Europa: Im Zweifel rechts

Marine Le Pen und der bulgarische Nationalist Volen Siderov (Foto: HomoByzantinus)
Marine Le Pen und der bulgarische Nationalist Volen Siderov (Foto: HomoByzantinus)

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Rechtspopulismus. So könnte man die derzeitige politische Entwicklung in großen Teilen des Kontinents zusammenfassen. Bemerkenswert ist, dass die neuen Rechten in diversen Staaten punkten und der neue Rechtspopulismus zunehmend von Frauen geprägt wird. SPD-Chef Gabriel will die populistischen Strategien derweil imitieren.

Von Patrick Gensing

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Bundesverdienstkreuz für Beate und Serge Klarsfeld

Beate_Klarsfeld_(2012)

Beate und Serge Klarsfeld werden heute in Berlin mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Publikative.org hat in den vergangenen Jahren immer wieder über das Wirken des Ehepaars, das in Paris lebt, berichtet. Ein Überblick.

50 Rosen für Beate Klarsfeld – und nun das Bundesverdienstkreuz

Ihre Verdienste beim Aufspüren von Nazi-Verbrechern  und vor allem Beate Klarsfelds Ohrfeige für Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger machten sie in Deutschland berühmt. Eine späte Anerkennung für ein in Deutschland so bekanntes wie kritisiertes Paar.

Beate_Klarsfeld_(2012)

Abteilung Dreamteam: Broder und Pirker gegen Klarsfeld

Im Jahr 2012 hatte Die Linke Beate Klarsfeld als Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten nominiert. Eine Entscheidung, die Mut gemacht hatte, immerhin steht Klarsfeld deutlich für eine Solidarität mit Israel – und nicht für linksdogmatischen und obsessiven „Antizionismus“. Die Nominierung Klarsfelds stieß auf viel Kritik, wurde beispielsweise übereinstimmend von Werner Pirker und Henryk M. Broder abgelehnt. Auch wenn sich die Motive unterscheiden, ihre Respektlosigkeit einte sie.

Klarsfeld: „Mein Thema ist Antifaschismus“

Klarsfeld selbst betonte deutlich, wofür sie stehe: „Man nominiert hier eine Deutsche“, sagte sie der Jüdischen Allgemeinen, „deren Lebenswerk immer von drei Punkten geprägt war: zu verhindern, dass Nazis in einflussreichen Stellungen sind, NS-Verbrecher in Deutschland und im Ausland aufzudecken und zu bestrafen. Und dann vor allem auch die Solidarität mit Israel.“

„Ich erinnere mich an diesen Deutschen ganz genau“ – Erinnerungen an den Lischka-Prozess

Beate und Serge Klarsfeld hatten bei ihrer Suche nach den Verantwortlichen für die Verfolgung von Juden in Frankreich die NS-Täter Kurt Lischka, Herbert M. Hagen und Ernst Heinrichsohn aufgespürt. Obwohl in Frankreich von Strafverfolgung bedroht, lebten sie in Deutschland als angesehene Bürger, unbehelligt von der deutschen Justiz. Der Lischka-Prozess war einer der wichtigsten Nachkriegsprozesse gegen NS-Täter. Kurt Lischka war an der Deportation und Ermordung von über 70.000 französischen Juden beteiligt.

Beate Klarsfeld at Beyrouth, Lebanon, 1986
Beate Klarsfeld at Beyrouth, Lebanon, 1986

„Zug der Erinnerung“

Die Klarsfelds hatten sich für die Ausstellung über deportierte jüdische Kinder eingesetzt, die an deutschen Bahnhöfen gezeigt werden sollte. Im Interview sagte sie 2007: „Die Ausstellung 11.000 jüdische Kinder aus Frankreich wurde von unserer Organisation „Die Söhne und Töchter der deportierten Juden aus Frankreich“ organisiert. Sie wurde zum 60. Jahrestag des Beginns der Deportationen der Juden aus Frankreich im März 1942 in 18 großen französischen Reisebahnhöfen gezeigt. Dies geschah mit voller Hilfe der französischen Bahn SNCF.“

Die Deutsche Bahn sperrte sich gegen die Ausstellung. Klarsfeld kritisierte im Interview mit tagesschau.de, dem damaligen Bahn-Chef Mehdorn fehle das Gefühl für Verantwortung. In Frankreich sei das Zeigen der Ausstellung kein Problem gewesen, so Klarsfeld, die Staatsbahn SNCF habe sich sehr kooperativ verhalten. Dort seien 18 große Reisebahnhöfe genutzt worden, um „die Kinder in die Wirklichkeit zurückzuholen. Die Reisenden sehen in der Ausstellung die Kinder vor der Deportation – lächelnde Kinder. Und sie lesen den Text, wann die Kinder deportiert und von ihren Eltern getrennt wurden. Denn Kinder wurden sofort vergast. Dann nehmen die Reisenden ihren Zug und denken: Vor 60 Jahren wurden auf diesen Strecken diese Kinder nach Auschwitz deportiert.“ Somit werde eine viel bedeutendere Beziehung zu den Ereignissen geschaffen, als wenn Menschen in ein Museum gingen.

Fotos aus der Ausstellung 11.000 Kinder.

Ohne Begründung abgelehnt

Übrigens war Klarsfeld bereits zweimal für eine Auszeichung mit dem Bundesverdienstkreuz ins Gespräch gebracht worden. Dies lehnte der damalige Außenminister Westerwelle im Jahr 2010 aber ab. Klarsfeld sagte damals der „Frankfurter Rundschau“ auf die Frage, warum sie in Deutschland keine Anerkennung erhalte: „Das weiß ich nicht. Unter Joschka Fischer wurde ich einmal für das Verdienstkreuz vorgeschlagen. Da hieß es nur, ich gehöre nicht in die Kategorie derer, die diese Auszeichnung verdienen würden.“ Klarsfeld fügte gegenüber der FR hinzu: „Im vergangenen Jahr wurde ich dann noch einmal von Gregor Gysi vorgeschlagen – und nun von Guido Westerwelle wieder abgelehnt.“ Dem Bericht zufolge gab der Außenminister keine Gründe für seine Entscheidung an.

Alle Artikel zu Beate Klarsfeld auf publikative.org, Interview mit Beate Klarsfeld bei tagesschau.de

50 Rosen für Beate Klarsfeld – und nun das Bundesverdienstkreuz

Beate_Klarsfeld_(2012)

Das Ehepaar Beate und Serge Klarsfeld erhält das Bundesverdienstkreuz von Bundespräsident Gauck. Ihre Verdienste beim Aufspüren von Nazi-Verbrechern  und vor allem Beate Klarsfelds Ohrfeige für Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger machten sie in Deutschland berühmt. Eine späte Anerkennung für ein in Deutschland so bekanntes wie kritisiertes Paar.

Von Uri D.

„Ich frage mich mit der mir zustehenden Bescheidenheit, ob es Günter Grass zusteht, festzustellen, ob und wann ich Anlaß habe, einer Dame Blumen zu schicken. Ich hatte Anlaß und bin bereit, den Anlaß allen Schulmeistern unter meinen Kollegen öffentlich kundzutun. Ich war diese Blumen Beate Klarsfeld schuldig“

Heinrich Böll am 10.1.1969 über seine Sympathie für Beate Klarsfeld

Eine wirklich überraschende Nachricht: Beate Klarsfeld -, die durch ihre Ohrfeige des ehemaligen Nazis Kiesinger berühmt wurde – und ihr Ehemann Serge Klarsfeld erhalten das Bundesverdienstkreuz. Das hätte ich nicht erwartet. Zweimal schon ist diese Ehrung mit dem Bundesverdienstkreuz für die 1939 in Berlin Geborene und den vier Jahre älteren französischen Juden durch das Auswärtige Amt abgelehnt worden: 2007 während der Amtszeit von Joschka Fisher und 2010 während der Amtszeit von Westerwelle. 2012 dann ihre Kandidatur zum Bundespräsidenten gegen Joachim Gauck; und dies ausgerechnet als Kandidatin der Linken. Dies dürfte ihre Popularität bei den Regierungsparteien nicht erhöht haben. Große Teile der Linken, auch der Linken Bundestagsfraktion, gehören bekanntlich zum strikt antizionistischen Lager. Die „Nazijäger“ Beate und Serge Klarsfeld – dessen jüdischer Vater von den Deutschen in Auschwitz ermordet wurde – haben an ihrer tiefen Verbundenheit mit dem demokratischen Staat Israel hingegen nie einen Zweifel gelassen. Und nun werden Serge und Beate Klarsfeld unter einer konservativen Bundeskanzlerin ausgezeichnet – übrigens nahezu die erste Auszeichnung, die sie in ihrer früheren Heimat Deutschland erhalten haben. In Frankreich und Israel hingegen wurden die Klarsfelds immer wieder für ihren beeindruckenden Kampf um die historische Gerechtigkeit, für das Aufspüren zahlreicher Nazis, ausgezeichnet und geehrt.

Beate_Klarsfeld_(2012)

Die Ohrfeige Kurt Kiesingers und deren Vorgeschichte

Beate Klarsfeld hat die symbolhafte Szene vom 7. November 1968, als sie, 29-jährig, auf einem CDU-Parteitag in Berlin dem Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger eine Ohrfeige gab (eigentlich traf sie mehr sein Auge), gewiss schon 1000 mal erzählt. Es gelang ihr nur mit Mühe, an den Sicherheitsleuten vorbeizukommen. Es war auch durchaus nicht auszuschließen, dass sie in Folge ihrer Ohrfeige von Sicherheitsbeamten erschossen würde. Für Beate Klarsfeld war dieser symbolische Akt vor allem eine Abrechnung „der jungen Generation“ mit den in zahlreichen bundesdeutschen Staatsämtern präsenten Nazis.
Kiesinger wusste übrigens sofort, wer diese junge, attraktive, gutgekleidete Frau war. 1959 war die 21-jährige Beate Klarsfeld gegen den Willen ihrer Eltern als Au-pair Mädchen nach Frankreich gegangen. Anfangs spürte sie das Misstrauen vieler Franzosen gegen Deutsche. Nach drei Monaten lernte sie Serge kennen, der seinerzeit bereits sein Geschichtsstudium abgeschlossen hatte. Das Schicksal seiner Familie empfand sie als Verpflichtung. Bald heirateten sie. Sie begann als Sekretärin beim Deutsch-Französischen Jugendwerk. 1966 veröffentlichte sie in der französischen Zeitung “Combat” drei Artikel, in denen sie die Bundesrepublik dafür kritisierte, dass diese den ehemaligen Nationalsozialisten Kiesinger als Kanzler gewählt hatte. Dieser war ab 1940 im Außenministerium stellvertretender Leiter der rundfunkpolitischen Abteilung und hier für die Verbindung zum Reichspropagandaministerium zuständig. „Er hat seine ganze Intelligenz in den Dienst der Nationalsozialisten gestellt und wusste genau, was geschah – militärisch und in den Vernichtungslagern“, hatte sie geschrieben. Beate Klarsfeld wurde wegen ihrer Beiträge sofort fristlos entlassen. Einschüchtern ließ sie sich hierdurch nicht.
Im Mai 1968 kündigte sie im Audimax der Technischen Universität Berlin bei einer großen Veranstaltung an: „Ich werde Kiesinger öffentlich ohrfeigen.“ Günter Grass, dies sei bereits an dieser Stelle angemerkt, saß bei dieser Veranstaltung gleichfalls auf dem Podium und verurteilte ihre Ankündigung scharf. Seine eigene Mitgliedschaft in der Waffen-SS sollte Grass noch knapp 40 Jahre lang verschweigen.
Gemeinsam mit ihrem Ehemann Serge recherchierte sie, ohne jegliche Unterstützung, weiter über Kiesingers Involvierung in den Nationalsozialismus. Deutsche Medien und Bundestagsabgeordnete zeigten an ihrem Material keinerlei Interesse. Am 2. April 1968 protestierte sie von der Zuschauertribüne des Bonner Bundestages aus mit dem Ruf „Kiesinger, Nazi, abtreten!“ gegen Kiesinger. Dieser unterbrach daraufhin seine Rede; seitdem wusste er, wer diese junge Dame war. Sie wird von der Polizei in Handschellen abgeführt, bleibt jedoch in Freiheit. Nun weiß Beate Klarsfeld – die sich zeitlebens vorrangig als unabhängige, radikale Aktivistin verstanden hat, wie auch als akribische Rechercheurin; ihr Bruch mit der radikalen Linken erfolgte durch deren Antizionismus – dass sie drastischere, symbolische Methoden wählen muss, um das kollektive deutsche Schweigen zu durchbrechen. Bewusst bewegte sie sich hierbei an der Grenze der Legalität. Ihre eigene, sehr konkrete Gefährdung war ihr hierbei gleichgültig. Sieben Monate später, am 7.11.1968, hat sie die Chance für ihre symbolische Tat. Mit ihrer Ohrfeige Kiesingers geht sie in die Geschichte ein.
Sie wird noch am gleichen Tag zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Ins Gefängnis muss sie nicht. Die Strafe wird in eine zweimonatige Bewährungsstrafe umgewandelt. Ihr Anwalt war übrigens Horst Mahler. Danach hat sie ihn nie wiedergetroffen.

Lischka, Barbie, Schwammberger und Mengele

Es folgen mehrere Jahrzehnte des Kampfes von Serge und Beate Klarsfeld gegen untergetauchte Nazi-Verbrecher. Wie immer die Details von Historikern auch gewogen werden: Die Klarsfelds haben maßgeblich zum Aufspüren und zur Verurteilung von hohen Nationalsozialisten beigetragen.
Von 1971 bis 1979 unternahmen die Klarsfelds gemeinsam mit der französischen Organisation „Fils et Filles des Déportés Juifs de France“ – Söhne und Töchter der jüdischen Deportierten aus Frankreich – immer wieder gezielte Regelverstöße, um das kollektive deutsche Schweigen über die eigenen NS-Täter zu durchbrechen. „Wir hatten die Wahl, entweder blutige Attentate zu verüben oder selbst Opfer zu werden – so oft, wie es nötig war, um unsere Ideen und unseren Wunsch nach Gerechtigkeit durchzusetzen“, beschrieb Serge Klarsfeld ihre Strategie.
Eine weitere Szene ihres Engagements hat sich in das kollektive Gedächtnis eingeprägt. Köln, Frühjahr 1971: Wir sehen einen flüchtenden älteren Herrn, er trägt einen Hut und hält sich schützend seine Aktentasche vor den Kopf. Verfolgt wird er von einer Kamera.
Es handelt sich um Kurt Lischka, verantwortlich für die Deportation und Ermordung von über 70.000 französischen Juden. Gedreht hat die Szene der in Israel aufgewachsene, seit 1958 in der Nähe Kölns lebende Kameramann Harry Zwi Dreifuss. Dieser arbeitete freiberuflich u.a. für das israelische Fernsehen. Beate und Serge Klarsfeld hatten bei ihrer Suche nach den Verantwortlichen für die Verfolgung von Juden in Frankreich die NS-Täter Kurt Lischka, Herbert M. Hagen und Ernst Heinrichsohn aufgespürt. Obwohl in Frankreich von Strafverfolgung bedroht, lebten diese in der Bundesrepublik als angesehene Bürger, unbehelligt von der deutschen Justiz.
Am 22. März 1971 misslingt die Entführung Lischkas durch die Klarsfelds. Im Juli 1974 wird Beate Klarsfeld daraufhin in Köln zu einer zweimonatigen Haftstrafe verurteilt und kommt in Untersuchungshaft nach Köln-Ossendorf; Lischka hingegen blieb vorerst frei. Erst nach internationalen Protesten wird die Haftstrafe in eine Bewährungsstrafe umgewandelt. Es dauerte acht Jahre bis zur Verurteilung der drei Mörder zu einer mehrjährigen Haftstrafe. Unvergessen und mich tief berührend die Szenen, als 1974 französische jüdische Zeugen in KZ-Uniform vor dem Kölner Gericht gegen die Mörder ihrer Eltern aussagen.
Im Januar 1980 reisen 1200 französische Juden nach Köln zum Prozess, viele demonstrieren mit dem gelben „Judenstern“ vor dem Gerichtsgebäude. Teile der deutschen Presse rücken Beate Klarsfeld bewusst in die Nähe der RAF-Terroristen, denunzierten sie als „Pöbel“ und „Pack“. Die konservative Pariser Tageszeitung Le Figaro bemerkte zum Lischka-Prozess: „In Frankreich ehrt man die Opfer des Nationalsozialismus. In Deutschland schlägt man sie.“
Weitere Stationen ihres Engagements: 1972 reist Beate Klarsfeld zweimal nach Südamerika, um die Auslieferung Klaus Barbies zu erreichen. In Frankreich erhalten sie eine Briefbombe unbekannter Herkunft. 1975 folgen weitere Reisen in den Mittleren Osten, um sich für jüdische Gefangene in Syrien und Irak einzusetzen. Im November 1979 folgt ein Bombenanschlag auf das Auto der Klarsfelds in Paris. 1980 demonstriert sie in Österreich gegen Kurt Waldheim. 1980 wird sie in Algerien verhaftet, als sie einen Banner mit der Aufschrift „Full recognition oft he state of Israel is the first step to peace“ entrollt. 1983 Protestaktionen in mehreren deutschen Städten gegen die Straffreiheit von Alois Brunner. 1984 und 1985 fliegt Beate Klarsfeld mehrmals nach Paraguay und Chile, um auf den Aufenthalt von Josef Mengele und Walter Rauff aufmerksam zu machen. 1986 hält sie sich einen Monat lang im libanesischen West-Beirut auf, um anzubieten, im Austausch für israelische Geiseln in Haft zu gehen. 1987 reist sie nach Buenos Aires, um neue Beweise gegen Josef Schwammberger zu suchen, im gleichen Jahr wird Klaus Barbie – dessen Aufenthalt sie 15 Jahre zuvor aufgespürt hatte – verurteilt. Dies empfindet sie als das „wichtigste Ergebnis“ ihrer Aktionen. 1991 kämpft sie um die Auslieferung des in Syrien lebenden Alois Brunner. 1997 kommt es in Bordeaux zum Prozess gegen Maurice Papon, ihr Sohn Arno Klarsfeld ist der Anwalt der Überlebenden. Papon wird zu einer zehnjährigen Strafe verurteilt. 2001 ruft sie zu einer Demonstration in Berlin gegen den Staatsbesuch des syrischen Präsidenten auf.

50 Rosen für Beate Klarsfeld: Heinrich Böll und Günter Grass

Ich möchte zur Ohrfeige Kiesingers und der bundesdeutschen Diskussion hierzu zurückkommen. Genauer: Zu der sehr unterschiedlichen Art, wie die beiden Schriftsteller Heinrich Böll und Günter Grass hierauf reagierten. Ein Lehrstück deutscher (Verarbeitungs)-Geschichte, die ich früher schon einmal erzählt habe.
Nach der Veröffentlichung seines Israel-„Gedichtes“ hatte Klarsfeld Günter Grass in scharfen Worten angegriffen. Sie warf ihm in seinem „Gedicht“ eine „Hitler-Analogie“ vor. Die ZEIT bemerkt hierzu: „In einer Mitteilung zitierte Klarsfeld aus einer Drohrede, die Hitler 1939 gegen “das internationale Finanzjudentum” gehalten habe. Wenn man den Ausdruck “das internationale Finanzjudentum” durch “Israel” ersetze, “dann werden wir von dem Blechtrommelspieler (…) die gleiche antisemitische Musik hören” wie einst bei Hitler, schrieb Klarsfeld.
Diese scharfe Kritik hatte eine lange Vorgeschichte: Als Beate Klarsfeld Kiesinger wegen dessen Nazi-Vergangenheit eine Ohrfeige verabreichte hatte dies höchst unterschiedliche Reaktionen zur Folge – auch unter deutschen Schriftstellern. Heinrich Böll schickte ihr spontan 50 rote Rosen.
Das ehemalige Waffen-SS-Mitglied Günter Grass hingegen reagierte sehr heftig. Grass war zutiefst empört über diese junge, mit einem französischen Juden verheiratete Deutsche Beate Klarsfeld. Und ließ es sich nicht nehmen – im Einklang insbesondere mit der Springer-Presse der späten 68er Jahre -, dies auch öffentlich zu bekunden, seinem befreundeten Kollegen Heinrich Böll in den Rücken zu fallen. „Da kam eine junge Frau aus Paris gereist” – meldete sich Grass zu Wort -, “und ohrfeigte den Bundeskanzler öffentlich.” Nein, es bestehe kein Anlass, „Beate Klarsfeld rote Rosen zu schicken.”
Heinrich Böll hingegen – 1959 Mitbegründer der Kölner Bibliothek Germania Judaica -, Anfeindungen gewohnt (wenn er diese wohl auch nicht von befreundeten Schriftstellerkollegen erwartet haben dürfte), konterte mit scharfer Ironie. Da Bölls Reaktion nahezu unbekannt und kaum auffindbar ist sei sie weitgehend ungekürzt wiedergegeben:

In recht schulmeisterlicher Weise hat Günter Grass in einer Rede, die die ZEIT abdruckte (…), festgestellt, es habe kein „Anlaß bestanden, Beate Klarsfeld Rosen zu schicken“. Nun, mir erscheint diese Feststellung ziemlich anmaßend, peinlich und, da öffentlich getan, ganz und gar fehl am Platze. Ich frage mich mit der mir zustehenden Bescheidenheit, ob es Günter Grass zusteht, festzustellen, ob und wann ich Anlass habe, einer Dame Blumen zu schicken. Ich hatte Anlaß und bin bereit, den Anlaß allen Schulmeistern unter meinen Kollegen öffentlich kundzutun. Ich war diese Blumen Beate Klarsfeld schuldig.
Meiner ´Generation´ wegen, den Toten und den Überlebenden, unter den Überlebenden denen, die es sich nicht leisten können, Frau Klarsfeld via ´flower power´ ihre Sympathie auszudrücken, weil sie sonst ihre Posten als Volksschullehrer, Studienräte, Fernsehredakteure, Verlagsdirektoren verlören. (…) Ich bestimme selbst, ob ich Anlaß habe, einer Dame Blumen zu schicken. (…) Als ich von Frau Klarsfelds ´Tat´ hörte, war´s elf Uhr abends: eine relativ ungünstige Zeit, Blumen auf den Weg nach Paris zu schicken. Ich hatte also Zeit, mit meiner Familie zu diskutieren, darüber zu schlafen, beim Frühstück nochmals zu diskutieren, nachzudenken, und ließ dann noch drei Stunden vergehen, bevor ich meinen zweitältesten Sohn zum nächsten Blumenladen schickte, den Auftrag aufzugeben. Später habe ich Frau Klarsfeld noch einmal Blumen geschickt, und ich werde – Pardon! – ihr ein drittes Mal Blumen schicken, wenn ICH Anlaß dazu sehe.

Demnächst erhalten Beate und Serge Klarsfeld das Bundesverdienstkreuz durch Joachim Gauck. Sie werden die Auszeichnung auch annehmen. „Die Auszeichnung ist für mich eine große Genugtuung“, bemerkte sie in einer ersten Reaktion.

Links:

Antisemitismus als Lackmustest der Demokratie

"Plutokratie der Zionisten" - antisemitische Parolen vor dem Kanzleramt in Berlin im Jahr 2014 (Foto: Oliver Feldhaus)

Der Bleistift – das Symbol gegen den Terror von Paris. Nun gehört er auch Kopenhagen. Zwei Menschen wurden Opfer eines Wahns, der die Freiheit der Meinung genauso hasst wie die Juden. Ein Literaturcafé und eine Synagoge – das passt zusammen. Sie sind die realen und symbolischen Tatorte eines Vernichtungswillen gegen die offene Gesellschaft, die von den Mördern mit allem Jüdischen gleichgesetzt wird.

Von Anetta Kahane, Amadeu Antonio Stiftung

Mit Offenheit meinen die Täter nicht das Interessante, Widersprüchliche, Vielfältige und Lebendige der demokratischen Gesellschaften. Offen ist ihnen kein gutes Wort. Sie sehen in der Freiheit nur Düsternis und Verschwörung, Unmoral und Anmaßung. Die ideologisierte, negative Beschreibung der westlichen Demokratien ist fast immer identisch mit den alten und groben antisemitischen Klischees. Deshalb töteten die Terroristen von Paris in der Redaktion von Charlie Hebdo UND im jüdischen Supermarkt. Deshalb ist es jetzt in Kopenhagen die Veranstaltung zur Meinungsfreiheit UND die Synagoge.

"Plutokratie der Zionisten" - antisemitische Parolen vor dem Kanzleramt in Berlin im Jahr 2014 (Foto: Oliver Feldhaus)
„Plutokratie der Zionisten“ – antisemitische Parolen vor dem Kanzleramt in Berlin im Jahr 2014 (Foto: Oliver Feldhaus)

Wenn Europa nicht versteht, wie sehr der Antisemitismus mit der Feindschaft gegen die offene Gesellschaft zusammenhängt, wird es seine Offenheit nur schwer verteidigen können. Der Antisemitismus kehrt zu seinen Wurzeln zurück, er braucht längst nicht mehr den Umweg über Israelhass. Er ist die gemeinsame Ideologie von Islamisten, Antiimperialisten gegen Amerika (Russland ist zwar Imperium, darf es für diese Leute aber ungehindert sein), Verschwörungsideologen aller Art, Aluhüten und Pegidisten, Neonazis und durchknallten Technikfeinden.

Dabei liegen sie auf der Hand: Vor 75 Jahren, am 13. Februar 1940 wurden alle Juden aus Pommern deportiert und von Stettin aus in die Vernichtung geschickt. Diese Aktion galt als Versuchsballon. Die deutschen Nazis, Kollaborateure und Profiteure wollten testen, ob sie mit Widerstand zu rechnen haben oder so weitermachen können. Wir kennen das Ergebnis. Fünf Jahre später bombardierten die Alliierten Dresden und bis heute ist es vielen Dresdnern nicht beizubringen, dass das eine mit dem anderen zu tun hatte.

Antisemitismus findet seine jüdischen Opfer. Die mag man mitunter zynisch ignorieren, weil sie bei den paar Juden, die übriggeblieben sind, kaum ins Gewicht fallen. Gewiss gibt es ein Vielfaches an Opfern von Rassismus, weswegen Rassismus zu Recht als großes Problem gesehen wird. Damit aber Antisemitismus zu relativieren, weil mangels Masse nur ab und zu Juden bespuckt, beschimpft, geschlagen oder erschossen werden, ist kurzsichtig. Denn heute steht er für eine Haltung gegen jede universalistische Liberalität und gegen den Kampf für Menschenrechte. Antisemitismus ist für sich ein Übel, doch darüber hinaus bleibt er der Lackmustest für das Gift in der Gesellschaft.

Vor einigen Wochen konnten wir mit einem Bleistift kundtun, was wir vom Morden gegen die Freiheit halten. Das hat leider nicht lange vorgehalten. Vielleicht sollten wir jetzt den Bleistift beiseitelegen und uns darüber verständigen, ob wir in einer demokratischen Gesellschaft leben wollen oder in einer autoritären. Denn das sind ist die Alternativen, wenn die Herausforderungen und Gefahren nicht gesehen werden, die der Antisemitismus mit sich bringt. Ihn zu verniedlichen macht nichts besser – egal, wer der oder die Täter von Kopenhagen waren.

Siehe auch: Was tun gegen den islamistischen Terror?

Was tun gegen den islamistischen Terror?

"Israel-Kritik" als Pop
"Israel-Kritik" als Pop
„Israel-Kritik“ als Pop

Der islamistische Terror hat im neuen Gewand die großen Städte Europas erreicht. Keine großen Bombenanschläge, sondern Angriffe mit Schusswaffen: Nach den Anschlägen von Paris und Kopenhagen wird über geeignete Maßnahmen diskutiert. Die Herausforderung besteht darin, vermeintlich gegensätzliche Strategien miteinander zu verbinden – und über Antisemitismus aufzuklären.

Von Patrick Gensing

Während nach den komplexen Anschlägen von New York, Madrid und London mit Tausenden Todesopfern vor allem auf erweiterte staatliche Überwachungs- und Sicherheitskonzepte gesetzt wurde, mit dem „War on terror“ sowie den Drohnen-Angriffen neue Generationen von Terroristen herangezogen worden sind, liegt der Fokus in den jüngsten Debatten offenbar anders. Denn die Konzepte zum „War on terror“ dürften als teilweise gescheitert in die Geschichtsbücher eingehen. Zwar wurden sicherlich Anschläge vereitelt, Strukturen zerstört – dennoch hat der islamistische Terrorismus weltweit eine Schlagkraft entwickelt, wie sie vor zehn Jahren undenkbar war.

Zudem unterscheiden sich die jüngsten Anschläge von Islamisten von 9/11 und anderen Taten deutlich: Wir haben es heute mit radikalisierten Kleingruppen zu tun, Homegrown Terrorists, die mit relativ wenig Aufwand ihre Taten geplant und durchgeführt haben. Eine DIY-Al-Kaida: Einige handliche Schusswaffen statt riesiger Sprengsätze, ein geklauter Fluchtwagen statt ganzer Flugzeuge – die Attentäter können so unterhalb der Wahrnehmungsgrenze der Sicherheitsbehörden agieren. Die Grenze zwischen Eskapismus und Terrorismus scheint sich geradezu aufzulösen, der Weg zum politischen Terrorismus kurz. Dies korrespondiert mit den Konzepten von palästinensischen Kämpfern, die auf die „Auto-Intifada“ setzen – oder schlicht mit Messern und anderen Stichwaffen losschlagen, um Terror im Alltag zu verbreiten.

Expertin aus Berlin im Weißen Haus

US-Vize Joe Biden hat bei einer Konferenz im Weißen Haus zur Radikalisierung von islamistischen Attentätern, die im Westen aufgewachsen sind, die richtigen Worte gefunden: Eine bessere Integration von Migranten ist die beste Prävention gegen Radikalisierung, die westlichen Gesellschaften müssten das bessere Angebot machen, den jungen Menschen Chancen eröffnen und ihnen Perspektiven bieten. Die USA seien für diese Aufgabe besser aufgestellt, so Biden, da die USA in ihrer Geschichte bereits kulturelle Integration immer wieder erfolgreich vollbracht hat. De facto ist es die Basis der USA – was man über Europa nicht unbedingt sagen kann. Zwar basiert auch Europas Kultur auf Wanderbewegungen und Migration, doch sind die Widerstände gegen eine multikulturelle, kosmopolitische Gesellschaft in vielen Staaten weit stärker als in den USA.

„Eines der besten Gegengifte gegen die hasserfüllte Ideologie, die Menschen radikalisieren und für den gewalttätigen Extremismus rekrutieren will, ist das Beispiel toleranter und vielfältiger Gesellschaften, die Beiträge aller Menschen jeden Glaubens willkommen heißt“, sagte Obama. Und bemerkenswert ist auch, dass die US-Regierung Experten aus Deutschland zu ihrem Gipfel gegen die Radikalisierung eingeladen haben, beispielsweise die geschätzte Claudia Dantschke aus Berlin, die auf Publikative über Salafisten geschrieben hatte.

In Deutschland ruft CSU-Chef Seehofer derweil auf dem Politischen Aschermittwoch lieber die Leitkultur aus und definiert Integration als pure Assimilation.

Mit Bildung gegen den IS?

Doch ausschließlich mit mehr Integration und mehr Geld für Bildung kann der islamistische Terror nicht besiegt werden. Denn dieser hat eine internationale Komponente: Der Islamische Staat und auch Boko Haram demonstrieren mit immer neuen, unfassbar brutalen Gewalttaten und Hinrichtungen, welche eliminatorische Kraft die islamistische Ideologie den fanatischen Kriegern gibt. Zudem reisen junge Leute aus Europa nach Syrien, in den Irak und in andere Staaten, um sich an diesem Kampf gegen die Moderne, gegen Menschenrechte und Würde zu beteiligen.

Viele kehren nach Europa zurück, traumatisiert, brutalisiert, enthemmt. Diese Leute können nicht einfach durch bessere Bildung oder Integrationsangebote beruhigt werden, dafür sind ihr Hass und ihre Gewalttätigkeit viel zu gefährlich. Hier müssen neben den oben skizzierten progressiven Maßnahmen auch klassische Sicherheitskonzepte greifen.

Israel als „rotes Tuch“?

Und dann fehlt noch etwas: Das Verständnis von Ideologie. Entweder wird dieses Element einfach ausgeblendet oder bestritten: Der Attentäter habe „als palästinensisches Flüchtlingskind“ das Thema Israel eben als ein „rotes Tuch“ gesehen, hieß es beispielsweise zu Kopenhagen. Doch genau das macht doch den modernen Antisemitismus aus: Jüdische Dänen werden verantwortlich gemacht für die Geschehnisse in Nahost. Es wäre so ähnlich, als würde man sagen, der NSU sei nicht rassistisch gewesen, er habe nur wegen der „Überfremdung“ in den westdeutschen Städten rot (bzw. braun) gesehen…

Die Entsorgung des Antisemitismus treibt erstaunliche Blüten. Ein Angriff auf eine Synagoge in Wuppertal sei nicht antisemitisch motiviert gewesen, meinte ein Gericht – exakt wie bei Angriffen auf Flüchtlinge gerne ein rassistisches Motiv geleugnet wird. Auch der Fall Elsässer gegen Ditfurth zeigt, welch absurden Vorstellungen von Antisemitismus in Deutschland an der Tagesordnung sind. Als im Sommer „Tod den Juden“ und ähnliche Parolen auf „Gaza“-Demos geschmettert wurden, war das Erstaunen groß – und die Konsequenzen klein. Bei einer Kundgebung zur Solidarität mit Juden in Berlin, unterstützt von großen Medien und allen Fraktionen des Bundestags, verloren sich wenige Tausend Menschen.

Auch in Dänemark hatte es bereits Angriffe auf Juden gegeben – alles unter dem Label der „Israel-Kritik“. Und das sogar bereits im Jahr 1985, als Palästinenser die Große Synagoge in Kopenhagen angreifen wollten. Der antisemitische Terror hat eine lange Tradition, wird aber jetzt erst wieder von der großen Öffentlichkeit entdeckt.

Obama - gesteuert von Israel... (Foto Sacha Stawski)
Obama – gesteuert von Israel… (Foto Sacha Stawski)

Antisemitismus beginnt für viele offenbar dann, wenn die Schornsteine rauchen – dabei handelt es sich um ein Ressentiments, das sich bereits in Haltungen und Erklärungsmustern massenhaft findet. Ein Ressentiments, das sich genau wie der Rassismus wandelt und modernisiert. Es liegt eine umfangreiche internationale wissenschaftliche Forschung dazu vor, die in Deutschland aber kaum wahrgenommen wird. Nicht antisemitische Einstellungen oder Aussagen werden skandalisiert, sondern die Kritik daran – so wie in den Fällen Augstein und Grass.

Doch das Unwissen bzw. offensive Leugnen von Ressentiments als Motiv verleiht den Taten eine vermeintliche Legitimation: Wenn Angreifer auf Synagogen und Juden – ob in Paris, Wuppertal oder Kopenhagen – doch nur aus Ohnmacht angesichts der israelischen Politik handeln würden, werden ihre Taten bereits ein Stück weit gerechtfertigt. Wieder der Vergleich zum Rechtsterrorismus: Würden Experten den militanten „Heimatschutz“ von Uwe, Uwe und Beate so verharmlosen, die Welle der Empörung wäre groß.

Where are they now?

Womit wir bei der so genannten Zivilgesellschaft wären, die sich seit Jahren gegen Neonazis und Rassismus engagiert. Das finde ich sehr gut. Und die Arbeit ist auch erfolgreich, Neonazis wurden in vielen Regionen zurückgedrängt, Gedenkkultur hinterfragt, alternative Jugendkulturen gefördert. Ein Fortschritt. Leider fehlen viele dieser Akteure, wenn es um Demonstrationen gegen den islamistischen Terror geht. Die Kundgebungen nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo waren vor allem von bürgerlichen Organisationen getragen.

Warum ist das so? Vielleicht, weil die ethnische und soziale Stigmatisierung von Menschen mit Migrationshintergrund als ein Grund für den Weg zum Terrorismus gilt? „Niemand wird als Dschihadist geboren, er wird dazu gemacht“, betonte der Journalist Yassin Musharbash im Deutschlandfunk. Das klinge zwar wie eine Binsenweisheit, doch tatsächlich „liegt hier ein Lösungsansatz verborgen, der in der Terrorbekämpfung viel zu kurz kommt.“ Genau so ist es: Eine intelligente Terrorbekämpfung setzt nicht nur auf Repression, sondern auch auf Prävention.

Sind die Attentäter von Paris und andere Terroristen also logische Produkte von Armut, Ausgrenzung und Rassismus? So einfach ist es auch nicht, denn dann müsste es Hunderttausende Menschen geben, die zu den Waffen greifen, was glücklicherweise nicht der Fall ist.

Es gebe aber entsprechende soziale Bedingungen, die in der Tat die Entstehung solcher Tragödien begünstigten, betont der Soziologe Dietmar Loch. Im Gespräch mit tagesschau.de sagt der Professor der Universität Lille, dass soziale Ausgrenzung und rassistische sowie sozialräumliche Diskriminierung vor allem gegenüber den in den französischen Vorstädten lebenden Jugendlichen mit postkolonialem Hintergrund seit Jahrzehnten präsent und bekannt seien.

Die Frustration über die eigene Situation sei der Nährboden, so Loch. Gleichzeitig müsse es dazu aber ein entsprechendes ideologisches Angebot geben – wie beispielsweise im heutigen internationalen Kontext den Islamismus. Auf individueller Ebene seien es schließlich persönliche Erfahrungen dieser jungen Menschen, die zu Brüchen in der Biografie führen. Solche Brüche liefen zumeist nach folgendem Muster ab: Abgleiten in die Delinquenz, Aufenthalt im Gefängnis, dortige Radikalisierung durch Mitinsassen. Allerdings würden nur die allerwenigsten Jugendlichen diesen Weg der Radikalisierung einschlagen, auf dem sie dann für ihr individuelles Handeln zum allein verantwortlichen Täter werden.

Terroristen sind keine Opfer

Attentäter, die eine Bar-Mitzwa-Feier angreifen, um möglichst viele Menschen zu ermorden, die in einem Supermarkt Kunden töten, sind keine Opfer, sondern Täter. Gleichzeitig müssen aber alle Anstrengungen unternommen werden, damit nicht weitere Menschen zu solchen Tätern werden. Dazu ist ein Zusammenspiel von verschiedenen Maßnahmen notwendig: mehr Integration und Respekt, dazu sinnvolle und angemessene Arbeit der Sicherheitsbehörden – und ein klares Verständnis der Ideologie der Täter.

Um ein solches Maßnahmenpaket schnüren zu können, müssten Politiker zu echten Kompromissen bereit sein, weil verschiedene eher linksliberale und konservative Konzepte verbunden werden müssen. Ob die Bundesregierung dazu in der Lage sein wird, muss leider bezweifelt werden. Echte Priorität genießt das Thema offenbar nicht, im Innenministerium dominieren zudem die Hinweise auf die Sicherheitsmaßnahmen – und der Umgang mit der Antisemitismus-Forschung lässt auch nichts Gutes erahnen.

The Krauts in Paris

Täglich vier Reportagen und Geschichten? Ankündigung der Krautreporter

Der Anschlag auf Charlie Hebdo und die Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt beschäftigen auch die Krautreporter. Am Beispiel der Berichterstattung aus Paris zeigen sich exemplarisch die Schwächen des medial viel beachteten Projekts.

Von Patrick Gensing

Zuletzt ist in Kreisen von Netzjournalisten erneut eifrig über die Krautreporter diskutiert worden. Diese wollten erst den Online-Journalismus reparieren – präsentieren sich seitdem aber als eine Art Schüler AG, die gar keine großen Versprechen gegeben habe und ohnehin zunächst über Monate Ideen entwickeln und lernen müsse. Man kann das sympathisch ehrlich finden – oder schlicht dreist. Wie auch immer: Dass mit großen Ankündigungen und der großflächigen Berichterstattung von Kollegen, die das Projekt selbst unterstützen (was in anderen Fällen sicherlich ein Thema für die Netzgemeinde wäre), relativ viel Geld per Crowdfunding eingesammelt und dann wenig „geliefert“ wird – dürfte wohl mittelfristig nicht gerade zum Erfolgsmodell des Journalismus nach der digitalen Revolution avancieren.

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Als „Krönung“ erfanden die Krautreporter dann noch einen Newsletter („Morgenpost“), in dem einige Links zu lesenswerten Artikel gebündelt werden. Angesichts solcher „Neuerungen“ im Jahr 2014 erscheint es fast schon folgerichtig, dass die Krautreporter auf ihrer Seite auf eine Suchfunktion oder inhaltliche Gliederung verzichten und fehlende Aktualität als Qualitätsmerkmal verkaufen. Obendrein bleiben die Krautreporter weit hinter Ankündigungen bzw. geschürten Erwartungen zurück, was die Anzahl der Reportagen angeht, einige Autoren schreiben viel, andere gar nicht – und ob man ein Kundenmagazin für Journalisten, ein junger Old-Boys-Club oder eine Wochenendausgabe der SZ sein will, bleibt bislang auch unklar. So weit, so bekannt.

„Pulverfass Nahost“?

„Frau Meike“ thematisierte bereits die geringe Relevanz vieler KR-Beiträge. Dieser Mangel hat möglicherweise auch damit zu tun, dass die Wahrnehmung bei vielen Themen verengt erscheint: Der Mittelpunkt der Auslandsberichterstattung beispielsweise liegt bei den Krautreportern exakt im Gazastreifen: Zu keinem anderen Thema finden sich auch nur ansatzweise so viele Beiträge wie zu Nahost – ohnehin nicht gerade der blinde Fleck von deutschen Medien. Und während der Bau von Wohnungen in Jerusalem bisweilen als vermeintliches Kriegsverbrechen gebrandmarkt wird, zucken viele Kollegen derzeit nur mit den Schultern, wenn Ägypten eine halbe Stadt an der Grenze zum Gazastreifen platt macht. Doppelte Standards at  it`s best.

Über Tilo Jungs Interviews und Beiträge aus Nahost (Martin Lejeunes Ausführungen oder „Hamas wie die CDU“) wurde bereits viel gesagt und geschrieben. Aber auch IFVictoria Schneider berichtete als Reporterin für die Krauts aus Gaza. Eines ihrer Spezialgebiete, auf ihrem Twitter-Account veröffentlichte sie über viele Wochen fast ausschließlich Tweets über oder aus Gaza.

Anschläge auf Juden?

Nach dem islamistischen Anschlag auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und der Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt entschlossen sich die Krautreporter, Schneider nach Paris zu schicken. Dass dies wiederum mit einigen Tagen Verzögerung geschah, soll hier nicht das Thema sein.

Vor Schneiders Abreise wollten die Reporter von ihrer Crowd noch wissen, welche Themen spannend seien. Auf Facebook schlugen zwei Leser eine Reportage aus der jüdischen Community in Paris vor – immerhin richtete sich die Geiselnahme genau gegen diese – und es war leider auch nicht der erste tödliche Anschlag auf französische Juden in den vergangenen Jahren.

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Eine Antwort der Krautreporter auf diesen von relativ vielen anderen Nutzern unterstützen Vorschlag blieb auf Facebook aus. Dafür adelten sie eine andere Idee als „interessante Frage“:

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„VERARSCHE“ und eine „interessante Frage“ nach Brüderpaaren also: Die bösen Vorahnungen sind mittlerweile Realität geworden. Wer in den Krautreporter-Texten aus Paris Begriffe wie jüdisch oder antisemitisch sucht, wird wenig Erfolg haben. Der Fokus liegt hier auf der sozialen Benachteiligung von Jugendlichen aus Einwandererfamilien – und auf der Stigmatisierung von Muslimen.

Das hat zwar durchaus eine Menge mit Paris zu tun, ist aber eben wiederum nur ein Teil der Geschichte, eine bestimmte Perspektive, die zumeist aus antikolonialer Sicht stark betont wird, während die islamistische Ideologie gerne relativiert oder übersehen wird. Dabei kann die soziale oder ethnische Diskriminierung zwar der Nährboden für homegrown terrorists sein – ohne passende Ideologie dürfte der Weg von Betroffenen aber eher in die organisierte Kriminalität führen – und nicht in den politischen Terrorismus.

Die Ideologie und somit auch die jüdischen Opfer werden in der Berichterstattung der Krautreporter schlicht ausgeblendet. Der Begriff Judentum taucht in einem Text der Krautreporter aus Paris über die Attentate beispielsweise lediglich auf, als es um den Zeichner Siné geht: Dieser sei wegen eines Witzes über das Judentum von Charlie Hebdo gefeuert worden, heißt es in dem KR-Artikel.

Es ging nicht um einen Witz über das Judentum

Ist das nicht typisch und ungerecht? Die Muslime sollen Karikaturen klaglos ertragen, aber bei Witzchen über das Judentum werden Zeichner gleich gefeuert? Vor der jüdischen Lobby wird eingeknickt… Ja, so könnte man denken, so als Mitteleuropäer, der einige Ressentiments als kulturelles Erbe des Abendlandes mit auf den Weg bekommen hat und diese deswegen gar nicht als solche wahr nimmt.

Doch wenn man sich die Mühe macht, zum Fall Siné ein bisschen zu googlen, so wird schnell klar, dass die Sache etwas anders lag – und man stößt beispielsweise auf folgendes Zitat des Zeichners Siné:

In 1982, soon after a terrorist attack had taken place on Jews in Paris, Siné gave an interview on the radio during which he stated: „Yes, I am anti-Semitic and I am not scared to admit it […] I want all Jews to live in fear, unless they are pro-Palestinian. Let them die.“ He later apologised for his comments. (The Guardian, 3. August 2008)

In dem Konflikt, der 2008 zum Bruch zwischen Charlie Hebdo und Siné führte, ging es keineswegs um einen Witz oder Satire über das Judentum als Religion allgemein, sondern ganz konkret um den Sohn des damaligen konservativen Präsidenten – um Jean Sarkozy, zu der Zeit 21-jähriger Student, der eine jüdische Französin heiraten wollte, was umgehend zu Spekulationen führte, Jean Sarkozy wolle zum Judentum konvertieren. Die taz übersetzte den umstrittenen Artikel von Siné folgendermaßen:

„Jean Sarkozy, würdiger Sohn seines Papas, sitzt schon im Regionalparlament. Und ist vor ein paar Tagen praktisch unter dem Applaus seiner Kumpel von einem Strafgericht freigesprochen worden, das ihn wegen Fahrerflucht vorgeladen hatte. Aber der Kläger war ja nur Araber. Das ist nicht alles: Jean Sarkozy hat erklärt, er wolle zum Judentum übertreten, bevor er seine Verlobte heiratet, eine Jüdin, Erbin der Darty-Haushaltsgeräte-Kette. Der Kleine wird es weit bringen.“

Die Diskussion um die Siné-Affäre war äußerst kontrovers und vor allem komplex, sie stand zudem in einem größeren Kontext. Worum es in dieser Angelegenheit aber auf jeden Fall nicht ging, war ein Witz oder eine Karikatur über die jüdische Religion, sondern die Debatte drehte sich um das Ressentiments, Juden seien auf allen Ebenen – gesellschaftlich, wirtschaftlich, politisch – erfolgreicher; und das, weil sie jüdisch seien, was einer Reproduktion von alten Stereotypen entspricht – und eben keiner progressiven Religionskritik oder Satire.

Von all dem erfährt man bei den Krautreportern nichts. Sogar der staatliche iranische Sender Press TV erwähnte in einem Beitrag zu Charlie Hebdo immerhin, worum es in der Siné-Affäre ging – auch wenn man dennoch versuchte, einen vermeintlichen Widerspruch in dem Agieren von Charlie Hebdo bei Religionskritik aufzuzeigen.

Aggressive Juden in Paris

Das war Mitte Januar. Nun dachte ich mir: „Warte mal lieber ab, was die Krautreporter noch aus Paris liefern, denn die Geschwindigkeit (Aktualität) soll bei diesem Projekt ja offenbar keine entscheidende Rolle spielen.“ Und tatsächlich legte Victoria Schneider am 3. Februar nach, mit einem Porträt des Künstlers Anthony Verlaine aus Paris, der „aus Wut aktivistische Mode“ mache – mit hippiesken T-Shirt-Sprüchen wie „I am Jew – and I love Arabs“ oder andersherum: „I am arab – and I love Jews“. Auch eine Taube in den Farben Palästinas und Israels wird in der Kollektion der Marke angeboten. Ein bisschen Frieden.

Die Relevanz des Beitrags erschließt sich mir zwar ehrlich gesagt kaum, doch das mag Geschmackssache sein; aber immerhin werden in diesem Krautreporter-Stück auch französische Juden erwähnt – sogar das Pariser Viertel Le Marais. Und das klingt dann so:

Er [Anthony Verlaine] erinnert sich an einen Vorfall in seiner Kindheit, als er von einem radikalen Muslim angegriffen wurde, weil er auf der Straße eine Wurst aus Schweinefleisch aß. Ebenso habe er im jüdischen Viertel von Paris, Le Marais, einmal beobachtet, wie eine Gruppe radikaler Juden der Befreiungsfront einen Touristen angriffen, weil der eine Kiffije trug.

Radikale Juden aus der Befreiungsfront? Nach den Anschlägen von Paris sind französische Juden bei den Krautreportern entweder gar nicht existent – oder treten nur als aggressive Radikale auf, die Menschen mit Palästinensertüchern attackieren. Chapeau!

Kommt noch was?

Krautreporter-Macher Sebastian Esser betonte in einem Interview jüngst noch einmal, wie wichtig es sei, Ideen für Geschichten mit der Crowd zu entwickeln. Dass die Crwod der Krautreporter allerdings wiederum vor allem aus Medienmenschen aus Berlin und Hamburg besteht, spricht nicht unbedingt dafür, dass hier ganz neue Perspektiven entwickelt werden. Und der Wunsch zahlreicher Leser auf Facebook, die Krautreporter mögen doch über die jüdische Gemeinde in Paris berichten, wurde bislang offenkundig ignoriert.

Kommt vielleicht noch etwas aus Paris?, wollte ich von den Krautreportern wissen, um nicht vorschnell zu urteilen. Die Antwort: Victoria Schneider arbeite an einem Stück über das Bildungssystem.

Origineller oder zumindest aktueller werden die Krautreporter also offenbar nicht, denn die Debatte über die Bildungspolitik in Frankreich läuft bereits seit einigen Wochen auf Hochtouren. Auf die Nachfrage, ob es vielleicht doch noch eine Reportage aus der jüdischen Gemeinde geben werde, folgte dann keine Antwort mehr.

Und was sagt uns das alles? Die Berichterstattung der Krautreporter bringt zu dem bislang wichtigsten Thema des Jahres keine neuen Erkenntnisse, sie ist sogar einseitig und unterkomplex. Nun ist es für kleine Medien schwierig, sich bei Themen zu profilieren, die bereits von den großen Playern über Wochen (Paris) oder Jahre (Nahost) ausgeleuchtet wurden. Aber warum setzt man dann auf solche Themen? Warum entschließen sich die Krautreporter nach Wochen der öffentlichen Diskussionen, irgendetwas zu PEGIDA zu machen?

Vegetarische Kraut? Weder Fisch noch Fleisch!

Das Wortspiel „Kraut & Rüben“ drängt sich geradezu auf: Einige gute Texte von bekannten Journalisten machen noch kein lesenswertes Online-Magazin. Es fehlt eine redaktionelle Linie, ein eigener Ansatz, eine grundsätzliche Entscheidung, was die Krautreporter sein sollen.

Dass die Krautreporter angesichts ihrer Mittel und Unterstützung bislang wenig erfolgreich sind, zeigt auch deren weitestgehende Abwesenheit in sozialen Medien: Ihre Artikel werden auf Facebook und Twitter kaum geteilt und diskutiert, bei Alexa liegen sie auf der Liste von deutschen Seiten auf Rang 7202; es gibt einen beachtlichen Männerüberschuss in der Leserschaft und die Nutzer kommen auf die Seite, weil sie nach dem Begriff „Krautreporter“ oder „Niggemeier“ gesucht haben – nicht nach bestimmten Inhalten.

Auch wenn die Krautreporter nicht müde werden zu betonen, viele Spender seien zufrieden und würden wieder ein paar Euro pro Monat geben, erzählen die Rückmeldungen in Blogs und sozialen Medien eine andere Geschichte. Ein befreundeter Fotograf brachte die Sache bei Facebook auf den Punkt: „Ich finde die so belanglos, schaue da kaum noch vorbei und Geld bekommen die von mir keins mehr.“

„Das hat nichts/etwas mit dem Islam zu tun“: Was man damit tut

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„Das hat nichts mit dem Islam zu tun“, sagen die einen. „Das hat sehr wohl etwas mit dem Islam zu tun“, sagen die anderen. So wird im Nachgang der Massaker von Paris wieder einmal über das Verhältnis zwischen djihadistischem Terror und dem Islam gestritten. Nachdem im ersten Teil dieses Essays das Verhältnis von Islam und Djihadismus reflektiert wurde, geht es hier um diese Frage, was es eigentlich heißt, das eine oder das andere zu sagen.

Ein Essay von Floris Biskamp, Teil II

Eine Reflexion über den Satz: „Das hat nichts/etwas mit dem Islam zu tun“, muss auf zwei Ebenen stattfinden: Auf der ersten, offensichtlicheren Ebene ist nach dem Wahrheitsgehalt der beiden Aussagen zu fragen, also danach, inwiefern sie die Taten, ihre Ursachen und ihren Kontext angemessen beschreiben. Auf der zweiten Ebene sind die Äußerungen als Sprechakte zu verstehen, also als soziale Handlungen, die selbst soziale und politische Konsequenzen haben. Die erste Ebene habe ich hier diskutiert, nun geht es um die zweite Ebene:

Stellt man die Frage, ob die Massaker „etwas mit dem Islam zu tun“ haben, also im Hinblick auf den Wahrheitsgehalt der Aussage, kann man sie so beantworten: Die djihadistische Ideologie der Mörder ist eine bestimmte, relativ junge Linie innerhalb der islamischen Tradition. Diese Traditionslinie lässt sich vom islamischen Mainstream in Europa unterscheiden und wird von der großen Mehrheit der Muslim_innen in Europa verurteilt, hat aber auch einige inhaltliche Verbindungen mit dem Mainstream. Die Gründe dafür, dass sich junge Menschen dieser Ideologie anschließen und zu Mörder_innen werden, sind jedoch in erster Linie nicht in der islamischen Ideengeschichte, sondern in den sozialen und politischen Umständen zu suchen.

Allerdings versteht man die aufgeregten Aushandlungen über die Frage ob die Massaker etwas „mit dem Islam zu tun“ haben, bestenfalls halb, wenn man nur nach dem Wahrheitsgehalt der Aussagen fragt. Mindestens ebenso wichtig sind die politischen Aushandlungen, die mit dem Aussprechen der Aussagen vollzogen, die sozialen Differenzierungen die hergestellt oder bestritten werden.

Der Streit darüber, ob die Anschläge „etwas/nichts mit dem Islam zu tun“ haben, hat eine gewisse Ähnlichkeit zum Streit darüber, ob „der Islam zu Deutschland gehört“. Es geht hier nicht nur um die mehr oder weniger angemessene Beschreibung der Realität – Was ist schon ‚Deutschland‘? Was ist schon ‚der Islam‘? Was heißt hier ‚dazugehören‘? –, sondern auch um politische Aushandlungen, um Fragen von Zugehörigkeit, Schuldzuweisung, Stigmatisierung, Verantwortung, um Ein- und um Ausgrenzung – oder anders gesagt: um so ziemlich alles, was schon mal unter dem Label „Integration“ verhandelt oder beschwiegen wurde. Will man diese Seite des Konflikts verstehen, ist nicht nach dem Wahrheitsgehalt, sondern repräsentationskritisch nach der sozialen Funktion und nach den zu erwartenden politischen Effekten der Äußerungen zu fragen.

Freilich darf man diese zweite Perspektive nicht einfach gegen die erste ausspielen, wie es in den Tagen nach den Massakern von Paris teils geschehen ist. Einige Reaktionen auf die Anschläge klangen so, als müsse die erste Sorge nun dem guten Ruf des Islam gelten. Diese Gewichtung ist mehr als fragwürdig. In den letzten Jahren gab es eine ganze Reihe djihadistischer Anschläge und Massaker in Europa, von denen zuletzt drei offensiv antisemitisch waren: 2012 wurden vor einer jüdischen Schule in Toulouse, 2014 im jüdischen Museum in Brüssel nun in einem jüdischen Lebensmittelladen in Paris jeweils vier Personen ermordet. Angesichts dessen muss die Aufgabe von höchster Priorität darin bestehen, die Ursachen dieser djihadistischen und antisemitischen Morde möglichst genau zu benennen und zu bekämpfen.

Die sehr reale Gefahr der Stigmatisierung und Polarisierung

Das bedeutet jedoch nicht, dass das Feindbild Islam und antimuslimischer Rassismus eine Fiktion wären und in diesem Kontext ganz ausgeblendet werden könnten. So scheinen die jüngsten Erfolge des Front National nicht zuletzt daraus zu resultieren, dass Marine le Pen den traditionellen Antisemitismus der Partei hat zurücktreten lassen und stattdessen verstärkt auf die Hetze gegen Islam und Muslim_innen setzt. Ebenfalls real ist die Gefahr, dass der Hass auf den Islam sich im Nachgang von djihadistischen Anschlägen intensiviert. Dies zeigen die zahlreichen, unmittelbar nach den Massakern begangenen Übergriffe auf islamische Einrichtungen und auf Muslim_innen in Frankreich.

Das heißt nicht, dass man irgendwelche Wahrheiten verschweigen müsste, es heißt aber zumindest, dass man bedenken sollte, welche Effekte es haben könnte, die Wahrheiten in bestimmten Weisen auszusprechen. Die zu vermeidenden Effekte sind dabei nicht, dass irgendwelche religiöse Normen oder Gefühle verletzt werden, und auch nicht, dass der Ruf des Islam sich verschlechtert. Der gefährliche und zu vermeidende Effekt besteht vielmehr darin, dass Islam und Muslim_innen stigmatisiert werden, so dass ein ohnehin schon bestehendes gesellschaftliches Klima verschärft wird, in dem sie Opfer von Ablehnung, Diskriminierung und Gewalt werden.

Wer in einem solchen Klima über den Islam spricht, trägt eine gewisse Verantwortung dafür, in welche Diskurse sie oder er sich dabei einschreibt. Damit ist nicht der „verantwortliche Umgang mit der Meinungsfreiheit“ gemeint, den manche in den letzten Jahren von Karikaturist_innen gefordert haben. Auch diese falsche Forderung nach Verantwortung ist eine biedermännische Unterstützung der djihadistischen Brandstifter, weil damit die Karikaturist_innen als Provokateur_innen verunglimpft werden und ihnen so eine Mitschuld an der gegen sie gerichtete Gewalt zugeschoben wird. Derartiges Victim-Blaming ist entschieden zurückzuweisen.

Die Verantwortung, um die es hier geht, ist eine Reflexion darüber, ob das eigene Sprechen dazu beiträgt, ein Feindbild Islam zu stabilisieren, das zu Diskriminierung, Hass und Gewalt gegen reale oder vermeintliche Muslim_innen führt; eine Reflexion darüber, ob sich die Probleme auch auf eine Weise benennen lassen, bei der das unwahrscheinlicher ist. Natürlich sind die diskursiven Effekte des eigenen Sprechens nie in Gänze abzusehen oder zu kontrollieren, aber man kann doch Abschätzungen vornehmen.

Das stumpfe und bisweilen regelrecht genüssliche Insistieren darauf, dass die Attentate „etwas mit dem Islam zu tun haben“ dürfte oftmals zur Stärkung marginalisierender und kulturrassistischer Diskurse beitragen – zumindest dann, wenn es nicht mit den notwendigen Differenzierungen einhergeht. Wenn die sozialen und politischen Umstände, unter denen sich die drei Mörder radikalisiert haben, ausgeblendet und die Ursachen in irgendwelchen Koranversen, Hadithen oder Aussagen von islamischen Gelehrten gesucht werden, werden die Taten kulturalisiert und werden Muslim_innen als gefährliche Minderheit stigmatisiert – ganz unabhängig davon, ob die Sprecher_innen das beabsichtigen oder nicht, ganz unabhängig davon, ob ihre Aussagen wahr sind oder nicht.

Die Gefahr einer Islamisierung der Debatten

Doch die Stigmatisierung und Diskriminierung von Muslim_innen ist nicht die einzige negative Konsequenz, die ein allzu stumpfes Insistieren auf dem „Mit-dem-Islam-zu-tun-Haben“ mit sich bringt. Es trägt auch zu dem bei, was Bassam Tibi als „Religionisierung“ und Nina Clara Tiesler spezifischer als eine „Islamisierung der Debatten“ bezeichnet: Zahlreiche Themen wie Immigration, „Integration“, Jugendgewalt, Antisemitismus, Homophobie oder Sexismus werden seit einigen Jahren zunehmend als primär „islamische“ Themen diskutiert – und dies in einem Ausmaß, das in der Sache kaum gerechtfertigt ist.

Dieser Islamisierung der Debatten entspricht eine Muslimisierung der Individuen. Menschen, die zuvor als Gastarbeiter_innen, Ausländer_innen oder Türk_innen – in günstigeren Fällen auch einfach nur als Kolleg_innen, Nachbar_innen oder Freund_innen – wahrgenommen wurden, werden immer stärker auf ihre (vermeintliche) religiöse Identität als Muslim_innen reduziert. Je mehr über den Islam gesprochen wird, desto häufiger werden Individuen auf ihre vermeintliche oder reale „islamische Identität“ angesprochen. Und je häufiger junge Menschen in einem strukturell rassistischen (sprich: ethnisiert unterschichteten) Kontext als „Muslim_innen“ angerufen werden, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass sie den Umgang mit strukturell bedingtem Dissonanzen mit der Suche nach „ihrer muslimischen Identität“ verknüpfen.

Dies gilt umso mehr, wenn einzelne Muslim_innen sich immer wieder für den Terrorismus entschuldigen, sich von ihm distanzieren, sich für ihn erklären müssen. Diese Kulturalisierung, Religionisierung und Islamisierung der Debatten trägt nicht zu einer Bekämpfung der Ursachen von Djihadismus bei, sondern eher zu einer Polarisierung der Gesellschaft und zur Reproduktion des Problems. Denn gerade die Islamisierung der Debatten und die Muslimisierung der Individuen ist einer der Faktoren, der salafistischen Gruppen einen stetigen Zulauf garantiert. Je mehr junge Menschen ohne ernsthafte religiöse Sozialisation sich auf die „Suche“ nach „ihrer“ muslimischen Identität begeben, desto mehr von ihnen werden im Internet auf salafistische Videoportale stoßen, die ihnen einfache, didaktisch gut aufbereitete Antworten auf ihre Fragen bieten – und unter ungünstigen Bedingungen den Weg in eine Radikalisierung weisen.

Weil die Aussage, dass die Morde von Paris „etwas mit dem Islam zu tun“ haben, zu eben diesen Prozessen der Islamisierung von Debatten, der Polarisierung der Gesellschaft und der Stigmatisierung einer Minderheit beitragen kann, ist ihr mit Vorsicht zu begegnen. Dementsprechend ist es durchaus zu begrüßen, wenn politische Würdenträger_innen und Publizist_innen in erster Linie betonen, dass die übergroße Mehrheit der Muslim_innen in Europa nichts mit den Morden zu tun hat.

Religiöse Sprechakte als Sonderfall

Auch von Seiten islamischer Verbände und Intellektueller wurde in den letzten Tagen immer wieder betont, dass die Attentate „nichts mit dem Islam zu tun“ hätten oder zumindest im Islam keine Rechtfertigung fänden.

Wenn solche Äußerungen von islamischer Seite kommen, nehmen sie automatisch eine andere Qualität an – und zwar insbesondere dann, wenn es sich bei den Sprecher_innen um religiöse Autoritäten oder Vertreter_innen muslimischer Organisationen handelt. Wenn sich säkulare Beobachter_innen darüber äußern, was islamisch ist und was nicht, kann es nur um die Beschreibung sozialer Sachverhalte gehen. Sie können sich nur darüber äußern, was Muslim_innen selbst als islamisch verstehen, und dementsprechend keinen Unterschied zwischen mehr oder minder authentischen oder richtigen Islamauslegungen machen.

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Photo Credit: Mohammed Jaffar via Compfight cc

Religiöse Sprecher_innen können das dagegen sehr wohl und müssen es in gewissem Sinne auch. Wer gläubig ist, muss sich in der einen oder anderen Weise dazu positionieren, welche Formen des Glaubens und des Handelns religiös richtig sind. Religiöse Personen können anderen Auslegungen mehr oder weniger tolerant und offen gegenüberstehen, sie können nach Dialog und „Ökumene“ streben oder nicht, aber sie müssen doch ungefähr wissen, woran sie glauben. Sie können eindeutige Haltungen dazu haben, ob ihnen die Verehrung von Heiligen als Teil ihres Glaubens gilt oder nicht, ob sie bestimmte Gebets- und Speisevorschriften für eine religiöse Pflicht halten oder nicht, ob sie bestimmte Formen der Gewalt mit ihrer Religion für vereinbar halten oder nicht.

Wenn beispielsweise eine Muslima im Islam in erster Linie eine universalistische Ethik angelegt sieht, in der auch alle Anders- und Nichtgläubigen Geschwister sind, denen keine Gewalt angetan werden darf, kann sie in gewissem Sinne gar nicht anders als zu sagen: „Die Attentate finden im Islam keine Rechtfertigung und haben nichts mit dem Islam zu tun.“ Aus der säkularen Beobachter_innenperspektive ist zu ergänzen: „…im Islam wie diese Muslima ihn versteht…“.

In dem Sinne ist es ausdrücklich zu begrüßen, wenn von muslimischer Seite geäußert wird, dass die Attentate „nichts mit dem Islam zu tun“ haben.

Bequeme Verleugnung und innerislamischer Deutungskampf

Jedoch ist es nicht einfach nur zu begrüßen, weil diese Äußerungen auch zur wohlfeilen Verleugnung des Problems beitragen können. Von religiöse Sprecher_innen kann erwartet werden, dass sie beizeiten auch eine Beobachter_innenperspektive einnehmen und sehen, dass innerhalb derselben Tradition verschiedene, einander widersprechende Positionen existieren. Dann müssen Muslim_innen wohl oder übel der schmerzhaften Tatsache ins Auge sehen, dass die Mörder von Paris sich in derselben Tradition bewegen und sich auf dieselben Quellen berufen wie sie selbst. Die Behauptung, die Attentate hätten nichts mit dem Islam zu tun, kann auch dazu dienen, diesen unangenehmen Sachverhalt wegzuschieben.

Daher ist von islamischen Organisationen und Wortführer_innen eine gewissermaßen paradoxe Positionierung zu erhoffen: Einerseits ist zu wünschen, dass sie mit allem Nachdruck betonen, dass sie den Djihadismus nicht nur als Menschen, sondern auch aus religiösen Gründen verurteilen und mit dem Islam, wie sie ihn verstehen, für unvereinbar erklären – dies tun sie auch fast unisono. Andererseits ist zu wünschen, dass sie sich nicht auf die wohlfeile Verteidigung beschränken, das alles habe „nichts mit dem Islam zu tun“, und nicht einfach allen, die das Gegenteil behaupten, Islamophobie vorwerfen.

Stattdessen ist zu wünschen, dass sie den von den Djihadist_innen eröffneten Deutungskampf um die islamische Tradition annehmen und entschlossen führen. Dies kann nicht durch bloße Distanzierungen und Verurteilung von Terrorismus geschehen, sondern muss noch mindestens zwei zusätzliche Formen annehmen: Zum einen ist es gefährlich, dass junge Menschen, die in islamisierten Debatten nach „ihrer“ islamischen Identität „suchen“ im Internet kaum attraktive Alternativen zu den Angeboten salafistischer Gruppen finden. Zum anderen besteht wie oben dargelegt das Problem, dass für einige Elemente djihadistischer Ideologie Anknüpfungspunkte im islamischen Mainstream bestehen. Zwar ist Antisemitismus kein in erster Linie „islamisches“, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem; aber es ist eines, das unter Muslim_innen besonders verbreitet und mitunter religiös aufgeladen ist. Es wäre wünschenswert, wenn es dagegen nicht nur vereinzelte „Aktionstage“ gäbe, sondern langfristige, ernsthafte Programme aufgelegt würden, in denen gegen Antisemitismus – auch gegen israelbezogenen – gearbeitet wird.

Haben die Attentate von Paris also „etwas mit dem Islam zu tun“? Wenn damit gemeint ist, dass die Täter ihre Taten religiös legitimiert haben und sich dabei in einer bestimmten, relativ jungen und marginalen Linie der islamischen Tradition bewegen, sicherlich. Viel spricht jedoch dafür, dass das Insistieren auf der Beantwortung dieser Frage mit ja oder nein eher ein Teil des Problems als ein Teil der Lösungsfindung ist. Die Reflexion der sozialen und politischen Ursachen der Attentate ist dringend geboten, dasselbe gilt für die Suche nach Maßnahmen, die verhindern, dass es zu immer neuen Massakern kommt. Dabei ist Religion sicherlich ein Faktor. Wer ihn anspricht sollte dies aber im Bewusstsein der Gefahr tun, dass dadurch mitunter ein Beitrag zur Stigmatisierung einer Minderheit, zur weiteren Islamisierung der Debatten, aber nicht zur Lösung von Problemen geleistet wird.