MV für Kobane: Dem IS-Terror knapp entgangen

Wenige Sekunden vor dem Anschlag in Suruc. (Screenshot YouTube)

In Mecklenburg-Vorpommern sammeln engagierte Leute seit Monaten Geld und Hilfsgüter für die Menschen in Kobane. Die dritte Hilfslieferung ist noch auf dem Weg in die syrische Stadt, die kurdische Kämpfer vom „Islamischen Staat“ befreit haben. Aus ganz Europa sind Menschen in der Region aktiv, um die kurdische Bevölkerung zu unterstützen. Nun tötete mutmaßlich ein IS-Selbstmordattentäter zahlreiche Helfer. Vier Personen aus Mecklenburg-Vorpommern, darunter der Sänger von „Feine Sahne Fischfilet“ entgingen dem Anschlag nur knapp.

Von Patrick Gensing

Kobane – ein Symbol für den Kampf gegen die Massenmörder des „Islamischen Staates“. Dass kurdische Einheiten die Stadt vom IS befreiten, sitzt wie ein Stachel im Fleisch der Terrororganisation, die seit Monaten in weiten Teilen Syriens und des Iraks nicht nur für Angst und Schrecken sorgt, sondern durch Folter, sexualisierter Gewalt sowie brutalste Hinrichtungen ein Regime errichtet hat, wie es sich selbst der größte Pessimist wohl kaum in der finstersten Dystopie auszumalen vermochte.

Kurdische Organisationen pflegen Kontakte zu linken Gruppen in ganz Europa – und diese unterstützen wiederum die Kurden in der Grenzregion zwischen der Türkei und Syrien. In Mecklenburg-Vorpommern sammelte „MV für Kobane“ in den vergangenen Monaten Hilfsgüter, zuletzt machten sich nach Angaben der Initiatoren LKW mit medizinischer Ausrüstung in Richtung syrischer Grenze auf den Weg.

Dort warteten Helfer von „MV für Kobane“, um die Hilfsgüter entgegen zu nehmen und zu verteilen. Diese Helfer entgingen heute nur knapp einem Selbstmordanschlag – mutmaßlich begangen vom „Islamischen Staat“, der sich bislang aber nicht dazu bekannte.

Der Rechtsanwalt Thomas Wanie, der für MV Kobane vor Ort ist, sagte mir am Telefon, er und drei weitere Personen seien gerade auf dem Weg zu einem Treffpunkt in Suruc gewesen, als sich dort ein Selbstmordattentäter in die Luft sprengte. Die Helfer aus Mecklenburg-Vorpommern kamen Wanie zufolge nur wenige Minuten nach dem Anschlag in die Gegend, wo eine Pressekonferenz von sozialistischen Jugendlichen stattfinden sollte. Das Attentat dürfte also genau geplant gewesen sein. Auch der Sänger der Punk-Band „Feine Sahne Fischfilet“ hält sich in Suruc auf und zeigte sich geschockt nach dem Anschlag. Sie seien unverletzt geblieben, sagte Monchi, doch die ganze Situation sei selbstverständlich extrem.

Auf Facebook schrieb „MV für Kobane“:

Wır befınden uns seıt heute Mıttag ın Suruc, wo es zu dıesen Zeıtpunkt zu eınem mörderıschen Anschlag durch eınen Selbstmordattentaeter kam. Dıe Bombe explodıerte dırekt auf dem Gelaende des Kulturzentrums Amara, zu dem wır gerade wollten um das Ankommen unserer LKWs abzusprechen. In dem Moment kamen uns dıe Menschen auf der Strasse entgegen. Es kamen mındestestens 42 Menschen ums Leben, mehr als 100 weıtere wurden verletzt. Wır werden weıter berıchten wenn uns dıes moeglıch seın sollte. Uns geht es den Umstaenden entsprechend gut. Wır trauern um dıe Toten und vıelen Verletzten.

Rechtsanwalt Wanie berichtete, man habe mehrere Verletzte des Anschlags gesehen. Einige bluteten, andere konnten offenkundig nichts mehr hören. Unbestätigten Berichten zufolge hatte sich ein Jugendlicher zwischen die Aktivisten begeben und gesagt, er wolle bei der Gruppe mitmachen – und dann seinen Sprengsatz gezündet. Medien berichten hingegen von einer jungen Frau als Attentäterin. Im Netz wurden Videos veröffentlicht, auf denen die Explosion zu sehen ist; tatsächlich scheint sich der oder die AttentäterIn mitten in der Gruppe der sozialistischen Jugendlichen aufgehalten zu haben.

Unterstützer abschrecken

Auch in Kobane selbst explodierte eine Bombe. Offenkundig will der „Islamische Staat“ Menschen aus Europa durch den Terror davon abhalten, die kurdische Bevölkerung weiter zu unterstützen – und Kobane wieder erobern. Rechtsanwalt Wanie sagte mir, dass in Suruc unter anderem Leute unterwegs gewesen seien, die zu einer Bau-Brigade gehörten. Linke Helfer aus ganz Europa, die sich in Brigaden organisieren – das erinnere doch an den spanischen Bürgerkrieg? Wanie bestätigte den Eindruck: Viele bezeichnen den „Islamischen Staat“ als faschistische Bewegung – dementsprechend sei die Selbstbezeichnung als Brigade kein Zufall.

Der Anschlag legt den Schluss nahe, dass die Unterstützung für die Kurden für den „Islamischen Staat“ durchaus eine Bedrohung darstellt. Rechtsanwalt Wanie betont, man werde nun nicht Hals über Kopf abreisen, sondern wolle die Ankunft und Verteilung der Hilfsgüter organisieren. Zudem stellt Welt-Korrespondent Deniz Yücel die Frage, ob der IS in der südosttürkischen Provinz Urfa organisiert sei. Aber auch die kurdischen „Selbstverteidigungseinheiten“ stehen in der Kritik, so werfen Menschenrechtler und türkische Politiker kurdischen Einheiten beispielsweise vor, Oppositionelle getötet zu haben.

Der Bürgerkrieg in Nahost geht also weiter, Hunderttausende Menschen wurden bereits getötet, Millionen sind auf der Flucht. Währenddessen werden in mehreren deutschen Städten Unterkünfte für Menschen, die vor dem IS und dem Terror flüchten mussten, angezündet. Traurige Zeiten.

Siehe auch: Was tun gegen den islamistischen Terror?Kopenhagen: Attentäter von Pariser Anschlägen „inspiriert“Der größere KriegNPD in Syrien: Brauner Besuch beim Assad-RegimeSyrien: Leben und Sterben am anderen Ende der roten Linie

Bundesverdienstkreuz für Beate und Serge Klarsfeld

Beate_Klarsfeld_(2012)

Beate und Serge Klarsfeld werden heute in Berlin mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Publikative.org hat in den vergangenen Jahren immer wieder über das Wirken des Ehepaars, das in Paris lebt, berichtet. Ein Überblick.

50 Rosen für Beate Klarsfeld – und nun das Bundesverdienstkreuz

Ihre Verdienste beim Aufspüren von Nazi-Verbrechern  und vor allem Beate Klarsfelds Ohrfeige für Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger machten sie in Deutschland berühmt. Eine späte Anerkennung für ein in Deutschland so bekanntes wie kritisiertes Paar.

Beate_Klarsfeld_(2012)

Abteilung Dreamteam: Broder und Pirker gegen Klarsfeld

Im Jahr 2012 hatte Die Linke Beate Klarsfeld als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten nominiert. Eine Entscheidung, die Mut gemacht hatte, immerhin steht Klarsfeld deutlich für eine Solidarität mit Israel – und nicht für linksdogmatischen und obsessiven „Antizionismus“. Die Nominierung Klarsfelds stieß auf viel Kritik, wurde beispielsweise übereinstimmend von Werner Pirker und Henryk M. Broder abgelehnt. Auch wenn sich die Motive unterscheiden, ihre Respektlosigkeit einte sie.

Klarsfeld: „Mein Thema ist Antifaschismus“

Klarsfeld selbst betonte deutlich, wofür sie stehe: „Man nominiert hier eine Deutsche“, sagte sie der Jüdischen Allgemeinen, „deren Lebenswerk immer von drei Punkten geprägt war: zu verhindern, dass Nazis in einflussreichen Stellungen sind, NS-Verbrecher in Deutschland und im Ausland aufzudecken und zu bestrafen. Und dann vor allem auch die Solidarität mit Israel.“

„Ich erinnere mich an diesen Deutschen ganz genau“ – Erinnerungen an den Lischka-Prozess

Beate und Serge Klarsfeld hatten bei ihrer Suche nach den Verantwortlichen für die Verfolgung von Juden in Frankreich die NS-Täter Kurt Lischka, Herbert M. Hagen und Ernst Heinrichsohn aufgespürt. Obwohl in Frankreich von Strafverfolgung bedroht, lebten sie in Deutschland als angesehene Bürger, unbehelligt von der deutschen Justiz. Der Lischka-Prozess war einer der wichtigsten Nachkriegsprozesse gegen NS-Täter. Kurt Lischka war an der Deportation und Ermordung von über 70.000 französischen Juden beteiligt.

Beate Klarsfeld at Beyrouth, Lebanon, 1986
Beate Klarsfeld at Beyrouth, Lebanon, 1986

„Zug der Erinnerung“

Die Klarsfelds hatten sich für die Ausstellung über deportierte jüdische Kinder eingesetzt, die an deutschen Bahnhöfen gezeigt werden sollte. Im Interview sagte sie 2007: „Die Ausstellung 11.000 jüdische Kinder aus Frankreich wurde von unserer Organisation „Die Söhne und Töchter der deportierten Juden aus Frankreich“ organisiert. Sie wurde zum 60. Jahrestag des Beginns der Deportationen der Juden aus Frankreich im März 1942 in 18 großen französischen Reisebahnhöfen gezeigt. Dies geschah mit voller Hilfe der französischen Bahn SNCF.“

Die Deutsche Bahn sperrte sich gegen die Ausstellung. Klarsfeld kritisierte im Interview mit tagesschau.de, dem damaligen Bahn-Chef Mehdorn fehle das Gefühl für Verantwortung. In Frankreich sei das Zeigen der Ausstellung kein Problem gewesen, so Klarsfeld, die Staatsbahn SNCF habe sich sehr kooperativ verhalten. Dort seien 18 große Reisebahnhöfe genutzt worden, um „die Kinder in die Wirklichkeit zurückzuholen. Die Reisenden sehen in der Ausstellung die Kinder vor der Deportation – lächelnde Kinder. Und sie lesen den Text, wann die Kinder deportiert und von ihren Eltern getrennt wurden. Denn Kinder wurden sofort vergast. Dann nehmen die Reisenden ihren Zug und denken: Vor 60 Jahren wurden auf diesen Strecken diese Kinder nach Auschwitz deportiert.“ Somit werde eine viel bedeutendere Beziehung zu den Ereignissen geschaffen, als wenn Menschen in ein Museum gingen.

Fotos aus der Ausstellung 11.000 Kinder.

Ohne Begründung abgelehnt

Übrigens war Klarsfeld bereits zweimal für eine Auszeichung mit dem Bundesverdienstkreuz ins Gespräch gebracht worden. Dies lehnte der damalige Außenminister Westerwelle im Jahr 2010 aber ab. Klarsfeld sagte damals der „Frankfurter Rundschau“ auf die Frage, warum sie in Deutschland keine Anerkennung erhalte: „Das weiß ich nicht. Unter Joschka Fischer wurde ich einmal für das Verdienstkreuz vorgeschlagen. Da hieß es nur, ich gehöre nicht in die Kategorie derer, die diese Auszeichnung verdienen würden.“ Klarsfeld fügte gegenüber der FR hinzu: „Im vergangenen Jahr wurde ich dann noch einmal von Gregor Gysi vorgeschlagen – und nun von Guido Westerwelle wieder abgelehnt.“ Dem Bericht zufolge gab der Außenminister keine Gründe für seine Entscheidung an.

Alle Artikel zu Beate Klarsfeld auf publikative.org, Interview mit Beate Klarsfeld bei tagesschau.de

„Das Land der starken Frauen“

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Israel ist das Land der „starken Frauen“. Soldatinnen gehören dort zum allgemeinen Straßenbild. Besonders am Vorabend des Sabbats sind Bahnhöfe und Bushaltestellen überfüllt mit jungen Soldatinnen und Soldaten, die für das Wochenende in ihre Heimatstädte fahren. Die generelle Militärpräsenz, v.a. aber Soldatinnen, die bspw. über den Basar der Altstadt von Jerusalem schlendern, finden bei Besuchern besondere Beachtung – gilt doch kaum ein Berufsfeld als eine solch große „Männerdomäne“ wie das Militär.

von Johannes Sosada, mit freundlicher Genehmigung des Göttinger Institutes für Demokratieforschung

Die Ursachen für dieses in Israel alltägliche Straßenbild reichen bis vor die Staatsgründung 1948 zurück. Männer wie Frauen kämpften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gemeinsam in den paramilitärischen Verbänden wie etwa der Hagana oder dem Palmach. In den Kibbuzim, den ländlichen Kollektivsiedlungen, wurde zusammen gearbeitet. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dienten während der verschiedenen israelisch-arabischen Kriege nicht nur Männer, sondern auch Frauen in der Armee.

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Jerusalem, Foto: Johannes Sosada

Mit der Staatsgründung 1948 wurde in Israel offiziell die allgemeine Wehrpflicht für Männer und Frauen eingeführt. Neben Eritrea und Nordkorea ist Israel damit eines der wenigen Länder, in denen Frauen zum Wehrdienst verpflichtet sind. Männer müssen dort heute 36 Monate, Frauen 21 Monate Wehrdienst leisten. Den Dienst an der Waffe zu umgehen oder überhaupt nicht anzutreten, ist nahezu unmöglich und gilt als verpönt. Wehrdienstverweigerung ist verhältnismäßig selten, auch wenn die Zahlen in jüngster Zeit ansteigen.[1] Befreit von der Wehrpflicht sind lediglich arabische Israelis, Christen sowie nichtjüdische, schwangere oder verheiratete Frauen. Für Schlagzeilen sorgte jüngst die Debatte, inwiefern auch Ultraorthodoxe ihren Wehrdienst anzutreten haben.[2]

Das Militär hat sich in der israelischen Gesellschaft zu einer Institution mit einem besonderen Stellenwert entwickelt: Egal, ob Befürworter oder Gegner: Die allgemeine Wehrpflicht für Männer und Frauen ist in Israel identitätsstiftend. Über die Grenzen von Geschlecht, sozialer Herkunft und auch Generation hinaus ist das Militär ein verbindendes Element.[3] Die Tzahal (hebräische Bezeichnung für die israelischen Streitkräfte) ist einer der größten Arbeitgeber und genießt als „Verteidigungsarmee des Landes“ hohes Ansehen. Soldatinnen und Soldaten werden gesellschaftlich besonders unterstützt: Man bietet ihnen in den Bussen Sitzplätze an, lässt sie an Warteschlangen vor und steckt ihnen, häufig ungefragt, Zigaretten oder Süßigkeiten zu. Auch nach der Wehrdienstzeit verbleibt ein Großteil der Eingezogenen in der jeweiligen Reserveeinheit. In Bewerbungsgesprächen wird oft gefragt, in welcher Region oder bei welcher Einheit der Wehrdienst abgeleistet worden ist. Auch bei der Rekrutierung der politischen Eliten hat das Militär eine besondere Stellung. Viele israelische Spitzenpolitiker kennen sich aus ihrer Zeit bei der Armee – einer politischen Spitzenposition geht oft eine militärische Karriere voraus; nicht zuletzt, weil die in der Militärdienstzeit erworbenen Attribute wie Führungsfähigkeit und Stärke auch in der Öffentlichkeit gut ankommen.

Bedenkt man, dass sich die meisten europäischen Länder inzwischen von einem allgemein verpflichtenden Wehrdienst verabschiedet haben, dieser in Israel jedoch kaum bis gar nicht zur Disposition steht, so sticht das Land in dieser Besonderheit zwar hervor – nimmt aber auch einen Trend vorweg: die Frau an der Waffe. Mittlerweile dienen auch in fast allen anderen europäischen Streitkräften Frauen. Indes: Neben Österreich und Dänemark halten bisher nur noch Estland, Finnland, Griechenland und Zypern an der Wehrpflicht fest. In all diesen sechs Ländern gilt die Wehrpflicht jedoch nur für Männer, Frauen sind nach wie vor ausgenommen.

Das Militär ist nun nicht der klassische und erste Ort, um den sich die Kämpfe um Gleichberechtigung im 20. Jahrhundert drehten. Nichtsdestotrotz bleibt festzustellen: Die Zwangslage einer permanenten militärischen Bedrohung bildete in Israel die argumentative Grundlage, mit dieser Konvention patriarchaler Ordnung früher zu brechen als anderswo. Gerade weil es sich hier um das Militär handelt, mag es manchem schwer fallen, in dem Wort „Gleichberechtigung“ mehr als einen Euphemismus zu sehen. In Israel jedoch steht die Wehrpflicht für Frauen nicht nur nicht zur Disposition, sondern wird gleichzeitig als „nur gerecht“ wahrgenommen.

Momentan machen Frauen in den IDF (Israeli Defense Forces) einen Anteil von 42 Prozent aus.[4] Doch bedeutet dies auch, dass Frauen an Entscheidungsprozessen gleichberechtigt beteiligt sind? Inwieweit deutet diese paritätischere Verteilung der Geschlechter in einer macht- und herrschaftsstiftenden Institution auf eine andere Machtverteilung in der israelischen Gesellschaft hin?

Soldaten in der Innenstadt von Jerusalem, Foto: Felix M. Steiner
Soldaten in der Innenstadt von Jerusalem, Foto: Felix M. Steiner

Zunächst ist die reelle Organisationsstruktur der Armee zu berücksichtigen: Hier stellt sich die Frage, inwiefern Frauen im Militär wirklich sämtliche Positionen offenstehen. So wurde erst 2011 die erste Frau in den Rang einer Generalin erhoben.[5] Frauen in tatsächlichen Kampfhandlungen nehmen zwar zu, sind aber noch die Ausnahme: Ein Großteil der Soldatinnen, besonders die Wehrdienstleistenden, wird nach wie vor im Stabsdienst, also im Wesentlichen zur Büroarbeit eingesetzt.

Der amerikanische Politologe Gregory Mahler beschreibt die Armee als „regulären Rekrutierungskanal für die israelischen politischen Eliten“[6]. Grund hierfür sei die sicherheitspolitische Lage, die eine vorrangige Prämisse in der israelischen Politik darstelle. Auch Uta Klein spricht vom Militär als „starke[r] Ressource“[7], um später ein politisches Spitzenamt erlangen zu können. Militärische Karriere und politischer Erfolg seien in gewisser Weise aneinander gekoppelt. Indem Frauen einen großen Teil der Armee ausmachen, so könnte man vermuten, dass ihnen so auch bessere Chancen für eine politische Karriere offenstehen.

Trifft dies für Frauen in Israel tatsächlich zu? Nach der Parlamentswahl im März dieses Jahres ist der Frauenanteil bei den Abgeordneten im israelischen Parlament, der Knesset, so hoch wie noch nie zuvor. Das bedeutet konkret, dass von den 120 Abgeordneten derzeit lediglich 29 weiblich sind – ein Anteil von 24 Prozent.[8] Dieser Wert liegt sogar um einiges hinter dem prozentualen Anteil von Frauen in anderen europäischen Parlamenten. Im Bundestag bspw. liegt der Frauenanteil bei 36 Prozent.[9] Was die Volksvertretung anbelangt, hat die binäre Wehrpflicht in Israel also offenbar keinen paritätssteigernden Effekt.

Damit eng verbunden ist die Frage nach dem Frauenbild in der israelischen Gesellschaft insgesamt. Der Facettenreichtum dieses Themas hängt eng zusammen mit der Heterogenität der israelischen Gesellschaft, deren unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und verwurzelten Traditionen der verschiedenen nicht nur jüdischen Gruppen, die das gesellschaftliche Leben in Israel prägen. Hierbei stehen progressive Kräfte, die Gleichberechtigung und Emanzipation einfordern, konservativen, oft religiös motivierten Gruppen gegenüber. So gibt es von Seiten letztgenannter etwa Bestrebungen, die Gleichbehandlung von Frauen sogar weiter einzuschränken. Beispielsweise fordern Teile der orthodoxen jüdischen Kreise die Einführung von Buslinien, in denen Frauen aus religiösen Gründen hinten sitzen sollen.

Das Militär als Kaderschmiede israelischer Eliten ist also seit nunmehr fast siebzig Jahren in der Hand beider Geschlechter. Doch außer dieser Besonderheit scheint damit, hier etwa am Beispiel der politischen Vertretung gezeigt, im Vergleich mit anderen westlichen Ländern kein Machtvorteil israelischer Frauen verbunden zu sein. Über die konkreten Ursachen dessen kann indes nur spekuliert werden. Eine Möglichkeit könnten dabei die genannten Organisationsstrukturen des Militärs oder aber habituelle und gesellschaftliche Normen sein. Das Beispiel Israel zeigt jedoch: Auch wenn die Pflicht zur Waffe für beide Geschlechter gilt, geht damit offenbar nicht automatisch auch das Recht zur Macht einher.


 

[1] Siehe hierzu ausführlich: Senfft, Alexandra: Das Schweigen brechen. Der israelische Staat und seine Wehrdienstverweigerer, in: KAS Auslandsinformationen, H. 3/05, S. 19 ff.

[2] O.V.: Israel beschließt Wehrpflicht für Orthodoxe, 12.03.2014, in: Süddeutsche.de, URL: http://www.sueddeutsche.de/politik/jerusalem-israel-beschliesst-wehrpflicht-fuer-orthodoxe-1.1910237 [eingesehen am 12.07.2015].

[3] Zur Rolle und Zusammensetzung der israelischen Armee siehe ausführlich: Klein, Uta: Militär und Geschlecht in Israel, Frankfurt am Main 2001, S. 122 ff.

[4] Zum Vergleich: In Deutschland dienen unter den knapp 180.000 Soldaten der Bundeswehr 19.000 Frauen, was nur einem Anteil von circa 9,5 Prozent entspricht. Blog der israelischen Armee, URL: https://www.idfblog.com/blog/2014/03/07/international-womens-day-facts-need-know-women-idf/ [eingesehen am 12.07.2015].

[5] Landsmann, Charles: „Frauen müssen auf allen Bühnen singen dürfen“, Portrait Orna Barbivai, URL: http://www.tagesspiegel.de/meinung/portraet-orna-barbivai-israelischegeneralin-frauen-muessen-auf-allen-buehnen-singen-duerfen/5960558.html [eingesehen am 12.07.2015].

[6] Mahler, Gregory: Politics and Government in Israel. The Maturation of a Modern State, Plymouth 2011, S. 201 ff.

[7] Ebd., S. 145 ff.

[8] Die verschiedenen Parlamentsabgeordneten lassen sich auf der Seite der Knesset einsehen, URL: http://www.knesset.gov.il/mk/eng/mkindex_current_eng.asp?view=3 [eingesehen am 12.07.2015].

[9] Aktuelle Angaben des Bundestages (Stand Dezember 2014), URL: https://www.bundestag.de/bundestag/abgeordnete18/mdb_zahlen/frauen_maenner/260128 [eingesehen am 12.07.2015].

Historisch: Altona 93 holt “Pa”-Wilson-Memorial-Trophäe

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Das Finale um die Pa Wilson Memorial Trophy am 11. Juli 2015 in London (Foto: PG)
Das Finale um die Pa Wilson Memorial Trophy am 11. Juli 2015 in London (Foto: PG)

Stolze 90 Jahren ist es her, dass sich Altona 93 und der Dulwich Hamlet FC in einem Freundschaftsspiel gegenüberstanden. Am Wochenende trafen die Clubs wieder aufeinander, Hamlet und der AFC kämpften in London um die “Pa”-Wilson-Memorial-Trophäe.

Von Patrick Gensing

Im Londoner Stadtteil Dulwich pulsiert nicht unbedingt das Leben: Schmucke Einfamilienhäuschen zieren die Straßen, ein klassischer englischer Gasthof heißt insbesondere Familien im Biergarten willkommen – rund 30 Autominuten südlich der City wohnen die Londoner idyllisch.

Mehrere bekannte Politiker ließen sich hier gerne nieder: Margaret Thatcher,Ian McColl, Baron McColl of Dulwich, Michael Boyce, Baron Boyce und Albert Booth lebten bzw. leben hier, dazu gesellten sich der Sänger Carl Barât sowie die Korrespondentin Dharshini David – und auch Sacha Baron Cohen wohnte hier – bevor er als Borat zum Weltstar wurde.

Eingang zum Stadion in Dulwich (Foto: Patrick Gensing)
Eingang zum Stadion in Dulwich (Foto: Patrick Gensing)

Etwas weniger glamourös geht es beim Dulwich Hamlet FC zu. Der lokale Fußballverein hat seine besten Tage wohl schon erlebt. Den Rekordbesuch im Champions Hill Stadion soll es während der Olympischen Sommerspiele 1948 gegeben haben – mit 23.485 Zuschauern, schrieb das AFC-Fanzine “All to Nah”; der Ground wurde allerdings 1991 abgerissen. Die alte Geschichte: Der Verein brauchte Geld, verkaufte das Grundstück an eine Supermarktkette.

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In das neue Stadion passen 3000 Zuschauer. Blickfang: die kleine Sitzplatztribüne, die unter dem Dach das Vereinsheim inklusive einer wundervollen Bar beherbergt. Das erste Team von Dulwich Hamlet kickt derzeit in der Ryman Isthmian Football League, eine von drei 7. Ligen in England.

Da der Ligabetrieb dort bis zur sechst-höchsten Spielklasse eingleisig organisiert ist, lässt sich die Liga wohl mit den Oberligen in Deutschland vergleichen – in deren Hamburger Ableger eben auch Altona 93 spielt.

Tribüne und Bar bei Dulwich Hamlet (Foto: Patrick Gensing)
Tribüne und Bar bei Dulwich Hamlet (Foto: Patrick Gensing)

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Das Champions Hill Stadium war erst vor Kurzem ausverkauft, als Dulwich Hamlet um den Aufstieg spielte, aber knapp scheiterte. Die Enttäuschung darüber war am Wochenende bei einigen Fans noch zu spüren.

Das “Hinspiel” vor 90 Jahren

Im Jahr 1925 ging Dulwich Hamlet sogar auf eine Rundreise über den Kontinent – und trat auch bei Altona 93 an, wo Hamlet mit 4:1 siegte. Im AFC-Stadionheft “93. Minute” heißt es, den Kontakt zwischen den Vereinen habe Hamlet-Fan Mishi wieder angeschoben, als er 2010 ein AFC-Heimspiel besuchte. Es folgten gegenseitige Besuche von Fans beider Vereine und schließlich die Pläne, ein Freundschaftsspiel zu organisieren.

Ich bin ja nun seit mehr als 30 Jahren überzeugter St. Paulianer, sympathisiere aber wie viele andere dänophile Hamburger auch mit Altona 93. Erstmals besuchte ich die Adolf-Jäger-Kampfbahn in den 1980er Jahren, als der FC St. Pauli dort in der damaligen Oberliga Nord kickte, danach waren Heimspiele des AFC zumeist ein Quell der Freude; die Mischung aus Bauwagenpunks, Mecker-Rentnern und Nachwuchs-Ultras sowie Alt-Hools bleibt einfach unschlagbar charmant.

Höhepunkt war das Pokalspiel am 13. August 1994 gegen Borussia Dortmund, als die Kampfbahn an der Griegstraße aus allen Nähten platzte und der BVB gehörig Mühe hatte, den AFC mit 2:0 zu besiegen.

screenshot5Auch wenn ich also eher Sympathisant als Fan bin, wollte ich mir das Spiel des AFC in London nicht entgehen lassen. Und der Trip in die britische Hauptstadt mit einem Hauch von Europapokal sollte sich lohnen: Mit 5:0 führte Altona 93 zur Halbzeit, bevor Dulwich Hamlet komplett durchtauschte und besser ins Spiel kam, sodass die Crowd hinter dem AFC-Tor – zusammengesetzt aus einigen Dutzend Altona-Fans sowie gesangsfreudigen Hamlet-Supportern – noch drei Tore zum 3:5 Endstand bejubelte.

Altona 93- und Dulwich-Hamlet-Fans feiern gemeinsam. (Foto: Patrick Gensing)
Altona 93- und Dulwich-Hamlet-Fans feiern gemeinsam. (Foto: Patrick Gensing)

Danach erhielten die AFC-Spieler die “Pa” Wilson Memorial-Trophäe, die von Hamlet-Fan Jack McInroy gestiftet worden war – benannt ist sie nach Mr. Lorraine ‘Pa’ Wilson, der Dulwich Hamlet 1893 gegründet hatte.

“I designed it personally, and I commissioned another of our fans, my good friend James Virgo, to make it, as he is an artist by trade, including founding & casting. It’s made from carved oak and cast in solid bronze. Standing on a granite base, it has been patinated and is actually quite heavy, weighing just under 20 lbs, which must be over nine kilos, if any of our guests are confused by imperial measurements. (Jack McInroy)

 In drei Jahren feiern beide Clubs ihr 125-jähriges Bestehen. Dann soll es das nächste Freundschaftsspiel geben, diesmal in Altona – vielleicht noch in der altehrwürdigen Adolf-Jäger-Kampfbahn (AJK), die aber bald abgerissen werden soll. Der AFC will dann an einem anderen Standort ein Stadion für 2.999 Zuschauer bauen. Es sei denn, die AFC-Mitglieder stimmen dem Plan,den AFC-Präsident Barthel als “letzte Chance” für den Verein bewirbt, nicht zu.

Eigentlich sollten die AFCler bereits vor der Sommerpause zunächst umfassend informiert werden – und dann noch über den Umzug entscheiden. Mittlerweile teilten der Vorstand sowie die Arbeitsgruppe Sportstätten aber mit, dass dem Verein erst seit dem 5. Juni konkrete Zahlen und damit einhergehend ein erster Entwurf einer Absichtserklärung zur Überlassung des Stadiongeländes an der Memellandallee vorlägen. Die zuständigen AFC-Gremien müssten zunächst den Entwurf genau prüfen.

Ein bisschen Träumerei…

In einer besseren Welt wäre das 125-jährige Bestehen des Vereins im Jahr 2018 aber nicht nur ein Anlass, um mit Dulwich Hamlet gemeinsam zu feiern, sondern auch eine glänzende Chance, eine Rettet-die-AJK-Kampagne anzugehen – mit großem Musik-Festival, bei dem möglicherweise Fettes Brot, Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen und vielleicht auch Kettcar sowie sicherlich diverse Punk-Bands dabei sein würden. Auch im Hinblick auf die Olympia-Bewerbung Hamburgs wäre es zumindest denkbar, Geld für den Erhalt der AJK organisieren zu können. Denn was würde dem von Hamburg angestrebten Image der Nachhaltigkeit mehr entsprechen, als eine der ältesten Sportstätten Deutschlands renoviert zu präsentieren?

Zudem erscheint es aus Sicht einer sinnvollen Stadtplanung zumindest fragwürdig, an der Memellandallee ein neues Stadion für die Anforderungen der Regionalliga zu bauen, wenn direkt nebenan auch das Stadion von Union 03 entsprechend modernisiert werden kann bzw. soll. Auch der FC St. Pauli zeigt sich angesichts der etwas unübersichtlichen Situation zurückhaltend: In der kommenden Saison wird die U23 des Zweitligisten an der Hohenluft, dem Stadion von Victoria, kicken, sagte mir Pressesprecher Christoph Pieper. Es gebe aber weiter einen Informationsaustausch mit Altona 93 und Union 03, der FC St. Pauli sei allerdings kein aktiver Player in diesem Konstrukt, sondern wolle erst einmal abwarten, was im Laufe des Jahres passieren werde.

Damit bleibt folgendes Szenario wahrscheinlich: Man reißt die einmalige Adolf-Jäger-Kampfbahn ab, um dort in einem ohnehin dicht bebauten Quartier Raum für Wohnungen zu schaffen – und errichtet wenige Kilometer entfernt dann zwei kleine Fußballstadien nebeneinander. Ein großer Londoner Detektiv würde so einen Plan vielleicht folgendermaßen kommentieren: “Ich habe Zweifel, Watson.”

…und die Realität

Somit sieht die Realität auch in diesem Fall etwas anders aus, als ich es oben in meiner Wunschwelt skizziert habe. Altona 93 hat bereits einen Vertrag über den Verkauf der AJK unterzeichnet – und einen Teil der Verkaufssumme erhalten sowie ausgegeben. Nicht nur dieses Geld müsste man erstatten, sondern es würde wohl auch eine Vertragsstrafe fällig, wenn man es sich plötzlich anders überlegt. Außer, der Vertrag wäre aus juristischen Gründen anfechtbar.

Andreas Bernau, Vorsitzender des Sportausschusses im Bezirk Altona, hält es vor diesem Hintergrund für die beste Idee, wie nun geplant ein kleines Stadion an der Memellandallee zu bauen, in dem Teile der alten AJK, wie beispielsweise das Eingangstor, integriert würden. Die einfachste Lösung wäre es allerdings gewesen, wenn sich der AFC mit Union 03 geeinigt hätte, was aber vor allem an dem “sehr selbstbewussten” Auftreten von Altona 93 gescheitert sei, sagte mir der Sozialdemokrat. Derzeit hänge alles davon ab, dass der Verein seine Mitglieder informiere und abstimmen lasse.

Dulwich Hamlet vs Altona 93 in London: vor dem Champion-Hill-Stadium (Foto: Patrick Gensing)
Dulwich Hamlet vs Altona 93 in London: vor dem Champion-Hill-Stadium (Foto: Patrick Gensing)
Nach dem Spiel Dulwich Hamlet vs Altona 93 (Foto: PG)
Nach dem Spiel Dulwich Hamlet vs Altona 93 (Foto: PG)

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Ob nun Griegstraße oder Memellandallee – immerhin hat Altona 93 die “Pa”-Wilson-Memorial-Trophäe in London gewonnen – und was noch wichtiger ist: Die Herzen der anwesenden Fans. Dulwich Hamlet-Fan Terry sagte mir nach dem Spiel, als Kinder aus London und Hamburg gemeinsam kickten, dies sei “Football at it`s best.” Recht hat er: Für Fußball-Nostalgiker war es ein Feiertag.

Shalom Frankie, adieu Frankie…

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Eine Erinnerung an Frankie Felsen (22.9.1959 – 29.05.2015), Wanderer zwischen Israel und Deutschland

von Uri D.

Frankie Felsen lebt nicht mehr. Ich glaube es nicht. Und doch ist es wahr. Am 29. Mai ist er in einem Kölner Krankenhaus in Folge einer schweren Krankheit verstorben. Für mich war er ein ganz außergewöhnlicher Mensch. Frankie war wie nur Wenige ein Wanderer zwischen Israel und Deutschland. Voller Ambivalenz. Ironie. Selbstdistanz. Und Optimismus.

Frankie musste viel ertragen. Ich glaube mehr als ein Mensch erleben sollte. Aber ich bin mir sicher: Frankie hat dies sehr anders gesehen. Er war mit sich selbst zufrieden, mit seinen beengten Wohnverhältnissen, seinem geringen Einkommen. Frankie war ein wirklicher Mensch. Ein Luftmensch in bester jüdischer Tradition.

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Nun, wo ich nach seinem Dahingehen noch mehr über seine Kindheit und Jugend als jüdisches Kind in Deutschland erfahren habe, merke ich: Ich glaube ich habe „dies“ von Anfang an gespürt. Unsere Lebensverläufe waren sich sehr ähnlich, trotz aller scheinbaren Differenzen. Frankie betrachtete das Leben voller Ironie und Sanftmut. Mit seinen hellblauen Augen, seinem zerfurchten, hageren, wachen Gesicht, seiner hochkonzentrierten Aufmerksamkeit. Für mich war er seelisch ein Bruder. Sogar ein älterer Bruder.

Ich mochte ihn immer sehr, sein Lächeln, seine Ironie, vor allem sein außergewöhnliches Wissen. Über Israel. Über Deutschland. Und den Rest sowieso. Das Furchtbare und das Hoffnung Zulassende.

Frankie war schlank, präsent, ironisch, witzig, schlagfertig. Differenzen, Meinungsverschiedenheiten wich er nicht aus, wenn er dies für bedeutsam erachtete. Gelegentlich kam es bei historisch-politischen Themen zu heftigeren Auseinandersetzungen, er ließ dies zu, wenn er es für notwendig, für unvermeidlich hielt. Aber selbst in solchen Situationen wurde er sehr rasch wieder ruhig, ironisch, errichtete Brücken. Ich selbst, so möchte ich hinzufügen, hatte nie Differenzen mit ihm. Ich genoss seine Anwesenheit, seine Schnelligkeit, sein Wissen, seine Anteilnahme an Überlebensgeschichten.

Er war nicht stromlinienförmig, redete den Menschen nicht nach dem Mund. Vielleicht war das manchen zu unbequem. Und er verstand sehr viel von den Schwierigkeiten, als Israeli, als Jude in Deutschland zu leben. Zwischen beiden Ländern, beiden Traditionen, beiden Kulturen zu leben. Innerlich zutiefst zerrissen. Und innerlich vereint.

Frankie Felsen, 1959 geboren, war ein Kind der Shoah. Nicht im „herkömmlichen“ Sinne. Und doch war er zutiefst von der Shoah geprägt. Er wusste dies. Frankie war ein Kind der Second Generation der jüdischen Überlebenden. Und machte nicht viele Worte darum. Als Jude lebte er in Frankfurt am Main, in den Ferien war er als Jugendlicher in Israel. Dann, mit 17 oder 18, seine drei Jahre in der israelischen Armee, dann Studium in Tel Aviv, Sprachwissenschaften. Dort knüpft er Freundschaften, die bis heute angehalten haben. Tel Aviv, dann wieder München, Düsseldorf, Köln. Zwischendurch immer und immer wieder Tel Aviv, der Strand, die Lebenszugewandtheit, die Wärme, die Vertrautheit. Frankie war unentrinnbar zerrissen darüber, zerrissen bis zum Schluss.

Ich fliege morgen nach Köln“, meinte Frankie. Der Koffer ist schon gepackt. Dann verschiebt er den Flug. Und verschiebt ihn noch einmal. Irgendwann fliegt er doch, zurück nach Köln. Er wollte nicht – und „musste“ doch. Frankie ist unentrinnbar zerrissen, zerrissen bis zum Schluss.

Er starb ein Jahr nach David Gall, seinem langjährigen Freund, an der gleichen Krankheit. Nach Davids Tod war er verzweifelt. Barbara schickt mir Fotos: Frankie am Strand von Tel Aviv. Er schaufelt Sand in eine Tüte. Für das Grab seines Freundes David in München.

Frankie lebte in drei Sprachen – und in zahlreichen Dialekten. Sicher. Vertraut. Wie nur Wenige. Er war ein wirklicher Sprachkünstler, voller Anspielungen, Ironie. Die Sprache war sein Zuhause, sein unerschütterliches Universum. Frankie hat nie eine angemessene Stelle für seine vielfältigen Talente gefunden, auch nicht an einer Universität. Vermutlich war er zu bescheiden, zu zögerlich; vielleicht wollte er sich nicht an einen Ort binden, sich überhaupt binden. Vielen Menschen, die früh schwere Verluste erlebt haben, gehen so mit dem Leben um. Ein Misstrauen bleibt. Eine Kreativität und Freiheit erwächst hieraus. Vielleicht wollte sich Frankie auch nicht fest an einem Ort binden, durch eine feste Stelle. Vielleicht hatte er auch das Gefühl, dass ihm dies nicht zusteht.

F9 TA

Einen Teil seines Geldes verdiente Frankie mit Übersetzungen. Und er war ein bekannter Hebräischlehrer in Köln und Umgebung. Häufig traf er seine Schüler in einem zentral gelegenen Cafe. Eine Sprache lernen – dies war für Frankie vor allem eine Begegnung, eine Chance, ein seelisches Abenteuer.

Frankie konnte stundenlang, in wechselnden Dialekten, die unglaublichsten Geschehnisse und Erlebnisse erzählen. Er war ein genialer, lebensbejahender Unterhalter, der ganze Abende mit seinen Geschichten alleine zu füllen vermochte.

Ruth meint: Wenn Frankie diese kleine Erinnerung an ihn lesen könnte würde, er würde wohl mit ungläubiger Ironie und Bescheidenheit reagieren: „Frankie würde beschämt grinsen und in kölschem Tonfall sagen: `Och, isch binnet doch nur, hörma.´“

Sommer 2014. Es ist Krieg in Israel, mal wieder. Frankie war nie unkritisch, was die Entwicklung in Israel betrifft. „Ich bin eigentlich kein politischer Mensch, auf jeden Fall kein Politiker“, meinte er einmal. Ich glaube, in der Tiefe seiner Seele verstand er sich zeitlebens als israelischer Linker. Seine Partei war die linksliberale Meretz-Partei. Und zugleich konnte er bei innerisraelischen Positionen auch „rechte“ Positionen einnehmen. In Deutschland hingegen verstummte er zunehmend mehr, sprach über politische Dinge nur noch in privaten Kreisen. Das nicht-Wissen, der unterschwellige Antisemitismus, der regelrechte Hass auf Israel im Deutschland des Jahres 2014 erschreckte ihn. Er nahm ihn sehr bewusst wahr.

In Tel Aviv war er frei von diesen Belästigungen. Im Sommer 2014 wohnte Frankie gemeinsam mit Barbara in ihrer Wohnung in Tel Aviv. Sie kannte nur wenige Mitbewohner persönlich. Das Haus hat, wie die meisten Häuser in Tel Aviv, einen gutausgebauten Bunker. Der Iron Dome bewahrte sie vor dem Schlimmsten. Dennoch: Regelmäßig, beim Bombenalarm, mussten sie innerhalb von 90 Sekunden, teilweise im Schlafanzug, in ihren bombensicheren Schutzraum flüchten.

Frankie ist angstfrei – oder er gibt sich zumindest so. „Uns kann nichts passieren, lasst sie halt ihre blöden Raketen auf uns schießen“, signalisierte er Tzipi, Barbara und weiteren Freunden. Barbara schickte mir mehrere Fotos aus dem Bunker: Ich sehe einen gebückt stehenden schlanken, schlaksigen Frankie mit seinem Rucksack, zusammen mit vier jüngeren Frauen und Männern, manche sitzend und manche stehend, die meisten mit einem Handy in der Hand, und einen Hund. Frankie ist, wie immer, höchst kommunikativ – selbst in der Situation der massiven Bedrohung. Seine Beziehungsfähigkeit ist beeindruckend. Er quatscht mit allen Nachbarn, direkt, unkompliziert, lebendig, lockert die angespannte Situation auf. Seitdem kennen Tzipi und Barbara all ihre Nachbarn, Vertrautheit und Fröhlichkeit stellt sich zwischen ihnen ein. Diese wird auch durch die Raketenangriffe, den Terror der Hamas und weiterer extremistischer Gruppierungen aus dem Gazastreifen nicht zerstört.

Einige Wochen später kehrte Frankie wieder nach Köln zurück. Er war noch empfindsamer, verwundbarer, nachdenklicher geworden. Die durch den „Gaza-Krieg“ 2014 ausgelösten und verstärkten Traumatisierungen lassen sich nicht mehr verdrängen. Nun musste Frankie niemanden mehr schützen, der äußere Druck, die existentielle Bedrohung, fielen weg. Ruth und Burkhard, sehr liebe Freunde, boten ihm an, in ihrer sehr schön gelegenen, hellen Wohnung im „multikulturellen“ Kölner Eigelsteins zu wohnen. Das Licht, möglicherweise sogar der nahegelegene Rhein, lassen die Erinnerung an sein Tel Aviv lebendig bleiben.

April 2015: Ich treffe Frankie mehrmals bei einem Stammtisch bei einem gemeinsamen Freund, Olek. Im äußersten Süden von Köln. Ich glaube, dass Frankie im Kontakt mit seinem Jugendfreund Olek wieder an ihre zionistische Jugendzeit im Umfeld der Düsseldorfer und der Kölner jüdischen Gemeinde anknüpfte. Frankie war immer gut gelaunt, nahm lebhaft an den Diskussionen teil – sofern sie nicht zu kleinkariert waren. Bei unserem letzten Treffen erschrak ich. Ich hatte zuvor gehört, dass Frankie sehr krank sei. Von seiner Krankheit selbst hatte ich immer gewusst, Einzelheiten kannte ich nicht. Frankie sah sehr verändert aus, aschfahl, sein Gesicht war etwas eingefallen. Dennoch blieb er auch diesen Abend gutgelaunt. Gegen Ende des Abends, es war schon weit nach 23 Uhr, frage ich im Zweiergespräch direkt nach. Frankie wich nicht aus, berichtete von seinen geringen Lebensaussichten. Er versuchte, so rasch wie möglich noch nach Tel Aviv zu kommen, zu Freunden, die Ärzte sind, musste dafür aber noch einige Dinge klären. Wenn er es noch schaffe, könne er noch mit viel Glück 10 Jahre leben.

 

Barbara: „Wer wird mir mir…“

„Frankie, wer wird stundenlang mit mir sitzen und sich über Gott und die Welt unterhalten?

Wer wird morgens ungeduldig darauf warten, dass ich endlich aufwache?

Wer wird mit mir durch Tel Aviv spazieren und immer wieder Neues entdecken?

Wer wird abends mit mir telefonieren und alles erfahren wollen, was ich tagsüber erlebt habe?

Wer wird Jiddisch mit mir sprechen und mich „Schlejmalina“ nennen?

Wer wird den Shoah-Überlebenden mit so viel Liebe und Empathie begegnen?

Wer wird kiloweise Käse von Köln nach Tel Aviv schleppen für Weihnukka?

Wer wird uns so zum Lachen bringen, dass Yvonne fleht: „Frankie, hör auf, ich mache in die Hose!?“

            Burkhard, ein Freund aus Köln, schreibt wenige Tage nach Frankies Tod:

„Liebster Frankie!

Du hast das Leben so geliebt, das Dich oft so hart geprüft und am Ende so bitter verraten hat. Du wolltest 120 Jahre alt werden – am Ende hat es Dir nicht einmal die Hälfte geschenkt. Du hattest noch so viele Pläne, warst bis zum Schluss so voller Zuversicht. Du hinterlässt eine lange, tiefe Spur. Du weißt, als Atheist glaube ich nicht an ein Leben nach dem Tod – nie habe ich mir mehr gewünscht, dass ich irre und Du jetzt ein besseres Leben im Paradies hast.“

NPD in Syrien: Brauner Besuch beim Assad-Regime

[SCM]actwin,0,0,0,0;http://Chrome Legacy Window Syria News 6/6/2015 ~ - YouTube - Google Chrome chrome 15.06.2015 , 13:45:18

„Syrien wehrt sich – und es verdient unsere Unterstützung.“ So ist es auf der Seite des NPD-Politikers Udo Voigt zu lesen. Die braune Solidarität mit dem Assad-Regime drückte sich nun durch einen Besuch von Voigt und anderen europäischen Rechtsextremen in Damaskus aus.

Von Patrick Gensing

Der NPD-Europaabgeordnete Udo Voigt war nach eigenen Angaben vom 3. bis 7. Juni in Syrien unterwegs. Begleitet wurde der ehemalige NPD-Chef von einer illustren Reisegruppe, bestehend aus seinem Mitarbeitern Florian Stein sowie dem NPD-„Auslandsbeauftragten“ Jens Pühse und Vertretern der rechtsextremen Allianz für Frieden und Freiheit (Alliance for Peace and Freedom, APF).

Zu dieser „Informationsreise“ in den Libanon und Syrien hatte demnach die syrische Baath-Regierungspartei eingeladen. Im Rahmen der Reise sei „es zu zahlreichen offiziellen Gesprächen mit Regierungsvertretern, Ansprechpartnern der Syrischen Sozial-Nationalistischen Partei sowie Kirchenvertretern und Militärs“ gekommen, berichtet Voigt. Auch den syrischen Parlamentspräsidenten Jihad Al-Laham, Vize-Außenminister Faisal Mekdad und Informationsminister Omram al-Zoubi trafen die europäischen Rechtsextremen demnach. „Auf dem Programm stand auch der Besuch des Alazmeh-Militärkrankenhauses vor den Toren der Hauptstadt Damaskus, wo die Delegation mit Opfern des mittlerweile ins vierte Jahr gehenden syrischen Bürgerkrieges sprechen konnte.“ Den armen Menschen in Syrien bleibt auch wirklich nichts erspart.

Über den Besuch berichteten auch syrische Medien. So beispielsweise „Syria News Press“ in ihren TV-Nachrichten, in denen zu sehen ist, wie der Parlamentspräsident die rechtsextreme Delegation empfängt – darunter Voigt sowie Ex-BNP-Chef Nick Griffin und Robert Fiore von der FN.

Syrische Nachrichten berichten über den Empfang der "europäischen Delegation".
Syrische Nachrichten berichten über den Empfang der „europäischen Delegation“.

Vereint sind die Rechtsextremen mit dem Assad-Regime in ihrer antiwestlichen Propaganda. So sei man sich bei dem Besuch einig gewesen in der Beurteilung der aktuellen politischen Situation, „in der nach wie vor vom IS-Terror und westlichen, vor allem amerikanischen Destabilisierungsversuchen heimgesuchten Region“. Die syrische Seite habe dabei zahlreiche Dokumente übergeben, „die die Rolle der USA, Saudi-Arabiens und anderer Länder bei der Unterstützung des Terrors in Syrien belegen“. Am Mittwoch wollen die Rechtsextremen ihre Erkenntnisse dann bei einer Pressekonferenz im Brüsseler Europaparlament präsentieren. Kurzum: Man will die Arbeit des Assad-Regimes dort fortsetzen. Zudem wollen sich die Rechtsextremen im Europaparlament dafür einsetzen, die westlichen Sanktionen gegen Syrien aufzuheben.

Neben dem Feindbild USA können sich die syrischen Machthaber sowie ihre braunen Verbündeten als Vorkämpfer gegen den islamistischen Terrorismus inszenieren. Dieser werde, man ahnt es bereits, aber von den USA, Saudi-Arabien, Katar, Israel und der Türkei aus unterstützt. „Wenn morgen Syrien unter seinem Präsidenten Baschar al-Assad fällt“, verkündet Voigt, wüte der IS-Terror übermorgen in Europa.

Die braune Allianz lässt sich also gerne vor den Karren der Assad-Propaganda spannen – und die Machthaber in Damaskus dürften froh sein, eine europäische Delegation in den Medien als Besucher präsentieren zu können. Dass das Assad-Regime allerdings auf die Unterstützung von rechtsextremen Splittergruppierungen angewiesen ist, scheint dann doch eher ein Zeichen für eine verzweifelte Lage zu sein.

Das neue Utøya erwacht zu Leben

Das neue Utöya

Fast vier Jahre ist es her, dass der Rechtsterrorist Anders Breivik auf der norwegischen Insel Utøya 69 Menschen ermordete. Nun erwacht die Insel zu neuem Leben: In wenigen Tagen findet das erste Sommerlager seit dem Anschlag auf der Insel statt – mit einem Rekord, was die Teilnehmerzahl angeht. 

Von Patrick Gensing

„Lasst uns die Toten ehren – und uns über das Leben freuen!“ Mit diesen Worten versuchte der damalige Ministerpräsident Norwegens, Jens Stoltenberg, am ersten Jahrestag des Doppelanschlags vom 22. Juli 2011 den Blick wieder behutsam in die Zukunft zu richten.

Zum zweiten Jahrestag wurde die Insel für drei Tage für Angehörige der Opfer und Überlebende geöffnet, um ihrer geliebten Menschen zu gedenken, um das Erlebte zu verarbeiten.

Mittlerweile sind fast vier Jahre vergangen. Und in diesem Sommer findet das traditionelle Sommerferienlager der AUF, der Jugendorganisation der Arbeiterpartei, wieder auf Utøya statt. 800 bis 1000 Jugendliche werden dort laut norwegischen Medienberichten erwartet. Ein Rekord. Dies zeige, dass der Terror die Arbeit der AUF nicht stoppen könne, betont der 17-jährige Felix Volpe im norwegischen Rundfunk.

Seite für das "neue Utöya" http://www.utoya.no/
Seite für das „neue Utöya“ http://www.utoya.no/

Breivik wollte den Nachwuchs der Arbeiterpartei als Träger der Idee des Multikulturalismus auslöschen, doch nach dem Doppelanschlag traten Hunderte Jugendliche der Arbeiterjugend bei, die Zahl der Mitglieder wuchs deutlich.

Auf dem „Neuen Utøya“ stehen mittlerweile einige Neubauten, eine Gedenkstätte soll an die Opfer erinnern. Vier Jahre nach dem rechtsextremen Anschlag erwacht Utøya wieder zu neuem Leben.

Gefangener bedroht Breivik

Anders Breivik sitzt unterdessen in einem Hochsicherheitstrakt im norwegischen Provinz Telemark seine Haftstrafe ab. Wie norwegische Medien berichteten, wurde er nun von einem anderen Gefangenen bedroht: Ein Mann drang bis zu einer Tür zu Breiviks Zelle vor, hämmerte dagegen und drohte, den Terroristen umzubringen. Wie es zu dieser Sicherheitslücke kommen konnte, ist bislang unklar.

Lachen, quälen, männlich sein

Der Attentäter inszeniert sich als "Marxist Hunter".

“Hab dem meine Finger in die Nase gesteckt. Und gewürgt. War witzig.” – Auch in Hannover sind Flüchtlinge offenkundig misshandelt worden. Warum amüsieren sich Männer darüber, wenn sie aus einer Position der Macht Schwächere demütigen und quälen können?

Von Patrick Gensing

“Hab den weggeschlagen. Nen Afghanen. Mit Einreiseverbot. Hab dem meine Finger in die Nase gesteckt. Und gewürgt. War witzig. Und an den Fußfesseln durch die Wache geschliffen. Das war so schön.”

Mit diesen Worten soll ein Polizist laut NDR-Recherchen gegenüber einem Kollegen mit seinen “Heldentaten” geprahlt haben. Das 19-jährige Opfer war dem uniformierten Täter schutzlos ausgeliefert: Der Afghane war Bundespolizisten demnach wegen geringfügiger Verstöße aufgefallen. Unter anderem war er in einem Schnellimbiss im Hauptbahnhof ohne gültigen Pass angetroffen worden. Im Polizeigewahrsam hatte mindestens ein Polizist dann offenkundig freie Hand.

Besonders auffällig ist, wie der mutmaßliche Täter in der zitierten Whats-App-Nachricht seine Freude betont: Es sei “witzig” und “so schön” gewesen, das Opfer zu misshandeln. Zudem habe ein Bundespolizist in Anwesenheit von mehreren Kollegen einen anderen Beamten mit der Waffe bedroht und ihn zu sexuellen Handlungen aufgefordert. Wie ist so etwas zu erklären?

Von Macht und Männlichkeit

Der Polizist beschreibt die Misshandlungen bildlich, er brüstet sich damit – wenn auch nur gegenüber einem sehr begrenzten Empfängerkreis; aus naheliegenden Gründen, denn der Täter muss Sanktionen fürchten, sollten die Quälereien bekannt werden, so wie es jetzt geschehen ist. Sicherlich würde er sich gerne vor viel mehr – möglichst gleichgesinnten – Menschen mit den Misshandlungen rühmen. Und in wie vielen Fällen bleiben solche oder ähnliche Taten wohl  unbekannt?

Es gibt ähnliche Beispiele: Im September 2014 berichteten Medien über die Misshandlungen von Flüchtlingen in Burbach durch Wachpersonal. In einem Video war zu sehen, wie ein Wachmann einen Asylbewerber zwang, sich auf eine Matratze mit Erbrochenem zu legen. Außerdem entdeckten die Ermittler Handy-Fotos, auf denen Wachleute mit ihren Opfern posierten.

Das Lachen der Täter

Die Prahlerei mit brutalsten Gewalttaten ist ein Phänomen, mit dem sich Klaus Theweleit in seinem neuen Buch “Das Lachen der Täter: Breivik u.a.” beschäftigt. Er zeichnet ein Psychogramm der Tötungslust an den Beispielen von Anders Behring Breivik, dem NSU, Kämpfern des “Islamischen Staats”, Nazi-Schergen im Zweiten Weltkrieg, Hutus in Ruanda und an weiteren Tätern, die das Morden zelebrierten – und es offenbar genossen, dabei lachten.

Theweleit knüpft mit diesem stilistisch ziemlich eigenartigen Buch, dessen Gewaltbeschreibungen oft nur sehr schwer zu ertragen sind, an die “Männerphantasien” an. Ausführlich beschreibt er, wie von körperlicher Fragmentierung bedrohte junge Männer durch (sehr oft sexualisierte) Gewalt Unsicherheit und Selbsthass nach außen kehren. Theweleit beschreibt am Beispiel von Anders Breivik ausführlich das Wesen des soldatischen Mannes:

Der Körpertyp “soldatischer Mann”sei gekennzeichnet durch spezifische psychische Prozesse, die sich als massive Gewalteingriffe in die äußere Welt vollziehen. Diese Gewalteingriffe führten zu “einer momentanen körperlichen Erleichterung, die sich bevorzugt in exzessivem Gelächter Bahn bricht (S. 227).

Theweleit betont den Zusammenhang zwischen Adoleszenz und innerer Fragmentierung: Im Hinblick auf islamistische Konvertiten, die in den Dschihad ziehen, merkt er an, dass all diese doch ihre Pubertätsphasen durchliefen, mit denen eine Distanzierung vom eigenen Körper, der zur physischen Reife gelangt sei (S. 186). Daraus entstünden nicht selten auch Aggressionen gegen den eigenen Körper – was die relativ hohe Zahl von Selbsttötungen bei 13 bis 18-Jährigen erklärt.

“Verlierer” sind Viele

Der Autor weist den monokausalen Erklärungsansatz zurück, wonach beispielsweise die Attentäter von Paris einfach soziale “Verlierer” seien. Das seien viele, merkt Theweleit an – und verweist auf mögliche “psyhophysischen Turbulenzen spätpubertärer Adoleszenten”. Dieser Faktor werde bei der öffentlichen Debatte vollkommen vernachlässigt.

Der Autor meint, die Ideologie sei für den soldatischen von innerer Fragmentierung bedrohten jungen Mann letztlich zweitrangig: Die “Grundempfindung bei allen, nämlich dass die “störenden Fremdkörper” weg müssen”, sei zudem unabhängig von der tatsächlichen Existenzform der “Anderen” (S. 167) – was beispielsweise mit dem Antisemitismus oder auch der Muslimfeindlichkeit in Dresden korrespondiert.

Gemeinsam seien vielen Tätern ähnliche körperliche Affektzustände. Die jeweilige “Ideologie”, die sie zur Mord-Begründung anführten, teilten ja immer viele auf der Welt, betont Theweleit – dennoch würden sie nicht notwendig selber als Mörder “tätig”.

Breivik – der Freikorpsmann

Anders Berivik wurde als Mörder tätig. Er sah sich selbst – obwohl er ein Einzeltäter war – als Teil einer internationalen Armee, eines Ritterordens. Auch seine Briefe an Beate Zschäpe dokumentieren, wie zwanghaft er versucht, die Vorstellung einer internationalen rechtsterroristischen Bewegung, der er dienen kann, zu bewahren. Theweleit verweist darauf, dass weite Teile von Breiviks Copy-and-paste-Manifest den Äußerungen jener deutschen Freikorpsleute ähnelten, die er in den “Männerphantasien” unter der Bezeichnung soldatischer Mann untersucht habe. (S. 104).

Breivik inszenierte sich im Netz als Soldat.

Breivik inszenierte sich im Netz als Soldat.

Der soldatische Mann (zugespitzt “der Faschist”) sei das, was er sich unter einem richtigen Mann vorstelle: Er gucke nicht zu, sondern sei aktiv. “Er richtet die Welt zu; so wie sie nach seinen Vorstellungen zugerichtet gehört.” (S. 106). Dies seien Vorstellungen, die direkt aus seiner Körperlichkeit kämen, meint Theweleit. (S. 107). Der Autor schreibt in diesem Kontext von ideologischen Blöcken, die zu vernichtenden Handlungen aufrufen. Diese seien prinzipiell austauschbar. Nicht austauschbar sei hingegen der anti-weibliche Komplex – den Breivik beispielsweise unter dem Stichwort “kulturmarxistischen Feminismus” zusammenfasst – von dem er sich ganz persönlich bedroht fühlt.

Damit verbinde Breivik ideologisch viel mit seinem Feindbild “konservativer Muslim”, meint Theweleit: Der Norweger sei strukturell patriarchalischer Muslim wie auch norwegisch-christlicher Antisemit wie auch germanisch-sektiererischer SS-Mann (S. 108).

Ähnlichkeiten beachten

Theweleit zitiert in seinem Buch ausführlich aus Zeitungsartikeln und Essays; im Zusammenhang mit jungen Dschihadisten kommt der BerlinerPsychologe Ahmad Mansour zu Wort, der eine wichtige Feststellung traf:

Ihre Gefährlichkeit verdanken die radikalen Strömungen nicht so sehr der Differenz zum “normalen” Islam als vielmehr der Ähnlichkeit. Bereits muslimischen Kindern wird von “unreinen Frauen” und “sündhaften Ungläubigen” erzählt, den Jugendlichen sind dann solche Begriffe vollkommen vertraut. Sie werden meist in einem Klima von Kontrolle, Angst und Strafe erzogen. Ihr “Respekt” soll dem Clan, dem Kollektiv und den Autoritäten gelten. Fundamentalisten verstehen sich als purifizierende Verstärker solchen Denkens. Darin liegt ein Grund für die Anfälligkeit von Jugendlichen für die Argumentation der radikalen Islamisten. Wenn ich als Jugendlicher diese Radikalität annehme und praktiziere, zeige ich, in einem Gestus der pubertären Überlegenheit, der eigenen Gruppe, dass ich “der bessere Muslim” bin – ich überführe die eigene Gruppe der Heuchelei. So lässt sich indirekt Aggression gegen die Eltern, die Familie ausagieren, ohne dass man den mutigen Schritt tun müsste, deren antiquierte Denkweisen kritisch zu sehen.

Ähnliches lässt sich bei deutschen Faschisten – egal welcher Couleur feststellen: Ihre Feindbilder teilen sie mit beträchtlichen Teilen der Mehrheitsgesellschaft; sie unterscheiden sich hingegen vor allem durch ihre Radikalität vom biodeutschen Mainstream, der seinen Nachwuchs nicht auf Schulen schicken möchte, auf denen zu viele “Kinder mit Migrationshintergrund” gingen – womit die Kinder gemeint sind, die von Nazis offen als “Kanacken” bezeichnet werden.

Der soldatische Mann erträgt keine Vielfalt, sein von “Schmutz und Fragmentierungsängsten bedrohter Körper” halte äußeres “Gewimmel” nicht aus, meint Theweleit (S. 169). Er werde gewalttätig, es seien Akte der eigenen zwanghaften körperlichen Stabilisierung.

“Quäl- und Spaßfaktor”

Sind solche Fälle wie in Burbach oder nun in Hannover also Zufall? Theweleit thematisiert auch die Vorgänge in Burbach – und zitiert ausführlich aus der taz und der SZ. Die taz plädierte dafür, dass der Staat Sicherheitsleistungen nicht outsourcen dürfe, das Gewaltmonopol liege “aus guten Gründen beim Rechtsstaat, nicht bei einem tätowierten Knüppelkommando”. Wobei, so merkt Theweleit an, es nicht sicher sei, dass der “Quäl- und Spaßfaktor” bei regulär ausgebildeten, besseren Wachleuten wirklich geringer ausfiele (S. 76).

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Theweleit wendet sich entschieden dagegen, die Killer nicht als ganz normale Männer anzusehen. “Das Morden und Massenmorden gehört zum ‘ganz normalen’ Mann-Typs dazu – immer dort, wo die Schleusen geöffnet sind.” Dieser Männer-Typ sei zu einem großen Teil deckungsgleich mit den ganz normalen Arschlöchern, die man im Alltag beobachten könne (S. 225). Es gebe Typen, die sich am Killen beteiligten – und wenn es erlaubt oder vorgeschrieben sei “mit besonderem Vergnügen” (S. 226).

Zu Objekten degradiert

Bei Flüchtlingen wurden die oben erwähnten Schleusen ein Stück weit geöffnet, aber ganz anders, als es in den elendigen “Das Boot ist voll”-Bildern transportiert wird: Vielmehr werden diese Menschen entrechtet und öffentlich bestenfalls als bemitleidenswerte Opfer und schlechtestenfalls als “Sozialschmarotzer” abgestempelt. Sie haben kaum Möglichkeiten, als Individuen zu agieren, können maximal als Gruppe reagieren. Kämpfen sie für ihre Rechte, kocht der Volkszorn nur umso höher.

Dass sich ein mutmaßlich soldatischer Mann, wie er im Sicherheitsdienst – ob nun privat oder öffentlich – durchaus anzutreffen sein dürfte, genau diese Opfer sucht, ist sicherlich alles andere als ein Zufall. Dass er nicht zum Killer geworden ist, liegt lediglich daran, dass die Schleusen nicht ganz geöffnet sind.

Klaus Theweleit, “Das Lachen der Täter, Breivik u.a.”, Residenz Verlag 2015, erschienen in der Reihe “Unruhe bewahren”.