Wagenknecht, Elsässer und die Deppen der US-Oligarchen

Seit den Anschlägen von Paris und den folgenden Luftangriffen auf den „Islamischen Staat“ in Syrien kennt Sahra Wagenknecht quasi nur noch ein Thema: Das Risiko eines dritten Weltkriegs durch die militärische Intervention des Westens, die ohnehin nur dem IS helfe, glaubt man der Fraktionschefin der Linken. Auf ihrer Facebook-Seite feiert der  Antiamerikanismus fröhliche Urständ. Querfront-Aktivisten suchen schon länger ein Bündnis mit der Ikone der dogmatischen Linken.

Von Patrick Gensing

screenshot1„Die USA fordern von Deutschland mehr militärische Unterstützung im Kampf gegen den IS. Ich finde: Das ist der Gipfel der Dreistigkeit! […] Ich habs wirklich satt, dass unsere Regierung sich zum Deppen der US-Oligarchen und ihrer Regierung in Washington macht.

Ein viraler Volltreffer: Für diesen Kommentar erntete Sahra Wagenknecht am 12. Dezember auf Facebook fast 23.000 Likes. Kein Einzelfall: Seit den Terroranschlägen von Paris und der folgenden Offensive gegen den „Islamischen Staat“ in Syrien behandeln etwa drei Viertel von Wagenknechts Posting den westlichen „Krieg gegen den Terror“, der sinnlos, verlogen und gefährlich sei.

Zur russischen Militäroperation an der Seite des syrischen Machthabers Assad – der Proteste blutig niederschlagen ließ, Giftgas einsetzte und vor dem Hunderttausende Menschen geflohen sind – fällt ihr hingegen wenig bis nichts ein. Außer, dass dieser Assad „natürlich“ ein Diktator sei – aber, so Wagenknecht, es sei „Sache des syrischen Volkes und nicht der Amerikaner, wer in Damaskus regiert!“ (Kommentar vom 7. Dezember, 10.000 Likes)

Großer Teufel am Ufer des großen Teichs

Die Sache des Volkes bewegt Wagenknecht schon seit Jahren. In bester populistischer Manier malt sie ein schwarz-weißes Weltbild, in dem das Böse aus dem Westen kommt. Seien es die erwähnten „Oligarchen und ihre Regierung in Washington“, die Deutschland zum „Deppen“ mache oder TTIP: In der Welt von Wagenknecht hockt der große Teufel am anderen Ufer des großen Teichs.

Mit diesem Feindbild erreicht Wagenknecht, ob nun beabsichtigt oder nicht, naheliegenderweise auch zahlreiche Personen aus dem Querfront-Milieu. Jürgen Elsässer, mit dem sie 1996 eine Streitschrift über die Aktualität des Kommunismus veröffentlicht hatte, schrieb beispielsweise im Juli 2015, er habe Wagenknecht „immer für die klügste Politikerin der Linken“ gehalten (bis sie sich für einen Grexit ausgesprochen hatte). Offen wirbt Elsässer für ein Bündnis zwischen Linken und Rechten nach griechischem Vorbild: Sei nicht auch Syriza ein Regierungsbündnis mit Rechtskonservativen eingegangen, nämlich mit der Anel-Partei?“, fragt Elsässer.

Der Glaube an das Kollektiv

Getrennt sind die politischen Lager unter anderem in ihren Positionen zu Minderheitenrechten, allerdings teilen sie neben dem rabiaten Antiamerikanismus auch den Glauben an einen starken Staat, der die heimische Wirtschaft vor den „Heuschrecken“ beschützen solle – eine Art „ökonomischer Patriotismus“, der als ideologischer Brückenschlag von rechts nach links fungiert. In dem einfachen Volk sieht man zudem vor allem eine Masse – und keine individuellen Bürger.

Die kollektivistische Sicht auf die Gesellschaft zeigt sich auch in der Interpretation der Pegida-Demonstrationen: Die Teilnehmer werden als mobilisierbares Protestpotential gesehen. So skizzierte Wagenknecht Anfang des Jahres in der FR einen Gegensatz zwischen den Anführern von Pegida und dem einfachen Fußvolk:

„Die Organisatoren von Pegida schüren rassistische Ressentiments und machen Stimmung gegen Flüchtlinge. Aber es gibt eine Reihe von Leuten, die da hingehen, weil sie die herrschende Politik ablehnen, weil sie empört sind über prekäre Jobs und miese Renten. Sie haben das Gefühl, da ist endlich mal eine Protestbewegung. Natürlich muss man mit diesen Leuten reden und ihnen deutlich machen, dass das nicht einfach eine Protestbewegung ist, sondern eine Bewegung, die Protest genau in die falsche Richtung lenkt, die Sündenböcke sucht, statt die Schuldigen und die Profiteure zu nennen.“(S. Wagenknecht in der FR vom 21. Januar 2015)

Der Protest würde nur in die falsche Richtung gelenkt, man müsse nur die wahren „Schuldigen“ benennen, glaubt Wagenknecht – und demonstriert eine autoriäre Weltsicht, wonach soziale Bewegungen eigentlich nur das Produkt von Propaganda seien. Das Problem an Pegida ist demnach nicht die rassistische Grundausrichtung („die gibt es auch im Westen“, kommentierte Wagenknecht), sondern, dass die falschen Kräfte die Massen lenkten.

„Nicht käuflich wie die anderen“

Um die Pegida-Anhänger für sich zu gewinnen, empfahl Wagenknecht verschwörungstheoretische Fundamentalopposition: „Wir müssen deutlicher machen: Wir sind nicht wie die anderen, wir lassen uns nicht kaufen.“ Eine Politikerkritik, die nach „Volksverräter“-Rufen klingt.

Wagenknecht ist für Querfront-Aktivisten wie Elsässer somit eine natürliche Ansprechpartnerin. Das Gesellschaftsbild wird geprägt durch die Vorstellung, es gebe eine durch eine verschworene Elite unterdrückte Klasse, der man nur revolutionäres Bewusstsein beibringen müsse. Das weiß auch Jürgen Elsässer aus der gemeinsamen Vergangenheit und appellierte daher an Wagenknecht: „Die Kräfte, die das Euro-System und die EU insgesamt angreifen, werden in allen Ländern stärker. Es wäre gut und wichtig, wenn kluge Linke wie Du das Bündnis oder wenigstens den Kontakt mit ihnen suchten“, denn der neue Faschismus sei „der totalitäre Globalismus“.

„Fremdarbeiter & Fuck the US-Imperialism“

Nationale Rhetorik gepaart mit populistischer Kapitalismuskritik ist alles andere als neu in der Linken. Vor zehn Jahren war es Wagenknechts heutiger Ehemann Oskar Lafontaine, der bei einer Rede von „Fremdarbeitern“ sprach, die „Familienvätern“ und Frauen die Arbeit wegnähmen. Die FAZ kommentierte damals:

Lafontaines Äußerungen zielen nun offensichtlich langfristig-strategisch ausgerichtet […], um Teile der potentiellen NPD-Wählerschaft an das neue Linksbündnis zu binden.

In diesem Sommer wütete Lafontaine auf Facebook gegen die USA und rief dazu auf, sich gegen die wahren Aggressoren zu wehren:

Was für ein Niveau in der politischen Auseinandersetzung. Georg Diez merkte zur politischen Rhetorik – beispielhaft in der Flüchtlingsdebatte – passend an:

Es ist Zeit, dass man sich entscheidet, auf welcher Seite man steht. Auf der Seite der Vernunft oder ihrer Feinde.

Diese Entscheidung sollte die Linkspartei auch von ihrer Fraktionschefin einfordern: mit vernünftiger Kritik hat ihr rabiater Antiamerikanismus, ihr Geraune von durchweg korrupten Politikern, ihr populistischer Antiimperialismus auf jeden Fall nicht mehr viel gemein. Und das dokumentieren auch die Facebook-Reaktionen auf Wagenknechts Seite. Wer das nicht glauben will, weil er meint, dies hier sei sowieso alles nur transatlantische Hetze eines Systemknechts, sollte sich diese Dokumentation des Grauen anschauen. Viel Spaß.

36 thoughts on “Wagenknecht, Elsässer und die Deppen der US-Oligarchen

  1. Ganz schön peinlich, was Frau Wagenknecht da so geäußert hat. Die Frage ist nur, welche Partei soll ich als Pazifist das nächste Mal wählen?

    1. Die Frage ist richtig. 😉
      Das dürfte das Problem der „Parteiendemokratie“ sein. Ein Gysi hätte immer meine Stimme bekommen. Bei der Linken in ihrer Gesamtheit, wie bei jeder anderen Partei, würden mir wohl eher die Finger abfaulen.

  2. „Das Gesellschaftsbild wird geprägt durch die Vorstellung, es gebe eine durch eine verschworene Elite unterdrückte Klasse, der man nur revolutionäres Bewusstsein beibringen müsse.“

    Das ist leider die Wahrheit! Weiter so Frau Wagenknecht!

  3. Sehr guter Beitrag!!

    Am 04.12.2015 hatte Frau Wagenknecht Gelegenheit ihre Mantra vor dem Bundestag heruterzuspulen. Am selben Tag hat ihr Ehemann Oscar Lafontaine in einem DLF-Interview auf den Westen geschimpft und seine „Philosophie“ mit der Plattitüde auf den Punkt brachte:

    „Wir können das Morden nicht beenden, indem wir selbst morden“

    http://www.deutschlandfunk.de/oskar-lafontaine-zum-syrien-einsatz-wir-koennen-das-morden.694.de.html?dram:article_id=338767

    Der im späteren Verlauf des Interviews folgende Satz: „Der größte Terrorist sind die Vereinigten Staaten von Amerika“ war dann nur eine Frage der Zeit.

    Unsere geschichtsvergessenen Pazifisten müssen nicht darüber verzweifeln, was Europa erspart geblieben wäre, wenn Briten und Franzosen im September 1939 ihren Bündnisverpflichtungen gegenüber Polen nachgekommen wären und ihre 3000 Panzer, die sie an der deutschen Westgrenze stationiert hatten, entschlossen in Marsch gesetzt hätten. Historiker wie Professor Ryszard Kaczmarek von der Universität Katowice sind sich darüber einig, dass Deutschland Ende 1939 einen Zweifrontenkrieg niemals hätte standhalten können.

    Wie unermesslich die Brutalität und inhumane Gesinnung eines dogmatischen Pazifismus (die Verweigerung militärischen Eingreifens um den Preis persönlicher Eitelkeiten) ist, kann man auf beklemmende Weise in der unten genannten Rede von General Roméo Dallaire nachhören, der während des Völkermordes in Ruanda 1994 als UN-Soldat händeringend um mehr Truppen gebeten hatte und die UN ihn hängen lies:

  4. Die Problematik mit der Sahra Wagenknecht umzugehen versucht ist ein altes Problem der Linken.
    Der Umgang mit der Enttäuschung über die eigenen Erwartungen in die Verbündeten aus der Arbeiterklasse.
    Adam Michnik einer der bekanntesten Solidarnosc-Aktivsten hat das mal folgend beschrieben: „Mit ihnen war es jedoch schwierig, in Kategorien von Wissen und gesundem Menschenverstand zu polemisieren, weil sie Wissen eben als kompromittierte Sammlung von Phrasen einer vergangenen Epoche ansahen, in gesundem Menschenverstand dagegen die Artikulation der Angst der Intelligenz. (…) Frei von historischem Wissen und politischer Kultur, liehen sie ihr Ohr gerne den verschwörungstheoretisch-mafiösen Interpretationen der Welt.“
    http://www.zeit.de/kultur/2015-08/solidarnosc-jaruzelski-walesa-10nach8
    Das hat schon die polnische Solidarnosc Bewegung in große Schwierigkeiten gebracht. Diese wurden geheilt mit einem Mythos einer linken basisdemorkratischen lebendigen Bewegung. Dieser Mythos war nun mal spätestens seit 1981 nicht mehr existent.
    Wagenknecht ist in der Erkenntnis gleich wie Michnik, in der Reaktion darauf jedoch etwas anders.
    Sie zerstört schon den Glaube an solch eine Mythos oder den Versuch ihn zu konstruiren indem sie sich und ihre Weggefährten als die ideale Drahtzieherinnen sieht um die orientierungslose Arbeiterklasse und Frustrierten zum Sieg zu bringen, zumindest auf nationaler Ebene. Michnik und die Solidarnosc Führung haben sich bei der KP angebiedert. Wagenknecht versucht laut Gensing eine Anbiederung an Elsässer. Das sehe ich nicht. Ich denke sie versucht Elässer und co ins Abseits zu drängen und ihr Klientel zu fischen. Generell finde ich das Ziel gut und Kritik daran ist unverständlich. Ich erinnere mich an einen anderen Artikel in dem sie sich positiv auf Robert Pfaller bezogen. (Da ging es um FSF und den T.Shirt Eklat) Doch indem sie die Kritik so auf die Methoden fokussieren und das Ziel an sich ausblenden erweckt das bei mir auch sie selbst hätten Angst vor der Beute. Meine Kritik an Wagenknecht will ich aber nicht nur um die Methodik sondern auch an die Einstellung erweitern
    Beides beruht meiner Ansicht nach weniger auf falschen Kollektivdenken oder autoritären Charakter, sondern in einem Pessimismus, der die Arbeiter als dumme Subjekte einstuft, die einer Belehrung bedürfen weil sie unfähig sind so zu funktionieren wie sie funktionieren sollen.
    Nur die Kritik daran zu formulieren ist mir persönlich zu einfach.
    Ich möchte diesem Pesssimus einen Positivismus entgegen halten. Wie bei Gramsci mit seiner speziellen Definition des Intelektuellen. Eine etwas ausführliche Auseinandersetzung mit der Problematik gibt es hier:
    http://www.inkrit.de/tagungen/documents/DA280_Solty.pdf

    1. Lieber Gallendieter,

      danke für den weiterführenden Kommentar. Ich bin da bei der Analyse bzw. Kritik eher bei Ihnen. Meiner Ansicht nach versucht sich Wagenknecht nicht an Elsässer anzubiedern (eher andersherum, wie der offene Brief von Elsässer zeigt), aber die beiden konkurrieren um eine Zielgruppe, die sie beide wohl als Erben des Proletariats identifizieren.

      Übrigens habe ich mehrere Punkte in dem Artikel gar nicht erwähnt, beispielsweise die Position von Wagenknecht und Lafontaine in der Flüchtlingsdebatte. Fast schon überflüssig zu erwähnen, dass auch hier die USA schuld seien, so Wagenknecht, dazu kommt aber noch, dass sie sich gegen den Parteivorstand stellt und Kontingente fordert.

      http://www.spiegel.de/politik/ausland/fluechtlinge-linke-vorstand-stellt-sich-gegen-sahra-wagenknecht-und-oskar-lafontaine-a-1067502.html

      Im Prinzip ist Wagenknecht die Seehofer des Ostens.

      Grüße,
      Patrick Gensing

  5. „Zur russischen Militäroperation an der Seite des syrischen Machthabers Assad – der Proteste blutig niederschlagen ließ, Giftgas einsetzte und vor dem Hunderttausende Menschen geflohen sind … blubb, blubb, blubb“
    Sie vergessen dabei, dass in Syrien eine ganze Weile auch schön für den Westen gefoltert wurde. Dafür war sein Regime eine ganze Weile gut genug. Ein gewisser Saddam war ja auch eine ganze Zeit lang recht hoch im Westen angesehen, als er noch gegen die schiitischen Ajatollahs vorging. Da störte SEIN Giftgasangriff gegen die kurdische Minderheit ÜBERHAUPT nicht. Leider, Herr Gensing, muss ich ihnen mitteilen, auch IHRE Argumente sind letztendlich nur eurozentrisch. Die Erde ist zu einem Spielball der ersten Welt verkommen und da stört es letztendlich gar nicht, wenn ein paar tausend Afrikaner oder Asiaten ins Gras beißen, solange wir nur unser neustes I-Phone jedes Jahr bekommen. Was nützen unsere hehren humanistischen „Errungenschaften“ solange nur WIR bestimmen, wer hier draußen bleiben muss und für wen unsere Menschenrechte gelten.

  6. Lieber Patrik,

    Du schreibst, daß Frau Wagenknecht Kontingente fordern würde. Ich halte das für eine bedenkliche Verkürzung.
    Liest man, und ich möchte jedem empfehlen das Interview selbst zu lesen und sich nicht mit Drittquellen zu begnügen, das Interview an betreffender Stelle:
    .
    SPIEGEL ONLINE: Wie viele Flüchtlinge kann Deutschland aufnehmen?

    Wagenknecht: Die Aufnahmekapazität hängt natürlich auch von der Politik ab. Wenn Städte und Gemeinden volle Kassen hätten, weil beispielsweise eine Millionärsteuer die öffentlichen Einnahmen erhöht, und wenn wieder sehr viel mehr erschwingliche Wohnungen gebaut würden, gäbe es auch bessere Möglichkeiten, Flüchtlinge zu integrieren. Und der Missbrauch von Flüchtlingen für Lohndumping ließe sich leichter verhindern, wenn der Arbeitsmarkt besser reguliert wäre. Aber klar ist auch: Wir können nicht jedes Jahr eine Million Menschen aufnehmen. Deshalb muss Deutschland viel mehr dafür tun, dass nicht mehr so viele Menschen ihre Heimat verlassen müssen. Die Kriege sind ja die Fluchtursache Nummer eins.

    SPIEGEL ONLINE: Braucht es eine Obergrenze?

    Wagenknecht: Es braucht eine europäische Flüchtlingspolitik. Wenn Kontingente bedeuten, dass auch andere EU-Länder Flüchtlinge in größerer Zahl aufnehmen und wenn damit legale Einwanderungswege geöffnet werden, wären Kontingente auf jeden Fall eine Verbesserung. Im Moment haben Flüchtlinge keine Wahl als illegale Wege nach Europa zu nutzen, die lebensgefährlich sind und bei denen sie sich in die Hände krimineller Schlepper begeben müssen. Das kann nicht so bleiben.
    .
    könnte man auch zu anderen Schlüssen kommen.
    Hier noch ein Link zum Umgang mit Querfrontversuchen: https://linksunten.indymedia.org/de/node/162311
    Ich finde es unfair, den Linken das querfrontige Anwanzen der Rechten vorzuwerfen.

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