Antisemitismus und NS-Vergangenheit in der ostdeutschen Nachkriegsgesellschaft

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs lebte der Antisemitismus in der deutschen Nachkriegsgesellschaft also auch der DDR fort. Der Blick auf die Entwicklung des Antisemitismus und auf den widersprüchlichen Umgang von Staat, Partei und Bevölkerung mit der NS-Vergangenheit im Staatssozialismus beschließt die kleine Rundschau auf den Antisemitismus in Deutschland.

von Raiko Hannemann

Die Frage nach Antisemitismus in der DDR lässt sich nicht pauschal beantworten. Die Antwort muss so widersprüchlich und komplex sein, wie es die DDR als Staat und dynamische Gesellschaft war.

Dabei ist außerdem zu bedenken, dass es in dem seit Mitte der 1990er Jahre erbittert geführten Streit um diese Frage nicht nur um die DDR geht, sondern auch um die (siegreiche) Bundesrepublik und ihre Mythen. Beide Staaten bezogen sich nicht nur permanent aufeinander. Sie waren zugleich deutsche Nachkriegsgesellschaften, deren Bevölkerungen sich zur NS-Vergangenheit zu verhalten hatten. Insofern darf also diese Frage zeitlich und geografisch nicht isoliert betrachtet werden.

Die verschiedenen (post-)nazistischen Generationen, Sozialstrukturen und kulturellen Milieus sind ebenso zu beachten, wie die wichtige Einsicht, dass Berlin, 40. Jahrestag DDR-Gründung, Ehrengästedie Mehrzahl der DDR-Bevölkerung dem durch den einstigen „bolschewistischen Feind“ getragenen „Arbeiter- und Bauernstaat“ lange feindlich gegenüberstand. Davon zu unterscheiden ist indes das von DDR-Eliten als verbindlich postulierte, aber wandelbare antifaschistische Nationalnarrativ. Hinzu kommt die fast ausschließlich israelfeindliche Politik und Medienberichterstattung.

Die spätstalinistische Verfolgungswelle und die jüdischen Gemeinden

Die in der Forschung wohl am wenigsten umstrittene Thematik ist die bis Mitte der 1950er Jahre wütende spätstalinistische Antizionismuskampagne in ganz Osteuropa, die in der DDR mit der Verfolgung Paul Merkers ihren Höhepunkt fand. Der ehemalige SED-Funktionär wurde im Rahmen der damals (in Ost und West) vorherrschenden Agentenhysterie wegen angeblicher „zionistischer Zersetzungs- und Spionagetätigkeit“ verhaftet. Ende 1952 kam es in Prag zum sog. Slánský-Prozess, in dem elf hochrangige, meist jüdische Funktionäre der tschechisch-slowakischen KP in einem antisemitischen Schauprozess zum Tode verurteilt wurden. Ähnliche Schauprozesse, die von antisemitischen Kampagnen gegen so genannte „zionistische Agenten“ begleitet wurden, kündigten sich auch in der DDR an.

ADN-ZB Berlin, 8.5.1949 Einweihung des sowjetischen Ehrenmals in Treptow - zur Delegation der SED gehören Otto Grotewohl (vorn 2.v.r.) und Paul Merker (links daneben). Aufnahme: SNB/Malischew 5050-50
ADN-ZB
Berlin, 8.5.1949
Einweihung des sowjetischen Ehrenmals in Treptow – zur Delegation der SED gehören Otto Grotewohl (vorn 2.v.r.) und Paul Merker (links daneben).
Aufnahme: SNB/Malischew
5050-50

Stalins Tod im März 1953 beendete diese Welle. Merker, der sich in den 1940er-Jahren für eine Unterstützung Israels und der jüdischen NS-Opfer ausgesprochen hatte, wurde dennoch 1955 zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. 1956, im Rahmen der nach Stalins Tod durch Nikita Chruschtschow eingeleiteten so genannten Tauwetter-Periode, wurde er, allerdings ohne Rehabilitierung, wieder aus der Haft entlassen.

Die von Moskau ausgehenden und von der SED-Führung eifrig umgesetzten antisemitischen Verfolgungen bis 1953 betrafen – der nichtjüdische Merker war eine Ausnahme – insbesondere jüdische so genannte Westexilanten (sie überlebten den NS im Exil vor allem in den USA, England, Mexiko), SED-Mitglieder und Funktionäre der jüdischen Gemeinden, was zu einer Fluchtwelle vieler Gemeindemitglieder führte. Neben den Vorsitzenden der Dresdner, Leipziger und Erfurter Gemeinde flüchtete etwa der Kommunist, Shoah-Überlebende, VVN-Mitbegründer und Ost-Berliner Gemeindevorsitzende Julius Meyer 1953 nach West-Berlin, wo ihm sogleich auch die dortigen Behörden, wohl aus antisemitisch-antikommunistischen Vorurteilen, den Status eines politischen Flüchtlings verweigerten, so dass er nach Brasilien auswanderte.

Durch diese frühen Jahre der Verfolgung wurden die ersten vorsichtigen Versuche eines jüdischen Gemeindelebens für die gesamte folgende DDR-Geschichte nachhaltig gestört, die Zahl der Gemeindemitglieder sollte nie wieder 3000 überschreiten. Dabei waren gerade in 1940er-Jahren deutsch-jüdische Exilanten und KZ-Überlebende bewusst in die Sowjetische Besatzungszone (SBZ) und DDR gegangen, weil sie im kommunistischen und betont antifaschistischen Teil Nachkriegsdeutschlands auf einen echten Neuanfang hofften.

Da religiöse Gemeinschaften möglichst in den Partei- oder Staatsapparat integriert sein mussten, unterstanden die Synagogengemeinden dem Verband der jüdischen Gemeinden in der DDR, deren Funktionäre meist SED-Mitglieder waren. Von staatlicher Seite war das so genannte Staatssekretariat für Kirchenfragen zuständig, welches besonders durch den Überlebenden der Konzentrationslager Sachsenhausen und Mauthausen, Hans Seigewasser oder die NS-Widerständler Werner Eggerath und Klaus Gysi geprägt wurde.

Mitte der 1980er-Jahre, im Zuge der sich in Subkulturen auflösenden DDR-Gesellschaft, kam es auf private Initiative hin zu Gründungen kleinerer Gruppen jenseits der Gemeinden, in denen sich junge Menschen zusammenfanden, die sich zum Judentum bekannten, aber häufig weniger religiös geprägt waren. Dies durchaus auch eine demonstrative Abgrenzung zu Staat und Partei, welche die Gemeinden als eine Art internationales Aushängeschild für den „humanitären Charakter“ der DDR zu instrumentalisieren versuchte. Antisemitische Vorurteile mögen bei einigen hohen Parteifunktionären eine Rolle gespielt haben, als man sich Ende der 80er-Jahre – getrieben durch wirtschaftliche Schwierigkeiten – von einem guten Kontakt etwa zum Jüdischen Weltkongress einen begünstigten Zugang zum US-Markt versprach.

Zugleich aber hat es auch in der SED-Mitgliedschaft ein zunehmendes Interesse an jüdischer Geschichte und Kultur in diesen Jahren gegeben, was sich in Wissenschaft, Kunst und Publizistik widerspiegelte.

Der DDR-Antifaschismus in staatlicher Geschichtskultur und familiären „Nischen“

Häufig wird dem staatsoffiziellen Antifaschismus und der damit verbundenen Gedenkkultur der DDR sekundärer Antisemitismus, also Schuldabwehrantisemitismus, vorgeworfen. Auch wenn es nicht den Tatsachen entspricht, dass in der Geschichtspolitik der DDR die Shoah verschwiegen wurde, so spielte der Vernichtungsantisemitismus des NS im Vergleich zu den Narrativen rund um den antifaschistischen Widerstand eine untergeordnete Rolle. Phasenweise wurde die Shoah geradezu vernachlässigt. Zu anderen Zeiten indes, vor allem in den ersten Jahrzehnten der DDR, erhielt die Shoah durchaus, wenn auch auf eigenwillige Weise, immer wieder Aufmerksamkeit, etwa in der Zeit des Eichmann-Prozesses 1961, der die DDR-Medien stark beschäftigte. Auch waren die als „Vernichtungslager“ deutlich benannten von der Roten Armee befreiten Lager Majdanek und Auschwitz feststehende allgemein bekannte Begriffe, welche in der Bundesrepublik bis in die 1960er-Jahre unbekannt blieben und dann nur sehr zögernd ins allgemeine Bewusstsein rückten.

Gerade in der Ära Ulbricht muss man von einem widersprüchlichen Nebeneinander verschiedenster Erinnerungskulturen sprechen. So nutzte bspw. in den 1950er-Jahren die Kasernierte Volkspolizei und später die Nationale Volksarmee, in deren Reihen durchaus Wehrmachtstraditionen fortlebten, das Gelände des ehemaligen KZ Sachsenhausen unsensibel für Schießübungen. Zugleich aber setzten KZ-Überlebende, einige von ihnen in hohen Partei- und Staatsämtern, maßgeblich die Errichtung einer zentralen

Die zynische Torinschrift des KZ-Buchenwald, Foto: Publikative.org
Die zynische Torinschrift des KZ-Buchenwald, Foto: Publikative.org

Gedenkstätte in Sachsenhausen durch. Ähnliches geschah in der für die DDR-Geschichtskultur bedeutenderen KZ-Gedenkstätte Buchenwald. Seit spätestens Mitte der 1950er-Jahre gehörte die Erinnerung an die Opfer des „Hitlerfaschismus“ zum zentralen Kern des nationalen Narrativs. Während etwa in Dachau bei München erst Ende der 1960er-Jahre auf Privatinitiative hin die Idee zur Errichtung einer Gedenkstätte aufkam, war das Gedenken an den „Faschismus“ in der DDR offizielle Staatsräson. Darin lag zugleich aber ein Problem, da der autoritär geführte Staat eine echte Erinnerungsarbeit gar nicht ermöglichte und somit – also alles andere als „totalitär“ – die Erinnerung an den NS den Familiennarrativen überließ.

Zugleich, und das war ebenso ein Problem, verzerrte der DDR-Antifaschismus die NS-Vergangenheit. Denn der staatlich verordnete Antifaschismus war auch ein Versuch, die belastete Bevölkerung mit der DDR zu versöhnen, deren Existenz von der Sowjetunion, also dem einstigen „bolschewistischen Feind“ garantiert wurde. Der Mythos von einer faschistischen Hitler-Clique, die das Volk unterjocht und daher die Kommunisten als dessen Interessensvertreter verfolgt habe, sollte die hohe Zustimmung und Mitwirkung am NS-System vergessen machen. Neben dem weit verbreiteten Antibolschewismus war es ja gerade der Antisemitismus als zentrale Grundlage des NS, der ihn zur Volksbewegung, auch unter der Arbeiter_innenschaft, hatte werden lassen. Es lässt sich mit Sicherheit festhalten, dass die DDR-Führung aus mangelnder (auch theoretischer) Einsicht oder aus pragmatischen Machterhaltungserwägungen eine vermeintliche Einheit zwischen der SED als „Avantgarde der Arbeiter und Bauern“ einerseits und der soeben noch, teils fanatisch gegen den „jüdischen Bolschewismus“ kämpfenden Bevölkerung andererseits herbeiredete.

Abgesehen vom auch in der Partei individuell vorhandenen Antisemitismus war die Geschichtspolitik durchaus auch auf Schuldabwehr ausgerichtet. Wenn es um das Entlasten der Bevölkerung ging, nahm man mitunter auch im „antifaschistischen Staat“ in Kauf, eine „zweite Schuld“ (Giordano), also das Vernachlässigen der Shoah-Erinnerung, aufzuhäufen, um die Legitimität der DDR zu stabilisieren, die ständig für ihre Existenzberechtigung im In- und Ausland stritt.

Dass der Antifaschismus allerdings nicht nur eine „reine“ Propagandalüge war, sondern von seinen Verfechter_innen in Staat und Massenorganisationen durchaus ernst genommen und gerade in der frühen DDR durch die NS-Opfer in den Eliten durchgesetzt wurde, zeigt ein Vergleich der staatlichen Verfolgung von NS-Tätern in BRD und DDR. Zwar war die strafrechtliche Verfolgung auch in der DDR mangelhaft. Im Vergleich zur Bundesrepublik jedoch sorgten die persönlichen Motivationen einiger Akteure innerhalb der Strafverfolgungsbehörden, in denen, anders als in Westdeutschland, durchaus häufig ehemalige NS-Opfer als Richter, Staatsanwälte oder Kriminalbeamte tätig waren, für einen spürbaren Verfolgungsdruck auf NS-Täter. Weithin unbekannt ist, dass DDR-Behörden – durchaus mit Hintergedanken in der deutsch-deutschen Auseinandersetzung – mehrfach bundesdeutschen Behörden Amtshilfe bei der Strafverfolgung anboten, was regelmäßig abgelehnt wurde. (Auf diese Weise konnte man die Bundesrepublik mit ihren unzähligen personellen NS-Kontinuitäten immer wieder in Verlegenheit bringen.)

Institutioneller, staatlich sanktionierter und alltäglicher Antisemitismus

In ihren eindrucksvollen Erinnerungen beschreibt die Berlinerin Salomea Genin, die Verwandte in der Shoah verlor, mit ihrer Mutter und Schwester aber noch in letzter Minute vor dem NS ins australische Exil fliehen konnte und nach dem Krieg als damals überzeugte Kommunistin nach Ost-Berlin zurückkehrte, wie sie im DDR-Alltag der 1970er-Jahre auf eine erschreckende Ahnungslosigkeit hinsichtlich der Shoah traf. Diese trotz oder wegen des allgegenwärtigen Antifaschismus entstandene Stumpfheit meist junger DDR-BürgerInnen veränderte ihre Sicht auf ihre jüdische Identität und die DDR. Auch alltägliche Erfahrungen mit Antisemitismus (auch in der Partei) ließ sie zunehmend an der Glaubwürdigkeit des antifaschistischen Narrativs sowie den atheistischen Verlautbarungen zweifeln.

Umstritten ist, ob die religionsskeptische Grundhaltung der SED, was auch Auswirkungen auf das jüdisch-religiöse Leben zeitigte, als Antisemitismus zu klassifizieren sei; basierte dies doch ideengeschichtlich auf der Marxschen Religionskritik, die der Trierer Aufklärer zur Grundlage jedweder Kritik ausrief. Es ist zu fragen, ob nach den antisemitischen Verfolgungswellen der frühen Jahre Juden und Jüdinnen in der DDR als eine Menschengruppe über das Religiöse hinaus als „jüdisch“ markiert und diskriminiert wurden?

Strukturell diskriminierend waren Regelungen in der individuellen Entschädigung. Die DDR unterstützte NS-Opfer – jedoch ausschließlich DDR-Bürger_innen – mit einer individuellen Pension. Bei der Festlegung der Pensionshöhe wurde unterschieden zwischen so genannten „Opfern des Faschismus“, das heißt ehemals „rassisch Verfolgten“, und so genannten „antifaschistischen Widerstandskämpfern“, denen man aufgrund ihres Wirkens im (organisierten) Widerstand etwas höhere Pensionen zubilligte. Unter die Regelung einer niedrigeren Pensionszahlung für ehemals rassisch und religiös Verfolgte fielen allerdings auch weitere Opfergruppen wie Zeugen Jehovas und Sinti und Roma.

In der Frage der Restitution einstmals „arisierten“ Eigentums lehnten bereits die sowjetischen Besatzungsbehörden eine Rückerstattung ab, was die DDR im Rahmen der allgemeinen ökonomischen Umstrukturierung der Wirtschaft in Richtung auf den „planmäßigen Aufbau des Sozialismus“, der eine endgültige Verstaatlichung industriellen Eigentums oder Kollektivierung der Landwirtschaft vorsah, fortführte. Internationalen Forderungen, insbesondere aus Israel, verweigerte man sich fast bis zum Schluss – abgesehen von halbherzigen Angeboten in den 1980er-Jahren. Im Rahmen des permanenten Zweikampfes mit der BRD verwies die DDR auf die – in der Tat erbrachten – enormen Reparationsleistungen an die von NS-Deutschland massiv zerstörte UdSSR und andere Länder Osteuropas. Häufig fühlten sich die selbst aus Exil oder KZ-Haft kommenden Kader der Staats- und Parteiführung für die NS-Verbrechen nicht verantwortlich. Mangelnde Sensibilität und häufig Unverständnis für die jüdischen NS-Opfer lassen sich bereits bei Auseinandersetzungen in den Opferverbänden seit 1945 erkennen, wobei der zunehmende Einfluss stalinistischer Verfolgungspolitik seit 1948 sich entscheidend bemerkbar machte. Als selbsternannte Vertreter des beziehungsweise dieses Volkes, das man faktenwidrig als von der „Hitler-Clique“ unterdrücktes Volk verstand, kam die DDR-Führung jedoch nicht umhin, sich der Entschädigungsfrage zu stellen, was man jedoch verweigerte.

Dass es in der Bevölkerung keine Stunde Null gegeben hat, spürten die wenigen in der DDR lebenden Juden und Jüdinnen im Alltag – auch in den staatstragenden Massenorganisationen. Den tradierten und verinnerlichten Hass gegen den „jüdischen Bolschewismus“ bekamen selbst nichtjüdische Kommunisten in den frühen Jahren der DDR zu spüren; und erneut mit der aufkommenden Neonaziszene der 1980er Jahre. Insbesondere in den 1950er-Jahren regte sich in der Bevölkerung auch nationalsozialistisch motivierter Widerstand gegen Repräsentant_innen der DDR und der Sowjetunion – dabei ist zu bedenken, dass 1953 etwa der Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, gegen den „jüdischen Bolschewismus“ erst 8 Jahre zurücklag.

Häufig hilflos verhielt sich der Staat bei antisemitischen Straftaten, was am Beispiel der über die gesamte DDR-Zeit vorkommenden Schändungen jüdischer Friedhöfe deutlich wird. Ende der 1980er Jahre wurden Jugendliche, die jüdische Grabsteine in Berlin Prenzlauer Berg antisemitisch beschmierten und beschädigten, wegen „Rowdytum“ demonstrativ hart bestraft. (Antisemitismus konnte es der Staatsdoktrin entsprechend nicht geben; zugleich wusste man, dass sich zunehmend eine deutsch-völkische Neonazi-Jugendsubkultur ganz konkret gegen die „linke DDR“ richtete, deren Repressionsapparate zugleich aber auch gegen linke und andere Jugendsubkulturen vorging.)

Aber auch von staatlicher Seite hat es mitunter brachialen Umgang mit Friedhöfen und übrig gebliebenen Synagogengebäuden gegeben. Beispielhaft dafür waren Pläne in den 1980er-Jahren, eine Umgehungsstraße mitten durch den jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee zu bauen, was nach internationalen Protesten verhindert werden konnte. Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, welche bekanntermaßen unablässig Stimmungsberichte verfassten, registrierten immer wieder rassistische und antisemitische Haltungen in der Bevölkerung. Wirkliche Konsequenzen zog man daraus allerdings nicht. Auch in den hohen Kaderkreisen der Partei oder in staatlichen Institutionen, bis in die Kultur hinein, wurden jüdische Parteifunktionäre oder Kulturschaffende immer wieder mit antisemitischen Aussagen konfrontiert.

So etwa geschehen 1979 auf einer Sitzung der Sektion „Literatur und Sprachpflege“ der Akademie der Künste, als in einer Diskussion über die Bedeutung der Shoah in der antifaschistischen Erinnerungskultur der DDR der Schriftsteller Stephan Hermlin und der Funktionär und Schriftsteller Otto Gotsche heftig aneinander geraten.

Der Literaturwissenschaftler und Funktionär Wilhelm Girnus, der an dieser Diskussion ebenso teilnahm, legte das Dilemma der DDR offen, in dem er sowohl Hermlin, der die Vernachlässigung der Shoah in der DDR-Erinnerungskultur beklagte, als auch Gotsche, der auf dem besonderen Status der „antifaschistischen Widerstandkämpfer“ beharrte, zu versöhnen suchte. Girnus, der u.a. die KZ Sachsenhausen und Flossenbürg überlebte, berichtete von Erlebnissen mit dem späteren Auschwitzer Kommandanten Rudolf Höß, den er in seiner Zeit als Schutzhaftlagerführer in Sachsenhausen erleben musste. Höß habe immer wieder seine Überzeugung kundgetan, dass der „jüdische Bolschewismus“/Marxismus nur ausgerottet werden könne, wenn alle Juden und Jüdinnen vernichtet würden, da diese der Urkeim des Kommunismus seien.

In dieser Begebenheit zeigte sich nicht nur, wie sehr Antisemitismus-Diskussionen mindestens in einer bestimmten SED-Generation eng mit den Auseinandersetzungen um die NS-Vergangenheit verknüpft waren, sondern auch den unlösbaren Widerspruch zwischen staatsoffiziellem ML und den eigenen Verfolgungserfahrungen dieser Generation. Mit dem staatsoffiziellen Antifaschismus brachte man sich selbst in einen unauflöslichen inneren Konflikt, weil man nicht willens oder fähig war, den Vernichtungsantisemitismus des NS adäquat zu analysieren oder gegebenenfalls eigene Zweifel am schiefen Bild des (zugegeben staatlich verordneten) Staatsantifaschismus wirksam einzubringen.

Antizionismus in den DDR-Medien

Da sich die Medien in der DDR ganz bewusst als „parteiisch“ begriffen, Aufgaben des AgitProp zu erfüllen hatten, ist die seit den 1960er-Jahren auffällig aggressive antiisraelische Medienberichterstattung, die regelmäßig analog zu schweren Krisen in Nahost immer neue Höhepunkte erreichte, als eine staatliche Positionierung einzuschätzen. Das seit 1956 bestehende Nichtverhältnis zwischen der DDR und Israel und die zunehmende, von der Block-Logik bestimmte Hinwendung zu arabischen Staaten und PLO seit den 70er-Jahren, wurde durch eine aggressive antizionistische Medienberichterstattungen begleitet. Trauriger Höhepunkt war die

Herzlich begrüßte Erich Honecker im Haus des ZK den PLO-Vorsitzenden, Yasser Arafat, am zweiten Tag seines offiziellen Freundschaftsbesuchs in der DDR im März 1982. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1982-0310-027, Fotograf: Mittelstädt
Herzlich begrüßte Erich Honecker im Haus des ZK den PLO-Vorsitzenden, Yasser Arafat, am zweiten Tag seines offiziellen Freundschaftsbesuchs in der DDR im März 1982. Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1982-0310-027, Fotograf: Mittelstädt

Berichterstattung während des ersten Libanonkrieges 1982, als man die seit den 60er Jahren medial aufkommenden Vergleiche staatlichen Handelns Israels mit NS-Verbrechen auf eine bis dahin ungekannte Spitze trieb. So wurde das Massaker christlich-faschistischer Falange-Milizen an der palästinensischen Bevölkerung in den Beiruter Stadtteilen Sabra und Schatila wahrheitswidrig der israelischen Armee (IDF) angelastet. Der IDF, die diese Stadtteile im Herbst 1982 belagerte und die Milizen gewähren ließ, wurde eine „Endlösung der Palästinafrage“ vorgeworfen. Israel sperre Palästinenser in „KZ“ und töte Frauen und Kinder mit Gas. Diese Berichterstattung muss klar als antisemitisch eingeschätzt werden, da sie die Verbrechen des NS mit dem Fehlverhalten der IDF zu relativieren versuchte. Stimmungsberichte und unveröffentlichte Leserbriefe an die Zeitungsredaktionen bestätigten die Ressentiments aktivierende Wirkung der Berichterstattung in der Bevölkerung.

Überraschende Ähnlichkeiten

Die Entwicklung des Antisemitismus in der DDR-Bevölkerung weist neben wichtigen Unterschieden im Ergebnis zugleich erstaunliche Ähnlichkeiten zu Westdeutschland auf – und dies trotz der unterschiedlichen Staatsordnungen. Aufgrund der relativ starken Abschottung der familiären Erinnerungsnarrative in der „Nische“ konnten antisemitische Weltbilder – trotz beziehungsweise wegen des DDR-Antifaschismus – weitergereicht und tradiert werden; ein Zustand, den die DDR-Führung im Sinne der Herrschaftsstabilisierung letztlich stillschweigend hinnahm, teilweise sogar ausnutze, solange keine Verstöße gegen die Herrschaftsordnung und den offiziellen Sprachkanon vorlagen.

Dafür spricht auch, dass es nach sozialempirischen Erhebungen 1990 ganz ähnliche Ergebnisse hinsichtlich antisemitischer Einstellungen in Ost und West gab. Der starke Antizionismus in den DDR-Medien allerdings mag bei Ostdeutschen eine spezifische Färbung hinterlassen haben, wobei der in der Forschung untersuchte Antizionismus in bundesdeutschen Medien spätestens seit 1967 inhaltlich nicht unähnliche Blüten trieb und auf das kollektive Bewusstsein einwirkte.

Siehe auch:Vereint gegen Israel? Die DDR und der Linksterrorismus,Antisemitismus nach Auschwitz: Aufstand gegen die Moderne,

6 thoughts on “Antisemitismus und NS-Vergangenheit in der ostdeutschen Nachkriegsgesellschaft

  1. der text lässt das individuelle erinnern der ddr bevölkerung an die nazizeit aus. weil sich kein ddr – bürger an die nazizeit und seine persönlichen erinnerungen an „jüdische mitbürger“ und ihr schicksal erinnern konnte, er hätte sich auch an sein schicksal erinnern müssen – all das widersprach der ideologie. der text lässt aus, daß jüdische flüchtlinge, die aus polen, sowjetunion kamen, nicht in ostdeutschland aufgenommen wurden. sie zogen weiter in die dp-lager in der späteren brd.

  2. Soso, https://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Merker#Rehabilitierung

    Da haben wir wohl zwei verschiedene DDRen erlebt. Mir fallen da z.B. Hans und Ilse Rodenberg ein. Wie sollen die denn dem Antisemitismus der DDR „entkommen“ sein, wenn dies doch angeblich der Grund für die Verfolgung Merkers war.

    Daß Juden in der DDR eher unsichtbar waren, triffts wohl eher, was aber auch kein Alleinstellungsmerkmal war, sondern in dem atheistischen Staatsgebilde für die anderen Religionen ebenso galt.

    Das ND als „wissenschaftliche“ Grundlage für Betrachtungen und Deutungen herbeizunehmen, halte ich für gewagt. Für mich hatte das ND, abgesehen eben von Propaganda nur sehr wenig mit der DDR zu tun. Wenn man aber mit der Brechstange aus jeder Art von Kritik am Staat Israel einen Antisemitismus konstruieren möchte, ist halt auch so ein Schmierblatt gerade recht. Ich frag mich blos, warum es der DDR wirtschaftlich so schlecht ging, obwohl im ND doch immer von gigantischen Planübererfüllungen die Rede war.

  3. kleine Korrekturen: zwar ist es richtig, dass im Slansky-Prozess 11 Personen zum Tode verurteilt wurde, angeklagt und verurteilt waren aber insgesamt sogar 14 Personen.

    Die privilegierte Gruppe in der DDR hieß nicht „antifaschistische Widerstandskämpfer“, sondern „Kämpfer gegen den Faschismus“.

    Davon abgesehen: Sehr guter Artikel!

  4. Noch Gedanken dazu:
    Als es damals zu den Grabschändungen kam, ich wohnte nur wenige Kilometer entfernt, war man schockiert. Das schon allein, weil man soetwas in eben dieser DDR nicht für möglich gehalten hätte. Das war ganz gewiss auch ein Grund für den offiziellen „Umgang“ damit, weil ja nicht sein kann, was nicht sein darf.
    Ganz gewiss würde ich nie behaupten, daß es in der DDR keinen Antisemitismus gegeben hätte. Staatlich verordnet war aber wohl das Gegenteil. Antifaschismus war zentralster Punkt des DDR-Katechismus. Für mich (als jemand, der DDR-sozialisiert wurde) schließt das einen Antisemitismus absolut aus. Natürlich habe ich bei dieser Sozialisierung/Indoktrination auch gelernt, daß man besser nicht alles glaubt, was einem da vorgebetet wird. Am Ende ist das sogar der Grund, weshalb ich mich trotz Taufe für einen Atheisten halte.
    Interessant zu den Grabschändungen könnte eine greographische Betrachtung sein, da ganz in der Nähe quasi eine Stasihochburg war.
    Ganz zu Anfang der Achtziger zog unsere Familie (unwissend) von Oberschöneweide nach Hohenschönhausen. Für mich war es erstaunlich, wie rechtslastig dort die Brut der verdienten Tscheckisten des Volkes waren. Das gabs damals im Proletenbezirk Oberschöneweide so nicht.
    Erklären kann ich mir das nur aus einer grundsätzlich oppositionellen Haltung den Eltern gegenüber. Es war erschreckend, wie verlogen es dort bis in die Familien hinein ging.Niemand sah offiziell Westfernsehen – jeder aber heimlich. Das eben sogar innerhalb von Familien.
    Ich fragte mich immer, wie sich solche Leute morgens ohne zu kotzen in die Augen sehen können.
    Bei Altersgenossen konnte ich das Ergebnis direkt sehen. Das war Opponieren als direkte Reaktion auf diesen verlogenen Dreck. Das angeblich „heldenhafte“ haben jedenfalls die Kinder nicht mal ihren direkt beteiligten Eltern abgekauft.
    Meine These ist, daß die Gegenreaktion umso heftiger ausfällt, je extremer der Auslöser ist.

    Dazu fällt mir auch ein „Superbeispiel“ ein. der feine Herr Fleischhauer, welcher mit seiner schweren Kindheit unter Linken nun seinen reaktionären Sabber regelmäßig unters Volk bringen muß.

    Zum wissenschaftlichen Anstrich des Artikels stellt sich mir noch eine Frage: Wenn man meint, eine Zeitung zum Rückschluß über Semitismus oder Antisemitismus hernehmen zu können, würde ich mich fragen, wo ein solches Verfahren anhand der Presse eines anderen Landes eine solche Aussage ermöglichen würde. Ich meine damit die Reproduzierbarkeit des „wissenschaftlichen“ Systems/Maßstabes.

    Und nun noch eine Geschichte aus meinem Leben.
    Ich saß mit einem langjährigen Freund einträchtig schwatzend beim Bier. Plötzlich veränderte er sich und er sagte, mit einem Ton, mit dem ich vielleicht eine Stasimitarbeit oder ansteckende Krankheit verkünden würde, daß er mir etwas sagen müsse. Ich war nun also auf einen dicken Hund gefasst. Was er mir mitteilte war die Tatsache, daß er Jude sei und ich wartete immernoch auf die so groß angekündigte Mitteilung. Also antwortete ich mit: Ja, und nun?
    Damit war das Thema durch und wir fuhren fort mit schwatzen und Biertrinken.
    Oft habe ich darüber nachgedacht. Heute kann ich ihn nicht mehr fragen.

    Für mich wäre es das Gleiche gewesen, wenn er mir gesagt hätte, daß er Fußpilz hätte oder mit Lego spielt. Mich interessieren Konfessionen nicht. Mich stören sie, wenn sie missionieren oder zum Selbstzweck werden. Es möge bitte jeder glauben, was er möchte. Ich halte das für eine sehr private Angelegenheit.

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