Das hässliche Gesicht der APO

Michael Fischer veröffentlicht die bislang beste biographische Skizze zu Horst Mahler. Fischer untersucht, ob die Wendung Mahlers vom Propagandisten und Kämpfer der RAF zum Propagandisten des Neo-Nationalsozialismus möglicherweise gar keine Wendung war, sondern eher als Teilstück einer biographischen und politischen Kontinuität zu verstehen ist.

Von Martin Jander

Die Geschichte der außerparlamentarischen Opposition (APO) der Bundesrepublik gilt bei vielen Sozialwissenschaftlern als eine Geschichte demokratischen Protestes, der Zivilcourage und der Modernisierung des Landes nach der Shoah. Es hat gegen diese Lesart ihrer Geschichte vielfach Einsprüche gegeben. Die gewichtigsten stammen von Autoren wie z. B. Andrei Markovits, Wolfgang Kraushaar und Gerd Koenen. Die Aufzählung ist keineswegs vollständig.

Das neue Buch von Michael Fischer liefert der kritischen Beurteilung der APO reichhaltiges Material. Es ist zunächst deshalb zu loben, da es die erste umfassende biographische Skizze über Horst Mahler ist. Über Ulrike Meinhof, die „Stimme“ der RAF, sind bereits mehrere Bücher geschrieben worden. Auch über Andreas Baader gibt es bereits eine ausführliche Biographie. Über Horst Mahler, der den wesentlichen Anstoß zur Gründung der RAF gab, gibt es bislang viele Skizzen. Niemand hat bislang jedoch versucht, so gut wie alle greifbaren Dokumente von und zu Mahler zusammenzutragen.

Horst Mahler vertrat die NPD in dem Verbotsverfahren (Foto: M. Reisinger)
Horst Mahler vertrat die NPD in dem Verbotsverfahren (Foto: M. Reisinger)

Das Ergebnis von Fischers Recherche ist für kundige Leser nicht überraschend und doch ganz neu. Fischer untersucht, ob die Wendung Mahlers vom Propagandisten und Kämpfer der RAF zum Propagandisten des Neo-Nationalsozialismus möglicherweise gar keine Wendung war, sondern eher als Teilstück einer biographischen und politischen Kontinuität zu verstehen ist. Einige Autoren hatten dies in den letzten Jahren bereits angedeutet.

Nach der Lektüre von Fischers Arbeit ist die Frage eindeutig mit „ja“ zu beantworten. Ob linksterroristisch oder neonationalsozialistisch, in Horst Mahlers Leben ging und geht es wesentlich um eine ganz eigentümliche Bewältigung der deutschen Verbrechen. Es geht um „Bewältigung“ durch Relativierung. Horst Mahler sucht in seinem Handeln und seinen öffentlichen Interventionen das „deutsche Volk“ vom Vorwurf frei zu halten, es sei in großer Mehrheit an der Shoah und dem Versuch beteiligt gewesen, Europa unter deutscher Führung rassisch neu zu ordnen.

Es sind vor allem Anti-Amerikanismus und Antizionismus, die das verbindende Element in Mahlers zahlreichen propagandistischen Pamphleten darstellen. Fischer verwendet in seiner Arbeit den Begriff „struktureller Antisemitismus“ von Thomas Haury.

Verachtung für das Recht

Der studierte Jurist Mahler, der schon als Student das Recht verachtete, es lediglich als Instrument der Politik ansah, gefiel sich vor allem in der Rolle des Anklägers der USA und der Juden, die er zur Zeiten der RAF als die Mächte kennzeichnete, die die Welt imperial zu beherrschen suchten. Als Neo-Nationalsozialist behauptet Mahler durch die angebliche Lüge des Holocaust solle das deutsche Volk moralisch vernichtet werden, einen Seelentod sterben. Der Weg von der RAF zu den Neo-Nazis war für Mahler nicht weit.

Aber, das Buch von Michael Fischer ist leider nur eine biographische Skizze, keine Biographie. Der Autor hat sich vor allem auf das Zusammentragen von Mahler-Dokumenten und Beurteilungen Mahlers durch andere Autoren konzentriert. Viele neue Informationen über Familie, Umfeld, Freunde, Kinder, Mahlers offenen Machismo, seine Zurückweisung jeder Verantwortung für seine Handlungen und seinen Größenwahn, enthält die Studie nicht. Immerhin wird erkennbar, dass Mahlers Initiative zur Gründung der RAF mehr oder minder auf den Wunsch zurückgeht, so bedeutend zu werden wie der 1968 angeschossene Rudi Dutschke. Seine Wende zum Nationalsozialismus wird durch die Publikation eines Gesprächsbandes mit dem Ex-SS-Angehörigen und späteren Chef der „Republikaner“ Schönhuber eingeleitet.

Untersuchung zu Ensslin fehlt noch

Mit der Veröffentlichung der Arbeit Fischers fehlt nun vom Führungsquartett der RAF nur noch eine Person: Gudrun Ensslin. Bislang gibt es zu der auch vom BKA als eigentlichem strategischem Kopf der RAF angesehenen Pastorentocher lediglich Skizzen. Eine Sozialwissenschaftlerin aus Berlin sitzt aber bereits an einer Studie.

Auf die Geschichtsschreibung zur APO wird das Buch von Fischer, ähnlich wie die erwähnten kritischen Studien von Markovits, Kraushaar, Koenen und anderen, erheblichen Einfluss haben. Möglicherweise ist die Arbeit als Zeichen anzusehen, dass die Generation der Nach-68er-Forscher, Fischer ist 1982 geboren, ihren kritischen Blick auf die Geschichte der APO schärft und mit der Selbstbeweihräucherung der Aktivisten bricht.

Mahler als lebendes Beispiel

Insbesondere die Traditionen des Anti-Amerikanismus und Anti-Semitismus als Teil der Schuldabwehr der Tätergenerationen und ihrer Nachfolger, spielen in der APO eine größere Rolle als bislang von vielen ehemaligen Aktivisten und Forschern unterstellt wird. Horst Mahler kann als lebendes Beispiel gelten, Michael Fischer als dessen erster Biograph.

Michael Fischer, Horst Mahler Biographische Studie zu Antisemitismus, Antiamerikanismus und Versuchen deutscher Schuldabwehr, Karlsruhe 2015, Verlag des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) – Scientific Publishing, 529 Seiten, ISBN 978-3-7315-0388-0, 43.- €uro.

Band 9 der Reihe Europäische Ideen und Kulturgeschichte (EuKlId), Herausgeber: Bernd Thum, Hans-Peter Schütt, Institut für Philosophie, Karlsruher Institut für Technologie (KIT)

Siehe auch:Mahler & Rabehl: Gescheiterte Alu-Hüte?, alle Artikel zu Horst Mahler

3 thoughts on “Das hässliche Gesicht der APO

  1. Soll das eine Rezension sein? Wenn ja, dann gründlich verfehlt. Man weiß nach dem Artikelchen ja auch nicht mehr als wenn man eine Verlagsankündigung lesen würde. So ist es dann scheinbar auch einzuordnen, Werbung.

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