Neonazis in Leipzig-Connewitz: Die Rückkehr der „Frontstadt“

Für den 12. Dezember kündigen Neonazis gleich mehrere Aufmärsche im linksalternativen Leipzig-Connewitz an. Die Szene zeigt sich damit selbstbewusst und kehrt zum alten Konzept der „Frontstadt“ zurück.

Von Felix M. Steiner

Die Zahl an extrem rechten Demonstrationen und artverwandter Randerscheinungen ist in den letzten zwei Jahren auf ein enorm hohes Niveau gestiegen. Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht irgendwo in Deutschland eine Demonstration oder Kundgebung der organisierten extrem rechten Szene oder „besorgter Bürger“ stattfindet. Teils erzielt die organisierte extreme Rechte wieder Mobilisierungserfolge wie schon seit Jahren nicht mehr. So scheint vielerorts die Hemmschwelle gefallen zu sein, sich einschlägigen und offen erkennbaren Neonazi-Demos anzuschließen. Dies gilt vor allem dann, wenn es gegen eine Asylunterkunft geht. Durch den verstärkten Zulauf und gewisse Erfolgserlebnisse ist das Selbstbewusstsein der Szene weiter gestiegen. Auch in Leipzig finden seit Monaten wöchentliche Aufmärsche der „Legida“ statt. Für Samstag haben verschiedene Akteure der extremen Rechten nun gleich drei Demonstrationen im als links-alternativ geltenden Leipzig-Connewitz angemeldet. Die Organisatoren stammen aus Kreisen der Neonazi-Partei „Die Rechte“, der „Offensive für Deutschland“ und der extrem rechten „Thügida“ aus Thüringen. Das eine der letzten Demonstrationen 2015 nun in Connewitz stattfinden soll, ist natürlich kein Zufall. Leipzig gilt als linke Hochburg in Sachsen und auch die sächsischen Sicherheitsbehörden haben in den letzten Monaten die Stadt quasi zum Zentrum des „Linksextremismus“ im Freistaat erklärt. So verortet der sächsische Verfassungsschutz die Hälfte des Personenpotentials der radikalen Linken in Leipzig. Die Leipziger Volkszeitung titelte im Juni gar „Leipzigs Autonome boxen in erster Liga“. Nicht zuletzt dürfte es dieses Image sein, was nun auch die extreme Rechte anzieht, die mit ihren Demos immer auch einen Machtanspruch nach außen vertritt und den sozialen Raum besetzen will. Schon Anfang der 2000er meldete der Neonazi Christian Worch gezielt eine große Zahl von Demonstrationen in „linken Städten“ an. Allen voran Göttingen und Leipzig.

Für Göttingen gab es sogar eine eigene Homepage, Bild: Screenshot
Für Göttingen gab es sogar eine eigene Homepage, Bild: Screenshot

Diese Städte galten in der Szene als „Frontstädte“. Das Konzept erklärte Worch an verschiedenen Stellen, zu Leipzig schrieb er 2006:

Wenn wir immer nur da demonstrieren, wo wir meinen, leichtes Spiel zu haben, wird uns die Antifa im unausgesprochene Bündnis mit Behörden und Polizei immer weiter zurückdrängen. Wenn wir uns aus den Städten mit kritischem Antifa-Potential verdränden lassen, wird die Antifa uns bald auch in die eher ruhigen Städte nachrücken, dann auch in die Kleinstädte, bis hin in die Dörfer. Und wenn wir letztlich, nur um unsere Ruhe zu haben, auf der berühmten „Grünen Wiese“ demonstrieren, werden wir auch dort behördlich-polizeiliche Repressalien erleben; UND wir werden erleben, daß die Antifa uns auch dorthin nachrückt und im Gras nach Steinen buddelt, um uns damit zu bewerfen… (Fehler im Original)

Dass Worch nun offensichtlich zu den Mitorganisatoren der Aufmärsche am kommenden Samstag zählt, ist also mehr als passend. Auch er sprach 2007 rückblickend schon vom „symbolträchtigen Connewitz“.

„Wir wollen kein Stück deutschen Boden diesen linken Perversen geben“

Zwischen 2001 und 2007 veranstalteten Neonazis – allen voran Christian Worch – mehr als 15 Demonstrationen in Leipzig. Erst nach dem massiven Einbruch der Teilnehmerzahlen auf rund 36 Personen und Unstimmigkeiten in der extrem rechten Szene beendete Worch diese „Demonstrations-Kette“. Rückblickend schrieb Worch: „Die Kette der Leipzig-Demonstrationen war der bisher massivste und am längsten andauernde Anti-Repressions-Kampf, den das nationale Lager gegen eine einzige Stadt geführt hat.“

Eben jene Sicht, also Demonstrationen besonders in linken Kiezen durchführen zu wollen, scheint nun wiederzukehren. Schon im Vorfeld wollen die extrem rechten Organisatoren offenbar provozieren. So veröffentlichte die „Offensive für Deutschland“ eine Bilderreihe, die einige ihrer Funktionäre posierend in Connewitz zeigt. Und auch ihren Machtanspruch formulieren die Neonazis bereits im Vorfeld. Der Neonazi und Thügida-Mitorganisator David Köckert aus Thüringen veröffentlichte ein Mobi-Video für Samstag. In diesem blickt er nicht nur auf das vergangene Jahr und die zahlreichen Demonstrationen zurück sondern formulierte auch seinen Anspruch für die Demonstrationen am Samstag:

Wir haben der linken Mischpoke […] gezeigt, dass sie hier nicht den Takt schlagen sondern wir geben an wo demonstriert wird, wir geben an, wann demonstriert wird. […] Wir werden am 12.12 gemeinsam mit unseren Freunden in Sachsen in Leipzig-Connewitz auflaufen: Connewitz steht für linken Terror, Connewitz steht für linke Diktatur. Und ich bitte euch: Wir wollen kein Stück deutschen Boden diesen […] linken Perversen geben.

Köckert formuliert damit – wenn auch etwas weniger versiert als Worch – eben genau jenen Machtanspruch deutlich, den extrem rechte Demonstrationen seit Jahren versuchen umzusetzen: „Die Straße gehört uns“, wie es so oft auf Demonstrationen heißt.

Neonazi-Transparent auf einer Demonstration 2011 in Thüringen, Foto: Kai Budler
Neonazi-Transparent auf einer Demonstration 2011 in Thüringen, Foto: Kai Budler

Zahlreiche Gegenveranstaltungen sind angemeldet

Den Anmeldungen der extrem rechten Szene folgte die Organisation zahlreicher Gegenveranstaltungen. Die Proteste gegen die drei Aufmärsche beginnen mit einer antifaschistischen Auftakt-Demonstration bereits am Freitagabend um 19 Uhr. Für Samstag sind dann zahlreiche Kundgebungen und Demonstrationen gegen die braunen Aufmärsche angemeldet. Eine Übersicht zeigt ab 11 Uhr am Vormittag mindestens acht weitere Veranstaltungen, die sich alle rund um das Aufmarschgebiet der Neonazis reihen. Beobachter der Neonazi-Szene rechnen mit einigen hundert extrem rechten bei den verschiedenen Märschen. Wie viele Gegendemonstranten am Samstag in Leipzig auf der Straße sein werden ist derzeit schwer einzuschätzen. Die Landtagsabgeordnete der Linken Juliane Nagel rechnet mit deutlich über 2.000.


Auch Publikative.org wird ab Freitag über Twitter und Facebook aus Leipzig berichten. Als offiziellen Hashtag nutzen wir #le1212.