Hogesa 2.0 – Angekommen in der traurigen Realität

Nach Attacke auf einen Fotografen handelt die Polizei konsequent, Foto: Felix M. Steiner
Nach Attacke auf einen Fotografen handelt die Polizei konsequent, Foto: Felix M. Steiner

Nur rund 1.000 Hooligans fanden am Sonntag den Weg zur „Hogesa 2.0“ nach Köln. Ihnen standen bis zu 20.000 Menschen entgegen. Am Rande kam es zu vereinzelten Zusammenstößen zwischen Hooligans und Gegendemonstranten und einem Wasserwerfer-Einsatz der Polizei.

Von Felix M. Steiner

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Ein Jahr Pegida: Eine Bewegung gefällt sich selbst

Ein Jahr Pegida in Dresden, Foto: Felix M. Steiner
Ein Jahr Pegida in Dresden, Foto: Felix M. Steiner

Seit einem Jahr existiert nun die Protest-Bewegung Pegida mit zahlreichen Ablegern in ganz Deutschland. So erfolgreich wie in Dresden konnte sie jedoch nirgendwo werden. Zum „Geburtstag“ kamen tausende Menschen. Vor allem um sich selbst zu gefallen.

Von Katharina Trittel und Christopher Schmitz*, mit freundlicher Genehmigung des Göttinger Instituts für Demokratieforschung

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#Heidenau – Die zweite Nacht

HEidenau NAcht 2 Head

Am Samstag tobte den zweiten Tag in Folge der deutsche Mob im sächsischen Heidenau. Freitag Abend randalierten im Anschluss an eine NPD-Kundgebung hunderte Rassisten vor einer neu eingerichteten Flüchtlingsunterkunft. Am Samstag wiederholten sich die Ereignisse im kleineren Rahmen. Samstag zogen allerdings auch erstmals Nazi-Gegner nach Heidenau. Ein Bericht vom Samstag aus der sächsischen Schweiz.

von Sebastian Weiermann, zuerst veröffentlicht bei den Ruhrbaronen

Samstag Nachmittag in Dresden: Etwa 200 Antifaschisten treffen sich, sie wollen dem Mob in Heidenau entgegentreten. Nach kurzer Zugfahrt formieren sie sich zu einer Demonstration durch Heidenau. Wüsste man nicht von den Ereignissen des Vorabends, könnte man von einer ganz normalen Antifa-Aktion ausgehen. Ohne Störungen ziehen die Nazi-Gegner in die Nähe der Flüchtlingsunterkunft. Über Stunden stehen die Antirassisten auf einem Parkplatz gegenüber der Unterkunft. Am Nachmittag bleibt es ruhig, bis auf einzelne Bewohner Heidenaus, die den Nazi-Gegnern erklären wollen, dass am Vorabend die Polizei provoziert habe und man sich doch nur gewehrt habe. Die Nazi-Gegner reagieren besonnen, die rassistischen Bürger werden mit ruhigen Worten vom Platz geschickt. Flüchtlinge aus der neuen Unterkunft in der sächsischen Stadt besuchen die antirassistische Kundgebung und unterhalten sich dort über Stunden mit den Nazi-Gegnern.

Rund 200 Antifaschisten waren in Heidenau, Foto: PM Cheung
Rund 200 Antifaschisten waren in Heidenau, Foto: PM Cheung

Doch im Laufe des frühen Abends spitzt sich die Situation zu. Teilweise bewaffnete Gruppen von Neonazis lauern Antifaschisten auf. Nur durch großes Glück kommt es nicht zu schweren Verletzungen. Insgesamt bleibt es bei Platzwunden und Sachschäden an den Fahrzeugen von Nazi-Gegnern.

Die Polizei hatte die Situation nicht unter Kontrolle, Foto: PM Cheung
Die Polizei hatte die Situation nicht unter Kontrolle, Foto: PM Cheung

Von Stunde zu Stunde versammeln sich mehr Rechte auf einer Wiese in der Nähe der Nazi-Gegner und der Flüchtlingsunterkunft. Die Rechten trinken Bier, die Polizei lässt es zu, dass Rechte sich frei in Heidenau bewegen können. Sie ist mit weniger als 150 Beamten im Einsatz. Dies sollte sich am Abend noch rächen.

Neonazis und Rassisten verwüsteten die Straße, Foto: PM Cheung
Neonazis und Rassisten verwüsteten die Straße, Foto: PM Cheung

Samstag Nacht 23 Uhr: Der rechte Mob war auf über 200 Menschen angewachsen. Beobachter glaubten schon der Abend wurde ruhig verlaufen, dann eskalierte die Situation. Von einer Sekunde auf die andere rannten die Rechten auf die Straße, rissen Bauzäune aus ihren Verankerungen und schmissen diese auf die Straße. Ein vermummter Neonazi besprühte Polizeikräfte mit einem Feuerlöscher, Böller und Flaschen wurden geworfen. Die eingesetzten Polizisten rannten panisch weg. Es dauerte mehrere Minuten bis sich die Polizeikräfte neu formiert hatten und die Rassisten aufhalten konnten. Ein Angriff der Rechten auf Flüchtlingsunterkunft und Antira-Kundgebung wurde nur um Haaresbreite abgewehrt. Andere Kleingruppen der Rechten versuchten wiederholt, die Nazi-Gegner anzugreifen. Der sächsischen Polizei gelang es in Heidenau die Rechten auf Abstand zur Unterkunft zu halten, Festnahmen bei den gewalttätigen Neonazis, die Polizeibeamte verletzten, wurden allerdings nicht getätigt.

Gegen Mitternacht reisten die Nazi-Gegner aus Heidenau ab. Umgeben von Polizeikräften, die ständig die Linken abfilmten, zogen die Antirassisten aus der Stadt in der sächsischen Schweiz ab. Am Rande der Demonstration warfen Rechte Böller auf die Nazi-Gegner. Am Heidenauer Bahnhof flogen Steine auf die Antirassisten.

22.08.2015 - Heidenau (Sachsen) - Zweite Krawallnacht in Heidenau - Solidaritätsveranstaltung für Flüchtlinge!

Dresdener Antifaschisten bezeichneten die Situation in Heidenau als schlimmer, als in Freital und an der „Zeltstadt“ in der sächsischen Landeshauptstadt. Ein Mob aus organisierten Nazis, rechten Hooligans und Bürgern kommt in Heidenau in den letzten Tagen regelmäßig zusammen. Heidenau hat Potential für pogromartige Ausschreitungen, Polizei und Politik in Sachsen scheinen nicht die Absicht zu haben dies zu verhindern.

Am heutigen Abend werden Nazi-Gegner einen neuen Anlauf starten, um sich dem Mob entgegen zu stellen. Die Antifaschisten hoffen auf mehr Unterstützung als am Samstag.

Auch heute werden wir via Twitter aus Heidenau berichten.

#Heidenau – Ein Erlebnisbericht…

Heidenau 3 head

In Heidenau, südöstlich von Dresden, ist es gestern zu schweren Ausschreitungen von Neonazis gegen die Polizei gekommen. Die Rassisten hatten versucht, die Ankunft von Geflüchteten zu verhindern.

Von Johannes Grunert

Besorgte Bürger mit Reichsfarben, Foto: Johannes Grunert
Besorgte Bürger mit Reichsfarben, Foto: Johannes Grunert

Ein ehemaliger Baumarkt in Heidenau, einem Ort im Dresdner Speckgürtel, soll kurzfristig 250 Geflüchteten als Notunterkunft dienen. Dass viele Rassisten aus dem Pegida-Einzugsgebiet das verhindern wollten, hatten sie bereits bei einer Kundgebung am Vortag angekündigt. Die Polizei war darauf nicht ausreichend vorbereitet. Die Kundgebung am Donnerstag war bereits die zweite ihrer Art, am Freitag versammelten sich Heidenauer Anwohner gemeinsam mit Neonazis und Rassisten aus der Region unter Führung von NPD-Kadern wieder. Trotz der Vorahnung, dass der Tag nicht friedlich zu Ende gehen sollte, war die Polizei den über 1000 Demonstranten mit 136 Beamten zahlenmäßig deutlich unterlegen. Auch die vorherigen Ankündigungen, man wolle mit Blockaden die Ankunft der Flüchtlinge verhindern, hatten offenbar keinen Einfluss auf die eingesetzte Zahl an Polizisten.

Der Demonstrationszug machte zunächst zu einer Zwischenkundgebung vor dem Haus des Heidenauer Bürgermeisters Jürgen Opitz halt, wo die NPD-Stadträte von Heidenau und Dresden, Rico Rentzsch und Hartmut Krien, ihre Reden hielten. Opitz wurde aufgefordert, sich am Fenster zu zeigen, mehrere Beleidigungen fielen. Ein Demonstrant rief unterdessen dazu auf, eine Bürgerwehr zu gründen. Wie sich später zeigen sollte, kam die Eigendynamik der rassistischen Proteste an dem Tag jeder Gewalt von organisierten Bürgerwehren zuvor. Die Stimmung war schon während des Protestzuges aufgeheizt. Als sich ein kleiner migrantischer Junge an einem Fenster zeigte, wurde er sofort von mehreren Demonstranten als „Kanake“ beschimpft.

Rassistischer Aufmarsch und Ausschreitungen am 21.08.2015 in Heidenau

Spätestens, als der Aufmarsch wieder an seinem Ausgangspunkt angelangt war, wurde klar, dass die Ankündigung vom Vortag kein Lippenbekenntnis bleiben sollte. Nur ein kleiner Teil der Demonstranten versammelte sich zur Abschlusskundgebung, während das Gros der Teilnehmer sich sofort in Richtung des geplanten Heims aufmachte. Eine aufgestellte Polizeisperre war für die größtenteils ortskundigen Rassisten kein Hindernis. Als sich mehrere Hundert Demo-Teilnehmer vor der Notunterkunft versammelten, wurde die Stimmung schnell aggressiver. Nachdem etwa 30 Personen die vielbefahrene S172 vor der Unterkunft mit einer Sitzblockade versperrten, wurden die ersten Böller und Flaschen in Richtung Polizei und Presse geworfen. Die Polizeitaktik des Wegschauens sollte sich dabei bis in den späten Abend fortsetzen. Die zunehmend betrunkenen Neonazis warfen immer mehr Böller, Flaschen und teilweise auch Steine. Nachdem die Polizei eine Wagenkette vor die Unterkunft gezogen hatte, errichteten die Rassisten dahinter Barrikaden aus Baustellenabsperrungen. Später verlagerte sich das Geschehen dann auf die nunmehr einzige freie Route für die Ankunft der Geflüchteten. Weitere Sitzblockaden konnte die Polizei zunächst noch unterbinden, die Neonazis betraten die Straße dennoch immer wieder. Um 23 Uhr eskalierte die Situation dann vollends: Nachdem zahlreiche Neonazis anfingen, Barrikaden zu errichten und Wurfgeschosse Richtung Heim zu schleudern, griff die Polizei ein. Neonazis wurden mit Schlagstöcken zurück getrieben, was den Mob weiter aufstachelte. Minutenlang lieferten sich die Rassisten eine Straßenschlacht mit der Polizei, es hagelte Flaschen, Steine und Böller. Hell abbrennende Pyrotechnik landete in den Reihen der Beamten, 31 von ihnen wurden verletzt. Die Reaktion der Polizei zeigte vorübergehend Wirkung: Sie feuerten erst Leuchtraketen ab, um den dunklen Parkplatz einsehbar zu machen, darauf folgen mindestens zehn Tränengasgranaten, die über dem Mob explodieren. Eine pinkfarbene Wolke legt sich auf die aufgebrachte Menge, mindestens 200 Menschen wurden mit einem Mal außer Gefecht gesetzt. Ein paar Neonazis wurden festgenommen, die Polizei beschlagnahmt zahlreiche Feuerwerkskörper. Der Großteil der Menge sammelte sich aber wieder vor dem gegenüberliegenden Real-Markt, einige verletzte Neonazis wurden direkt vor die Notunterkunft gebracht, um verarztet zu werden. Unterdessen war für alle unklar, ob die Geflüchteten noch kommen sollten und so wartete der Mob weiter. Als dann tatsächlich gegen 0:30 Uhr ein Bus in Sichtweite kam, fuhr dieser schließlich mit hoher Geschwindigkeit – eskortiert von der Polizei – an der schreienden Menge vorbei, die Vorhänge im Bus waren zugezogen. Ein Polizist hatte vorher über Funk gefragt: „Wie viele Leute brauchen wir, um den Bus halbwegs heil hier durchzukriegen?“.

Mit Sitzblockaden gegen Menschenrecht, Foto: Johannes Grunert
Mit Sitzblockaden gegen Menschenrecht, Foto: Johannes Grunert

Flüchtlingen diese Tortur zu ersparen, wäre für die Polizei ein Leichtes gewesen. Wie es bei vielen anderen Demonstrationen, bei denen es zu Gewalt kommt, Gang und Gäbe ist, hätte die Polizei Durchsagen machen können. Wären die Rassisten nicht abgezogen, wäre es möglich gewesen, Kräfte nachzufordern, den Mob in sicherem Abstand einzukesseln und Platzverweise zu erteilen. Es bleibt die Frage, warum das nicht geschehen ist. Sächsischen Regierungskreise glänzen bislang durch Schweigen, lediglich ein Sprecher äußerte sich im Laufe des Samstags und verkündete „Null Toleranz gegen Fremdenfeindlichkeit“. Am heutigen Samstag haben sich die Rassisten erneut angekündigt, etwa 200 Antifaschisten sind in die Stadt gekommen und demonstrieren. Dauert die Unentschlossenheit der Polizei an, werden sie den Mob nicht von seinem Vorhaben abhalten können.