Antisemitismus nach Auschwitz: Aufstand gegen die Moderne

Legitime Israel-Kritik? Rechte "Antizionisten" in Aktion (Foto Marek Peters)

Mit der Niederlage Deutschlands im 2. Weltkrieg endete zwar die Shoa, aber nicht der Antisemitismus. Dieser hat sich abseits der extremen Rechten seit 1945 langsam in der Form gewandelt, blieb in seinem Kern aber immer das, was er seit seinem Entstehen schon immer war: Ein Aufstand gegen die Probleme der Moderne. Und ein Mordanschlag auf Juden. 

Von Andreas Strippel

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Tel Aviv für Jedermann

Tel Aviv gehört, abseits der politischen Diskussionen, zu den interessantesten Städten der Welt. Wer sich ein Bild von Israel machen möchte, sollte Tel Aviv einmal zumindest für einige Tage besucht haben. 1909 von 66 Familien gegründeten, gehört Tel Aviv heute zu den quirligsten und widerspruchsreichsten Städten der Welt. Ein Reiseführer stellt nun 111 spannende Orte der Stadt vor.

von Roland Kaufhold

Livnat TEl AvivAndrea Livnat, promovierte Historikerin und Redakteurin des deutsch-jüdischen Internetmagazins haGalil.com, lebt seit 13 Jahren in Tel Aviv – „und ist fast jeden Tag froh darüber, dass ihre Kinder hier aufwachsen“ (S. 236). Nun hat sie, gemeinsam mit der Fotografin Angelika Baumgartner, einen großzügig bebilderten Städteführer vorgelegt, in dem sie – von A (Abu-Nabut-Brunnen) bis Z (Der Zionismus-Boulevard) – 111 außergewöhnliche Orte Tel Avivs vorstellt. Historische, kulturelle, architektonische, musikalische und alltägliche Orte und Ereignisse aus Tel Aviv werden auf vergnügliche und leicht lesbare Weise portraitiert. Jeder dieser Orte wird Weiterlesen

Bundesverdienstkreuz für Beate und Serge Klarsfeld

Beate_Klarsfeld_(2012)

Beate und Serge Klarsfeld werden heute in Berlin mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Publikative.org hat in den vergangenen Jahren immer wieder über das Wirken des Ehepaars, das in Paris lebt, berichtet. Ein Überblick.

50 Rosen für Beate Klarsfeld – und nun das Bundesverdienstkreuz

Ihre Verdienste beim Aufspüren von Nazi-Verbrechern  und vor allem Beate Klarsfelds Ohrfeige für Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger machten sie in Deutschland berühmt. Eine späte Anerkennung für ein in Deutschland so bekanntes wie kritisiertes Paar.

Beate_Klarsfeld_(2012)

Abteilung Dreamteam: Broder und Pirker gegen Klarsfeld

Im Jahr 2012 hatte Die Linke Beate Klarsfeld als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten nominiert. Eine Entscheidung, die Mut gemacht hatte, immerhin steht Klarsfeld deutlich für eine Solidarität mit Israel – und nicht für linksdogmatischen und obsessiven „Antizionismus“. Die Nominierung Klarsfelds stieß auf viel Kritik, wurde beispielsweise übereinstimmend von Werner Pirker und Henryk M. Broder abgelehnt. Auch wenn sich die Motive unterscheiden, ihre Respektlosigkeit einte sie.

Klarsfeld: „Mein Thema ist Antifaschismus“

Klarsfeld selbst betonte deutlich, wofür sie stehe: „Man nominiert hier eine Deutsche“, sagte sie der Jüdischen Allgemeinen, „deren Lebenswerk immer von drei Punkten geprägt war: zu verhindern, dass Nazis in einflussreichen Stellungen sind, NS-Verbrecher in Deutschland und im Ausland aufzudecken und zu bestrafen. Und dann vor allem auch die Solidarität mit Israel.“

„Ich erinnere mich an diesen Deutschen ganz genau“ – Erinnerungen an den Lischka-Prozess

Beate und Serge Klarsfeld hatten bei ihrer Suche nach den Verantwortlichen für die Verfolgung von Juden in Frankreich die NS-Täter Kurt Lischka, Herbert M. Hagen und Ernst Heinrichsohn aufgespürt. Obwohl in Frankreich von Strafverfolgung bedroht, lebten sie in Deutschland als angesehene Bürger, unbehelligt von der deutschen Justiz. Der Lischka-Prozess war einer der wichtigsten Nachkriegsprozesse gegen NS-Täter. Kurt Lischka war an der Deportation und Ermordung von über 70.000 französischen Juden beteiligt.

Beate Klarsfeld at Beyrouth, Lebanon, 1986
Beate Klarsfeld at Beyrouth, Lebanon, 1986

„Zug der Erinnerung“

Die Klarsfelds hatten sich für die Ausstellung über deportierte jüdische Kinder eingesetzt, die an deutschen Bahnhöfen gezeigt werden sollte. Im Interview sagte sie 2007: „Die Ausstellung 11.000 jüdische Kinder aus Frankreich wurde von unserer Organisation „Die Söhne und Töchter der deportierten Juden aus Frankreich“ organisiert. Sie wurde zum 60. Jahrestag des Beginns der Deportationen der Juden aus Frankreich im März 1942 in 18 großen französischen Reisebahnhöfen gezeigt. Dies geschah mit voller Hilfe der französischen Bahn SNCF.“

Die Deutsche Bahn sperrte sich gegen die Ausstellung. Klarsfeld kritisierte im Interview mit tagesschau.de, dem damaligen Bahn-Chef Mehdorn fehle das Gefühl für Verantwortung. In Frankreich sei das Zeigen der Ausstellung kein Problem gewesen, so Klarsfeld, die Staatsbahn SNCF habe sich sehr kooperativ verhalten. Dort seien 18 große Reisebahnhöfe genutzt worden, um „die Kinder in die Wirklichkeit zurückzuholen. Die Reisenden sehen in der Ausstellung die Kinder vor der Deportation – lächelnde Kinder. Und sie lesen den Text, wann die Kinder deportiert und von ihren Eltern getrennt wurden. Denn Kinder wurden sofort vergast. Dann nehmen die Reisenden ihren Zug und denken: Vor 60 Jahren wurden auf diesen Strecken diese Kinder nach Auschwitz deportiert.“ Somit werde eine viel bedeutendere Beziehung zu den Ereignissen geschaffen, als wenn Menschen in ein Museum gingen.

Fotos aus der Ausstellung 11.000 Kinder.

Ohne Begründung abgelehnt

Übrigens war Klarsfeld bereits zweimal für eine Auszeichung mit dem Bundesverdienstkreuz ins Gespräch gebracht worden. Dies lehnte der damalige Außenminister Westerwelle im Jahr 2010 aber ab. Klarsfeld sagte damals der „Frankfurter Rundschau“ auf die Frage, warum sie in Deutschland keine Anerkennung erhalte: „Das weiß ich nicht. Unter Joschka Fischer wurde ich einmal für das Verdienstkreuz vorgeschlagen. Da hieß es nur, ich gehöre nicht in die Kategorie derer, die diese Auszeichnung verdienen würden.“ Klarsfeld fügte gegenüber der FR hinzu: „Im vergangenen Jahr wurde ich dann noch einmal von Gregor Gysi vorgeschlagen – und nun von Guido Westerwelle wieder abgelehnt.“ Dem Bericht zufolge gab der Außenminister keine Gründe für seine Entscheidung an.

Alle Artikel zu Beate Klarsfeld auf publikative.org, Interview mit Beate Klarsfeld bei tagesschau.de

„Das Land der starken Frauen“

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Israel ist das Land der „starken Frauen“. Soldatinnen gehören dort zum allgemeinen Straßenbild. Besonders am Vorabend des Sabbats sind Bahnhöfe und Bushaltestellen überfüllt mit jungen Soldatinnen und Soldaten, die für das Wochenende in ihre Heimatstädte fahren. Die generelle Militärpräsenz, v.a. aber Soldatinnen, die bspw. über den Basar der Altstadt von Jerusalem schlendern, finden bei Besuchern besondere Beachtung – gilt doch kaum ein Berufsfeld als eine solch große „Männerdomäne“ wie das Militär.

von Johannes Sosada, mit freundlicher Genehmigung des Göttinger Institutes für Demokratieforschung

Die Ursachen für dieses in Israel alltägliche Straßenbild reichen bis vor die Staatsgründung 1948 zurück. Männer wie Frauen kämpften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gemeinsam in den paramilitärischen Verbänden wie etwa der Hagana oder dem Palmach. In den Kibbuzim, den ländlichen Kollektivsiedlungen, wurde zusammen gearbeitet. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dienten während der verschiedenen israelisch-arabischen Kriege nicht nur Männer, sondern auch Frauen in der Armee.

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Jerusalem, Foto: Johannes Sosada

Mit der Staatsgründung 1948 wurde in Israel offiziell die allgemeine Wehrpflicht für Männer und Frauen eingeführt. Neben Eritrea und Nordkorea ist Israel damit eines der wenigen Länder, in denen Frauen zum Wehrdienst verpflichtet sind. Männer müssen dort heute 36 Monate, Frauen 21 Monate Wehrdienst leisten. Den Dienst an der Waffe zu umgehen oder überhaupt nicht anzutreten, ist nahezu unmöglich und gilt als verpönt. Wehrdienstverweigerung ist verhältnismäßig selten, auch wenn die Zahlen in jüngster Zeit ansteigen.[1] Befreit von der Wehrpflicht sind lediglich arabische Israelis, Christen sowie nichtjüdische, schwangere oder verheiratete Frauen. Für Schlagzeilen sorgte jüngst die Debatte, inwiefern auch Ultraorthodoxe ihren Wehrdienst anzutreten haben.[2]

Das Militär hat sich in der israelischen Gesellschaft zu einer Institution mit einem besonderen Stellenwert entwickelt: Egal, ob Befürworter oder Gegner: Die allgemeine Wehrpflicht für Männer und Frauen ist in Israel identitätsstiftend. Über die Grenzen von Geschlecht, sozialer Herkunft und auch Generation hinaus ist das Militär ein verbindendes Element.[3] Die Tzahal (hebräische Bezeichnung für die israelischen Streitkräfte) ist einer der größten Arbeitgeber und genießt als „Verteidigungsarmee des Landes“ hohes Ansehen. Soldatinnen und Soldaten werden gesellschaftlich besonders unterstützt: Man bietet ihnen in den Bussen Sitzplätze an, lässt sie an Warteschlangen vor und steckt ihnen, häufig ungefragt, Zigaretten oder Süßigkeiten zu. Auch nach der Wehrdienstzeit verbleibt ein Großteil der Eingezogenen in der jeweiligen Reserveeinheit. In Bewerbungsgesprächen wird oft gefragt, in welcher Region oder bei welcher Einheit der Wehrdienst abgeleistet worden ist. Auch bei der Rekrutierung der politischen Eliten hat das Militär eine besondere Stellung. Viele israelische Spitzenpolitiker kennen sich aus ihrer Zeit bei der Armee – einer politischen Spitzenposition geht oft eine militärische Karriere voraus; nicht zuletzt, weil die in der Militärdienstzeit erworbenen Attribute wie Führungsfähigkeit und Stärke auch in der Öffentlichkeit gut ankommen.

Bedenkt man, dass sich die meisten europäischen Länder inzwischen von einem allgemein verpflichtenden Wehrdienst verabschiedet haben, dieser in Israel jedoch kaum bis gar nicht zur Disposition steht, so sticht das Land in dieser Besonderheit zwar hervor – nimmt aber auch einen Trend vorweg: die Frau an der Waffe. Mittlerweile dienen auch in fast allen anderen europäischen Streitkräften Frauen. Indes: Neben Österreich und Dänemark halten bisher nur noch Estland, Finnland, Griechenland und Zypern an der Wehrpflicht fest. In all diesen sechs Ländern gilt die Wehrpflicht jedoch nur für Männer, Frauen sind nach wie vor ausgenommen.

Das Militär ist nun nicht der klassische und erste Ort, um den sich die Kämpfe um Gleichberechtigung im 20. Jahrhundert drehten. Nichtsdestotrotz bleibt festzustellen: Die Zwangslage einer permanenten militärischen Bedrohung bildete in Israel die argumentative Grundlage, mit dieser Konvention patriarchaler Ordnung früher zu brechen als anderswo. Gerade weil es sich hier um das Militär handelt, mag es manchem schwer fallen, in dem Wort „Gleichberechtigung“ mehr als einen Euphemismus zu sehen. In Israel jedoch steht die Wehrpflicht für Frauen nicht nur nicht zur Disposition, sondern wird gleichzeitig als „nur gerecht“ wahrgenommen.

Momentan machen Frauen in den IDF (Israeli Defense Forces) einen Anteil von 42 Prozent aus.[4] Doch bedeutet dies auch, dass Frauen an Entscheidungsprozessen gleichberechtigt beteiligt sind? Inwieweit deutet diese paritätischere Verteilung der Geschlechter in einer macht- und herrschaftsstiftenden Institution auf eine andere Machtverteilung in der israelischen Gesellschaft hin?

Soldaten in der Innenstadt von Jerusalem, Foto: Felix M. Steiner
Soldaten in der Innenstadt von Jerusalem, Foto: Felix M. Steiner

Zunächst ist die reelle Organisationsstruktur der Armee zu berücksichtigen: Hier stellt sich die Frage, inwiefern Frauen im Militär wirklich sämtliche Positionen offenstehen. So wurde erst 2011 die erste Frau in den Rang einer Generalin erhoben.[5] Frauen in tatsächlichen Kampfhandlungen nehmen zwar zu, sind aber noch die Ausnahme: Ein Großteil der Soldatinnen, besonders die Wehrdienstleistenden, wird nach wie vor im Stabsdienst, also im Wesentlichen zur Büroarbeit eingesetzt.

Der amerikanische Politologe Gregory Mahler beschreibt die Armee als „regulären Rekrutierungskanal für die israelischen politischen Eliten“[6]. Grund hierfür sei die sicherheitspolitische Lage, die eine vorrangige Prämisse in der israelischen Politik darstelle. Auch Uta Klein spricht vom Militär als „starke[r] Ressource“[7], um später ein politisches Spitzenamt erlangen zu können. Militärische Karriere und politischer Erfolg seien in gewisser Weise aneinander gekoppelt. Indem Frauen einen großen Teil der Armee ausmachen, so könnte man vermuten, dass ihnen so auch bessere Chancen für eine politische Karriere offenstehen.

Trifft dies für Frauen in Israel tatsächlich zu? Nach der Parlamentswahl im März dieses Jahres ist der Frauenanteil bei den Abgeordneten im israelischen Parlament, der Knesset, so hoch wie noch nie zuvor. Das bedeutet konkret, dass von den 120 Abgeordneten derzeit lediglich 29 weiblich sind – ein Anteil von 24 Prozent.[8] Dieser Wert liegt sogar um einiges hinter dem prozentualen Anteil von Frauen in anderen europäischen Parlamenten. Im Bundestag bspw. liegt der Frauenanteil bei 36 Prozent.[9] Was die Volksvertretung anbelangt, hat die binäre Wehrpflicht in Israel also offenbar keinen paritätssteigernden Effekt.

Damit eng verbunden ist die Frage nach dem Frauenbild in der israelischen Gesellschaft insgesamt. Der Facettenreichtum dieses Themas hängt eng zusammen mit der Heterogenität der israelischen Gesellschaft, deren unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und verwurzelten Traditionen der verschiedenen nicht nur jüdischen Gruppen, die das gesellschaftliche Leben in Israel prägen. Hierbei stehen progressive Kräfte, die Gleichberechtigung und Emanzipation einfordern, konservativen, oft religiös motivierten Gruppen gegenüber. So gibt es von Seiten letztgenannter etwa Bestrebungen, die Gleichbehandlung von Frauen sogar weiter einzuschränken. Beispielsweise fordern Teile der orthodoxen jüdischen Kreise die Einführung von Buslinien, in denen Frauen aus religiösen Gründen hinten sitzen sollen.

Das Militär als Kaderschmiede israelischer Eliten ist also seit nunmehr fast siebzig Jahren in der Hand beider Geschlechter. Doch außer dieser Besonderheit scheint damit, hier etwa am Beispiel der politischen Vertretung gezeigt, im Vergleich mit anderen westlichen Ländern kein Machtvorteil israelischer Frauen verbunden zu sein. Über die konkreten Ursachen dessen kann indes nur spekuliert werden. Eine Möglichkeit könnten dabei die genannten Organisationsstrukturen des Militärs oder aber habituelle und gesellschaftliche Normen sein. Das Beispiel Israel zeigt jedoch: Auch wenn die Pflicht zur Waffe für beide Geschlechter gilt, geht damit offenbar nicht automatisch auch das Recht zur Macht einher.


 

[1] Siehe hierzu ausführlich: Senfft, Alexandra: Das Schweigen brechen. Der israelische Staat und seine Wehrdienstverweigerer, in: KAS Auslandsinformationen, H. 3/05, S. 19 ff.

[2] O.V.: Israel beschließt Wehrpflicht für Orthodoxe, 12.03.2014, in: Süddeutsche.de, URL: http://www.sueddeutsche.de/politik/jerusalem-israel-beschliesst-wehrpflicht-fuer-orthodoxe-1.1910237 [eingesehen am 12.07.2015].

[3] Zur Rolle und Zusammensetzung der israelischen Armee siehe ausführlich: Klein, Uta: Militär und Geschlecht in Israel, Frankfurt am Main 2001, S. 122 ff.

[4] Zum Vergleich: In Deutschland dienen unter den knapp 180.000 Soldaten der Bundeswehr 19.000 Frauen, was nur einem Anteil von circa 9,5 Prozent entspricht. Blog der israelischen Armee, URL: https://www.idfblog.com/blog/2014/03/07/international-womens-day-facts-need-know-women-idf/ [eingesehen am 12.07.2015].

[5] Landsmann, Charles: „Frauen müssen auf allen Bühnen singen dürfen“, Portrait Orna Barbivai, URL: http://www.tagesspiegel.de/meinung/portraet-orna-barbivai-israelischegeneralin-frauen-muessen-auf-allen-buehnen-singen-duerfen/5960558.html [eingesehen am 12.07.2015].

[6] Mahler, Gregory: Politics and Government in Israel. The Maturation of a Modern State, Plymouth 2011, S. 201 ff.

[7] Ebd., S. 145 ff.

[8] Die verschiedenen Parlamentsabgeordneten lassen sich auf der Seite der Knesset einsehen, URL: http://www.knesset.gov.il/mk/eng/mkindex_current_eng.asp?view=3 [eingesehen am 12.07.2015].

[9] Aktuelle Angaben des Bundestages (Stand Dezember 2014), URL: https://www.bundestag.de/bundestag/abgeordnete18/mdb_zahlen/frauen_maenner/260128 [eingesehen am 12.07.2015].

Shalom Frankie, adieu Frankie…

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Eine Erinnerung an Frankie Felsen (22.9.1959 – 29.05.2015), Wanderer zwischen Israel und Deutschland

von Uri D.

Frankie Felsen lebt nicht mehr. Ich glaube es nicht. Und doch ist es wahr. Am 29. Mai ist er in einem Kölner Krankenhaus in Folge einer schweren Krankheit verstorben. Für mich war er ein ganz außergewöhnlicher Mensch. Frankie war wie nur Wenige ein Wanderer zwischen Israel und Deutschland. Voller Ambivalenz. Ironie. Selbstdistanz. Und Optimismus.

Frankie musste viel ertragen. Ich glaube mehr als ein Mensch erleben sollte. Aber ich bin mir sicher: Frankie hat dies sehr anders gesehen. Er war mit sich selbst zufrieden, mit seinen beengten Wohnverhältnissen, seinem geringen Einkommen. Frankie war ein wirklicher Mensch. Ein Luftmensch in bester jüdischer Tradition.

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Nun, wo ich nach seinem Dahingehen noch mehr über seine Kindheit und Jugend als jüdisches Kind in Deutschland erfahren habe, merke ich: Ich glaube ich habe „dies“ von Anfang an gespürt. Unsere Lebensverläufe waren sich sehr ähnlich, trotz aller scheinbaren Differenzen. Frankie betrachtete das Leben voller Ironie und Sanftmut. Mit seinen hellblauen Augen, seinem zerfurchten, hageren, wachen Gesicht, seiner hochkonzentrierten Aufmerksamkeit. Für mich war er seelisch ein Bruder. Sogar ein älterer Bruder.

Ich mochte ihn immer sehr, sein Lächeln, seine Ironie, vor allem sein außergewöhnliches Wissen. Über Israel. Über Deutschland. Und den Rest sowieso. Das Furchtbare und das Hoffnung Zulassende.

Frankie war schlank, präsent, ironisch, witzig, schlagfertig. Differenzen, Meinungsverschiedenheiten wich er nicht aus, wenn er dies für bedeutsam erachtete. Gelegentlich kam es bei historisch-politischen Themen zu heftigeren Auseinandersetzungen, er ließ dies zu, wenn er es für notwendig, für unvermeidlich hielt. Aber selbst in solchen Situationen wurde er sehr rasch wieder ruhig, ironisch, errichtete Brücken. Ich selbst, so möchte ich hinzufügen, hatte nie Differenzen mit ihm. Ich genoss seine Anwesenheit, seine Schnelligkeit, sein Wissen, seine Anteilnahme an Überlebensgeschichten.

Er war nicht stromlinienförmig, redete den Menschen nicht nach dem Mund. Vielleicht war das manchen zu unbequem. Und er verstand sehr viel von den Schwierigkeiten, als Israeli, als Jude in Deutschland zu leben. Zwischen beiden Ländern, beiden Traditionen, beiden Kulturen zu leben. Innerlich zutiefst zerrissen. Und innerlich vereint.

Frankie Felsen, 1959 geboren, war ein Kind der Shoah. Nicht im „herkömmlichen“ Sinne. Und doch war er zutiefst von der Shoah geprägt. Er wusste dies. Frankie war ein Kind der Second Generation der jüdischen Überlebenden. Und machte nicht viele Worte darum. Als Jude lebte er in Frankfurt am Main, in den Ferien war er als Jugendlicher in Israel. Dann, mit 17 oder 18, seine drei Jahre in der israelischen Armee, dann Studium in Tel Aviv, Sprachwissenschaften. Dort knüpft er Freundschaften, die bis heute angehalten haben. Tel Aviv, dann wieder München, Düsseldorf, Köln. Zwischendurch immer und immer wieder Tel Aviv, der Strand, die Lebenszugewandtheit, die Wärme, die Vertrautheit. Frankie war unentrinnbar zerrissen darüber, zerrissen bis zum Schluss.

Ich fliege morgen nach Köln“, meinte Frankie. Der Koffer ist schon gepackt. Dann verschiebt er den Flug. Und verschiebt ihn noch einmal. Irgendwann fliegt er doch, zurück nach Köln. Er wollte nicht – und „musste“ doch. Frankie ist unentrinnbar zerrissen, zerrissen bis zum Schluss.

Er starb ein Jahr nach David Gall, seinem langjährigen Freund, an der gleichen Krankheit. Nach Davids Tod war er verzweifelt. Barbara schickt mir Fotos: Frankie am Strand von Tel Aviv. Er schaufelt Sand in eine Tüte. Für das Grab seines Freundes David in München.

Frankie lebte in drei Sprachen – und in zahlreichen Dialekten. Sicher. Vertraut. Wie nur Wenige. Er war ein wirklicher Sprachkünstler, voller Anspielungen, Ironie. Die Sprache war sein Zuhause, sein unerschütterliches Universum. Frankie hat nie eine angemessene Stelle für seine vielfältigen Talente gefunden, auch nicht an einer Universität. Vermutlich war er zu bescheiden, zu zögerlich; vielleicht wollte er sich nicht an einen Ort binden, sich überhaupt binden. Vielen Menschen, die früh schwere Verluste erlebt haben, gehen so mit dem Leben um. Ein Misstrauen bleibt. Eine Kreativität und Freiheit erwächst hieraus. Vielleicht wollte sich Frankie auch nicht fest an einem Ort binden, durch eine feste Stelle. Vielleicht hatte er auch das Gefühl, dass ihm dies nicht zusteht.

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Einen Teil seines Geldes verdiente Frankie mit Übersetzungen. Und er war ein bekannter Hebräischlehrer in Köln und Umgebung. Häufig traf er seine Schüler in einem zentral gelegenen Cafe. Eine Sprache lernen – dies war für Frankie vor allem eine Begegnung, eine Chance, ein seelisches Abenteuer.

Frankie konnte stundenlang, in wechselnden Dialekten, die unglaublichsten Geschehnisse und Erlebnisse erzählen. Er war ein genialer, lebensbejahender Unterhalter, der ganze Abende mit seinen Geschichten alleine zu füllen vermochte.

Ruth meint: Wenn Frankie diese kleine Erinnerung an ihn lesen könnte würde, er würde wohl mit ungläubiger Ironie und Bescheidenheit reagieren: „Frankie würde beschämt grinsen und in kölschem Tonfall sagen: `Och, isch binnet doch nur, hörma.´“

Sommer 2014. Es ist Krieg in Israel, mal wieder. Frankie war nie unkritisch, was die Entwicklung in Israel betrifft. „Ich bin eigentlich kein politischer Mensch, auf jeden Fall kein Politiker“, meinte er einmal. Ich glaube, in der Tiefe seiner Seele verstand er sich zeitlebens als israelischer Linker. Seine Partei war die linksliberale Meretz-Partei. Und zugleich konnte er bei innerisraelischen Positionen auch „rechte“ Positionen einnehmen. In Deutschland hingegen verstummte er zunehmend mehr, sprach über politische Dinge nur noch in privaten Kreisen. Das nicht-Wissen, der unterschwellige Antisemitismus, der regelrechte Hass auf Israel im Deutschland des Jahres 2014 erschreckte ihn. Er nahm ihn sehr bewusst wahr.

In Tel Aviv war er frei von diesen Belästigungen. Im Sommer 2014 wohnte Frankie gemeinsam mit Barbara in ihrer Wohnung in Tel Aviv. Sie kannte nur wenige Mitbewohner persönlich. Das Haus hat, wie die meisten Häuser in Tel Aviv, einen gutausgebauten Bunker. Der Iron Dome bewahrte sie vor dem Schlimmsten. Dennoch: Regelmäßig, beim Bombenalarm, mussten sie innerhalb von 90 Sekunden, teilweise im Schlafanzug, in ihren bombensicheren Schutzraum flüchten.

Frankie ist angstfrei – oder er gibt sich zumindest so. „Uns kann nichts passieren, lasst sie halt ihre blöden Raketen auf uns schießen“, signalisierte er Tzipi, Barbara und weiteren Freunden. Barbara schickte mir mehrere Fotos aus dem Bunker: Ich sehe einen gebückt stehenden schlanken, schlaksigen Frankie mit seinem Rucksack, zusammen mit vier jüngeren Frauen und Männern, manche sitzend und manche stehend, die meisten mit einem Handy in der Hand, und einen Hund. Frankie ist, wie immer, höchst kommunikativ – selbst in der Situation der massiven Bedrohung. Seine Beziehungsfähigkeit ist beeindruckend. Er quatscht mit allen Nachbarn, direkt, unkompliziert, lebendig, lockert die angespannte Situation auf. Seitdem kennen Tzipi und Barbara all ihre Nachbarn, Vertrautheit und Fröhlichkeit stellt sich zwischen ihnen ein. Diese wird auch durch die Raketenangriffe, den Terror der Hamas und weiterer extremistischer Gruppierungen aus dem Gazastreifen nicht zerstört.

Einige Wochen später kehrte Frankie wieder nach Köln zurück. Er war noch empfindsamer, verwundbarer, nachdenklicher geworden. Die durch den „Gaza-Krieg“ 2014 ausgelösten und verstärkten Traumatisierungen lassen sich nicht mehr verdrängen. Nun musste Frankie niemanden mehr schützen, der äußere Druck, die existentielle Bedrohung, fielen weg. Ruth und Burkhard, sehr liebe Freunde, boten ihm an, in ihrer sehr schön gelegenen, hellen Wohnung im „multikulturellen“ Kölner Eigelsteins zu wohnen. Das Licht, möglicherweise sogar der nahegelegene Rhein, lassen die Erinnerung an sein Tel Aviv lebendig bleiben.

April 2015: Ich treffe Frankie mehrmals bei einem Stammtisch bei einem gemeinsamen Freund, Olek. Im äußersten Süden von Köln. Ich glaube, dass Frankie im Kontakt mit seinem Jugendfreund Olek wieder an ihre zionistische Jugendzeit im Umfeld der Düsseldorfer und der Kölner jüdischen Gemeinde anknüpfte. Frankie war immer gut gelaunt, nahm lebhaft an den Diskussionen teil – sofern sie nicht zu kleinkariert waren. Bei unserem letzten Treffen erschrak ich. Ich hatte zuvor gehört, dass Frankie sehr krank sei. Von seiner Krankheit selbst hatte ich immer gewusst, Einzelheiten kannte ich nicht. Frankie sah sehr verändert aus, aschfahl, sein Gesicht war etwas eingefallen. Dennoch blieb er auch diesen Abend gutgelaunt. Gegen Ende des Abends, es war schon weit nach 23 Uhr, frage ich im Zweiergespräch direkt nach. Frankie wich nicht aus, berichtete von seinen geringen Lebensaussichten. Er versuchte, so rasch wie möglich noch nach Tel Aviv zu kommen, zu Freunden, die Ärzte sind, musste dafür aber noch einige Dinge klären. Wenn er es noch schaffe, könne er noch mit viel Glück 10 Jahre leben.

 

Barbara: „Wer wird mir mir…“

„Frankie, wer wird stundenlang mit mir sitzen und sich über Gott und die Welt unterhalten?

Wer wird morgens ungeduldig darauf warten, dass ich endlich aufwache?

Wer wird mit mir durch Tel Aviv spazieren und immer wieder Neues entdecken?

Wer wird abends mit mir telefonieren und alles erfahren wollen, was ich tagsüber erlebt habe?

Wer wird Jiddisch mit mir sprechen und mich „Schlejmalina“ nennen?

Wer wird den Shoah-Überlebenden mit so viel Liebe und Empathie begegnen?

Wer wird kiloweise Käse von Köln nach Tel Aviv schleppen für Weihnukka?

Wer wird uns so zum Lachen bringen, dass Yvonne fleht: „Frankie, hör auf, ich mache in die Hose!?“

            Burkhard, ein Freund aus Köln, schreibt wenige Tage nach Frankies Tod:

„Liebster Frankie!

Du hast das Leben so geliebt, das Dich oft so hart geprüft und am Ende so bitter verraten hat. Du wolltest 120 Jahre alt werden – am Ende hat es Dir nicht einmal die Hälfte geschenkt. Du hattest noch so viele Pläne, warst bis zum Schluss so voller Zuversicht. Du hinterlässt eine lange, tiefe Spur. Du weißt, als Atheist glaube ich nicht an ein Leben nach dem Tod – nie habe ich mir mehr gewünscht, dass ich irre und Du jetzt ein besseres Leben im Paradies hast.“

Das Akademische Karussell: Die Einsamkeit Israels

Sorgt bei vielen Deutschen für Schnappatmung: Israel

Im Akademischen Karussell werden fortlaufend akademische Entwicklungen und wissenschaftliche Erkenntnisse überprüft. Manchmal wird die Auseinandersetzung Spaß machen, manchmal wird sie – wie eine Fahrt im Karussell – das Gegenteil bewirken. Heute geht es um Israel, Antisemitismus und den Iran.

Von Samuel Salzborn*

Stephan Grigat hat ein nachdenklich stimmendes Buch geschrieben: „Die Einsamkeit Israels“. Darin geht es, in zahlreichen kürzeren Einzelbeiträgen, um Zionismus und die Geschichte Israels, um Antisemitismus von links und von rechts und um die iranische Bedrohung Israels. Eigentlich geht es aber um die Mischung aus Verzweiflung und Zorn, die die gegenwärtige Haltung vieler Intellektueller aus Politik, Kultur und Wissenschaft auslöst, wenn man diese in antizionistischer Rhetorik antisemitische Stereotype formulieren hört. Stereotype, die mit Israel, seiner Geschichte und vor allem seiner Situierung als nach wie vor einziger Demokratie im Nahen Osten, die sich seit Staatsgründung aufgrund der militärischen und terroristischen Bedrohung notgedrungen im Ausnahmezustand befindet, wenig bis nichts zu tun haben.

Kaum jemand von denen, die sich Israel als Projektionsfläche für ihre antisemitischen Ressentiments suchen, hat sich ernsthaft mit der Geschichte und Politik des Staates befasst, der nicht nur in seiner formalen Strukturierung als Demokratie ein hohes Maß an Ähnlichkeit mit den westlich-republikanischen Modellen aufweist und dabei – etwa mit Blick auf den nach wie vor nicht abgeschlossenen Verfassungsgebungsprozess, bei dem in seiner pluralen Streitbarkeit durch die Implementierung von mehreren Grundgesetzen (den basic laws) in einen zukünftigen Gesamtkorpus möglichst viele Interessen integriert werden sollen – sogar ein höheres Maß an partizipatorischen Elementen integriert, als jene; sondern auch die israelische Gesellschaft ist in einem Maß streitbar, wie dies gerade für Deutschland unvorstellbar ist, noch zumal mit Blick auf die Selbstkritikfähigkeit, wie sie in der israelischen Postzionismusdebatte zum Ausdruck kam.
Dass von palästinensischer Seite eine ähnliche Diskussion geführt würde, zum Beispiel über die mythologische Verklärung der „Nakba“ oder das irrationale Aufrechterhalten eines angeblichen Flüchtlingsstatus über mehrere Generationen, scheint eine Hoffnung, die so unvorstellbar ist, dass sie gar nicht erst formuliert wird.

Der „Jude unter den Staaten“

Israels Weg „von Krieg zu Krieg“, den Grigat beschreibt, mündet aufgrund der antisemitischen Ziele, die Terrororganisationen wie die Hamas konstitutiv verfolgen, immer wieder in einer Situation, in der die Legitimationswahrnehmung international umgedreht wird: wird Israel zwar von den Antisemiten zum „Juden unter den Staaten“ gemacht und fortwährend von islamistischen Terroristen angegriffen, wird der Akt der Selbstverteidigung medial – zumindest in der deutschen Öffentlichkeit – schnell zur Aggression umgedeutet.

Dass eine Demokratie gar keine anderen Wahl hat, als sich gegen Terrorismus zu verteidigen, noch zumal wenn die agierenden Terrororganisationen offen die antisemitische Vernichtung als ihr zentrales Ziel erklärt haben, fällt in der beschleunigten Berichterstattung deutscher Medien oft unter den Tisch – was noch schwerer wiegt, wenn man mit Grigat reflektiert, dass der von westlichen Intellektuellen vorschnell ausgerufene „Arabische Frühling“ schon längst zu einem „islamistischen Herbst“ geworden ist.

Und hier droht Israel, mehr noch als durch die verbalen Delegitimierungsversuche, die Grigat am Beispiel von Jakob Augstein und Judith Butler stellvertretend für linken Antisemitismus und mit Blick auf die ungarische Jobbik-Bewegung und die NPD exemplarisch für rechten Antisemitismus beschreibt, durchaus substanzielle Gefahr, die die internationale „Einsamkeit Israels“ so erschreckend macht: vom Iran. Die Bedrohung Israels durch den Iran und die Fehler westlicher Appeasement-Politik werden von Grigat, der einer der wenigen deutschsprachigen Iran-Experten ist, in drei Beiträgen in dem Band skizziert.

Legitime Israel-Kritik? Rechte "Antizionisten" in Aktion (Foto Marek Peters)
Legitime Israel-Kritik? Rechte „Antizionisten“ in Aktion (Foto Marek Peters)

Viele der Texte von Grigat sind vorher an anderer Stelle erschienen. Es ist gut, dass sie jetzt noch einmal in einem Band zusammengetragen sind – zum einen, weil mittelfristig Artikel und Aufsätze immer schwieriger zu beschaffen sind, als Bücher, zum anderen, weil sich auch zeigt, dass der analytische Wert gerade der in Wochenzeitungen und Magazinen veröffentlichten Beiträge deutlich über die normale Halbwertzeit von Beiträgen dieses Formats hinausweist und sie langfristig für die Analyse von Antisemitismus wichtig bleiben – insbesondere des gegen Israel gerichteten Antisemitismus und gerade auch in seiner substanziellen und auf Vernichtung zielenden Bedrohung, wie sie durch den Iran manifestiert wird. Was bleibt nach der Lektüre ist die Hoffnung, dass doch noch einmal der Funke der Aufklärung einen großen Teil der intellektuellen Debatte in Deutschland ergreifen mag, der zu einer Umkehr mit Blick auf Israel führt. Eine einsame Hoffnung, fraglos. Denn dafür bedürfte es wohl zunächst einer Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit, eine Fähigkeit zur radikalen Selbstkritik, deren Abstinenz durchaus eine Verbindung zur Projektionsfläche darstellt, die die Palästinenser für viele Antisemiten bieten.

Stephan Grigat: Die Einsamkeit Israels. Zionismus, die israelische Linke und die iranische Bedrohung, Hamburg: KVV konkret 2014, 181 Seiten.

* Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Von ihm ist in diesem Jahr erschienen:

Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze
Nomos/UTB: Baden-Baden 2014, 149 Seiten

Weitere Informationen finden Sie hier

Auf Publikative.org schreibt Salzborn die Kolumne „Das Akademische Karussell“

 

Auschwitz als universale Krisenmetapher

Birkenau, Poland, Jewish mothers and their children walking to the gas chambers, 05/1944 / SS photographers E. Hoffmann & B. Walter / Quelle: Jad Vaschem

Auschwitz ist wie kein anderer Ort zum Symbol für die Hölle des Holocaust geworden. Der 27. Januar hat mittlerweile das Ziel, alle Formen von religiöser Intoleranz oder Gewalt gegen Menschen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft oder ihres religiösen Bekenntnisses zu verurteilen. Auschwitz wird so zu einer universalen Krisenmetapher. 

Von Ernst Piper

In den frühen Nachkriegsjahren wussten die allermeisten Deutschen nichts über Auschwitz. Der Spielfilm „Im Labyrinth des Schweigens“, der jüngst die Vorgeschichte des Auschwitz-Prozesses ins Bild gesetzt hat, zeigt das eindringlich.

Erst durch den Auschwitz-Prozess, der im Dezember 1963 begann, drang das ungeheuerliche Geschehen in dem schrecklichsten aller nationalsozialistischen Vernichtungslager in das Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit. Die amerikanische Fernsehserie „Holocaust“ und Filme wie „Shoah“ von Claude Lanzmann oder „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg trugen erheblich dazu bei, dass unser Bild von dem Mordgeschehen seither an Intensität und Tiefenschärfe noch gewonnen hat.

Als 1995 mit gewaltigem Aufwand der 50. Jahrestag des Kriegsendes gefeiert wurde, diskutierten die Deutschen zwar darüber, ob der 8. Mai 1945 ein Tag der Niederlage oder der Befreiung gewesen war. Aber dass Auschwitz eine zentrale Signatur der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts ist, dass die Judenvernichtung mehr als alles andere das nationalsozialistische Regime charakterisiert, war nicht mehr ernstlich umstritten.

Birkenau, Poland, Jewish mothers and their children walking to the gas chambers, 05/1944 / SS photographers E. Hoffmann & B. Walter / Quelle: Jad Vaschem
Birkenau, Poland, Jewish mothers and their children walking to the gas chambers, 05/1944 / SS photographers E. Hoffmann & B. Walter / Quelle: Jad Vaschem

Doch das groß inszenierte Gedenkjahr 1995 sollte kein Schlussstrich sein – im Gegenteil. Kaum war es vorüber, kam am 3. Januar 1996 eine Proklamation des Bundespräsidenten heraus. Roman Herzog bekannte sich darin zu seiner Überzeugung:

Die Erinnerung darf nicht enden, sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen.“

Deshalb erklärte er den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Diese Wortwahl war dem Bundespräsidenten wichtig:

„‘Opfer des Holocaust‘ wäre ein zu enger Begriff gewesen, weil die nationalsozialistische Rassenpolitik mehr Menschen betroffen hat als die Juden.“

Um alle Opfer des nationalistischen Terrorregimes und seiner rassistischen Politik sollte es gehen. Zugleich kam es darauf an, Formen des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirken, und vor allem auch die junge Generation zu erreichen. Mit öffentlichen Feierstunden, so Herzog, sei wenig erreicht. Die Bürger des Landes sollten das Erinnern in ihren Alltag holen. Aus diesem Grund wurde der 27. Januar nicht zum arbeitsfreien Feiertag, sondern zum Gedenktag erhoben.

Die Absicht war löblich und in den ersten Jahren funktionierte das Gedenken auch mehr oder weniger gut. Die großen Tageszeitungen druckten Reden, publizierten Essays und brachten Porträts von Holocaust-Überlebenden. Soll es nicht zum Ritual erstarren, lässt sich das kaum jedes Jahr wiederholen. Doch der pädagogische Ansatz des Bundespräsidenten ging schon bald verloren. Ihm war es vor allem um die Verantwortung für die Zukunft gegangen, um die Lehren aus der Geschichte und das Eintreten für Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte und die Würde des Menschen.

Die Wahl des Datums war von Anfang problematisch gewesen. Am 27. Januar 1945 hatten die ersten sowjetischen Soldaten das Vernichtungslager Auschwitz erreicht, in dem die Deutschen in den Jahren zuvor mehr als eine Million Juden ermordet hatten. Einige Tausend Häftlinge, viele von ihnen todkrank, lebten dort zu diesem Zeitpunkt noch. Verfolgt worden waren sie von Deutschen, befreit wurden sie von Rotarmisten. Nicht unbedingt ein naheliegendes Datum für einen deutschen Gedenktag.

Auschwitz ist wie kein anderer Ort zum Symbol für die Hölle des Holocaust geworden. Die Befreiung dieses Vernichtungslagers zum Anlass für einen Tag des Gedenkens an alle Opfer des Nationalsozialismus zu machen, war von Anfang nicht unbedingt ein glücklicher Gedanke. Inzwischen ist der ursprüngliche Impuls von Bundespräsident Herzog ganz in den Hintergrund getreten, denn 2005 haben die Vereinten Nationen den 27. Januar zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt. Ziel sei es, alle Formen von religiöser Intoleranz oder Gewalt gegen Menschen aufgrund ihrer ethnischen Herkunft oder ihres religiösen Bekenntnisses zu verurteilen.

„Auschwitz“ wird so zu einer universalen Krisenmetapher, das Gedenken an den Holocaust zu einem Teil einer globalen Erinnerungskultur. Die Täter der Jahre 1933 bis 1945 geraten aus dem Blickfeld und mit ihnen die historischen Ereignisse, die für uns als die Nachfahren der Täter eine besondere Bedeutung haben.

Der Staat Israel hat von Anfang einen anderen Weg eingeschlagen. Dort gibt es schon seit 1951 den Jom haScho’a, an dem der Opfer der Schoa gedacht wird, aber ebenso auch der jüdischen Widerstandskämpfer, die in den Gettos und in den Lagern und als Partisanen gegen ihre Mörder gekämpft haben. Der Jom haSch’a wird am 27. Nisan des jüdischen Kalenders gefeiert, das entspricht in diesem Jahr in unserem Kalender dem 16. April. Wie jedes Mal werden dann um 10 Uhr in ganz Israel zwei Minuten lang die Sirenen heulen. Die Passanten bleiben stehen, Autos und Züge halten an. Öffentliche Einrichtungen sind geschlossen, die Fahnen wehen auf Halbmast.

Auch in Deutschland gäbe es die Möglichkeit für einen solchen spezifischen Tag des Nachdenkens, der kollektiven Einkehr, der gemeinsamen Gewissenserforschung. Der 9. November wäre das richtige Datum dafür. Kein Tag ist besser geeignet, sich an die Höhen und Tiefen unserer Geschichte zu erinnern, den Beginn der ersten Demokratie auf deutschen Boden 1918, den ersten Versuch, diese Demokratie wieder zu beseitigen, fünf Jahre später. Am 9. November 1938 wurden Millionen von Deutschen erstmals zu Tätern, zu Mittätern, eben dadurch, dass sie nichts taten. Und 1989 gewann der 9. November noch einmal eine ganz neue Dimension, als die Bürger der DDR sich auf friedlichem Weg sich von einem Unrechtsregime befreiten.

Die Menschen, die heute in Deutschland leben, sind nicht verantwortlich für die Untaten des nationalsozialistischen Regimes, wohl aber dafür, dass sich so etwas nicht wiederholt. Um dieser Verantwortung gerecht zu werden, reichen Gedenkveranstaltungen wie die am 27. Januar nicht aus.