Europa: Im Zweifel rechts

Marine Le Pen und der bulgarische Nationalist Volen Siderov (Foto: HomoByzantinus)
Marine Le Pen und der bulgarische Nationalist Volen Siderov (Foto: HomoByzantinus)

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Rechtspopulismus. So könnte man die derzeitige politische Entwicklung in großen Teilen des Kontinents zusammenfassen. Bemerkenswert ist, dass die neuen Rechten in diversen Staaten punkten und der neue Rechtspopulismus zunehmend von Frauen geprägt wird. SPD-Chef Gabriel will die populistischen Strategien derweil imitieren.

Von Patrick Gensing

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Ruth Galinski ist tot

Ruth Galinski 2012, Copyright Judith Kessler.

Ruth Galinski, die Schoah-Überlebende und Witwe des langjährigen Vorsitzendes des Zentralrats der Juden, ist im Alter von 93 Jahren im Jüdischen Krankenhaus Berlin verstorben.

von Judith Kessler*

Ruth Galinski sel.A.

19.7.1921 – 18.9.2014

Ruth Galinski mit ihrem Bruder, Copyright Judith Kessler.
Ruth Galinski mit ihrem Bruder, Copyright Judith Kessler.

Ruth Galinski, geborene Weinberg, wird 1921 in Dresden als Tochter eines Kaufmanns aus Bialystok und einer Dresdnerin geboren. Sie geht in eine Volksschule und treibt leidenschaftlich gern Sport – Leichtathletik, Speerwerfen, Hochsprung, Handball. Nach 1933 ist das nur noch in jüdischen Vereinen möglich, sie trainiert beim „SC Bar Kochba“. Und doch sagt sie: „Der Sport hat mir das Leben gerettet. Wir hatten ja sonst nichts anderes“.
Im Oktober 1938 wird sie im Rahmen der „Polenaktion“ mit ihrer Mutter und ihrem Bruder nach Polen deportiert: „Ich konnte kein Wort Polnisch, lernte aber schnell“. In einem Lager bei Warschau, in dem die drei bis Kriegsbeginn untergebracht waren, lernt sie den jungen Anwalt Leon Davidson kennen. Sie heiraten. Sie sind ein halbes Jahr im Warschauer Ghetto eingepfercht, fliehen mit falschen Papieren auf die polnische Seite, leben im Versteck. 1943 will Leon seine Eltern aus Lemberg holen – und kommt nie wieder. Ruth schlägt sich nach dem Warschauer Aufstand allein in die Berge durch und kann sich als „Sonja Kowalska“ einer polnischen Partisanengruppe anschließen: „Dort durfte ich aber niemandem sagen, dass ich Jüdin bin“.

„Mutter und Bruder sind wohlauf“

Ruth Galinski, Berlin 1947, Copyright Judith Kessler.
Ruth Galinski, Berlin 1947, Copyright Judith Kessler.

Anfang 1945, nach Ankunft der sowjetischen Armee, findet Ruth Arbeit in einem Geschäft in Krakow, lässt sich bei der Jüdischen Gemeinde registrieren, und dann trifft plötzlich ein Brief von Abraham Weinberg aus Argentinien ein: „Mutter und Bruder sind wohlauf, fahr nach Berlin und warte auf dein Visum! Vater“.

Hier aber lernt sie am 1. Juli 1947 Heinz Galinski kennen. Der sollte ihr eine Urkunde überreichen – Ruth ist Kapitänin einer jüdischen Handballmannschaft von TUS Makkabi. Da funkt es zwischen den beiden, und dann geht alles ganz schnell. An ihrem Geburtstag feiern sie Verlobung, im Oktober heiraten sie. Als das Visum für die USA eintrifft, ist sie schwanger mit ihrer Tochter. Und sie bleibt in Berlin. Ihre Mutter und ihr Bruder Alexander emigrieren nach Argentinien zum Vater. Der betritt Deutschland nie wieder und lernt auch seinen Schwiegersohn nie kennen, der als Gemeinde- und Zentralratsvorsitzender nicht nur die Berliner Jüdische Gemeinde und das Bild des Nachkriegsjudentums in Deutschland über Jahrzehnte prägen wird, sondern auch das Leben seiner Frau. Die gibt ihren Sport auf, lernt mit ihm und durch ihn Königinnen, Staatspräsidenten und Päpste kennen, läuft über rote Teppiche, übt Hofknickse und kauft sich flache Schuhe, um ihren Gatten nicht zu überragen.

Ehepaar Galinski 1948, Copyright Judith Kessler.
Ehepaar Galinski 1948, Copyright Judith Kessler.

Vielfältige Engagements

 

Ruth Galinski 2012, Copyright Judith Kessler.
Ruth Galinski 2012, Copyright Judith Kessler.

Nichts desto trotz: Ruth Galinski ist nicht nur die Frau an der Seite eines bald berühmten Mannes. 1953 gehört sie mit Jeannette Wolff und Lilli Marx zu den (Wieder-)Gründerinnen des Jüdischen Frauenbundes; noch 2012, als der International Council of Jewish Women seinen 100. Geburtstag feierte, ist sie Ehrengast der Veranstaltung. Sie sitzt in zig Vorständen, wird als einzige Frau für den Zentralrat der Juden in den Beirat der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora berufen, ist Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Hilfe für krebskranke Kinder usw. Nach dem Tod ihres Mannes (er stirbt 1992 an ihrem Geburtstag, seitdem feiert sie nicht mehr) wird es ruhiger um Ruth.

Nach einigen Jahren zieht sie in das Seniorenheim, das den Namen ihrer Mitstreiterin Jeanette trägt, ist aber weiter im Vorstand der Heinz-Galinski-Stiftung aktiv, politisch interessiert, informiert und besucht hin und wieder noch Gemeinde- und Gedenkveranstaltungen. Ruth fühlt, wenn sie bei solchen Gelegenheiten vorgeführt und aus Alibizwecken umarmt oder geküsst wird. Sie übergeht Mangel an Demut und Respekt ihrer Generation gegenüber eigentlich immer, und sagt höchstens ironisch: „Ich weiß, ich bin die Mesuse der Gemeinde!“.
Ruth ist eine Frau der Tat, nicht der schönen Worte. Noch in diesem Jahr hat sie durch eine großzügige Spende mit Hilfe des Keren Hayesod den Aufbau der „Ruth-und-Heinz-Galinski-Bibliothek“ in der Denmark High School in Jerusalem ermöglicht.

Eine der letzten Zeitzeuginnen

 

Liebe Ruth,

du warst eine der letzten Zeugen, Beteiligten, Betroffenen der Schoa, aber auch der Zeit des „Aufbaus nach dem Untergang“. Und du warst Deinen Freunden eine wahre Freundin, eine lebenskluge Ratgeberin und Seelenverwandte, unprätentiös, mitfühlend, geerdet und mit einem gesunden Menschenverstand gesegnet. Du hast die richtigen Ratschläge gegeben, alle unsere Meschuggas augenzwinkernd übersehen, uns beim „Mensch-ärgere-Dich-nicht“ über den Tisch gezogen, und wir haben Dich um den Lietzensee begleitet und zu Heinz’ Grab an der Heerstraße. Da hast du dann ein paar Steinchen umgeschichtet, ein paar Blätter weggewischt, dich auf die Platte gestützt und gesagt: „Da komm ich dann auch mal hin“.
Davor haben wir uns gefürchtet. Aber jetzt ist es soweit. Alles endet wieder mit einer Urkunde; auf ihr steht der 18.9.2014 und Heinz-Galinski-Straße 1, wo du heute Nacht eingeschlafen bist.
Du hast beim Abschied immer gesagt: „Komm gut nach Hause, Schätzchen, und grüß den Deinen!“. Ja, Ruthchen, Du auch. Mach’s gut! Und grüß den Deinen!

 

*Eine stark gekürzte Version dieses Nachrufes ist in der Onlineausgabe der Jüdischen Allgemeinen erschienen. Der Nachruf erscheint in der Druckausgabe der Jüdischen Allgemeinen vom 25.9.2014. Wir danken der Autorin und der Redaktion für die Nachdruckrechte.

NS-Neuordnungsphantasien und die Ermordung der Juden

Umsiedlung eines Dorfes bei Oppel 1945

An dem präzedenzlosen Verbrechen des Holocaust waren ca. 500.000 Menschen als Täter direkt beteiligt. Aber deutlich mehr Menschen in verschiedenen Ländern wussten von dem Morden, viele tolerierten es stillschweigend und profitierten auf verschiedene Weise davon. Hilfe für die Juden oder gar Aufbegehren gegen die rassistische Politik der Verfolgung und Ermordung gab es weitaus seltener.

Von Andreas Strippel

Bereits unmittelbar nach dem Ende des Polen-Feldzugs verkündete Hitler im Reichstag am 6. Oktober 1939 eine ethnische Neuordnung der besetzten Gebiete, mit deren Durchführung Heinrich Himmler beauftragt wurde. Die so genannte Volkstumspolitik bildete die Matrix, auf der die Siedlungs-,  Vertreibungs-, und letztlich Mordpolitik konzipiert und durchgeführt wurden. In Hitlers „Erlass zur Festigung deutschen Volkstums“ vom 7. Oktober wurden Himmler und damit SS und Polizei nicht nur ermächtigt die „Gestaltung neuer deutscher Siedlungsgebiete durch Umsiedlung“ zu übernehmen, sondern auch mit der „Ausschaltung des schädigenden Einflusses von solch volksfremden Bevölkerungsteilen, die eine Gefahr für das Reich und die deutsche Volksgemeinschaft bedeuteten“ betraut.

Umsiedlung und Rassenpolitik

Ausstellung "Planung und Aufbau im Osten". Konrad Meyer mit NS-Größen (20.3.41)
Himmler und andere  NS-Größen in der Ausstellung „Planung und Aufbau im Osten“  am 20. März 1941 (Bundesarchiv, Bild 183-B01718 / CC-BY-SA)

Die Umsiedlung von Deutschen aus Osteuropa war ein Resultat des Hitler-Stalin-Paktes. In der sowjetischen Einflusssphäre lebten ca. eine halbe Million Deutsche, die im annektierten Westpolen angesiedelt werden sollten. Als die ersten Umsiedler im Oktober 1939 dort eintrafen, kam es zunächst zu wilden Vertreibungen von Polen, beziehungsweise polnischen Juden. In der Folge wurde daraus die systematische Vertreibung der einheimischen Bevölkerung durch den von der SS kontrollierten Umsiedlungsapparat. Jedoch scheiterte das Ziel die Deutschen Osteuropas direkt anzusiedeln, so dass die SS einen Lager-Kosmos errichtete, der ca. 1500 Lager im Reich und den besetzten Gebieten umfasste.

In diesen Lagern unterzog die SS die Menschen einer rassenpolitischen Selektion, um nur die sogenannten „rassisch Hochwertigen“ als Siedlerelite im Osten anzusiedeln. Das Personal in diesen Lagern bestand zum Teil bereits aus SS-Angehörigen, die später die Selektionen im Holocaust durchführten – der bekannteste Name ist Josef Mengele.

Das rassistische und antisemitische Weltbild der Nationalsozialisten beruhte vor allem auf der Konstruktion der Juden als Gegenrasse zum „Arier“, der Herrenrasse. Die Juden stellten dabei eben nicht nur einen vermeintlichen minderwertigen Konkurrenten dar, den es mit Gewalt und Mord zu verdrängen galt, sondern waren vielmehr Symbol aller Probleme der modernen Welt. Sich der Juden entledigen zu wollen war nicht nur Überlegenheitsfantasie, sondern der Wunsch die moderne Welt von ihren Widersprüchen und Problemen zu reinigen. Daher sieht der antisemitische Denker auch Juden überall dort, wo es Probleme gib oder zu geben scheint. Umstandslos werden so Kapitalismus, Liberalismus aber auch Marxismus als „jüdisch“ denunziert.

Antisemitismus ist damit nicht nur ein bloßes Vorurteil oder ein rassistisches Ordnungsmodel. Er fungiert als Welterklärungssystem, in dem die nationalsozialistische Weltanschauung den anzustrebenden Gegenentwurf stellt.

So verwundert es auch nicht, dass für die Täter antisemitische Praxis und Umsetzung von megalomanen Vorstellungen einer rassereinen Siedlungsgesellschaft zusammengehörten. Genau deswegen forderte das Reichssicherheitshauptamt von Himmler im Juni 1941 den Vertreibungskommandos im besetzen Polen eine Auszeichnung für „Volkspflege“ zu verleihen. Es schrieb:

„Muß doch die Befreiung des deutschen Volkskörpers von Juden und anderen lästigen Elementen als ein ebenso wichtiger Akt der deutschen Volkspflege angesehen werden, wie die Rückführung Volksdeutscher aus dem Auslande.“

Auch die Mörder der Einsatzgruppen legitimierten ihre Taten auf diese Weise. In einem Bericht der Einsatzgruppe D wird über die „bisherige Aufbauarbeit des Einsatzkommandos“ referiert. Unter Punkt 1) „Schutz der Volksdeutschen“ ist unter d) „Evakuierung von Juden und Kommunisten“ angeführt.

Die Tätersprache des Holocaust ist daher nicht bloß Tarnung, sondern auch ein Verweis auf die Entstehung des Verbrechens.

Polen als Experimentierfeld nationalsozialistischer Rassenpolitik

Krieg und Okkupation wirkten sich in erheblichem Maße radikalisierend und brutalisierend auf die antisemitische und rassistische Politik aus. Das besetzte Polen wurde von 1939 an zum Versuchslabor der NS-Rassenpolitik. Mit der Besatzung begann sowohl die gesetzlich-systematische als auch die willkürliche

Ghetto Łódź: Deutsche und Ghettopolizei am Eingang zum Ghetto (Ohne Datum)
Ghetto Łódź: Deutsche und Ghettopolizei am Eingang zum Ghetto (Ohne Datum)

Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung. Die antisemitischen Aktionen reichten von öffentlicher Erniedrigung über Zwangsarbeit, Plünderungen und anderen Gewalttaten bis hin zu Vergewaltigungen und Morden. Die Deutschen nahmen den Juden ihre bürgerlichen Rechte und schlossen sie aus dem Wirtschaftsleben aus. Sie unterlagen dem Arbeitszwang, ihre Betriebe wurden enteignet, deutsche „Treuhänder“ übernahmen die Leitung.

Neben SS und Zivilverwaltung war von Anfang an auch die Wehrmacht an der Verfolgung der Juden beteiligt. Sie führte die zwangsweise Kennzeichnung jüdischer Geschäfte ein und war teilweise für die Zwangsrekrutierung jüdischer Arbeitskräfte verantwortlich. Zentral für die Verfolgung aber waren die Kommandeure bzw. Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD, die zusammen mit den Bataillonen der Ordnungspolizei die Besatzungspolitik gewaltsam durchsetzten.

Zivilverwaltung, Polizei und SS formalisierten vor allem die Rassenhierarchie, an deren Spitze die deutschen Besatzer standen, während die Juden das entgegengesetzte Ende der Skala bildeten. Letztlich war das Ziel

Die Zentrale der Einwandererzentralstelle in Łódź (1939)
Die Zentrale der Einwandererzentralstelle der Sicherheitspolizei und des SD in Łódź (1939) (Bundesarchiv, R 49 Bild-0107 / CC-BY-SA)

alle so genannten „rassisch Unerwünschten“ aus den annektierten Gebieten zu entfernen. Die dafür nötigen Umsiedlungen führten auch zu umfangreichen Planungen innerhalb der SS. Eingebettet in Repressionen, wie die Erschießung der polnischen Intelligenz, war es Ziel der Germanisierung, die Strukturen des polnischen Staates bzw. der polnischen Gesellschaft zu zerstören. Das Amt III B im RSHA legte im November 1939 einen „Fernplan“ vor, der eine volkstumspolitische Neuordnung der Ostgebiete vorsah. Dieser Plan beschäftigte sich sowohl mit der Ansiedlung von Deutschen als auch mit der Deportation, Umsiedlung und Tötung von unerwünschten Menschen, wozu neben Juden und Polen auch Behinderte zählten. Die Verantwortung dafür lag sowohl bei Himmlers Umsiedlungsapparat als auch bei Adolf Eichmann im Reichssicherheitshauptamt. Die Vertreibung der Polen in das Generalgouvernement scheiterte in seiner Gesamtplanung an wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Jedoch wurden nach einer Statistik des Reichssicherheitshauptamtes bis zum Juni 1941 336.346 Polen und 72.179 Juden für die Ansiedlung von Deutschen aus dem annektierten Westpolen vertrieben.

Mit der Besatzung begann auch der Prozess der Ghettoisierung der Juden sowie ihire inhaftierung und Verschleppung in Arbeits- und Konzentrationslager. Die von den Besatzern erst herbeigeführten schlechten Lebensverhältnisse und die notorische Unterernährung führten dann zu Überlegungen, wie man dieses „Problem“, das man selbst geschaffen hatte, lösen könne. Der Leiter der Umwandererzentralstelle Posen, einer SS-Dienststelle, die für die Deportationen von Juden und Polen zuständig war, schrieb in einem Aktenvermerk für Adolf Eichmann:

„Es besteht in diesem Winter die Gefahr, dass die Juden nicht mehr sämtlich ernährt werden können. Es ist ernsthaft zu erwägen, ob es nicht die humanste Lösung ist, die Juden, soweit sie nicht arbeitseinsatzfähig sind, durch irgendein schnellwirkendes Mittel zu erledigen. Auf jeden Fall wäre dies angenehmer, als sie verhungern zu lassen.“

Terror und Mord, Ghettoisierung und Zwangsarbeit einhergehend mit einer ständigen Unterversorgung der jüdischen Bevölkerung führten dazu, dass bereits vor dem deutschen Angriff der Sowjetunion ein „unsystematischer Massenmord“, so der Historiker Dieter Pohl, im Gange war.

Am Vorabend des Überfalls auf die Sowjetunion begannen in Himmlers Umsieldungsimperium die Planungen für die Besiedlung des neu zu erobernden Lebensraums. Die Planungskomplexe, die unter dem Begriff Generalplan Ost zusammengefasst werden, zeichnen sich dadurch aus, dass die Juden der Sowjetunion schon gar nicht mehr vor kamen. Ihre Ermordung war so zusagend die Geschäftsgrundlage der bevölkerungspolitischen Vorstellungen der SS.

Beginn der systematischen Morde

Mit dem Angriff auf die Sowjetunion begann die systematische Ermordung der europäischen Juden. Sie fand an unterschiedlichen Orten mit unterschiedlichen Mitteln statt. In dem seit 1939 sowjetisch besetzten Teil

Der Höhere SS und Polizeiführer Friedrich Jeckeln meldet Mordzahlen nach Berlin (29. August 1941)
Zeugnis der Mordtaten. Der Höhere SS und Polizeiführer Friedrich Jeckeln meldet Mordzahlen nach Berlin (29. August 1941)

Polens, im Baltikum und der Sowjetunion zogen mit der Wehrmacht die Einsatzgruppen ein, diesmal mit einem noch sehr viel weitergehenden Auftrag als 1939: Sie sollten die Juden im sowjetischen Machtbereich töten. Wenn die Einsatzgruppen im Schatten der Wehrmacht weiter nach Osten zogen, übernahmen lokale SS- und Polizeieinheiten die Aufgabe des Judenmords. Insgesamt ermordeten Einsatzgruppen und Polizeibataillone mehr als zwei Millionen Menschen.

In Westpolen, dem sogenannten Warthegau, begannen im Spätsommer 1941 ebenfalls Massenerschießungen. Ende 1941 richteten die Deutschen das Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno) ein. Dort gingen Besatzer daran, Juden aber auch in Sinti und Roma mit Hilfe von Gaswagen zu ermorden. Diese Tötungstechnik war zuvor bei der Ermordung geistig Behinderter in Deutschland erprobt worden. Zur Durchführung zog man daher auch Mitarbeiter der so genannten T4-Aktion heran, die die Ermordung geistig Behinderter organisiert hatten.

Das Morden war bereits im vollen Gange als sich Vertreter der deutschen Bürokratie im Januar 1942 zur Wannsee Konferenz trafen. Auf dieser Konferenz wurde die Ermordung der europäischen Juden organisiert.

Massenhafte Ermordung durch Giftgas

Mit der so genannten „Aktion Reinhardt“ begann im Frühjahr 1942 die erste konzertierte massenhafte Ermordung durch Giftgas. In den Vernichtungslagern Bełżec und Sobibór im Distrikt Lublin sowie im Lager Treblinka im Distrikt Warschau ermordet die SS vom März 1942 bis zum Spätsommer 1943 ca. zwei Millionen Juden sowie rund 50.000 Roma. In diesem Mordprozess, der auch einige Massenerschießungen umfasst, gab es praktisch keine Selektion arbeitsfähiger Menschen. Dem entsprechend gab sehr wenig Überlebende. Sobibór überlebten 47 Menschen, aus Bełżec sind nur drei Überlebende bekannt. Treblinka überlebten etwas mehr als 60 Menschen.

EInfahrt zum Konzentrationslager Auschwitz 1945
EInfahrt zum Konzentrationslager Auschwitz 1945 (Foto: Stanislaw Mucha, Deutsches Bundesarchiv, Commons:Bundesarchiv).

In Auschwitz begann der industrielle Massenmord bereits Ende 1941 mit der Vergasung von sowjetischen Kriegsgefangenen. Mitte 1942, mit der Errichtung und Inbetriebnahme des Lagerteils Auschwitz II Birkenau mit zunächst zwei, später vier eigens gebauten Gaskammern, wurde Auschwitz-Birkenau zu einem Zentrum des Holocausts. Von Ende 1943 an war Auschwitz-Birkenau das einzig verbliebene Vernichtungslager. Im Gegensatz zu den Tötungsstätten der Aktion Rheinhardt war Auschwitz kein reines Vernichtungslager. Zum Komplex Auschwitz gehören ca. 40 Außenlager, in den die Häftlinge arbeiten mussten.

Auch in Auschwitz wurden Sinti und Roma ermordet. Die ersten Deportationen nach Auschwitz fanden im September 1942 statt. Im Dezember 1942 begann auf Anordnung Himmlers die Errichtung des sogenannten Zigeunerlagers in Auschwitz. Von den ca. 22.600 Insassen des Familienlagers starben mindestens 19.300, mehr als Zweidrittel davon an den menschenunwürdigen Zuständen des Lagers.

Widerstand im Lager

Trotz der barbarischen Umstände gab es in den Lagern immer wieder Versuche von Sabotage und Widerstand. In Treblinka konnten nach einem von langer Hand geplanten Aufstand am 2. August 1943 nach heftigen Kämpfen ca. 250 Häftlinge fliehen, von denen allerdings nur wenige letztlich entkamen. Am 14. Oktober 1943 erhoben sich in Sobibór ungefähr 600 Häftlinge gegen ihre Mörder. Die SS verfolgte die Geflohen, von denen nur Wenige überlebten. Aber ohne die Aufstände hätte es vermutlich gar keine Überlebenden dieser Lager gegeben. Denn die Konsequenz der Aufstände in Treblinka und in Sobibór war, dass die Lager bald darauf geschlossen wurden. Die SS zerstörte sie und versuchte die Spuren ihrer Taten zu verwischen.

Im Oktober 1944 lehnten sich Teile der Sonderkommandos von Auschwitz-Birkenau auf und sprengten dabei Krematorium Nr.4. Die Geflüchteten wurden allerdings fast vollständig aufgespürt und ermordet. Die Insassen des Zigeunerlagers in Auschwitz leisteten ebenfalls Widerstand.

Der Massenmord, den die Deutschen verübten, fand maßgeblich auf polnischem Territorium statt – fast zwei Drittel der europäischen Juden fielen ihm zum Opfer. Historiker gehen heute von zwischen 5,5 und 6 Millionen Menschen Ermordeten aus. Die größte Opfergruppe waren die polnischen Juden. Von den ca. 3,4 Millionen Juden, die im Vorkriegspolen gelebt hatten, wurden ca. 2,7 Millionen ermordet. 2,1 Millionen ermordeten Juden stammten aus der damaligen Sowjetunion. Damit hatten die Deutschen die osteuropäische jüdische Kultur weitgehend zerstört. Das Morden endete erst als die Rote Armee und die Westalliierten die Deutschen Pläne von der Neuordnung Europas stoppten.

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Pawelka und seine unverbesserlichen Schlesier

Noch vor dem Beginn des Deutschlandtreffens der Schlesier am Wochenende in Hannover ist es zu einem Eklat gekommen. Auslöser ist eine geplante antipolnische Rede des Bundesvorsitzenden der Landsmannschaft, Rudi Pawelka. Es wäre nicht seine erste, Pawelka scheint ein unverbesserlicher Revanchist zu sein. Seine Landsmannschaft kassiert weiterhin Steuergelder – und muss dafür keine Extremismusklausel unterzeichnen.

Von Patrick Gensing

Seit seinem Amtsantritt im Jahr 2000 sorgte der Vertriebenen-Funktionär immer wieder für Streit und Kopfschütteln. Die SZ schrieb von „Pawelka und seinen Unverbesserlichen“.

Pawelka bedankte sich 2003 bei der Schlesischen Jugend angeblich für eine illegale Aktion in Polen. Im August 2003 sprach der damalige SJ-Chef Christoph Wylezol mit der rechtsradikalen „Jungen Freiheit“ über „den Volkstumskampf der Schlesier in Deutschland und Polen“. Ein Ausschnitt aus dem Interview:

JF: Die Schlesische Jugend ist sonst als besonders aktiver Jugendverband bekannt, im Mai etwa haben Sie in einer aufsehenerregenden Nacht-und-Nebel-Aktion im heute polnischen Niederschlesien 700 Holzkreuze an Autostraßen illegal aufgestellt, um auf die Vertreibung und Ermordung zahlloser Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg aufmerksam zu machen. […] Drei Tage lang konnten Sie Katz und Maus spielen, bevor es der polnischen Polizei gelang, Ihnen eine Falle zu stellen.

Wylezol: Gerade, als wir die letzten der 700 Kreuze aufgerichtet hatten, sind drei unserer Aktivisten der Polizei ins Netz gegangen, die übrigen setzten sich unauffällig über die Grenze in die Bundesrepublik ab.

Was geschah mit Ihren Kameraden?

Wylezol: Sie wurden über dreißig Stunden in Untersuchungshaft gehalten ohne Essen, Trinken oder die Möglichkeit, sich zu waschen! Das entspricht nicht rechtsstaatlichen Gepflogenheiten, und dreißig Stunden ohne Wasser, das ist sehr, sehr hart. Zudem wurden unsere Leute mit gewöhnlichen Kriminellen zusammengesperrt. Was als weitere Schikane zu werten ist, denn die Polizisten haben sehr wohl begriffen, daß wir politische Absichten hatten und nicht kriminell gehandelt haben. Zum Glück ist nichts passiert.

Wie haben sich die Polizisten gegenüber Ihren Leuten verhalten?

Wylezol: Sie müssen bedenken, daß die meisten Polen in der Vorstellung erzogen worden sind, die Deutschen seien bösartige Landräuber, die möglichst niedergemacht werden müßten. Dementsprechend ruppig war die Behandlung. Immerhin kam es aber zu keinem Zwischenfall.

Schließlich wurden die Verhafteten über die bundesdeutsche Grenze abgeschoben.

Wylezol: Es stellt für die Polen natürlich eine erhebliche nationale Provokation dar, wenn man sie daran erinnert, daß dieses Land kulturell und moralisch gesehen deutsches Land ist und daß seine ursprünglich rechtmäßigen Einwohner von ihnen ermordet oder vertrieben worden sind. Da wir uns aber nicht wirklich etwas zuschulden haben kommen lassen, wurden unsere Leute mit der Auflage, das Land zu verlassen, entlassen. Sie durften alleine bis zur Grenze reisen, wo sie sich beim Zoll zu melden hatten. […]

Wie haben die Landsmannschaft Schlesien und die Jugendorganisationen der anderen Landsmannschaften reagiert?

Wylezol: Ausgesprochen positiv. Rudi Pawelka, der Vorsitzende der Landsmannschaft Schlesien, hat sich beim Schlesiertreffen in Nürnberg gar offiziell für die Aktion bedankt. […] Auch die anderen Jugendvertriebenenverbände waren beeindruckt, wobei man sagen muß, daß auch zum Beispiel die Ostpreußen, sei es nun der Bund Junges Ostpreußen (BJO) oder die Junge Landsmannschaft Ostpreußen (JLO), sehr aktiv sind.

Pawelka, damals übrigens auch Vorstandsvorsitzender der „Preußischen Treuhand„, bedankte sich demnach also für eine illegale Aktion in Polen. Bemerkenswert, denn der „Bund der Vertriebenen“ wird staatlich gefördert, weil an der Erfüllung seiner Aufgaben ein Bundesinteresse bestehe. Zu diesen Aufgaben gehöre unter anderem die Verständigung und Zusammenarbeit mit den Nachbarvölkern, heißt es. Blickt man allerdings auf Pawelkas Wirken in den vergangenen Jahren zurück, wird deutlich: Der Vertriebenen-Funktionär hat seit seinem Amtsantritt im April 2000 immer wieder für Unfrieden, Zwietracht und Streit gesorgt.

Im Jahr 2001 trat der damalige Innenminister Otto Schily (SPD) bei den Schlesiern auf. Es kam zum Eklat. Die „Süddeutsche Zeitung“ fragte damals: Wohin war Schily geraten?

„Auf einen Parteitag der NPD oder der DVU? In ein Nest von Skinheads? Nein, Innenminister Otto Schily war Gast des Schlesier-Treffens in der Nürnberger Frankenhalle. Mehrere tausend überwiegend ältere Menschen hatten sich eingefunden, und ein großer Teil von ihnen wollte dem SPD-Politiker nicht einmal den selbstverständlichen Satz über die Nazis und die deutsche Schuld durchgehen lassen. Auch vom „massenmörderischen Zweiten Weltkrieg“ und vom Holocaust als „schlimmstem Schandmal deutscher Geschichte“ wollten die Heimatverbundenen nichts hören. […] Buh und Pfui waren die Lieblingswörter auf dem Schlesiertreffen. Schließlich zeigten NPD-Aktivisten ein Transparent mit der Fascho-Losung: „Die Bonzen lügen alle gleich, mit uns kehrt Schlesien heim ins Reich“. […] Der Bundesvorsitzende der Landmannschaft Schlesien, Rudi Pawelka, hätte im Nachhinein die Chance gehabt, die unglaublichen Entgleisungen zu verurteilen. Aber ihm fiel zur Tatsache, dass sich eine ganze Fraktion pöbelnd gegen Schily und auf die Seite der Nazis gestellt hatte, nicht nur einzelne unverbesserliche Zwischenrufer, nur ein: „Buhrufe gibt es häufig“. […] Vielleicht sollte Schily aus diesem Erlebnis die Konsequenz ziehen, Pawelka und seinen Unverbesserlichen ein paar Kurse in neuerer Geschichte anzubieten. Dann würde Pawelka vielleicht nicht mehr mit der Peinlichkeit hervortreten, die Zwangsarbeiter der Nazis und „deutsche Nachkriegs- Zwangsarbeiter“ seien gleichzustellen.“

Für internationales Aufsehen sorgte Pawelka durch die „Entschädigungsklagen“ der „Preußischen Treuhand“ gegen Polen. „Wir klagen, weil wir die Sache mal zu Ende bringen wollen“, sagte Pawelka dazu im Deutschlandfunk. Sogar mit BdV-Chefin Steinbach überwarf sich der Chef der Landsmannschaft laut Medienberichten in dieser Frage. Steinbach verkündete laut Medienberichten hingegen, Pawelka sei in dieser Sache kein Ansprechpartner mehr.

Beim Schlesiertreffen 2007 sorgten Vertriebene durch ihre revisionistischen Reden für Aufsehen.
Beim Schlesiertreffen 2007 sorgten Vertriebene durch ihre revisionistischen Reden für Aufsehen.

Im Jahr 2007 verkündete Pawelka auf dem Schlesiertreffen in Hannover, der Zweite Weltkrieg habe die Möglichkeit geschaffen, „das umzusetzen, was man vorhatte“ – nämlich die Verfolgung der Deutschen. Der Krieg kam den Polen dieser Lesart zufolge also angeblich ganz passend. Polen fühle sich heute „frei von Schuld“, warf Pawelka dem Nachbarvolk vor. Die nach 1945 Vertriebenen hätten jedoch „die gleiche Würde wie andere NS-Opfer“, so Pawelka. Und weiter: Immer wieder werde die Wahl Adolf Hitlers durch die Deutschen als Ursache für die Vertreibungen angeführt. „Das klingt, als ob die Rote Armee wegen Hitler geradezu gezwungen war, Gräuel zu begehen“. Es habe „die Hetzschriften eines russischen Literaten, Ilja Ehrenburg, millionenfach unter den sowjetischen Soldaten verteilt: „Tötet, tötet, tötet“, „Nehmt die deutschen Frauen als gerechte Strafe“.“ Auf Ehrenburg bezieht sich auch immer wieder die NPD in ihren Hetzschriften.

Deutsche und Juden als Opfer der Polen

Im Jahr 2009 warf Pawelka dann polnischen Regierungsvertretern vor, diese sei „mittlerweile so dreist, dass sie selbst in die deutsche Innenpolitik“ eingriffen. Hintergrund war der Streit um die Besetzung des Stiftungsrates für das „Zentrum gegen Vertreibung“. Polen wolle sich nicht den dunklen Seiten seiner Geschichte stellen, so Pawelka. Wer das versuche, werde von Regierung und Medien schnell wieder zum Schweigen gebracht. Die Polen wollten es nicht wahrhaben, auch Verbrechen gegen Juden und Deutsche begangen zu haben. „Die Polen wollen lupenreine Opfer sein“, polterte der Chef der Landsmannschaft.

Bemerkenswert, wie Pawelka auch hier Deutsche und Juden in einem Atemzug als Opfer der Polen darzustellen versucht. Die Strategie war auch bei der „Preußischen Treuhand“ zu beobachten, welche auf Englisch „Prussian Claims Society“ heißt – der Name erinnert stark an die Interessenvertretung der jüdischen Holocaust-Opfer – die „Jewish Claims Conference“, welche den Namen der Vertriebenen-Firma als „beleidigend und schmerzhaft“ bezeichnete.

Sieg für die Freikorps!

Zudem meldete sich der Chef der Landsmannschaft, die angeblich 200.000 Mitglieder hat, offenkundig auf der Seite kreuz.net zu Wort: „Das muß zu einem neuen Krieg führen“ – so der Titel seines Artikels. Inhalt: Vor neunzig Jahren sei das „demokratische Selbstbestimmungsrecht der Völker mißachtet“ worden – natürlich von den Polen. Ein Auszug:

Die Hiobsbotschaften über die Not der Deutschen bewirkten, daß viele Freiwillige in Freikorps nach Oberschlesien strömten. In einer nächtlichen Aktion am 21. Mai 1921 griffen Freikorps mit 3.000 Mann die auf dem Annaberg verschanzten Polen an und konnten sie bereits am selben Tag von dort vertreiben. Dieser Sieg hatte großen symbolischen Wert und verstärkte den Zerfallsprozeß der polnischen Einheiten. Diese hatten schon vorher unter Disziplinlosigkeiten gelitten, vor allem bei den als Söldner bezahlten Kräften. Obwohl größere polnische Verstärkungen herangeführt wurden, einschließlich Artillerie und Minenwerfer, mußten sich die polnischen Verbände immer schneller zurückziehen.

Das Kreuz.net wird übrigens von vielen Beobachtern als rechtsextrem eingestuft. Doch selbst hier trifft Pawelka mit seinen revanchistischen Aussagen auf Widerspruch, wenn auch mit einer eigenwilligen Argumentation dahinter:

Was soll diese Diskussion, ich stamme von Schlesiern ab, von dieser Familie kann niemand zurückkehren, weil alle verhütet haben und fast keine Nachkommen da sind, und die die da sind, haben keine Lust zurückzukehren, einschließlich meiner Wenigkeit. Und so geht es auch den anderen, wer will heute aus Bayern , wo so viele Schlesier hinflüchteten , zurück nach Schlesien, doch kein Mensch. Ich bin auch dagegen dass man alles hinnimmt, aber wir beten doch täglich „ wir vergeben unseren Schuldigern“. Im Gegensatz zu den Palästinensern haben die Schlesier eine neue Bleibe gefunden, und will man die Polen dort wieder absiedeln? Überigens Deutschland hat Polen dreimal geteilt.

Im Februar 2009 distanzierten sich laut Wikipedia Radio Vatikan sowie die deutsche und österreichische Bischofskonferenz ausdrücklich von kreuz.net, das mittlerweile aus dem Netz verschwunden ist. Die deutsche katholische Bischofskonferenz warf kreuz.net antisemitische und homophobe Äußerungen vor, die österreichische kritisierte „sektiererische Hetzpropaganda“. Teile der Website wurden demnach wegen Holocaustleugnung durch die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert.

Die Landeszentrale für politische Bildung Brandenburg schrieb über kreuz.net:

Neben Holocaust-Leugnern, Antisemiten und aggressiven Abtreibungsgegnern schreiben auf kreuz.net auch Schwulenhasser. In einem Artikel über das Berliner Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen heißt es: „Homo-Verlangen ist zwar eine schlimme Geisteskrankheit, aber erfahrungsgemäß immer vollständig heilbar.“ Die Artikelüberschrift lautet: „Ein Denkmal für Straftäter“. In einem anderen Beitrag wird ein Politiker als „homoperverser antikatholischer Abgeordneter und Vertreter der linksextremen ‘Grünen’-Partei“ bezeichnet. In vielen Artikeln wird ein Zusammenhang von Homosexualität und „Kinderschändung“ suggeriert.

Und FAZ-Redakteur Daniel Deckers meinte am 20. Juni 2010 in einem Artikel über den Rücktritt von Walter Mixa:

„In dem von selbsternannten Rechtgläubigen betriebenen Internetportal „kreuz.net“. Dort wird das kirchliche Geschehen im deutschsprachigen Raum über Server in den Vereinigten Staaten tagtäglich im Hetzvokabular des „Stürmers“ kommentiert.“

In diesem Umfeld veröffentlicht also Pawelka seine Texte über Polen. Übrigens heißt es ebenfalls bei Wikipedia zu der Schlacht, welche Pawelka oben glorifizierte:

Am 21. Mai 1921 erfolgte durch den aus deutschen Freikorps gebildeten Selbstschutz Oberschlesien (SSOS) im Sturm auf den Annaberg die Einnahme des Berges. Am 20. Oktober 1921 beschloss der Oberste Rat der Alliierten nach einer Empfehlung des Völkerbunds, den Osten des oberschlesischen Industriereviers, das einem Drittel der Gesamtfläche Oberschlesiens entsprach, an Polen zu übertragen. Beim Deutschen Reich verblieb der zwar flächen- und bevölkerungsmäßig größere, aber eher agrarisch strukturierte und dünner besiedelte Teil des Abstimmungsgebiets. Dieses Ereignis wurde sowohl während des Dritten Reiches als auch während der kommunistischen Herrschaft in Polen durch nationalistische Propagandadarstellungen verklärt“

Und auch im 21. Jahrhundert wird dieses Ereignis in bestimmten Kreisen noch verklärt.

Als tagesschau.de und Publikative.org aufdeckten, dass die Schlesische Jugend in Thüringen maßgeblich von Neonazis gesteuert wird, forderte Innenminister Friedrich eine Stellungnahme der Landsmannschaft, Pawelka musste schließlich den ganzen Landesverband der Landsmannschaft Schlesien suspendieren, da diese sich nicht von ihrer Nachwuchsorganisation distanzieren wollten. Obwohl also Rechtsextreme über Jahre munter bei den Vertriebenen mitmischten und ein bekannter Neonazi als SJ-Chef sogar im Bundesvorstand der Landsmannschaft war, fließt das Steuergeld weiter an die Vertriebenen. Bis zur nächsten Hetzrede gegen Polen.

Bezugnehmend auf die Berichte über die Verbindungen der Schlesier zu rechtsextremen Kreisen wollten die Grünen in Niedersachsen wissen, in welcher Höhe die Landsmannschaft Schlesien und die Schlesische Jugend in den Jahren 2010 und 2011 finanziell durch die niedersächsische Landesregierung unterstützt wurden. Die Antwort der Landesregierung:

Im Jahr 2010 erhielt der Bundesverband Zuwendungen z.B. zur Teilnahme an der Jahrestagung der Kulturreferenten (Multiplikatorenschulung) sowie zur Teilnahme am Bundesmitarbeiterkongress. Dem Landesverband wurde z.B. eine Zuwendung zur Durchführung einer Kulturreise nach Schlesien gewährt. Die Bezuschussung im Rahmen der Zuwendungen belief sich auf insgesamt ca. 28.600 €. Außerhalb des Zuwendungsverfahrens veranstaltete das Land Niedersachsen im Jahr 2010 im Rahmen des 60-jährigen Bestehens der o.a. Patenschaft eine Jubiläumsveranstaltung sowie ein themenbezogenes Symposium. Auch für das Jahr 2011 liegen Anträge auf Zuwendungen vor, über die jedoch noch nicht abschließend entschieden wurde (gesamt ca. 10.000 €). Zusätzlich sind im Jahr 2011 Mittel in Höhe von 50.000 € für das alle zwei Jahre in Hannover stattfindende Deutschlandtreffen der Landsmannschaft der Schlesier veranschlagt.

Offenbar hält auch die neue rot-grüne Regierung in Niedersachsen an der Förderung fest.

Siehe auch: “Steinbach spielt in Polen keine Rolle mehr!”, Schlesier bangen um Geld aus Niedersachsen, Die “Schlesische Jugend” und ihre Kontakte zur JLO, Friedrich fordert Landsmannschaft zu Stellungnahme auf,

Die braunen Flecken der SPD

Die SPD feiert ihren 150. Geburtstag. Wie kaum eine andere Partei ist der Rückblick auf die lange Geschichte der Sozialdemokratie ein identitätsstiftendes Moment. Dabei sind die Erzählungen teils zu schön um wahr zu sein. Auch die SPD hat ihre „braunen Flecken“, wie einige Beispiele deutlich zeigen.

von Teresa Nentwig*, zuerst veröffentlicht beim Göttinger Institut für Demokratieforschung

Landauf, landab feierten die Sozialdemokraten im Mai 2013 ihr 150-jähriges Parteijubiläum. Überall wurde betont, dass die SPD stolz auf sich sein könne: nentwig_kopf_2013stolz darauf, dass sie am 23. März 1933 als einzige der im Reichstag vertretenen Parteien gegen das von der NSDAP eingebrachte Ermächtigungsgesetz gestimmt hatte; stolz darauf, dass ihre Mitglieder selbst unter den widrigsten Bedingungen (Verfolgung unter Bismarck und Hitler) nicht aufgegeben hatten; stolz darauf, dass ihre führenden Politiker an der Gründung der Bundesrepublik mitgewirkt hatten. Diese Leistungen und Verdienste sollen an dieser Stelle keineswegs in Abrede gestellt werden. Trotzdem gilt es sich ins Bewusstsein zu rufen, dass auch die SPD nicht ganz frei von „braunen Flecken“ ist.

Drei Beispiele sollen dies zeigen. Erstens: Hinrich Wilhelm Kopf, der Mitbegründer des Landes Niedersachsen und langjährige niedersächsische Ministerpräsident, betrieb seit April 1934 zusammen mit einem Kompagnon die Firma „Hinrich Wilhelm Kopf & Bohne. Vermögensverwaltungen, Grundstücke, Hypotheken, Finanzierungen“ (ab Mitte 1940 „Hinrich Wilhelm Kopf & Bohne Finanz- und Immobilienmakler – Vermögensverwaltungen“). Das Berliner Unternehmen wirkte zum einen an der „Arisierung“ der deutschen Wirtschaft mit; zum anderen verdienten Kopf und sein Geschäftspartner Edmund Bohne an den Notverkäufen von Häusern auswandernder Juden sowie an der Verwaltung von Immobilien jüdischer Eigentümer.

Während des Zweiten Weltkrieges war Kopf dann in Oberschlesien ein effizienter, überaus engagierter Mitarbeiter einer nationalsozialistischen Behörde, der „Haupttreuhandstelle Ost“ (HTO). Die HTO, die im Oktober 1939 durch einen Erlass Hermann Görings gegründet worden war, verfolgte die wirtschaftliche „Germanisierung“ Polens; eingebettet war dieses Ziel in die NS-Rassen- und Bevölkerungspolitik. Zusätzlich arbeitete Kopf für die Grundstücksgesellschaft der HTO (GHTO). Diese war für die Erfassung, Verwaltung und Veräußerung des städtischen Haus- und Grundbesitzes in den „eingegliederten Ostgebieten“ zuständig. In der Nachkriegszeit behauptete Kopf – entgegen der Wahrheit –, er sei niemals Treuhänder polnischer oder jüdischer Güter gewesen.

Sowohl bei der HTO als auch bei der GHTO übte Kopf leitende Positionen aus. Er enteignete jüdische und nicht-jüdische polnische Staatsbürger, das heißt er beschlagnahmte deren Besitz (zum Beispiel Geschäfte und Fabriken), ließ ihn kommissarisch verwalten und verkaufte ihn dann an Deutsche. Auf diese Weise verlor etwa der Pole Karl Widera sein Tabakwarengeschäft in Loben (heute: Lubliniec). Es gibt zahlreiche Beispiele, die zeigen, wie sehr Kopf bei den Enteignungen nach Effizienzkriterien handelte und moralische Erwägungen mitunter hintenanstellte.

1948 – Kopf war mittlerweile seit zwei Jahren niedersächsischer Ministerpräsident – stand seine politische Karriere dann auf Messers Schneide – denn nun holte ihn seine Vergangenheit ein. Die polnische Regierung warf dem Ministerpräsidenten vor, während des Zweiten Weltkrieges für Deportationen in Konzentrationslager sowie für die Misshandlung von Untergebenen verantwortlich gewesen zu sein und sich an Gütern aus polnischem und jüdischem Besitz bereichert zu haben. Bereits im November 1947 hatte sie daher Kopfs Namen auf die UN-Kriegsverbrecherliste setzen lassen. Im Januar 1948 reichte die polnische Regierung dann bei dem britischen Teil der Kontrollkommission – Niedersachsen gehörte damals zur britischen Besatzungszone – einen Antrag auf Auslieferung ein.

Die Engländer ließen den „Fall Kopf“ vom Obersten Gerichtshof der Kontrollkommission (Britischer Teil) in Herford untersuchen. Für den niedersächsischen Regierungschef endete das von Eigentümlichkeiten gekennzeichnete Verfahren glimpflich: Bereits Ende Mai 1948 teilte die Kontrollkommission der zuständigen Polnischen Kriegsverbrecher-Mission mit, dass die Beweise gegen Kopf nicht ausreichten, um seine Auslieferung als Kriegsverbrecher zu rechtfertigen, und dass er deshalb auch nicht den polnischen Behörden übergeben werde.

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Kopf blieb also im Amt, zunächst bis zur Landtagswahl 1955. Nach einem Intermezzo des bisherigen Bundesministers Heinrich Hellwege an der Spitze Niedersachsens konnte er 1959 noch einmal den Ministerpräsidentensessel erobern – und blieb Regierungschef bis zu seinem Tod Ende 1961.

Ein zweites Beispiel für die „braunen Flecken“ in der SPD kommt aus Hessen: Die kürzlich veröffentlichte Studie „NS-Vergangenheit ehemaliger hessischer Landtagsabgeordneter“ zeigt, dass unter den 164 bis 1928 geborenen SPD-Abgeordneten im Hessischen Landtag insgesamt 24, das heißt 14,6 Prozent, Mitglied der NSDAP waren. Gewiss: Es müssen immer die individuellen Umstände und Motive berücksichtigt werden, unter denen jemand Mitglied der NSDAP wurde. Auch ist die Zugehörigkeit zur NSDAP kein hinreichendes Kriterium, um eine ideologische Übereinstimmung mit dem Nationalsozialismus zu unterstellen. Doch letztlich unterstützte und förderte jede NSDAP-Mitgliedschaft das NS-Regime, sei es auch nur „formal“.

Einer dieser 24 sozialdemokratischen Landtagsabgeordneten, die der NSDAP angehört hatten, war Walter Klaus Köbel. Im Auftrag der Stadt Rüsselsheim, deren Bürgermeister Köbel von 1954 bis zu seinem Tod 1965 war, hat die Historikerin Sabine Kühn die Vergangenheit des SPD-Mitglieds untersucht. In ihrer Studie, die Anfang 2013 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, kommt Kühn zu einem eindeutigen Ergebnis: „Während der NS-Zeit demonstrierte Köbel vielfach und auf unterschiedliche Art und Weise eine Nähe zum NS-Regime. Seine ideologische Übereinstimmung mit dem Nationalsozialismus ist nicht zu leugnen. […] Nach allem, was wir wissen – das heißt nach allem, was sich heute ermitteln lässt – war Köbel nicht an nationalsozialistischen Verbrechen beteiligt. Aber eine NS-Belastung erschöpft sich nicht in kriminellem Handeln. Das nationalsozialistische Regime konnte sich nur etablieren und seine Politik des Terrors und der Gewalt durchführen, weil Funktionsträger auf allen Ebenen von Staat und Gesellschaft das System stabilisierten und sich aktiv für es einsetzten. Zu der großen Gruppe dieser zumeist ideologisch überzeugten Funktionsträger ist auch Walter Köbel zu rechnen.“ Mittlerweile wurde bereits die Rüsselsheimer Walter-Köbel-Halle in „Großsporthalle Rüsselsheim“ umbenannt.

Schließlich ein drittes Beispiel für die „braunen Flecken“ in der SPD: Herbert Kriedemann hatte seit 1930 als Angestellter im SPD-Parteivorstand gearbeitet und nach der nationalsozialistischen Machtergreifung die Aktivitäten der Exil-SPD („Sopade“) in Prag mitorganisiert. Nachdem er sich mit dem Exil-Parteivorstand überworfen hatte und Zweifel an seiner Vertrauenswürdigkeit aufgekommen waren, wurde Kriedemann im Juli 1935 entlassen. Ein Jahr später gelang es dem für die Verfolgung der Sopade zuständigen Gestapo-Kommissar Bruno Sattler, den Sozialdemokraten als V-Mann anzuwerben. Fortan ließ Kriedemann der Gestapo Informationen über die Arbeit der Exil-SPD zukommen und denunzierte frühere Genossen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg machte Kriedemann dann eine bemerkenswerte politische Karriere: Mitglied des Hannoverschen Landtages, Mitglied des Niedersächsischen Landtages, Mitglied des Zonenbeirats und des Wirtschaftsrates für das Vereinigte Wirtschaftsgebiet, Mitglied des SPD-Parteivorstands, langjähriger Bundestagsabgeordneter, Mitglied des Europäischen Parlaments und zuletzt Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion.

Seine Tätigkeiten während der NS-Zeit müssen zwar differenziert betrachtet werden, denn Kriedemann spielte ein doppeltes Spiel. So arbeitete er auch für den britischen Nachrichtendienst und wurde dafür vom Volksgerichtshof verurteilt. Doch er war ganz eindeutig ein „erfolgreicher V-Mann“[1] – mit dem Ergebnis, dass sich die Verurteilungen als äußerst milde erwiesen: Nach der Verurteilung zu einer Gefängnisstrafe von zwei Jahren Ende Oktober 1941 wurde Kriedemann bereits mehrere Wochen darauf, Anfang Januar 1942, aus der Haft entlassen. Für seine Kontakte mit dem englischen Nachrichtendienst erhielt er wenig später eine dreijährige Gefängnisstrafe, blieb aber auf freiem Fuß – vergleichbare Delikte bestrafte dasselbe Gericht mit dem Todesurteil.

Obwohl es nach dem Zweiten Weltkrieg Vorbehalte gegen Kriedemann gab – unter anderem bei dem damaligen Pressechef der SPD Fritz Heine –, stieg er schnell zum Vertrauten des von der KZ-Haft gezeichneten Kurt Schumachers auf, den er in einem stundenlangen Gespräch davon überzeugt hatte, Gegner des NS-Regimes gewesen zu sein. Auch ein parteiinterner Untersuchungsausschuss kam 1948 zu dem Ergebnis, dass es keine Gründe für ein Misstrauen gegen Kriedemann gebe. Als dann die KPD im Bundestagswahlkampf 1949 Dokumente publizierte, die ihn schwer belasteten, hielt die SPD weiterhin an ihm fest. Zum einen wollte man das Gesicht wahren, zum anderen „ging man in unseren Vorstellungen wohl davon aus, daß alles, was von kommunistischer Seite behauptet wurde, von vornherein gelogen sei“, wie Fritz Heine später erklärte.[2] Sowohl Hinrich Wilhelm Kopf als auch Herbert Kriedemann äußerten sich später nicht mehr zu den gegen sie erhobenen Vorwürfen. „Das alles ist ein Haufen von Charakterlosigkeit; und peinlich für die Partei“, urteilte Fritz Heine nachträglich in Bezug auf den Fall Kriedemann.[3]

Die österreichischen Sozialdemokraten haben vor mehreren Jahren ein Forschungsprojekt angestoßen und Wissenschaftler die NS-Vergangenheit ihrer Partei aufarbeiten lassen. Die hier geschilderten Fälle, aber auch weitere Beispiele werfen die Frage auf, ob nicht auch die SPD Grund hätte, sich den nicht so angenehmen Seiten ihrer Vergangenheit zu stellen.

*Dr. Teresa Nentwig ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Soeben ist ihr Buch „Hinrich Wilhelm Kopf (1893–1961). Ein konservativer Sozialdemokrat“ erschienen.


[1] Appelius, Stefan: Heine. Die SPD und der lange Weg zur Macht, Essen 1999, S. 471.

[2] So Fritz Heine am 31.07.1998. Zit. nach ebd., S. 472.

[3] So Fritz Heine am 26.02.1997. Zit. nach ebd., S. 473.

Jüdischer Widerstand: Aufstand im Warschauer Ghetto

Das zerstörte Warschauer Ghetto. Das Foto wurde etwa 1950 aufgenommen.
Das zerstörte Warschauer Ghetto. Das Foto wurde etwa 1950 aufgenommen.

Zum 70. Jahrestag des Aufstandes im Warschauer Ghetto am 19. April 1943 erzählen wir eine Geschichte von medizinischer Verpflichtung und Selbstlosigkeit, eine Geschichte vom Sieg des Geistes über den Rassenwahnsinn der Nationalsozialisten, eine Geschichte vom Leiden und Tod im Ghetto und vom Überleben und Weiterleben nach der Schoa…

Von Andrea Livnat, zuerst erschienen auf HaGalil.com

 “Während der letzten Tage starben ca. 150 Menschen täglich. Die Sterblichkeitsziffer wächst. Nachts, zwischen 1 und 5 Uhr morgens begräbt man die Toten. Heute war ich im Verschlag für die Toten. Ein makaberes Bild! Zugedeckt mit schwarzem Papier stapeln sich da Riesenhaufen von Leichen. Wie in einem Fleischerladen. Dabei sind es fast alles Skelette. Über den Knochen sieht man nur die dünne Haut.” Im Mai 1941 war, wie dieser Bericht aus dem Ringelblum-Archiv[01] belegt, die Situation im Ghetto Warschau bereits katastrophal.

Bis zu 450.000 Menschen lebten im Ghetto, dessen Bildung die Deutschen im Oktober 1940 angeordnet hatten. Durchschnittlich 13 Menschen teilten sich ein Zimmer, Krankheiten und Seuchen breiteten sich aus. Mit der systematischen Aushungerung der eingepferchten Bevölkerung leiteten die Nazis den Massenmord ein. Der Hunger bestimmte Leben und Sterben im Ghetto Warschau.

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In dieser verzweifelten Lage entstand eine bemerkenswerte wissenschaftliche Studie. Zwischen Januar und Juli 1942 waren 28 jüdische Ärzte an einem breit angelegten Forschungsprojekt beteiligt, das die klinischen, metabolischen und pathologischen Auswirkungen von Hunger und Verhungern auf den menschlichen Körper untersuchte.[02] Die Ärzte waren sich einig, dass die unter wissenschaftlich-medizinischem Gesichtspunkt einmaligen Bedingungen innerhalb der Ghettomauern wissenschaftlich untersucht werden müssen. Sie schenkten der modernen Medizin damit die umfassendste Untersuchung zum Thema, die bis heute in weiten Teilen noch immer maßgeblich ist.

Initiator und Organisator des Projektes war Israel Milejkowski, der als Mitglied des “Judenrates” den medizinischen Dienst im Ghetto leitete und mit Hilfe von Schmugglern auf komplizierten Wegen die nötige technische Ausrüstung organisierte. Das Projekt musste vor den Deutschen geheim gehalten werden, die zwar die medizinische Grundversorgung auf niedrigstem Niveau in den Krankenhäusern des Ghettos duldeten, jegliche wissenschaftliche Forschung oder Weiterbildung aber verboten und bestraften.

Anna Heller (Foto: Yad Vashem, Jerusalem)
Anna Heller (Foto: Yad Vashem, Jerusalem)

Die Forschungen begannen im Februar 1942. Die Ärzte hatten insgesamt 140 Patienten ausgewählt. Ihre Teilnahme an der Studie war freiwillig und verbesserte erheblich ihre Überlebenschance. Bei manchen Patienten verschlechterte sich ihr Zustand nach Entlassung erneut drastisch, so dass sie zurückkehrten und wieder aufgenommen wurden. Trotz der schwierigen Umstände und selbst hungernd, arbeiteten die Ärzte mit größter Fachkenntnis und Sorgfalt.

Von Beginn an gehörte unter anderem auch die Leiterin des Berson-Baumann Kinderkrankenhauses, Dr. Anna Braude Heller, zum Planungskomitee.

Die bekannte Kinderärztin, die 1888 als älteste von vier Töchtern in Warschau geboren wurde, hatte in der Schweiz und Berlin Medizin studiert und in St. Petersburg die Approbation erhalten. Zurück in Polen half sie beim Aufbau des Kindersanatorium Medem und war für die zentrale jiddische Schul-Organisation tätig, die dem Bund angeschlossen war. 1913 kehrte sie nach Warschau zurück und arbeitete im neu gegründeten Berson-Bauman Kinderkrankenhaus, das jedoch aus finanziellen Gründen trotz großem Bedarf bald wieder geschlossen wurde.

1916 heiratete Anna Braude den Ingenieur Elieser Heller. Das Ehepaar bekam zwei Söhne, Ari und Olum. Anna engagierte sich aktiv bei der Gründung einer Kinderhilfsorganisation, die sich unter anderem für die Wiedereröffnung des Kinder-Krankenhauses einsetzte. 1930 war er schließlich so weit. Das wieder eröffnete Krankenhaus galt als modernste Kinder-Klinik in Polen. Anna Braude Heller wurde Chefärztin der Klinik und gleichzeitig Mitglied des Direktoriums.

Gleichzeitig musste Anna persönliche Tragödien mit dem Tod ihres Sohnes Olum und ihres Mannes erleben. Sie vergrub sich in die Arbeit im Krankenhaus und widmete ihr Leben den Kindern. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lebte sie ganz im Krankenhaus, das sie auch im Ghetto bis zu seiner endgültigen Schließung nach den Deportationen vom Sommer 1942 leitete.

Für die Studie untersuchte Anna Braude Heller mit ihrem Team die klinischen Aspekte des Hungerns bei Kindern. Die ersten Veränderungen waren hier psychologischer Natur und zeigten sich im Verhalten. Bei Kindern wurden im Besonderen Wachstumsstörungen durch den anhaltenden Proteinmangel beobachtet. Eine andere wichtige Beobachtung der Ärzte war der Zusammenhang zwischen Hunger und Infektionskrankheiten wie Tuberkulose.

Patienten und Ärzte wurden deportiert

Auch Annas Sohn Ari Heller, ein angehender Arzt, war an der Studie beteiligt und gehörte zum Team verschiedener Forschungsgruppen unter Leitung von Julian Fliederbaum, Arzt für Innere Medizin, die sowohl die allgemeinen klinischen Aspekte des Hungerns wie auch metabolischen Veränderungen untersuchten. Ari Heller gehörte außerdem dem Team von Emil Apfelbaum, Leiter der Kardiologie im Czyste, an, das die Pathophysiologie des Blutkreislaufes unter Hunger erforschte.

Deutscher Flammenwerfertrupp in Warschau
Deutscher Flammenwerfertrupp in Warschau

Die Ärzte konnten ihre Studie nicht vollständig abschließen. Mit dem Einsetzen der Massendeportationen am 22. Juli 1942 fand die Arbeit ein jähes Ende. Nicht nur Patienten, auch Ärzte wurden in die Vernichtungslager geschickt. Nach dieser ersten „Aktion“ sammelten die noch lebenden Ärzte das Material und stellten es zusammen. Weitere beteiligte Ärzte wurden im Januar 1943 deportiert, darunter auch Israel Milejkowsi. Die Studie selbst konnte aus dem Ghetto geschmuggelt werden und wurde 1946 erstmals veröffentlicht. Von den 28 beteiligten Ärzten überlebten nur acht die Schoa. Einer von ihnen war Israel Rotbalsam, der in der Gruppe von Anna Braude Heller gearbeitet hatte und später nach Israel emigrierte. In seinen Erinnerungen beschreibt er Anna Braude Heller als perfekte Ärztin, sowohl in theoretischer als auch praktischer Hinsicht. Sie hätte die Fähigkeit besessen, “ihre Seele und ihre Kräfte einer einzigen Idee voll und ganz zu verschreiben, … der Kinderheilkunde”.[03]

Anna Braude Heller hatte mehrfach die Möglichkeit, mit Hilfe von Freunden aus dem Ghetto zu fliehen. Sie lehnte ab. Wie genau sie starb, ist nicht bekannt. Sie suchte offensichtlich gemeinsam mit ihrer Schwester Rosa und Freunden und Kollegen Schutz in einem Bunker. Anna Braude Heller wurde im April 1943 im Innenhof des Gęsia Straßenkrankenhauses tot aufgefunden.

Ari überlebte. Seine Mutter hatte dafür gesorgt, dass er und seine Familie aus dem Ghetto fliehen und sich auf der arischen Seite verstecken konnten. Ari hatte im Juni 1939 Maria Natanblut geheiratet. Das Paar verbrachte einen unbeschwerten Sommer mit Zelt und Kajak in der Natur. Nach dem deutschen Überfall auf Polen versuchten sie, sich nach Russland durchzuschlagen. Wegen des kalten Herbstes und ungenügender Ausrüstung kehrten sie um. Ihre Tochter Ewa kam im April 1940 im Berson-Baumann-Krankenhaus zur Welt. Als das Ghetto geschlossen wurde war Ewa 6 Monate alt.

Im Herbst 1942 gelang es, Ewa gegen Bezahlung aus dem Ghetto zu schmuggeln. Mit Schlafmitteln ruhig gestellt, wurde sie in die Obhut einer Frau übergeben, für deren Aufrichtigkeit es keine Garantie gab. Aber sie hielt sich an die Abmachung und Maria konnte Ewa am nächsten Tag am vereinbarten Ort bei nichtjüdischen Freunden abholen.  Mutter und Tochter bekamen arische Identitäten und blieben in Warschau. Ari musste sich verstecken und oft mehrmals am Tag den Unterschlupf wechseln. Schließlich konnte er außerhalb von Warschau auf einem Bauernhof über Mitglieder des Widerstands unterkommen.

Auf Dauer wurde die Situation auch für Maria zu gefährlich, Ewa machte sie verdächtig. Sie wurde daher in einem Kloster in der Nähe von Warschau untergebracht, wo sie bis nach Kriegsende blieb. Ewa berichtet, dass ihre Mutter sie von Zeit zu Zeit besuchen kam, so dass sie sie nicht vergaß, den Vater konnte sie jedoch nicht sehen. 1978 reiste sie erstmals nach Polen, um die Orte ihrer Kindheit zu besuchen. Sie spricht noch immer polnisch und in den 1970er Jahren lebte noch eine Cousine der Mutter in Warschau. Sie besucht auch das Kloster und sprach mit einer alten Nonne, die sich gut an sie erinnern konnte.

Die SS führt jüdische Bewohner des Ghettos ab (Foto: Photo from Jürgen Stroop Report to Heinrich Himmler from May 1943).
Die SS führt jüdische Bewohner des Ghettos ab (Foto: Photo from Jürgen Stroop Report to Heinrich Himmler from May 1943).

Ari und Maria, die ebenfalls Medizinerin war, beendeten nach dem Krieg in Warschau ihre Ausbildungen. Im April 1946 wanderten sie wegen des starken Antisemitismus in Polen nach Schweden aus, wo sie 1949 eine weitere Tochter bekamen. Ewa berichtet, dass die Eltern nicht über die Zeit der Schoa und das Leben in Polen sprachen.[04] “Sie hatten ein gutes Leben in Schweden, auch wenn es am Anfang nicht einfach war, Ausländer zu sein.” Ari, der sich in Schweden Leo Heller nannte, arbeitete als Virologe und starb im Alter von 91 Jahren. Maria spezialisierte sich auf Kinderpsychiatrie und starb im April 2001. Ewa Heller Ekblad arbeitete zunächst als Sozialarbeiterin und wurde schließlich Psychologin. Im Laufe der Jahre behandelte sie viele “second generation” Patienten.

In medizinisch-wissenschaftlichen Kreisen ist die Studie zu Hunger, an der Anna Braude Heller und Ari Heller arbeiteten, durchaus bekannt. Ansonsten ist diese enorme Leistung jedoch in Vergessenheit geraten. Die große Mehrheit der Ärzte wie auch ihrer Patienten überlebte nicht, gemeinsam  konnten sie jedoch einen Sieg des Geistes und der Wissenschaft über den Vernichtungswahnsinn der Nazis erringen.

Siehe auch: Deutsche Karrieren: Walter Zirpins, Deutsche Karrieren: Konrad Meyer, Deutsche Geschichte bei Lanz: Zu wenig Kolonien, zu viele Juden, Polen empört über “Unsere Mütter, unsere Väter”, „Du bist davongekommen, du bist davongekommen!“ – Ralph Giordano wird 90, Das NS-Lagersystem: Inventur des Grauens, Abschied eines Überlebenden, “… und die Massenmörder züchten Blumen”, Holocaust-Gedenken: Reich-Ranicki hielt Rede des Jahres 2012, Steinbach, linke Nazis und der Nachhilfeunterricht, “Besprechung mit anschließendem Frühstück”, Die nationalsozialistische Machteroberung, “Keine Angst, Schwestern, das Ende dieser Mörder ist nahe!”

Deutsche Geschichte bei Lanz: Zu wenig Kolonien, zu viele Juden

Deutsche Vergangenheitsbewältigung - auf Kosten der Polen?

Im Begleitprogramm rund um den ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ talkte am vergangenen Dienstag eine illustre Runde in der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ über deutsche Geschichte und ihre (filmische) Aufarbeitung. Dabei wurde Erstaunliches behauptet: So trage Deutschland keine Verantwortung für den 1. Weltkrieg, sondern „Frankreich und Russland“. Infolge der Niederlage sei Deutschland bei „der Kolonialisierung der Welt“ „zu kurz gekommen“ – und wegen dieser Demütigung sei es dann zum 2. Weltkrieg gekommen. Ergänzend wurde festgestellt, dass „Täter“ und „Opfer“ nicht zu unterschieden seien – und die industrielle Massenvernichtung von Menschen nur deshalb erdacht werden musste, weil man so viele Juden einfach nicht mehr erschießen konnte. Für nennenswerten Widerspruch oder gar einen Eklat sorgte diese Aneinanderreihung von revisionistischen Äußerungen nicht – deutsche TV-„Vergangenheitsbewältigung“ anno 2013.

Von Floris Biskamp

Rückblickend möchte man mit Martin Hohmann beinahe Mitleid haben. Denn nun ist klar: Er wurde damals nicht geschasst, weil er das Falsche gesagt hatte, sondern nur, weil er seiner Zeit weit voraus war. Am 3. Oktober 2003 hielt Hohmann seine berühmt-berüchtigte Rede zum Tag der Deutschen Einheit. Darin hieß es unter anderem:

„Die Schuld von Vorfahren an diesem Menschheitsverbrechen hat fast zu einer neuen Selbstdefinition der Deutschen geführt. Trotz der allseitigen Beteuerungen, dass es Kollektivschuld nicht gäbe, trotz nuancierter Wortneuschöpfungen wie ‚Kollektivverantwortung‘ oder ‚Kollektivscham‘: Im Kern bleibt der Vorwurf: die Deutschen sind das ‚Tätervolk‘. […] Auf diesem Hintergrund stelle ich die provozierende Frage: Gibt es auch beim jüdischen Volk, das wir ausschließlich in der Opferrolle wahrnehmen, eine dunkle Seite in der neueren Geschichte oder waren Juden ausschließlich die Opfer, die Leidtragenden? […] Daher könnte man Juden mit einiger Berechtigung als „Tätervolk“ bezeichnen. Das mag erschreckend klingen. Es würde aber der gleichen Logik folgen, mit der man Deutsche als Tätervolk bezeichnet. […] Daher sind weder ‚die Deutschen‘ noch ‚die Juden‘ ein Tätervolk.“

Das ging 2003 einfach noch nicht. Damals waren die Deutschen in ihrer Leidkultur zwar schon sehr weit auf dem Weg zur Einebnung der Täter-Opfer-Grenze, aber doch noch mit vorhergehenden Schritt beschäftigt; nämlich damit, sich selbst und gegenseitig zu versichern, dass es nicht nur in Ordnung, sondern absolut notwendig und wichtig ist, die Deutschen auch als Opfer des 2. Weltkrieges zu verstehen. Jörg Friedrich breitete die Schwere des deutschen Leidens anhand des Bombenkrieges, Günter Grass anhand der Vertreibung aus. Die Wörter „Juden“ und „Tätervolk“ in einer Rede zum Tag der Deutschen Einheit in einen wie auch immer gearteten Zusammenhang? Das war der deutschen Öffentlichkeit damals noch nicht so ganz geheuer. Hohmanns Rede wurde zum Skandal, der CDU-Bundestagsabgeordnete von seiner Partei ausgeschlossen.

Doch 10 Jahre später ist man bereit, den nächsten Schritt zu vollziehen. Dies lässt schon der zentrale Satz des großen erinnerungspolitischen TV-Spektakels „Unsere Mütter, unsere Väter“ erahnen: „Der Krieg wird nur das Schlechteste in uns zum Vorschein bringen.“ Ausgesprochen wird der Satz von einem jungen deutschen Soldaten am Abend, bevor er in den Vernichtungskrieg in der Sowjetunion zieht. ‚Wir‘, in denen der Krieg ‚das Schlechteste‘ zum Vorschein bringt, sind jene fünf Personen, die im verzerrten ZDF-Universum beispielhaft für ‚unsere Väter, unsere Mütter‘, will heißen: für die Deutschen, stehen, darunter eben auch ein Jude.

Täter als Opfer, Opfer als Täter

Arnulf Baring, hier leider nicht mit Wasser aus dem Brunnen der Erkenntnis (Foto: Tohma / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)
Arnulf Baring, hier leider nicht mit Wasser aus dem Brunnen der Erkenntnis (Foto: Tohma / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0)

Die Interpretation des Satzes liefert Arnulf Baring gleich zu Beginn der Talkshow von Markus Lanz, die das ZDF zwischen dem zweiten und dritten Teil der Eigenproduktion sendete: „Ganz großartig ist ja in dem Film, dass man sieht, dass die ganze Teilung, von der wir seit Jahrzehnten reden, nämlich zwischen Opfern und Tätern, dass die nicht hinhaut. Auch die Opfer sind irgendwo Täter und die Täter sind irgendwo Opfer.“ Widerspruch bekommt er dafür nicht, aber allerhand Gelegenheiten, deutlicher zu machen, wen er meint: „Diese Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern, die Deutschen sind ein Tätervolk und die Juden sind Opfer…Nein! Auch viele Juden haben sozusagen, das kann man in dem Film auch sehen, haben andere verraten, um ihre eigene Haut zu retten.“ Man wird zum Täter, um die eigene Haut zu retten, man hat keine Wahl und darin sind alle gleich. Deutsche und Juden, alle Opfer und Täter, aber Verantwortung hat eigentlich niemand. Das ist die erinnerungspolitische Essenz des Abends.

Baring scheint sein Glück kaum fassen zu können, das endlich aussprechen zu dürfen, und so tut er es immer wieder. Niemand in der Runde scheint sich groß daran zu stören. Einzig der Journalist Claus Strunz merkt einmal an, es sei ihm „einen Ticken zu vehement“ vorgetragen – nicht aber, ohne seine grundsätzliche Zustimmung zu signalisieren.

Die Jüdin soll den Mund halten

Ein Fremdkörper in der Talk-Runde ist einzig Marina Weisband, die sich trotz des geradezu übergriffigen Drängens von Lanz und Baring weigert, den geforderten jüdischen Beitrag zum Erinnerungsmatsch zu liefern, in dem sich die anderen suhlen. Sie möchte die Diskussion gerne in eine andere Richtung lenken. Statt über das kollektive Leiden der Deutschen an ihrer Geschichte will sie über Gesellschaft reden, darüber, „wie es dazu kommen konnte“ und darüber, ob der heutige Antisemitismus und Rassismus, ob Sarrazin oder NSU vielleicht in einem Zusammenhang zum Nationalsozialismus stehen.

Aufgenommen werden diese Einwürfe freilich nicht. Im Gegenteil, als sie es gegen Ende der Sendung noch ein zweites Mal versucht, pflaumt Gastgeber Lanz sie in beleidigtem Tonfall an. Denn solche Profanitäten interessieren nicht, wenn deutsche Erinnerungskultur produziert wird. Sie sind „viel zu oberflächlich“ (Baring), weil sie nicht das „kollektive Trauma“ (Lanz) der Deutschen betreffen. Es geht hier nicht um gesellschaftliche Prozesse, es geht um „kollektives Erinnern“. Es geht darum, dass Baring die Tränen kommen, wenn er vom Krieg erzählt, und Lanz sich sichtlich über diese „emotionale Erschütterung“ in seiner Sendung freut.

Es geht, wie Christiane Paul, selbst Darstellerin des Films, ausführt, darum, dass „wir“ Deutschen verstehen, „dass wir eins sind [umschreibt mit beiden Händen einen großen Kreis], dass wir ein Teil unserer Geschichte sind, dass wir ein Teil unserer Großväter sind, der Taten unserer Großväter sind“ (Paul) – eine Sicht auf die Vergangenheit, für die sie die Juden schon lange beneide. Und dazu wollen alle ihren Beitrag leisten. Auch Rundfunkjournalist Dirk Stermann, der spekuliert, dass in Deutschland und Europa so viele Leute den Afghanistan-Krieg ablehnten, „weil wir genetisch die Information in uns gespeichert haben von Bombennächten.“ Ja, das Schicksal meint es schwer mit „uns Deutschen“, mit allen. Auch mit den „Überlebenden der DDR“ (Baring).

Beim Kolonialismus leider „zu kurz gekommen“

Und die Geschichte des deutschen Leidens ist lang. So weiß Christiane Paul, dass die Ursachen des Nationalsozialismus in noch älteren Traumata zu suchen sind, nämlich im Ersten Weltkrieg – Lanz wirft ein: „die Urkatastrophe“ – und „in der Kolonialisierung und in der Verteilung der Welt […], wo Deutschland auch zu kurz gekommen ist“. Diese Demütigung habe zu „Sehnsucht“ und dann zum Nationalsozialismus geführt. In anderen Worten: Weil die Deutschen im 19. Jahrhundert bei der kolonialen Aufteilung Afrikas nicht genug abbekommen haben, konnten sie eigentlich nicht anders, als im 20. Jahrhundert einen Vernichtungskrieg in Osteuropa und Westasien zu führen. Weil sie nicht genug Afrikaner umbringen durften, mussten sie sich nun an Juden und Russen schadlos halten. Ein schweres Schicksal und wir teilen es alle. Vielleicht auch genetisch.

Auch hier gibt es keinerlei Widerspruch aus der Runde. Dass an der Aufteilung Afrikas durch europäische Mächte vielleicht etwas falsch gewesen sein könnte, auf die Idee kommt an dem Abend niemand. Schon gar nicht darauf, dass der Zusammenhang zwischen Kolonialismus und Nationalsozialismus darin bestehen könnte, dass die Deutschen in Afrika schon Erfahrungen in Rassenpolitik und Massenmord sammelten. Nein, sie sind zu kurz gekommen und gedemütigt worden, die Deutschen. Unterbrochen werden Pauls Ausführungen nur von Baring, der die Gelegenheit nutzt, um „als Historiker“ zu betonen, dass „der Erste Weltkrieg nicht durch unsere Verantwortung zustande gekommen“ ist, sondern weil „Frankreich und Russland entschlossen“ gewesen seien „das Reich“ zu bekämpfen.

Generalleutnant Lothar von Trotha (Mitte) mit seinem Stab 1904 in Keetsmanshoop
Trotz unermüdlichen Einsatzes „leider“ nur vorübergehend Kolonialherren: Generalleutnant Lothar von Trotha (Mitte) mit seinem Stab 1904 in Keetsmanshoop (Bundesarchiv Koblenz, Bild 183-R27576)

Baring erklärt Massenvernichtung: Es „kamen“ einfach zu viele Juden

Der Gipfel war damit aber noch nicht erreicht, er kam erst, als Baring meinte, der in Kiew geborenen Jüdin Weisband über das Massaker von Babyn Jar dozieren zu müssen und dafür diese Worte wählte: „Die Deutschen hatten mit 6.000 Juden gerechnet und 36.000 kamen.“ Sie „kamen“ wohlgemerkt, die Juden, und sind nicht etwa selektiert und verschleppt worden. „Und dabei ist den Deutschen klargeworden: Kinder, so können wir das nicht machen. Wir müssen sozusagen ne andere Art machen als da diese Massenerschießungen.“ Und das nennt Baring die „Ursache der Massenvernichtung“. Es waren einfach zu viele Juden gekommen. Wieder ein schwerer Schicksalsschlag für die Deutschen, die wieder zu Tätern gemacht wurden. Schuldlos schuldig.

Kein Widerspruch – kein Eklat

Hat jemand der Anwesenden nun „Halt!“ geschrien? Nein. Denn außer Weisband schienen alle ganz zufrieden in ihrer Erinnerungskultur. Man kann den Gesprächsverlauf wie Daniel Martienssen im Freitag hoffnungsvoll so deuten, dass es nur am „Kokon des Talkshowstudios“ und an der mangelnden historischen Bildung der Beteiligten lag, dass Baring unwidersprochen sagen konnte, was er sagte. Aber warum legten Lanz, Paul und Stermann dann so gerne noch eine Schippe drauf? Und warum gab es auch an den Folgetagen kaum nennenswerte Reaktionen? Es war ja, anders als es bei Martienssen heißt, eben kein „Eklat bei Lanz“, denn ein Eklat wäre es nur, wenn es auch skandalisiert würde. Doch abgesehen von Randbemerkungen in den treffenden Kritiken von “Unsere Mütter, unsere Väter”, die Tobias Kaufmann im Kölner Stadt-Anzeiger und Georg Diez bei Spiegel Online formulierten, einer Kurznotiz in der Jungen Welt und einem Blogeintrag von Alice Schwarzer findet sich nichts. Kein Hinweis darauf, dass der Gesprächsverlauf jemanden gestört hätte.

Und so kann man befürchten – und die weithin euphorische Rezeption von „Unsere Mütter, unsere Väter“ deutet in diese Richtung – dass das, was vor zehn Jahren noch skandalös war, heute zum Common Sense wird: Nicht nur sind alle – auch die Deutschen – Opfer, es sind ebenfalls alle – auch die Juden – Täter. Vereint in einem schweren Schicksal von „Gewalt, die immer wieder neu Gewalt erzeugt“ (Lanz), für die am Ende kein Mensch wirklich etwas kann.

http://www.youtube.com/watch?v=CxJ6plKMNGI&feature=player_embedded

Und andere – ebenfalls widerspruchslos hingenommene – Aussagen Barings deuten an, dass das Ende der erinnerungspolitischen Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Er ist sich sicher, dass es noch weiter gehen muss. So kritisiert er den ZDF-Film dafür, dass die „Grausamkeit der Russen“ nicht genug Raum erhalte, die zu thematisieren nun an der Zeit sei. Vielleicht nimmt das ZDF die Anregung ja auf. Dann könnte Baring in einer neuen Runde bei Lanz seinen Gedanken zu Ende führen, dass „[e]in Teil der Brutalität der Deutschen […] natürlich auch dadurch zu erklären [ist], dass das ein Vernichtungskrieg auf beiden Seiten war.“ Dann aber am besten aber mit Martin Hohmann und Ernst Nolte als Mitdiskutanten, denn die sind ja zuerst auf diese Ideen gekommen.

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Siehe auch: Verdrehtes GedenkenPolen empört über “Unsere Mütter, unsere Väter”“Unsere Mütter, unsere Väter”: Das ZDF und die deutschen Opfer„Du bist davongekommen, du bist davongekommen!“ – Ralph Giordano wird 90Kolonialismus im Kasten: Erinnern und Vergessen im DHMDas NS-Lagersystem: Inventur des GrauensAbschied eines ÜberlebendenDer Nazi und sein Viertel: Stadtteil soll weiter nach Kriegsverbrecher heißen“Unser Widerstand hat ein Lächeln auf dem Gesicht”Berlinale: Ehrung für Claude LanzmannDie nationalsozialistische MachteroberungDer vergessene Genozid

Polen empört über „Unsere Mütter, unsere Väter“

Warsaw Ghetto, smashed into the ground by German forces, according to Adolf Hitler`s order, after supressing of the Warsaw Ghetto Uprising in 1943. North-west view, left - the Krasinski`s Garden and Swietojerska street, photo taken in circa 1950

Während in Deutschland die Zufriedenheit über den ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ (UMUV) dominiert, ist der Film in Polen massiv kritisiert worden.  Das Werk sei antipolnisch, die Darstellung des Widerstands als Räuber und wahre Antisemiten falsch.

Von Patrick Gensing

Der Journalist und ehemalige Berlin-Korrespondent Bartosz T. Wieliński schreibt für die größte polnische Tageszeitung Gazeta Wyborcza. Auf seinem Blog widmet er sich vor allem der deutschen Politik, Gesellschaft und Geschichte. Im Gespräch mit Publikative.org wird deutlich, dass Wieliński an seinem bisherigen Urteil über Deutschland zweifelt.

Deutsche Vergangenheitsbewältigung - auf Kosten der Polen?
Deutsche Vergangenheitsbewältigung – auf Kosten der Polen?

„Das deutsche Fernsehen hat bisher keinen guten Kriegsfilm gedreht“, betont Wieliński. Er habe fast alle gesehen, sie seien nur seichte Unterhaltung, bei der die Kriegsgeschichte den Hintergrund stellt. Auch UMUV hat sich Wieliński angeschaut – und er ist entsetzt: „Die dargestellte polnische Heimatarmee (AK) wurde wegen des Antisemitismus und Bereitschaft, die Juden zu ermorden, mit der SS gleichgestellt. Das ist völlig falsch!“ Es habe zwar Zwischenfälle gegeben, doch diese seien nicht die Regel gewesen, betont Wieliński.

„Deutsche Publizisten schweigen“

Er vermutete, dass dem Autor des Drehbuchs „ein bisschen historisches Wissen“ fehle. Der Journalist bedauerte, dass die Zuschauer in Deutschland das verlogene Bild des polnischen Widerstands so einfach angenommen hätten. „Deutsche Publizisten, die gerne über polnische Überempfindlichkeit gegenüber der Geschichte sprachen, schweigen dazu“, stellte Wieliński fest. Tatsächlich war es Andrej Reisin auf Publikative.org vorbehalten, die verzerrte Darstellung des polnischen Widerstands als fanatische Judenmörder zu thematisieren.

Lange Jahre war es in Deutschland sehr wichtig, die Beziehungen zu Polen sorgsam zu pflegen. Der Film UMUV reißt hier einiges wieder ein. „In Polen wird der Film als ein Beweis betrachtet, dass die Deutschen ihre Geschichte verfälschen wollen“, sagt Wieliński. Viele Polen hätten den Eindruck, die Deutschen wollten die Schuld für den Judenmord von sich schieben. Wieliński hofft, dass dies aber falsch sei, dass es sich nicht um die meisten Deutschen, sondern lediglich um ein paar historisch wenig gebildete Filmleute handele.

„Anti-polnischer Film“

Das Magazin wPolityce  kritisierte am 21. März, dass UMUV erst im Jahr 1941 beginne, also zwei Jahre nach dem Überfall auf Polen. Es werde so getan, als sei bislang nichts passiert.  Der polnische Widerstand werde als Ansammlung von extremen Antisemiten und Räubern dargestellt. Prof. Zdzislaw Krasnodębski, Soziologe an der Uni Bremen, bezeichnet den dritten Teil des Films in einem Interview mit wPolityce als „anti-polnisch“. So sei es beispielsweise auch wenig wahrscheinlich, dass polnische Bauern unter der deutschen Besatzung bewaffnet gewesen seien, so wie es in UMUV dargestellt wurde. Die Deutschen seien durch den Krieg und das System zu Antisemiten geworden, suggeriere der Film, die Polen hingegen die echten Antisemiten – der Hass kommt aus ihnen.

UMUV sei eine Entfremdung von den Nazis, stellt Krasnodębski heraus: Die Deutschen wollten sich als Nachfahren der dargestellten jungen Leute, den fünf Freunden, fühlen, die vom System und dem Krieg radikalisiert worden seien, also selbst Opfer seien, und nicht der Nazis, die immer die anderen seien.

Armbinde der polnischen Heimatarmee Armia Krajowa (Wikimedia Commons/ CC BY-SA 3.0)
Armbinde der polnischen Heimatarmee Armia Krajowa (Wikimedia Commons/ CC BY-SA 3.0)

Die Kritik aus Polen könnte den in Deutschland selbst ausgehandelten Frieden mit den eigenen Müttern und Vätern noch einmal empfindlich stören, da die wahren Opfer der Nazis wenig begeistert darüber sind, nun von Deutschen als eigentliche Antisemiten dargestellt zu werden.

*Bldbeschreibungen zum Bild oben: Warsaw Ghetto, smashed into the ground by German forces, according to Adolf Hitler`s order, after supressing of the Warsaw Ghetto Uprising in 1943. North-west view, left – the Krasinski`s Garden and Swietojerska street, photo taken in circa 1950

Siehe auch: “Unsere Mütter, unsere Väter”: Das ZDF und die deutschen Opfer