Der Dschihad und das Nichts

ISIS-Flagge
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Jürgen Manemann sucht in seinem Buch “Der Dschihad und der Nihilismus des Westens“ nach Erklärungen, warum sich junge Europäer dem “Islamischen Staat“ (IS) anschließen. Hierfür macht Manemann auch den Nihilismus westlicher Gesellschaften verantwortlich. Der Autor plädiert für eine gerechtere Politik, um dem Nihilismus und dem IS entgegenzuwirken.  

Von Stefan Kubon

In seiner Einleitung “Etwas läuft schief“ beschäftigt sich der Politik-Philosoph Jürgen Manemann mit den Biographien einiger europäischer IS-Terroristen. Dabei zeigt sich, dass es nicht die typische Dschihadisten-Biographie gibt. Gleichwohl wird deutlich, dass die Terroristen als Kinder und Jugendliche oftmals ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Häufig handelt es sich um Scheidungskinder, deren Leben von Bindungs- und Orientierungslosigkeit geprägt war. Oftmals sind Frustrations- und Ohnmachtsgefühle nachweisbar. Die Angst, dass man als Erwachsener am unteren Ende der Hackordnung der Gesellschaft landen könnte, spielt eine Rolle. Der Entschluss, sich dem IS anzuschließen, erscheint häufig wie eine Flucht, um der eigenen Bedeutungslosigkeit zu entkommen.

In der Einleitung wird ersichtlich, dass den Autor vor allem die Frage interessiert, welche Defizite der europäischen Gesellschaften dafür verantwortlich sind, dass sich junge Menschen für den IS-Terror begeistern können.

Vier Deutungsmuster dschihadistischer Gewalt

Im ersten Kapitel setzt sich Manemann kritisch mit vier Deutungsmustern (“Diabolisierung“, “Religionisierung“, “Soziologisierung“, “Ethisierung“) auseinander, die in der Debatte über die dschihadistische Gewalt feststellbar sind. Bei der “Diabolisierung“ gelten die Terroristen als das personifizierte Böse, sie werden gewissermaßen als Teufel in Menschengestalt betrachtet. Manemann konstatiert, dass diese Deutung die Funktion erfüllt, die Kräfte gegen den dschihadistischen Terror zu stärken. Zu Recht bemängelt der Autor, dass die “Diabolisierung“ nichts zur Erklärung des Phänomens beiträgt, weil der Terror hier als Urgewalt der Schöpfungsordnung interpretiert wird, der unabhängig von spezifischen sozialen Bedingungen stattfindet.

Auch dem Deutungsmuster der “Religionisierung“ steht Manemann sehr kritisch gegenüber. Anhänger dieser Deutungsvariante neigen dazu, den Islam als die Ursache der dschihadistischen Gewalt zu betrachten. Der Autor weist darauf hin, dass diese Annahme wenig überzeugend ist. Schließlich sei der Islam eine sehr vielfältige Religion, die nur von den wenigsten Gläubigen zur Terrorrechtfertigung verwendet wird. Auch gibt Manemann zu bedenken, dass die “Religionisierung“ des Terrors dazu beiträgt, die Selbststilisierung der Terroristen als “Gotteskrieger“ zu unterstützen. Aus nachvollziehbaren Gründen neigt der Autor zu der These, dass der Islam für die Terroristen vor allem ein Instrument ist, um Macht über andere Menschen zu gewinnen. Da die Terroristen zumeist schon vor ihrer religiösen Radikalisierung destruktive Machtphantasien hatten, wirkt die Behauptung, die Religion sei die Ursache der Gewalt, in der Tat wenig plausibel.

Das Deutungsmuster der “Soziologisierung“ konzentriert sich laut Manemann darauf, die Terroristen als Menschen zu begreifen, die in ihrer Kindheit und Jugend im besonderen Maß von sozialer Benachteiligung betroffen waren. Mangelnde Bildung und materielle Not gelten bei dieser Deutung als wesentliche Ursachen der Gewalt. Manemann möchte auf die “Soziologisierung“ keineswegs verzichten. Gleichwohl moniert er, dass dieser Deutung mitunter eine zu große Plausibilität zugebilligt wird. Manemann erinnert daran, dass es auch Terroristen gibt, die in ihrer Kindheit und Jugend materiellen Wohlstand und Bildung genossen haben.

Beim Deutungsmuster der “Ethisierung“ geht es darum, die Ethik zu verstehen, mit der die Terroristen ihre Handlungen begründen. Der Autor stellt fest, dass es richtig ist, sich mit dem verbrecherischen Moralverständnis der Gewalttäter zu befassen. Allerdings sieht er dabei die Gefahr, den Rechtfertigungen der Täter allzu bereitwillig Glauben zu schenken und sie so in ihren Überzeugungen zu bestärken.

Am Ende des Kapitels resümiert Manemann, dass jedes der vier Deutungsmuster ein Stück Wahrheit enthält. Folgerichtig warnt der Autor davor, bei der Ursachenanalyse nur eines der vier Deutungsmuster zu berücksichtigen. Eine solch einseitige Beschäftigung mit den Terrorursachen berge die Gefahr, die wirklich relevanten Ursachen zu übersehen. Auch verdeutlicht der Autor, dass ihm an einer grundsätzlichen Erweiterung des Erklärungshorizonts gelegen ist.

Dschihadismus als aktiver Nihilismus

Den Hauptteil des Buchs bildet das dritte Kapitel, das den Titel “Dschihadismus als aktiver Nihilismus“ trägt. Obgleich der IS-Dschihadismus für Manemann eine religiöse Variante des Terrorismus ist, deutet er diesen nicht nur als ein religiöses Phänomen. Denn tatsächlich offenbare sich in der besonderen Radikalität dieses Terrorismus ein “aktiver Nihilismus“, den Manemann folgendermaßen definiert: “‘Aktiver Nihilismus‘ bedeutet die Aktivierung der Unfähigkeit, das emphatische Nein zum Nichtsein des Anderen zu sprechen, sogar um den Preis eigenen Nichtseins. Oder anders formuliert: Der Dschihadismus ist die willentliche Neutralisierung der Hemmung, dem Anderen das Recht auf Leben abzusprechen. Der Wille, den Tod des Anderen herbeizuführen, wird zum höchsten Lebenszweck, für den der Täter bereit ist, sein Leben zu opfern. Dschihadismus basiert auf der volitiven Neutralisierung der Empathiefähigkeit.“

Der aktive Nihilismus der Dschihadisten speist sich laut Manemann auch aus den Massenvernichtungen des 20. Jahrhunderts. Insbesondere durch die Verbrechen des Nationalsozialismus sei der Glaube an allgemein verbindliche Werte erschüttert worden. Zudem sei durch die Schandtaten des Kolonialismus der Eindruck verstärkt worden, dass es keine universell gültige Moral gibt.

Für Manemann steht fest, dass die westlichen Gesellschaften der Gegenwart in erheblichem Umfang von Sinn-, Hoffnungs- und Lieblosigkeit geprägt sind. Dieser Nihilismus des Westens sei eine Ursache dafür, dass sich Menschen dem IS anschließen. Denn es könne schwerlich ein Zufall sein, dass die ethische Leere des IS-Terrors den nihilistischen Erfahrungen junger Menschen in Europa gleiche. In diesem Zusammenhang verweist der Autor auch auf Amokläufe an westlichen Schulen.

Todesbereitschaft, Todesfurcht und Hass

Bedenkenswert ist auch, was Manemann zur Todesbereitschaft, Todesfurcht und zum Hass der Terroristen anmerkt: “diese Todesbereitschaft gründet in Todesfurcht. Um ihr zu entgehen, benutzt der Dschihadist den Anderen als Todableiter. Der Tod trifft immer den anderen. Und wenn er den Dschihadisten trifft, dann nur als gemeinsamer Tod, als in den Tod rennende Masse oder als Tod in der Masse. Der in den Tod Rennende braucht sich keine Gedanken zu machen, nehmen ihm doch die anderen das eigene Sterben ab. Zudem wirkt der Hass wie ein Delirium. Über den vor Hass Trunkenen verliert der Tod seine Macht.

Manemann geht davon aus, dass die Todesbereitschaft und Zerstörungswut der IS-Terroristen vor allem ein verzweifelter Versuch ist, der eigenen inneren Leere zu entfliehen. Die religiöse Ideologie fungiert dabei nicht als die eigentliche Triebfeder des mörderischen Treibens. Vielmehr ist die Ideologie ein Mittel, um vom Hass auf sich selbst abzulenken. Bei dieser Argumentation stützt sich Manemann auf die Erkenntnisse des unlängst verstorbenen Psychoanalytikers Arno Gruen (1923-2015).

Manemann beschäftigt sich auch mit der Frage, welche Denkweisen des IS-Terrorismus der faschistischen Ideologie entsprechen. Es wird deutlich, dass insbesondere die Ideologie der Ungleichheit beide antidemokratischen Denkrichtungen verbindet. Allerdings weist der Autor in diesem Kontext richtigerweise auf einen markanten Unterschied zwischen den beiden extremistischen Strömungen hin: Beim Faschismus findet die Entrechtung von Menschen unter ethnischen Gesichtspunkten statt, beim Dschihadismus unter religiösen.

Selbstwertprobleme und innere Leere

Besonders das fünfte Kapitel knüpft an die Thesen des dritten Kapitels an. Unter der Überschrift “Dschihadismus-Anfälligkeit“ wird danach gefragt, welche psychische Verfassung die Gefahr erhöht, dass sich ein Mensch dem IS anschließt. Manemann konstatiert, dass Ängste und persönliche Krisen die Gefahr erhöhen. Zudem seien Personen besonders gefährdet, die unter Identitätsstörungen und Selbstwertproblemen litten. Auch steigere ein Gefühl der inneren Leere die Dschihadismus-Anfälligkeit. Dieses Gefühl der Leere sei besonders problematisch, denn es verhindere die Entstehung von Selbst- und Nächstenliebe, Selbsthass sei die Folge.

Im anschließenden Kapitel “Gegenkräfte“ entwickelt Manemann Konzepte, die der Dschihadismus-Anfälligkeit entgegenwirken sollen. Um die nihilistischen Tendenzen der westlichen Gesellschaften wirkungsvoll bekämpfen zu können, plädiert der Autor für eine “Politik der Anerkennung“. Dabei beruft er sich auf den Philosophen Axel Honneth: “Der Philosoph Axel Honneth hat aufgezeigt, dass wir ohne Anerkennung kein Selbstvertrauen, keine Selbstachtung und keine Selbstschätzung ausbilden können. Eine Politik der Anerkennung befasst sich mit sozio-kulturellen Praktiken, die Anerkennung möglichen (sic!) machen. Dazu gehören zuallererst Liebesbeziehungen. Durch die Erfahrung von Liebe werden Individuen, allen voran Kinder, in ihrer konkreten Bedürfnisnatur anerkannt und in ihrem Selbstverhältnis gestärkt. Liebesbeziehungen sind die Basis dafür, dass wir Abscheu vor Unmenschlichkeit empfinden, dass wir Glück wahrnehmen, das nicht aus dem Unglück anderer hervorgeht, kurz: dass wir in der Lage sind, mitzufühlen und zu verstehen.

Abkehr vom Nihilismus durch eine Politik der Gerechtigkeit

9783837633245_720x720Im siebten Kapitel zeigt Manemann auf, dass eine Politik der Anerkennung nur möglich ist, wenn das Politische als Gerechtigkeitssuche verstanden wird. Da es allerdings in Europa an einem solchen Politikverständnis mangele, habe sich der Nihilismus ausbreiten können. Manemanns Kritik an den ungerechten Zuständen in Europa endet mit der Feststellung, dass Leidempfindlichkeit die Voraussetzung aller Politik ist: “Aber weiß die Europäische Union noch, was ungerecht ist, wenn sie eine Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen (Frontex) ins Leben gerufen hat, um Menschen daran zu hindern, nach Europa zu kommen und ihre Menschenwürde einzuklagen? Der Sinn für Ungerechtigkeit schwindet, wenn Menschen ohne Arbeit ‘Hartz-IV-Häppchen‘ erhalten und die Banken Milliarden. Diese Anfragen zeigen, dass das Politische abhanden zu kommen droht. Aber es gibt gegenstrebige Entwicklungen, und zwar von unten: eine Bewegung für Flüchtlinge. Wenn das Politische zu kennen heißt, zu wissen, was ungerecht ist, dann ist Leidempfindlichkeit die Bedingung aller Politik.

Manemann beendet seine Schrift mit dem Ausblick “Im Angesicht des Feindes“. Der Autor empfiehlt, dass die Gegner des IS nicht den Fehler begehen sollten, mit einem Begriff von Feindschaft zu operieren, der Versöhnung ausschließt. Vielmehr sei es geboten, in jedem IS-Kämpfer auch einen Menschen zu sehen, dem der Ausstieg aus dem Terrorismus gelingen kann. Unabhängig davon sieht Manemann die Notwendigkeit, dem IS-Terror auch militärisch entgegenzutreten.

Fazit

Jürgen Manemanns Buch ergänzt die üblichen Erklärungsmuster zum IS-Phänomen auf sinnvolle Weise. Die psychoanalytisch grundierten Ausführungen zeigen insbesondere auf, dass es in die Irre führt, anzunehmen, der Islam sei eine wesentliche Ursache für den IS-Terror. Die Hauptthese des Buchs lautet: Der IS-Terrorismus junger Europäer ist auch durch ein Sinndefizit erklärbar. Dieser These wird man sich angesichts des Mangels an sozialer Gerechtigkeit in Europa kaum verschließen können. Manemann hat Recht, wenn er fordert, dass Europa mit einer Politik der Gerechtigkeit auf die vermeintliche Attraktivität des IS reagieren sollte.

Jürgen Manemann: Der Dschihad und der Nihilismus des Westens. Warum ziehen junge Europäer in den Krieg?, Transcript Verlag, Bielefeld 2015, 136 Seiten, 14,99 Euro.

7 thoughts on “Der Dschihad und das Nichts

    1. Herr/Frau S,
      Nur weil sie etwas langweilt, heißt es nicht, dass es unwahr/falsch/etc. ist.
      Der von ihnen verlinkte text widerspricht der o.g. darstellung übrigens nicht.
      Eine kurze/kurzblickende analyse ist der artikel allerdings schon. Er bietet nichts konstruktives (wie der name der website schon suggeriert). Wenn sie sich in ihrer meinung bestätigt sehen möchten, ist er sicher das richtige. Mit seinem bildenden und anregenden anspruch kann das essay über manemanns buch da sicher nicht mithalten.
      Lg

  1. Hier hat niemand behauptet die Täter seien nicht verantwortlich für die Taten. Das Täter nicht einfach nur als Kriminelle oder Dämonen sehen, ist ein Verdienst der Moderne, aber wenn sie wünschen, können sie gerne wieder in eine Zeit zurück, wo man in Europa noch Todesurteile vollzog, eben weil die Täter enthumanisiert werden konnten. Jedenfalls werden nur die Gründe für die Taten beleuchtet. Aber wenn sie die Terroristen genug diabolisieren, führt dies sicher dazu, sie unhinterfragt als Bestien zu sehen, damit kann man gut Kriege führen und den Menschen Angst einjagen, weiter nichts. Das heisst keine Ursachenbekämpfung, sondern Symptome bekriegen.
    Und diese kleine „kluge“ Analyse ist reine Polemik. Hat also hier nichts zu suchen. Basta.

  2. …….hierfür macht Manemann auch den Nihilismus westlicher Gesellschaften verantwortlich.

    In Wikipedia ist das Folgende nachzulesen:

    “ Durch die gedankliche Orientierung am Nichts beinhaltet der Nihilismus einen absoluten Vorrang des Individuums, das allein seinen Trieben und Neigungen folgt und dem alles erlaubt ist.“

    Hier kann man nachlesen, wie wesentliche Repräsentanten des „Nihilismus westlicher Gesellschaften“ so agieren:
    http://www.spiegel.de/fotostrecke/zuckerberg-und-seine-vorbilder-welche-superreichen-spenden-fotostrecke-132466.html

    Werde mich künftig bemühen, unten genannte Täter nicht mehr zu enthumanisieren: http://www.deutschlandfunk.de/is-terror-gegen-jesidinnen-frauen-werden-bis-zu-40-mal-am.694.de.html?dram:article_id=337399

  3. Vielen Dank für den Artikel und auch vielen Dank für das Buch, ohne welches es den Artikel wohl nicht gegeben hätte.

    Jetzt kenne ich endlich den Begriff Nihilismus und habe also darüber nachdenken können und mich nicht nur gedankenlos in selbigem geübt.
    Ich frage mich jetzt aber, warum ich nicht gewalttätig bin und was in in ihrem Glauben und den Welterklärungsmustern doch augenscheinlich gefestigten Menschen so vorgeht, wenn sie Drohnen lenken oder auch einfach nur den Befehl dazu geben.

    Ich fürchte, das Gegenteil der Thesen des Buches wäre mit den gleichen Argumenten zu belegen.

  4. Philosophisch gesehen basiert der Nihilismus auf „Verneinung“. Der Nihilismus verneint eine wie auch immer geartete Wirklichkeit, eine Moral und eine angebliche Wahrheit, da sowieso subjektiv.
    Der Nihilismus ist areligioes, da er eine Mystik ablehnt. Da er eine Wirklichkeit negiert, verabschiedet er sich auch aus der aktiven Politik.
    Als politischer Begriff wurde der Nihilismus erst, als der russische Schriftsteller Turgenew ihn in seinem Buch:“Vaeter und Soehne“ (sehr lesenswert) fuer die russischen Anarchisten verwendete, verstanden.
    Eine gewisse Aehnlichkeit, bezueglich zum Nichtglauben, besteht zum Skeptizismus.
    Sie sehen, ganz so einfach kann man mit dem Begriff „Nihilismus“, nicht rumhandtieren. Als philosophische Idee ist er dazu viel zu komplex.

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