Bataclan: Ein antisemitischer Anschlag?

Das Bataclan in Paris (Foto: patrick janicek)
Das Bataclan in Paris (Foto: patrick janicek)

Welche Rolle spielt der Antisemitismus als Motiv für die Anschläge in Paris? Im Netz weisen diverse Seiten darauf hin, dass das Kulturzentrum Bataclan schon länger im Visier von Israelhassern gestanden habe und die Band „Eagles of Death Metal“ wegen ihrer Israel-Solidarität kritisiert worden sei. 

Von Patrick Gensing

Bei dem Anschlag auf das Konzert der Rockband starben die meisten Opfer, erbarmungslos feuerten die islamistischen Attentäter in die Menge. Fast alle Opfer sind junge Pariser, die feiern und tanzen wollten.

Doch das Bataclan ist kein normales kommerzielles Veranstaltungszentrum, sondern auch ein politischer Ort. Das Schweizer Portal Watson weist darauf hin, dass es bereits Drohungen von radikalen Antizionisten gegen das Bataclan gehaben habe – das war allerdings 2007 bzw. 2008. Ein Islamist soll aber zudem 2011 gedroht haben, er plane einen Anschlag auf das Zentrum, weil die Eigentümer Juden seien. Die islamistische Gruppe, zu der dieser Mann gehört haben soll, habe sich wiederum mittlerweile dem „Islamischen Staat“ angeschlossen, berichtete eine französische Zeitung.

„Fuck you, Roger!“

Alles etwas spekulativ, dennoch legen diese Hinweise nahe, dass das Bataclan von den Attentätern aus antisemitischen Motiven als Ziel ausgewählt wurde. Zudem könnte das Konzert der Band „Eagles of Death Metal“ gezielt angegriffen worden sein, weil die Band im Juli in Israel aufgetreten war und die Forderung von BDS-Aktivist Roger Waters, ihr Konzert dort abzusagen, erfrischend eindeutig („Fuck you!“) zurückwiesen hatte.

Konzert-Bericht in der Jerusalem Post im Juli 2015
Konzert-Bericht in der Jerusalem Post im Juli 2015

Es erscheint also absolut möglich, dass die islamistischen Terroristen auch aus antisemitischen Motiven das Bataclan angegriffen haben. Aber: Es handelte sich vor allem um ein Rockkonzert, nicht um eine jüdische Veranstaltung. Selbstverständlich können auch Angriffe, die nicht direkt auf Juden abzielen, antisemitisch motiviert sein. Doch in dem Fall der Pariser Terroranschläge scheint es doch so zu sein, dass die Terroristen vor allem den westlichen Lebensstil angreifen wollten: Feiern, flirten, rauchen, tanzen, trinken. Das haben sie ausdrücklich in ihrem Bekennerschreiben so formuliert – und wenn das antisemitische Motiv ausschlaggebend gewesen wäre, hätte man sich doch sicherlich ein eindeutig jüdisches Ziel ausgesucht.

Auch die anderen Ziele sprechen eher dafür, dass der Antisemitismus zwar bei der Auswahl des Bataclan sicherlich eine Rolle gespielt haben könnte, aber nicht Hauptmotiv war. Wäre der Plan der Terroristen aufgegangen, hätte es die meisten Opfer nämlich im Stade de France gegeben – darunter sicherlich auch zahlreiche deutsche Fußballfans und möglicherweise auch DFB-Funktionäre oder Nationalspieler.

Kampf gegen die Kreuzzügler

Der „Islamische Staat“ arbeitet seine Feindesliste systematisch ab. Darauf stehen ganz oben die arabischen Despoten, die man als erstes beseitigen möchte, um erst einmal eine eigene quasi-staatliche Infrastruktur  aufbauen zu können – siehe Syrien und Irak. Das ist der große Unterschied zu Al Kaida: Der IS besteht aus keiner zellenförmigen Struktur, sondern ist hierarchisch organisiert. Daher erscheint es auch plausibel, dass die Terrorserie von Syrien aus geplant worden war, wie französische Behörden nun sagen.

Neben den arabischen Despoten richtet sich der Kampf des IS derzeit auch gegen Schiiten – beispielsweise gegen die Hisbollah, die jüngst das Ziel des mutmaßlich vom IS verübten Terroranschlags im Libanon war.

Und dann ist dann sind da noch Ungläubige sowie der große Satan: der Westen. Gegen diesen richtete sich die Terrorserie von Paris hauptsächlich, gegen die Kreuzzügler, wie es im Bekennerschreiben heißt.  Erst wenn der IS seine Feindesliste abgearbeitet hat, kommt Israel an die Reihe des „Islamischen Staats“. So sagen auch israelische Experten, vor Netanyahu steht beispielsweise das saudische Königshaus auf der Liste des IS.

In a blessed attack for which Allah facilitated the causes for success, a faithful group of the soldiers of the Caliphate – may Allah dignify it and make it victorious – launched out. It targetted the capital of prostitution and obscenity, the carrier of the banner of the Cross in Europe: Paris.

Youths who divorced the world and went to their enemy seeking to be killed in the cause of Allah, in support of His religion and His Prophet (Allah’s peace and blessings be upon him) and his charges, and to put the nose of His enemies in the ground. So they were honest with Allah, we consider them thusly, and Allah conquered through their hands and cast in the hearts of the Crusaders horror in the middle of their land, where eight brothers wrapped in explosive belts and armed with machine rifles, targeted sites that were accurately chosen in the heart of the capital of France. Including the Stade de France during the match between the Crusader German and French teams where the imbecile of France, Francois Hollande, was present.

They also targeted] the Bataclan Conference Center, where hundreds of apostates had gathered in a profligate prostitution party, and other areas in the 10th and 11th and 18th [arrondissements] and in a coordinated fashion.

(aus dem mutmaßlichen Bekennerschreiben des IS)

Dass die Terroristen das Bataclan möglicherweise auch ausgewählt haben, weil es ohnehin auf der Liste von militanten Antisemiten stand, erscheint durchaus möglich, lässt sich aber keinesfalls mit Sicherheit sagen. Der fanatische Antisemitismus ist immer ein fester Bestandteil der islamistischen Ideologie – doch in der praktischen Strategie des IS ist der Kampf gegen den Westen als Ganzes derzeit wichtiger.

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