Drei Reime auf Böhmermann

Mit „Ich hab Polizei“ hat Jan Böhmermann a.k.a. Pol1z1stens0hn einen formidablen Internet-Hit gelandet. Die Gangster-Rap-Satire lässt sich sowohl als Loblied auf die Staatsgewalt als auch als Kritik an Polizeigewalt lesen, ist am Ende aber vor allem eines: ein billiges Identifikationsangebot.

Von Floris Biskamp

Eines muss man anerkennen: Was Jan Böhmermann da unter dem Pseudonym Pol1z1stens0hn macht, macht er gut – und das in doppelter Hinsicht.

Zum einen bewegen sich der Track „Ich hab Polizei“ und das zugehörige Video auf dem Niveau der Vorbilder von Haftbefehl und Kanye West. Ob das nun Lob oder Kritik ist, sei dahingestellt. Jedenfalls befindet sich Böhmermann auf der Höhe der Zeit, was seinen Track angenehm von den schalen Albernheiten abhebt, die man sonst so als Gangster-Rap-Persiflagen zu sehen bekommt.

Zum anderen ist es Böhmermann wieder einmal gelungen, ein kleines Video ins Internet zu werfen und damit gleich mehrere Wellen der Erregung auszulösen. Erst wurde „Ich hab Polizei“ hunderttausendfach in sozialen Medien geteilt und millionenfach angeklickt, dann wurde es in zahlreichen Artikeln euphorisch gefeiert oder feindselig zerrissen und schließlich erreichte es die iTunes-Top-Ten. Mehr Resonanz kann man sich kaum wünschen.

Dabei wäre es viel zu einfach, Böhmermann als Troll abzutun, dem man keine Aufmerksamkeit widmen sollte. Das Tun eines Trolls zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es keinerlei Mühe kostet, aber allen ernsthaften Diskutant_innen Zeit und Nerven raubt. Böhmermann dagegen hat offenkundig einige Mühe investiert und ein Video produziert, das die Aufmerksamkeit durchaus verdient hat.

Auch wäre es falsch, in dem Video einen bloßen Witz zu sehen, über den man einmal kurz lacht, aber nicht weiter nachdenken muss. Das Video ist durchaus vielschichtig und – ob beabsichtigt oder nicht – gehaltvoll. Es lassen sich verschiedene Reime darauf machen, von denen nun drei folgen.

Der erste Reim: Ein Hoch auf die Polizei

Auf der offensichtlichsten Ebene ist das Video ein schieres Lob der Polizei als Freundin und Helferin. Böhmermann ist mit einer Bande brutaler Schläger konfrontiert, ruft die Polizei und findet sogleich Hilfe. Das gilt nicht nur für ihn, sondern am Ende des Videos auch für andere Bürger_innen. Auf sich allein gestellt, wären die Einzelnen den Banden, ihrer Brutalität und ihrer Willkür hilflos ausgeliefert, doch die öffentliche Gewalt der Polizei ist stärker als die private Gewalt dieser Gangs und bietet so Schutz. Böhmermann sagt es allen Gangstern ins Gesicht: „Polizei ist Dein Feind, Polizei ist mein Helfer!“

Steht Gangster Rap für ein Lob der privatisierten Bandengewalt, nimmt Böhmermann dessen Stilmittel auf, um ein Loblied auf staatliches Gewaltmonopol und Rechtsstaatlichkeit zu singen. So betrachtet spekuliert Juri Sternburg nicht zu Unrecht darüber, dass dieser Track „der Soundtrack für die feuchtfröhlichen Bullenpartys der nahen Zukunft“ sein könnte.

Ob man dieses Loblied nun erfreulich findet oder nicht, hängt davon ab, wie man zu Polizei und Staatlichkeit steht. Ist man etwa liberal oder faschistisch gesonnen, muss man sich eine solche Institution wünschen und kann sich an ihrem Lob erfreuen, hängt man dem Anarchismus an, eher nicht.

Der zweite Reim: Eine Kritik der Polizeigewalt

Freilich ist das in Video und Lyrics gezeichnete Bild der Polizei keinesfalls so glatt, wie es das liberale Ideal einer alle Bürger_innen vor Gewalt schützenden, neutralen Institution vorsieht. Im Gegenteil wird die Polizei in einem Licht dargestellt, das geeignet ist, das liberale Neutralitäts-Ideal in dreifacher Weise als Ideologie zu entlarven.

Erstens funktioniert das ganze Konzept des Videos nur, indem eine Seite der Polizei nach außen gekehrt wird, die im liberalen Ideal verborgen bleibt: Die Polizei tritt als eine Gang unter vielen auf. Die Staatsgewalt ist im Video das, was insbesondere anarchistische Kritiker_innen schon immer in ihr sehen: ein gewalttätiges Kollektiv, das sich gegenüber den anderen gewalttätigen Kollektiven vor allem durch seine überlegenen Gewaltmittel auszeichnet.

Böhmermann beschreibt die Polizei als eine Bande, die aufgrund von Steuergeldern und hohem Organisationsgrad alle anderen Banden plattmachen kann: „Ich hab Polizei: beste Schlägertruppe!“ Dieses Motiv zieht sich durch das Video: Die Polizei ist zahlenmäßig überlegen, hat mehr Kampfhunde und die bessere Ausstattung als alle Gangster zusammen.

Über die Brutalität dieser stärksten Bande werden keine Illusionen geweckt: „Brichst Du Gesetz, bricht Dir Polizei die Beine“, „Polizei hat letztes Jahr sieben Leute abgeknallt“. Dass es sich hierbei um eine Kritik handelt, liegt besonders nahe, wenn der Pol1z1stens0hn reimt: „Pfefferspray in Auge, Arm verdreht, Polizei hat Spaß / Und das allerbeste ist: Polizei darf das!“ Hier wird keine Staatsgewalt beschrieben, die mit minimal invasiver Gewalt Rechtsnormen durchsetzt, sondern ein Kollektiv, das zum Spaß Gewalt ausübt – und all das mit Straflosigkeit, selbst wenn der rechtliche Rahmen überzogen wird: „Polizei macht nur, was Polizei will/Und wenn du dich beschwerst, glauben alle Polizei!“

Zweitens schützt diese eine Gang nicht einfach Menschen, sondern bestimmte Menschen besonders gut: „Ich owne Polizei, denn ich zahl Höchststeuersatz.“ In diesen Zeilen könnte man eine Andeutung materialistischer Staatskritik entdecken: Die Polizei schützt insbesondere die Vermögenden – und selbst wenn sie nach allen Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit das Eigentum aller schützen würde, nützte sie vor allem denjenigen, die ein Eigentum haben, das es zu schützen lohnt. Damit ist die Polizei nicht nur selbst eine gewaltförmige Organisation, sie ist eine Organisation, die die Interessen der Vermögenden schützt und somit soziale Ungleichheit zementiert.

Drittens schließlich erscheint die Polizei nicht nur als eine gewaltförmige Bande, die als Schutzmacht der Vermögenden agiert, sondern auch als eine weiße Bande, die als Schutzmacht gegen nicht ganz so weiße Gangster agiert. Paradigmatisch ist hier der Satz: „Meine Polizei heißt Torsten, Melanie und Thomas.“ Weißere, deutschere Namen wären kaum drin gewesen. Die Bilder derjenigen, die da schützen, sind entsprechend. Dass die Gegenseite, vor der Schutz nötig ist, weniger weiß und deutsch ist, deuten die Bilder bereits an. Bedenkt man, wer die im Video als „Du“ angesprochenen deutschsprachigen Gangster-Rapper sind, ist es umso klarer. Liest man dies günstig, also als Kritik, handelt es sich hier um eine Thematisierung von staatlichem Rassismus.

Von einer Tradition staatskritischen Denkens findet sich im Video freilich keine Spur, nämlich von der feministischen. Für den Gedanken, dass staatliche Gewalt etwas mit spezifisch männlicher Gewalt zu tun haben könnte, ist schon deshalb kein Platz, weil Böhmermann nicht darauf verzichten möchte, Kanye-West-Style mit einer sexy Polizistin auf dem Motorrad loszulegen. Auch dieses Klischee zu verdrehen, wie James Franco und Seth Rogen es getan haben, das ging dann doch nicht mehr.

Trotz dieser sicherlich nicht zufälligen Auslassung kann man das scheinbare Loblied auf die Polizei mit guten Gründen als Kritik lesen: als Kritik an der Polizei als einer weißen Bande, deren brutale und ungesühnte Gewalt die Interessen privilegierter Gruppen schützt und die strukturell rassistisch ist.

So gesehen wären alle Polizist_innen, die den Track feiern, die Dummen, lachen sie doch unwissentlich über einen Witz, der eigentlich auf ihre Kosten geht – und mit eben diesem Verweis werfen viele Kommentator_innen Kritiker_innen wie Sternburg und Staiger Humor- und Ahnungslosigkeit vor.

Vielleicht ist das Video auch genau so gemeint, als Satire, die zugleich Rap-Klischees und die Polizei aufs Korn nimmt.

Der dritte Reim: Ein billiges Angebot zur Identifikation

Zu einer sehr viel ungünstigeren Lesart kommt man dagegen, wenn man sich fragt, warum das Video wohl so erfolgreich ist. Das dürfte sicherlich nicht an der in ihm zu findenden subtilen Kritik von Polizei und Gewalt liegen, sondern an der sehr bequemen Möglichkeit zur Identifikation, die es verschiedenen Gruppen anbietet.

Nehmen wir zunächst einmal die Polizei selbst. Diese wird zwar in mancher Hinsicht kritisiert, jedoch fällt diese Kritik so ironisiert und marginal aus, dass die Freude darüber überwiegen dürfte, endlich einmal in einem ansprechend produzierten Rap-Track als coole, krasse Gang portraitiert zu werden, die alle anderen weghaut und dabei noch die Seite der Guten repräsentiert. Gerade diejenigen Polizist_innen, die gerne einmal etwas härter zulangen, dürften sich kaum davon abgeschreckt fühlen, dass Böhmermanns Polizei, ein wenig über die Stränge schlägt. „Polizei darf das!“

Entsprechend fallen die Reaktionen aus Polizeikreisen bislang sehr positiv aus: Die Kritik wird als Witz hingenommen, die grundsätzliche Ausrichtung als Lob der eigenen Arbeit interpretiert. Natürlich weiß man die mediale Aufmerksamkeit zu nutzen, um gleich die angeblich zunehmende Gewalt gegen Polizist_innen zu beklagen und mehr Mittel einzufordern.

Ähnliches dürfte für Law-and-Order-Fetischist_innen gelten, die sich heimlich schon immer denken, dass die Polizei ruhig mal etwas härter zuschlagen dürfte, weil die bösen Kriminellen und Staatsfeinde „nur diese Sprache verstehen“, so dass rechtliche Grenzen eher lästig sind. Auch die dürften nun fröhlich vor sich hinshouten: „Ich hab Polizei, ich hab, ich hab Polizei!“

Schließlich gilt das Identifikationsangebot all denjenigen Torstens, Melanies und Thomassen, die schon immer glaubten, Distinktion gewinnen zu können, indem sie sich über den Rap der Aykuts, Mohameds und Kanyes lustig machen, den sie als Unkultur des nicht richtig Deutsch sprechenden Pöbels verabscheuen. Die können sich bei Hören des Tracks als die coolen Leute mit der coolen Bande fühlen, die den anderen mal so richtig einheizt. So dürfte „Ich hab Polizei“ nicht nur auf Polizei-Weihnachtsfeiern, sondern auch auf Gymnasial-Klassenfeiern ein Erfolg werden.

Diese massenhafte Identifikation wäre wohl nur um den Preis der Subtilität zu vermeiden gewesen, durch eine Überzeichnung von polizeilichen Gewaltexzessen, von Ungleichheit und von strukturellem Rassismus. Dass darauf verzichtet wurde, ist freilich nur klug von Böhmermann. So können alle möglichen Gruppen das Video feiern und anklicken, den Song bei iTunes kaufen: Polizeikritiker_innen, Polizist_innen, Law-and-Order-Fetischist_innen, Rassist_innen und hochnäsige Gymnasiast_innen.

Gerade weil es sich aber um ein billiges Identifikationsangebot für all diese Gruppen handelt, ist das Videos eines am Ende nicht: Kritik.

35 thoughts on “Drei Reime auf Böhmermann

  1. Wenn ich die ganzen Artikel über Song lese, bekomme ich den Eindruck, der Gymnasiast scheint nun wirklich das verabscheuungswürdigste Subjekt unter allen zu sein…

  2. Meiner Meinung nach eine sehr gute, ausgewogene Analyse – nur den Schluß (dass das Video keine Kritik sei) finde ich etwas kurz gedacht. Denn a) muss Kritik immer offen und eindeutig, darf sie niemals ambivalent und subtil sein?, b) ist an einer Kritik / einem Debattenbeitrag zu kritisieren, dass sie /er eine leichtere Konsumierbarkeit anstrebt, um sichtbar zu sein? sowie c) scheint es mir unpassend, den TV-Anarchisten Böhmermann, der regelmäßig den Spaß am bloßen Verdrehen von Denkweisen feiert ohne sich um die Rezeptionsmöglichkeiten (um Wahrheit, Ausgewogenheit, soziologische oder politische Korrektheit) zu scheren, auf eine stringent-nachhaltige Botschaft zu verpflichten? Der Böhmenmann schmeißt einfach auch gerne mal mit Laugengebäck – und wenn sich jemand aufregt (mit Essen spielt man nicht) – dann eben einfach noch mal mit viermal so viel.

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