9. November: Pegida will „Schuldkomplex“ offiziell beenden

Erklären wir den deutschen Schuldkomplex doch offiziell für beendet, verkündete eine Pegida-Rednerin am 77. Jahrestag der Reichspogromnacht. In Berlin zog derweil ein Bärgida-Aufmarsch an einer Synagoge vorbei, während anderswo antisemitische Schmierereien auftauchten. Pegida & Co sind immerhin so ehrlich, Antisemitismus als kulturelles Erbe des Abendlandes vorzutragen.

Am 77. Jahrestag der Pogromnacht haben Rechtsextreme mit drei Versammlungen im Zentrum Berlins provoziert. Mehrere Orte des Gedenkens in Moabit wurden antisemitisch beschmiert, berichtet die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS). Zudem sei die antifaschistische Demo zur Erinnerung an die Deportation Berliner Juden_Jüdinnen durch Moabit beworfen und mehrfach antisemitisch angefeindet worden.

Wie die Polizei mitteilte, stellte sie morgens am Mahnmal in der Levetzowstraße Schriftzüge fest: „Ausc..it. 1058“ „Ausgelogen witz 1058“ „lernt die Wahrheit lest die Revisionsliste“, „höre die Wahrheit wer immer sie spricht“. Das Mahnmal an der Putlitzbrücke war ebenfalls mit schwarzer Farbe beschmiert: „Gaskammer-Lüge“, „Holohoax – Die Täter sind Zionisten“ „9.11. – false flg“.

Moabit.net informierte darüber, dass auf einem provisorischen Gedenkort an den historischen Gleisanlagen des Deportationsbahnhofs unter der Putlitzbrücke der Initiative „Sie waren Nachbarn“ in der Ellen-EpsteinStraße „Alles Lüge!“ aufgetragen wurde.

Das Stadtteilzentrum Marzahn-Mitte und zwei weiteren Einrichtungen in Marzahn, die z.T. in der Flüchtlingshilfe aktiv sind, wurden in der Nacht vom 9./10. November mit antisemitischen Schmierereien beschädigt. Auf eine Scheibe wurde mit silberner Farbe groß ein „J.“ und ein Davidstern aufgemalt.

Zudem wurden drei Veranstaltungen aus unterschiedlichen rechtsextremen Spektren in den Bezirken Mitte und Pankow durchgeführt. Die Mahnwache der „Staatenlos“-Reichsbürger fand dieses mit etwa 20 Teilnehmenden unmittelbar vor dem Bundestagsgebäude Paul-Löbe-Haus statt. Wie schon in jüngster Vergangenheit nutzte auch die NPD den Tag, um in den Abendstunden, nur wenige 100 Meter vom „Mahnmal für die Ermordeten Juden Europas“ entfernt, ihre rechtsextremen Deutungen zum 9. November vorzutragen.

Bärgida vor Synagoge

Der „48 Abendspaziergang“ von BÄRGIDA führte vom Alexanderplatz zum S-Bahnhof Prenzlauer Allee in Pankow. Auf dem Weg dorthin zog der Aufmarsch mit seinen 120 Teilnehmenden samt Reichsfahnen und Reichskriegsflaggen an der Synagoge Rykestraße vorbei, welche 74 Jahre zuvor geplündert und geschändet worden war. Noch am Hauptbahnhof in Mitte hatte ein Redner die Bundesregierung als „Brunnenvergifter“ bezeichnet, auf dem zur Synagoge wurde „Nationaler Sozialismus jetzt!“ skandiert.

Küchenpsychologie bei "Pegida": "Seid ihr bereit loszulassen?", fragt Tatjana Fresterling. "Dann erklären wir doch den deutschen Schuldkomplex offiziell für beendet." Es folgt Jubel.
Küchenpsychologie bei „Pegida“: „Seid ihr bereit loszulassen?“, fragt Tatjana Fresterling. „Dann erklären wir doch den deutschen Schuldkomplex offiziell für beendet.“ Es folgt Jubel.

In Dresden versammelten sich am Montagabend zudem erneut Tausende Menschen bei Pegida. Die Bewegung forderte am 77. Jahrestag der Reichspogromnacht „Schluss mit dem Schuldkomplex“. Pegida-Rednerin Festerling versuchte sich in Küchenpsychologie und schlug vor, loszulassen – von Vergangenheit und Schuldkomplex, so wie von einer schlechten Angewohnheit.

Ganz loslassen von der Vergangenheit kann man bei Pegida aber nicht: Die Menge skandierte „Lügenpresse“, Festerling warf politischen Gegnern Nazi-Methoden vor.

„Aggressivität des hässlichen Deutschen“

Zu den Vorfällen erklärte der Grüne-Bundestagsabgeordnete Volker Beck, die „Massivität antisemitischer Taten am Tag des Gedenkens an die Reichspogromnacht schockiert mich und deutet auf eine neue Qualität hin. Diese Aggressivität dieser ‚hässlichen Deutschen‘, sobald sich in der Öffentlichkeit Juden zu erkennen geben oder toter Juden erinnert wird, muss uns alle wachrütteln. Jede einzelne Tat ist ein konkreter Angriff auf Menschen und unsere Demokratie.“

4 thoughts on “9. November: Pegida will „Schuldkomplex“ offiziell beenden

  1. Wurde auch Zeit. Wir müssen nach vorne schauen und die Vergangenheit darf uns nicht davon abhalten Entscheidungen zu treffen.

  2. Finde ich mal wieder relativ entlarvend, wie so alles, was von den Vor“denkern“ dieses Weltbildes kommt: Hitler ist 70 Jahre her, langsam wirds Zeit, dass wir mal wieder ohne schlechtes Gewissen menschenfeindlich sein dürfen.

    Im Grunde widerlegt sich der Satz mit seinem Ausspruch selbst – grade eine Tatjana Festerling sollte sich vielleicht noch mal ganz intensiv mit dem dritten Reich, Hitler und den gesellschaftlichen Stimmungen damals beschäftigen – gern auch vor 1933.

    Aber das sind natürlich Perlen vor die Säue, denn mir ist natürlich klar, dass es Tatjana Festerling nicht etwa daran mangelt, sich genug mit Hitler beschäftigt zu haben und ihre Ideologie nur auf „Unwissen“ beruht – im Gegenteil, sie verfolgt dieses menschenfeindliche Weltbild nicht etwa weil sie nichts vom dritten Reich weiß, sondern OBWOHL sie davon weiß. Das belegt ja auch widerliche Datumswahl dieser Rede, der 9. November.

    Wie heißt es so schön: Sowas kommt von sowas…

Comments are closed.