Köln und die Konsequenzen: Der Sexismus der Anderen

Schärfere Gesetze, schnellere Abschiebung, besserer Datenaustausch: Nach den Übergriffen in Köln überschlagen sich Politiker mit Forderungen nach Konsequenzen. Mehr Sensibilität gegen Sexismus geht in dem Getöse unter. Daher haben Frauen unter dem Hashtag ausnahmslos dazu aufgerufen, die Debatte neu auszurichten.

Von Helene Buchholz

Ich war vor einigen Jahren mit einer Gruppe auf einer Skireise. Was da passiert ist, auf dieser Hütte, mitten auf der Piste, war Folgendes: Einige junge Männer haben sich gefunden, gemeinsam gesoffen und die ganze restliche Gruppe eine Woche lang  tyrannisiert. Mit Sprüchen über die Körper der mitreisenden Frauen, Frauen nachts im Schlaf überraschen und sich ausziehen, andere fertig machen. Es war vielleicht nur eine Handvoll Typen, die damals grenzüberschreitend agiert hat. Aber es waren mindestens weitere zehn Männer, die darüber gelacht haben. Und 30 weitere, die nichts gesagt haben.

Meine Freundin und ich haben uns gewehrt. Haben den Typen etwas entgegen gesetzt. Und was ist passiert? Wir wurden erst recht Zielscheibe ihrer Angriffe. Es waren weiße, junge Männer. Studenten. Und niemand hat uns gegen sie unterstützt.

Falsche Debatte

Übergriffe, Anfeindungen, Grenzüberschreitungen: Sowas habe ich da nicht zum ersten Mal erlebt. Deshalb hat mich diese vergangene Woche auch klein gekriegt: Die Berichte über die Silvesternacht in Köln sind furchtbar und ich will sie nicht relativieren. Leider ist die Konsequenz aus Köln aber offensichtlich nicht, dass über einen sensibleren Umgang im Zusammenhang mit Gewalt gegen Frauen gesprochen wird, sondern über die Flüchtlingspolitik der Bundesrepublik. „Kriminelle Ausländer“ sollen schneller abgeschoben werden können. Es wird über Kurse für Migranten gesprochen, die „denen“ erklären sollen, wie man (!) mit Frauen umgeht und so weiter.

Die Diskussion ist massiv rassistisch aufgeladen, was mich als Feministin in eine kaum ertragbare Situation bringt: Reihe ich mich ein in die Skandalisierung der Vorfälle, feuere ich die Debatte über Geflüchtete in Deutschland an. Tue ich es nicht, relativiere ich, was passiert ist. Beides ist mir zuwider.

screenshot6

Ich glaube, dass viele es so wahrnehmen, dass eine vergleichbare Dimension der Gewalt gegen Frauen so noch nie dagewesen sei. Ich glaube auch, dass viele Männer glauben, dass das was in Köln passiert ist, einmalig oder ein Problem mit ausländischen Männern sei. Aber genau da liegt der Hase im Pfeffer: Alles was seit Jahrzehnten etabliert ist, wird nicht hinterfragt. Das vermeintlich „Fremde“ wird  immer mehr als Bedrohung wahrgenommen als das Vertraute. Aber glauben Sie es mir, es war noch nie schön, durch eine Menschenmasse mit vielen betrunkenen Männern zu gehen. Und da passiert es regelmäßig und nicht nur einmal, dass man als Frau ungefragt angefasst wird, Kommentare über seinen Körper über sich ergehen lassen muss oder Ähnliches. Und vor allem: dass alle anderen entweder darüber lachen oder wegschauen. Denn nicht alle Männer verhalten sich per se grenzüberschreitend, aber die die es tun, werden dafür meist nicht sanktioniert.

Die neue Dimension sei, diese Männer hätten sich an Silvester als Bande „zusammengerottet“, heißt es. Doch was bei WM-Feiern, Festivals oder Partymeilen passiert, ist nicht weniger schlimm: Weiße Männer müssen sich nicht zusammenschließen. Sie sind geschützt durch ihre Herkunft und ihr westliches Aussehen. Denn wenn ein Brüderle in einer Kneipe übergriffig wird, springt ihm die Gesellschaft bei: „Stell dich nicht so an, zieh dich nicht so an!“ – so heißt es dann. Wer sich sicher fühlt, braucht keine Bande zu bilden.

No-Go-Areas

Viele Freundinnen von mir kennen das: Sie meiden intuitiv bestimmte Orte oder Veranstaltungen. Es gibt und gab schon immer „No-Go-Areas“ für Frauen. Bisher war es gesellschaftlich nicht geächtet auf dem Kiez, auf dem Oktoberfest oder auf Festivals Frauen mit dummen Sprüchen, Griffen an den Hintern oder andere Körperstellen zu belästigen. „Geh da doch nicht hin, ist doch nicht so gemeint, Männer sind halt so“ wird einem dann gesagt. Wir lernen also von klein auf, uns darin zu verhalten – beispielsweise zu bestimmten Uhrzeiten ein Taxi zu nehmen, Selbstverteidigungskurse zu machen, Pfefferspray zu kaufen. Wir nehmen es so hin, weil es uns in Fleisch und Blut übergegangen ist und hinterfragen es nicht mehr.

Nun ändern sich die Vorzeichen: Die Täter sind mutmaßlich nicht die vertrauten Sexisten und der Ort ist ein anderer. Aber was heißt nun „neue Dimension“? Quantitativ mehr Übergriffe innerhalb eines bestimmten Zeitraums? Ist das auch Qualitativ „schlimmer“ als alles bisher dagewesene?

Relativierung ist widerlich

Aber ja, das alles klingt wie Relativierung. Das ist widerlich. Und die aktuelle Situation bewirkt gerade, dass ich ungewollt in die Situation gerate, etwas zu relativieren, was komplett gegen meine Überzeugung spricht. Das will ich nicht und es fühlt sich für mich auch nicht so an, dass das, was Silvester passiert ist, „nicht so schlimm“ ist. Aber alles was ich gegen den öffentlichen Diskurs sage, hört sich so an, als sei ich dieser Meinung. Denn die aktuelle gesellschaftliche Stimmung macht mir sehr viel Angst, da die „Sorge“ wegen der vielen Migranten nun auch sehr viele politisch eher mitte-links stehende Personen erfasst. Wegen einer – meiner Meinung nach – falschen Bewertung der Situation. Aber nicht weil sie in Wirklichkeit weniger schlimm war als behauptet wird, sondern weil die Umstände falsch analysiert werden.

Dass es inzwischen viele Anzeigen gibt, zeigt gerade, dass viele sich durch die öffentliche Diskussion ermutigt fühlen sexualisierte Gewalt anzuzeigen. Was ein sehr guter Effekt ist! Oft gehen Opfer von Gewalttaten aus verschiedenen Gründen nicht zur Polizei. Unter anderem weil ihnen oft nicht geglaubt wird oder weil sie unangenehme Fragen befürchten müssen. Das heißt aber nicht, dass es diese Gewalt vorher nicht gegeben hat.

Wenn es jetzt einen sensibleren Diskurs über Gewalt gegen Frauen in der Gesellschaft gäbe, wäre ich mehr als nur einverstanden. Aber der aktuelle Diskurs führt bisher zu Diskussionen darüber „kriminelle Ausländer“ schneller abzuschieben.

Deshalb plädiere ich nicht dafür, die Silvesternacht ad acta zu legen und nicht mehr darüber zu sprechen, sondern die richtige Diskussion zu führen: sexuelle Belästigung muss ein eigenständiger Straftatbestand werden. Frauen sollen nicht nachweisen müssen, dass sie sich bei einer Vergewaltigung genug gewehrt haben, bevor der Täter bestraft wird. Die gesellschaftliche Aufmerksamkeit muss sensibler gegenüber Sexismus werden. Zum Glück haben heute mehr als 400 Frauen einen entsprechenden Aufruf unterzeichnet. Unter dem Hashtag #ausnahmslos wird Unterstützung gesammelt. Hoffen wir, dass die öffentliche Diskussion jetzt in eine neue  Richtung gelenkt wird.

Siehe auch: Köln: Sexuelle Gewalt bricht aus, wenn die Umstände es zulassen

11 thoughts on “Köln und die Konsequenzen: Der Sexismus der Anderen

  1. Die große Gefahr bei Bürgerwehren ist, dass sie eine gewisse Anziehungskraft für rechtsradikale Gesinnungen haben, so dass am Ende wieder der Mob mit ruhig festem Schritt durch unsere Straßen marschieren könnte.
    Das muss aber nicht so sein. In Düsseldorf hat Tofigh Hamid, die Initiative Düsseldorf passt auf gegründet, die inzwischen aufgegeben hat, soviel ich weiß. Die Grundsätze derer, sich die Initiative verpflichtet hatte (Gewaltfreiheit, sofort die Polizei rufen etc.), sind Grundsätze der Zivilcourage und nicht etwa einer braunen Gesinnung.
    Frau Ministerpräsidentin Kraft hat in Ihrer Rede vor dem Parlament das Gewaltmonopol des Staates betont. Das funktioniert in den feinen Gegenden, in denen Frau Kraft und ihre Community wohnen. Von dieser Klientel sind die übrigen Regionen aufgegeben worden. Man schaut herab wie von der VIP- Lounge eines Luxusliners und wenn da unten was passiert, wird schöngeredet, relativiert, sich weggeduckt, dummes Zeug geredet, bis es keiner mehr hören mag. In dem abgeschirmten Umfeldern der Frau Kraft, Frau Leutheusser-Schnarrenberger und des Gerhard Baum redet und verhält man sich so, wies der eigene Anspruch fordert (ist halt schick und Mainstream in der Schickeria, wo man sich so wohlfühlt). Die Gesinnung dieser Schickeria ist nicht einmal mit dem Verb versagen zu beschreiben.
    Denen sind Leute wie die junge Frau in dem Link unten einfach vollkommen egal. Das einzige was für die zählt ist die Selbstdarstellung.

    http://www.spiegel.de/video/sexuelle-belaestigung-inan-silvester-bericht-eines-opfers-video-1640057.html

    Übrigens, auf St-Pauli ist das Problem gelöst. Nach Silvester blieb die Kundschaft weg. Kein Geld mehr zu verdienen. Ziemlich blöd für die „Geschäftsleute“ auf dem Kiez. Jetzt patoulliert die Polizei, unter Aufsicht der Türsteher, weil die sich sonst selber der Sache angenommen hätten.

Comments are closed.