Willkommen auf Deutsch: Unaufgeregter Blick auf die Flüchtlingsdebatte

„Ja – das ist hier das noch beschauliche Dorf Appel. (…) Langsam nähern wir uns dem ehemaligen Alten- und Pflegeheim. Diese Gebäude möchte der Landkreis ja für Unterbringung von 53 Asylbewerbern nutzen. – 53 ist ‘n Problem. Glaube nicht, dass die Bevölkerung das so akzeptieren kann und wird.“ Mit diesen Worten von Hartmut Prahm beginnt „Willkommen auf Deutsch“. Prahm ist Sprecher der Bürgerinitiative Appel, einer 415 Einwohner umfassenden Gemeinde im Landkreis Harburg südlich von Hamburg.

Von Volker Schönenberger

In einer Sitzung der Initiative erwähnt Prahm, junge Mütter hätten ihm schon gesagt, dass sie ihre Kinder nicht mehr auf die Straße gehen lassen wollten. „53 Asylbewerber egal welcher Nationalität bringen ein gewisses Potenzial mit, zumal sie letztlich ja auch gewisse menschliche oder männliche Bedürfnisse haben könnten.“ Welche Unterstellung da mitschwingt, bleibt uns überlassen …

Larisa (r.) und ihre Familie hoffen auf Bleiberecht in Deutschland
Larisa (r.) und ihre Familie hoffen auf Bleiberecht in Deutschland

In der ebenfalls im Landkreis Harburg gelegenen Gemeinde Tespe versuchen gleichzeitig weitere Flüchtlinge Fuß zu fassen, darunter die 21-jährige Tschetschenin Larisa. Am 11. Juli 2013 ist sie mit ihrer Mutter und ihren fünf Brüdern in Deutschland angekommen. Die Mutter liegt derzeit im Krankenhaus. Da Larisa volljährig ist, droht ihr gemäß Dubliner Übereinkommen die Trennung von der Familie in Form der Abschiebung nach Polen – dem Land, in dem sie erstmals Boden der Europäischen Union betreten hat. Die Rentnerin Ingeborg Neupert kümmert sich ehrenamtlich um Larisa und ihre Familie, hofft und bangt mir ihr.

Zehn Asylbewerber im Hotel

Der Eigentümer des Hotels „Deutsches Haus“ in Appel erklärt seine Bereitschaft, seine Zimmer zwecks Unterbringung von Asylbewerbern an den Landkreis zu vermieten. Auf diese Weise hofft die Bürgerinitiative, die Zahl von 53 auf zehn senken zu können. Auf einer Bürgerversammlung machen die Einwohner in Anwesenheit von Reiner Kaminski, Bereichsleiter der überlasteten Landkreisverwaltung, ihrem Unmut Luft. 53 Schwarzafrikaner in einer Gemeinde der Größe Appels – das sei nicht sozialverträglich. Wie sich dieser Mangel an Sozialverträglichkeit konkret bemerkbar machen wird, bleibt unerwähnt.

Für die Regisseure Carsten Rau und Hauke Wendler ist der Themenkomplex Asyl, Flucht, Migration kein Neuland: Bereits 2011 haben sie sich in der Doku „Wadim“ damit auseinandergesetzt. In „Willkommen auf Deutsch“ führen sie das Thema auf nüchterne Weise fort von Pegida-Exzessen und Helfer-Willkommensjubel hin zum konkreten Alltag. Das ermöglicht dem, der dazu gewillt ist, einen unverstellten Blick auf die Unterbringung von Asylbewerbern zu richten, auf den Zusammenprall von Ängsten, auf die uns Menschen offenbar innewohnende grundsätzliche Angst vor dem Fremden und den Fremden.

Reiner Kaminski muss in seinem Landkreis viele Immigranten unterbringen
Reiner Kaminski muss in seinem Landkreis viele Immigranten unterbringen

Es sind keine Nazis, die dort agitieren, die Asylbewerber-Unterkunft in Appel zu verhindern, nicht mal schlechte Menschen. Sie werden im Film auch nicht bloßgestellt, lassen sich eben auch nicht so einfach bloßstellen, wie es bei vielen Pegida-Demonstranten und anderen „besorgten Bürgern“ der Fall ist. Die Bandbreite der Besorgnis reicht weiter als von Nazis zu Rassisten. Dennoch entlarvt sich die Besorgnis der Bürgerinitiative als irrational, ihr Versuch, die Ablehnung der Unterkunft rationell zu begründen, führt ins Leere und erweist sich als nicht zu Ende gedacht. Insofern werden nicht die Menschen bloßgestellt, sondern ihre Argumentation. Besser als nichts ist immerhin der Gegenvorschlag, zehn Flüchtlinge aufzunehmen. Nicht jeder besorgte Bürger ist eben Pegida. Die Filmemacher kommentieren die geäußerten Sorgen nicht, sie stellen ihnen aber die Lebenswirklichkeit von Flüchtlingen gegenüber, die auf einen Neuanfang in der Fremde hoffen.

Was geschieht, wenn Asylbewerber unsere Nachbarn werden?

Im Presseheft zum Film äußert sich Regisseur Hauke Wendler, „Willkommen auf Deutsch“ zeige, „was tatsächlich passiert, wenn in der Nachbarschaft Asylbewerber einziehen.“ Er lasse alle beteiligten Seiten zu Wort kommen, „mit ihren Sorgen, Ängsten, aber eben auch Hoffnungen. Es bringt doch nichts, wenn man so tut, als gäbe es hier einen breiten Konsens, der Flüchtlingen und Migranten gegenüber positiv eingestellt ist. Da geht es uns auch darum, die Grautöne in der öffentlichen Debatte herauszuarbeiten und die plumpen populistischen Slogans, die da kursieren, in ihrer Einfachheit bloßzustellen.“

Ko-Regisseur Carsten Rau ergänzt seinen Partner: „Ich glaube, es wäre utopisch davon auszugehen, dass jeder der 82 Millionen Deutschen sich wahnsinnig freut, wenn fremde Kulturen, fremdes Essen und fremde Sprachen in der Nachbarschaft einziehen. Das kann man nicht erwarten. Aber wir möchten eine Kultur haben, in der wir uns erstmal öffnen und sagen ,Lass’ sie erst mal ankommen.’ Das haben die Dreharbeiten zum Film auch ganz klar gezeigt: Da wo Kontakte entstehen zwischen Asylbewerbern und den deutschen Anwohnern, da erledigen sich viele Vorurteile von selbst. Die Probleme entstehen immer da, wo nicht geredet wird. Wir sind so ein reiches, gut organisiertes Land – wir werden doch noch 200.000 Asylbewerber aufnehmen können.“

Sind 53 Asylbewerber zu viel für Appel?
Sind 53 Asylbewerber zu viel für Appel?

Nach einigen Festivalauftritten 2014 und einer kurzen Kinoauswertung ab März 2015 ist „Willkommen auf Deutsch“ mittlerweile ein wenig von den Ereignissen überholt worden. Dennoch ist die Doku auch zum Heimkinostart im Herbst ein wichtiger und unaufgeregter Beitrag zur oft allzu aufgeregt geführten Asyl- und Flüchtlingsdebatte.

Der Film endet mit den Texteinblendungen: „Im Jahr 2014 stellten in Deutschland 200.000 Flüchtlinge einen Asylantrag. Zur selben Zeit waren weltweit 51 Millionen Menschen auf der Flucht.“ Gefolgt von Aufnahmen der porträtierten Asylbewerber nebst Auskunft über die Ungewissheit ihres Daseins …

Länge: 89 Min.
Altersfreigabe: FSK freigegeben ohne Altersbeschränkung
Sprachfassungen: Deutsch (fremdsprachige Orignaltöne deutsch untertitelt)
Untertitel: Englisch
Originaltitel: Willkommen auf Deutsch
D 2014
Regie: Carsten Rau, Hauke Wendler
Drehbuch: Carsten Rau, Hauke Wendler
Zusatzmaterial: Interview mit den Regisseuren Carsten Rau und Hauke Wendler, Kinotrailer, ausgewählte Szenen
Vertrieb: Indigo

Copyright 2015 by Volker Schönenberger
Fotos & Packshot: © 2015 Pier53 (Fotos: Boris Mahlau)