den USA ausschließlich um Menschenrechte in der Region wäre in etwa so naiv, wie zu glauben, Obama ginge es bei „Prism“ um Bürgerrechte und die deutsche Bundesregierung habe erst durch die Enthüllungen Snowdens vom Überwachungsprogramm erfahren.

Differenzierte Kritik nötig!

Was ist die Quintessenz des Textes, was vereine alle Argumentationen, die die Autoren ausgemacht haben wollen: „Die Amis wollen mal wieder ihre Interessen durchboxen und tarnen ihre Geldgeilheit durch Menschlichkeit. Das Ressentiment vereint Linke, Konservative und Rechtsradikale, ihr gemeinsamer Feind ist der Westen, die Textbausteine sind austauschbar.“

Der Ärger über verkürzte Debatten-Beiträge ist dabei selbst in eine Verkürzung zurückgefallen. Wenn man an einer Weiterentwicklung der Debatte jedoch interessiert ist, sollte die Kritik differenzierter sein.

In Syrien haben wir es mit einem brutalen Bürgerkrieg zu tun, mit schlimmen Verbrechen auf beiden Seiten. Mit einem skrupellosen Diktator und einer Mordbande, die sich gegenüberstehen. Für Linke wäre eine erste Erkenntnis, dass der Feind meines Feindes noch lange nicht mein Freund ist.

Die Forderung nach einem sofortigen Stopp aller Waffenlieferungen in die Region wäre richtig, die Ergebnisse des Untersuchungsberichts müssten dem Internationalen Strafgerichtshof übergeben werden. Allein scheitern sinnvolle Konfliktlösungen auch an den Interessenlagen außerhalb des Landes. Eine Militärintervention würde die Probleme in der Region nicht lösen, eher verschärfen. Brachiale Polemik jedenfalls hilft in dieser Auseinandersetzung nicht weiter.

*Lorenz Gösta Beutin ist Historiker und Mitglied der Linkspartei. Er lebt in der Nähe von Kiel.

Siehe auch: Cowboy im SchlachthausAI: “EU für Tod von Flüchtlingen verantwortlich”“Europas Feigheit vor der Hisbollah”Plötzliches Desinteresse an Angriffen auf PalästinenserMichael Lüders und “die reichen New Yorker Juden”Im InfokriegDie deutsche Rechte: Mit Carl Schmitt für Allah und Ahmadinedschad

Folgen den Razzien auch Konsequenzen?

Der Druck auf die extrem rechte Szene hat sich seit dem Aufdecken des „NSU“ erheblich erhöht. Wie auch schon in den Jahrzehnten zuvor, kommt es nach derartigen Taten zu erhöhten staatlichen Repressionen. Inwieweit die Razzien gegen Neonazis in der Schweiz, den Niederlanden und Deutschland in der letzten Woche auch Folgen haben werden, muss sich hingegen noch zeigen.

von Felix Krebs

Am Mittwochmorgen gab es Razzien gegen Neonazis in der Schweiz, Deutschland und den Niederlanden wegen der Verdachts der Bildung einer terroristischen Vereinigung (§129a) in Form eines „Werwolfkommandos“. Die Razzien richteten sich auch gegen Neonazis, die gleichzeitig Mitglieder der

Auch beim neonazistischen "Tag der deutschen Zukunft" 2012 in Hamburg marschierten die Neonazis mit, Foto: Kai Budler.
Auch beim neonazistischen „Tag der deutschen Zukunft“ 2012 in Hamburg marschierten die Neonazis mit, Foto: Kai Budler.

Kameradschaft „Hamburger Nationalkollektiv/ Weisse Wölfe Terrorcrew“ (HNK/WWT) sind. Diese hat ihren Schwerpunkt in Hamburg und Umgebung. Betroffen von den Razzien am Mittwoch waren u.a. Heiko W., ehemals Hamburg jetzt Mecklenburg-Vorpommern und Denny R. aus Niedersachsen, die Mitglieder in beiden Organisationen sind. Auf Indymedia-Linksunten gibt es nun einen informativen Artikel mit Schwerpunkt Norddeutschland zu den Razzien. Er stammt von derselben „Autononem Presse Gruppe“, die schon im Februar 2013, also lange vor den Behörden und Medien, auf die Verbindung des Schweizer Neonazis und Gewalttäters Sebastiene Nussbaumer zu Hamburger Neonazis aufmerksam machte.

In dem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass diesmal wohl Schweizer Behörden versagten, in dem sie Nussbaumer trotz Verurteilung vor dem Solothurner Obergericht zu 39 Monaten Freiheitsstrafe im Januar 2012 laufen ließen. 44 Delikte hatte der bekennende Neonazi bis dahin schon verübt – unter anderem Rassendiskriminierung, Drohung, Gewalt gegen Beamte, Tätlichkeit und Raufhandel. Da er das Urteil nicht akzeptierte und es an das Bundesgericht in Lausanne verwiesen wurde, blieb Nussbaumer auf freiem Fuß. Er verstieß sofort gegen die Meldepflicht bei seinem Bewährungshelfer, blieb augenscheinlich aber unbehelligt, schoss dann im Mai 2012 im Streit einen Kameraden nieder, verletzte diesen schwer und floh nach Hamburg. Hier wurde er dann festgenommen.

Es bleibt vor allem spannend, ob den Razzien vom Mittwoch nun wirklich Taten folgen, oder ob der §129a hier nur als klassischer Ermittlungs- und Einschüchterungsparagraph dienen sollte. Bisher gab es wenige Verurteilungen gegen die Mitglieder der HNK/WWT. Nach der Razzia im Mai 2012 ebenfalls u.a. bei Heiko W. und Denny R. wurden nur Strafbefehle in Höhe von 1.000 bzw. 1.500 Euro ausgesprochen, gegen die beide Widerspruch einlegten. Bedenkt man, welch riesen Tamm-Tamm 2012 mit einer eigenen Pressekonferenz nach der damaligen Razzia gemacht wurde, ist das doch ein ziemlich dürftiges Ergebnis. Die abschreckende Wirkung dürfte sich in Grenzen halten.

Die WWT beim "Trauermarsch" in Bad Nenndorf 2011. Mittendrin: Heiko W., Foto: Kai Budler.
Die WWT beim „Trauermarsch“ in Bad Nenndorf 2011. Mittendrin: Heiko W., Foto: Kai Budler.

Der Autor schrieb im Mai 2012 „: Auch bezüglich der jüngsten Razzien u.a. gegen Mitglieder des HNK/WWT werden die Konsequenzen wohl eher gering sein. Allenfalls Verstöße gegen das Versammlungs- und Uniformverbot durch die „Unsterblichen“ werden wohl vor Gericht zu ahnden sein – wenn überhaupt. Ein Prozess gegen mehrere Angehörige der „Weißen Wölfe Terrorcrew“ wegen Volksverhetzung vor dem Amtsgericht Wandsbek wurde laut Informationen des Hamburger Bündnis gegen Rechts erst Anfang des Jahres ohne einen einzigen Prozesstag eingestellt.“

Die Prognose hat sich also bestätigt. Jetzt wird vom Hamburger Leiter der Verfassungsschutzes Manfred Murck extra betont, dass die vorgestrige Razzia sich nicht gegen die Gruppierung HNK/WWT richtete, sondern nur gegen Einzelpersonen, die dort auch Mitglied sind. Es wurden keine konkreten Anschlagspläne, Waffen oder Sprengstoff gefunden. Die durchsuchten Neonazis wurden nicht festgenommen. Die Behörden handelten zwar richtig wegen der konkreten Gefahr, handeln aber nur bei Verdacht auf Terrortaten. Der politische Aspekt der Nazikameradschaft wurde bisher vollkommen vernachlässigt. Die WWTC stehen in eindeutiger Tradition der historischen Nazis, wollen einen neuen Faschismus und bekennen dies offen. Ebenso offen ist ihr Bekenntnis zur gewaltsamen Umsetzung dieses Ziels. Ein Verbot auf politischer Grundlage ist überfällig. Die Fraktion der LINKEN in der Hamburgischen Bürgerschaft forderte Innensenator Michael Neumann schon im November 2011 auf, die HNK/WWT unverzüglich zu verbieten.

Heimat, eine Plombe

Am 18. Mai 2009 starb der Psychoanalytiker Paul Parin. Wir dokumentieren eine Rede Parins vom 16. November 1994 beim 5. Symposion der Internationalen Erich Fried Gesellschaft für Literatur und Sprache in Wien zum Thema »Wieviel Heimat braucht der Mensch und wieviel Fremde verträgt er«…

Von Paul Parin, zuerst veröffentlicht bei haGalil.com

Fritz Hochwälder, ein junger Tapezierergeselle aus Wien, ist 1938 als jüdischer Flüchtling in die Schweiz gekommen. Nach der Entlassung aus dem Lager ist er der bedeutende und erfolgreiche Dramatiker geworden. Er hat bis zu seinem Tod mit 75 Jahren in Zürich gewohnt. Oft hat er seinen Abscheu vor dieser

Foto: © Roland Kaufhold / Psychosozial Verlag
Foto: © Roland Kaufhold / Psychosozial Verlag

kalten und engstirnigen Stadt ausgedrückt, böse und ironisch, nie klagend. Bis ich ihn einmal fragte: »Warum gehst du nicht fort? Alles was du zum Leben brauchst, ist deine Schreibmaschine. Die ist leicht mitzunehmen«. »Das ist es ja«, sagte er, »überall fühl’ ich mich besser als hier. Bin ich vierzehn Tage in Wien, hab’ ich wieder mein Kaffeehaus, die Freunde und bin ein Wiener. Paris habe ich ausprobiert, da hat es etwas länger gedauert, so drei vier Wochen, und ich war an der rive gauche zu Hause«. Sogar aus London, wohin er zur englischen Uraufführung seines Dramas »Reich Gottes auf Erden« gefahren ist, reiste Fritz Hochwälder bald fluchtartig ab. »Du weißt ja, ich spreche nur ein paar Worte englisch, aber ich kam im Fernsehen, ich hatte gleich meinpub, alle kannten mich dort, und ich hab’ gespürt, du mußt weg.«

Hochwälder ging es in seinen Stücken immer um eines: um die Gerechtigkeit. Wenn es um Gerechtigkeit geht, muß der Dichter den Ort und die Epoche aufsuchen, wo Gerechtigkeit als ein gewachsener Fels gerade noch herausragt, aus dem trüben Schlamm. Im dramatischen Ablauf steht dann der Fels, an dem sich alles bricht, vor aller Augen da. Um diesen Ort in jener Zeit zu finden, darf man nirgends »zu Hause« sein. Fritz Hochwälder meinte, das Heimatgefühl, das ihn so leicht ergriff, mache den Blick trüb wie ein schlammiger Regen. Ein Dichter, der so leicht einer Heimat verfällt und wegen seines Themas Heimatgefühle nicht brauchen kann, ist vielleicht kein geeigneter Zeuge.

Da nehme ich lieber einen, der keine Heimat hat, mich selber. Biographisch ist es so, daß ich in Novikloster in der Südsteiermark geboren, im gleichen Novikloster in Slowenien im Königreich Jugoslawien aufgewachsen bin und – damals freiwillig – nach Zürich gezogen bin, wo ich seit 56 Jahren wohne. Als mich unlängst die Kulturredakteurin einer Zeitschrift ermahnt hat: »Dann ist doch zürich Ihre Heimat!« sagte ich: »Nein. Ich bin zwar in Zürich enorm seßhaft; aber eine Heimat ist es für mich nicht«, und zur Erläuterung: »Zürich macht es einem leicht, sich nicht daheim zu fühlen«. Weil sie das nicht gleich verstand, fand ich ein Gegenbeispiel, den bekannten Schweizer Fernsehjournalisten Frank A. Meyer. Als er mich am Telephon um ein Interview für eine einstündige Sendung bat, sagte ich: »Ja; aber ich werde Hochdeutsch sprechen. Sie können ruhig bei Ihrem Berndeutsch bleiben«. »Ich spreche nicht Berndeutsch, ich spreche Bieler Deutsch«, erwiderte Frank A. Meyer, hörbar beleidigt. Ich hatte die beiden Dialekte, die einander ähnlich sind, verwechselt. Es brauchte einiges, um meinen Partner zu versöhnen. Mein Irrtum über seine engere Heimat hatte ihn ernsthaft gekränkt. Das nenne ich ein richtiges Heimatgefühl.

Paul Parin mit Anna Freud auf dem 27. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Wien vom 24.-30. Juli 1971
Paul Parin mit Anna Freud auf dem 27. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Wien vom 24.-30. Juli 1971

Weil mein erstes Erzählbuch über die Jahre in Slowenien mit dem großzügigen Geburtstagsgeschenk von Kollegen und Kolleginnen für die Übersetzungskosten in slowenischer Sprache herausgekommen ist, hat mich Anka Krcmar, die Leiterin der Gemeindebibliothek Zalec, einer kleinen Stadt nahe von Novikloster eingeladen. Wir vereinbarten vorerst einen privaten Besuch. Es gab aber einen Empfang, der Bürgermeister war da, sein Stellvertreter, Frau Krcmar und die Übersetzerin Milena Pobezin, es gab Ansprachen, Blumen für die Frau Gemahlin, eine Führung zu einigen Schlössern, die renoviert werden sollten, zu einer Barock-kirche, die bereits sehr schön renoviert worden war, und als Geschenk einen Prachtband von einem Professor der Kastellologie und Vedutologie über Schlösser Sloweniens. In meiner Dankansprache sagte ich, diese Schlösser hätten mir dreimal im Leben Freude bereitet, zuerst als ich in einem solchen Schloß aufwuchs, dann als die Schlösser endlich angezündet wurden und heute, wo sie mit Kunstverstand renoviert werden. Das vom Anzünden hörte man gar nicht gern. Als die Partisanen Novikloster anzündeten, hauste darin die Gestapo. Für die slowenischen Freunde bin ich seither ein slowenischer Dichter, obwohl ich nicht Slowenisch spreche. Ein Sohn der Heimat, dessen Leben zurückreicht in die mythisch gewordene Zeit der k. u. k. Monarchie und der eine Brückenfigur zum Westen ist, in die Zukunft Sloweniens.

Ich fand die neuen Freunde sehr liebenswürdig, konnte in mir aber keine Rührung oder andere Heimatgefühle wahrnehmen. Darum machte ich mich auf die Suche. Wenn alle Heimat haben, wieso gerade ich nicht! Schließlich entdeckte ich, daß die Berge, die das liebliche Sanntal umrahmen, den Horizont mit schöneren Linien begrenzen als anderswo. Sonst ist die Gegend nicht spektakulär, Alpenvorland. Immerhin, in meiner ästhetischen Wahrnehmung steckt doch ein Stückchen »Heimat«. Seither sind jedoch Freunde nach Slowenien gereist und haben mir spontan erzählt: »Im Sanntal, in deiner Heimat ist es wunderschön; die Berge dort haben schönere Linien als anderswo.« Es ist also wieder nichts mit meinem Heimatgefühl. Hab’ ich da einen Defekt? Kommt es daher, daß ich als Großbürger aus dem sozialen Gefüge herausgehoben aufgewachsen bin? Vielleicht ist so einer in seiner Klasse daheim und braucht keine andere Heimat.

Dagegen sind meine Geschwister Kronzeugen. Mein jüngerer Bruder, der mit mir aufgewachsen ist und 1949 als Dreißigjähriger nach Amerika ausgewandert ist, sprach slowenisch und hat in kroatischer Sprache die Matura abgelegt. Als er Novikloster in den siebziger Jahren zum ersten Mal wieder besucht hat, fühlte er sich fremd und hatte beide slawische Sprachen vollständig vergessen. In Pennsylvania, wo er die letzten Jahre gelebt hat und wo er gestorben ist, hatte er das Gefühl, eine Heimat gefunden zu haben. Meine Schwester, die in Lugano lebt, hat Sehnsucht, die »alte Heimat« wiederzusehen, derart, daß sie gewiß ist, eine Stadt, die ich erfunden, aus Merkmalen zweier Orte zusammengedichtet habe, existiere wirklich. Sie kenne ihre Heimat. Wahrscheinlich haben die Slowenen recht. Heimat ist einfach dort, wo man geboren ist. Im Französischen heißt espays natal oderpatrie, englisch horne, homeland oder einfach native country, italienisch terra natia oderpatria. Vaterland ist aber doch noch etwas anderes als das deutsche Wort »Heimat«. Gerade wegen der nationalen Etikette, die der Heimat anhaftet, ist mir die tatsächliche Trennung vom Land der Geburt immer angenehm gewesen. Internationale Solidarität verbindet mich mit allen Menschen dieser Welt, ich bin Weltbürger. Das ist meine Heimat.

Seit die Werte der Aufklärung obsolet zu werden drohen, seit es anscheinend nur noch Nationen und Stämme gibt oder zu geben scheint und keine Welt der Menschen, die guten Willens sind, gilt das nicht mehr. Ich stamme aus einer verflossenen Epoche. Damit wären mein Begriff von Heimat und meine persönlichen Heimatgefühle hinfällig.

Und dennoch gibt es Heimat: ganz ohne Vaterland oder Nation oder Deutschtum. Auf dem Weg zu den Dogon in der Republik Mali lernten wir in Agadez am Südrand der Sahara, mehr als 2000 Kilometer vom Dogonland, den ersten Dogon kennen, einen jungen Soldaten der französischen Kolonialarmee. Im Tornister trug er den dicken Band des französischen Ethnologen Marcel Griaule, Les masques Dogon mit sich. Wenn er sich einsam fühle oder traurig, lese er darin, und dann sei er wieder daheim. Er gab uns Grüße mit in die schönste Stadt der Welt, Bandiagara im Dogonland.

Es ist also möglich, aus einem cartesianisch trockenem Buch tiefe Heimatgefühle zu beziehen. Wie viel eher aus einem uralten Glauben, einer geistigen Überlieferung, aus heiligen Büchern. Eretz Israel, die großartigste Stiftung von Heimat, war längst zur Heimat von Juden der Diaspora geworden – am wenigsten vielleicht der im Land Israel geborenen Sabra -, lange bevor ihnen der Hitlerstaat nach den Worten von Paul Celan ein »Grab in den Wolken« bereitet hatte. Die Geschichte des Staates Israel seit seiner Gründung dauert erst 46 Jahre. Darum können wir leicht zurückverfolgen, wie sich die biblische Heimat unter dem Druck der Verhältnisse in jenes gefühlsgetragene Vaterland verwandelt hat, das die Bürgerinnen und Bürger, die ihre Vorväter in altehrwürdigen Schriften und archäologischen Grabungen zu finden hoffen, wahrlich nicht gesucht haben; sie vermissen die verheißene Heimat. Ich habe an die Heimat der Juden erinnert, um nicht in die Falle einer nationalen Etikettierung zu geraten. Allzu leicht sind wir geneigt, »Heimat« als etwas spezifisch Deutsches, als ein rückständiges, sentimentales und mit Ressentiment beladenes Phänomen zu betrachten: Heimatverbände, Heimatvolksgruppen, Heimatvereine und -chöre, und dergleichen. Diese alle enthalten eine Perversion von Heimat, die unschwer auf den Begriff zu bringen ist. Was ich damit sagen will, ist leicht zu verstehen, wenn man etwa die Gedenktafel aus Bronze betrachtet, die auf dem Schloßberg in Graz (über den Kasematten, in denen die Opfer der Heiligen Inquisition und politische Gefangene des Österreichischen Imperiums schmachteten) angebracht ist. Eine völkische Familie, Vater, Mutter, Söhnchen und Dirndl, richten den Blick traurig, aber entschlossen nach Süden. »Südsteiermark, verlorene Heimat« heißt es auf der Tafel, die ein sozialdemokratischer Bürgermeister eingeweiht hat. Die »verlorenen« Städte sind mit deutschen Namen eingetragen, Marburg, Pettau, Laibach, Gotschee. Die Heimat der Slowenen ist ausgelöscht oder soll ausgelöscht werden. Diese Art Heimat meine ich nicht, wenn ich von Heimat spreche. Heimatlos sein ist auch kein Gegensatz zu Heimat, die man hat, die man braucht, die man in sich hat oder eben nicht, durch Verlust oder Verzicht. Wer heimatlos geworden ist, kann sehr wohl zeitlebens Heimat in sich tragen, und wer daheim geblieben ist, ohne Heimat sein.

Vor dieser Versammlung wage ich es nicht, von der Sprache als Heimat zu reden. Hatte Heinrich Heine, als er in der Nacht an Deutschland dachte, Heimatgefühle, oder war er Patriot, oder doch ein Weltbürger, und maß sein Preußen, sein Deutschland am sittlichen Ideal der Menschheit? Und Thomas

Paul Parin und Goldy Parin-Matthèy, © Johannes Reichmayr, www.paul-parin.info
Paul Parin und Goldy Parin-Matthèy, © Johannes Reichmayr, www.paul-parin.info

Mann, und Bertolt Brecht? Von unserem Erich Fried weiß ich: Heimat und Sprache sind zwei ganz verschiedene Dinge. Er bezeichnete sich als Österreichischen oder auch als deutschen Dichter, der Sprache gemäß. Diese oder jene Heimat, die jüdische, die Londoner, die Wiener Heimat, die alle waren für ihn unwichtige und zumeist überflüssige Etiketten, die einem angeheftet werden. Ich will Heimat keineswegs verleugnen. Dommo, ein tüchtiger junger Pflanzer aus dem Dorf Andioumbolo im Dogonland, ist mit uns in die nächste Stadt Mopti gefahren, um seine Geschäfte zu erledigen. Er konnte noch die Säcke mit Hirse, die er mitgebracht hatte, gegen Salz tauschen. Dann verfiel er in einen katatonen Stupor, verlor die Sprache und wurde starr und gelähmt. Ausgetrocknet und halbverdurstet, hockte er in praller Sonne, keine zwanzig Schritt von den Fluten des Nigerstromes. Wir mußten ihn in den Schatten tragen und ihm Wasser einflößen. Auf der Fahrt zurück ins Dogonland kam er bald zu sich. Als die Felszacken, die trockenen gelben Halden und die Brotfruchtbäume des Dogonlandes auftauchten, gewann er seine Sprache zurück und war bald wieder der gesprächige, intelligente und tatkräftige Mann, der er vor der Reise gewesen war; so wie er in seiner Heimat gelebt hatte und weiter leben wird. Wer nie »Heimat« gefunden hat, kann auch in der Schweiz nicht leben. Das Gegenbeispiel zu Dommo ist Alice. Sie ist als älteste Tochter einer Wirtin in einem Bergdorf der Innerschweiz aufgewachsen. In den Jahren ihrer Kindheit hat die Mutter buchstäblich alle Räume des behäbigen Bergbauernhauses mit Gastwirtschaft, das sie gemietet hatte, zu modernen Hotelzimmern umgestaltet. Die Gäste konnten sich in dem verwinkelt gebauten Chalet das Zimmer aussuchen, das ihnen zusagte. Die Familie schlief dann eben in einem Zimmer, das gerade nicht vermietet werden konnte, oder im Stall oder in der Waschküche, nicht zweimal hintereinander im selben Raum. Als Alice heranwuchs, suchte sie vergeblich nach Heimat, trug die Volkstracht, sang im Jodelchor, bestieg trotz ihrer schwachen Konstitution im Sommer und Winter den Bergriesen, der ihrer engeren Heimat den Namen gibt, reiste ins Ausland, kehrte zurück, aber niemals heim. In ihren allnächtlichen Träumen hing sie verzweifelt an eisigen Felswänden, außen an bröckelnden Hausfassaden über dem Abgrund. Als sie mit dreißig erstmals eine eigene kleine Wohnung in der Stadt mietete, kaufte sie unter Hingabe aller Ersparnisse so viele Möbel ein, daß sie nicht mehr zur Türe hereinkam, als alles geliefert war, und sie bei einer Freundin Unterschlupf suchen mußte.

Nur selten fuhr sie nach Hause, um Mutter und Geschwister zu besuchen und verbrachte eine schlaflose Nacht in einem der Zimmer des eleganten, teuren Berghotels, das aus dem armseligen Gasthaus geworden war, dem Lebenswerk ihrer Mutter.

Meine Damen und Herren, Sie werden bemerkt haben, daß ich immer wieder auf einzelne Personen und ihr Schicksal zu sprechen komme. Ich gestehe, daß mich das Thema dieser Tagung: »Wieviel Heimat braucht der Mensch?« erst einmal konsterniert hat. Nicht wegen »Heimat«. Mit Heimatgefühlen, Sehnsucht, Geborgenheit, Verlust und Suche nach Heimat habe ich mich als Psychoanalytiker befaßt, beinahe bei jeder Frau und jedem Mann, die zu einer Analyse gekommen sind. Was mich betroffen gemacht und beinahe verärgert hat, war das Allgemeine in der Frage: »Wieviel braucht der Mensch«. Heimat ist nach meiner Erfahrung ein obligat individuelles Phänomen, jeder Mann und jede Frau mag Heimat brauchen, ihre ureigenste Heimat, wie auch jedes Kind »daheim« sein müßte, bis es erwachsen ist und unter umständen der Heimat entraten oder sich eine neue Heimat suchen kann. Sobald »der Mensch« darauf befragt wird, ob er Heimat braucht, rücken wir ihn in bedenkliche Nähe zu den postmodernen Suchern, Vermittlern und Kämpfern um Identität, mit der heute jede nationale, völkische oder sonstwie kollektive Abgrenzung oder Ausgrenzung legitimiert, jeder beliebige Herrschafts- und Machtanspruch begründet, schließlich jede mitmenschliche Solidarität in Frage gestellt wird. Gewiß sind Kinder auf eine Heimat, auf Sicherheit und Geborgenheit angewiesen, auf ein Minimum, einen Stall von Bethlehem oder auch nur das Tragtuch einer liebenden Nomadenmutter. Was das Heimatgefühl der Erwachsenen betrifft, mag es die Seele nötig haben, wenn Kälte, Einsamkeit, Depression, Verlust und Orientierungslosigkeit drohen, wenn das Selbstgefühl erschüttert ist und zu zerbrechen droht. Für Psychoanalytiker hat Heimat die Bedeutung einer seelischen Plombe. Sie dient dazu, Lücken auszufüllen, unerträgliche Traumen aufzufangen, seelische Brüche zu überbrücken, die Seele wieder ganz zu machen. Je schlimmer es um einen Menschen bestellt ist, je brüchiger sein Selbstgefühl ist, desto nötiger die Heimatgefühle, die wir darum eine Plombe für das Selbstgefühl nennen. Psychoanalytiker haben es leichter als jene, die sich um Heimat in diesem oder jenem Land, in diesem Staat, jener Nation, um Heimat in einer Weltanschauung, Dichtung, Religion oder Sprache kümmern.

Wir sagen: Wer ein gutes Selbstgefühl hat, der hat Heimat, wem es daran gebricht, der habe Heimat.

Quelle: Paul Parin, Heimt, eine Plombe, EVA Reden Bd. 21, 1996.
Paul Parin (2005): Psychoanalyse, Ethnopsychoanalyse, Kulturkritik. Paul Parins Schriften auf CD, herausgegeben von Johannes Reichmayr, 19,90 Euro, Psychosozial-Verlag, Gießen.

“Ein moralischer Anarchist”

Am 18. Mai 2009 starb der weltbekannte Schweizer Psychoanalytiker und Schriftsteller Paul Parin. Anlässlich seines Todestages erinnern wir mit einem Nachruf an das Leben und das Werk eines kritischen Weltbürgers.

Von Roland Kaufhold, zuerst veröffentlicht bei haGalil.com

»Ich hab’ mich schon seit 1934 auf die Chirurgie ge­stürzt, weil ich wusste, es kommt ein Weltkrieg.« Eine für Paul Parin in ihrer Präzision und Nüchternheit typische Bemerkung bzgl. der Motive seiner ersten Berufswahl: Medizin. Gegen die Nationalsozialisten. Er machte sie 1992 bei einer Lesung in Köln. Am 18.05.2009 ist der streitbare, liebenswerte Schweizer Schriftsteller und Psychoanalytiker Paul Parin 92-jährig in seiner Heimatstadt Zürich verstorben. Er war für mich ein Vorbild. Kein Autor hat mich mit seinen tiefgründigen, erzählenden Büchern und Essays so tief bewegt, so angeregt, begleitet wie Paul Parin.

Erstmals gelesen habe ich ihn 1981 im Philosophieunterricht eines Gymnasiums, bei meinem Philosophielehrer Dieter Ferfers, kurz vor meinem Abitur. Der Name des Autors hat sich mir eingeprägt. Es war die Zeit der »Züricher Jugendunruhen«. »Befreit Grönland vom Packeis« stand an Züricher Häusern. Der seinerzeit 65-jährige, aus einem großbürgerlichen, privilegierten jüdischen Familienhaus stammende Paul Parin bemühte sich, die aufbegehrende Jugend solidarisch zu unterstützen – mit seinen Mitteln: Er nahm – wie im bewegenden Filmportrait der Schweizer Filmemacherin Marianne Pletscher (1996) dokumentiert –, an Demonstrationen für den Erhalt eines autonomen Züricher Jugendzentrums teil und publizierte psychoanalytische Studien, in denen er die legitimen Motive der aufbegehrenden Jugendlichen darlegte: »Warum die Psychoanalytiker so ungern zu brennenden Zeitproblemen Stellung nehmen«, »Der Knopf an der Uniform des Genossen«, »Zunehmende Intoleranz in der Bundesrepublik«: typische Essayüberschriften für sein seinerzeitiges publizistisches Engagement (Reichmayr 2006).

Foto: © Roland Kaufhold / Psychosozial Verlag
Foto: © Roland Kaufhold / Psychosozial Verlag

Kindheit und Jugend in Slowenien: ein Glückspilz auf der Suche nach Abenteuern

Paul Parin wuchs in Slowenien als Sohn eines Großgrundbesitzers auf. Sein Elternhaus war »multikulturell«, assimiliert jüdisch, anregungsreich – aber auch einsam. Paul hatte einen gut zwei Jahre jüngeren Bruder Toto und eine drei Jahre ältere Schwester Emma. Der junge Paul fand auf dem elterlichen Anwesen kaum gleichaltrige Freunde. Seine Erinnerungen an seine begüterte Jugend auf dem Landgut Novikloster, wie er sie vor allem in »Jahre in Slowenien« (1980) erinnert hat, sind von einer eindrücklichen Lebendigkeit und emotionalen Nähe. Im multikulturellen, ländlichen Novikloster wurde sein Interesse für seelische und soziale Beobachtungen bereits früh geweckt. Parin führt aus:

»Ein Psychoanalytiker könnte als Kind keinen besseren Anschauungsunterricht haben als die starr durch Machtverhältnisse und Arbeitsteilung gegliederte, gegen außen, von der profanen Welt der Bauern und der Städte durch Wiesen und Forste getrennte Welt eines Großgrundbesitzes, einer vielköpfigen Großfamilie, die untergründig von Liebe und Haß durchströmt und bewegt wird. Die Rätsel des Lebens müssen erst hier gelöst werden, bevor man hinausblickt in die unheimliche und verführerisch lockende Fremde« (Parin 1980, S. 26).

Paul Parin musste früh schwere Belastungen überstehen. Wegen einer angeborenen schweren Missbildung seines Hüftgelenkes war er als Kind für mehrere Monate von Kopf bis Fuß eingegipst – und hatte doch zugleich eine liebevolle, einfühlsame Mutter; für diese war ihr behinderter Sohn – den sie nicht als behindert betrachtete – einfach ein »Glückspilz« (Parin 1993, S. 16). Auch erinnert er sich mehrerer slowenischer Frauen, die sich einfühlsam um ihn kümmerten. Seine Beobachtungsgabe wurde so früh geweckt. In seiner Dankesrede zur Verleihung des Erich-Fried-Literaturpreises führte Parin hierzu aus:

»Ich bin mit einer Missbildung der Hüftgelenke zur Welt gekommen und habe zeitlebens gehinkt. Immerhin konnte ich mein Gebrechen kompensieren, war also körperlich besser dran als er. Sprache und Rede waren auch für mich wichtiger als für gesunde Kinder, und haben mir während eines ganz anderen Berufslebens so viel bedeutet, dass ich mich im Alter dem Schreiben zuwenden konnte und heute hier vor Ihnen stehe« (Parin 1993, S. 128).

Paul besuchte bis zu seinem 17. Lebensjahr keine Schule, er erhielt Hausunterricht, den er als lehrreich und anschaulich in Erinnerung hat. Diese Form des selbstständigen Lernens erscheint ihm in der Rückschau als ein außerordentlicher Glücksfall. Er las viel, sehr viel, baute eine eigene Bücherei auf, einschließlich pornografischer Bücher, machte aber auch Ausflüge in die Natur. In einigen seiner autobiografisch getönten literarischen Werke, so in Jahre in Slowenien (1981), Karakul (1993), Eine Sonnenuhr für beide Hemisphären (1995) und Der Traum von Segou (2001) hat er hiervon in sehr persönlicher Weise erzählt.

In seinen Gesprächen mit Ursula Rütten beschreibt er seine an die Tradition der Wandervögel erinnernde jugendliche Sehnsucht nach Abenteuern, nach Ausbrüchen farbenprächtig:

»Ohne dass ich besonders gelitten hätte unter der Enge der Familie oder der Landschaft oder der Gegend, hat sich daraus eine Tendenz ergeben (…), dass ich ungefähr vom Alter von zwölf, dreizehn Jahren an das unternahm, was spätere Generationen mit Autostop gemacht haben. Ich nahm mir mein Fahrrad und machte oft schon ziemlich weite Ausflüge. Nicht etwa, dass ich besonders gerne fahrradgefahren bin, aber so hatte ich die Möglichkeit, nach Lust und Laune nach Slowenien hinein, manchmal bis nach Kroatien und nach Österreich zu fahren. Ich war damals wirklich schon viel unterwegs, mit dem Rucksack, schlief irgendwo beim Bauern in der Scheune. (…) Mit sechzehn kam ich dann erstmals nach Dalmatien, wo ich nach der Hauptsaison, also am Ende des Sommers, meinen Onkel besuchte. Ich erinnere mich nur zu genau, ich hatte damals das Gefühl, noch nie ein richtiges Abenteuer erlebt zu haben. Das trieb mich an wie ein Motor. Das Gefühl habe ich gelegentlich heute noch. Die Neugier zu forschen hat mich seit früher Jugend nie verlassen und mein Leben mitbestimmt« (Rütten 1996, S. 84f., Hervorheb. d. Verf.).

Mit 17 Jahren besuchte er in Graz erstmals ein Gymnasium, um einen offiziellen Schulabschluss zu erlangen. Für den Juden Paul Parin war dies ein herausforderndes, seinen Widerstandsgeist weckendes Erlebnis: Es war eine »Nazischule«, der größte Teil seiner Mitschüler wie auch seiner Lehrer sympathisierten mit den Nationalsozialisten. Paul Parin wusste, was dies für ihn bedeutete. Er vermochte sich zu wehren, seine Gegner sprachlich bloßzustellen. Und doch interessierte er sich bereits als Jugendlicher für die Psychoanalyse, las die Schriften Freuds: »Freud war einer der bahnbrechenden Kritiker unserer Zivilisation. In unserer Jugend, der Zeit der faschistischen Bewegung und neu entfesselter schrecklicher und grausamer Kriege, schien es uns nötig und dringlich, die Zivilisationskritik Freuds weiterzutreiben«, erinnerte er sich (Parin 2006, S. 177).

Der Vater – ein Großgrundbesitzer

© Johannes Reichmayr, www.paul-parin.info
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Paul Parin hat verschiedentlich über seine ambivalente Beziehung zu seinem Vater – dessen Namen er in seinen Schriften niemals erwähnt (!) – geschrieben. Es stellt sich beim Lesen eine von Sympathie getragene Ambivalenz ein, zwischen Ablehnung und Respekt vor dessen ungebrochener Autorität als Gutsherr. Seine Auseinandersetzung mit seinem Vater – er lehnte sich gegen ihn auf, ohne mit ihm streiten zu müssen –, führte ihn hin zu seinen revolutionär-anarchistischen getönten politischen Überzeugungen. Parins Vater wurde 1876 in Triest als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren und heiratete 1912 seine aus Budapest gebürtige Frau Renée Baumgarten. Im Frühjahr 1941, die Nationalsozialisten überfielen Jugoslawien und bombardierten am 6. April Belgrad, musste dieser als Jude zusammen mit seiner Familie aus Novikloster fliehen und ging nach Lugano. Über die Art seines Vaters, diesen Verlust in einer verleugnenden Form zu bearbeiten, führt Paul Parin aus: »Den Verlust seines Besitzes betrauerte er nicht einen Tag« (Parin 1993, S. 9). Um wenig später deutend hinzuzufügen: »Nach der Flucht in die Schweiz und nach dem Verlust seines Vermögens hatte sich für ihn nicht viel geändert. […] die Maxime: es hat keinen Sinn, sich mit etwas zu beschäftigen, das man nicht ändern kann – ersparte ihm Trauer und jedwede Einsicht« (Parin 1993, S. 13).

Für mich klingt eine, wie es der zeitliche Abstand wohl ermöglicht hat, liebevoll getönte Identifikation mit der Charakterstärke seines Vaters durch, wenn Paul Parin erinnernd ausführt:

»Wer meinen Vater kennengelernt hat, fand ihn charmant und war beeindruckt von seiner Energie und Intelligenz. […] Auch Goldy, die Schwiegertochter, fand ihn charmant und liebenswürdig« (Parin 1993, S. 11). Um wenig später zu ergänzen: »Meine Freunde, denen ich von meinem Vater erzählt habe, und andere, die noch in Novikloster zu Gast waren, haben mich gefragt: Es muss doch schrecklich gewesen sein, einen solchen Tyrannen zum Vater zu haben? Nein, sage ich, er war kein Tyrann; er war ein absoluter Herrscher« (Parin 1993, S. 13).

Nach dem Verlust seines Vermögens suchte sich Paul Parins Vater eine landwirtschaftliche Tätigkeit, um den Lebensunterhalt seiner Familie zu sichern. Diese Entschlossenheit und lebenspraktische Fähigkeit beeindruckten seinen Sohn sehr. In seiner Erzählung »Ergänzung einer Grabrede« (in: Parin 1993) spricht Paul Parin nun erstmals in persönlicher, anrührender Weise über das jüdische Schicksal seines Vaters:

»Das alles ist imponierend und hat mich sehr beeindruckt. Dem Sohn, der seinen Vater liebt und ihn kritisch betrachtet, entgehen feinere Zeichen der Erschütterung nicht. Es war ihm nie möglich, sich selber als jüdischen Flüchtling, als geretteten oder geschädigten Juden zu sehen. Er half vielen Emigranten mit Ratschlägen in Vermögensangelegenheiten, so weit er konnte mit Geld. Seinen Banken gegenüber und gar bei den Behörden hat er es vermieden, je auf seine damals hilflose Lage als Jude Bezug zu nehmen. […] Nach Jugoslawien reiste er nie mehr, nach Deutschland auch nicht. Sogar auf die Briefe der Berliner Diskontbank, die den Rest seines dortigen Vermögens nach der Markabwertung gewissenhaft verwaltete, hat er nie geantwortet. Da er ein unabhängiger Gentleman bleiben wollte, durfte er kein rechtloser, verfolgter, geschädigter Jude sein« (Parin 1993, S. 29).

Und er fügt in seiner Grabrede hinzu:

»Der Charakter meines Vaters war geprägt davon, dass er der geliebte Sohn seiner Mutter geblieben ist. Als eine mythische Figur ragt er aus dem 19. Jahrhundert in unsere Zeit. Er war dem Leben zugewandt und hatte die seltene Gabe, sich von Schicksalsschlägen nicht verletzen zu lassen. So konnte er  mit Recht von sich sagen, dass Gott ihn immer bevorzugt habe. Es war ihm immer selbstverständlich, auf Seiten der Unterdrückten und Verfolgten zu stehen. Als das Volk der Juden zum Gegenstand schrecklicher Verfolgungen wurde, gab es für ihn, den aufgeklärten Sohn der Jahrhundertwende, der sich bis dahin kaum um seine Herkunft gekümmert hatte, keinen Moment des Zögerns, sich selber als Jude zu bekennen. In den letzten Jahren, als das Schicksal des jüdischen Volkes eine bessere Wendung zu nehmen begann, wandte er sich mit tätigem Mitgefühl anderen Leidenden zu. Die Unbeugsamkeit seines Charakters hat uns Kindern oft zu schaffen gemacht. Seine bedingungslose Aufrichtigkeit und sein Mut, mit dem Leben fertig zu werden, haben uns ein Vorbild gegeben« (Parin 1993, ebda.).

Studium der Medizin, als Partisan in Titos Untergrundarmee – und wieder zurück

Paul Parin studierte von 1934–1938 in Graz, Zagreb und Zürich Medizin, wo er auch promovierte. Er las viel, hierunter auch die Schriften Karl Marx’ sowie weiterer marxistischer Klassiker, deren undogmatische Richtungen ihn prägten. Zugleich betätigte er sich antifaschistisch, machte Ausflüge an die slowenisch-österreichische Grenze, um Flüchtlingen, die sich hinüberretten wollten, beim Grenzübertritt zu helfen (Parin 1980, S. 92ff.). Er schloss sich, zusätzlich ermutigt durch seine erste Jugendliebe zu einem Mädchen namens Ljuba, einer politischen Gruppe gleichaltriger Jugendlicher an, dem »Ausschuss zum Schutz der Nordgrenze« (Parin 1980, S. 59). Sie überfallen eine Gruppe junger, nationalistisch auftretender Deutscher:

»Unsere erste Aktion […] wurde, zuerst, ein voller Erfolg. Wir alle waren in Siegesstimmung und tranken Sliwowitz, der uns nicht schmeckte. Wir hatten einige junge Deutsche überfallen, ihnen die weißen Strümpfe ausgezogen, so dass sie barfuß, die Schuhe in der Hand, heimlaufen mussten, während wir, die Schuhe in der Hand, heimlaufen mussten, während wir die Strümpfe der Landesverräter als Trophäen an Stangen durch das Städtchen trugen« (Parin 1980, S. 59). Seine eigene existenzielle Gefährdung als Jude wurde ihm zunehmend bewusster. In Jahre in Slowenien (Parin 1980) führt er hierzu aus:

»Meine Art vom Wissen um den Faschismus ging erst ›durch den Kopf‹, setzte sich fest als Ergebnis einer Analyse von Zeiterscheinungen, zusammengetragen aus Zeitungslektüre, den Geschichtskenntnissen eines Gymnasiasten, den Reden Mussolinis und Hitlers am Radio. Die zweite Art Wissen um den Faschismus stellte sich erst durch die sinnliche Erfahrung her, als ich in Graz Zeuge war, wie die Hakenkreuzler (das war die österreichisch-gemütliche Bezeichnung für die damals illegalen Nationalsozialisten) an unserer Schule in meinem Matura-Jahr 1934 nacheinander drei jüdische Mitschüler totschlugen (während ich, der letzte Nichtarier an dieser Schule, überlebte) und die österreichische Polizei keinen Anlass fand, diese Unfälle aufzuklären« (Parin 1980, S. 48).

Im Herbst 1937 wechselte Parin seinen Studienort: Er ging von Graz nach Zagreb, »um hier abzuwarten, ob die ›braune Flut‹ nicht noch einmal zurückebben würde, bevor sie Österreich überschwemmte« (Parin 1980, S. 88). Im November 1938 setzte Parin sein Studium im »sicheren« Zürich fort. Dort fand er rasch einen sozialen, einen kulturellen Ort, wo sich die Unangepassten, die Emigranten, die Illusionslosen, die Pazifisten trafen: das Café Select. In seiner mit »Requiem für ein Café« (in: Parin 2001, S. 107–119) betitelten Erzählung erinnert sich der 84-Jährige der dort erfahrenen tiefen Prägungen in einer »Bruder- und Schwesterhorde«. Dort, im Café Select, dieser »kleine[n] antifaschistische[n] Gegenwelt« (Parin 2001, S. 106), suchte man nach wirksamen Möglichkeiten des antifaschistischen Engagements. Viele seiner jüdischen Verwandten – sein Vater hatte bereits einige Jahrzehnte zuvor in weiser Voraussicht einen Schweizer Pass erworben – emigrierten, Paul Parin jedoch nicht. Er muss von einer außerordentlichen Angstfreiheit gewesen sein: »Ich war neugierig, wie sich das entwickeln würde, und ich dachte: Ich komme immer durch«, erinnerte er sich in einem seiner späten Interviews mit der Schweizer Weltwoche (2006).

Im Oktober 1944 verließ der 27-Jährige aus Protest gegen die offi­zielle, tolerierende Haltung der Schweizer Regierung gegenüber den Natio­nalsozialisten – seine Regierung stempelte ein »J« in die Pässe der verzweifelten, Zuflucht suchenden jüdischen Flüchtlinge – Zürich und brach gemeinsam mit sechs Schweizer Kollegen der Ärzte- und Sanitätshilfe Centrale Sanitaire – hierunter auch seine spätere Ehefrau Goldy Parin-Matthèy –, gegen den ausdrücklichen Willen der Schweizer Regierung, unter abenteuerlichen Umständen zu den jugosla­wischen Partisanen auf. Sein Vater, der sich im Ersten Weltkrieg freiwillig als Delegierter des Internationalen Roten Kreuzes bei einem Hilfszug an der mazedonischen Kriegsfront engagiert hatte, missbilligte das antifaschistische Engagement seines Sohnes anfangs:

»Als ich mich aber nach Jugoslawien zu den Partisanen meldete, war er ganz dagegen. Er konnte aber nicht viel ausrichten, weil das meine Entscheidung war und meine nicht verhohlene Überzeugung, für die Revolution, für den Befreiungskampf, ja – eventuell für die Weltrevolution einzustehen. Erst ein Jahrzehnt später, als wir mit den Afrikareisen anfingen, ’54, ’55, erlebte ich meinen Vater zum ersten Mal voll mit meinen Vorhaben übereinstimmend« (Rütten 1996, S. 84f.).

Frei von trügerischen Illusionen beteiligten sich die Parins als anarchistisch-sozialistische »Brüdergemeinde« mit ihrer chirurgischen Mission im antifaschi­stischen Kampf: »Wir waren diszipliniert, wenn wir selber es für richtig hielten; jeder Befehl verletzte unsere Würde. Wir fühlten uns als Weltbürger, solidarisch mit allen, die unterdrückt und ausgebeutet werden. Deshalb war für uns jede Heimat zu eng und die Verpflichtung auf eine Linie eine Fes­sel« (Parin 1991) erinnerte sich Paul Parin in Es ist Krieg und wir gehen hin an seine damaligen Motive – sein literarisches Erinnerungsbuch an seine Zeit bei den jugosla­wischen Partisanen fand Anfang der 1990er Jahre, zu Zeiten, als der fürchterliche Krieg in Jugoslawien begann, eine breite Resonanz. Paul Parin setzte diesem lesenswerten Erinnerungsband an diese revolutionäre Episode die für ihn kennzeichnende Bemerkung voran: »Wir beide, Goldy und ich, mussten dieses Buch schreiben; da sie nicht gerne schreibt, habe ich es für sie geschrieben.«

Gleich nach dem Sieg von Titos Partisanenarmee erkannten die anarchistisch inspirierten Parins, dass sie ihre Aufgabe erfüllt hatten. In der zunehmend bürokratischer und autoritärer werdenden einstmaligen Partisanenarmee war kein Platz mehr für sie: »Nach dem Sieg waren wir überflüssig« (Parin 2006, S. 15), erinnert er sich. Und: »Das Subversive musste in den Untergrund« (Parin 2006, S. 48). Es gelang ihm, die von Trauer begleitete Trennung vom Ideal, die »Wut aus Enttäuschung über die jugoslawischen Genossen« (Parin 2006, S . 24) in einer Gegenbewegung kreativ umzuformen. In einer abenteuerlichen Reise quer durch Südeuropa kehrte Paul Parin wieder nach Zürich zurück. Dies war zugleich eine bewegende seelische Reise, vorwärts, zurück und wieder vorwärts – und hin zu seiner psychoanalytischen Ausbildung. Jahrzehnte später erinnerte sich Paul Parin an diese existenzielle Erfahrung:

»Die Reise, von der ich berichte, liegt beinahe vierzig Jahre zurück. Ich fuhr von Prijedor in Nordbosnien nach Belgrad. […] In Triest, das damals von alliierten Truppen besetzt war, gab es einen kurzen Aufenthalt. Dann ging es weiter über Mailand nach Zürich; dort wollte ich meine psychoanalytische Ausbildung beginnen. Der Weg war von Erlebnissen und heftigen Gefühlen begleitet, von denen ich heute die Motive ableite, die mich zur Psychoanalyse gedrängt haben. Stationen der Reise lassen sich als Orte einer Entwicklung beschreiben, die zur Psychoanalyse führt« (Parin 2006, S. 13).

Lehranalyse und Aufbruch nach Afrika

Gleich nach seiner Rückkehr nach Zürich begann Paul Parin seine psychoanalytische Ausbildung. Von 1946 bis 1952 absolvierte er in Zürich eine Ausbildung in Neurologie und Psychoanalyse und war 1958 Mitbegründer des Psychoanalytischen Seminars Zürich, welches er gemeinsam mit seinem Freund und Praxiskollegen Fritz Morgenthaler in den nächsten Jahrzehnten prägte. In Zürich »allein« hielten sie es jedoch nicht lange aus. Die Parins suchten immer wieder Freiräume, neue Erfahrungen, waren von einem unstillbaren Wissensdurst inspiriert. Erneut trieb sie ihr anarchistisch-utopisches Freiheitsbedürfnis vorwärts, zurück und noch weiter vorwärts: Hinaus aus dem, was ihnen keine Heimat zu bieten vermochte – Zürich. Von 1954 bis 1971 unternahmen sie, größtenteils gemeinsam mit Fritz Morgenthaler, sechs selbst finanzierte Forschungs­reisen nach Westafrika, um mithilfe der psychoanalytischen Gesprächs­technik das Seelenleben westafrikanischer Völker zu unter­suchen.

In seinem Essay »Requiem für ein Café« erinnert er sich seiner seinerzeitigen Motive: »Als wir zur ersten Reise nach Afrika aufbrachen, hatten wir keine andere Absicht, als endlich dem grau werdenden Alltag in Zürich zu entkommen. (…) Endlich konnten wir unserer Neugier folgen, euphorisch reisen, in unser Zwischenstromland. Die Reise war ein voller Erfolg« (Parin 2001, S. 118).

Durch ihre aus ihren zahlreichen ethnopsychoanalytischen Forschungen erwachsenen Studien über die Dogon – Die Weißen denken zuviel (Parin/Morgenthaler/Parin-Matthèy 1963) und Fürchte Deinen Nächsten wie Dich selbst (Parin/Morgenthaler/Parin-Matthèy 1971) – wurde er zum Mitbegründer der Ethnopsychoanalyse. Diese wissenschaftlichen Forschungsstudien fanden eine überraschende Verbreitung: Die aufbegehrende 68er-Protestbewegung griff die markanten Buchtitel als Motto auf. Der Andere Buchladen in Köln – der Paul Parin 1991 sowie 1996 zu Lesungen seiner neuen Bücher einladen sollte (dnen ich beiwohnte – unauslöschliche Erinnerungen) – »schrieb ihn mit Riesenlettern auf das Glas der Auslage, um einen verbilligten Verkauf anzukündigen« (Parin/Morgenthaler/Parin-Matthèy 1963, S. III). Bereits in diesen frühen Werken war der für Parins Gesamtwerk zutiefst prägende Übergang zwischen wissenschaftlicher Analyse und literarischer Erzählung deutlich erkennbar. Natürlich war Paul Parin sehr bewusst, dass seine wissenschaftliche Grenzübertretung auch heftigen Widerspruch unter Kollegen auslösen würde. In seinem 1993 verfassten Vorwort zur 4. Auflage von Die Weißen denken zuviel erinnert sich Parin:

»Die Voraussetzung für die Verbreitung des Buches war, dass wir unseren wissenschaftlichen Bericht so schreiben wollten, dass ihn Leser ohne psychoanalytische Kenntnisse verstehen könnten. Denn wir sahen voraus, dass unsere Fachkollegen nicht eben gerne lesen würden, wie wir ihren – und unseren – bequemen Lehnstuhl hinter der Couch verlassen und gegen einen flachen Stein im Schatten eines Brotfruchtbaumes oder in einer Felshöhle eingetaucht haben« (Parin/ Morgenthaler/Parin-Matthèy 1963/2006, S. I).

In dem zehn Jahre zuvor verfassten Vorwort zur 3. Auflage dieser ethnopsychoanalytischen Studie zeichnet Paul Parin ihre gelegentlich auftretende Skepsis nach, ob ihre wohlwollenden Erinnerungen an Afrika als einem Ort authentischer Brüderlichkeit und Freundschaft wirklich zutreffend waren. Handelte es sich nicht doch um trügerische Idealisierungen, Selbsttäuschungen?:

»Während  wir versuchen, unser Buch nach langer Zeit so zu lesen, als ob es uns neu wäre, beschleicht uns das Gefühl, dass es gar nicht so gewesen sein könne, wie wir da schreiben: die Dogon nicht derart liebe Menschen, ihre Dörfer in Wirklichkeit nicht jene idyllischen idealen Gemeinwesen, wie wir behaupten. Auch manche Leser mögen den Eindruck haben, die Autoren hätten in ihrer Liebe und Begeisterung für ›ihre‹ Dogon beschönigt und geflunkert. […] Das Hauptergebnis dieses Buches ist, dass wir nichts fanden, was dem  widersprochen hätte, was in diesem Buch zu lesen ist. Unsere Skepsis hatte sich als unbegründet erwiesen. Alle, die seinerzeit die ›psychoanalytischen‹ Gespräche mit uns geführt hatten, wollten wieder täglich mit uns sprechen, womöglich am gleichen Ort und zur selben Tageszeit. Keiner unterließ es, an gemeinsame Erfahrungen anzuknüpfen« (Parin/Morgenthaler/Parin-Matthèy 1963, S. 9f.).

Die Parins haben nicht nur wissenschaftlich, sondern auch persönlich viel aus ihren Afrikaforschungen gewonnen:

»Als Psychoanalytiker sind wir wegen der lebendigen Erfahrung mit Afrikanern freier und mutiger  geworden, besser im Stande, auf die sozialen Beziehungen unserer Analysanden in Europa einzugehen, und weniger geneigt, ein Verhalten, das von unserem eigenen abweicht, als krankhaft anzusehen. Das hat auch auf unsere theoretischen Anschauungen zurückgewirkt« (Parin/Morgenthaler/Parin-Matthèy 1963, S. 18).

1985 folgt mit seiner Er­zählsammlung Zu viele Teufel im Land Paul Parins langer, schmerzhafter Abschied von Afrika. Diese faszinierende, erregende Essaysammlung ist von einem Gestus der Unerschrockenheit, der Neugierde, der emotionalen Offenheit geprägt, dem sich der aufgeschlossene Leser nicht zu entziehen vermag.

Zurück nach Zürich: Kultur- und Gesellschaftskritik und Erzählungen

In den 1970er und 80er Jahren publizierte Paul Parin, zum Teil gemeinsam mit Goldy Parin-Matthèy, zahl­reiche psy­choana­lytisch-kulturkritischen Studien, versammelt in den Sammelbänden Der Widerspruch im Subjekt (Parin 1978) und Subjekt im Widerspruch (Parin/Parin-Matthèy 1986). Wo immer möglich und nötig mischte er sich fortan in den öffentlichen Diskurs ein, belebte diesen durch sei­nen unbestechlichen, analytisch geschärften Blick auf gesellschaft­liche Gewaltverhältnisse, sowie mittels seiner beeindrucken­den Sprachkraft. »Das Politische ist immer auch per­sönlich«, was gleichermaßen auch umge­kehrt gilt, verdeutlichte Parin immer wieder (Parin 1993a, S. 130) – sehr zum Unwillen vieler seiner konservativen Berufskol­legen, die nach der schwie­rigen gesellschaftlichen Etablie­rung der Psychoanalyse gar zu gerne das kulturkritische Erbe Freuds loszuwerden versuchten. Ganz im Sinne der aufklärerischen und kultur­revolutionären Tradition der Freud’schen Psychoanalyse insistierte Paul Parin: »Die Vergan­genheit ver­sinkt, und Geschichtslosig­keit droht sich einzu­stel­len, wo immer es Herrschaft und Beherrschte gibt. Ohne eine Kul­tur, die ihre Kri­tik gegen die Machtverhältnisse richtet, ist kein Fort­schritt möglich« (Parin 1990, S. 153). Seine Position als kritischer Sozialist und »moralischer Anarchist« (Wolf 1993) brachte er mit den Worten André Bretons zum Aus­druck: »Mit dieser Welt gibt es keine Verständigung. Wir gehören ihr nur in dem Maße an, als wir uns gegen sie auflehnen« (Parin 1993a, S. 131).

1980 schloss Paul Parin aus Altersgründen seine psychoanalytische Praxis. Im gleichen Jahr erschien mit Untrügliche Zeichen von Verände­rung: Jahre in Slowenien seine literarisches Erstlingswerk, angefüllt mit  Erinnerungen an seine Kindheit in dem von ihm geliebten Slowenien sowie an seine aufrührende Zeit bei den jugoslawischen Partisanen. 1990 folgte der kulturkritische Band Noch ein Leben, 1991 sein Jugoslawienbuch Es ist Krieg und wir gehen hin. 1993 und 1995 erschienen seine Erzählsamm­lungen Karakul und Eine Sonnenuhr für beide Hemisphären.

Paul Parin mit Anna Freud auf dem 27. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Wien vom 24.-30. Juli 1971
Paul Parin mit Anna Freud auf dem 27. Internationalen Psychoanalytischen Kongreß in Wien vom 24.-30. Juli 1971

Tod von Goldy Parin-Matthèy – das Leben als Epilog

Nach dem Tode seiner Ehefrau Goldy im Jahr 1997 (Rothschild 1997; Rambert 1997) schien Paul Parin kurzzeitig zu resignieren. Die Trauer schien übermächtig. Seine Zuneigung zu Freunden gab ihm wieder Lebensmut. Der Versuchung zum Freitod gab er aus Liebe zu Freunden nicht nach. Der Blick von seiner Wohnung auf den Zürichsee weckte in ihm vertraute, lebensbejahende Gefühle an die Seen Sloweniens. In einer Schublade bewahrte er 50 Jahre lang die Pistole auf, die er während seiner Zeit bei Titos Partisanen getragen hatte. Seine Motive für das Aufbewahren dieser Waffe deutet Paul Parin so: »Als Erinnerungsstück brauche ich sie nicht. Von Zeit zu Zeit prüfe ich die Patronen. Es war richtig, sie nicht unter den Zug zu werfen. Als Analytiker soll man neurotische Ängste überwinden und die Wirklichkeit nicht aus dem Blick lassen.«

Paul Parin veröffentlichte weitere literarische Erzählungen, die er als einen Epilog zu ihrem langen gemeinsamen Leben verstand. Er vermochte wieder zu schreiben, zu erzählen. 2001 erschien mit Der Traum von Segou eine Sammlung von Erzählungen, die von afrikanischen Episoden handeln, aber auch faszinierende Erinnerungen an seinen jüdischen Großvater Heinrich Baumgarten (Ein Europäer aus Miskolc) enthalten. In seinem den Erzählband einleitenden »Prolog zum Epilog« beschreibt er seine durch seine tiefe Trauer ausgelöste existenzielle Grenzsituation in lakonisch-rührender Weise. Der »alte«, sich selbst treue Erzählkünstler lässt uns an ihrem gemeinsamen Leben teilnehmen – und er hat seine Sprache wiedergefunden, so scheint mir:

»Als Goldy am 25. April 1997 gestorben war, entschloss ich mich weiterzuleben. Schon seit einigen Jahren hatten wir uns aus dem tätigen Leben zurückgezogen und lebten – glücklich wie früher – mit Lesen und Schreiben beschäftigt in der Welt der Literatur. Was folgt, ist ein Epilog.

Als die Gäste, die zum Abschied gekommen waren, fortgingen, las ich die übrigen drei Erzählungen im Buch ›Traum am frühen Morgen‹ von Hans Christoph Buch; die drei ersten Erzählungen hatte ich noch Goldy vorgelesen. Dann war sie zu schwach, um zuzuhören. Ich fand, dass ich die drei besten Erzählungen vorgelesen hatte, die drei weiteren gefielen mir nicht so gut. Das hat für kurze Zeit meinen Schmerz gelindert« (Parin 2001, S. 7).

Paul Parin vermochte seine literarische Produktivität wiederzufinden. Auch in der Phase seiner tiefsten Trauer verfasste er Rezensionen und politische Aufrufe für  Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien, die in der Schweiz Zuflucht gefunden hatten. In dem Aufruf »Warnung vor Seelenmord an Kindern. Bosnische Flüchtlinge vor der Rückschaffung« (1998) appelliert der seinerzeit 81-Jährige nachdrücklich, unter Berufung auf seine Biografie, für ein Bleiberecht dieser Kriegsflüchtlinge:

»Ich schreibe über ›alleinerziehende Mütter‹ aus Bosnien-Herzegowina und über andere Familien aus dem ehemaligen Jugoslawien, deren Kinder alle der gleichen Gefahr ausgesetzt sind, wenn sie zurückgeschickt werden. Ich schreibe, um zu warnen und zu bitten. Meine Warnung richtet sich an die Öffentlichkeit und an unsere Behörden. […] Ich möchte nicht noch einmal stummer Zeuge einer unmenschlichen Politik sein, für die sich kommende Generationen entschuldigen und deren wir uns schämen müssen« (Reichmayr 2006).

2003 erschien der verstörende Band Die Leidenschaft des Jägers, 2005 Das Katzenkonzil und 2006 – Paul Parin war zu diesem Zeitpunkt nahezu erblindet – seine Aufsatzsammlung Lesereise 1955–2005.

Paul Parin und Goldy Parin-Matthèy, © Johannes Reichmayr, www.paul-parin.info
Paul Parin und Goldy Parin-Matthèy, © Johannes Reichmayr, www.paul-parin.info

Nun, am Ende seines Lebens, wurde Paul Parin geradezu überhäuft mit wissenschaftlichen und literarischen Preisen: 1991 erhielt er den Literaturpreis des Kantons und 1991 den der Stadt Zürich, 1992 folgte der Preis der Internationalen Erich-Fried-Gesellschaft für Sprache und Literatur in Wien, 1999 der Sigmund-Freud-Preis und 2001 eine Ehrengabe des Kantons Zürich. Die slowenische Akademie für Wissenschaft und Kunst ernannte ihn 2005 zum Ehrenmitglied. Paul Parin fand für diesen vielleicht erstaunlich anmutenden Umstand in einem mit »Illusionen entkräften« überschriebenen Beitrag in der Neuen Zürcher Zeitung (2004) die ironisch-lakonische Formulierung: »Mir brachte das Alter ein besonderes Problem: Literaturpreise und Ehrungen.«

Vor zwei Jahren feierte das Psychoanalytische Seminar Zürich anlässlich Paul Parins 90. Geburtstages noch einmal in einer großen wissenschaftlichen Tagung das inspirierende Lebenswerk ihres intellektuellen Mentors und menschlichen Vorbildes; Emilio Modena publizierte diese interdisziplinären Vorträge in dem Band Leidenschaften. Paul Parin zum 90. Geburtstag.

Als Grundmotiv für sein außergewöhnlich produktives wissenschaftlich-literarisches Engagement hat Paul Parin sei­nen Forschungsdrang, seine Sehnsucht nach Aben­teuern und seinen unge­broche­nen Humor und Optimismus benannt. In seiner Dankes­rede zur Verlei­hung des Erich-Fried-Preises bemerkt er 1992:

»Wenn mir die Ereignisse auf den Leib rücken, kann ich keine Geschichten mehr erzählen. Seit in den südslawischen Ländern ein schrecklicher und schrecklich sinnloser Krieg herrscht, fällt mir kaum etwas anderes ein als Leserbriefe, Aufrufe an Soldaten, sie sollen desertieren, Zeitungsartikel, damit man hinschaut, hilft, und versteht, wie wenigstens dieses menschengemachte Unheil entstanden ist. Die Versuchung, mich ganz in die Lesewelt zurück­zuziehen, ist da. Warum schweige ich nicht endlich und verzichte darauf zu schreiben? Weil ich gerne schreibe und weil ich Christa Wolf zu­stimme, die geschrieben hat: ›Wer zu verzich­ten ange­fangen hat, ist auf Ungerechtig­keit festge­legt‹« (Parin 1993, S. 131).

Paul Parin war mir stets ein ferner und doch naher Freund. Ich habe für ihn ein Gefühl einer sehr tiefen Zuneigung empfunden. Ich vermisse diesen skeptischen Menschenfreund und großartigen Erzähler sehr. Er ist ein Teil von mir. Eine anlässlich seiner Kölner Lesung selbst gemachte Fotocollage hängt in meiner Küche. „Ist dies Dein Vater“, werde ich verschiedentlich gefragt. Dies vermag ich mit Nachdruck zu verneinen.

Nun haben sich Fuchs und Katze wieder.

Von Roland Kaufhold für haGalil gekürzte Version seines Nachrufes »Ein moralischer Anarchist«. Erinnerung an den Psychoanalytiker, Schriftsteller und skeptischen Weltbürger Paul Parin (20.09.1916–18.05.2009), psychosozial Nr. 117 (3/2009), S. 117-126. Wir danken dem Herausgeber, Prof. Hans-Jürgen Wirth und dem Psychosozial Verlag für die freundlich erteilte Nachdruckgenehmigung.

Die vollständige, als Sonderdruck erhältliche Version dieses Nachrufes ist hier beim Psychosozial-Verlag, Gießen erhältlich.

Wir erinnern mit diesem unmittelbar nach Paul Parins Tod verfassten Nachruf an diesen außergewöhnlichen Menschen, Psychoanalytiker und Schriftsteller. Zusätzlich veröffentlichen wir Paul Parins am 16.11.1994 beim 5. Symposion der Internationalen Erich Fried Gesellschaft für Literatur und Sprache in Wien gehaltenen Festvortrag „Heimat, eine Plombe. Wieviel Heimat braucht der Mensch und wieviel Fremde verträgt er“.

Deutscher Islamhass in Schweizer Zeitungen

In Deutschland steht Michael Merkle wegen Volksverhetzung vor Gericht. Seine antimuslimisch-rassistische Hetze wird außer von der Staatsanwaltschaft in Deutschland nur noch von islamfeindlichen Sekten ernst genommen. Unter seinem „Künstlernamen“ Michael Mannheimer rief der Blogger bereits vor dem Rechtsterroristen Breivik zum bewaffneten Kampf auf. Vor dem Osterwochenende übernahm der stellvertretende Ressortleiter für Politik der Basler Zeitung seine Propanganda in einem Artikel.

Von Roland Sieber

Ob sich der Journalist Thomas Wehrli vorher bewusst war, welche Wellen sein Artikel schlagen würde? Dieser ging am Freitag auf der Website der BaZ unter der Überschrift „Alle fünf Minuten wird ein Christ ermordet“ online und wurde in weiteren Publikationen der schweizerischen Mediengruppe Tamedia abgedruckt. Dutzende konsternierte Muslime meldeten sich darauf beim „Islamischen Zentralrat Schweiz“, der am Samstag einen ausführlichen Kommentar veröffentlichte. Von der „Föderation islamischer Dachorganisationen Schweiz“ (FIDS) lag am Osterwochenende noch keine Stellungnahme vor.

Screenshot des Onlineartikels der Basler Zeitung: Islamhass im Titel?
Screenshot des Onlineartikels der Basler Zeitung: Islamhass im Titel?

Abgeschrieben von Islamhassblog und Wikipedia?

Der Journalist Hardy Prothmann verglich den in Schweizer Zeitungen veröffentlichten Artikel mit Texten auf „Mannheimers“ Hetzblog und fand zahlreiche Übereinstimmungen: „Plagiierte Islam-Hetze durch die Basler Zeitung“, titelte er passend. Ein weiterer Verdacht wäre, dass Wehrli das Buch „Christenverfolgung in islamischen Ländern“ als Quelle nutzte, dessen Mitautor der Heilbronner Michael Merkle ist oder dieser gar den Artikel schrieb. Eine Anfrage diesbezüglich wurde von der Basler Zeitung bis zum Erscheinen dieses Artikels noch nicht beantwortet.

Wegen Volksverhetzung vor Gericht

Der Attentäter inszeniert sich als "Marxist Hunter".
Der Islamhasser Breivik

Im Februar letzten Jahres beantragte die Staatsanwaltschaft Heilbronn einen Strafbefehl gegen den europaweit bekannten Hassblogger. Dieser wurde über das Amtsgericht Heilbronn zugestellt. Laut diesem hat Merkle Schriften verbreitet, die zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen aufriefen sowie stellte er den Islam „undifferenziert“ dar. Der Strafbefehl legte ihm 50 Tagessätzen zu je 50 Euro – also insgesamt 2.500 Euro – auf. Der Beschuldige Islamhasser legte dagegen Rechtsmittel ein, so dass das Urteil bis heute noch nicht rechtskräftig ist. Merkle-Mannheimer wird die Presse, die Justiz und die Politik also wohl weiterhin beschäftigen.

Siehe auch: Aufmarsch der Kämpfer gegen die GEZ-”Zwangsgebühren”, Die Internationale der Rechtsterroristen, Es distanziert sich, was zusammengehört, Trotz brauner Bremsspur in den Bundestag?, Filmabend für KulturkriegerDie Internationale der RechtsterroristenNational-chauvinistische Rückbesinnung, Neue Rechte im Südwesten: Guten Übermorgen!, Zwischen Breivik-Schlagzeilen und Blindheit, Auf Denglisch ist er noch schlechter, Die Bundesregierung und die “Überfremdung”, Rechtsradikaler Blogger rief zu den Waffen