In einem fernen Land …

Die Berichterstattung über die Vergewaltigung in Indien löst Entsetzen und Empörung aus. Beim Blick auf das weit entfernte Land und der Suche nach Erklärungen für das Geschehen vergessen wir jedoch allzu leicht, auch entsetzt und empört auf das zu reagieren, was in nächster Nähe geschieht. 

Von Nicole Selmer

Seit Wochen beschäftigt der Fall auch die deutschen Medien: Mitte Dezember wurden in Neu-Delhi eine junge Frau und ihr Freund von sechs Männern in einem Bus angegriffen, die Frau wurde vergewaltigt und erlag knapp zwei Wochen später ihren schweren Verletzungen. Das Ereignis löste in Indien eine Welle von Protesten und eine Beschäftigung mit dem Thema der sexualisierten Gewalt gegen Frauen aus.

Neueste Karte von Vorder Indien oder Hindostan. Nach den bessten Quellen entworfen und gezeichnet von Hauptmann Radefeld. 1844. Foto: Cartography Associates
Indien aus westlicher Perspektive kartografiert 1844, Foto: Cartography Associates

„But that was in another country“

Von einem Schreibtisch in Deutschland und ohne große Kenntnis der indischen Gesellschaft und ihrer Debatten ist kaum nachzuvollziehen, ob und wenn ja welche nachhaltigen Folgen aus diesem einzelnen Vergewaltigungsfall und dem öffentlichen Umgang damit erwachsen werden. Was jedoch auch von einem Schreibtisch in Deutschland aus nachzuvollziehen ist, ist die Art des Umgangs mit dem Fall in den hiesigen Medien und der Blick auf Geschlechterverhältnisse – in Indien wie in Deutschland –, der damit verbunden ist.

Indien – das ist ein seltsames, aus der Welt gefallenes Kastensystem, Witwenverbrennungen, bunte Kleider, Bollywood, rote Punkte auf der Stirn und vielleicht noch IT-Industrie in Wellblechhütten. Die Abscheulichkeit des Verbrechens und der Aufruhr dagegen werden eingebettet in einen gesellschaftlichen Kontext, ja, sind ohne diesen nicht zu begreifen: „Die bestialische Tat muss auch gesellschaftliche Wurzeln haben, sonst würden nicht Tausende protestieren, so wie man in Indien noch nie demonstriert hat wegen Gewalt gegen Frauen.“ 

Die Berichterstattung zum indischen Vergewaltigungsfall ist in weiten Teilen geprägt von einem klassisch ethnologischen Blick, der den deutschen RezipientInnen eine scheinbar fremde, außereuropäische Kultur mit ihren brutalen und frauenverachtenden (Stammes-)Ritualen nahezubringen versucht. Denn wie kann es sein, dass so etwas geschieht? Eine junge Frau (eine „Studentin“ zudem – dieser Hinweis fehlt in kaum einem Text) wird an einem öffentlichen Ort vergewaltigt. Der scharfe investigative Blick der westlichen Journalistinnen und Journalisten enthüllt, dass Vergewaltigungen kein Einzelfall sind, zudem sogar dass die Verurteilungsquote erschreckend niedrig ist: Drei von vier „Sextätern“, die „Sexverbrechen“ begehen, bleiben straffrei, wie die ARD-Korrespondentin berichtet. Indien, so wird uns ein ums andere Mal deutlich gemacht, ist eine rückständige Gesellschaft im Clash mit ihrem ökonomischen Aufstieg zur neuen Supermacht: „Wie in vielen Schwellenländern hinkt der gesellschaftliche Fortschritt der Ökonomie meilenweit hinterher.“  Eine Kultur, in der Frauen auf verschiedenen Ebenen systematisch benachteiligt sind, oder wie es in der FAZ heißt: „Und so kommt jetzt brutal an die Öffentlichkeit, was lange verschwiegen oder heruntergespielt blieb: Indiens Benachteiligung der Frauen, Konflikte mit der Sexualmoral und die männliche Dominanz im öffentlichen Raum.“

Die indische Tänzerin Uma Muralikrishna, 2008, Foto: Vasanthakumar http://www.flickr.com/photos/34056112@N00 (Flickr)
Indienbilder: Tänzerin Uma Muralikrishna, 2008, Foto: Vasanthakumar http://www.flickr.com/photos/34056112@N00

Neokoloniale Blindheit

Diese Reihung könnte aufmerken lassen. Sie könnte uns darauf stoßen, dass das, was in Neu-Delhi geschehen ist, was täglich in Indien geschieht und was – völlig zu Recht – mit sozialen Bedingungen, Geschlechterverhältnissen und dem gesellschaftlichen Umgang mit (sexualisierter) Gewalt gegen Frauen in Verbindung gebracht wird, so fremd gar nicht ist: Ökonomische Benachteiligung, eine asymmetrische Sexualmoral und gefahrvolle öffentliche Räume. Die neokoloniale Blindheit, mit der die Berichterstattung geschlagen ist, scheint dies jedoch zu verhindern. In Großbritannien ist dieser Aspekt in mehreren Beiträgen aufgenommen worden: Owen Jones weist im Independent darauf hin, dass die berichteten Vergewaltigungs- und Verurteilungszahlen im Vergleich zu den entsprechenden britischen, französischen oder US-amerikanischen Statistiken zwar nichts von ihrem Schrecken, aber einiges von ihrer vermeintlichen Singularität verlieren.

Ähnlich argumentiert Emer O’Toole im Guardian. O’Toole geht es nicht darum, die indischen Zustände zu verharmlosen. Sie ruft dazu auf, sie in eine globale Perspektive zu setzen, die auch den Westen nicht aus dem Blickfeld verliert:

„Let’s look east in solidarity and support for India’s urgently necessary women’s rights movement; let’s keep talking about the social discrimination Indian women face, which affluent westerners do not. However, it is both prejudiced and completely fantastical to talk as though sexual violence is some kind of Indian preserve. We might have comparatively better women’s rights in the UK, but this is due, in large part, to the social services that our wealth allows.“

Deutsche Privatangelegenheit

In Deutschland ist eine kritische Betrachtung der Berichterstattung unter dieser Perspektive auf Blogs beschränkt: Claire Grauer weist Anfang Januar in ihrem Blogbeitrag „Wessen Versagen eigentlich“ auf die postkolonialen Stereotypen hin und trägt statistische Einordnungen für Deutschland nach (siehe auch hier). Zentral ist ihre Benennung der „rape culture“: „Auch hier, in Deutschland, existiert ein gesellschaftliches Klima, in dem sexualisierte Gewalt verharmlost wird und das es Betroffenen erschwert, erfahrene Gewalt anzuzeigen. Kein Grund, um mit dem medialen Finger auf Indien (oder andere Länder) zu zeigen).“ Auch bei der Mädchenmannschaft wird dieser Zusammenhang hergestellt und auf die mediale Berichterstattung in anderen Fällen (Assange, Kachelmann) bezogen.

New Delhi, Foto: derajfast http://www.flickr.com/photos/22927485@N00 (Flickr)
Indienbilder: New Delhi, Foto: derajfast http://www.flickr.com/photos/22927485@N00

Es ist sinnvoll und richtig, die Vergewaltigung in Neu-Delhi nicht als tragisches und tödliches Einzelschicksal zu betrachten, sondern es in einen größeren Kontext zu stellen, der die Geschlechterverhältnisse der Gesamtgesellschaft miteinbezieht. Aber gerade unter dieser Prämisse muss auch der Blick auf die Situation in unserer eigenen Gesellschaft geschärft werden. Eine aktuelle Möglichkeit dafür bietet der Fall van der Vaart. Dabei geht es nicht darum, die brutale Vergewaltigung einer Frau, an der das Opfer stirbt, mit einem – medial berichteten – Schlag oder Stoß eines berühmten Fußballers gegen seine gleichfalls berühmte Frau zu vergleichen. Sondern es geht um den berechtigterweise von westlichen Medien für das ferne Indien eingeforderten Blick auf die Art und Weise, wie eine Gesellschaft über das Verhältnis von Frauen und Männern und über (sexualisierte) Gewalt spricht.

Verkehrte Welt

Vermutlich sind Rafael und Sylvie van der Vaart den meisten InderInnen kein Begriff. Aber vielleicht gibt es irgendwo in einer indischen Millionenstadt eine Journalistin, die ihren Landsleuten seltsame Begebenheiten aus einer fernen Welt erklärt: Wie Zeitungen in einer Stadt im Norden berichten, dass ein kleiner Mann seine schöne Frau bei einer Feier zu Boden stößt oder schlägt. Sie verzeiht ihm, aber sie trennen sich dennoch. Der kleine Mann ist Fußballer, seine Teamkollegen wollen ihm anschließend „helfen“, sie glauben an seinen „starken Charakter“. Eine Politikerin ist empört und fordert, dass der Verein diesen Fußballer lieber bestrafen solle, so wie es bei einer Kneipenprügelei oder einer betrunkenen Autofahrt geschehen wäre. Ein Blogger stimmt ihr zu. Es gibt Proteste, der Vorfall sei „Privatsache“, meinen zahlreiche Menschen, die den kleinen Fußballer schätzen (und seine Frau auch). Hier müsse man wissen, so würde die indische Journalistin vielleicht in ihrem Bericht erläutern, dass Fußball eine zentrale kulturelle, soziale und auch ökonomische Säule der deutschen Gesellschaft darstellt. Der Sport sei bestimmt von oft archaisch anmutenden Männlichkeitsritualen, er werde zwar nicht nur von Männern ausgeübt, aber Fußballerinnen würden oft als „Mannweiber“ verachtet. Der Sport sei von Begriffen wie Härte und Ehrverteidigung dominiert, „Weiblichkeit“ werde abgewertet, sei ein Zeichen von Schwäche. Daher sei der Versuch der Politikerin, an diesem Fall eine Debatte um „häusliche Gewalt“ und ihre Verharmlosung in Deutschland anzuregen, zum Scheitern verurteilt. So ginge es zu in diesem seltsamen Land.

Noch einmal: Es geht nicht darum, die Fälle Van der Vaart und Neu-Delhi zu vergleichen, das wäre vollkommen unangemessen und sinnlos. Es geht um die Art, wie wir uns wann welche Geschlechterverhältnisse vor Augen führen, wann wir einen Blick auf größere gesellschaftliche Zusammenhänge herstellen und wann nicht. Natürlich muss eine Berichterstattung über sexualisierte Gewalt in Indien stattfinden, sie muss kritisch sein und die dortigen gesellschaftlichen Hintergründe so gut wie möglich einbeziehen. Aber ohne den Blick auf unsere eigenen zu verlieren. Owen Jones schreibt abschließend in seinem Kommentar für den Independent: „The worst thing we can do is allow our horror at what happened on that Delhi bus to make us complacent.“ (Das Schlimmste, was wir tun können, ist, zuzulassen, dass unser Entsetzen über das, was in diesem Bus in Delhi geschehen ist, uns selbstzufrieden macht.)